derasien gehen dazu noch um Afrika herum. Die Vereinigten Staaten müssen in den sehr entfernten Gebieten Australiens und Indiens aushelfen. Engländer und Amerikaner zusammen haben die schwierigen Schiffsrouten um das Nordkap zur Unterstützung Moskaus, zu befahren.
Die einfachste Möglichkeit, diese sehr unmittelbaren „Verkehrsschwierigkoiten" zu beheben, ist die Herstellung neuer Schiffe. Nur werden dazu Stahl und Facharbeiter gebraucht, die zugleich von der Automobil-, Panzer-, Geschützfabrikation dringend angefordert werden. Auch von der Lokomotiven- und Waggonfabrikatton, zumal die große Verkehrskrise in England und den Vereinigten Staaten sowohl eine Krise des See- wie des Landoerkehrs ist. Von den großen Schiffsbauprogrammen, mit denen so viel Aufhebens gemacht wird, kommt man daher wieder zu Behelfsmitteln, wie der Forderung nach besserer Ausnützung des Schiffsraums durch geschickte Beladung und durch größere Schnelligkeit bei der Abfertigung in den Häfen. In die Erörterungen spielen schließlich Argumente zweiten und dritten Ranges hinein, wie z. B. die Klage der englischen Presse, daß die USA.-Marine und das USA.-Heer zu viel Schiffsraum für sich benötigten und daß deshalb ein Schiffsraum-Diktator mit Ministerrang im Kabinett Roosevelt ernannt werden müsse, der sich gegenüber Marine und Heer durchzusetzen verstehe.
Mindestens so wichtig als die englisch-amerika- nifche Verkehrskrise ist die der Sowjets. Das sowjetische Eisenbahnsystem umfast etwa 85 000 Kilometer Streckenlänge. Weit über die Hälfte von diesem Eisenbahnnetz ist in deutschen Händen. Die Sowjets haben westlich der Wolga nur noch zwei Nord-Süd-Linien zur Verfügung, östlich der Wolga gibt es keine durchgehende Eisenbahnverbindung von Norden nach Süden in der europäischen Sowjetunion, im Ural und in ganz Sibirien. Das ist auch einer der entscheidenden Gründe, warum die Sowjets so zäh jeden Quadratkilometer Boden verteidigen und keine Lust zeigen, die Unermeßlichkeit des „russischen Raumes" als Waffe zu benutzen. Ihre Zwangslage wird dadurch verschärft, daß die Vorkommen von Erdöl und von guter Steinkohle, die beide zur Lokomotivheizung verwendet werden, örtlich beschränkt und ihre Abtransporte langwierig find. Die Verkehrsadern als die großen Zubringer von Menschen und Material sind die Nerven des feindlichen Widerstandes. Dr. Ho.
Kunst und Wissenschaft.
Zum 100. Geburtstage des Frankfurter Lokaldichters Adolf Stothe.
In der deutschen Mundartdichtung ist Adolf Stoltz e noch heute rühmlich bekannt, in Frankfurt a. M. vor allem, wo er vor hundert Jahren, am 10. Juni 1842, geboren wurde und als Mecha-' niker seinen Lebensweg begann. Er hat das Erbe seines berühmteren Vaters, des Frankfurter Volksdichters Friedrich Stoltze, weitergeführt; wie jener hat er in Lustspielen, Schwänken und Liedern die volkstümlichen Besonderheiten seiner Landsleute dar- gestellt. Er war nie gern feierlich, das unbekümmert deutliche, dabei aber gemütliche Wort saß ihm stets locker auf der Zunge. Bühnenstücke im Lokalton und m Hochdeutsch haben ihn nach schwierigen Anfängen bekannt gemacht; einige davon wurden noch in unserer Zeit gespielt, z. B. „Alt-Frankfurt" oder das lustige „Dodgeschosse". Was die Frankfurter und ihren Alltag angeht, hat Adolf Stoltze in Liedern und Festspielen festgehalten und mit witzigem Wort begleitet. Als hochdeutscher Bühnenschriftsteller und Librettist fand Adolf Stoltze auch auf den. meisten großstädtischen Bühnen des Reiches Aufnahme. Zu feinem 90. Geburtstage wurden ihm viele Ehren zuteil. Als er am 22. April 1933 starb, verloren mir einen tätigen Journalisten, einen geschickten Bühnenautor und einen liebenswerten Menschen, dessen Andenken in der deutschen Mundartdichtung lebendig bleiben wird.
