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Gietzemr Anzeiger

General-Anzeiger siir Oberhessen

Stockholm, März 1942.

Erinnerungen an Lava

Tokio, ö.Alärz. (DNB.Funkspruch.) Wie das kaiserliche Hauptquartier bekanntgab, haben die ja­panischen Heeres- und Warinestreilkräste, die auf Java operieren, die Einnahme von Bata­via, der Hauptstadt von Niederländisch-Ostindien, am 5. März um 21.30 Uhr japanischer Zeit voll-

Oer Hohn der Mörder.

Von unserer Berliner Schriftleitung.

stellungen der victorianischen Blütezeit britischer Weltgeltung befangen sind. Diese unverbesserlichen und unbelehrbaren Imperialisten, die innerhalb der Konservativen Partei alsThe old gang (die alte Bande) bezeichnet werden, sind zwar zahlenmäßig völlig in der Minderheit, aber sie wurden 1935 ins Unterhaus gewählt und sitzen dort immer noch. Die jungen Männer jedoch, die auf den Schlachtfeldern der Welt zu vertreten haben, was die Politiker in Westminster beschließen, machen ihre eigenen Erfah­rungen.

Diese Entwicklung ist natürlich keineswegs neu. Aber durch die Katastrophen der letzten Wochen ist sie an die Oberfläche gelangt. Die Unwirklichkeit des Parlalnents in seiner heutigen Zusammensetzung ist jetzt Gegenstand der öffentlichen Diskussion gewor­den. Gibt es eine Abhilfe? Das natürliche Mittel

Batavia, die Hauptstadt Nieberländisch-Ostindlens, zählt fast 450 000 Einwohner, darunter freilich nur 30 000 Europäer und etwa 40 000 Chinesen. Sie liegt an einer geräumigen durch Koralleninseln ge- chützten Bai inmittetn ausgedehnter Reisfelder und Kokospflanzungen. Die Altstadt mit zahlreichen öffentlichen Gebäuden und Handelshäusern ist nur noch von Malaien, Javanen, Arabern und Chi­nesen bewohnt, während die Europäer vorwiegend in derl808 in einer gesünderen Gegend angelegten neuen Stadt wohnen, hier liegt auch der Palast des Generalgouverneurs. Batavias handel ist von großer Bedeutung für Riederländisch-Jnd.en. Aus­geführt werden Kaffee, Zucker, Tabak, Gewürze, vor allem Pfeffer von Sumutra, Zinn aus Banka, harz, Indigo, Reis, häute, Tee, Arrak, Teakholz, Chinarinde, Sandelholz und anderes. Die Einfuhr besteht im wesentlichen aus europäischen Manusak- turwaren und Luxusartikeln, ferner aus Eisen und Konserven. Batavia ist der Mittelpunkt des Eisen­bahn- und Telegraphenverkehrs der Insel und Ausgang von Kabeln nach Europa und Australien Entstanden ist Batavia aus einer Faktorei, die 1610 der Generalgouverneur Pieter Both angelegt hatte. Später wurde zum Schutz der seit 1619 Batavia genannten Stadt ein Fort gebaut. Als im Juli 1699 ein Erdbeben den Hafen verschüttete, wurde die Residenz des Gouverneurs 6 Kilometer landein­wärts gelegt, woraus sich dann die heutige Groß­stadt Batavia entwickelt hat.

Batavia, die Hauptstadt Lavas in japanischer Hand. .

burtenjahrgänge unter den Wahlberechtigten zur Zeit nicht im Parlament vertreten sind. Die Jahr­gänge der 21- bis 30jährigen umfassen in England etwa ein Drittel der gesamten Wählerschaft, so daß schon rein zahlenmäßig ein sehr ansehnlicher Teil des englischen Volkes in Westminster keine Der- tretunq mehr besitzt.

