Ausgabe 
24.4.1942
 
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Deutschland gerade jetzt im Kriege Kunst- unb Kunstgenuß eine gewaltige Steigerung Vertiefung erfahren haben, baut man auf der oberen Seite bes Atlantik eins der bisher repräsen­tativsten Instrumente der Kunstpflege ab. Während aber auch gerade auf dem Gebiet des Films unter deutscher und italienischer Initiative eine gesamt­europäische Zusammenarbeit auf bisher noch nie erreichtem künstlerischen Niveau sich abzeichnet, er­schöpft sich Hollywood in gehässigen Machwerken, die selbst im eigenen Lande als undiskutabel ab­gelehnt werden.

Auch auf diesem Gebiet des Kunstschaffens zeigt sich ein unverwischbarer Gegensatz der Methoden und Tendenzen. Unter dem Deckmantel von Freiheit und Demokratie macht man uns Deutschen so gern den Vorwurf, die Kunst für Propagandazwecke ein­zuspannen. Die Primitivität, mit der sich die nord­amerikanischen Filmjuden heute selbst entlarven, straft alle diese Anwürfe Lügen. Denn wir haben es in Deutschland und gegenüber dem mit uns schick- salsverbundenem Europa nicht nötig, die Kunst zu ertöten, um der Politik zu dienen. Im Gegenteil: wir setzen auch heute noch in erhöhtem Maße poli­tische und organisatorische Mittel ein, um höchster und reinster Kunst zum Durchbruch zu verhelfen; das Bekenntnis zum Staatsauftrag auch im Film­schaffen hat hier die Probe bereits bestanden. Und so dürfen wir ohne jede Ueberheblichkeit das Be­wußtsein haben, daß neben allen realen Dingen auch unser Kulturwille und unsere Kulturleistung, als Besitztum nicht mehr allein nationalen, sondern be­reits kontinentalen Formats, Wesentliches über das Verhältnis von Recht und Unrecht in dem gegen­wärtigen Weltkampf auszusagen vermögen.

Grohadmiral paeder.

Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Groß­admiral Raeder, vollendet am 24. April fein 66. Le­bensjahr. Er wurde 1876 in Wandsbeck (Holstein) geboren. Von Grünberg i. Schles. aus, wo sein Vater Direktor des Realgymnasiums war, trat er 1894 als Seekadett in die Marine ein. 1897 kam er durch ein Auslandskommando nach Oftasien. 1900 war er Divisionsadjutant und von 1901 bis 1903 Wachoffizier auf dem Linienschiff ,Kaiser Friedrich". Rach dem Besuch der Marine-Akademie wurde er Pressebearbeiter im Reichsmarineamt, wo

er die Schriftleitung derMarine-Rundschau" und desNauticus", ktroie die Bearbeitung der aus­ländischen Presse yatte. Ein besonders bevorzugtes Kommando führte ihn dann für zwei Jahre als Navigationsoffizier auf die KaiferjachtHohen- zollern". Als der Weltkrieg ausbrach, befand er sich als Korvettenkapitän im Stabe des Konter­admirals Hipper. Als am 24. Januar 1915 die deutschen Aufklärungsstreitkräfte vor der Dogger­bank mit Tellen der Grand Fleet zusammenstießen, zeigten Admiral Hipper und sein Stabschef Raeder, daß die deutschen Schiffe sich gegen eine bedeutende Uebermacht behaupten konnten. Auch die Seeschlacht vor dem Skagerrak machte Raeder an der Seite Hippers mit. Jrn letzten Kriegsjahr wurde Raeder Kommandant des KreuzersKöln". Kurz vor dem Umsturz wurde er in das Reichsmarineamt kom­mandiert, wo er unter Admiral von Trotha Chef der Zentralabteilung war. Seine Kriegserfahrun­gen, fein großes Wissen und eine glänzende mari­

