tat erklärt, daß die Admiralität „sich leider gezwungen sehe, zu den deutschen Meldungen über die Versenkungen, die sogar Schifssnamen anführen, nicht näher Stellung zu nehmen". Die gemeldeten Verluste an Handelstonnage werden als „große Uebertreibungen" bezeichnet. Es wird hinzugefügt, daß „die deutschen Behauptungen ganz offensichtlich nur deshalb aufgestellt worden seien, um durch ein detailliertes Dementi zu erfahren, wie viele und welche alliierten Schiffe zur Zeit in der Arktis unterwegs sind bzw. in Murmansk liegen".
Wavells Besorgnis um Indien.
Umgruppierung in der Bejatzungsarmee.
Tokio, 21. Sept. (Europapreß.) Die Unruhen innerhalb der indischen Truppenteile haben General Wavell genötigt, eine vollständige Umgruppierung der an der indisch-burrnanischen Grenze aufmarschierten Armee vor,zunehmen. Bisher war die erste Linie des indischen Grenzschutzes an der Nordostgrenze ausschließlich aus indischen Truppen gebildet, dahinter standen in zweiter Linie aus indischen und britischen Formationen gemischte Verbände, die dritte Linie bestand wieder aus rein indischen Regimentern, während das Gros der britischen Verbände weit im Hinterland eine vierte Linie bildete. Die in letzter Zeit in verschiedenen indischen Regimentern ausgebrochenen Meutereien haben ihren Einfluß auf die in vorderster Linie stehenden indischen Truppepn nicht verfehlt, so daß der britische Oberbefehlshaber sich genötigt sah, der Front durch Einsatz der bisher in zweiter Linie liegenden britischen Regimenter einige „Korsettstangen" einzuziehen. Dadurch ist allerdings die zweite Linie von britischen Truppen entblößt, da das britische Gros nach wie vor weiter in vierter Linie zurück verblieben ist.
Gleichzeitig sind die britischen Behörden bestrebt, der zunehmenden Unzufriedenheit in den indischen Verbänden durch eine Verbesserung der Besoldung und Verpflegung entgegenzuwirken. Als erste Maßnahme dieser Art ist die Erhöhung der Löhnung der indischen Unteroffiziere von bisher durchschnittlich 50 Rupien monatlich auf 70 bis 80 Rupien anzusehen. Daß die Besorgnis der englischen Heeresleitung in Indien sich nicht nur . auf den indijch-burmanischen Grenzbezirk beschränkt, geht daraus hervor, daß nach Berichten aus Madras in Südindien in den letzten Wochen große Manöver kriegsmäßigen Charakters abgehalten wurden.
Oie Aufstandsbewegnng in Nordiran.
Ankara, 21. Sept. (Europapreß.) Die Auf- standsbewegung in Nordiran ist nach Abzug eines großen Teils der sowjetischen Besatzungstruppen während der letzten Woche wieder aufgeslackert, zumal als Ablösung nun weibliche Batail- lone als Besatzung fungieren. Die in die Berge geflüchtete iranische Zivilbevölkerung sieht sich angesichts des kommenden Winters vor erhebliche Ver- svrgungsschwierigkeiten gestellt. Aufständische Gruppen der einheimischen Bevölkerung suchen aus den von den Sowjets bewachten Getreidemagazinen Getreide zu erbeuten. Dabei ist es mehrfach zu blutigen Auseinandersetzungen mit den sowjetischen Flintenweibern gekommen. Die Aufstandsbewegung in ihrer Gesamtheit hat besonders in der Provinz Aserbeidschan neuen Austrieb erhalten.
In S ch a h p u r in Nordiran wurde ein Lager der Bolschewisten mit Lebensrnittel- und Getreidevorräten, die von den Sowjets bei der Bevölkerung gewaltsam requiriert worden waren, von bewaffneten Iranern überfallen. Die Iraner konnten, nachdem sie die Vorräte vernichtet hatten, vor dem Eintreffen iranischer Gendarmerie und bolschewistischer Truppen rechtzeitig entkommen. Zur Auffüllung der Lagervorräte haben die bolschewistischen Behörden neue Beschlagnahmen verfügt. Die iranische Regierung hatte aus der Stadt Bezaich einen dringenden Hilferuf um Lebensmittel erhalten. Die daraufhin der Stadt gewährten Lebensmittel wurden jedoch von den Bolschewisten unter dem Vorwand beschlagnahmt, daß sie vor Plünderungen gesichert werden müßten. Um die Bevölkerung der bedrohten Stadt vor einer Hungersnot zu bewahren, mußte die Regierung nunmehr neue Lebensmittelsendungen unter Aufsicht einer Tltegie- rungskommission schicken.
