Fliegertruppe, der er bis zum Ende des Weltkrieges angehörte. Er erhielt das E. K. 1 und II sowie das Flieger-Beobachter-Abzeichen. Im Verbände der Garde-Kaoallerie-Schützendivisio« nahm er an der Niederwerfung des Spartakistenaufstandes und sodann wiederum als Flieger im Grenzschutz Ost an den Kämpfen gegen die polnischen Insurgenten in Oberschlesien teil. Bei der Befreiung des Ballikunts von den Bolschewisten gehörte er der Fliegerabtei- luna der Eisernen Division an. Nach seinem Ausscheiden aus dem Waffendienst bekleidete Kraus bis 1929 leitende Stellungen in der Industrie und im Luftverkehr. Später mar er als freier Sachverständiger für Kraftfahrwesen in München und Stuttgart
tätig. Schon 1923 bekannte sich Kraus zum Nationalsozialismus. Er nahm am Aufbau der Motor- SA. und des NSKK. in München und Stuttgart entscheidenden Anteil und war von 1930 bis 1933 Führer der Gruppenstaffel Südwest und Chef des Amtes Technik des NSKK. Ende 1933 berief ihn der verstorbene Reichsleiter Hühnlein zur Durchführung umfassender organisatorischer Aufgaben in die Korpsführung nach München und ernannte ihn gleichzeitig zum Kraftsahr-Inspekteur Süd. 1935 wurde er Inspekteur für technische Ausbildung und Geräte des NSKK. Korpsführer Kraus ist Inhaber des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP, und MdR.
Aus der Zitadelle von Bir Hacheim.
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Durch die. Eroberung dieses Forts wurde die britische Verteidigungsstellung in Nordafrika schwer schüttert und der Siegeszug der deutschen und italienischen Truppen noch Tobruk eröffnet.
, (PK.-Aufnahme: Kriegsberichter Zwilling. sSch.j)
Abschluß des europäischen Ägendlreffens.
In Weimar fand au( dem Fürstenplatz das Treffen der europäischen fugend mit einer öffentlichen Kundgebung seirien Abschluß. Nach einer Ehrung der im gemeinsamen Kampf um - Bestand. und Zukunft Europas Gefallenen durch den Reichsjugendführer und die Jugendabordnung aus »14 Nationen erklärte Reichsleiter v. Schirach, dieser Krieg werde nicht um territoriale Ansprüche geführt, er sei die Auseinandersetzung zwischen den Mächten, die eine neue soziale Ordnung wollen, und denen, die das plutokratische Prinzip der Ungerechtigkeit und damit der Bevorrechtung des Reichtums verewigen wollten. Deutschland habe keiner Nation dieser Erde etwas zuleide getan. Es habe nur seinem eigenen Volk das Glück einer klassenlosen Kameradschaft aller Menschen seines Blutes und seiner Sprache und damit die Voraussetzung einer höheren Entwicklung bescheren wollen. Ihm sei es nicht um fremde Länder, sondern nur um die eigenen Meirichen gegangen. Wenn Frankreich, England und Amerika den aufsteigenden Völkern den Krieg erklärt hätten, so habe das keinen anderen Sinn als den, die Mächte einer neuen sozialen Ordnung zu treffen. Der Reichsleiter schloß mit den Worten: „Jugend Europas, die Entscheidung, vor der du stehst, ist einfach: sie heißt soziale oder kapitalistische Ordnung der Welt. Durch die Schlachten dieses Krieges marschiert das junge Europa von Sieg zu Sieg.'Am Ende hes Krieges aber steht der Triumph einer Generation, die im Bewußtsein ihrer kulturellen Mission jederzeit bereit war, ihre Pflicht zu . tun."
Frankreich und das neue Europa.
Eine Rundfunkrede Lavals.
