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die Ausfuhr in Frage, weil die britischen und sow­jetischen Heere diese Mengen großenteils für sich be­nötigen und das, was aus den Raffinerien der Bahreininseln fließt, so gut wie restlos an der libyschen Front und im Mittelmeer gebraucht wird. Daß die Sowjetunion bereit und in der Lage sei, nennenswerte Mengen von Kaukasusöl auszu­führen, wird sogar von der Presse unserer Gegner verneint. Es bleibt also praktisch die Erzeugung Nord- und Mittelamerikas.

Für die USA. bedeutet es eine gewaltige Erschwe­rung, daß ihre Hauptölgebiete Texas und Oklahoma i m F n n e r n des Landes liegen und zu den Haupt­verbrauchszentren an der Ostküste riesige Entfer­nungen zu überbrücken sind, die beinahe so weit sind wie die zwischen Berlin und dem Kaukasus. Diese Transporte wurden zu mehr als 90 v. H. durch Tanker bewältigt, nicht anders die von kalifornischem Oel nach Neuyork. Außerdem gibt es einige Oelleitungen (pipelines), die aber voll bean­sprucht sind. °

Nun haben bisher die USA. alljährlich etwa so viel Oel, wie sie ausführten, auch eingeführt, annähernd 25 Millionen Tonnen aus Venezuela, Mexiko und anderen ibero-amerikanifchen Ländern, Auch hierzu wurden ausschließlich Tanker be­nutzt. Damit wird uns klar, was der jetzt auf volle Touren gebrachte U-Boot-Krieg an der Ostküste Nord- und Mittelamerikas und die gewaltigen Tankerverluste unserer Feinde in diesen Mee­ren bedeuten. An der Florida-Straße werden die Oelfahrzeuge aus Mittelamerika getroffen, an der Ostmündung des Panamakanals die aus Kalifor­nien, und in den karibischen Gewässern sinkt Tan­ker auf Tanker, der von Aruba nach Cura^ao, nach Boston oder Philadelphia strebt.

Mit der Tankschiffahrt wird eine Schlagader vor allem Nordamerikas gedrosselt, aber auch eine für England und feine Gliedstaaten lebenswichtige Verbindung. Bei Kriegsausbruch besaßen London und Washington zusammen annähernd 6 Millionen BRT. Tankertonnage davon sind beträchtliche Teile bereits vor der jetzigen Phase des U-Boot-Krieges versenkt worden, die Neubauten und Beschlag­nahmen fremden Tankschiffsraumes haben diese Verluste bei weitem nicht ausgleichen können. Wei­tere Einsparungen am Eigenverbrauch der USA. als bisher sind kaum möglich. Eine stärkere Ver­lagerung auf den Eisenbahntransport ist nicht zu er­warten, weil die nordamerikanischen Kesselwagen nur 2 bis 3 v. H. des Konsums beförderten.

Und dabei steigen die Anforderungen aus Eng­land und den Dominions. Früher bezog London be­trächtliche Oelmengen aus den vom Moffulgebiet nach Haifa und Tripolis führenden Leitungen: heute ist das Mittelmeer verschlossen, der Weg um das Kap der Guten Hoffnug herum ist viermal länger und erlaubt einem Tanker höchstens drei, meistens aber nur zwei Fahrten vorausgesetzt, daß er ankommt. Denn auch an der afrikanischen Küste und um die britischen Inseln herum warten deutsche U-Boote und Flieger! Außerdem braucht Australien, um nur ein Land zu nennen, angesichts des er­warteten japanischen Angriffs Oel, Oel und noch­mals Oel. Immer neue Anforderungen an die un­aufhörlich sinkende Tankertonnage, ständig neue Maßnahmen für Geleitzüge,, Zeitverluste über Zeit­verluste bei wachsendem Eigenbedarf das alles sieht nicht sehr erhebend aus.

Damit wird uns deutlich, welches lähmende Ent­setzen selbst Roosevelt für lange Zeit zum Schwei­gen zwang, als deutsche und japanische U-Boote die Küsten der USA. heimzusuchen begannen und sogar Oelraffinerien des Festlandes (in Kalifornien) oder dicht vor dem Kontinent (auf Aruba und Cu- rucao) mit Granaten beschossen. Hier stehen die Regimenter von gewaltigen Oeltanks, die auf die Zufuhren warten und keinen Treibstoff mehr her- geben, wenn die Verluste in der Tankerflotte an­halten. Eine nennenswerte Erzeugung synthetischen Oels gibt es weder in Nordamerika noch in Eng­land oder an anderer, ihnen zugänglicher Stelle.