Franz Servaes 80 Jahre alt.
Am 17. Juni begeht der als Sohn eines Arztes in Köln geborene Essayist, Theaterkrittker und Dichter Dr Franz Servaes seinen 80. Geburtstag. Nach der Studienzeit in Leipzig, Straßburg und Bonn war Servaes als Schriftsteller und Feuilletonist von 1887 bis zur Jahrhundertwende in Berlin tätig, ging dann nach Wien und kehrte 1915 nach Berlin zurück. Neben feiner publizistischen Tätigkeit als Theater- und Kunstkritiker hat Servaes eine umfangreiche dichterische und wissenschaftliche Wirk- samkett entfaltet. Seine biographischen Arbeiten zu Goethe, Kleist, Fontane, zu Dürer, Rembrandt, Max Klinger, Segantini sind weit verbreitet. Neben einem halben Dutzend dramatischer Werke stehen Romane wie „Gärungen" (1898), „Michael de Ruyters Witwerjahre" (1909), „Im Knospendrang" (1912) und andere. _________________________
Aus -er Giadi Gießen.
Geheimrat Iromme 90 Zahre alt.
Am kommenden Donnerstag, 11. Juni 1942, wird der frühere Ordinarius für Theoretische Physik an der Ludwigs-Universität Gießen, Geheimrat Professor Dr. Carl Fromme, 90 Jahre alt. An diesem Tage kann der. in weiten Beoöl^erungskreisen hochgeschätzte Gelehrte auf eine erfolgreiche Tätigkeit als Hochschullehrer und als selbstloser Förderer gemeinnütziger Werke und Interessen zurückblicken.
Geheimrat Fromme stammt aus Kassel, wo er am 11. Juni 1852 geboren wurde. Nach dem Schulbesuch in seiner Vaterstadt studierte er von 1870 bis 1872 in Marburgs anschließend bis 1874 in Göttingen Mathematik. Physik und beschreibende Naturwissenschaften. Im Oktober 1873 promovierte er in Göttingen mit einer Arbeit über ein magnetisches Problem. Im Herbst 1873 war er Assistent am Physikalischen Institut in Göttingen geworden und hatte sich dort im Juli 1875 für Physik habilitiert, Sein Arbeitsfeld war in jenen Jahren das Gebiet des Magnetismus, im besonderen das magnetische Verhalten von Eisen und Stahl, über das er eine Reihe eingehender Untersuchungen veröffentlichte. Diese Arbeiten machten auf den jungen Forscher aufmerksam, und so kam es, daß er im Sommer 1880, als der außerordentliche Professor Dr. Zöppritz von Gießen nach Königsberg ging, von Röntgen als Nachfolger Zöppritz' vorgeschlagen und am 21. August 1880 zum außerordentlichen Professor für mathematische Physik und Geodäsie an der Universität Gießen ernannt wurde. Am 5. Februar 1881 hielt er seine akademische Antrittsrede über das Thema „Unsere hypothetischen Vorstellungen vom Magnetismus". Bald fügte er den Vorlesungen aus feinem Lehrauftrag aus eigenem Antrieb noch Vorlesungen über Astronomie, Ausgleichsrechnuna, Meteorologie und Klimatologie hinzu, die für viele Studierende besonders bedeutsam waren. Am 9. Juni 1894 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor in der Philosophischen Fakultät ernannt. Im Jahre 1906 fanden seine verdienstvollen Bemühungen um den Unterricht in der Meteorologie und Klimatologie durch Erteilung eines besonderen Lehrauftrags für diese Fächer die gebührende Anerkennung. Am 25. November 1911 wurde er zum Geheimen Hofrat ernannt. Am 17. Mai 1921 erfolgte seine Ernennung zum außerplanmäßigen, am 1. April 1922 seine Ernennung zum planmäßigen ordentlichen Professor. Als Ordinarius war er dann noch drei Jahre lang tätig. Hierauf kam er zunächst um seine Entlassung aus der Tätigkeit als theoretischer Physiker ein, eine langwierige schwere Erkrankung zwang ihn später dazu, sich auch auf den anderen Arbeitsgebieten emeritieren zu lassen.
