mals versuchte man auch, ine künftige Welt im voraus zu organisieren, und schloß dann so viele Geheimverträge, daß zum Schluß die weniger Mächtigen erkennen mußten, daß sie betrogen worden waren. Es gehört schon die politische Kurzsichtigkeit der Exilregierungen dazu, nicht zu erkennen, daß die diplomatische Offensive nur ein geschickt inszeniertes Schauspiel ist, dessen schillernde Szenen von der grauen Wirklichkeit ablenken sollen.
Kleine politische Nachrichten.
Der Führer hat dem Reichsminister Graf Schwerin vonKrosigk,derin diesen Tagen seine zehnjährige Amtstätigkeit als Reichsminister der Finanzen vollendet hat, durch ein herzlich gehaltenes Telegramm seine Glückwünsche ausgesprochen.
*
Vor Studenten der Universität Berlin sprach Generalgouverneur Reichsminister Dr. Frank über das Thema' „Rechtsidee und Volksgemeinschaft". Diesem Vortrag wohnten neben zahlreichen Vertretern von Staat, Partei und Wehrmacht auch Vertreter der befreundeten auswärtigen Mächte bei.
-- *
Der König Viktor Emanuel stattete Versuchseinheiten der italienischen Luftwaffe auf einem mittelitalienischen Flugplatz einen Besuch ab. Dem Souverän wurden die neue st en Flugzeugtypen, die in nächster Zukunft eingesetzt werden sollen, vorgeführt.
Kunst und Wissenschaft.
Die Berliner Philharmoniker in der Schweiz.
Das Berliner Philharmonische Orchester weilt zum erstenmal seit Kriegsbeginn in der Schweiz. Die Reihe der Konzerte unter Wilhelm Furtwängler wurde in Basel eröffnet mit Beethovens 1. Sinfonie, seiner großen Leonoren-Ouver- türe und der C-dur=Sinfonie von Schubert. Wurden die deutschen Gäste schon mit warmer Herzlichkeit begrüßt, so steigerte sich der Beifall des aus- oerkauften Hauses am Schluß zu ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. — In Bern hatten sich neben den musikalischen Kreisen zahlreiche Diplomaten der verbündeten und neutralen Länder eingefunden. Mit der elegischen 4. Brahms-Sinfonie und Beethovens 7. Sinfonie, jener Apotheose des Tanzes, wie sie Richard Wagner genannt hat, riß Furtwängler die Berner zu einer Begeisterung hin, wie sie hier selten erlebt worden ist. Die deutschen Künstler werden in Genf, Lausanne und Zürich spielen.
Familienlag der Vachs.
Zwei Sendefolgen des Rundfunks schildern einen Familientag des weitverzweigten Geschlechts der Bachs, dessen Vorfeier mit Kammerorchester und Cembalo erklang. Der Musikhistoriker Prof. Dr. Hans Joachim Moser hat einen lustigen Text dazu verfaßt, der den Hörer mitten hinein in -das große Musikzimmer des Thomas-Kantors versetzt, in dem der Konvent tagte und der die Familienangehörigen aus dem Thüringer Raum aus Meiningen, Mühlhausen, Jena, Arnstadt und Weimar aufnahm. Ueberall waren sie ob ihrer Kunst geachtet und geehrt und auch diesmal kommt der Vetter Johann Nicolaus Bach, Johann Christophs Sohn aus Jena, zu Wort. Aber während sein Vater einer der größten Orgelspieler und Kontrapunktiter des 17. Jahrhunderts war, hält es der Sohn, obgleich darin ebenfalls „versieret" mit einem kecken Stücklein, und seine von Professor Fritz Stein herausgegebene und von ihm dirigierte Kantate „Der jenaische Bierhofer" ist ein lustiger Studentulk, über den wir heute noch herzlich lachen, wenn er so hübsch vorgetragen wird wie Lore Hoffmann, Marieluise Schilp, Walther Ludwig, Rudolf Bockel- mann und Reinhold Dörr es taten. Johann Sebastian, der fröhliche Gastgeber, stand nicht zurück und führte seine drastisch heitere Bauernkantate „Mir habn ne neie Obrigkeet" vor, was ebensoviel Beifall fand, wie Frau Anna Magdalenas „Honigbäume".