Dfchy, 23. Juni. (DNB.) Der französische Regierungschef Laval hielt eine Rundfunkansprache. Er er Härte, Frankreich habe unrecht daran getan, im Jahre 1918 keinen vernünftigen Frieden mit
Deutschland abzuschließen. Ein ebenso großes Unrecht sei es aber gewesen» im Jahre 1939 Krieg gegen Deutschland zu führen. Frankreich müsse jetzt die Folgen tragen. Er habe aber den festen Willen, vertrauensvolle Beziehungen zu Deutschland und Italien aufzubauen. Deutschland kämpfe jetzt im Osten für ganz Europa, ünd Frankreichs Aufgabe müsse es sein, nicht pur den Sieg Deutschlands zu wünschen, sondern in den Fabriken und auf den Feldern Deutschland bet diesem Kampfe zu unterstützen. Laval richtete einen Appell an die französischen Arbeiter, m Deutschland zu arbeiten, da sie durch ihre Arbeit in Deutschland auch dazu beitragen würden, die Befreiung der französischen Kriegsgefangenen in Deutschland rascher herbeizuführen. Frankreich könne nicht gleichgültig den ungeheuren Opfern zuschauen, die Deutschland bringe, um ein neues Europa zu schaffen. Was heute vor sich gehe, sei eine Revolution, aus der eine neue Welt Entstehen solle. Die Arbeiter hätten von dem neuen Regime, das in Frankreich entstehen wird, nichts zu fürchten, aber alles zu erhoffen. Ueberall in Europa werde der Sozialismus entstehen. Aus den Abgründen des Unglücks könne inan sich nur erheben, indem man den Weg des Mutes beschreitet.
Litwinow klagt über unzureichende Lieferungen.
Lissabon, 23. Juni. (Europapreß.) Daß trotz aller gegenseitigen Versicherungen die Lieferungen von Kriegsmaterial an die Bolschewisten bei weitem nicht der gewünschten Höhe entsprechen, beweist eine Ansprache des Sowjetbotschafters Litwin o w - F i n ke l st e i n bei einer Neuyorker Veranstaltung, der man den vielversprechenden Titel „Sowjetkriegshilfe" gegeben hatte. Litwinow-Fin- kelstein führte bewegte Klage darüber, daß die so viel erörterte zweite Front immer noch nicht errichtet sei. Durch diese zweite Front hätten den
Heinrich Seidel.
Zum 100. Geburtstage des Dichters.
In Ina Seidels Lebensbericht „Meine Kindheit und Jugend" findet sich ein reizendes, sonst wenig bekanntes Bild der 21jährigen aus dem Jahre 1906: sie sitzt da im Sommerkleid lachend puf einer Bank im Garten neben einem ooübärtigen, stattlichen alten Herrn, ihrem Onkel und Schwiegervater Heinrich Seidel, der wenige Monate später, am 7. November, in Groß-Lichterfelde bei Berlin für immer die Augen schloß. Vor 100 Jahren, am 25. Juni 1842, wurde er in Perlin in Mecklenburg als Sohn eines Pfarrers geboren. Seine Lebensgeschichte hat er in dem Buche „Von Perlin nach Berlin" selbst erzählt; er kam von Her Technik zur Dichtung, hatte in Güstrow gelernt, lebte seit 1866 in Berlin, wo er als Oberingenieur in einer großen Maschinenfabrik arbeitete, und wandte sich 1880 ganz der Literatur zu. Er war aber, wie er gelegentlich bemerkte, „jedenfalls nicht wegen verfehlten Berufes unter die Schriftsteller gegangen": die imposante Eisenkonstruktion der Halle des Anhalter Bahnhofs in Berlin ist fein Werk.
Heinrich Seidel begann als Lyriker („Glockenspiel", „Neues Glockenspiel") in den achtziger Jahren/ hat aber das Beste, ihm Eigentümliche und ihn Ueberlebenbe in seinen Erzählungen gegeben. Menschenkenntnis und Phantasie, Humor und Wirklichkeitssinn, ein starkes Heimatgefühl und ein un- versieglicher Optimismus sind die bewegenden Lebensmächte seiner Geschichten und Gestalten; nicht zu vergessen jene wohl spezifisch deutsche Andacht zum Kleinen und Geringen, die Freude am Idyllischen, am Unscheinbaren und leicht Uebersehenen. Er hak es einmal so ausgedrückt. „Ich habe von jeher einen ausgesprochenen Sinn für das Dürftige gehabt und vermag mich wohl zu erfreuen an dem schimmernden Spiele der Wolken, dem Summen der Bienen, dem Flattern der kleinen blduen Schmetterlinge und dem einsamen Ruf eines Vogels."