Neben seiner akademischen Lehrtätigkeit diente Geheimrat Fromme der Allgemeinheit in vielfältiger Weise auch durch se«e ehrenamtliche Arbeit. Von 1885 bis 1920 gehörte er dem städtischen Schulvorstand, von 1891 bis 1920 der Kreisschulkommission an. Seit 1892 ist er Mitglied des Alice-Schul-Der- eins, den er von 1914 bis 1923 als Vorsitzender ehrenamtlich leitete. Seiner beispiellosen Hingebung an diese bedeutsame Schulsache war es zu verdanken, daß die Aliceschule die Schwierigkeiten der Kritzgszeit 1914/18 und der folgenden Jahre glücklich überwinden konnte. Mit dem Anschluß des Fröbel-Seminars an die Alice-Schule im" Jahre 1923 vergrößerte sich dieses Arbeitsfeld Frommes noch erheblich. Seit 1897 war er Vorsitzender des Theatervereins, bis dieser vor einigen Jahren seine Aufgabe als erfüllt ansah und sich auflöste, und auf diesem Gebiete der Arbeit im Dienste des Gemeinwohls ist das Schwergewicht seines selbstlosen Einsatzes zu erblicken, denn ihm ist es in der Hauptsache zu verdanken, daß unsere Stadt in den Besitz ihres schönen Stadttheaters kam, das als ein „Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns" für alle Zeiten auch den Namen Carl Fromme rühmend in der Geschichte unserer Stadt verkünden wird, lieber die großen Verdienste Frommes gerade um unser Theater ist in diesen Spalten schon wiederholt, und erst jüngst wieder im „Gießener Anzeiger", Nr. 124 vom 30./31. Mai 1942, berichtet worden, so daß wir uns heute nur hinweisend auf jene Würdigungen beziehen können. Weiterhin war der Jubilar 1. Vorsitzender des Aufsichtsrates des städtischen Volksbades, und er hat in dieser Stellung wesentlich dazu beigetragen, daß das für die Volksgesundheit in unserer Stadt so bedeutsame Institut seinen Aufgaben in vorbildlicher Weise gerecht werden konntet Für seine vielfachen Verdienste um die Stadt Gießen und ihre Bevölkerung, insbesondere um den Auf- und Ausbau unseres Theaters, wurde Geheimrat Fromme anläßlich des 25jährigen Bestehens des Stadttheaters in seinem schonen Heim am 27. November 1932 als einer der ersten verdienten Männer durch die Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Gießen ausgezeichnet.
Der Jubilar hat in unserer Stadt seine zweite
Altspinnstoffe - nicht Lumpen!
Zur Altkleider- und Spinnstoffsammlung 1942.
Ist da ein Unterschied? Vielleicht nicht in den Sachen, die so bezeichnet werden, aber bestimmt in ihrer Wertung, oder besser Bewertung, und darauf kommt es doch überall im Leben an.
Lumpen — wie verächtlich klang das — Alt- spinnstoffe aber, darin liegt schon: Respekt? Ich bin noch was! Freilich: „Alte Spinnstoffe" waren auch die Lumpen, hätten sie sonst aus ihrem verachteten Winkeldasein sogar in die hohe Politik eingreifen können? Das taten sie, als Preußen und Hannover sich aus sehr klingenden Gründen um ihre zollfreie Einfuhr stritten. Das war zur Zeit des Alten Fritz. Also nicht einmal die Bescheidenheit, die Goethe den zweibeinigen Lumpen als einzige Tugend zuspricht, ist von dem Lumpengesindel aus dem Textilreich zu verlangen, die Standes- erhöhung zum Altspinnstoff ist ihnen voll zu gönnen. In die weit verbreitete Sippe der Altstoffe treten sie da ein, als ein sehr prominentes Glied. Denn Altstoffe (Altmaterialien) sind Rohstoffe, und ohne Rohstoff keine Wirtschaft. Die Hausfrau weiß schon: nicht nur Lumpen — Verzeihung, Alt-Spinnstoffe — soll sie der Wiederoerwertung in der Textilwirtschaft zur Verfügung stellen, auch alte, nicht mehr getragene Kleider, Mäntel, Anzüge für Mann und Frau sind begehrte Dinge.
„Aber", sagt die Hausfrau, „meine Lumpen kann ick; selbst nicht entbehren —, sie dienen mir noch als Flicken, als Staub- und Wischtücher; aus den alten Kleidern, die ich nicht flicke, mache ich Bekleidung für die Jungen und die Mädchen im Hause. Nein, meine Allspinnstvffe kann ich nicht entbehren."