Greta Daeglau.
Roberl-Schumann-Fest in Zwickau.
Das Robert-Schumann-Fest in Zwickau wurde mit der Jahresversammlung der Robert-Schumann- Gesellschaft eingeleitet. Die Zahl ihrer Mitglieder ist auf 400 gestiegen. Von der neuen Schumann-Büste von Alfred Brumme wurde je ein Exemplar in der Robert-Schumann-Schule und im Schumann-Museum in Zwickau aufgestellt. Die neue Schumann- Biographie von Dr. Bötticher kommt in diesen Tagen heraus. Im nächsten Herbst soll auch ein Auswahlband der Schriften und Briefe Schumanns erscheinen. Den Robert-Schumann-Preis 1942 erhielt der 75jährige Musikdirektor Paul Gerhardt, der verdienstvolle Altmeister der Zwickauer Organisten 400 Kinder der Zwickauer Schulen vereinigten sich unter Leitung von Lehrer Eibisch zu einem Gemeinschaftssingen. Das Mozarteum-Quartett aus Salzburg spielte Quartette Mozarts und Schumanns. * ___
Obus-Betrieb Gießen — Klein-Linden.
Eröffnung am 18. Zuni.
Am Donnerstag nächster Woche, 18. Juni, dem ersten Jahrestag der Eröffnung der ersten Obus- Linie in Gießen, wird der Obusbetrieb zwischen Gießen und Klein-Linden ausgenommen werden. Die neue Strecke vom Selterstor bis zum Endpunkt Klein-Linden ist 3,4 Kilometer lang.
Die Strecke Gießen—Klein-Linden ist in vier Zahlgrenzen unterteilt, die Streckenlänge zwischen zwei Zahlgrenzen kostet stets 5 Rpf., so daß also Der Fahrpreis zwischen Selterstor und Klein-Linden (Endpunkt) 2Ö Rpf. beträgt. Die Linie hat folgende Haltestellen: Selterstor, Friedrichstraße, Klinikstraße, Schubertstraße, Aulweg, Dammstraße, Wetzlarer Straße, Kirchstraße, Waldweide (Endpunkt Klein-Linden). Angefangene Teilstrecken müssen voll bezahlt werden. Wer also z. B. von Klein- Linden Waldweide (Endvunkt) zum Bahnhof Gießen (Haltestelle Friedrichstraße) fahren will, muß vier Teilstrecken = 20 Rpf. Fahrgeld bezahlen, der
gleiche Fahrpreis gilt für die Strecke Waldweide bis Selterstor.
Die Wagen verkehren vom Endpunkt Klein-Linden (Waldweide) bis zum Selterstor, dort wenden sie und fahren nach Klein-Linden zurück. Voraussichtlich werden die Wagen halbstündlich fahren, soweit erforderlich, am Morgen und am Abend durch Bereitstellung von Einsatzwagen viertelstündlich. Um- steigemöglichkeit auf die anderen Obus-Linien ist am Selterstor.
Die Linienführung des Obus um die Anlagen in Gießen wird eben fertiggestellt. Diese Linie wird vier Teilstrecken enthalten, und zwar Selterstor, Neuenwegertor (am Stadttheater), Walltor und Neustädtertor (Oswaldsgarten). Die Haltestellen auf dieser Linie werden sein: Selterstor, Goethestraße, Neuenwegertor, Moltkestraße, Landgericht, Walltor, Asterweg, Dammstraße, Neustädtertor, Bahnhofstraße, Selterstor.
Der bessere Weg.
Keine Männeranzüge und Mäntel zu Kinderkleidern verarbeiten!
Kleine Kinder verbrauchen viel KleidmKff und die Kinderkleiderkarte ist nicht gerade üppig ausgestattet. Es bedarf viel guten Zuredens bei den Kindern, die Sachen doch möglichst zu schonen, und eine Mutter hat recht viel zu stopfen und zu flicken wenn die Kinder — allein auf die Kleiderkarte gestellt — immer nett aussehen sollen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn eine Frau den ausrangierten Anzug ihres Mannes nicht fortgibt, sondern auftrennt und entweder selbst etwas für ihre Kinder schneidert ober schneidern läßt. Die Erfahrung lehrt nun aber, daß das Ergebnis — volkswirtschaftlich gesehen — ein sehr mageres ist. Aus einem Männerwintermantel kann man leider nur einen Knabenmantel herausschneiden, alles andere verfällt der Lumpenkiste. Und beim Männeranzug ist es nicht viel anders; allenfalls ergibt eine Männerhose zwei Röckchen für ein Mädel. Dies Ergebnis ist aber heute kaum zu verantworten.