time Begabung ließen ihn fortan maßgeblich an der Schaffung der Grundlagen für die Entwicklung der heutigen Kriegsmarine arbeiten. 1920 wurde er zum Marinearchiv kommandiert. Hier entstand aus seiner FederDer Kreuzerkrieg in den auslän­dischen Gewässern", wofür ihm die Philosophische Fakultät der Universität Kiel den Ehrendoktor ver­lieh. 1922 war Raeder zunächst Inspekteur des Bil­dungswesens der Marine, dann Befehlshaber der leichten Streitkräfte der Nordsee, dann Chef der Marinestation der Ostsee. Am 1. Oktober 1928 wurde er als Nachfolger des Admirals Zenker Chef der Marineleitung. Trotz der Fesseln des Versailler Dik­

tats brachte die technische Weiterentwicklung der Reichsmarine sehr bald den Bau der Panzerschiffe desDeutschlandtyps". Nach der Machtübernahme begann auch für die deutsche Flotte die fruchtbarste Zeit des Wiederaufbaues. Der Führer verlieh sei­ner Anerkennung für die Mitarbeit Raeders da­durch äußeren Ausdruck, daß er ihn am 20. April 1936 zum Generaladmiral und, als sich im April 1939 zum 25. Male der Tag jährte, da Raeder einst in die Marine eingetretqn ist, im Anschluß an den Stapellauf des SchlachtschiffesTirpitz" zum Großadmiral befördert.

Für Land - und Forstarbeiter wird sich in den kleinen Gemeinden, in denen eine Bürger­steuer bisher nicht erhoben wurde, in keinem Fall eine Mehrbelastung ergeben. Ein Landarbei­terfreibetrag kommt zu den Freigrenzen, die sich bisher aus der Lohnsteuertabelle ergeben, hinzu. Er wird lediglich Land- und Forftarbeitern in Höhe von 13 RM. monatlich, den anderen Land- und Forstarbeitern in Höhe von 26 RM. monallich ge­währt, die demgemäß vor Anwendung der Lohn- steuertabelle vom Lohn abzusetzen sind.

Die Einbeziehung der Gemeindepersonensteuer in die Reichseinkommensteuer soll nur bis zur grund­legenden Neugestaltung des Einkommensteuer­tarifs bestehen bleiben, die in den ersten Jahren nach Beendigung des Krieges vorgerommen wer­den wird. In Zusammenhang damit wird den Ge­meinden die Möglichkeit, eine Gemeindepersonen- steuer zu erheben, wiedergegeben werden. Sie wird sich jedoch stark an die Reichseinkommensteuer anlehnen und nicht die Mängel enthalten, die die bisherige Bürgersteuer enthalten hat.

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Die weiteren Ausführungen Staatssekretär Rein­hardts lagen bei Redakfionsschluß noch nicht vor.

Oie letzte Reichsstraßensammlung im Rhein-Main-Sebiet.

NSG. Die letzte Reichsstraßensammlung für das Kriegs-Winterhilfswerk des deutschen Volkes, bei der die Deutsche Arbeitsfront die schönen Heil­pflanzen verkaufte, erbrachte im Gau Hessen-Nassau ein Gesamtergebnis von 1 225 033,37 RM. Das be­deutet gegenüber der gleichen Reichsstraßenfamm- lung des Vorjahres, die ein Ergebnis von 759 085,80 RM. brachte, eine Steigerung von 62 v. H. Damit hat das Kriegs-Winterhilfswerk des deutschen Volkes ein ausgezeichnetes Abschlußergeonis erzielt. Aus den einzelnen Kreisen unseres Gaues werden olgende Ergebnisse besonders unsere Leser inter­essieren (in Klammern das Ergebnis des Vorjahres): Alsfeld-Lauterbach 26.218,40 (19 606,21) RM., Die- denkopf-Dillenburg 34 683,10 (25 329,), Büdingen 20 029,32 (13 500,), Wetterau 52 521,96 (47 666,38), Wetzlar 37 339,86 (39 091,75) RM.

Gommereinsatz der Lugend.

