fammenfaffung der kolonialen Verwaltung unter einer einzigen leitenden Persönlichkeit forderte, um mit den „freien" Kolonialgebieten Belgisch-Kongo und Französisch-Aequatorialafrika Zusammenarbeit zu fördern. Mit einem im Kabinettsrang stehenden Staatsminister versucht England gleichzeitig dem wachsenden Einfluß der USA. an der afrikanischen Westküste zu begegnen. Lord Swinton war von 1931 bis 1935 Kolonialminister, von 1935 bis 1938 Luftfahrtminister, seit 1940 Vorsitzender der „United Kingdom Commercial Corporation", einer staatlichen Handelsgesellschaft.
Staatspräsident Or. Hocha in Berlin.
Berlin, 9.Juni. (DNB.) Zur Teilnahme an dem Staatsakt für den Stellvertretenden Reichsprotektor und ^-Obergruppenführer Reinhard Heydrich traf Staatspräsident Dr. Hacha mit den Mitgliedern der Protektoratsregierung in Berlin ein. Er wurde am Bahnhof im Auftrage des Führers durch Staatsminister Dr. Meißner und den Stellvertretenden Reichspro- tektor Generaloberst der Polizei Daluege begrüßt. Nach Abschreiten einer Ehrenkompanie der Leiostandarte begab sich Staatspräsident Dr. Hgcha, von Staatsminister Dr. Meißner begleitet, mit den
Festungsanlagen von
Der Wehrmachtberichi.
DRB. Aus dem Führerhauptquarkier. 9. Juni. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
3m Festungsgelände von Sewastopol halten die Kämpfe an. Von schwerster Artillerie und stärksten Kräften der Luftwaffe wirksam unterstützt, hat unsere Infanterie eine Reihe von Festungs- anlagen auf beherrschender höhe gestürmt und Gegenangriffe des Feindes blutig abgewiesen.
Nordöstlich von Charkow scheiterten schwächere Vorstöße des Feindes.
3m mittleren und nördlichen Frontabschnitt wurden die eingeschlossenen feindlichen Gruppen unter wirksamer Unterstützung durch die Luftwaffe auf kleinem Raum zusammengedrängt. Oertliche Angriffe des Gegners blieben erfolglos.
Auf dem Ladogasee wurde ein Handelsschiff durch Bombenwurf beschädigt.
3n Rordafrika dauern die Kampfhandlungen weiterhin an, Die britische Luftwaffe verlor hierbei 22Flugzeuge.
Bei einem militärisch wirkungslosen Tagesangriff auf die K a n a l k ü si e schossen deutsche 3äger sieben britische Flugzeuge ab. An der Rordseeküsle brachte Marineartillerie ein feindliches Flugzeug zum Absturz.
3n der vergangenen Rächt richteten sich feindliche Luftangriffe gegen mehrere Orte Westdeutschlands. Die Zivilbevölkerung hatte Verluste. Ls entstanden Schäden vorwiegend in Wohnvierteln und an öffentlichen Gebäuden. Rachtjäger und Flakartillerie schossen 16 der angreifenden Bombenflugzeuge ab.
Bei der Zerschlagung des für die Sowjetunion bestimmten großen feindlichen Geleitzuges im Rordmeer haben sich Staffelkapiiän Hauptmann Flechner, Kampfbeobachter Leutnant Richtering und Flugzeugführer Unteroffizier P u s a v e c besonders ausgezeichnet.
Kämpfe von unverminderter Heftigkeit.
Berlin, 9. Juni. (DNB.) Der deutsche Angriff im Festungsgelände von Sewastopol begann nach starker Artillerievorbereitung und Bombardierung der Befestigungen durch Kamps- und Sturzkampfflugzeuge, wodurch mehrere Festungswerke stark angeschlagen oder vernichtet wurden. Die Kämpfe finden in einem unübersichtlichen, zerklüfteten W a l d g e l ä n d e statt, das von zahlreichen Schluchten und Steilhängen durchzogen ist. Die Bolschewisten hatten überdies diese natürlichen Hindernisse durch modernste Besestigungsmittel, durch Panzergräben, Minenfelder und Hindernisse ausgebaut. Trotz schwerster feindlicher Artillerieeinwirkung, insbesondere der Küstenbatterien, gelang es, nach Abweisung zahlreicher heftiger Gegenangriffe eine Reihe von Festungsan-
Herren seiner Begleitung zum Gästehaus des Reiches, Schloß Bellevue.
