Ausgabe 
5.5.1942
 
Einzelbild herunterladen

lungen ist, das angefürbert« Saatgut zur Verfügung zu stellen.

So ist vom Reichsnährstand alles getan worden, um die Widrigkeiten der Natur zu überwinden und die entstandenen Schäden auszugleichen. Die durch die Auswinterung verursachten Verluste können aus­geholt werden. Auch dünn stehendes Getreide kann gute Ernte bringen. Allerdings wird dann ein stär­kerer Arbeitseinsatz notwendig sein, denn derartige Getreideschläge verlangen eine intensive Unkrautbekämpfung, überhaupt umfangreiche Pflege­arbeiten. Das Landvolk wird jedoch auch diese Mehr­arbeit gern auf sich nehmen, um die Launen des Wetters zu überwinden.

Die Tatkraft der Bauern und Landwirte, der Ge­folgschaft und vor allem der Landfrauen hat in den bisherigen Kriegsjahren so hervorragende Erfolge erzielt, daß es ihnen auch vor der neuen Lage nicht ängstlich zu sein braucht. Mit verbissenem Willen ist in diesen Wochen die Arbeit ausgenom­men worden. Möge die deutsche Verbraucherschaft

aus diesen Vorgängen aber auch erkennen, tüte nok- s wendig diszipliniertes Verhalten im Hinblick auf den Lebensmittelverbrauch ist und wie dringend nötig auf der anderen Seite die Arbeitskräfte fürdas Land sind. Wo an irgeneiner Stelle, und sei es auch nur im klein­sten Maßstab, zusätzliche Arbeit für die Landwirt­schaft geleistet werden kann durch freiwillige Land­hilfe und dergleichen, da sollte keine Minute gezö­gert werden. Niemand sollte vergessen, daß die Be­wältigung der Frühjahrsarbeiten entscheidend ist für den Ausfallder Ernte!

So ist auf breitester Front der neue Abschnitt der Erzeugungsschlacht begonnen worden. Der Erfolg wird so wie in den vergangenen Jahren auch dies­mal nicht ausbleiben. Alle Voraussetzungen dazu sind geschaffen. Sollten unsere Gegner die unter denselben ungünstigen Verhältnissen leiden glau­ben, Deutschland könne doch noch ausgehungert wer­den, dann werden sie aufs neue eine bittere Ent­täuschung erleben.

Die deutschen Erfolge ans der Murmansk-Route.

Die Sowjets rufen nach Rüstungshilfe. Sie kön­nen sie gar nicht schnell bekommen. Darum gehen jetzt Geleitzüge den gefährlichen Weg um das Nord­kap herum nach Murmansk oder Archangelsk, obwohl der Weg über den Persischen Golf und das iranische Hochland gefahrloser ist. Dieser südliche Zufuhrweg ist aber sehr zeitraubend. Die Sowjets haben keine Zeit. Deutsche U-Boote, Zerstörer und Flieger lie­gen im hohen Norden sprungbereit, um diese Ge­leitzüge zu treffen. Schon Ende März kam es zu einem Seegefecht, wobei ein britischer Kreuzer der Städte-Klasse von einem Torpedotreffer erwischt wurde. Die Geleitzüge sind stark gesichert. Diesmal ist, wie der Wehrmachtbericht mitteilt, ein ähnlicher Erfolg erzielt worden: Ein britischer 10 000-Tonnen- Kreuzer ist gesunken, mehrere feindliche Zerstörer wurden schwer beschädigt. Ende März ging ein deutscher Zerstörer verloren: diesmal trug ein deut­scher Zerstörer bei dem Kampf gegen die überlegene feindliche Sicherung größere Beschädigungen davon. Insgesamt sechs Dampfer mit zusammen 37 500 BRT. konnten versenkt werden. Jedes Mal war es nicht nur ein Kampf gegen starke feindliche Kampf­gruppen, sondern auch gegen turmhohen Seegang und Vereisung. Das nördliche Eismeer, das dem Pol so nahe liegt, ist an sich ein Ort, wo der Wind­gott seine Schläuche öffnet. Ein anderes kommt hinzu: Bis hierher reicht das Wasser des warmen Golfstromes. Hier vermischt es sich mit polaren Strömungen. Aus diesem Zusammentreffen ent­stehen schwere Nebelbildungen, die bei Kälteein­brüchen Schiffe und Flugzeuge, auch Kombinationen mit dicken Eisschichten überziehen. Der Kampf un­serer Matrosen und Flieger will auch unter diesem Gesichtspunkt bewertet werden.

Oer Gefechtsverlauf.