Im Sommerdienstplan der Reichsjugendführung sind für die Stadteinheiten die acht Pflichtdienftver- anstaltungen je Monat zur Hälfte Kriegseinsatz, zur anderen Hälfte allgemeiner HJ.-Dienft. Kriegseinsatz wird in der Landwirtschaft geleistet. Die Siebzehn- bis Achtzehnjährigen werden nicht heran­gezogen, weil sie mit Rücksicht auf ihre spätere Ein­berufung eine verstärkte Wehrertüchtigung erfahren. Vom Ernteeinsatz der berufstätigen Jugendlichen wird vorübergehend Abstand genommen. Reichsein­heitliche Aufgaben des Kriegseinsatzes sind im übri­gen: Ortseinsatz, Landdienst, Feldscher-Ausbildung, Werkarbeit, Sammlungen, Elternl>etreuung, Stoß» aktionen. Dazu kommen örtliche Einsatzarten: Haus­halts- und Kindergarteneinsatz, Geschäfts- und Nach­barschaftshilfe, Einsatz bei Wehrmacht, Lazarett- betreuung, Luftschutz, Feuerwehr, Reichspost, beim Verkehr und in Fabriken. Die Leistungs­wochen sind in der Ferienzeit angesetzt, nämlich je eine Leistungswoche vom 20. bis 26. Juli und vom 3. bis 9. August. Jungarbeiter und Jung­arbeiterinnen sollen möglichst zu einem der beiden Zeiträume ihren Urlaub nehmen. Die Pimpfe legen dabei die Pimpfenprobe, die Hitler- jungen das HJ.-Leistungszeichen ab. Bei den Mä­deln bringt die Leistungswoche Sammeln von Tee- und Heilkräutern, Anfertigen von Spielsachen, Er­werb des IM.- oder BDM.-Leistungsabzeichens und Jungmädelprobe. Die Fahrten werden auf die nähere Umgebung des Standorts beschränkt. Auch bei den Landeinheiten fällt der normale Dienst weitgehend aus zugunsten des Ernteeinsatzes. In den Ferien, bei der Frühjahrsbestellung und bei Haupterntezeiten stehen die Jungen und Mädel auf dem Lande ihren Eltern oder Lehrherren zur Ver­fügung. Leistungswochen fallen für die Landein­heiten aus.

Der Einsatz der Jugend zur Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes erfolgt nach einer Anordnung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Gauleiter S a u ck e l, im Rah­men ihres Kriegseinsatzes. Der Einsatz wird aus­wärts oder örtlich (lang- oder kurzfristig) durchge- 'führt. Der auswärtige und der lang­fristige örtliche Einsatz ist vorgesehen für

Britische Schnellboote im

Kanal

znm Rückzug gezwungen.

Oer Wehrmachtbericht.

DNB. AusdemFührerhauptquartier, 23. April. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Im Osten waren mehrere eigene Angriffs- Unternehmungen erfolgreich.

Im mittleren unb nördlichen Front­abschnitt scheiterten örtliche Angriffe des Fein­des. Kampffliegerverbände griffen in der letzten Nacht ein großes Rüstungswerk der Sowjets in Stalingrad an und erzielten zahlreiche Bom­bentreffer mit nachfolgenden Bränden und Explo­sionen. Ein weiterer wirkungsvoller Luftangriff richtete sich gegen die Hafenanlagen von 2Hur- manfk.

In Karelien haben finnische Truppen in zehn­tägigen Kämpfen an der Swir-Front 150 feindliche Angriffe abgewehrt. Dabei verlor der Gegner außer zahlreichen Gefangenen und Waffen mehr als 14 000 Tote. Auch der gegen einen deut­schen Verband in diesem Frontabschnitt geführte Angriff des Gegners scheiterte unter blutigen Ver­lusten.

In Nordafrika beiderseitige Spähtrupp- tätigkeit.

Starke Kampf-, Sturzkampf- und Iagdfliegerver- bände setzten bei Tag und Nacht mit gutem Erfolg die Angriffe auf die militärischen Anlagen und Flugplätze der Insel 2H a 11 a fort. In Luflkämp- fen über Malta wurden neun britische Flugzeuge abgeschossen.

Beseitigung der Bürgersteuer.