Oer UGA.-Kapitalismus in Brasilien.
stockholm, 21. Sept. (DNB.) Wie die „Financial News" melden, hat der brasilianische Staatspräsident einen Vertrag zwischen der brasilianischen Gesellschaft „Empreh Commercial des Goyaz" einem
großen Bergbaukonzern, und der USA.-Hüt- tengesellschaft „American Smelting and Refimng Company" gebilligt, der die gemeinsame Ausbeutung der Nickel Vorkommen im brasilianischen Staate Goyaz zum Gegenstand hat. Der Abbau der Erze scheiterte bisher an dem bestehenden Mangel aus Brennstoff und Elektrizität. Daneben spielte die große Entfernung bis zur nächsten Bahnsttecke eine Rolle. Die amerikanische Gesellschaft hat sich bereit- erklärt, fünf Millionen Dollar zum Ausbau des Unternehmens gegen Ueberlassung von fünfprozentigen Obligationen des brasilianischen Konzerns zu investieren. Außerdem verlangt sie eine Staatsgarantie dafür, daß dem Transfer des Gewinnes nach Amerika keine Schwierigkeiten bereitet werden.
Gememdewahlen in Schweden.
Stockholm, 21. Sept. (Europapreß.) In Schweden haben am Sonntag Gemeindewahlen stattgefunden, die den Flügelparteien erheblichen Stimmenzuwachs brachten. In Stockholm und in, den größeren Städten des Landes waren die Konservativen und die Äommuniften die alleinigen Gewinner, während auf dem Lande der konservative Bauernbund eine erhebliche Zunahme der Stimmen verbuchen kann. In Stockholm verloren die Sozialdemokraten die Mehrheit im Stadtparlament, wo sie von insgesamt 100 Sitzen 55 innehatten. Sie konnten nur 49 Sitze behalten, während die Kommunisten ihre bisherigen drei Mandate auf Kosten der Sozialdemokraten auf neun erhöhten. Die Zahl der in Stockholm abgegebenen kommunistischen Stimmen hat sich von 12 000 im Jahre 1928 auf rund 30 000 erhöht, der Bauernbund hat 26 neue Sitze gewonnen.
Die starke Zunahme des Bauernbundes ist auf die schlechte Lage zurückzuführen, in der sich die kleinen Bauern in Schweden im Gegensatz zum Großgrundbesitz befinden, da die bäuerliche Bevölkerung sich zwischen den Mühlsteinen einer scharfen Besteuerung der Preisteuerung von Jndustriewaren und den eigenen Festpreisen befindet. Am auffälligsten aber ist der Stimmenzuwachs der Kommunisten, der auf Kosten der Sozialdemokratie erfolgte, die in Schweden Regierungspartei ist. Schweden ist das einzige Land Europas, in dem die Kommunistische Partei — die Sowjetunion selbstverständlich ausgenommen — ihr Unwesen treiben kann. Die schwedische Politik ist entschlußschwach und mnflar. Gerade das gibt den Kommunisten Auftrieb. Der Fall Schweden ift ein typisches Beispiel, wie das Treiben- und Gewährenlassen hie Bolschewisierungsabsichten fördert.
Kanadischer Zerstörer von deutschem!l-Boot versenkt.
Berlin, 22. Sept. (DNB. Fpnkspruch.) Der kanadische Zerstörer „O t t a w a“, 1375 Tonnen groß, wurde durch ein deutsches Unterseeboot versenkt. Der Zerstörer hatte eine Geschwindigkeit von 35,5 knoten und war 1932 in Dienst gestellt worden. Seine Bewaffnung bestand aus vier 12-cm-Geschühen, zwei 4-cm-Flak, vier Maschinengewehre^ und acht Torpedorohren von 53,3 cm Kaliber. Hebet das Schicksal der 145 Mann starken Besatzung ist nichts bekannt.
