einer Mischung von verschiedenen Futterstoffen besteht. Besonders sei betont, daß an die Tiere kein Getreideschrot verfüttert wird, da das Getreide jetzt im Kriege für die menschliche Ernährung völlig ausgewertet werden muß. Allmonatlich werden die Schweine einer tierärztlichen Kontrolle unterworfen, selostverständlich wird auch die Gewichtszunahme der Tiere fortlaufend monatlich kontrolliert. Der gesamte Schweinebestand erhält als vorbeugende Schutzmaßnahme die Rotlauf-Schutzimpfung, und sollten einmal — was ja auch vorkommen kann — einige Borstentiere schwach in der Knochenbildung fein, so werden sie einer Vigantol-Kur unterworfen, durch die sie fest auf die Beine gestellt werden. Um das Einschleppen von Krankheitsgefahren von außen her zu verhüten, werden grundsätzlich sämtliche Fuhren von Küchenabfällen zuerst in der Futterküche durch die Dämpfvorrichtung geleitet, damit die Tiere nur das in den Dämpfern gekochte Futter fressen können. Die Zusatzfuttermittel sind auf großen Futterböden einwandfrei gelagert, so daß auch von hier aus nur guteß Futter zu den Schweinen gelangt. Die Stallungen werden von Wärtern ständig in einwandfrei sauberem Zustand gehalten, außerdem wird sorgfältig darauf geachtet, daß die für die Tiere am besten geeignete Temperatur immer in den Stallgebäuden vorhanden ist und die bei so großen Tierbeständen auftretenden Dunst- fchwaden durch Entlüftungsschächte ständig abgeleitet werden. Durch alle diese Maßnahmen ist in den Stallungen des EHW. eine einwandfreie Haltung der Tiere möglich und damit auch Verlusten durch Krankbeiten usw. wirksam vorgebeugt. Der anfallende Mist wird an Landwirte und Kleingärtner abgegeben, letztere erhalten die verhältnismäßig bescheidenen Düngermengen sogar kostenlos, wenn sie ihren Bedarf selbst abholen.
Reben den beiden großen Ställen in Gießen — ein drittes großes Stallgebäude wäre zur weiteren Steigerung der Wirtschaftlichkeit des Betriebs nötig und wird hoffentlich auch in absehbarer Zeit dem Betrieb noch hinzugefügt werden können — unterhält das EHW. Gießen zur Zeit noch Schweinemästereien in Friedberg mit 200 Schweinen, in Butzbach mit 75 Borstentieren und in Grünberg mit 10 Schweinen.
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Das EHW. stellt mit feiner umfangreichen Schweinemästerei einen Betrieb dar, der nicht nur für die Zeit des Krieges gedacht und auch nicht aus den Notwendigkeiten der Kriegsjahre entstanden ist. Es dient vielmehr der Aufgabe, wie schon zur Zeit feiner Entstehung so auch in künftigen Friedensjahren Quellen der Volksernährung in weitem Ausmaß dem Gemeinschaftsinteresse nutzbar zu machen, die vorher unbeachtet geblieben waren, und die in so glücklicher Weise ausgewertet werden können, wie wir es schon vor dem Kriege und besonders jetzt als guten volkswirtschaftlichen Gewinn verzeichnen können. Darum verdient diese Einrichtung der NSV. weiterhin alle Förderung durch die Volksgemeinschaft, insbesondere durch unsere Hausfrauen, die auf diese Weise den Kampf gegen den Verderb wirtschaftlich bedeutungsvoller Werte unterstützen können. Unsere Hausfrauen mögen also die für die Schweinemästerei geeigneten Küchenabfälle nach wie vor dem EHW. auf dem Wege über die Sammeleimer zur Verfügung stellen, und sie können dabei die Gewißheit haben, daß sie damit der Versorgung ihrer Familien aus der heimischen Produktion einen guten Dienst erweisen. B.
Gießen-Meseck.