Reichsminister Dr. Goebbels empfing den Minister für Volksaufklärung in der Protektorats- regierung Emanuel Mo ravec zu einer längeren Unterredung.
Das Eichenlaub zum Ritterkreuz.
Berlin, 9.3unL (DNB.) Der Führer hat dem Hauptmann Lent, Gruppenkommandeur in einem Rachl-3agdgefchwader, am 8.6. das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen und ihm nachstehendes Schreiben zukommen lassen: „3n dankbarer Würdigung 3hres heldenhaften Einsatzes im Kampf für die Zukunft unseres Volkes verleihe ich 3hnen als 98. Soldaten der deutschen Wehrmacht das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes." Am gleichen Tage wurde dem an der Ostfront gefallenen Hauptmann Robert Georg Freiherr von Walapert gen. Reuf ville, Staffelkapitän in einem Sturzkampfgeschwader, nachträglich vom Führer das Eichenlaub zum Rlterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.
Sewastopol gestürmt.
lagen zu erstürmen. Die Kämpfe dauern mit unverminderter Heftigkeit an. Die pausenlosen Einsätze der Luftwaffe hielten die feindliche Artillerie nieder und brachten den Truppen des Heeres wesentliche Entlastung bei der Erstürmung der Bunker- und Grabensysteme. Besonders heftig waren die Luftangriffe auf einen von starken bolschewistischen Kräften verteidigten B a h n h o f am Stadtrand, der mitsamt abgestellten Güterzügen zerstört wurde.Auch mehrere Kasernen im Südteil der Stadt wurden in Brand geworfen.
Am 28. Oktober des Borjahres war der Zugang zur Halbinsel Krim, die mit ihren 26 000 qkm etwa so groß ist wie die Länder Sachsen und Thüringen zusamengenommen, erkämpft. Am 15. November wurden Kämpfe im Gelände von Sewastopol gemeldet. Die nähere Umgebung der Stadt gehört dem Jaila-Gebirge an, das ein hohes Mittelgebirge etwa von der Art unseres Riesengebirges ist, aber vielfach aus Kalk besteht und darum sehr viel jähere Struktur form en zeigt. Infolge des Kalkgehaltes des Gebirgsbodens ist auch die Höhlen- bildung stark. In der näheren Umgebung von Sewastopol befindet sich der Teps-Kermen, ein Bergkegel von nur 542 Meter, der aber mehr als 10 000 (teilweise verwitterte) Höhlen in Reihen übereinander beherbergt, die als Wohnstätten oder Begräbnisplätze angelegt wurden.
Die Südwestecke der Krim wird von einer Reihe parallel verlaufender Flußtäler, die tief eingefurcht sind, zerschnitten. Im 30-Kilometer-Radius von Sewastopol liegen allein die Täler der Katscha, des Belbek und schließlich der Tschernaja. Die Tscher - n a j a mündet an der Hauptbucht von Sewastopol. Die Stadt Sewastopol selbst liegt an einer nach Süden ausgreifenden Nedenbucht, der Südbucht. Sewastopol ist heute eine Stadt von 112 000 Einwohnern. Die außerordentliche Gunst des natürlichen Hafens und feiner gebirgigen Umgebung hat geradezu eingeladen, Sewastopol zu einer mächtigen See- und Landfestung zu machen. Die Einfahrt zu der Bucht von Sewastopol ist nur 800 Meter breit, die Bucht, von der die erwähnte Südbucht mit der Stadt Sewastopol selbst abzweigt, erstreckt sich 7 Kilometer in das Land hinein bis Inkerman, wo die Tschernaja mündet. Etwa parallel zum Flußlauf der Tschernaja ist die Wasserleitung angelegt. Sewastopol heißt auf Deutsch ... Augsburg! Das griechische Wort Sebastos bedeutet so viel wie Augustus: erhaben oder ehrwürdig. Augsburg und Sewastopol haben den gleichen Ursprung des Namens: „Kaiserstadt",
Zwei USA.-Lustschiffe bei Lakehurst zusammengestoßen.