General von Lüttwitz gestorben-.
Im 84. Lebensjahr starb in Breslau General der Infanterie Walter Freiherr von Lüttwitz, Ritter des Pour le merite mit Eichenlaub. General von Lüttwitz war während des ersten Weltkrieges zuletzt Chef des Stahes der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz und dann Führer des III. Armeekorps an der Somme. Weihnachten 1918 wurde er Oberbefehlshaber in den Marken und war, nachdem er auch den Oberbefehl über die Truppen im mittleren und westlichen Deutschland erhalten hatte, mit dem Freikorps Lüttwitz an der Niederwerfung des Spartakiftenaufstandes beteiligt. In der Reichswehr war er Gruppenoberbefehlshaber I in Berlin. Nach dem Zusammenbruch des Kapp-Putfches schied er aus dem Dienst.
Kleine politische Nachrichten.
Der Reichsarbeitsdienstabteilung 1/385 in Schreibwald wurde am 21. September 1942 in Anwesenheit von Frau Heydrich, ^-Obergruppenführer Generaloberst der Polizei Daluege, Staatssekretär Karl Hermann Frank und Gauleiter Dr. Jury der Ehrenname Reinhard Heydrich verliehen.
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Auf Einladung von Reichsorganisationsleiter Dr. Ley weilte der italienische Korporationsminister Renato Ricci .auf der Ordensburg Sonthofen. Da
bei sand ein Gedankenaustausch über sozialpolitische Fragen statt der vor allem kommende gemeinsame Sozialaufgab'en behandelte. Der Reichsorganisationsleiter teilte bei dieser Gelegenheit mit, daß die Errichtung von insgesamt vierzrg Adols-Hit- ler-Schulen — verteilt auf alle Gaue — vorgesehen sei. *
Reichsarbeitsführer Reichsleiter Hierl traf in Bukarest ein. Der Besuch gilt vor allem dem rumänischen Arbeitsdienst, der von Marschall Antonescu vor VÄ Jahren ins Leben gerufen wurde und unter Führung von General Palangeanu eine Führer- fchule und vier Arbeitsdienstabteilungen umfaßt, die den Kern der späteren großen Erziehungsorganisation bilden sollen.
Das Buch des Duce, in dem er das Heldenleben seines gefallenen Sohnes Bruno würdigt, erscheint
jetzt in deutscher Sprache bei der Essener Verlags, anstalt. Es war in Italien nur gegen eine Spende für die Hinterbliebenen der italienischen Luftwaffe zu haben. Nach dem Wunsche des Duce soll die deutsche Ausgabe den gleichen Zielen der Fürsorge für die Witwen und Waisen gefallener deutscher Flieger dienen. Der Reichsmarschall hat Zur Verwaltung der Spende eine „Stiftung Bruno Mussolini" geschaffen. *
Namhafte Vertreter des Schulwesens der deut, schen Volksgruppen im Südosten trafen ZU einer gemeinsamen fachlichen Weiterbildung in Berlin ein Vorträge über die neuere Entwicklung von Wissenschaft und Erziehung im Reich, Besichtigungen und Erfahrungsaustausch werden die Grundlagen für den weiteren Ausbau des Volksdeutschen Erziehungswesens liefern.
Kunst und Wissenschaft.
„Csongor und Tünde".
Des großen ungarischen Romantikers V ö r ö s - m a r 11) Märchendichtung „Csongor und Tünde , die in der Uebertragung von Dr. Ferdinand Klein im Jahre 1940 bei ihrer Aufführung am Gießener Stadttheaters großes Interesse gefunden hatte, ist nun in der gleichen Uebertragung im Berliner Schiller-Theater aufgeführt worden. Den Csongor spielte Will Quadflieg. Die Tunde war Gerda Maria Terno, Jlma und Damian waren Gerda Drews und Ernst Mitulski vom Frankfurter Schauspielhaus. Die Hexe Maria Eis vom Wiener Burgtheater. Die Regie führte der Direktor des Königlich Ungarischen Nationaltheaters in Budapest Dr. Antal Nemeth.