Am heutigen Samstag, 9. Mai, wird unser Mitbürger Ludwig Oßwald II. 75 Jahre alt. Der Jubilar, der lange Jahre als Werkmeister bei der Firma C. Klingspor in Gießen tätig war, ist körperlich und geistig noch sehr rüstig und nimmt an den Ereignissen unserer Zeit noch mit großem Interesse Anteil. Dem alten Herrn gellen auch unsere herzlichen Glückwünsche.
Die Bevölkerung vö« Gieße« mache ich auf die Großkundgebung der Partei am Samstag, 9. Mal 1942, ganz besonders aufmerksam.
Um 20.15 Uhr spricht in der Reuen Aula der Universität * *
Gauleiter Jakob Sprenger
über das Thema
»Sieg um jeden preis."
Da die Rede gleichzeitig auch auf den Großen hörsaal und aus den Platz vor dem Universitätsgebäude übertragen wird, können alle Besucher die Rede hören, kein Volksgenosse und keine Volksgenossin versäume, an dieser wichtigen Kundgebung teilzunehmen. Der Kreisleiter.
Musik und Dichtung.
Feierstunde des Goethe-Bundes in der Aula.
Die gestern abend vom Goethe-Bund veranstaltete Feier stund e „Musik und Dichtung" wurde eingeleitet mit zwei Sätzen des Streichquartetts C-dur von Mozart (K.-V. 465), in mustergültig klangschönem Zusammenspiel vor getragen vom Darmstädter Drumm-Quartett. Dr. Henning, Vereinsleiter des Goethe-Bundes, erinnerte in seiner Begrüßungsansvrache daran, daß die Gießener Kul- turwocke nun schon zum dritten Male im Kriege stattfinoe und gerade in dieser Zeit eine Woche der Besinnung sein müsse, ein gemeinsames Bekenntnis Aum deutschen Kulturschaffen, eine Stärkuna unserer seelischen Widerstandskraft im Rinaen um den End- sieg. Sein herzlicher Gruß aalt allen Ehrengästen, im besonderen Kreisleiter Backhaus, Oberbür- Sermeister Ritter, Ministerialrat Dr. Leib, berregierungsrat Dr. E r ck m a n n vom Propa- aandaministerium, Intendant Klein und Herrn Erle; Gruß und Glückwunsch entbot er den Professoren Dr. Eger und Temesvary als den Leitern des jubilierenden Konzertvereins, Gruß und Dank dem Dichter Friedrich Bischoff, der in Gießen einer aufgeschlossenen Hörerschaft gewiß sein dürfe.
Oberregierungsrat Dr. (Erdmann von der Abteilung Schrifttum des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda überbrachte herzliche Grüße von Reichsminister Dr. Goebbels und rühmte die rege Kulturpflege in Gießen, die sich Oberbürgermeister Ritter angelegen fein lasse. Seine Ansprache „Das Lied in der Dichtung der Zeit" begann der Vortragende mit der persönlichen Erinnerung an einen Liederabend: die dort erfahrene unmittelbare Wirkung des Liedes auf die Zuhörer könne als Sinnbild für eine Kulturwoche im Kriege gelten. Er wies auf die innere Kraft unseres seelisch gewandelten Volkes hin und kennzeichnete bann mit einer Reihe charakteristischer Beispiele (Schumann, Tumler, Weinheber, Baumann, Hoerner, Bischoff und Stahl) die durch das Kriegserlebnis beflügelte, von neuer Innerlichkeit beseelte Lyrik der gegenwärtigen Dichtergeneration. Die Kulturwoche sei ein Beitrag zu dieser Wiedergeburt der deutschen Seele und stärke uns in der Zuversicht auf das vom Führer geschaffene, korw mende Reich der Deutschen.