Schön, liebe Hausfrau, noch Brauchbares wird von dir auch nicht verlangt, — aber brauchst du wirklich alles, was du so sorgfältig noch aufhebst? Wie vieles davon hast du jahrelang nicht
mehr angesehen und wirst es auch in Zukunft kaum noch eines Blickes würdigen! Andere können die Altkleider aber jetzt viel notwendiger sofort gebrauchen. Und die jämmerlichsten Lumpenkrüppel werden den Reißwölfen in den Rachen geworfen, und denkt nur — sie verlassen sie als brave Kämpfer für die Widerstandskraft Deutschlands!
Da gilt es, keinen Wert unbeachtet, nichts umkommen zu lassen, eine Mahnung, die gerade die Hausfrau oft im Munde führt. Denn alle Dinge aufheben, weil man sie doch „vielleicht" noch ein» mal brauchen könnte und doch niemals braucht, ist Sinlos! Und so fristet vielleicht außer dem noch erwendbaren in der Stücken- und Flickenkiste der Hausfrau noch manches Stück Altspinnstoff ein nutzloses Dasein, — nutzlos für die Hausfrau, nicht aber für den Volkshaushalt.
Die Hausfrau hat für den großen Hausputz eine treffliche Bezeichnung, die zu der Suche nach unbrauchbar gewordenen Dingen geradezu anreizt. „Stöbern", sagt sie; man sieht ordentlich, wie sie Vernichtung drohend als Stöbernde allen Spinnstoffen naht. Und was gibt der ordentliche Haushalt nicht alles beim Stöbern her, well eben eine richtige Hausfrau nichts wegwerfen kann: längst vertragene Kleider, Mäntel und Anzüge, Stoffreste, zu Staublappen zu winzig, zum Flicken wegen der Farbe oder der Stoffart nicht mehr zu verwenden, in Kartons wohlgesäuberte, aber schadhafte Gardinen, die in der Schule in goldener Jugend art selbstgenähte, gestickte und fast nie getragene Wäsche, durchlöcherte Strümpfe, die weder als Schuhhülsen für die Reise noch als Zutaten für Flickerlteppiche zu gebrauchen sind. Das alles muß zur Altkleider- und Spinnstoffsammlung 1942 gebracht werden.
Heimat gefunden, der er sich aufs engste verbunden fühlll In weiten Beoölkerungskreisen werden ihm nicht nur wegen seiner Verdienste als Hochschul- lehrer^und Förderer gemeinnütziger Interessen,'sondern auch im Hinblick auf feine hervorragenden menschlichen Qualitäten große Wertschätzung und Verehrung entgegengebracht. Daher ist es auch nur natürlich, daß unsere Bevölkerung an dem 90. Geburtstage des Jubilars herzlichen Anteil nimmt und diesem vorbildlichen Diener des Gemeinwohls aufrichtige Glückwünsche entbietet, denen wir uns gerne anschließen.
RfH. sammelt Kamillen!
Mit den Worten: „Jede Frau sollte drei Bücklinge vor ihr machen" bekundete jene bescheidene, aber einsichtsvolle Bauersfrau den hohen Heilwert der landläufig als lästiges Unkraut bewerteten Heilpflanze Kamille. Ihre Sammlung wird auch in diesem Jahre nach Möglichkeit mit allen Kräften bei Vermeidung jeglichen Flurschadens durchgeführt werden. Groß und klein, alt und jung, Stadt und Land sind aufgefordert, nach besten Kräften zum vollen Gelingen ihr Teil beizutragen. Der gute Erfolg spiegelt sich aber nicht allein in der großen Menge wider, sondern im besonderen Maße in der vorzüglichen Qualität der Droge. Sie zu erzielen, erfordert viel Mühe, und Arbeit. Die jungen, entfalteten Blütenkörbchen, deren Beschreibung sich erübrigt, da die Köpfchen höchstens von kleinen Kindern mit der Hundkamille oder der grünlichen, strahlenlosen Kamille verwechselt werden, werden zweckdienlich mit der Hand gezupft. Die Blütenstiele sollen nicht länger als 1 Zentimeter fein. Wer über die gespreizten Finger streift oder gar das beliebte „Kämmen" anwendet, wird eine langstielige und an Unreinheiten reiche und damit eine minderwertige Droge gewinnen. Diese Schnellverfahren merzen auch nicht die halb verblühten Blüten aus, die beim Trocknen so gern und leicht