Hans Ehrke erhielt den Mecklenburgischen Schrifttumspreis.
In Schwerin war der Doberaner Dichterkreis zur „2. niederdeutschen Dichterstunde" versammelt. Reichsstatthalter Hildebrandt verlieh dem Dichter und Frontsoldaten Hans Ehrke den Mecklenburgischen Schrifttumspreis. Der Gau Mecklenburg ehrte damit einen Mann, der über den Raum feiner engeren Heimat Schleswig-Holstein hinaus unmittelbar im niederdeutschen Volkstum wurzelt und aus dieser Verbundenheit die Landschaft und die Schicksale ihrer Menschen in der Haltung einer kämpferischen Lebensbejahung — nicht zuletzt in feinen Kriegsgedichten — lebendig und wesensecht zu gestalten vermochte. Der Göttinger Dichter Moritz Jahn gab eine Würdigung des Werkes des neuen Preisträgers. Der Dramatiker wie der Lyriker und Prosaist Ehrte spanne in feiner niederdeutschen Art den Bogen von lichter Weltfröhlichkeit bis zu dunklem Ernst. Seine Novelle „Der Stumme" zähle zu den erschütternsten Dichtungen der niederdeutschen Literatur, sein Frontroman „Makedonka" zu den härtesten Kriegsbüchern. In feinem neuen Gedichtbändchen „Gewappnetes Herz" umspannten Gedichte von bleibendem Wert das innere Erleben des Frontkämpfers von 1914 bis 1942 in wundervoller Eindringlichkeit.
Billingers Münchener Heimatspiel.
München erlebte die Uraufführung feines Heimatspiels, das Richard Billinger zu Aufführungen im alten Rathaussaal schrieb und das den Titel trägt: „Das Spiel vom Erasmus Grasser, eine Münchener Legende". Das Werk fand stürmischen Beifall. Besonders eindrucksvoll war zum Schluß des Spiels die Beleuchtung der zehn noch erhaltenen Moriskentänzer am Tonnengewölbe des alten Rathaussaales, jener von Lebenskraft sprühenden Figuren, die der wirkliche Erasmus Grasser als Münchens genialster Bildschnitzer der Hochgotik vor viereinhalb Jahrhunderten geschaffen hat und von dentn dieses Spiel von der Lebensfreude der Münchener Kunst handelt. Georg Denkt
(Eugen Fischers „Canossa" in Gera.
Das Geraer „Neue Theater am Küchengarten" besteht 40 Jahre. Das Reußische Theater eröffnete darum die Spielzeit mit einer Leistungswoche, die mehrere Uraufführungen vorsieht. Als erste ging die Tragödie „Canossa — Aufstand und Untergang Gregors VII." von Euaen Fischer in Szene, das erste Bühnenwerk des Autors, der als Direktor der Reichstagsbibliothek zwar aus einem an wissenschaftliche Akribie gewohnten Berufskreise kommt, der die Geschichte Gregors und Heinrichs aber unter starker Beanspruchung poetischer Freiheiten deutet. Hier ist nicht Heinrich IV. der rechtmäßige Empörer gegen die weltlichen Herrschaftsanspruche der Kirche, hier ist der Papst der Aufständische gegen das deutsche Königtum; hier ist er es, der sich empört und zerbricht. Dabei wird durchaus klar, daß der Autor Heinrich IV. als einen Trager der deutschen Reichsidee feiert, wenngleich er aus feinem
Vorsatz, die Tragödie bei Gregor zu sehen, gerade diesen mit allen Zeichen eines Dramenhelden aus» stattet und den König mehr als einen gutmütigen, ost' unüberlegten, nur seinem Antrieb lebenden jungen Menschen zeichnet. Die Verdeutlichung der Fischerschen Ansicht von Canossa und seinen Folgen, die Außerachtlassung historischer (9egegebensten verquicken Geschichte und Wunschbild. Der Dialog in der Geraer Bühnenbearbeitung vermochte zu fesseln. Unter der Leitung von Intendant Rudolf Scheel, her auf dramatisch belebtes Spiel und gepflegtes Sprechen achtete, sahen wir ein vom Szenischen und Schauspielerischen her überzeugendes Spiel. Ausgezeichnete Darsteller wie die in Gießen bekannten Viktor v. Gschmeidler und Luise Prasser boten ihre Kunst auf, dem Werk Widerhall zu verschaffen. E. K. Wiechmann.