Daß es sich hierbei keineswegs nur um Zahlen­akrobatik oder statistische Spielereien handelt, son- bern, um ein sehr wichtiges Problem der englischen Innenpolitik, wird deutlich, wenn man diese Ver­schiebung innerhalb der Wählerschaft die bei längerer Dauer des Krieges ohne Neuwahlen noch schärfer hervortreten wird mit dem anderen Ar­gument der Kritiker in Beziehung setzt, daß die Gefolgsleute Baldwins nicht mehr in der Lage feien, den reformerischen Aufgaben gerecht zu werden, die der Krieg in geradezu überwältigender Fülle her­vorgebracht- hat. Daß das alte England und das alte britische Empire nicht wiedererstehen wird, ist heute soga'- in England schon zu einer Binsenwahr­heit geworden, wenngleich noch nicht in allen Schich­ten der Bevölkerung. Besonders im Unterhaus treten immer noch Politiker auf, die in den Vor-

Kein Wölkchen mildert die unbarmherzigen Strahlen. Die Kulis haben die Felder verlassen, deren künst­licher Wasserspiegel unter den Sonnenstrahlen dampft. Java in der Mittagsglut.

Auf der Autostraße im Hochgebirge ist der Hori­zont von Bergen begrenzt, unterhalb ein zerstückel­tes Terrain, steile und tiefe Abgründe, scharfe Rän­der und Kanten, Täler, Klüfte und Spalten und überall aufeinandergehäufte Massen Basalt mit Kränzen von ewigem Grün, mit Buschwerk und Bäumen phantastisch ausgeschmückt, zuweilen alten Ritterburgen ähnelnd, die in der Wildnis versteckt liegen. Dann wieder sieht man amphitheatralisch ansteigende Reisfelder, die ein Meer von Aehren tragen. Am Fuße des Karang-Bolanggebirges, das in schweren grauen oder schwarzen Felsen ins Meer ausläuft, steht man plötzlich vor der unermeßlichen Fläche des Indischen Ozeans. Langsam und ernst rollen die Meereswogen heran doch wenn sie dem Fuße des Felskolosses nahen, brausen sie mit gewaltiger Kraft gegen die Felsen und zerstäuben an den unbezwingbaren Klippen im sprudelnden Schaum. Blickt man, durch ein starkes Tau ge­schützt, über den Rand des senkrecht in die Tiefe abfallenden Felsens, so gewahrt man in seiner Wand unzählige Klüfte, Höhlungen und Vertiefun­gen bis an die Oberfläche der See.

Am Strande benndet sich eine aus Felsen und Klippen gebildete Höhle. Das hohe Gewölbe wird aus zahlreichen Bogen von verschiedener, aber im­mer riesenhafter Größe gebildet. lieber all Natur­schauspiele von unbeschreiblicher Schönheit! F. B.

Kritische Lage in Burma.

Genf, 6. März. (DNB. Funkspruch.) Zur Lage in Burma läßt sich derDaily Erpreß" von seinem Korrespondenten in Mandalay berichten, daß nun auch der britische Gouverneur von Burma aus Rangun geflüchtet-und in Mandalay eingetroffen sei. Der nördlich von Ran­gun gelegene Flugplatz Mingaladon sei in­zwischen infolge dauernder japanischer Luftangriffe für die britischen Streitkräfte unbenutzbar ge­worden. Der japanische Vormarsch sei in den letzten Tagen so schnell erfolgt, daß man diesen Flugplatz nicht einmal mehr habe räumen können. Die nord- i amerikanischen und englischen Flieger, die bisher > von diesem Flugplatz aus aufgestiegen seien, hätten . ihre Flugzeuge im Stich lassen und flüchten müssen,

getan?

Wie ein Peitschenhieb ins Gesicht der Moral muß die schamlose Heuchelei der britischen Verbrecher an­muten. Der Londoner Nachrichtendienst sagt, Frank­reich ersehne geradezu die Fortsetzung des Bom­bardements, die unschuldige französische Bürger, Frauen und Kinder mit dem Leben bezahlen müssen. Das Komitee des Verräters de Gaulle erläßt einen Aufruf, wonach die schwer betroffenen französischen Zivilisten angeblich sehnlichst ihre Ausrottung durch englische Bombenflugzeuge begrüßen würden! Ganz Paris warte darauf, daß die Bombardements auf die Seinestadt sich wiederholten! Kann man nieder­trächtiger den Schmerz, die Wut und die Trauer des französischen Volkes um die schweren Opfer dieser Churchillschen Perfidie verhöhnen? Jedes menschliche Empfinden sträubt sich gegen solche Mör­der, die kaltblütig ihre Opfer noch dazu beglück­wünschen, für England gestorben zu sein.