in feinen Grus zerfallen. Um diesem „Apotheker-Schreck" den Auftritt zu wehren, bedarf es der Beachtung der erfolgreichen Trocknungsvorschrift: die Köpfchen werden in dünner Schicht, Blüte an Blüte im schattenreichen, aber luftdurchströmten Raum ausgebreitet und bis zur völligen Trockenheit in aller Ruhe liegen gelassen. Jede Berührung ist nicht nur überflüssig, sondern vom liebel, da „Bruch" und „Grus" sich e'instellen und als Begleiterscheinung vermeidbar gewesene Qualitäts- und Wertminderung. Die vollkommene Trocknung beansprucht bei geringer Luftfeuchtigkeit einige Tage. Um sich vor Schaden zu bewahren und dem Ruf nach „Kampf dem Verderb" Geltung zu geben, überzeugen wir uns vor dem Füllen der Dorratsgefäße, daß das Innere der hohlen Blütenkörbchen vollkommen trotten ist. Auf alle Fälle bleiben die in Karftms, Blechdosen, Pa
piersäcken geringer Größe eingefüllten Mengen ohne endgültigen, festen Verschluß noch etwa 10 bis 14 Tage stehen, um einer möglichen Gärung und Verfärbung des Sammelgutes vorzubeugen. Seine Ueberprüfung in dieser Hinsicht ist von Zeit zu Zeit immer wieder am Platze. Sollte sich ttotz aller Sorgfalt durch Zerfall älterer Blüten doch „Grus" gebildet haben, so füllt man ihn mit Hilfe eines Siebes von 2 Millimeter Maschenweite aus, bewahrt ihn getrennt auf und liefert ihn mit ab. In edlem Wettstreit wird groß und klein einen kleinen Kriegsdienst tun in den nächsten Tagen. RfH.: H. J.
Gloria-palast: „Tosra".
Puccinis berühmte Musik und der immer wieder erörterte Mangel an Drehbüchern dürften die entscheidenden Motive für die Verfilmung der Oper gewesen sein. Es handelt sich um eine italienische Produktion — musikalische Bearbeitung: Umberto Mancini; musikalische ßeitung: Fernando Prepitali — in einer von Friedrich Koppe und Otz Tollen redigierten deutschen Fafsung; auf diese Weise entstand nicht geradezu eine photographierte Oper (was ohnehin nicht die Aufaabe des Films hätte sein können), sondern eine Art von Schauspiel mit Musik. Dadurch rücken, dem UrbiDe gegenüber, Oie reinen Handlungselemente der Fabel in den Vordergrund, während die Musik mehr als stimmunggebende Begleitung wirkt. Die Motive des Textbuches — Liebe und Eifersucht, politische Intrige, Flucht und Verfolgung, Totschlag und Verrat, Folter, Erschießung und Selbstmord — sind zwar theatralisch wirksam, aber zugleich in ihrer ursächlichen Verknüpfung, wie schon in der Oper, nicht gerade erhebend, und der rücksichtslose Verismus, mit dem die Dinge dargeftellt werden, geht zuweilen etwas an die Nerven. Um einer gerechten Würdigung des Films willen wird man sich klarmachen müssen, daß die ursprüngliche, an und für sich schon problematische Form der Oper durch die Verfilmung und deren abermalige Rückübertragung in der Synchronisierung vom Italienischen ins Deutsche eine mehrfache Umschmelzung durchgemacht hat. Der Spielleiter Karl Koch hat sich, wie meist in Derartigen Fällen, die durch die unbeschränkte Reichweite der Kamera gebotene räumliche Ausweitung mit Geschick und Geschmack zunutze gemacht und ausgesprochen malerische, stellenweise monumentale Bilder als stimmungsvolle, natürliche Kulisse der lebhaft bewegten Vorgänge geschaffen. Jmperio Argen t in a spielt die von leidenschaftlichen Gefühlsaufwallungen beherrschte Tosca (deutsche Sprecherin: Franziska Liebing). Michel S i m o n als Scarpia, Rosfano Brazzi als Cova- radossi und Adriano Rimoldi als Angelotti stehen neben ihr im Vordergründe der Ereignisse. In die Gesangspartien teilen sich, mit schönem, in der Wie-
Briefe in Bareiros Hand
Roman von Anna Elisabet Weirauch
Rechte durch Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
JRa, da bist du ja!" sagt er befriedigt.