Robert Hohlbaum
Direktor der weimarischen Landesbibliothek.
In das Amt des Direktors der Landesbibliothek Weimar wurde der Dichter Dr.'Robert Hohlbaum, bislang Direktor der Städtischen Bücherei in Duisburg, berufen. Hohlbaum gehört zu den namhaft teften Schriftstellern, die aus dem Sudetengau her- üorgegangen find. In Weimar wird er ein außerordentlich reiches Arbeitsgebiet vorfinden. Die feit 250 Jahren bestehende Bibliothek nimmt mit 1 500 000 Bänden, 620 Inkunabeln, 7500 historischen Landkarten und 5000 Handschriften einen sehr beachtlichen Platz ein. Hohlbaum wird der Nachfolger des verstorbenen Professors Dr. Deetjen. Sein bedeutendster Vorgänger war Goethe, der unter Karl August als erster deutschirr Bibliotheksleiter der Zeit weit vorauseilend die kostenlose Ausleihe von Büchern einführte. •
Aus alter Wett.
Die Europa-Schachmeisterschaft in München.
Im Europa-Schachmeisterschaftsturnier wurde die sechste Runde ausgetragen. Im Titelturnier kam in fünfstündiger Spielzeit nur eine Partie zum Abschluß. Die beiden Rivalen auf den 64 Feldern waren K e r e s und N a p o l i t a n o, die sich einen lebhaften Kampf mit zahlreichen Varianten lieferten. Keres verleitete den Italiener zu einem Qualitätsopfer und trieb ihn in 36 Zügen zur Aufgabe. Am Montagvormittag wurden fast alle Hängepartien entschieden. A l j e ch i n gewann gegen Richter und Barcza gegen Stoltz, Bogoljubow verlor gegen Foltys und Radar gegen Junge. Aljechin und Keres führen nun nach sechs Runden mit je 4% Punkten vor Foltys mit 4, Rellstab mit 3>2 Punkten, Bogoljubow mit 3 Punkten und einer Hängepartie, sowie Junge mit 3 Punkten.
Fahrkarten sind öffentliche Urkunden.
Der 37jährige August K. hatte am 1. April feinen Urlaub von 17 Tagen angetreten und war am gleichen Tage nach feiner Heimatstadt im Rheinland gefahren. (Er- hatte sich eine Arbeiterrückfahrkarte gelöst, ohne zu überlegen, daß diese n u r 1 4 Tage Gültigkeit hat. Kurz vor der Rückfahrt fiel ihm ein, daß er feine Karte nicht verwenden konnte, da sie mit dem 1. April als Ausgabetag versehen war. Anstatt die Karte vor dem Verfall einzutauschen, rieb er so lange auf der Karte herum, bis das Datum unleserlich geworden war. Auf der Rückfahrt wurde die Fälschung bemerkt. K. hatte sich durch seine unglaubliche Torheit der schweren öffent» lichen Urkundenfälschung in Tateinheit mit versuchtem ^Betrug schuldig gemacht. Unter Berücksichtigung feiner bisherigen Unbestraftheit und weil er nicht aus verbrecherischer Neigung, sondern aus bodenlosem Leichtsinn gehandelt hatte, wurde er zu der gesetzlichen Mindeststrafe von drei Monaten Gefängnis verurteilt.
Ein Mann rechnet ab
Roman von Horst Biernath
4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Von Karens Anwesenheit nahm er nicht die geringste Notiz. Er veränderte seine Haltung nicht um einen Zoll. Sie sah ihn genau im Profil. Es war etwas in feinem Ausdruck, was sie entmutigte, ihn anzusprechen oder eine Unterhaltung zu beginnen. Sie saß ganz still auf ihrem Stuhl und beobachtete ihn heimlich. Es war, als vergliche sie den Malte Brackmann von heute mit einem Bild, das sie von ihm im Gedächtnis trug.