Was aber allem die Krone aufsetzt, ist das Ver­halten amerikanischer und englischer Politiker. Sum- ner Welles hat erklärt, er habe um das Bombarde­ment bet Pariser Zivilbevölkerung vorher gewußt und begrüße es. Wenn der britische Luftfahrtmini-

Unablässiges Vorrücken.

Schanghai, 5. März. (Europapreß.) Die japa­nischen Operationen auf Java machen nach japa­nischen Frontberichten planmäßig Fortschritte. Gegenangriffe starker niederländisch-indischer Abtel- lungen gegen die von den Japanern eroberten Flugplätze wurden abgewiesen. Bei einem Angriff auf den in japanischer Hand befindlichen Flugstutz­punkt westlich von Bandung wurden 15 niederlän­disch-indische Panzer durch Tiefangriffe japanischer Bomber vernichtet. Die niederländische Luftwafte trat nur in geringem Umfange in Tätigkeit.

Ein britischer Augenzeuge der Kämpfe auf Java erklärte dem Reuteragenten: In ganz Java tobe die Schlacht mit furchtbarer Wucht. Die Japaner hätten wesentliche Fortschritte gemacht. Unablässig seren die japanischen Flugzeuge über den Stellungen der Verbündeten tätig. Jedes Flugzeug werfe ferne Bombenlast ab und fliege sofort zu seinem Stutz­punkt zurück, um weitere Bomben zu holen. Der Mangel an Flugzeugen bei den Verbündeten ser ge­radezu kläglich. Es seien fast keine Flugzeuge vor- t)crnben, um bas Feuer der Artillerie zu leiten. So könne man bie japanischen Truppen, bie ihre Flug­stützpunkte gut ausnutzten, nicht aufhalten. Außer Flakbeschuß fänden die japanischen Bomber und Jäger bei ihren täglichen Angriffen kaum Wrder- stand. Auch der Bericht des niederländrsch-mdrschen Hauptquartiers gibt unumwunden zu, daß der japanische Vormarsch ohne Unterbrechung werter­geht, wenn es auch wegen der besonderen Art der Kriegführung, durch die die Schaffung einer regel­rechten Front unmöglich sei, ausgeschlossen ser, eine klare Uebersicht der Lage zu erhalten.Im ganzen gesehen", so heißt es,haben die Japaner dre zah­lenmäßige Ueberlegenheit und rücken unab­lässig vor." Der Bericht spricht auch von der entschiedenen Luftüberlegenheit" der Japaner, die zu ihren Erfolgen beitrage.

,Jnsulinde im Gürtel von Smaragd" nennen die : Holländer die Perle der Südsee, das Gartenland Java, und wenn der Kraftwagen oder das stinke Motorrad an den üppigen Reisfeldern, Zucker-, Gummi-, Tee-, Kaffee- oder Chininplantagen vor- übergleiten, gewinnt man den Eindruck, daß die Plantagenwirtschaft gerade in Java einen größeren Ertrag aus dem Boden holt als anderswo daß die Eingeborenen sich imGürtel von Smaragd' besser stehen als in Indien oder China. Die Javaner bewohnen ein gesegnetes Land. Aber Java muß heute mit seinen 45 Millionen Einwohnern mehr Menschen ernähren als irgendein anderes Gebiet gleicher Größe auf der ganzen Welt. Nennt em Eingeborener eine Anzahl von Klapperbaumen (Klapperboom-Kokospalme) auf seinem Bodenbe- itz sein eigen, so kann er bei seinen bescheidenen Ansprüchen schon leben, ohne zu arbeiten, denn der Ertrag der Kokosnüsse liefert ihm den Unterhalt in seinem Häuschen aus Bambus und Palmen­blättern Und so verlief das Leben der Javaner still und ungestört, bis der Kraftwagen in Erscheinung trat und auch den Menschen auf Java eine neue Daseinsperspektive eröffnete. Wie in allen fernöst­lichen Landen, fand der Chauffeurberuf auch in Java großen Anklang, und heute sieht man über­all bie kleinen braunen Gestalten am Steuer sitzen.