„Ja. Wie jeden Abend." Es ist ein leichter Spott in ihrem tiefen Lachen. „Und wie jeden Abend triffst du diese Feststellung. Wovon habt ihr euch fb angeregt unterhalten, als ich kam?"
„Don einer Kette, die meine Schwester heut zum Geburtstag bekommen hat!" gibt Gerd bereitwillig Auskunft. „Grotjahn hat sie angefertigt nach einem Entwurf von Detlev Nehl!"
,Ma ja, das heißt ..." Detlev knurrt mit gerunzelten Brauen, weil er die Zigarette zwischen ' den Zähnen festhält, und ein Streichholz mehrere Male anreißen muß, ehe es aufflammt. „Kreuzmillionen, na endlich! ,Entwarft ist ja nun ein bißchen hart ausgedrückt, ich hab' Grotjahn einen kleinen Tip gegeben, aber ich hab' nicht im Traum daran gedacht, daß er daraufhin mit meinem Namen Reklame macht."
„Aber er tut es doch mal, und er kann wohl sicher sein, daß du nicht protestierst." Detlev vermeidet es, Katta anzusehen, er hört aus ihren Worten den spöttischen Vorwurf heraus, aber er sieht nicht den zärtlich-nachsichtigen Blick, mit dem die schönen strahlenden Augen auf seinem Gesicht ruhen. „Und was hast du für ein fürstliches Honorar Aushebungen?"
„Genau soviel, wie die Zeichnung wert war, nichts."
„Das hab' ich mir auch gedacht. Wenn du ein ebenso tüchtiger Geschäftsmann wärest wie dein Freund Grotjahn, dann hättest du verlangt, daß er den Schmuck zweimal anfertigt, einmal für feinen Kunden und einmal für dich, wäre das nicht eine gute Idee gewesen?"
„Das heißt also, einmal für dich. Wenn ich geahnt hätte, daß dir das Spaß macht!"
„Oh! Das will ich damit nicht gesagt haben." Kattas Stimme erstarrt in eisiger Kühle. Sie liebt es durchaus nicht, ihre Beziehung öffentlich zu betonen, immer wieder verfällt Detlev in diesen Fehler, und er spürt sofort, ärgerlich auf sich selbst, daß Katta sich wie eine angerührte Schnecke zurück - zieht.
„Entschuldigen Sie mich, bitte', sagt Gerd und steht bedauernd auf. „Da drüben sehe ich Bekannte, die mich sprechen wollen."
Lächelnd sieht Katta ihm nach.
„Hab' ich wieder alles falsch gemacht?" fragt Detlev seufzend. „Arbeiten tu ich unentgeltlich, indiskrete Bemerkungen mach' ich, ich versteh wirklich nicht, wie du's mit mir aushältst."
„Ich auch nicht!" Kattas Nasenflügel zucken leise, wie immer, wenn sie ein Lachen unterdrückt. „Es muß etwas Eigenartiges fein, was mich an dich fesselt. Berechnung ist es jedenfalls nicht!"
„Ach, Katta." Detlev wühlt verzweifelt in feinem dichten Haar. „Es wäre alles anders, glaub' mir, wenn ich die Pflicht und das Recht hätte, für dich zu sorgen. Wofür foll ich geizen? So viel ich brauche, verdiene ich noch lange. So viel wie du brauchst, werde ich nie verdienen."
„Bestimmt nicht, wenn du deine Arbeiten verschenkst. Im übrigen habe ich noch immer selbst verdient, was ich brauche und noch nie etwas von dir verlangt."
,Leider nicht! Ich würde ein geschäftstüchtiger Streber werden, wenn du fo oernüroftig wärest, mich zu heiraten."
„Hältst du das für vernünftig? Das ist Ansichtssache, Liebling. Ich halte es offen gestanden für vernünftiger, auf eigenen Füßen zu stehen und mir mein Brot selbst zu verdienen. Von Erfolg gar nicht zu reden "
„O doch, gerade von Erfolg zu reden! Denn es geht dir ja um den Erfolg und nicht um das Brot, was ich dir ja eventuell auch noch bieten könnte!
Aber ich bin ja schließlich kein Spießbürger, soviel Verständnis dürftest du mir wohl zutrauen. Wenn du nicht leben kannst ohne Deine Arbeit, ohne Rampenlicht und Beifall und einen Schwarm von Bewunderern, mein Gott, ich verstehe das, aber meinst du, ich würde meine Frau hindern, ihren Beruf auszuüben?"