In Nordamerika häusen sich die bitteren Vorwürfe gegen Roosevelt, daß er dem Oel- und namentlich dem Tankerproblem nicht schon längst die gebüh­rende Aufmerksamkeit gewidmet habe. Damit wer­den aber die Verluste nicht ausgeglichen, die jeder Tag neu bringt. Mit gigantischen Tankerbaupro­grammen sucht der Präsident die erregte Öffentlich­keit zu beschwichtigen; man hält ihm entgegen, daß 1941 in Nordamerika ganze 15 Tanker gebaut wur­den und der Neubau dieser Spezialschiffe lange Zeit

braucht, dazu neue Engpässe für den bedenklich an­gespannten Rohstoff- und Facharbeitereinsatz schafft.

Wir müssen feststellen, daß die eingangs zitierte nordamerikanische ZeitschriftTime" das Oelpro- blem noch gar nicht schwarz genug gezeichnet hat!

Deutschland, dessen Oelförderung angesichts der seiner Feinde so gering ist, hat vorgesorgt und sich durch die synthetische Erzeugung vom Auslande weitgehend unabhängig gemacht. Daher auch der fromme Wunsch der LondonerFinancial News", das Reich müsse nach seiner Niederlage alle Anlagen dieser Art schleifen lassen. Zwischen dieser Forde­rung und ihrer Verwirklichung steht aber noch ein Hindernis: die deutsche Wehrmacht!ow.

U-Boot-Falle und modernes Kühlschiff versenkt.

Berlin, 9.April. (DNB.) Unter den feind­lichen Handelsschiffen, deren Versenkung v o r der amerikanischen Küste der OKW.-Bericht mel- bete, befand sich eine Unterseebootfalle. Ein Unter­seeboot hatte einen Dampfer von 3000 BRT. ange­griffen. Es kam zu einem erbitterten Gefecht, das teils über Wasser mit Artillerie, teils unter Wasser mit Wasserbomben und Torpedos ausgetragen wurde. Die stark ausgerüstete Unterfee'bootfalle war jedoch gegen das deutsche Boot machtlos und wurde durch einen geschickt angesetzten Torpedoan­griff versenkt. Unter den versenkten Schiffen befand sich ein modernes Kühlschiff von 11000 BRT. Es war vollbeladen mit Fleisch und But- t e r aus Australien und versuchte einen der Geleit­sammelpunkte an der amerikanischen Küste zum An­schluß an einen Geleitzug nach England anzu­steuern. Das Schiff wurde nach vierzehnstündiger, zäher Jagd von einem Unterseeboot versenkt, dem es trotz der hohen Fahrt des feindlichen Schiffes

gelungen war, eine günstige Angriffsposition ein-1 zunehmen.

Argentinien lehnt Geleitschutz ab.

Buenos Aires, 9. April (Europapr.) Argen­tinien lehnte eine Beteiligung an dem von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Geleitschutz­system für die interamerikanische Schiffahrt ab. In argentinischen Schiffahrtskreisen werden Gerüchte, nach denen zwei argentinische Handelsschiffe angeb­lich in nächster Zeit sich einem Konvoi anschließen sollen, als falsch bezeichnet. Die argentinischen Han­delsschiffe werden auch weiterhin nach den Bestim­mungen des Völkerrechts über die neutrale Schiff­fahrt fahren, das heißt, sie werden jeden Geleitschutz vermeiden und die vorgeschriebenen Lichter führen.

Staatsgefährliche Musikinstrumente.

Berlin, 9. April. (DNB.) Zu welchen Aus­wüchsen die amerikanische Hetze gegen Deutschland in Brasilien führt, wird aus einem Vorfall be­kannt, der sich in Sao Paulo zutrug. In völker­rechtswidriger Weise drang die Polizei dort in das einer neutralen Schutzmacht übergebene deutsche Generalkonsulat ein, wo sie eine zweimalige Durchsuchung vornahm, die natürlich nicht das ge­ringste belastende Ergebnis hatte. So griff man schließlich dazu, Trommeln und Hörner einer alten Musikkapelle sowie verschiedene deutsche Ver­eins sahnen, die auf Festen der deutschen Ko­lonie Verwendung gefunden hatten, zu beschlagnah­men. Daß man in solch harmlosen deutschen Gegen­ständen heute in Brasilien staatsgefährliche Instru­mente erblickt, zeigt, in welch lächerlicher Form die von Washington geschürte Kriegspsychose von den brasilianischen Behörden Besitz ergriffen hat.