Darauf sang Susanne Horn-Stoll, von Professor Temesvary feinsinnig begleitet, mit weicher, biegifamer Stimme und beseeltem Ausdruck drei von Marc Lothar vertonte Gedichte von Bischoff: „Regenlied", „Die Weidenflöte" und „Der Pirol". Der Dichter Friedrich Bischoff, dem wir u. a. die Romane ,/Die goldenen Schlösser" und „Der Wassermann" und die Gedichtsammlungen „Schlesischer Psalter" und >,Das Füllhorn" zu verdanken haben, las nach einigen sehr schönen, tiefen Worten über das Wesen des reinen Gedichtes, aus seiner Lyrik: in einer musikalisch aufgebauten Folge — Andante, Presto, Scherzo-Finale — zuerst Gedichte der Kindheit und Heimat, dann Bal- laden, zuletzt Heiteres. Er begann mit der „Auskunft" aus dem „Schlesischen Psalter", in der mit magisch raunender Stimme das Erbe des Blutes und der Heimat im Osten beschworen wird. Das wundervoll tragende, sonore und glockentönig schwingende Organ des Dichters entfaltete — von der „Gartenglaskugel" über den großartig panischen „Gesang vom Sommer" bis hin zum „Apfellied" und zum „Kachelofen" — den vollen, reinen Glanz, die rauschende und verzaubernde Melodie einer Naturlyrik, die, mit jedem Wort in Schlesien wurzelnd, zum Schönsten und Reichsten gehört, was wir im deutschen Gedicht unserer Zeit besitzen. Dom gleichen heimatlichen Kraftstrom gespeist, fügten sich die Bal
laden an, ,^schinka Milla" aus der schlesischen Märchen- und Geisterwelt, „Der rote Daniel", wild, leidenschaftlich und lodernd wie ein östlicher Feuerreiter, zuletzt „Der Räuber Popeya". Dann folgte, leicht, heiter und liebenswürdig, als Finale das Scherzo: „3m Kirschbaum", „Der Priem" und „Auf dem Eise", getragen von einem schalkhaft-überlege- neu Humor; ,Mrmes" und „Schlesische Tanzmusik" aaben, wunderbar volkstümlich rhythmisiert, den Ausklang. — Die Hörer dankten mit großem, herzlichen Beifall.
Menuett- und Allegro-Satz des Mvzartschen Streichquartetts C-dur, vom Drumm-Quartett vorzüglich gespielt, nahmen die musikalische Stimmung auf und leiteten über zur abschließenden Ansprache von Kreisleiter Backhaus: er wies darauf hin, daß wir, rückschauend auf das bisher in der Äunst- woche Erlebte, sehr befriedigt sein können. Sein Dank gelte, namens der Partei, allen, die zum Gelingen beigetragen haben, vor allem Dr. Henning, Oberbürgermeister Ritter, dem Intendanten Klein mit feinem Ensemble, Professor T e - mesvary und Professor Eger wie allen im Kulturleben unserer Stadt vereinigten Organisationen. Der Kreisleiter erinnerte dann an die neue Befruchtung unserer Kultur seit dem Jahre 1933, die als ein Führungs- und Erziehungsmittel der Partei gerade im Kriege von unschätzbarem Werte sei. In einer Zeit, in der vom Führer Geschichte gemacht werde, müsse das deutsche Volk auch kulturell voranmarschieren. Dazu leiste die Stadt Gießen mit dieser Woche einen verdienstvollen Beitrag. — Mit dem Gruß an den. Führer und unsere Wehrmacht wurde die Feierstunde beschlossen, die allen Hörern lange nach klingend in Erinnerung bleiben wird. Hans Tnyriot
Gleßener Vochenmnrkkpreise.
• Gießen, 9. Mai. Auf dem heutigen Wochenmarkt kpsteten: Markenbutter, Vi kg 1,80 RM., Matte 3-0 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Kartoffeln, 5 kg 47, Spinat, Vi kg 12 bis 20, Spargel 71 Rpf. bis 1,39 RM., Zwiebeln 17, Meerrettich 50, Rhabarber 20 bis 26, Sellerie 30, Salat 95, Lauch, das Stück 5 bis 10, Oberkohlrabi 28, Rettich 10 Rpf.