Damit ist schon angedeutet, daß er, der viele Jahre in der Großstadt lebte, nie die vertraute Beziehung zur Natur verloren hat, die sich ihm in den Wäldern und Seen seiner mecklenburgischen Heimat beglückend offenbarte. Diese Landschaft ist der paradiesische Schauplatz der großen Erzählung „Reinhold Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande", einer der herrlichsten Jungensgeschichten,
die es überhaupt gibt, und die es wahrhaftig verdiente, auch außerhalb der mecklenburgischen oder jedenfalls norddeutschen Grenzen gelesen zu werden. An ihrer echten Jugendlichkeit, ihrer Aben- teuerfreube und ihrem großartigen Humor werden übrigens, wie wir glauben, auch sehr erwachsene Leser ihr ungetrübtes Wohlgefallen haben; es ist eine wunderbare Lektüre für warme Sommer- und Ferientage.
Immerhin bekannter als die mancherlei aus lebendiger Kindheitserinnerung geformten Menschen dieser Geschichte wurde eine andere Gestalt Seidels, die eigentliche Verkörperung seiner das Dasein gütig und freudig bejahenden Weltansicht: das ist Leberecht Hühnchen. In der Selbstbiographie „Von Perlin nach Berlin" heißt es: „Karl Hohn ist das Urbild zu meinem Leberecht Hühnchen, und wir haben uns in Hannover einmal fast genau so, wie es in der kleinen Erzählung geschildert wird, für 30 Pfennige einen fidelen Abend gemacht. Er war ein Küfterssohn aus Mecklenburg und hatte sich in Lüneburg, wo er vorher das Gymnasium besuchte, aufs äußerste durchgeschlagen, ohne jemals den guten Mut zu verlieren. Auch hier in Hannover war sein Wechsel sehr gering. Aber immer ging etwas wie Sonnenschein von ihm aus, und er wußte allem eine heitere Seite abzugewinnen. Er beschäftigte sich damals in seinen Mußestunden mit der Erfindung von allerlei Menschen für besondere Zwecke, die er sorgfältig aufzeichnete. Ich erinnere mich noch an den Kampfmenschen UHd an den Reise- menschen, die beide mit einer Unzahl zweckmäßiger Erfindungen ausgeftattet waren.-Auch stammt von ihm aus jener Zeit die Erfindung des berühmten eisernen Ofens, der aufgezogen wird, in der Stube auf Gummischuhen so lange herumläuft, bis er röarm ist, und sich dann in die Ecke stellt und heizt." Dieser Hohn gratulierte viele Jahre später, als Oberingenieur in einer holländischen Maschinenfabrik, seinem Jugendfreunde Seidel zum 60. Geburtstage mit einem Briefe, in dem es- heißt: „Siehst dü, weil du doch nun Geburtstag hast, will ich mir heute auch eine besondere Güte antun. Da gehe ich zu dem Laden der Witwe N., die das schöne Räucherzeug hat, stell mich vor die Auslage, such mir den dicksten Spickaal aus, und den verschling ich mit den Blicken. Und dann stelle; ich mir vor, was die N. für Augen machen wird, wenn sie ihren schönen Spickaal auf einmal alle werden sieht
52 weitere Verteidigungsanlagen an der Festungssront von Sewastopol genommen.
Oer Wehrmachtbericht.