Letzte Nachrichten.

Britischer Flugzeugträger und zwei weitere Kreuzer versenkt.

eue Erfolge der japanischen Streitkräfte.

Tokio. 10.April. (DNB.Funkspruch.) Wie das japanische Hauptquartier bekanntgibt, wurden am 9. April in den Gewässern um Trincomali an der Ostküste von Ceylon versenkt: Ein britischer Flug­zeugträger, TypHerme s", zwei Kreuzer, Typen Birmingham" undL m e r a l d", ein Zei> törer, ein Patrouillenschiff.

Außerdem wurden schwer beschädigt: ein Kreuzer und sechs Handelsschiffe. In der Luft wurden wei» tere 56 feindliche Flugzeuge abgeschossen. Die japa­nischen Verluste betragen 10 Waschinen. Eigene Ver­luste an Kriegsfahrzeugen sind auf japanischer Seite nicht zu verzeichnen.

Der Wehrmachthericht.

DNB. Aus dem Führerhauptquartiev^ 9. April. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

3m mi Hl er en und nördlichen Abschnitt der Ostfront wurden einzelne stärkere Angriffs des Feindes abgewiefen.

Im Finnischen Meerbusen brachen An» griffe der Sowjets auf die von deutschen und finnfr scheu Truppen besetzte Insel T y t ä r s a a r i zusam- men. Der Feind verlor hierbei 270 Tote.

An der Kaukasns-Küste griffen deutsche

Verstärkter Schuh der Mungswirtschast.

Berlin, 9. April. (DNB.) Der Führer hat den Reichsminister für Bewaffnung und Munition be­auftragt, bei erhöhter Selbstverantwortung der In- dustrie Maßnahmen zur Einschränkung und Ver­einheitlichung des Berichts- und Kontin­gent w e \ e n s in der Rüstungswirtschaft zu tref­fen. Die Betriebsführer sollen hierdurch noch mehr als bisher für ihre Hauptaufgabe, die Produktion auf einen Höchststand zu bringen, frei gemacht wer­den. Um dabei sicherzustellen, daß Arbeitskräfte und Materialien bestimmungsgemäß einge­setzt werden, hat der Führer eine Serorbnung zum Schutze der Rüstungswirtschaft erlassen. Wer falsche Angaben über den Bedarf oder den Bestand an Arbeitskräften und über den Bedarf oder die Vor­räte an für die Rüstungswirtschaft wichtigen Roh­stoffen, Materialien, Erzeugnissen, Maschinen oder Geräten macht und dadurch die Bedarfsdeckung der Rüstungswirtschaft gefährdet, wird mit Zuchthaus, in schweren Fällen mit dem Tode bestraft. Die Strafverfolgung tritt nur auf Verlangen des Reichs­ministers für Bewaffnung und Munition ein. Für die Aburteilung ift der Volksgerichtshof, wenn der Täter der Wehrmacht angehört, das Reichskriegs­gericht zuständig. Wer in der Vergangenheit wegen falscher Angaben dieser Art sich nach anderen Straf­bestimmungen strafbar gemacht hat, erlangt Straf­freiheit, wenn die falschen Angaben innerhalb von

drei Monaten berichtigt werden. Die Straffrei­heit tritt nicht ein, wenn bereits eine Anzeige er­stattet oder eine Untersuchung eingeleitet worden ist.