In einer Zeit, in der nicht nur die Spinnstoffe knapp sind, sondern auch alle Herrenschneider, soweit sie nicht gerade aus dem militärpflichtigen Alter heraus sind, eingezogen wurden, muß jedes noch tragfähige Herrenbekleidungsstück auf jeden Fall seinem Zweck erhalten bleiben, d. h. hier einem Arbeiter oder einem Bauern, die einen besonders großen Verschleiß an' Arbeitskleidung haben, zur Verfügung gestellt werden. Zu diesem Zwecke wird
die jetzige Spinnstoffsämmlung veranstaltet. Wir haben volles Verständnis dafür, daß es für eine Frau heute äußerst schwer ist, sich von einem ausrangierten Kleidungsstück ihres Mannes zu trennen, weil es ja „doch noch etwas für den Jungen geben könnte", aber das muß fein. Hier leistet der Haushalt auch einen kleinen Beitrag zum Sieg, denn Arbeitskleidung ist unbedingt notwendig, notwendiger als der Sonntagsrock und viel notwendiger als das gute Angezogensein der Kinder.
Wir müssen es uns als Eltern abgewöhnen, uns vor dem abgeschabten und gestickten Anzug oder Kleidchen unserer Kinder zu „genieren". Vor wem genieren wir uns denn? In der Regel doch nur vor den lieben Nachbarn, die selber keine Kinder mehr haben; denn wer Kinder hat, der weiß ja, wie es heute um den Kleiderschrank der Kleinen bestellt fein kann. Vor unfern Kindern selbst brauchen wir uns doch nicht zu genieren, denen ist es doch in der Regel, insbesondere den Kleinen selbst, höchst gleichgültig, was sie anhaben; die Hauptsache ist ihnen doch, daß sie raufen dürfen und nach Herzenslust spielen können.
Also gebt die ausrangierte Männerkleidung dorthin, wo sie hingehört, in die Spinnstoffsämmlung, die sie Arbeitern und Bauern als Arbeitskleidung zur Verfügung stellt.
Aus der Giadt Gießen.
Gefährliche Pflanzen.
Kinder sind im allgemeinen große Blumen- und Pflanzenfreunde und haben von klein auf den Wunsch, bei Spaziergängen durch Feld und Wald schöne Sträuße zu sammeln. Wenn schon gegen das wilde und wahllose Abreißen von Pflanzen — die nach kurzer Zeit oft als wertloser Ballast weggeworfen werden — von feiten der Mütter im Interesse des Pflanzenschutzes eingeschritten werden sollte, so auch noch aus einem anderen Grunde: Nicht alle Blumen «und Pflanzen sind ungefährlich, manche sogar ausgesprochen giftig. Die Kinder müssen darum schon früh dazu erzogen werden, daß'Pflanzen und Blumen nicht ohne weiteres gepflückt werden dürfen, wenigstens nicht, so lange sie nicht gelernt haben, schädliche von unschädlichen zu unterscheiden. Ihnen ganz fremde Arten sollen sie auch bann noch stehen lassen, falls nicht ein Pflanzenkundiger babei ist, ber ihnen sagen kann, um welche Art es sich handelt. Aber auch Erwachsene tun gut, sich etwas mehr Pflanzenkunde zu verschaffen, um nicht schädliche Pflanzen zu berühren, von denen oft rätselhafte Hauterkrankungen an den Händen berühren, deren Herkunft die Befallenen nicht kennen.