In ihrer (Erinnerung stand das Bildnis eines jungen, fröhlichen Mannes mit blitzenden Zähnen und einem widerspenstigen braunen Scheitel, dem sie als Vierzehnjährige in der ersten schwärmerischen Neigung ihres Lebens heimlich "ihr Herz geschenkt hatte. In einem Poesialbum aus jener Zeit, in das Malte sich gleich hinter ihrem Vater und der Mutter eingetragen hatte, lachte seine Photographie auf die andere Seite hinüber, wo er ihr als Wegweiser für ihr Leben die Goethe-Verse eingeschrieben hatte:
Willst du dir ein hübsch Leben zimmern. Mußt dich ums Vergangene nicht bekümmern. Das wenigste muß dich verdrießen;
Mußt stets die Gegenwart genteßen, Besonders keinen Menschen hassen Und die Zukunft Gott überlassen.
Ob er sich daran erinnerte? — Sie hatte den Vers damals auswendig gelernt und eifersüchtig gehütet und keiner Mitschülerin ober Freundin auf der deutschen Schule in Puebla ins Stammbuch geschrieben, so, als ob Malte die Reime selbst er- funden und nur für sie allein bestimmt habe. Erst spater hatte sie entdeckt, daß er nicht ihr Dichter war, und es hatte sie ein wenig enttäuscht.
Von seinem Leben wußte sie fast nichts. Und sie wußte auch von dem düsteren Verhängnis nur wenig, das über ihn hereingebrochen war. Orgassa hatte ihr zunächst, wie man zu einem Kinde spricht, einfach erklärt, daß Malte Brackmann eine lange Reife angetreten habe, und daß es ungewiß sei, ob er zurückkehren werde.
Es hatte sie zunächst gekränkt, daß er sich nicht von ihr verabschiedet hatte. Dann war ihr der schreckliche Gedanke gekommen, daß Malte vielleicht tot sei und daß man ihr seinen Tod verheimlicht habe. Aber ihr -Vater hatte mit Bestimmtheit versichert, daß er lebe. Später, auf ihr Drängen und Fragen, hatte er dunkel und verworren geantwortet und sie ahnen lassen, daß mit Maltes Verschwinden ein Geheimnis verknüpft sei. Und schließlich, im Verlauf der Jahre, hatte sie das Geheimnis und Malte vergessen.
Nun war er also zurückgekommen und saß dort schräg vor ihr und war so erschreckend verändert, als. wäre ein Mensch zurückgekehrt, der mit dem äußeren Bild des Malte Brackmann von einst nur noch eine entfernte Ähnlichkeit aufwies; innerlich aber unterschied er sich von dem Mann, an den sie sich erinnerte, so gänzlich, als säße dort ein völlig Fremder.
Seine Gegenwart bedrückte sie. Sie wußte nicht mit Bestimmtheit zu sagen, was an ihm sie so verschüchterte; sie hatte nur das Empfinden, um ihn schwebe der Hauch des Bösen und von ihm ströme eine Gefühlskälte aus, als wäre er nie ein Kind gewesen, als hätte er nie gelacht und niemals Liebe empfangen. Sein Mund war schmal geworden. Seine Züge hatten sich verschärft, als müsse er dauernd bereit sein, sich seiner Haut zu wehren.
Und plötzlich spürte sie quälenb und fast unbezwingbar das Bedürfnis, aufzustehen und zu ihm hinzugehen und seinen Kopf in ihre Hände zu nehmen und sein glanzloses, straffes Haar zu streicheln. Nicht aus Siebe, nein, natürlich nicht aus Liede, aber aus dem Gefühl heraus, daß er der Zärtlichkeit und Güte bedürfe, weil sie ahnte, daß
er in diesen vergangenen Jahren Schweres durchgemacht und Leid und Erbarmungslosigkeit erfahren haben mußte. Und nur die^ Furcht, abgewiesen zu werden und sich lächerlich zu machen, lähmte ihren Wunsch und erstickte die Regung bereits im Keim.