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Durch den Erlaß wird der Rüstungsindustrie eine erhöhte Selb st Verantwortung über­tragen, die zeigt, wie groß das Zutrauen der Staats- führuna in das Pflichtbewußtsein unserer Wirt- schaftsfuhrer ist. Dem Betriebsführer wird das Ver­trauen ausgesprochen, daß er ohne Eigennutz und unter vollem Einsatz aller seiner Reserven die ihm gestellten Aufgaben durchführen wird. Diese erhöhte Selbstverantwortung, die nun die Rüstungswirt­schaft übernimmt, schafft auch die Möglichkeit zu Einschränkung und Vereinheitlichung des Berichts­und Kontingentswesens, wodurch die Wirtschaft wesentlich entlastet wird. Das Vertrauen, das damit der Wirtschaft ausgesprochen wird, wird sie zu er­höhten Leistungen anspornen. Selbstverständlich muß diese erhöhte Selbstverantwortung dadurch ge­schützt werden, daß ihr Mißbrauch, der in Anbe­tracht der Stellung der Rüstungswirtschaft nur in einer Schädigung der Staats- und Volksinteressen bestehen kann, mit den schärfsten Strafen belegt wird. Die Disziplin, die unsere Wirtschaftskreise bisher bewiesen haben, wird die Gewähr dafür geben, daß solche Strafen kaum angewandt zu werden brauchen.

Erbitterte Abwehrkämpfe.

Berlin, 9.April. (DNB.) Am 8. April kam es im N o r d a b s ch n i t t der Ostfront $u schweren Kämpfen, die durch starke, von zahlreichen Pan­zern unterstützte feindliche Angriffe ausgelöst wur­den. Bei erbitterten Abwehrkämpfen, die den gan­zen Tag mit unverminderter Heftigkeit andauerten, wurden durch Panzer und Sturmgeschütze neun feindliche Panzer abgeschossen und der feindlichen Infanterie schwere Verluste zugefügt. Bei an­deren bolschewistischen Angriffen wurden weitere fünf feindliche Panzer vernichtet. Südostwärts des Ilmensees unternahmen eingeschlossene Bolschewisten in Stärke von mehreren hundert Mann einen vergeblichen Durchbruchsversuch, bei dem der Gegner etwa 80 Mann, darunter zahlreiche Offiziere und politische Kommissare, verlor.

Im mittleren Abschnitt griff der Feind nach star-

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ker Artillerievorbereitung die Stellungen einer deut­schen Division an. Eine feindliche Kräftegruppe, der es gelungen war, einen örtlichen Einbruch zu er­zielen, wurde vernichtet. Weitere stärkere Angriffe der Bolschewisten wurden mit blanker Waffe ab­gewiesen und mehrere Panzer durch Panzerabwehr- fanonen vernichtet. Bei einem Gegenstoß wurden feindliche Bereitstellungen zerschlagen und mehrere befestigte Stützpunkte genommen. In viertägigen harten Kämpfen zerschlug ein verstärktes Infante­rie-Regiment bei der Säuberung eines Waldgelän­des vier bolschewistische Regimenter und nahm dabei 100 befestigte Stützpunkte. Die Bolschewisten ver­loren über 1200 Tote, mehr als 200* Gefangene, zwölf Geschütze, 35 Granatwerfer, 80 Maschinen­gewehre, 1000 Maschinenpistolen und Handfeuer­waffen.

Kampfflugzeuge bei Tag und Nacht hafenanlageÄ und eine Ölraffinerie erfolgreich an.

3n der Zeit vom 31.3. bis 8.4. wurden an bei Ostfront 133 feindliche Panzer abg» schossen.

3n Nordafrika scheiterte ein Vorstoß starkes britischer Ausklärungskräfte gegen die Deutsch-Italic nischen Stellungen in der Lyrenaika.

Die Luftwaffe setzte ihre Großangriffe gegetl die 3nsel Malta mit stärkster Wirkung fort. FlUK plähe und militärische Anlagen, Versorgungseinrich» jungen sowie feindliche Schisse wurden durch zah» reiche Bombentreffer erneut schwer beschädigt.

Bei bewaffneter Aufklärung über dem Kanaß beschädigten deutsche 3äger ein britisches Vorposten, boot durch Bombenwurf. An der englif d)et| Südküste wurde eine Sendeanlage mit gutes Wirkung bombardiert.

Britische Bomber griffen in der letzten Nacht einige Städte im norddeutschen Küstengebiet an. Viel feindliche Bomber wurden abgefchossen. Störflügtz einzelner britischer Flugzeuge führten nach Ost- und Süddeutfchland.

Das Ritterkreuz.