An der Südküste Javas pflügen die Männer, knie­tief in dem Schlamm der Reisfelder watend, mb er glühenden Sonne, bie Frauen ziehen tief gebückt, stundenlang das Unkraut aus den Feldern, pflanzen die Reisähren einzeln und schneiden sie auch einzeln mit dem Messer ab. Man sieht lange Reihen von Teepflückerinnen mit ihren Kopflasten zur Fabrik ziehen und daneben Kulis bei der Arbeit auf den Gummiplantagen und Tabakfeldern. Doch am meisten fesselt wohl die Natur. Tiefe, feierliche Stille herrscht im Urwald. Die gewaltigen Stamme sind von einem Netz von Efeu und Schlingpflanzen um­geben. Wie dicke Schnüre fallen bte Lumen m einem dichten Blätterwerk von den hohen Gewölben herab, und überall, auf den Rinden auf den Zwei- gen in den Spalten, gedeihen und schimmern Tau- sende kleine Pflänzchen, vielfarbige Blumen, reich- . schattierte und phantastisch geformte ParLsiten. Jeder : der Urwaldriesen trägt eine besondere eigene Pftan- ^Aus"der Dunkelheit des Urwaldes kommt man i bann in bie glühende, versengende und brennende . Mittagssonne des offenen Manischen Gartenlandes.

der Neuwahlen steht im Kriege kaum zur Derfu- gung, da bie örtliche Verschiebung ber Bevölkerung bie Aufstellung von Stimmlisten nahezu unmöglich macht. Zudem würde eine Neuwahl nur wenig helfen, da gerade von den jüngeren Wählern sehr viele nicht in der Heimat sind. Ein anderer Weg wurde vielleicht von Stasford Cripps angedeutet, als er sagte, das Unterhaus müsse sich den Forde­rungen der veränderten Umstände anpassen, ob­wohl man kaum zu erkennen vermag, welchen Weg eine solche Anpassung gehen wollte. Am wahrschein­lichsten ist daher, daß weniger noch als bisher die Regierung das Unterhaus befragen wird, und daß die Entwicklung nach links denn um eine solche handelt es sich, gleichgültig, ob man von Reform, Evolution oder Fortschritt zu sprechen vorzieht über die erdrückende Mehrheit der Konservativen im Unterhaus einfach hinweggehen wird. Als greife Ahnfrau wird die Mutter ber Parlamente in ber Ecke fitzen unb mißbilligen!) aber machtlos bem Spiel ber Nachfahren zuschauen.

da man nicht mehr schnell genug die Bombenfrater des Flugfeldes habe zuschütten können. Das Roll- eld fei völlig zerstört.

Britischer Zerstörer und llSA.-Kanonenboot versenkt.

Tokio, 5. März. (Europapreß.) Wie das Kaiser­liche Hauptquartier meldet, versenkten japanische Marinestreitkräfte südlich ber Insel Java am^ 2.3. den britischen ZerstörerStronghold" (905 T). Am gleichen Tage landeten japanische Marinestreit­kräfte bei bem strategisch wichtigen Ort Zambo- anga, an der Westküste der Philippineninsel Min­danao, und besetzten ihn. Am 3.3. wqrde bas narb» amerikanische KanonenbootAshvill e" (1270 T.) von japanischen Marinestreitkräften versenkte

Luftangriffe auf Rordwestauftralien.

Tokio, 6. März. (DNB. Funkspruch.) Wie das Kaiserliche Hauptquartier bekanntgab, haben japa­nische Marineflugzeuge am 3. März einen Angriff auf Broome an ber Nordwestküste von Austra­lien ausgeführt, wobei sie im Hafen 2 8 Flug­boote jer ft orten. Anbere Marineflugzeuge griffen Wyndham an und setzte ein Transport­flugzeug und einen Schuppen in Brand. Ferner haben japanische Marineflugzeuge über Ost-Java und den Sunda-Jnseln östlich von Java 36 feind­liche Flugzeuge abgeschofsen ober am Boben zer- 'stört. Die beiden von der japanischen Luftwaffe angegriffenen Hafenstädte liegen an der Nordküste von Westaustralien, Wyndham im äußersten Win­kel des Cambridge-Gölfes unb Broome am Nord­rand der Roebuck-Bucht.