Giftig und daher gefährlich sind z. B. die Blätter und Wurzeln der Zehrwurz, auch Aronsstad genannt. Die Pflanzenwurzel ist eine weiße Knolle, die Blätter sind pfeilförmig, die Blüte besteht aus einem noch vorn keulenförmig verdickten violetten ober rotbraunen Kolben. Auch bie Blätter des Kirschlorbeers sinb giftig, ebenso finden sich in den Beeren aller Sauerdorn- und Berberitzenarten schädliche Stoffe. Die Schoten des schönen Goldregens enthalten ebenfalls einen scharfen Giftstoff, wie auch die liebliche Christrose zu den gefährlichen Pflanzen zu rechnen ist, die man mit kleinen Wunden an den Händen besser nicht berührt; am allerwenigsten soll man ihre Stiele in den Mund nehmen. Der klebrige Milchsaft des Löwenzahn kann gleichfalls Krankheiten Hervorrufen, wenn er in Hautriffe eindringt. Das Spiel mit den Löwen- zahnstengeln, aus denen die Kinder so gerne Ketten Herstellen, ist durchaus nicht ganz harmlos. In den Blättern des rotblühenden Fingerhuts findet sich das in der Heilkunde zwar sehr geschätzte Digitalis- Gift, das aber beim unvorsichtigen Pflücken der Blätter nicht ungefährlich ist. Die Beeren ber Stechpalme beherbergen sogar mehrere Gifte, unb auch die Beeren des Efeus enthalten Giftstoffe und sind Darum als Spielzeug für Kinder nicht geeignet. Weiter zählen zu den giftenthaltenden Pflanzen bie blaulila blühenbe Küchenschelle, der Wasserschierling mit seinen weißlich-grünen Blütendolden unb Der gefleckte Schierling; auch die Wolfsmilch ist giftig, ebenso bie roten Beeren ber Tollkirsche. Der Stechapfel, ber Nachtschatten, ber rosa blühenbe Seibelbast unb bie Einbeere dürfen nur mit Vorsicht gepflückt werben unb sollten Kinbern ganz verboten werben. Aber auch das gemeine Geißblatt, manche Schneeballarten, viele Winden, den Oleander unb das Alpenveilchen vermeidet man besser. Ganz streng zu verbieten ist Kindern die Unsitte — auch Erwachsene machen sich ihrer oft schuldig —, Grashalm? durch den Mund zu ziehen. Sie sind oft mit gefährlichen winzigen Strahlenpilzen bedeckt, die schwere Erkrankungen Hervorrufen können.
Lassen wir also Pflanzen und Blumen mehr eine Augenweide sein, statt sie abzureißen
Lebensalter und Berufstüchtigkeit.
Die Deutsche Arbeitsfront (Berufserziehungswerk) hatte im Rahmen ihrer Vortragsreihe „Führung unb Gefolgschaft im Betrieb" auf Den gestrigen Dienstagabend alle Bettiebsführer unb betrieblichen Unterführer ihres Betreuungsgebietes zu einem Vortag von Professor Dr. Arthur Hoffmann über „Lebensalter unb Berufstüchtigkeit" eingeladen. Den fesselnden Ausführungen über die neuesten Forschungsergebnisse auf diesem wichtigen Gebiet — nicht trockene Gelehrsamkeit, soydern aus bem praktischen Leben unmittelbar gewonnene Erkenntnis — folgte eine große Zahl von Hörern mit gespannter Aufmerksamkeit. Den Darlegungen des Vortragenden waren folgenbe Gesichtspunkte zu entnehmen: Fortschreitendes Lebensalter ist nicht gleichbedeutend mit dem Absinken ber arbeitsmäßigen Leistungsfähigkeit bes Menschen, sonbern beim Nachlassen gewisser Leistungen vollzieht sich eine Ablösung durch andere bisher nicht bekannte Fähigkeiten, und es ist Aufgabe der für die Betriebe verantwortlichen Männer, dgfür zu sorgen, daß bie in einer Hinsicht nachlasfenben Fähigkeiten bes Menschen rechtzeitig erkannt und durch entsprechend geartete Beschäftigung eine erneute Volleistungsfähig- keit erreicht wird. Den Nachweis Dafür erbrachte der Vortragende durch Beispiele aus bem Leben unb Wirken großer beutfcher Männer. Die Hörerschaft bankte bem Vortragenden mit lebhaftem Beifall.
Lichtspielhaus:
„Oer scheinheilige Florian".