Berlin, 9. April. (DNB.) Der Führer verlieh das Ritterkreuz an Hauptmann Mach, Bataillons­führer in einem Infanterieregiment, Hauptmann B o n e r tz, Bataillonsführer in einem Infanterie­regiment, Oberst i. G. Schulz, Chef des General­stabes eines Armeekorps, Oberst Jost, Komman­deur eines Jägerregiments, und Oberleutnant P a u» l u s, Kompanieführer in einer Panzerjägerabteilung.

Hauptmann M o ch s umsichtiger Führung ist es zu verdanken, daß alle zahlen- und waffenmäßig weit überlegenen Angriffe im Raum von Orjal unter schwersten Verlusten für die Bolschewisten abgewehrt wurden. Hauptmann Bonertz hatte entscheiden­den Anteil an der Verteidigung einer für die gesamte Abwehrfront wichtigen Schlüsselstellung. Durch seine unermüdliche Aufklärung in vorderster Linie gewann er nach einem Einbruch der Bolschewisten in die deutsche Stellung schnell ein klares Bild, stieß sofort zum Gegenangriff vor und fügte den Bolschewisten schwerste Verluste zu. Oberst Schulz hat durch sein entschlossenes Handeln in der vordersten Linie des Korpsabschnittes eine bedrohliche Lage über­wunden. Vorübergehend war es den zahlenmäßig weit überlegenen Bolschewisten gelungen, mit stärke, ren Kräften in die deutsche Stellung einzubrechen

OerRing und die Granatkerne

Von Wilhelm von Scholz.

In dem Buche vonTausend-und-ein-Tagen" das ein späteres Gegenstück zu denTausend-und- ein-Nächten" ist stehen viele schöne Geschichten, aber eine, deren tiefen Schicksalssinn man nicht ge­nug bewundern kann. Diese Erzählung handelt von einem Vezier, der ein Schoßkind des Glückes ist, dem alle Unternehmungen gelingen, der in der höchsten Gunst des Kalifen sich sonnen darf, dadurch eine unwiderstehliche Macht ausübt, verehrt, geliebt, vergöttert wird; der in seinem Harem die schönsten Frauen, in seinem Stall die schnellsten Pferde, die herrlichsten Kamele hat.

Der Vezrer steht am tiefen Springbrunnen im Blumenhof eines seiner bewunderten Palmengär­ten und freut sich am Spiel der Goldfische, der Schleierbarben und Segelflosser, denen er Futter streut, wenn sie aus den Schlingengewächsen und Algen des unsichtbaren Beckengrundes herauftauchen ins Durchschimmerte, Durchsichtige. Da fällt sein etwas zu weiter, kostbarer Ring zugleich mit den Brotkrumen seiner Spende ihm vom Finger.

In dem kurzen Augenblick, der mit dem Hinüber­gleiten des goldenen Reifs über die oberen Gelenke und Glieder des Fingers begann das der Vezier schon wahrnahm, aber noch nicht anzuhalten fähig war und mit dem Berühren des Wassers durch den fallenden Ring endete, durchzuckte den Vezier der tolle und unwirkliche Wunsch, der Ring möchte nicht ins Wasser geraten, nicht in Tang und Fäden der Grundgewächse verschwinden.

So schnell ist der Gedanke und sein Weg so breit, daß neben einem Gedanken der nächste wie ein Wettrenner neben dem anderen mitlaufen, ja den ersten Gedanken selbst überholen kann. Nicht nur der Wunsch der Erhaltung des Ringes hatte sich in dem Vezier gebildet, sondern auch eine unerklärliche Angst, der überhebliche Wunsch könne erfüllt wer­den. Und diese Angst war rascher am Ziel als der Wunsch. Sie war allein auf dem Platz, als der Ring Den Spiegel berührte und entsetzlich zu sehen! auf der hauchzarten Haut des Wassers liegen blieb, ohne unterzusinken.

Kaum hatte der Vezier diese unglaubhafte lieber» gipfelung feines sprichwörtlichen Glückes den Ring auf der Oberfläche des Fischbeckens gesehen, als er sofort sein Haus bestellte und seinem vertrau­testen Diener bedeutete: die Zeit des Glücks sei vor- beüllfine so abenteuerliche Gunst wie dieses Liegen*

bleiben des kostbaren Ringes auf dem Wasser ge­währe das Glück nur, wenn es schon im Begriff sei, sich abzuwenden.