Britische Kanonenboote für Tschnnking

Schanghai, 5. März. (DNB.) Die britischen FlußkanonenbooteSandpiper",Falcon" und (Sannet", die der englischen Jangtseflotte ange­hörten, wurden an die Regierung Tschiangkmscheks übergeben.Sandviper" liegt in Tschangtscha, die anderen beiden in Tfchungking. Ferner ist die Heber- nabe des USA.-KanonenbootesTutuila" geplant, das ebenfalls in Tfchungking liegt. Die Heb er gäbe der vier Kriegsschiffe bedeutet das Ende der im Frieden von Schimonofeki 1895 geschaffenen Jangtse- Patrouille.

Verschwörung gegen Staatsmänner des nationalen China.

Nanking, 5, März, (DNB,) Der Plan eines Anschlages auf den Staatspräsidenten Wang T s ch i n g - w e i, den Außenminister, Finanzmini­ster und Marineminister, ist durch vorzeitige Aus- deckung ber Verschwörung vereitelt worden. Die Verschwörung war v o n T s ch u n g f i n g e r 21 g e n- ten angezettelt. Die Hauptverschwörer, Hu Ting- yen, Oberleutnant im Gendarmerie-Hauptquartier, : sowie Leutnant Cheng Kch-sing wurden von der ; Leibwache des Staatspräsidenten am Donnerstag- morgen erschossen. Zwei weitere Soldaten der ' Leibwache wurden zu je 15 Jahren Gefängnis ner- i urteilt, während das Verfahren gegen neun mot- , tere Verdächtige noch schwebt.

Die Blutnacht von Paris, in ber englische Flieger Bomben auf Paris abwarfen und unschuldige Zivi­listen töteten, hat Enstetzen nicht nur in Frank- reich hervorgerufen. Während des Krieges gegen Frankreich im Sommer 1940 ift* Paris von den deutschen Luftgeschwadern nicht heimgesucht worden, obgleich es ber Sitz der französischen Kriegstreiber war, denn Deutschland führt nicht feigen Krieg gegen Zivilisten. Aber das damals verbündete Eng­land hat nicht nur Frankreich dadurch verraten, daß es feine Truppen, als die Angelegenheit kritisch wurde, nach Dünkirchen dirigierte, sondern Churchill ließ die ftanzösischen Kriegsschiffe in Mars ei Kebir zusammenschießen, Tausende von französischen See­leuten fielen dem Anschlag ihres ehemaligenVer­bündeten" zum Opfer. Ein Angriff der englischen Flotte auf Dakar in Westafrika kostete ebenfalls französische Blutopfer. Der jetzige schwere Angriff auf die Pariser Zivilbevölkerung hat in Frankreich einen Schrei der Wut und des Entsetzens ausgelost. Französische Blätter sprechen nicht nur davon, daß England Gewalt gegen Unschuldige anwende, son- dem betonen auch, jetzt sei das Maß voll, ber kalt­blütige Massenmord der friedlichen Bevölkerung schreie nach Rache. Die meisten Opfer sind franzö­sische Frauen unb Kinder. Marschall Pätain hat einen Trau er tag für ganz Frankreich angekündigt. Aber es ist allein mit bem Betrauern ber Opfer

Volksvertreter ohne Mandat

Von unserem Dr. L.-Korrespondenten.

DieMutter ber Parlamente" ist alt geworden. Während aber die beinahe 700 Jahre, die seit der Einberufung des ersten englischen Parlaments burck - Simon von Montfort vergangen sind, heute noch in England als Ausdruck besonderer Ehrwürdiakeit und Güte betrachtet werden, hält man die nahezu sieben Jahre, die das jetzige Unter!)aus erlebt hat, für ein Zeichen seiner Minderwertigkeit und schwäche. Als zu Beginn dieses Jahres in einer Unterhausdebatte viele Abgeordnete erklärten, man frage sich im Lande, ob man eine gute Regierung habe, ließ Churchill durch den Mund seines Sohnes Randolph erwidern, man könne auch fragen, ob man ein gutes Unterhaus habe. Die hinter dieser Frage sich verbergende Andeutung, baß eine Neu- wähl immerhin nicht ganz außerhalb des Bereiches des Möglichen liege, war ein sehr wirksames Mittel, um die Kritik in engere Schranken zu verweisen; denn eine große Anzahl der gegenwärtigen Unter­hausmitglieder würde bei einer Neuwahl nicht nach Westminster zurückkehren.