Karen Orgassa war jetzt einundzwanzig Jahre alt. Von ihren väterlichen schwedischen Ahnen hatte sie das bernsteinhelle Haar und jene blühenden Farben, welche die Frauen von Gotland haben, wenn sie am Strand stehen und über das Meer schauend Netze knüpfen. Als (Erbteil ihrer deutschen Mutter war etwas von der Heiterkeit der fränkischen Landschaft in ihrem Wesen und — noch unerschlossen, aber im Innern ruhend und auf Bewährung wartend — jene schönste Eigenschaft deutscher Frauei^ dem Mann, dem sie sich anvertraut, in bedingungsloser Treue durch alle Höhen und Tiefen des gemeinsamen Lebens zu folgen.
Aeußerlich hatte ihr die Mutter die braunen Augen und die schmalen Bogen der dunklen Brauen mitgegeben, die in reizvollem Gegensatz zu dem goldenen Helm ihres Haares standen und ihrem Gesicht den Zauber des Unerwarteten verliehen, ein Spiel des Ausdrucks, das stets von neuem überraschte. Es war eine lebendige Schönheit der Farben, die vielleicht ein Maler, nie aber ein Lichtbild wieberzugeben vermochte.
Unb wie alt mochte Malte Brackmann sein? — Damals, als er so plötzlich „verschwand", hatte er die Mitte bet Zwanziger gerabe überschritten. Mein Gott, sollte er wirklich erst zweiundüreißig ober dreiunddreißig sein?
Sie hatte in den vergangenen sechs Jahren den großen Sprung aus der Kindheit in die Welt der Erwachsenen getan. Er war ein paar Jahre älter geworben, ein paar Jahre, die in biesem Lebensabschnitt äußerlich fast bedeutungslos waren. Aber ihn hatten sie ungeheuerlich verändert. Er sah aus wie ein Mann an der Schwelle des Alters, in dem man auf das Leben zurückzublicken beginnt. Es erschien wie ein Zufall, daß er noch das volle Haar
trug, und daß die Zeit ihm straffe Muskeln und feine weißen Zähne gelassen hatte. Die Wünsche, die ein Gleichaltriger ans Leben haben mußte, schienen bei Malte ausgelöscht zu sein. Was fonfite er erlebt haben, was hatte feine Lebenskraft so verzehrt?
Sie hörte, daß ihr Vater oben fein Zimmer verließ, die Treppe hinabstieg und sich wieder dem Raum näherte, jn dem sie beide saßen, und der von ihrem Schweigen so erfüllt war, daß sie das Gefühl hatte, die Stille wie einen körperlichen Druck zu verspüren. Sie sah, daß Maltes Zigarette bis auf einen winzigen Rest, dessen Glut fast feine Lippen erreichte, niedergebrannt war, und mit einer raschen Bewegung, welche die Stille mit einem Ton zerriß, als spränge ein Glas, beugte sie sich vor ünb öffnete bas Metallkästchen.
„Noch eine Zigarette?"'
Brackmann griff zu, ohne aufzüschauen.
„Danke —", murmelte er.
In diesem Augenblick trat Orgassa wieder ins Zimmer.
„Nun, alte Erinnerungen aufgefrischt?" fragte er herzlich.
„Ja —", antwortete Karen laut und hell. Brackmann drehte den Kopf zu ihr hin. Seine Augen blickten sie zum erstenmal offen an. In seinem Ausdruck lag ein leichtes Erstaunen. Und bann hob er unmerklich die Schultern und stand auf.
„Ah, das Geld —", murmelte er.
Orgassa hielt ihm ein kleines Bündel Banknoten entgegen. „Achthundert in Dollar und vierzig Pesos." Er griff in die Tasche und holte einen ganzen Haufen klingender Silbermünzen hervor. „Ich hoffe, daß nicht allzu viele falsche darunter sind; jedenfalls habe ich sie nicht extra ausgesucht."
Brackmann schob die Scheine und Münzen in die Tasche, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er machte eine Bewegung in Karens Richtung, die wohl eine Verbeugung vorstellen sollte, und wandte sich dann an Orgassa: „Wenn du mir jetzt mein Zimmer zeigen willst —"
(Fortsetzung folgt)