Staatssekretär R e i n h a r dt sprach, wie schon kurz gemeldet, in Frankfurt über die neue Verein­fachung des Lohnabzugs. Sie besteht darin, daß die Zahl der gesetzlichen Lohnabzüge von fünf auf zwei vermindert wird. Die Bürger- steuer wird beseitigt. Sie ist eine Gemeinde­steuer gewesen und durch die Gemeinden in ver­schiedener Höhe erhoben worden. Den Gemeinden wird der Ausfall durch das Reich ersetzt. Der Er­satzbetrag bestimmt sich nach der Höhe des Be­trages, den die einzelne Gemeinde an Bürgersteuer­aufkommen erzielt hat. Das gesamte Aufkommen an Bürgersteuer hat 1941 rund 800 Millionen Reichs­mark betragen. Es würde finanzpolitisch und kauf- kraftpolitisch nicht vertretbar fein, wenn die Steuer­pflichtigen um diese 800 Millionen Reichsmark gegenwärtig entlastet würden. Das Reich wird sich demgemäß die rund 800 Millionen Reichsmark, die es den Gemeinden ersetzt, durch eine leichte Erhöhung der Einkommensteuer be­schaffen.

Bei den Gemeinden fällt alle Arbeit, die bisher auf dem Gebiet der Bürgersteuer anfiel, weg. Auf dem Gebiet der Lohnsteuer wird die Vereinfachung am 1. Juli 1942 in Kraft treten, auf dem Gebiet der Veranlagung erst am 1. Januar 1943. Die Bür­gersteuer, die die Gemeinden auf Grund von Bür- aersteuerbescheiden für das Kalenderjahr 1942 ange« fordert haben, muß zu den vorgesehenen Zeitpunk­ten an die Gemeinden noch entrichtet werden. Die entrichteten Beträge werden bei der Veranlagung zur Ginko mmenstuer 1942 auf die leicht erhöhte

Kampfflugzeuge erzielten bei Nachtangriffen Bombentreffer in einer Sprengstoffabrik in Süd­en g l a n b.

Im Kanal kam es in ber Nacht zum 22. 4. zwischen brutschen Vorposlenverbänben unb bri­tischen Schnellbooten zu mehreren Gefechten, in deren Verlauf eine Anzahl feindlicher Schnellboote beschädigt wurde.

Im See gebiet südlich Boulogne wurden in der gleichen Nacht bei einem Zusammenstoß deutscher Minensuchboote mit einem britischen Schnellbookverband ein feindliches Schnellboot ver- senkt und zwei weitere schwer beschädigt. Der bri­tische Verband zog sich darauf im Schuhe künstlichen Nebels zurück. Die eigenen Boote liefen ohne Ver­luste oder Beschädigungen in ihren Stützpunkten ein. Während dieses kurzen Geftchts fetzten die Briten an einer entlegenen Stelle der Küste einen kleinen Stoßtrupp an Land, der sofort in ein Feuergefecht mit einer deutschen Küslenwache ver­wickelt wurde und sich fluchtartig unter blutigen Verlusten und Zurücklassung feiner gesamten Aus­rüstung zurückzog.

In der letzten Nacht warfen britische Flugzeuge Bomben in Westdeutschland. Die Zivilbevölkerung halle einige Verluste. Geringer Sachschaden entstand vor allem in Wohnvierteln. Nachtjäger und Flak­artillerie schossen fünf der angreifenden Bomber ab.

Hauptmann Jhlefeld errang am gestrigen Tage an der Ostfront seinen 98. bis 101. Luftsieg. Oberfeldwebel Gildner erzielte in der Nacht zum 23. 4. feinen 30. und Oberfeldwebel Beier seinen 15. Nachkjagdsieg.

Einkommensteuer angerechnet werden. Für das Jahr 1943 werben Bürgersteuerbeschei'be nicht mehr zuzustellen sein.

Die Freigrenzen sind frei ber Bürgersteuer niedri­ger gewesen als 'bei ber Einkommensteuer. Es gab infolge'bessen mehr Bürgersteuerpflichtige als Ein­kommensteuerpflichtige. Es ist nicht erwünscht, baß sehr viele Personen, die bisher zwar bürgersteuer' pflichtig, aber nicht auch einkommensteuerpflichtig gewesen sind, in Zukunft vollkommen Personensteuer, frei bleiben. Es wirb deshalb die Einkommen- steuergrenze ber Lebigen, der kinderlos Vsr- heirateten unb der Verheirateten mit nicht mehr als zwei Kindern etwas herabgesetzt.