Stockholm, 10. 3unl (DRV.) Wie aus Reu- york gemeldet wird, st i e ß e n bei Üebungsflügen in der Rähe von Lakehurst zwei nordamerikanische Luftschiffe zusammen und stürzten ins Meer. Rur ein Wann der beiden Besatzungen konnte sich retten.
ZweiZahredeuffch-italiemscheWaffenbrüderschast
Am 10. Juni 1940 verkündete Mussolini vorn Balkon des Palazzo Venezia, daß Italien zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind England und Frankreich an die Seite Deutschlands getreten sei. Seit zwei Jahren kämpfen die Soldaten der beiden Nationen Schulter an Schulter auf den Schlachtfeldern dieses Krieges, zuerst im Westen, dann in Nordafrika, im Südosten und schließlich an der Hauptfront im Osten gegen den Bolschewismus. Ihre Luftwaffen und ihre Seestreitkräfte operieren in treuer Waffenkameradschaft gegen die feindliche Versorgungsschiffahrt und engen die Zustchr der Gegner immer mehr ein. Zwei Jahre deutsch-italienische Waffenbrüderschaft bedeuten zwei Jahre siegreichen Kampf gegen das plutokratisch-bolschewisti- sche Ziel der Aufrichtung einer Weltherrschaft des Judentums.
Italien hatte gleich zu Beginn dieses von England und Amerika heraufbefchworenen Krieges -unzweideutig erklärt, daß es nicht neutral, sondern — zunächst — nichtkriegführendes Land sei. Aber noch bevor die Waffen ihre harte Sprache führten, stand Italien mit seinem politischen und militärischen Gewicht treu an der Seite Deutschlands, bis zum äußersten bemüht, den Krieg zu vermeiden. Doch der Krieg war in London und Washington seit langem beschlossen und vorbereitet — nur ein schwächliches Zurückweichen hätte ihn aufhalten, niemals aber verhindern können. Diese Einschüchte- rungs- uiÄ Zermürbungsmethode der Pluto-Demokraten ist vor wenigen Monaten auch gegenüber Japan versucht worden. Mussolini aber ließ sich ebensowenig einschüchtern und bluffen wie Adolf Hitler: beide erkannten die feindliche Taktik und behielten die Entscheidung des Handelns in ihrer
Hand. Mit dem lO.Juni 1940 bestätigte der Ducs den vollen Sinn seines Wortes, das er im Jahre Jahre 1937 auf dem Berliner Mai-Feld prägte: „Die Ethik des Faschismus verlangt, mit einem Freund zusammen bis ans Ende zu marschieren." Der Eintritt Italiens in den Krieg bedeutete für die Feinde eine vollständige Verschiebung ihres-Kriegsplanes, der darauf ab gestellt war, die beiden befreundeten Nationen voneinander zu trennen und dadurch Deutschlands Südflanke aufzurollen. Wenn heute das Mittelmeer für England als Hauptzufuhrstraße und Operationsgebiet schwer gefährdet ist, so ist das die unmittelbare Auswirkung des Kriegseintritts Italiens.
Die deutsch-italienische Freundschaft ist einmal auf den Gleichklang der nationalsozialistischen und faschistischen Grundidee des nationalen ivozialismus und zum andern auf der persönlichen Freundschaft zwischen Führer und Duce begründet. Sie hat sich schon vor dem Kriege als solide Basis erwiesen und wurde durch das gemeinsame Kriegserleben noch wesenllich gestärkt. Schon während des Spanienkrieges bewährte sich diese Freundschaft zwischen den Soldaten der beiden Nationen, die hier Schuller an Schulter mit den spanischen Freiheitskämpfern gegen den Bolschewismus ihr Blut einsetzten. Es hat im Laufe des jetzigen Krieges kein wesentliches Ereignis gegeben, das nicht im Geiste ehrlicher Freundschaft zwischen den beiden Staatsmännern besprochen und in ihrer Zielsetzung festgelegt worden wäre. Zwei Jahre Krieg Italiens an der Seite Deutschlands heißt zwei Jahre Kampf um die Neuordnung Europas, um die Vernichtung der jüdischen Pluto- kratie und des Bolschewismus.