DRV. Aus dem Führerhauptquartier, 23. Juni. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
3 m nördlichen Festungsgeblet von Sewastopol sind die auf der äußersten Landzunge nördlich der Sewernaja-Vucht noch haltenden Reste des Feindes eingeschlossen. An der übrigen Festungssront wurden in schweren Linzelkämpfen unter schwierigsten Geländeverhältnissen zahlreiche Vunker niedergekämpft und weitere Verteidigungsanlagen genommen. Starke kampf- sliegerkräste unterstühten die Angriffe und bombardierten feindliche Reserven und Munitionslager.
An der Rordküste des Asowschen IJlee- res wurde ein örtlicher Landungsversuch der Sowjets abgewiesen. Die im Waldgebiet nordostwärts Charkow noch befindlichen Reste der zerschlagenen sowjetischen Division wurden vernichtet. 6 6 0 Tote wurden gezählt, 946 Gefangene und 20 Geschütze eingebracht.
3m mittleren Abschnitt der Ostfront geringe Kampftätigkeit.
An der Wolchow-Front hatte der Feind in erbitterten wechselvollen Waldkämpfen schwere Verluste.
Die Sowjetluftwafse verlor am gestrigen Tage 100 Flugzeuge. Fünf eigene Flugzeuge werden vermißt.
3n Rordafrika haben die vordersten Teile deutscher und italienischer Divisionen die libysch- ägyptische Grenze erreicht. Bei der Einnahme des Hafens von Tobruk versenkten Verbände des Heeres ein Kanonenboot und sechs kleinere Transportdampfer mit zusammen 5200 BRT., die mit britischen Truppen zu fliehen versuchten. Die an Bord befindlichen Soldaten wurden gefangengenommen.
Die Festung Sewastopol mit den Forts im Nordteil sowie dem äußeren und inneren Befestigungsgürtel. (Scherl-Bilderdienst. sOKW.j)
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Auf 2H aU a bekämpften deutsche und italienische Kampfflugzeuge die Anlagen des Flugplatzes Luca mit Bomben schweren Kalibers.
Die Stadt Emden wurde in der letzten Rächt erneut von britischen Bombern angegriffen. Die Zivil» bevölkerung hatte geringe Verluste. Zahlreiche Gebäude in Wohnvierteln wurden getroffen. Vier der angreifenden Flugzeuge wurden abgeschossen.
3n den schweren Winterschlachten an der Ostfront haben Luftwaffenbataillone im Erdkampf Flugplätze und auch besonders bedrohte Frontabschnitte tapfer verteidigt. 2Rtt Verbänden des Heeres sind diese Einheiten jetzt an anderen Operationen hervorragend beteiligt. 3n diesen Kämpfen in unwegsamem Gelände zeichnete sich die Division von THcinbt besonders aus.
Leutnant Ley kauf, Flugzeugführer in einem 3agdgeschwader, hat an der Ostfront in einer Rächt sechs feindliche Transportflug, zeuge abgefchossen.
Deutschen sicherlich schwere, wenn nicht ‘gar entscheidende Niederlagen beigebracht werden können. Die Kriegsmateriallieferungen aus den Vereinigten Staaten und England würden wohl in der Sowjetunion geschätzt, so sagte Finkelstein, aber sie'reich- t e n bei weitem nicht aus, um die hohen Materialverluste zu ergänzen.
Japanisches U-Boot an der Küste von Oregon.
Tokio, 23. Juni/ (DNB.) Das japanische U-Boot, das die militärischen Anlagen der Insel Vancouver beschossen hatte, nahm auch militärische Ziele in der Gegend von Port Brown und West-Port an der Mündung des Columbia- River im Staate Oregon (USA.) nördlich des 46. Breitengrades, unter Feuer. Die neue Beschießung erfolgte in der Nacht zum 22. Juni in zwei Angriffen. Wichtige militärische Anlagen wurden zerstört.
Zu dem Angriff au'fdieJnsel Vancouver erklärte nach einer Europapreß-Meldung aus Lissabon der kanadische Verteidigungsminister R a l st o n in Ottawa, das U-Boot habe 40 Minuten lang vor der Nordspitze der Insel gelegen und min- destens30Schüfse gegen Lündziele abgefeuert. Es sei nicht möglich gewesen, das japanische U-Boot zum Verlassen der Küste zu zwingen. Flugzeuge der kanadischen Luftwaffe seien zwar entsandt worden, doch kamen ste viel zu spät, um gegen das japanische Unterseeboot noch etwas ausrichten gir können.