Er hatte sich nicht geirrt. Die Häscher, die ihn ge­fangen setzten und seine Schätze beschlagnahmten, pochten eben ans Tor. Neidlingen war es gelungen, dem Vezier die Gunst des Kalifen zu entwenden und den bisher gnädigen Herrn haß- und zorner­füllt gegen feinen obersten Diener zu stimmen, für den nun Jahre elender und trostloser Gefangenschaft anbrachen. Er ward im Kerker wie ein gemeiner Verbrecher gehalten, durfte mit niemandem spre­chen, keine Bücher lesen, täglich kaum einige Schritte in dem eng ummauerten Hose gehen. Seine Nah­rung war die denkbar schlechteste.

Ohne zu klagen, ertrug der Vezier sein Unglück, wie er auch ohne llebermut, eher manchmal er­schreckt, sein Glück hingenommen hatte. Und der Ge­danke, der seinen Geist mehr peinigte als seinen Leib das Fehlen jeder Behaglichkeit, jeder guten Nahrung, war nur immer wieder: ob er sein Glück nicht selbst weise hätte dämpfen oder gar zerbrechen müssen, um so tiefen Sturz aufzuhalten, statt es mit dem törichten Wunsch, den Ring zu bewahren, überteuernd) zu überfrönen.

Eines Tages nach Jahren des Gefangenseins schien ihm eine kleine Gunst zu lächeln, daß der Vezier aufmerksam ward; der Wächter brachte ihm ein Schüsselchen Granatkerne, die des Veziers Lieb­lingsspeise waren und die er nicht mehr gesehen, geschweige denn gegessen hatte seit jenem Tage, an dem ihm der Ring vom Finger glitt.

Als die Granatkerne vor ihm standen, sann der Vezier einen Augenblick seinem Geschick nach und fand: es würde nun lange so bleiben, da es, ge­wohnt geworden, sich bessere und sieht plötzlich, wie eine Maus über den Tisch läuft und feiste Granatkerne frißt! Da lacht sein Auge, er weiß: vorüber ist die Zeit seines Unglücks! Wie einst die Gunst des Geschickes, hat es sich übersteigert, indem es ihm die erste Freude zerbricht, die ihm seit Jahren geworden. Er hat kaum Zeit, in Erleichterung auf­zuatmen, als schon die Boten des Kalifen, der fein Unrecht und die neidische Verleumdung von damals erkannt hat, eintreten und den Vezier in all seinen Besitz, feine Macht, seinen Einfluß zurückführen.

Immer wieder erfüllt mich diese kleine Geschichte mit staunender Bewunderung. Sie zieht den Leser so in ihre Gewalt, daß er zumindest, so lange er lieft, glaubt: hier ift ein Wesenszug des Schicksals richtig gedeutet. Aber wenn das der Fall ist, was vielleicht wirklich fein muß: wo ist der Vezier, diesen

Zug in einem anderen Schicksal hellsichtig zu er­kennen, zu wissen, was dem Ring gleicht, der auf der Haut des Wassers liegen bleibt, was den Gra­natkernen, welche die Maus frißt? Und werden wir nicht, wenn wir die Rolle des schicksalkundigen Veziers spielen sollen, von unserem steten Hoffen und Streben irregeleitet, oft glauben, ein Ungemach, das uns begegnete, entspreche den Granatkernen und fast nie uns eingestehen, dies oder jenes Glück könne den tragischen Sinn des goldenen Reifs haben, der nicht unterfinkt?

Und doch kann uns diese alte Fabel eine große und tiefe Anregung für unser eigenes Leben geben. Sie kann uns lehren, auf unser Schicksal wie auf ein fremdes zu achten, es nicht nur egoistisch mit Furcht und Hoffnung anzusehen, sondern mit Er­kenntnistrieb als eben das eine Schicksal, das uns genauer gezeigt wjrd als alle anderen. Es gibt nichts innerlich Befreienderes, Erlösenderes als so fremd und doch erkennend das eigene Leben zu betrachten und zu erforschen. Wenn wir auch keine Regeln Darauf abzuleiten lernen wie Der kluge Ve­zier, vielleicht können wir so nur so! einen Sinn Darin finDen. Sinn in einem Leben aber hilft unD tröstet über manches hinweg.

Neues über Heinrich von Kleist.