Die Flucht in die Diplomatie.
Bon unserem Dr. L.-Korrespondenten.
Stockholm, 4.Juni 1942.
In London gefällt man sich augenblicklich in dem Gerede von einer beabsichtigten diplomatischen Aktivität der Briten und Amerikaner. Daß diese Angaben aus dem britischen Jnformationsministerium stammen, bedarf angesichts der reichlich dick aufgetragenen Farbe keiner Erwähnung. Trotzdem erscheint es ratsam, die Berichte über diese diplomatischen Verhandlungen nicht einfach als Erzeugnis der englischen Propaganda beiseite zu schieben, sondern sie vielmehr auf ihre politische Bedeutung zu untersuchen.
Zunächst einmal ist es ziemlich deutlich, daß diese 0lucht auf das Schlachtfeld der Diplomatie die olge der Erkenntnis ist, daß die viel erörterte militärische Offensive der Engländer nicht möglich ist. Um diezweite Front ist es in England und auch in Amerika in den letzten Wochen wieder ziemlich still geworden. Die Öffentlichkeit hat sich erstaunlich schnell mit dieser Tatsache zufrieden gegeben, wobei wahrscheinlich die amtlichen Mitteilungen über die Errichtung einer „Luftfront" durch die Verstärkung des Bombenkrieges mitgewirkt haben.
Um das englische Publikum zu beruhigen, wäre daher die Ankündigung einer „diplomatischen Offensive" kaum notwendig gewesen. Die britische Regierung hat aber schon seit langer Zeit nicht nur auf die eigenen Untertanen Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf die Exilregierungen. Obwohl diese schattenhaften „Bundesgenossen" keine wirkliche Macht repräsentieren, so haben sie doch verstanden, sich einen beachtlichen Einfluß zu verschaffen. Ueber sie hinwegzugehen, kann sich die Regierung kaum leisten, weil dann sofort von den beleidigten „Bundesgenossen" einige englische Parlamentarier und Journalisten aufgeboten würden, die eine laute, vielfach auch wirkungsvolle Kampagne gegen die Regierung im Unterhaus und in der Presse inszenieren. Diesen Ministern von gestern und vorgestern sind durch die Mitteilung maßgeblicher englischer Politiker, daß die Errichtung einer zweiten Front in der nächsten Zukunft unmöglich ist, die Felle weggeschwommen, um ihre Enttäuschungen einzu- bämmen, mußte irgend ettnas geschehen. Ihnen genügt auch die Bombenoffensive nicht. Denn daß mit Fliegerbomben allein der Krieg nicht gewonnen werden kann, haben die meisten von ihnen längst erkannt. So begann man in London und Washington den Exilregierungen ein Bild des künftigen
Europas zu malen, wie es sich die Herren in London nach ihrem „Siege" vorstellen.
Aber schon gleich zu Anfang stieß man auf eine große Schwierigkeit. Die kleinen Trabanten fragten nämlich, wen man sich am „Tisch der Sieger" vorzustellen habe, etwa nur die Briten und Amerikaner oder auch die Sowjetunion. Wenn diese auch beteiligt sein sollte, so sei doch wohl die erste Voraussetzung daß die Sowjetregierung an den Besprechungen über die von diesen Herrschaften erträumte Neuordnung Europas und der Welt beteiligt würde» In London war man damit auch durchaus einverstanden, da dort schon seit langer Zeit unter dem Einfluß der „fortschrittlichen" Politiker, zu denen in erster Linie Churchill, Eden und Cripps, aber auch der neue Erzbischof von Canterbury und andere hohe anglikanische Geistliche zählen, eine engere Zusammenarbeit mit dem Moskauer Verbündeten befürwortet wurde. In Washington zeigte mgn sich zunächst weniger willig. Das Mißtrauen gegenüber den Bolschewisten ist außerhalb des Rooseveltkreises in den Vereinigten Staaten immer noch sehr rege; schließlich gelang es den Engländern jedoch, die Bedenken der Amerikaner zu zerstreuen, und die noch im Dezember den Sowjets verweigerte Kriegserklärung an Ungarn, Rumänien und Bulgarien, die ohnehin nur noch formelle Bedeutung hat, wurde als äußeres Zeichen des Willens zu enger Zusammenarbeit vom Kongreß bewilligt.