Kleine politische Nachrichten.
Unter dem Vorsitz von Staatssekretär Backe fand eine 1, Arbeitstagung der Chefs der deutschen landwirtschaftlichen Verwaltungen der im deutschen Machtbereich liegenden außerdeutschen Länder statt. Ihre Berichte ergaben ein eindrucksvolles Bild von der Produktionsumstellung und Intensivierung der
Landwirtschaft in allen Gebieten, um die Nahrungs* sreiheit Europas zu erringen.
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In Berlin versammelte Reichsverkeyrsminister Dr. Dorpmüller die Präsidenten der Generalbe» triebsleitungen und Reichsbahndirektionen zu einer Arbeitstagung. Der Minister und Staatssekretär Dr. Ganzenmüller gaben einen Ueberblitf über die Maßnahmen, um den Transportmittelumlauf zu beschleunigen.
Durch Erlaß des Oberbefehlshabers der Kriegs» ryarine ist für die M a r i n e a r t i 11 e r i e ein Kriegsabzeichen gestiftet worden: Ein am Strande aufgestelltes Geschütz mit Schutzschild, das von einem ovalen Eichenlaubkranz mit Hoheitsabzeichen umgeben ist.
Der Chef des japanischen Admiralstabes sprach in der deutschen und in der italienischen Botschaft vor, um die Glückwünsche zu den (Siegen im Mittelmeer und zur Eroberung von Tobruk auszu- sprechen.
Aus dem Reich.
Tätige Reue bei Vergehen gegen den Lohnstop. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz hat die Reichstreuhänder der Arbeit angewiesen, dann keine Ordnungsstrafe zu verhängen, wenn ein Betriebssichrer, der vor dem 30.6.1942 entgegen aeltenben Vorschriften die LöhnL oder Ge» hälter erhöht ober sonstige Zuwendungen ausgeschüttet hat, vor einer Anzeige oder einer eingeleiteten Untersuchung und ohne unmittelbare Ges<chr der Entdeckung diese Erhöhungen dem Reichstreuhänder der Arbeit bis spätestens 15.8.1942 mitteilt oder von sich.aus die erhöhten Entgelte oder sonstigen Zuwendungen bis zu diesem Tage wieder
Trotz diesem Modell wird man nicht fehlgehen, wenn man in Leberecht Hühnchen ebenso viele persönliche Wesenszüge seines Schöpfers findet. Hühnchen hat das „Genie zum Glück", zum stillen Genießen, zur ruhigen Zufriedenheit, er ist der Lebenskünstler, der aus dem Unscheinbarsten etwas zu machen weiß. Es scheint uns nicht das Schlechteste zu sein, was man einem Dichter nachsagen kann: daß eine seiner Gestalten geradezu, wie Leberecht Hühnchen, zu einem menschlichen Gattungsbegriff, zum Repräsentanten eines glücklichen Lebensgefühls geworden ist. Wenn Seidels dichterische Lebensleistung je über den mecklenburgischen und norddeutschen Raum seiner Herkunft und seines späteren Wirkens hinausgedrungest ist, dann ist sie es mit den Geschichten von Leberecht Hühnchen, die wohl jedem, der ihnen einmal begegnete, unvergeßlich sind: so die klassische Schilderung jenes mit B dreißig Pfennigen bestrittenen „lukullischen" s, der Weinlese im Hausgarten, der „silbernen Verlobung", des Jndianertanzes nach der Geburt seines ersten Kindes und manche anderen, heiteren, liebenswerten und zeitlos menschlichen Erlebnisse, Erinnerungen und Erfahrungen.