„Und wozu soll ich dann deine Frau werden?" Katta sieht chn sehr ruhig mit ihren großen ernsten Augen an. „Was würde dadurch geändert? Gar nichts. Was ist denn der Sinn und Zweck einer Ehe? Kinder?" Ein kaum wahrnehmbarer Schmerz zuckt in dem Spottlächeln um die schön geschweiften Sippen. „Und Kinder zu haben, das läßt sich wohl ziemlich schwer mit dem Beruf einer Nackttänzerin vereinigen?"
„Katta?" entrüstete sich Detlev. „Gebrauche, bitte, nicht so scheußliche Ausdrücke!"
„Also gut!" Die feinen Brauenbogen zucken hoch, Das überlegen-spöttische Lachen flackert in der tiefen ruhigen Stimme. „Sagen wir: eine mit einem Meter Schleiertüll und einer Handvoll Pailletten bekleidete Tänzerin."
„Tänzerin überhaupt genügt schon." Detlev zieht die Brauen zusammen und furcht die Stirn. „Du kannst mir nicht den Vorwurf machen, daß ich nicht die größte Achtung und das tiefste Verständnis für dein Können aufbringe, auch nicht Den, Daß ich prüde bin. Trotzdem, es ist nicht ganz leicht, eine Frau zu lieben, Deren Lebensaufgabe Die Erhaltung jeder Linie ihres Körpers ist/ Er drückt nicht ganz deutlich aus, was in ihm vorgeht. Wenn er ehrlich wäre, müßte er sagen: ich bin sonst nicht prüde, aber wenn man liebt, ist das anders, ich will nicht, daß jeder Laffe sich gegen Eintrittsgeld an der Schönheit deines Körpers erfreuen kann. Ich will dich für mich haben, und ich will Kinder von dir haben. Mit einem Säugling an der Brust will ich dich sehen. Mit meinem Kind, begreift! du denn das nicht —?
Nein, Katta begreift nichts davon, und er sagt es auch nicht.
„Wenn es Dir auch nicht leicht ist", sie zuckt Die Achseln, „so kann ich Dir nur raten, mein Guter, es zu fassen."
Gerd kommt hastig an den Tisch zurück. „Verleihung!" sagt er nach einer kleinen Verbeugung fast atemlos. „Borkmann hat mich aufgehalten."
„Ach, ist Borkmann da?"
„Ja, da Drüben sitzt er."
Katta sieht in die Richtung, Die Gerd mit einer leichten Kopfbewegung anweist, unD nickt Dem Dicken Komiker zu. Der eifrig herüberwinkt. Er sitzt mit einem Herrn am Tisch, Der tief und förmlich grüßt — es sind mehr als zwanzig Schritte da hinüber, Tische stehen dazwischen, Menschen bewegen sich vorbei, der Rauch wölkt in dichten Schleiern — und trotz alledem hat Katta Das Gefühl, als ob der Mann neben Borkmann ihr auf Armeslänge in Die Augen sähe, sein Blick bohrt sich fast schmerzhaft in ihre Augen. „Mit wem sitzt Denn unser Dicker da zusammen?" fragt sie leichthin.
„Kenn ich auch nicht", sagt Gerd. „Bareiro heißt er — ober fo ähnlich. Sieht gut aus, was?"
„Ja, ganz interessant, soweit man -das auf Die Entfernung beurteilen kann." Sie spürt einen Riß, als sie den Blick wendet.
Nach einer Weile kommt Borkmann herüber. Er schiebt seinen gewaltigen Bauch mühsam zwischen Den Stuhllehnen durch, prüftet wie ein Walroß und begrüßt sie mit einem Schwall von Worten: „Guten Abend, schönste der Frauen! Guten Abend, Detlev, wie geht's, altes Haus? Gut, natürlich, in so einer Gesellschaft! Und Ihnen, schönste Frau? Ich habe mich so magnetisch angezogen gefühlt durch Ihre Blicke, daß ich einfach nicht widerstehen konnte! Wollten Sie etwas von mir? Nein? Schade! Ich glaubte ein heißes Verlangen in der Tiefe Ihrer Äugen zu lesen."
„Sie sind verrückt, Borkmann", lacht Katta, und ein ganz leises Rot steigt in ihr helles Gesicht.
(Fortsetzung folgt.)