Wie weit nun inzwischen die Besprechungen zwi- scken den drei Regierungen gediehen sind, hat die Außenwelt nicht erfahren. Mitteilungen darüber sind auch nicht sehr wahrscheinlich, wenngleich in London behauptet wird, es sei eine Erklärung der Kriegsziele vorgesehen, welche noch feierlicher formuliert und ihrem Inhalt nach sehr viel weiterreichend und präziser fein solle als die Atlantik-Erklärung nach dem ersten Zusammentreffen zwischen Churchill und Roosevelt im August vorigen Jahres.
Selbst wenn aber zur Stärkung der Scheinregierungen in London eine feierliche Erklärung herauskommen sollte, so würde diese wohl keine konkreten Einzelheiten darüber enthalten, wie ein angelsächsisch-bolschewistisch regiertes Europa aussehen könnte. Enthüllungen solcher Art würden vielleicht doch eine allzu ernüchternde Wirkung nicht nur auf die verbündeten Exilregierungen, sondern auch auf ihre früheren Untertanen haben. Jedenfalls erinnert diese ganze diplomatische Offensive sehr stark an die geheimen Verhandlungen der Feindmächte während der letzten beiden Jahre des vorigen Krieges. Da-
Das Goeihehaus in Weimar.
Bon Professor Dr. Hans Wahl.
Es gibt in der ganzen Welt keinen Raum, der mit dem Arbeitsleben eines der größten Menschen durch ein volles Jahrhundert verbunden gewesen ist unb der noch unverändert in unserer Gegenwart steht, außer dem Arbeitszimmer Goethes im Haus am Frauenplan in Weimar. Unb bieser große Dichter, Naturerforscher, Kunstbetrachter, Deyker unb Weise, ber gleichzeitig seinem Staate als Kriegs-, Bergwerks-, Straßenbau- und Finanzminister diente unb später als Staatsminister das Weimarische Theater in seiner Blütezeit leitete, die Jenaer Universität in ihrem Aufstieg förberte, — dieser Mann war nicht nur ein Deutscher, sondern keine Nation der Welt darf sich rühmen, in ihrer Vergangenheit einen in gleicher Weise umfassend tätigen, schöpferischen Geist hervorgebracht zu haben. Und dieser gewaltige Geist lebte, auch hierin ein echter Deutscher, trotz seiner hohen sozialen Stellung 50 Jahre in dieser bescheidenen Zelle, die seit wiederum einem halben Jahrhundert — seit bem Tobe seines letzten Nachkommen — die ganze Welt mit Ehrfurcht betritt, um nicht nur ihm als dem größten deutschen Dichter und Denker zu huldigen, sondern dem deutschen Gei st e überhaupt, bem alle Länber ber Erde so unendlich viel verdanken.
Stein Urenkel Goethes konnte im Weltkriege mit- tämpfen, kein Ururenfel -kann jetzt an der Front stehen, da schon die Enkel den großen Namen, von seiner Last lebenslang bedrückt, ehelos ausklingen ließen. Ihre Lebensscheu hat die gesamte räumliche Umwelt des großen Vorfahren unberührt der Nachwelt geschenkt. Aber ihr Geschenk war weit umfassender und großartiger. Sie schenkten den gesamten Nachlaß Goethes bem deutschen Volke: den Nachlaß des Dichters, des Naturerforschers, des Kunstbetrachters, des Denkers unb des Weifen. Und aus diesem Geschenk erwuchs durch deutsche wissenschaftliche Forscherarbeit die gewaltige geistige Gestalt des deutschen Goethe, der die ganze Welt zur Ehrfurcht vor deutschem Wesen zwingt und auch heute mitten im Kriege die Deutschzugewandten der Erde im Glauben an Deutschland festhält.