Der Betrag, um den die Einkommensteuer erhöht wird, entspricht in den unteren Lohntagen einem bisherigen Bürgersteuer-Hebesatz von Hundert v. H. und erreicht in den mittleren Lohntagen einen Betrag, der einem bisherigen Bürgersteuer-Hebesatz von 500 v. H. entspricht. Er endet in den hohen Lohn­tagen bei einem Betrag, der einem bisherigen Bür- gersteuerhebesatz von 700 v. H. entspricht. Es er­gibt sich dadurch eine leichte steuerliche Entlastung bei den unteren Lohntagen, wenn ber bisherige Bürgersteuersatz mehr als 100 v. H. betrug, unb bei den mittleren Lohntagen, wenn der bisherige Bür­gersteuersatz mehr als 500 v. H. betrug. In den mitt­leren und hohen Lohntagen ergibt sich in den Fäl­len, in denen der Bürgersteuersatz bisher sehr niedrig gewesen ist, eine leichte Mehrbelastung. Diese 'ist im Verhältnis zum Einkommen nur un­erheblich.

Energie und Energiegesetz.

Von Dr. Hans Hartmann.

Zwei Jubiläumstage seien uns Anlaß, die Zu­sammenhänge zwischen Energie, Energiegesetz und Energetik in knapper Form zu entwirren, die einer breiteren Öffentlichkeit vielleicht nicht immer klar vor Augen liegen. Dabei muß selbstverständlich auf alle mathematische Begründung verzichtet werden, wenn auch eine Zahl Vorkommen wird. Die beiden Jubiläen sind einmal die Entdeckung des Energie- gcsetzes, die vor genau hundert Jahren durch den auch menschlich fesselnden schwäbischen Arzt R o - bert Mayer, ein Genie ähnlich wie die Schwa­ben Kepler, Schiller, Hölderlin oder Heget, erfolgte, unb zweitens bie 20. Wiederkehr des Todestages von Wilhelm Ostwald, des Schöpfers der Ener­getik.

Mayer legte feine Entdeckung, bie ihm einige Jahre vorher auf der Reede von Surabaja intuitiv aufgegangen war, nieder im März 1842 in Lie­bigs Annalen, und zwar unter dem TitelBe­merkungen über bie Kräfte der unbelebten Natur". Die neue Lehre war damals noch rein physikalisch unb chemisch gemeint. Mayer selbst erweiterte sie 1845 auf den biologischen Bereich in seiner Arbeit Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhang mit dem Stoffwechsel" und begründete sie dann noch mehrmals in tief durchdachten Arbeiten. Dadurch, baß sie zunächst von ben Fachgenossen nicht aner­kannt würbe unb er auch literarisch barum vergeb? lich kämpfte, liegt eine Tragik über feinem Leben. Sie löste sich erst gegen Enbe seines Lebens (1878), als sich offensichtlich diese in ber Geschichte ber menschlichen Kultur bahnbrechende Lehre durchsetzte; leider hat man ihm auch dann noch nicht immer ben bebührenden Ruhm zugebilligt.

Die Frage selbst, um bie es sich handelt, ist zu­nächst in ihrem Verständnis durch zwei Umstände erschwert; einmal hat es ja immer seit ben alten Griechen und insbesondere seit ben säkularen Ent- bedungen Galileis den Begriff berKraft" ge- geben; die Physiker haben sich darunter etwa bas vorgestellt, was wir heuteEnergie" nennen. Robert Mayer selbst, ja noch Helmholtz, dem man zu­nächst mehr Verdienst an ber Entdeckung des Euer- fliegefefces zuschrieb °ls Mayer haben nicht non Energie sondern von Straft gesprochen. Und das immer zuverlässige große Konversationslexikon von

Meyer aus dem Jahre 1896 handelt die Lehre von ber Energie noch unter dem StichwortStraft" ab.