Ein bäuerliches Volksstück aus bem Bayrischen unb ~ aus der Zeit vor dem ersten Weltkriege: es geht überaus gemütlich und umständlich zu, und bie bewährte Pointen des Schwankes tun immer noch ihre Wirkung. Das Dorf Moosdenning bekommt eine neue Feuerspritze, was ein be'beutenbes Ereignis ist und mit einem Weihefestspiel gebührend gefeiert wird. Wie die Sache im besten Gange ist, geschieht das, was der ahnungsvoll beklommene Zuschauer seit geraumer Zeit kommen sieht: es bricht nämlich. Dem heiligen Florian zu Ehren, tatsächlich ein Brand aus, und man kann sich gar keine schönere Gelegenheit denken, die neue Spritze ihrer Bestimmung zuzuführen. Da es aber nicht nur nach Rauch, sondern außerdem auch verdächtig nach Brandstiftung und Versicherungsschwin- del riecht in diesem scheinheiligen und sündhaften Dorfe, fühlt man sich lebhaft an Bernhard Blumes Bauernkomödie „Fedrio" erinnert, und was erst so behäbig unb idyllisch begann, bekommt in der Gerichtsverhandlung zum Schluß noch bie geziemende dramatische Spannung und überdies eine -sozusagen pikante Wendung, Denn die Klärung der Brandursache ist nur durch die Preisgabe eines zarten Geheimnisses zu gewinnen, dessen Veröffentlichung wiederum auf die obligate Lustspielweise mit einer Verlobung sanktioniert wird. Das Drehbuch schrieben Ludwig Schmid - Wildy und Joe Stöckel nach einem Volksstück von Max Neal und Philipp Weich and. Stöckel führte auch sachkundig und bodenständig Regie unb spielte außerdem Den feisten und nicht sehr geisteskräftigen Oekonomen Johann Nepomuk Bacherer. Josef E ich h e i m bringt wieder eine seiner verschmitzten Bauerntypen aufs Tapet. Erna Fentsch und Beppo Brem als erfreuliches junges Liebespaar und Curt Vespermann als betriebsamer Versicherungsagent zeichnen sich im vielköpfigen Ensemble besonders aus. (Bavaria.) —
Im Beiprogramm gibt es die neue Wochenschau und einen Vorspann zu dem Film „Himmelhunde".
Hans Thyriot.
Oie Brenneffel
in Technik, Küche und Heilkunde.
NSG. Der Gausachbearbeiter der Reichsarbells- gemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflcm- zenbeschafsung teilt mit:
Wenn ausgerechnet die Brenneffel zum Gegenstand von Betrachtungen gewählt wird, so deshalb, weil an ihrem Beispiel gezeigt werden kann, wie außerordentlich nützlich manche von uns fälschlich als Unkraut bezeichnte Pflanzen, bie. uns bie Natur wildwachsend in Hülle unb Fülle beschert, fein können.
Betrachten wir die tief dunkelgrünen Blätter ber Brenneffel, mit beten Brennbaren wir bei unvorsichtigem Eingreifen schon manchmal in schmerzhafte Berührung gekommen sinb. Ihre sattgrüne Farbe verdanken sie einem besonders hohen Gehalt an Chlorophyll, dem grünen Blattfarbstoff. Er ist so groß, daß bie Technik zur Gewinnung bes grünen Farbstoffes befonbers gern bie Brenneffel benutzt unb große Mengen von ihr verarbeitet. Auch die Stengel der großen Brenneffel finben als faser- (iefernbes Material, das nach verschiebenen Ver- suchsergebnissen wohl geeignet sein kann, als Aus- weichstofs in der Textilindustrie Verwendung zu finden, immer wieder Beachtung.
Daß die Brenneffel auch für die Küche durchaus verwendbar ist, wissen heute zahllose Frauen aus eigener Erfahrung. Besonders die jungen, zarten Blätter liefern ein dem Spinat weitgehend ähnliches Gemüse. Wichtig ist dabei, baß in ber Brenneffel genau wie im Spinat ein Körper vorkommt, bas sogenannte Sekretin, bas u. a. auf bie Verbauungstätigkeit von Magen, Darm unb Bauch- speichelbrüfe anregenb wirkt. Für bie Küche ist wichtig, daß dieser Körper auch beim Kochen erhalten bleibt. Dem Bauern unb Geflügelhalter ist
Briefe in Bareiros Hand
Roman von Anna Elisabet Weirauch
Rechte durch Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
3. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
„Aus Liebe zu Ihnen! Ich bin nicht ber erste unb werde nicht ber letzte sein. Kommen Sie mit, Poggenburg!" Er legt Gerb bie Hanb auf bie Schuller. „Wir wollen uns gemeinsam trösten! Wir wollen unfern Gram in Alkohol ersäufen! Oder wollen wir ein Spielchen machen, um uns zu zerstreuen?"