Vielfältig sind die Bande, die von Goethes Ar
beitszimmer und von ber Schwelle feines Sterbe- zimmers Yinleiten zu den gutgesinnten Menschen aller Länber ber Erde, unb wenn sie auch jetzt mannigfach zerrissen sind, sie werden sich wieder cm- fnüpfen; die Herzen von uns Deutschen aber sind dem Bewohner der äußerlich so einfachen Werkstatt seiner Arbeit ungehindert verbunden geblieben und werden es bleiben. Ja, wir wissen, daß sie sich gerade jetzt fester unb inniger aneinanber knüpfen. Wenn jetzt mitten im Kriege die Frau eines Schlossers in einem großen Rüstungswerk, wenn der junge Feldunterarzt an der Front, wenn die Reinemachefrau eines Vortragssaales in einer Großstadt, wenn der Inspektor und der Stallknecht eines norddeutschen Gutes, wenn der Offizier und ber Mann aus bem Felde, um nur einige Beispiele aufzugreifen, gerade jetzt, Ehrfurcht und Dankbarkeit zu Goethe bekennen wollen, bann wissen wir, baß auch jeber an der Front, wenn er sein Vaterland verteidigt und wenn er dabei auch nicht an das Goethehaus, sondern vielleicht an den Brunnen in seinem Dorf denkt, sich bewußt ist, daß er sein Leben für die höchsten Kulturgüter ber Nation einsetzt.
Jeber Deutsche im Felde draußen hat einen Brunnen, an den er mit Liebe denkt. Dem einen ist es ein wirklicher Dorfbrunnen, dem andern sind es symbolisch die Dächer der Großstadt, über die er oft hinweggeschaut hat, dem dritten ist es die stolze Geschichte seiner burggekrönten Heimatstadt, dem siebenten ist es ein Buch, bas seinen Geist entscheidend mitgeformt hat, dem zwölften ein wissenschaftliches Ziel, das er sich für die Zukunft gesteckt hat, ober die Werkstatt seiner täglichen Arbeit, dem hundertsten ein Bauernhof, den seine Väter von alters her treu und hart verwaltet haben, bem tausendsten vielleicht ein treues Herz, das ihm gehört. Sie alle aber horchen auf, woher sie auch gekommen sind und wo auch immer ihnen ihr Brunnen rauscht, wenn bas Lied erklingt: „Sah ein Knab ein Röslein stehn" oder „Ich ging im Walde so für mich hin". Sie denken vielleicht dabei gar nicht an Goethe, aber sie werden von seinem Geist leise gestreift, so wie den Kameraden zur Rechten bas Wort berührt „Ebel sei ber Mensch, hilfreich und gut", unb ben zur Linken „Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten".
Aber sie alle lieben, wenn sie ihren Brunnen rauschen hören,' ohne es zu wissen, in Goethe ben
großen Deutschen, besten Haus, besten bescheibenen Arbeitsraum unb besten Sterbekammer sie ebenso oerteibigen, wie sein großes, ewig fruchtbares Geisteserbe. Ein deutscher Dichter, der Niederdeutsche Karl Imm ermann, har wenige Jahre nach Goethes Tode in seinen stillgewordenen Räumen gestanden und damals die Worte ausgezeichnet:
„Hierher soll man junge Leute führen, damit sie den Eindruck eines soliden, redlich verwandten Daseins gewinnen. Hier soll man sie drei Gelübde ableaen lassen: des Fleißes, der Wahrhaftigkeit, ber Konsequenz."
Unb der Weise von Weimar, er hat uns allen, an ber Front wie in ber Heimat, vor über hunbert Jahren ein kleines Bild gezeigt, auf dem ein be= schilberter, gepanzerter Arm schirmend eine deutsche Landschaft vor Gewitterstürmen deckt, und dazu die Worte geschrieben:
„Manches Herrliche ber Welt Ist in Krieg und Streit zerronnen. Wer beschützet unb erhält, Hat das schönste Los gewonnen."