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gfs. Nahberatung. In der Beratungsstelle des Deutschen Frauenwerkes in Gießen, ßtnben- platz 11, findet jeden Montag und Mittwoch von 15 bis 18 Uhr kostenlos eine Nähberatung statt. Jede Hausftau kann sich hier Rat und Anregung holen.
* * Leseholzverbot im Mai und Juni. Wie das Forstamt Gießen bekanntgibt, ist in den Monaten Mai und Juni bas Leseholzsuchen, das Aufarbeiten von Abfallreisig sowie das Sammeln von Zapfen in den Waldungen verboten.
Amtsgericht Gießen.
Wegen Diebstahls und Bettugs stand die A. W. aus Frankfurt a. M., die sich in Gießen herurnttieb und hier allerlei Diebstähle und Betrügereien beging, zu verantworten. Es wurden ihr mehrere Gelddiebstähle, die Entwendung einer Armbanduhr und die Erschwindlung eines Mantels zur Last gelegt, ferner hatte sie sich wiederholt in Hotels unter falschem Namen einlogiert. Die Angeklagte wurde zu l1/» Jahren Gefängnis verurteilt, wobei sich verschiedene einschlägige Dorsttafen zu ihren Ungunsten auswirkten.
Die B. K. in Gießen mußte sich wegen Beleidigung und übler Nachrede verantworten. Sie hatte
Suf einer Postkarte eine Ariegerwstwe kn StM- härter Weise beleidigt. 100 RM. Geldstras sind die Sühne für die vollkommen unbegründete« Behauptungen der Angeklagten. j
Strafkammer Gießen.
In den Jahren 1939 und 1940 hatte der F. B. aus Gießen eine größere Menge Wäschestücke, die ihm zum Aufsticken von Namen übergeben worden waren, zum Teil verkauft oder zum Teil für sich behalten. Wegen dieser Unterschlagungen wurde der Angeklagte zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, auf das drei Monate Untersuchungshaft an gerechnet werden.
Ans der engeren Heimat.
Landkreis (Sieben.
<£ Heuchelheim, 7. Mai. Dieser Tage hiett der Turnverein Heuchelheim seine Jahreshauptversammlung ab. Der Vereinsfuhrer Otto Rinn konnte dabei eine Anzahl Kameraden von der Front oder aus den Lazaretten begrüßen. Nach, denr Gedenken an die auf dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden und an die verstorbenen Mitglieder gab der Dereinsführer einen Bericht übet die Tätigkeit des Vereins im abgelaufenen Vereinsjahr. Er konnte feststellen, daß trotz aller Schwierigkeiten die turnerische und sportliche Betätigung des Vereins auf fast allen Gebieten fortgesetzt wird. Besonders hervorgehoben wurde die gute Beteiligung an dem Bezirks-Turn- und -Sporttag in Gießen. Obwohl diese Veranstaltung unter der Ungunst der Witterung zu leiden hatte, waren 204 Wettkämpfer und Wettkämpferinnen einschließlich Kampfrichter angetteten. Dabei konnte der Verein den vom Kreisführer gestifteten Wanderpreis für besten Einsatz zum dritten Male und damit endgültig verliehen bekommen. Auch bei dem Weidig-Bergfest in Butzbach war der Verein durch eine Anzahl Turner und ©portier vertreten und konnte auch dort, neben verschiedenen guten Einzelsiegen, zum zweiten Male den Moritz-Kuhl-Wanderpress erringen. Nach dem Jahresbericht des Vereinsführers und den Berichten der einzelnen Fachwarte folgte der Kassenberichts der von der Versammlung genehmigt wurde. ES wurde dann noch bekanntgegeben, daß am Sonntag, 17. Mai, der diesjährige Kreiswandertag statt- findet. Der Tv. Heuchelheim marschiert morgens um 8 Uhr nach Staufenberg. Der stellv. Vereinsführer und Diettvart Albert Rinn ermahnte am Schluß der Versammlung noch besonders die Jugend, gerade in der jetzigen Zeit Turnen und Sport mit Eifer und Idealismus zu betreiben. Mit dem Gruß an den Führer wurde bann die Versammlung geschlossen.