„Warum sagen Sie das nicht gleich'?" fragt Katta. „Daß Sie ein Opfer suchen, bas Sie ausrauben können?"
„Ausrauben? Der Poggenburg wirb uns aus- rauben! Sie wissen doch, Unglück in der Liebe —'
„Das ist nicht wahr!" Gerb weist tapfer unb mit heiterem Lächeln die Neckereien zurück. „Von einer nnermiberten Liebe können Sie reden, aber nicht von einer unglücklichen! Ich fühle mich durchaus wohl babei!"
„Sehr richtig"^ brummt Detlev. „Eine erwiderte Liebe kann unglücklich fein unb eine einseitige sehr vergnüglich — im übrigen rate ich bir, mein Junge, laß dich nicht mit diesen Bauernfängern ein. Sie wollen bir nur bas Fell über bie Ohren ziehen!
„Er zieht es uns über die Ohren!" Borkmann legt beteuernd bie Hand auf die Brust. „Dieses Küken hat mir in den letzten Wochen eine halbe Monatsgage abgenommen! Er muß mir Revanche geben, meine Kinder schreien nach Brot!"
„Ist bas wahr, ©erb?" Detlev richtet einen ernsten und forschenden Blick auf Gerd, der zögernd aufsteht:
„Daß feine Kinder nach Brot schreien? Das weiß ich nicht. Ich dachte, er hat keine", sagte er lächelnd. „9firer daß ich ihm allerhand abgenommen habe —
das stimmt schon. Es ist mir selbst ein bißchen peinlich, aber man kann schließlich nichts dafür, wenn man eine Kutscherkarte in die Hand bekommt. Sie entschuldigen mich?"
Katta nickt ihm zu: „Sie sind in Gnaden entlassen! Aber treiben Sie's nicht zu toll, sonst müssen wir für den armen Borkmann eine Kollekte veranstalten."
„Du hättest ihn feschallen sollen", sagt Detlev nach einer Minute des Schweigens.
„Wie komme ich dazu?" Katta zuckt gleichgültig die Achseln. „Ich bin nicht seine Kinderfrau."
„Er ist so ein netter, frischer Junge — es täte mir leib, wenn er in schlechte Hände käme. Ich denke, wenn ich einen Jungen hatte ..."
Was hat es für einen Zweck, sich ein ,Wenn* auszumalen, er langweilt mich, wenn er dasitzt und mich anbimmelt."
„Oh, die Gnädigste hat Launen."
„Ich gestatte mir. Ich habe bie Laune, mich zu langweilen."
„Dann würde es wohl das gescheiteste sein, diesen Abend abzubrechen. Ernstlich. Ich langweile mich zwar nicht — wie nie in deiner Gesellschaft, aber ich würde gern morgen früh aufstehen, um zu arbeiten."
„Ein sehr lobenswerter Entschluß. Laß dich durch mich nicht abhatten."
„Also, du beabsichtigst, hier die Nacht durch hocken zu bleiben, um dich weiter zu langweilen?^
„Wo ich mich langweile, ist ja schließlich gleich —"
4.
Zehn Minuten später tritt Detlev Nehl auf die Straße, schlägt den Mantelkragen hoch und vergräbt die geballten Fäuste in den Taschen. Er ist denkbar schlechter Laune — ein unhaltbarer Zustand, dem ein Ende gemacht werden muß! So oder so! Nichts kann trotz allem seine Ueberzeugung erschüttern, wenn er Katta zu dem Entschluß
bringen könnte, zu heiraten. So wie es jetzt ist, geht es nicht weiter, 4s zermürbt ihn, es reißt an seinen Nerven.