Dabei geht der Konflikt natürlich nicht um gut ober schlecht im Sinne einer moralischen- ober gar ethischen Wertung. Der Vorwurf, der von vielen Seiten gegen bas Unterhaus erhoben wird, besteht vielmehr darin, daß es nicht mehr ber wirklichen Meinung des Volkes entspreche und daher vielleicht noch eine gesetzgebende Versammlung, aber nicht mehr eine Volksvertretung sei. Dieser Vorwurf kann auch nicht einfach durch einen Hinweis aur den vorigen Weltkrieg entkräftet werden. Zwar hat auch damals das Unterhaus, welches in England auf vier Jahre gewählt wird, ein doppelt so hohes Lebensalter erreicht und wurde erst nach dem Waf­fenstillstand aufgelöst, aber die Voraussetzungen mären doch ganz andere, weil damals nicht gleich- Ömit dem äußeren Kriegsgeschehen eine innere

Dlung von epochaler Bedeutung vonstatten ging.

Das gegenwärtige britische Unterhaus wurde ge­wählt im November 1935. Schon damals spielte die Parteipolitik nicht mehr die ganze Rolle, die ihr noch in den zwanziger Jahren zugefallen war. Die Krise des Jahres 1931 hatte die sogenannte Nationale Regierung unter Ramsay Mac D o - n ald gebracht. Der überparteiliche Charakter dieser Regierung verlor sich jedoch im Lause ber Jahre, was äußerlich durch die Uebernahme der Premier­ministerschaft durch den konservativen Parteiführer Stanley Baldwin in Erscheinung trat. So kam es auch, daß die Wahlen von 1935 noch mit großer Erbitterung auf Seiten ber Arbeiterpartei durch­geführt würben. Das Ergebnis brachte der Regie­rung 431 Mandate unb ber Opposition 184. Inner- halb der Regierungsgruppe verfügte die Konser­vative Partei allein über 387 Sitze, während bei der Opposition 154 Mandate der Arbeiterpartei gehör­ten; der Rest entfiel auf beiden Seiten auf kleine Gruppen vornehmlich liberalen Charakters. An die­ser Voraussetzung hat sich, obgleich die Labour Party vor Ausbruch des Krieges bei Neuwahlen einige weitere Sitze erobern konnte. Wesentliches nicht geändert.

Gegen dieses Unterhaus werden nun vor allem Ärvei Vorwürfe erhoben, die im Grunde jedoch zu- sammengehören. Einmal wird gesagt, baß ein Par­lament, welches vor sieben Jahren unter völlig an- beren Verhältnissen gewählt wurde, heute nicht mehr bie Verantwortung für die Kriegführung überneh­men könne, und ein Parlament, welches die Politik von München gutgeheißen habe, könne nicht den Schwung auibringen, der heute mehr denn vorher erforderlich sei, wenn England die schweren Schläge der letzten Wochen überstehen wolle. Ein Parlament, welches bem kapitalistischen Großunternehmer Bald- win gefolgt sei, könne nicht mehr dem vonso- zialresormerischen" Plänen erfüllten Stasford Cripps die nötige Unterstützung gewähren. Hier­gegen ließe sich allerdings einwenden, daß ein Par- krment genau so gut seine Meinung ändern kann, wie beispielsweise die Arbeiterpartei, die vor sieben Jahren sich jeder Aufrüstung widersetzte und heute gar nicht genug Kriegsschauplätze bekommen kann.

Größeres Gewicht besitzt dagegen der zweite Vor­wurf. Er besagt, bah das. Unterhaus nur noch einen X e i l ber Wählerschaft repräsentiere und daß gerade die jungen Männer, welche heute für die Zukunft des Landes kämpftn, nicht mehr im Parlament vertreten seien unb daher keinen Ein­fluß auf die Führung des Staates und des Krieges hätten. Seit 1935 find sieben neue Jahrgänge wahl­berechtigt geworden. Da jedoch bisher in England, obwohl bas Wahlrecht mit dem 21. Lebensjahr er­worben wird, nur verhältnismäßig wenig Männer unb Fräuen unter 25 Jahren von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen pflegten, kann man tatsächlich, ohne allzu weit fehlzugehen, sagen, daß zehn Ge­

endet.