Kreis Wetzlar.
# Wißmar, 7.Mai. Bei guter Beteiligung der Mitglieder fand die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Spar - und Darlehns- k a f f c statt. Vorsitzender L. Leib eröffnete mit dem Gedenken an die verstorbenen und gefallenen Mitglieder die Versammlung, worauf Geschäftsführer W. B e ck e r die Bilanz und den Geschäftsbericht bekanntgab. Aus dem Bericht war zu entnehmen, daß auch im abgelaufenen Geschäftsjahr die Kaffe wieder erhebliche Fortschritte zu verzeichnen hatte. So flössen der Genossenschaft an Einlagen über 83 000 RM. neu zu. Die Rückzahlungen auf Kredite und Darlehen waren sehr gut. Die flüssigen Mittel wurden zum größten Teil in Reichspapieren angelegt. Im Warenabsatzgeschäft wurden 1030 dz Getreioe und 295 dz Kartoffeln erfaßt. Im Warenbezugsgeschäft betrug der Umsatz 14 000 RM. mehr als Vorjahre. Hierin zeigte sich die erste Auswirkung des Ende 1940 bezogenen eigenen Lagerhauses mit moderner Ladeneinrichtung. Auch von der Saatgutreinigungsanlage wurde in erhöhtem Maße Gebrauch gemacht. 1941 traten 9 Mitglieder der Genossenschaft neu bei, so daß deren Gesamtmitgliederbestand heute 307 beträgt. Die aus der Verwaltung satzungsgemäß ausscheibenden Mitglieder wurden einstimmig wiedergewählt. Aus dem Reingewinn von 1450,14 RM. wurden 4 v. H. Geschäftsanteilverzinsung gewährt, der Rest den Reserven zugeschrieben. Im Anschluß an die Versammlung gab Orts- bauernsichrer Wagner wichtige Mitteilungen des Reichsnährstandes sowie die Ergebnisse über die in der Gemarkung durchgeführten Bodenuntersuchungen bekannt.
i-Gesellsdiafr,Hameln
Man verlange beim Einkauf
Warnung aus Stendal
Roman von A. Lothar Philipp
25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
7.
Die Proben für die große Jubiläumsoorstellung des Eispalastes hatten begonnen, und Elisabeth Perling war fast täglich im Bartete, um zu proben, so konnte es nicht ausbleiben, daß sie oft mit den drei Willis zusammentraf, die nunmehr Irene No- rodna in ihre Nummer ausgenommen hatten.
Elisabeth Perling, der Universal-Star, war die große Zugnummer für den 10. September geworden. Wenn sie probte, war das Parkett gefüllt von den anderen Artisten, die ihre Vielseitigkekt bewunderten und sich bemühten, diesen oder jenen Trick abzusehen.
Wenn sie auf der Bühne stand und ihre Vorführungen übte, so mochte dieser oder jener, der sie besser kanpte, an ihr einen sonderbaren Zug von Ernst und Traurigkeit wahrnehmen. Sie lachte selten, und der Regisseur hatte sie schon mehrfach gebeten, auf ihre Mimik zu achten und gerade das Lächeln nicht zu vergessen, jenes traditionelle Bühnenlächeln, das andeuten soll, daß die Artistik reine Spielerei ist und keinerlei Anstrengung kennt.