Er geht zehn Schritte auf seinen kleinen Wagen zu, mit Den Schlüsseln klappernd, als eine dunkle Gestalt auf ihn ßutommt — eine Frau — sein Gesicht wird noch finsterer, er macht einen Bogen und beschleunigt den Gang, er ist gerade in der Laune, sich von einem Frauenzimmer auf der Straße ansprechen zu lassen. ,
„Verzeihung, mein Herr", sagt eine gehetzte unb tonlose Stimme neben ihm. „Können Sie mir vielleicht sagen, was bas für ein Haus ist?"
Was für eine alberne Ausrede! Unb eine Stimme, Die sich bemüht, kn einem fremdländischen Tonfall zu sprechen! Eine grobe Antwort schwebt ihm auf der Zunge, er dreyt halb den Kopf, um sie über die Schulter weg zu schleudern — und hält sie zurück, als sein Blick in ein Paar unnatürlich große und dunkle Augen trifft die voll zu ihm aufgeschlagen sind.
„Wie bitte?" fragt er stehenbleibend. „Was wünschen Sie?"
Der Schein Der Laterne beleuchtet ein schmales, reizvolles Gesicht — ein Gesicht, das trotz des zitternden Lächelns einen Ausdruck von Angst und Verzweiflung hat.
„Das H^us, aus dem Sie gekommen sind, eben, bitte, ist es ein Privathaus?"
„Nein, es ist ein Klub."
„Ein Spielklub?" kommt die hasttge Frage.
„Spielklub? — N — ein — mehr ein Künst- llrklub."
„Es Dauert wohl noch sehr lange —• ich meine, es ist Die ganze Nacht offen?"
„So ziemlich", sagt Detlev mit einem halb ärgerlichen Lachen. „Aber warum? Wollten Sie hinein- gehen? Es ist eigentlich nur für Mitglieder."
„O nein!" Der schmale dunkle Koos schüttelt sich in heftiger Abwehr. „Nicht Hineingeyen. Ich warte hier."
„Auf jemand, der da drinnen ist? Aber das kann unter Umständen sehr lange dauern."
„Ich weiß." In dem kurzen Achselzucken liegt eine Welt von Resignation. Dann irrt wieder das zitternde Lächeln um die Lippen. „Ich danke Ihnen sehr, mein Herr, für die Auskunft."
Die liebenswürdig gesprochenen Worte, das leichte' förmliche Neigen des Kopfes hat etwas so durchaus Damenhaftes, daß Detlev sich sozusagen entlasten fühlt. Er könnte nun an Den Hut greifen unb seinen Wagen besteigen. Aber seltsamerweise fühlt er sich feftgehallen, obgleich die Frau sich zum Gehen wendet.
„Aber hören Sie mal, das geht nicht! Hie tön« neu hier nicht warten!" stößt er in einem polternden Ton heraus. „Ich kann es nicht zugeben, daß Sie Die ganze Nacht hier patrouillieren! Außerdem wird es kalt, unb Sie sinb viel zu leicht angezogen!"
Ein gleichgültiges „Ach!" unb ein Achselzucken. Sein Blick geht über die schlanke, schmale Gestalt. Sie trägt einen dünnen schwarzen Mantel, der vielleicht einmal sehr teuer gewesen ist. Man kann nicht sagen, daß sie schäbig gekleidet aussieht, aber in der ganzen Erscheinung liegt etwas von mühsam festgehaltener Eleganz.
„Kann ich nicht den Betreffenden herausrufen lassen?" fragt er drängend. „Oder wollen Sie hin- eingehen? Ich kann Ihnen auch Zutritt verschaffen."
„Ach nein, danke." Sie schüttelt heftig Den Kopf. „Es macht nichts — wirklich, ich kann warten —"
Detlev kann sich noch immer nicht zum Gehen entschließen. Er weiß, daß die Vorstellung ihn verfolgen unb ihm den Schlaf nehmen würde: dieses Wesen, Das auf Der dunklen menschenleeren Straße in der immer kälter werdenden Nacht auf unb ob läuft, bis ihm die Füße versagen. Es liegt etwas so unendlich Trauriges und Verlassenes in dieser schmalen dunklen Gestalt.
i (Fortsetzung folgt.)