Das Jahrbuch Der Kleist-Gesellschaft für 1938, das durch mancherlei Umstände erst jetzt erscheinen kann, bringt einen Auszug aus- dem Reisetagebuch Der Freifrau ADolphine von Werbeck im Sommer 1803. Die Schreiberin ist eine Tochter Des Generalmajors C. C. F. v o n K l i tz i n g auf Schor- bus und die Urenkelin des Baumeisters I. von Bode, des Erbauers des Berliner Zeughauses. Adolphine von Werbeck (1772 bis 1844) muß im Leben Kleists eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, lieber ihre Reise von Potsdam nach Dessäu, Weimar, Eisenach, Frankfurt, Darmstadt, Heidelberg in die Schweiz berichtet sie viel Inter­essantes. In Meiringen trifft sie Kleist, den sie seit Anfang der 90er Jahre kannte. Was sie über Kleist berichtet, ist durchweg unfreundlich, er wird unschlüssig",launisch",mit sich selbst beschäftigt" genannt, vonRobert Guiskard", defsen Titel sie völlig verdreht, spricht sie als von seinemPeststück". Ein wirkliches Interesse an Kleists Schaffen hat sie nicht. Leider ift von diesem Tagebuch der 2. Teil, der die bestimmt wichtigeren Nachrichten über den Pa­riser Aufenthalt und das Zusammentreffen mit dem

Dichter enthält, feit 1904 verschollen. Wie irnineH wenn neue Materialien zur Kenntnis Kleists auf- tauchen, steht die Kleist-Forschung auch hier sogleich wieder vor neuen Nätsekn.

Alfred Kudin.

Am 10. April vollendet Alfred Kubin, einer de- phantasiereichsten und fruchtbarsten Zeichner bet Gegenwart, sein 65. Lebensjahr. Ein Künstler, betf sich niemals zu einerSchule" oder zu einem Stil bekannt hat, es sei Denn zu seinem persönlichen, Detf stets seine eigenen Wege gegangen ist, seit er oof etwa 40 Jahren Die Münchner Akademie verließ. Schon als Knabe war er ein unermüdlicher Zeichner» seine Blätter wimmelten von grotesken und schreck­lichen Tieren, seine phantastischen Landschaften waren von Ungewittern belebt, Der ganze fpätera Kubin ist schon in Diesen kinDlichen Visionen ent­halten. Im Frühling 1898 trat Die entscheiDend- WenDung in seinem Leben ein: in Der Alten Pina­kothek in München sah er zum erstenmal mit Be­wußtsein große Kunstwerke, und ein Sturz von Vi­sionen überkam Den jungen Künstler. Als Erster veröffentlichte Hans von Weber ein Manuskript mit Zeichnungen, und Avenarius wies intKunstwort" auf Den eigenartigenTraumkünstler" hin. Kubin unternahm Reisen nach Frankreich, Italien und Dem Balkan. Zurückgekehrt kaufte er Den LanDsitz Zwick* lebt in Oberösterreich, wo er noch heute lebt. Hier sinD Die Werke Der letzten Jahrzehnte entftanben. Die Illustrationen zu Poe, Strindberg, AnDersen, zu Arnim, Hauff, Hoffmann unD zu neueren Dichtern, wie Hauptmann, Hofmannsthal, Bierbaum, FrieDrich Huch, nicht zuletzt Die Mappen und Bücher, in Denen Der Künstler ganz frei gestaltete. Erstaunlich ist Das unerschöpfliche Strömen seiner Phantasie. Wie we­nige Künstler beherrscht Kubin auch die Dichterische Sprache. Sein phantastischer RomanDie anDere Seite" gibt Einblick in Die reiche Begabung Des Künstlers. 1926 erschien unter Dem TitelDämonen unD Nachtgesichte" seine Selbstbiographie. Sein letz­tes Werk (1939)Vom Schreibtisch eines Zeichners" gibt einen Rückblick über fein eigenes Schaffen. Di- Eigenart Kubins, Der als Zeichner ebenso Märchen- Dichter wie LanDschaftspoet ift, ein in Diesem «Sinn® durchaus Deutscher Künstler, ist Die Schwarzweiß- tunft. Sie entspricht am besten feinem Hang zum Traumhaften unD Visionären. Er sieht Die Eigenart der Dinge nicht in fester Form, sondern nn Grenzen- lösen und Phantastischen.