In dem Verhältnis zu den drei Willis war eine Trübung eingetreten, die Elisabeth unerklärlich war. Sowohl Welt als auch der kleine Petersen vermieden, pr-vat mit ihr zu sprechen. Trafen sie sie im Hotel, so begrüßten sie sie wohl höflich, ließen sich aber niemals mehr an ihrer Seite nieder und zeiaten deutlich genug, daß sie sie mieden. Nur Willis setzte sich nach wie vor zu ihr und unterhielt sich mit ihr über alles mögliche, wobei er stets vermied, von dem Fall Lanos zu sprechen.
Oft lag ihr eine Frage auf der Zunge, aber dann schwieg sie doch, weil sie fürchtete, durch ein An- schneiden jenes verpönten Themas womöglich auch noch die Freundschaft Willis zu verlieren. Sie
konnte sich das Benehmen seiner Kollegen nicht erklären. Es war ja nicht nur das. Sie fühlte auch, daß die anderen Kollegen des Eispalastes sehr zurückhaltend zu ihr waren und es vermieden, sich mit ihr in der Kantine ober in den Pausen zu unterhalten. Dies alles mußte eine besondere Bedeutung haben, die sie nicht verstand.
Willis, der das alles recht gut merkte, wußte sich auch nicht zu helfen. Aber er erfuhr, daß dunkle Gerüchte über Elisabeth im Umlauf waren, nach denen sie mit der Mordsache Lanos zu tun hatte. Von der einen Seite wurde behauptet, sie habe direkt damit zu tun und habe sich mit Lanos am Tage nach der Tat außerhalb Berlins getroffen, fei bann sofort nach Berlin gefahren, um zu erkunden, was gegen ihn unternommen werde. Andere wieder meinten, sie hätten aus zuverlässiger Quelle gehört, sie sei die Ursache des Mordes gewesen und habe beide Männer bewußt auf sich eifersüchtig gemacht, so daß es zu der Mordtat gekommen sei. Ja, man wollte sogar wissen, daß der Ermordete ihretwegen einmal im Gefänanis gesessen hatte, daß sie Lanos betrogen habe und ihm dann durchgegangen sei.
Willis bemühte sich vergeblich, die Quelle all dieser Gerüchte festzustellen. Keiner wollte mit der Sprache heraus, selbst Welt und Petersen schwiegen und gaben ihm den wohlmeinenden Rat, sich etwas zurückzuhalten und nicht zu häufig mit ihr zu verkehren, weil er da Gefahr laufe, auch noch mit in die Sache hineingezogen zu werden.
Welt sagte ihm eines Abends, als Willis ihn zur Rede stellte:
„Ich habe gehört, sie soll mit Lanos zusammen in der Wohnung gewohnt haben, wo Barthold ermordet wurde."
„Wer sagt das?" fragte Willis erregt.
Welt zuckte die Achseln.
„Das kann ich dir nicht sagen, ich habe mein Wort gegeben. Dir ist es lieb, daß ich es erfuhr, denn ich bin nun nicht mehr in der Ungewißheit und weiß, daß wir uns in ihr getäuscht haben. Sie war damals auch schuld, daß ich mich mit Petersen
prügelte, und du weißt ja selbst, daß du sie fort- schicken mußtest, nur um die Einheit der Truppe nicht zu gefährden.' So, wie sie damals uns gegeneinander aufgehetzt hat, so hat sie auch Lanos und Barthold aufgehetzt. Und das wissen eben heute alle, deshalb redet kein Mensch mehr mit ihr und deshalb will niemand etwas mit ihr zu tun haben."
„Was seid ihr alle für erbärmliche Menschen", brüllte Willis, „um irgendwelcher Quatscheveien willen meidet ihr das Mädel in einer Art und Weise, die beleidigend ist. Ihr solltet euch schämen. Keiner weiß etwas Genaues, keiner weiß, was wirklich los ist, der eine redet dies, der andere bas, alles sinb nur Gerüchte, die ihr glaubt und weiter- tratscht. Wenn ich den Kerl erwische, der biefe Sachen aufgebracht hat, verdresche ich ihn, baß ihm Hören unb Sehen vergeht."