Aber es hat sich bann boch aus innerer Notwen­digkeit ber Begriff der Energie durchgesetzt. Kraft ist ber weitere Begriff. Er kommt in vielen Zusammen­hängen vor, die wir zum Teil in ber Schule gelernt haben, z. B. Kraft mal Weg. Energie aber ist der Zustand eines Körpers, der sich durch Arbeits­leistung ändert. Die moderne Physik definiert etwa so: Ein Körper, an dem Arbeit geleistet wird, er­fährt durchs diesen Vorgang eine Zustandsänderung, die ihn befähigt, seinerseits einen bestimmten Be­trag an Arbeit zu leisten, das heißt unter Rück­gängigmachung der Zustandsänderung eine Arbeits­leistung an anderen Körpern zu verursachen. Das klingt zunächst schwer, wird aber sofort durch ein Beispiel verständlich. Ein Körper wirb gehoben. Es wird babeiVerschiebungsarbeit gegen die Schwerkraft" geleistet. Er kann nun bie aufgespei­cherte Energie benutzen, um, während er selbst wie­der herabsinkt, an einem anderen, in geeigneter Weise mit ihm verbundenen Körper Hebungsarbeit gegen die Schwerkraft zu leisten. Man erkennt hier schon die Genialität, mit der Robert Mayer die Idee der Erhaltung unb Umroanblung der Energie er­faßt hat. Oder, ein anderes Beispiel: der Körper kann, indem er frei herabfällt, durch Stoß gegen einen anderen Körper an dieser Verschiebungs- ober Beschleunigungsarbeit ober irgendeine andere Art von Arbeit (Gestaltungsänderung, Zertrümmerung) leisten. Je nachdem nun die Energie des Körpers auf feiner Lage oder feiner Geschwindigkeit beruht, be­zeichnet man sie als potentielle oder kinetische Ener­gie. Mayer, der alle diese Zusammenhänge einheit­lich sah unb erfaßte, hat vor allem als erster die Wärme als Energieform erkannt. Man hatte die Wärme früher als einen Wärmestoff angesehen; als sich diese Auffassung mit den Fortschritten der Chemie als unmöglich erwies, hatte man sie kaum mehr beachtet. Mayer gelang es durch sein Energie­gesetz alle fünf Energieformen, die mechanischen, das heißt potentielle wie kinetische, bie der Wärme und ebenso die chemischen unb elektromagnetischen, anzu­wenden. Er hat gefunden, daß sich der Betrag an Energie in allen Fällen von Umwandlung erhält und nichts an Energie nerlo rtn geht, mag es sich um noch so verwickelte und weitläufige Um­wandlungen handeln. Der Gesamtvorrat des Welt­alls an Energie ist also unveränderlich. Mayer hat dann bie Berechnung des mechanischen Wärme­

äquivalents ermöglicht, das heißt die Zahl, bie an­gibt, wieviel Arbeitseinheiten (Erg) einer Wärme­einheit (Kalorie) entsprechen. Sie wird mit Hilfe der Zahl 4,189 berechnet.

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Wilhelm Ostwald hat die Lehre Mayers vom Energiegesetz, die sich unbestritten durchgesetzt hat, zu erweitern versucht zu eingm geradezu metaphy­sisch zu nennenden Grundgesetz, wenngleich Ost­wald selbst ben Begriff der Metaphysik im Gegen­satz zu seinem Freunde, dem Philosophen Wundt schroff ablehnte: alles Geschehen, auch das geistige, seelische und sittliche unterstehen diesem Gesetz. Diese Lehre, von Ostwald immer wieder neu begründet, hat manche fesselnde Seite, aber sie hat sich in der Wissenschaft nicht allgemein durchgesetzt. Philipp Lenard erwähnt sie in seinem BucheGroße Na­turforscher", das doch eineGeschichte ber Natur- forschung" sein sollte, überhaupt nicht mehr. Das tut natürlich ber Größe Ostwalds als Chemiker keinen Abbruch. Hat er doch die Ammoniaksynthese und bie Kohlehydrierung wissenschaftlich vorbereitet unb sich damit wie auch sonst als Piockier deutscher Wissenschaft um Deutschland unvergängliche. Ver­dienste erworben.