Die oben angebeuteten, charakteristischen Züge in Seidels Wesen bewähren sich auch in den zahlreichen, meist in oder um Berlin angesiedelten Erzählungen, die eine stattliche Reihe der schlanken, grünen, goldgezierten Bändle füllen, in denen der Verleger Liebeskind Seidels Werk betreute. „Rosenkönig", „Odysseus", „Das Rotkehlchen", „Der Luftballon", „Penelope", „Jorinde" heißen einige der hübschesten von ihnen. Sie hätten es, wie die schon erwähnten, verdient, dem Dichter auch südlich von Berlin Anhänger zu gewinnen. Zu Seidels späterem Freundeskreise gehörten vor allem sein „literarischer Zwillingsbruder" Johannes Trojan aus Danzig, feit 1886 Chefredakteur des „Kladderadatsch", und der Holsteiner Julius Sttndc. 1876 wurde Seidels Sohn Heinrich Wolfgang geboren, der zunächst den geistlichen Beruf seines Großvaters ergriff und heute mit seinen Novellen und Romanen zu den nobelsten deutschen Erzählern gehört: in ihm, der mit Ina Seidel verheiratet ist, bildeten sich die vom Vater ererbten dichterischen Anlagen zu einer geistigen Form, welche die Tradition Fontanes fortzuführen berufen ist; es ist kein Zufall, daß Heinrich Wolfgang Seidel ihm eine liebevoll einführende, kleine Monographie gewidmet hat, hth.
Das Lernvermögen niederer Tiere.
Seit Jahren werden in dem unter der Leitung von Professor Dr. Friedrich Alverdes stehenden Zoologischen Institut der Universität Marburg Um tersuchungen über das ßenwermögen niederer Tiere angestellt, und zwar hauptsächlich an Einzellern, Plattwürmern und Stachelhäutern. Es hat sich hierbei gezeigt, daß sogar bei Einzellern eine Art von Dressur möglich ist. So lassen sich beispielsweise Pantoffeltierchen, die in einem teils hellen, teils dunklen Gefäß gehalten werden, auf Vermeidung der hellen Zonen dressieren, dadurch, daß zunächst bei allen Uebergängen in das helle Gebiet ein sog. Strafreiz, in diesem Falle Hitze oder der elektrische Strom gesetzt wird. Nach einiger Zeit meiden die Tierchen die helle Zone auch ohne Strafreiz. Es handelt sich hierbei um eine einfache Assoziation zwischen zwei Reizen. Die Frage nach der Lernfähigkeit, die auch in bezug auf die niedersten Tiere in die Derpsychologie gehört, wird von den Marburger Autoren mit physiologischen Methoden bearbeitet, oder die Ergebnisse physiologischer Versuche erhallen auch eine psychologische Deutung' Sofern man nicht irgendwo zwischen höheren und niederen Tieren einen willkürlichen Trennungsstrich ziehen will, ist bei allen Reizreaktionen Körperliches und Seelisches irgendwie ineinander verflochten, und die Auffindung einer scharfen Trennungsliniö zwischen Sinnesphysiologie und Tierpsychologie ist ein Scheinproblem aus einer Zeit, die in Körper und Seele etwas ©etrenntes sah und den Organismus nicht als ein Ganzes auffaßte. Manche Einzelergeb- niffe dieser Forschung haben Widersprüche erfahren. So sagt man, es habe sich bei sämllichen Dresfur- versuchen nicht um eigentliche Assoziationen, sondern nur um Gewöhnung gehandelt. Dagegen spricht aber folgender Konttolloersuch von Alverdes: Häll man die Pantoffeltierchen eine Zeillang nur unter den Bedingungen der dunklen Zone, ohne daß fie die Möglichkeit haben, in das helle Gebiet zu gelangen, so kommt es später, wenn die Möglichkeit einer Überschreitung der fraglichen Grenze gegeben wird, niemals zu den für die Dressurversuche charakteristischen Dermeidungsreakttonen. Lernen beruht auf der Verknüpfung zweier oder mehrerer Gegebenheiten, und diese Verknüpfung ist auch bei den Pantoffeltierchen festzustellen.
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