Am Vormittag vor ber Probe saß Willis allein in seinem Hotelzimmer unb bachte darüber nach.
Wenn Elisabeth bei Lanos gewohnt hatte, bann mußte bas boch festzustellen sein. Er war entschlossen, nun selber ben Dingen auf den Grund zu gehen. Gegen 11 Uhr verließ er das Hotel und ging zur Kurfürstenstraße 143, um sich dort nach Elisabeth zu erkundigen. —
Am frühen Nachmittag war er im Eispalast. Elisabeth probte allein. Nur die Japaner von dem Jongleurakt standen im Parkett unb unterhielten sich leise. Die Bühne war nur wenig erleuchtet, Elisabeth untersuchte ihre Requisiten unb übte im Trainingsanzug einige Saltos.
Willis setzte sich in eine ber ersten Parkettreihen unb sah ihr zu. Sie hatte ihn nicht kommen sehen, weil der Zuschauerraum verdunkelt war.
Sie baute ihre Schieß-Scheiben auf, um einige Schüsse abzugeben, da zu ihrem Aufttitt auch ein Akt als Kunstschützin gehörte.
Plötzlich erschien ber Regisseur auf der Bühne.
„Wir müssen Ihren Auftritt etwas kurzen, Fräulein Perling", sagte er so laut, baß es Willis hören konnte. „Sie müssen die Kunstschießerei weglassen unb den Tanzakt um drei Minuten kürzen. Es geht
nicht anders. Wir müssen bas mit Rücksicht auf dis Willis tun. Denn die Norobna sagte, sie könne ihren Kunstschießakt keinesfalls auslassen, ba dann der ganze Auftritt auseinanberfatlen würde. Sie wisse« doch, baß bie Willis bie ganze Sache musikalisch aufziehen und wenn wir ba einige Takte herausnehmen, gibt es ein großes Durcheinanber, zumal bet Welt nicht ganz taktfest ist. Wir sinb froh, baß es mit ihm jetzt klappt. Also bleibt nichts anderes übrig, als Ihren Akt zu kürzen —"
Willis stand auf unb eilte auf bie Bühne.
„Ah, ba sind Sie selber", sagte Kräger, der Regisseur, „es ist gut, baß Sie ba sind. Ich sprach mit Fräulein Norobna —"
„Wieso sprechen Sie mit ber Norobna", unterbrach ihn Willis, „schließlich bin ich der Kapitän ber Truppe unb nicht die Norobna' Die Norobna hat gar nichts zu sagen."
„Das können Sie ja untereinander abmachen", sagte Kräger ärgerlich, „jebenfatis muß ber Aufttitt Perling gekürzt werden, weil ich an Ihrem Auftritt nichts kürzen kann."
„Das hätten Sie sich früher überlegen sollen", meinte Willis, „da lassen Sie Fräulein Perling erst proben und alles Herrichten, und nun, einige Tage vor ber Vorstellung, verlangen Sie, baß sie ihre ganze Nummer umwirft."
„Fräulein Perling geht Sie nichts an, Willis, mischen Sie sich nicht in biefe Dinge —"
„Fräulein Perling ist meine Kollegin und ich trete für sie ein wie für meine eigenen Leute, Kräger, Sie müssen nicht benten, weil sie allein ist, baß sie mit ihr machen können, was Sie wollen."
Der Regisseur würbe wütenb.
„Herr", brüllte er, „wohin würbe es führen, wenn sich jeder Artist einmischen würde, wenn ich mit einem anderen etwas ausmache. Es bleibt so, wie ich bestimme: ber Auftritt Perling wird gekürzt. Am liebsten würbe ich bie Perling ganz ausfallen lassen, benn bei ben Gerüchten, bie über sie im Umlauf sind, ist es eine Zumutung —"
(Fortsetzung folgt)