Reise durch den deutschen Wald
' Bon Paul Eipper.
Das erste Wort in dieser Ueberschrift ist falsch: man darf nicht durch ben Wald reisen, wenn man ihn erleben will; man muß im Walde verweile n.
Sollten Sie, verehrter Leser, dagegen einwenden, wer das sich heutzutage wohl noch leisten könne, so. sage ich Ihnen, daß es auf die Länge ber Zeit babei ebensowenig ankommt, wie auf die zurück- gelegten Kilometer. Sie können eine Woche, einen Tag, ja sogar nur eine Stunde draußen unter den Bäumen wandern, gehen, verweilen und restlos beglückt werden; bas Naturerlebnis ist stets greifbar für ben, ber die Zauberformel weiß.
Fahren Sie mit Straßenbahn, Omnibus ober Vorortzug an ben Saum des Waldes unb sagen Sie beim Aussteigen zu sich selber recht eindringlich: „So, jetzt gehe ich in ben Wald, zu ben Urquellen der Natur! Ich habe kein Ziel, feine Verpflichtung während der nächsten Stunden, während des Wochenendes oder der Urlaubstage; ich brauche
niemals zu eilen. Wenn ich müde werde, kann ich rasten, überall und sofort." Aber Sie werden gar nicht müde, weil Sie sich körperlich unb seelisch. unter den Bäumen, im Gras unb auf ber Heibe nicht zu hetzen brauchen, weil man dort ohne Gier erlebt im Gegensatz zur Stabt, auch ohne Leidenschaft. Man ist «ur immer bereit für die Nähe und bie Ferne, und ich versichere Ihnen, man wird niemals enttäuscht.
Glauben Sie nun nicht, lieber Leser, daß über allen meinen Waldwanderungen bie Sonne geschienen habe! Es waren viele trübe Tage dabei, nasse auch, kalte, verhagelte und stürmische.'
Ich blieb in Winternächten braußen in ber Forst, während bas Thermometer 27 Minusgrade zeigte, lief im April fünf Stunden bei Dauerregen über Tag unb Berg. Meinen Sie, das fei häßlich ober unangenehm? Nein — es gibt im Walde überhaupt kein häßliches Wetter. Man muß sich nur zweckmäßig anziehen, unb man wirb entdecken, baß beispielsweise ber Regen im Wald besonders schön ist. Es gluckst und plätschert überall, bie Natur singt eine elegische Molltonmelodie, und auf wette Strecken begegnet man keinem Menschen. Das Erdreich dampft; würzige Gerüche strömen dir von überall zu. Du gehst im Regen wie in einer Umhüllung, bist eingesponnen und kannst dich endlich einmal selbst belauschen, ohne Storung von außen. Man braucht weder Zoologie noch Botanik studiert zu haben, braucht auch kein Jäger zu sein, um immer neue Entbeckerfreude im Walde zu genießen. Notig ist das aufgeschlossene Herz; bann sieht man den $3alb unb hort ihn, riecht, fühlt unb schmeckt seine Vielfalt, begegnet dem Gotte Pan in Busch unb Baum, bei Tag unb Nacht, am Morgen unb Abend. Wer heute keinen Kronenhirsch sieht, findet am welken Eichenblatt neue Wunder ber Erkenntnis, erlebt bie Urkraft des Gewitters, ben milden Glanz bes Vollmondes über einer bewaldeten Berg« halbe, oder liegt mit geschlossenen Augen ausge- ftretft im Moos, hört das Raunen der Lüfte. Nichts ist zu gering, um nicht im Kleinen noch die Göttlichkeit empfinden zu lassen.
Ewig lebt ber Wald, ist täglich gleich und verändert sich doch mit jedem Atemzug. Schon ber erste Schritt in ben grünen Dom öffnet das Tor ftür Herzkammer der Natur, mitten hinein.