Ironttheater vor Paris 1870.

Die umfassende Organisation, durch die heute unseren Soldaten an ber Front eine geistige Er­holung durch Theater und Kino in ihren Muße­stunden ermöglicht wird, ist uns eine vertraute Er­scheinung, unb wir wissen auch, daß schon im Welt­kriege Theateraufführungen hinter der Front nichts Ungewöhnliches waren. Aber es ist kaum bekannt, daß es schon im Kriege von 1870 eine Art Front­theater für unsere Soldaten gegeben Hat, bas freilich ganz anderer Art war, als bas heutige. Als die Deutschen vor Paris lagen, wurde auf dem Markt­platz von Saint Denis ein Theater von ihnen be­gründet, in dem sich ein eigenartiges Leben und Treiben entfaltete. Die Vorstellungen fanden in einem leerstehenden Varietesaal statt, der ziemlich beschädigt war unb nichts Anheimelndes hatte. Man hatte auch gar nicht daran gedacht, deutsche Schau­spieler aus der Heimat zu holen, unb so mußte das Programm zu einem Teil von französischen Schau- spielern jn französischer Sprache bestritten werben.

die Vaudevilles, Chansons, Pantomimen unb Bal­lets vorführten. Aber man schob boch auch deutsche Vorführungen ein; man spielte einmal eine Ko­mödie, bie von einem literarisch begabten Mitglied ber königlichen Garbe verfertigt war, ober ein Sol­dat eines preußischen Regiments sagte ein von ihm selbst verfaßtes Gedicht zu Ehren König Wilhelms auf, ein Gardefüsilier trug zwei Oben vor,Dec Ostertag von 1870" unbDer Einmarsch der Preu­ßen in Paris", wie besonders auf den Theater­plakaten angekündigt wurde; vom Füsilier Kutfchke, bem bekannten Typus bes deutschen Soldaten, han­delte ein deutsches Vaudeville und so fort.

Die Thöaterleitung war nicht engherzig, und wenn auch natürlich die deutschen Soldaten ben Hauptteil ber Besucher stellten, so konnten sich auch neugierige Bewohner ber Stadt Saint Denis ein­mischen, wenn sie ihre Eintrittskarte bezahltem Einmal hat auch Jules Claretie, ber spätere Direktor ber Comedie Frangaise, eine solche Vorstellung be­sucht und eine Schilderung, wie er als Franzose sie erlebte, hinterlassen.

Den französischen Besucher interessierten natürlich nicht so sehr die Vorführungen auf ber Bühne als vielmehr bas, was er im Zuschauerraum beobachtete. Die beutschen Offiziere", erzählte Claretie,gaben sich hier ihr Renbezvous, und der General verlangte nicht etwa eine Loge, denn der Saal hatte keine, sondern er begnügte sich mit einem Ehrensitz im ersten Rang. Von Zeit zu Zeit erhob er sich und grüßte mit der Hand seine Offiziere mit einer väter­lichen Miene, bie ihm ein herzliches unb gemütliches Aussehen gab. Unter bem Klirren ihrer Sporen erschienen die Offiziere, untadelig behandschuht, ben Helm unter dem Arm.Da gab es glänzende Hu­saren, prächtige Kürassiere, Grenadiere, Artilleristen unb Stabsärzte in Samtkragen ..Der Franzose ist etwas verwundert über die tadellos ungezogenen und schneidigen Soldaten, bie sich in diesem schäbigen Dorstadttheater so korrekt benahmen, wie wenn sie in einem deutschen Hoftheater wären.Wenn dann die Vorstellung begann", heißt es in ber Schilderung weiter,bann breitete sich Schweigen über bie plau­dernden Gruppen, und der ganze Saal schaute auf­merksam den Possen zu, die sich auf der Buhne, ab- spielten. Alle Offiziere unb Soldaten lachten aus vollem Herzen, breit und laut, aber gesund, mit diesem großen gemeinsamen Lachen, das durch die Tischreden Martin Luthers geht..." C. K.