Berlin, 4. Mai. (DNB.) Der Feind hatte in den letzten Tagen unter Ausnutzung besonders schlechten Wetters versucht, einen G e l e i t z u g nach Murmansk zu bringen und einen anderen von dprt a b z u h o l e n. Die steigende Bedrohung der Murmansk-Route hatte die britische Admiralität veranlaßt, die Sicherung erheblich zu verstärken. Eine Kampfgruppe aus zwei Schlachtschiffen, einem Flugzeugträger, drei Kreuzern und mehreren Zer­störern, hatte eine Ausnahmestellung im Nördlichen Eismeer bezogen. Die örtliche Sicherung der beiden Geleitzüge erfolgte durch Kreuzer, mehrere Zerstörer­flottillen und eine große Zahl von Korvetten.

Nachdem deutsche U-Boote Fühlung mit einem der Geleitzüge ausgenommen hatten, führte das Boot des Kapitänleutnants T e i ch e r t einen kühnen An­griff auf den größten Geleitkreuzer von 10000 Tonnen durch. Es herrschte schwerer Seegang und Sturm, der in Böen die Windstärke 9 erreichte. Schlechte Sicht und Regen erschwerten in der Nähe der Eisgrenze die Angriffsmöglichkeiten. Trotzdem gelang es dem Boot, aus kurzer Entfernung z w e i. Torpedotreffer zu erzielen. Der Kreuzer wurde schwer beschädigt, geriet in Brand und zeigte sofort starke Schlagseite. Vier britische Zerstörer eilten zur Hilfeleistung herbei. Andere U-Boote

schossen aus dem Geleitzug einen Munitions- d a m p f e r von 6500 BRT. heraus und beschädigten einen weiteren durch Torpedotreffer. Auch dieses Schiff dürfte bei dem hohen Seegang seinem Schick­sal nicht entgangen sein.

Am nächsten Tage gewannen deutsche Zerstörer Gefechtsfühlung mit vier britischen Zerstö­rern, die einen in der-Nähe der Eisgrenze steu­ernden Geleitzug vergeblich zu sichern suchten. Die deutschen Zerstörer stießen durch und ver­senkten im Artillerie, und Torpedoeinsatz zwei Transportschiffe mit zusammen 12000 BRT. Trotz weiter verschlechterter Wetterlage stießen die deutschen Zerstörer am dritten Tage auf vier b r i t i s ch e Z e r st ü r e r, die den Schutz des schwer beschädigten Kreuzers übernommen hatten, und gingen zum Torpedoangriff vor. In einem heftigen Artilleriegefecht brachten sie zwei feindlichen Zer­störern schwere Beschädigungen bei. Ein eigener Zerstörer wurde schwer getroffen. Pulver­qualm und Sprengwolken mischten sich mit der künstlichen Nebelwand, mit der die feindlichen Zer­störer den Kreuzer zu schützen suchten. Als der Sturm die Sicht geklärt hatte, war der Kreuzer untergegangen, und Wrackstücke bedeckten das Kompffeld. Kampfflugzeuge trafen trotz heftigem Abwehrfeuer der Flakgeschütze vier große Fracht­schiffe. Nach wenigen Minuten waren drei Handels­schiffe von 8000 BRT., 6000 BRT. und 5000 BRT. gesunken. Ein weiteres von 6000 BRT. wurde schwer beschädigt.

Oer Wehrmachiberichi.

DNV. Aus dem Führerhauptquartier, 4. Mai. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

3m mittleren Abschnitt der Ostfront wurde ein eigenes örtliches Angriffsunternehmen erfolgreich durchgeführk.

3n Lappland und an der 2U u r m a n* front wurden erneute Angriffe des Gegners ab- gewiesen.

3m Nördlichen Eismeer haben Unter- und Ueberwafferstreltkräfte der Kriegsmarine im Zu- fammenwirken mit Verbänden der Luftwaffe feind» liche Geleitzüge, die durch starke Kampfgruppen ge­sichert waren, in lagelangen Angriffen bei Sturm, hohem Seegang und Vereisung bekämpft. Dabei hat ein Unterseeboot unter Führung des Kapikänleuk- nanks T e i ch e r t zwei Torpedokreffer auf einen britischen 1 0 0 00 - T o n n en - K r euz er er­zielt, der bewegungslos liegen blieb und später g e - funken ist. Eine deutsche Zerstörerflot- t i l l e nahm den Kampf gegen die überlegene feind­liche Zerstörersicherung auf und beschädigte hierbei mehrere feindliche Zerstörer schwer. Ein deutscher Zer­störer trug größere Beschädigungen davon. Aus einem der feindlichen Geleitzüge wurden zwei Dampfer von zusammen 12 000 BRT. durch Zer­störer torpediert. Wit dem Untergang der beiden

an Regen. Unter dtese-n Witterungsverhältnissen haben vor allem die Weizenbestände Mitteldeutsch­lands gelitten. Beim Brotgetreide sind größere Aus- winterungsschäden zwischen Weser und Oder entstan­den, also in Gebieten, die in normalen Jahren nur wenig unter der Auswinterung zu leiden Haden. Die <od)äoen haben aber nicht nur die Brotgetreidesaaten erfaßt und Wintergerste, sondern auch unsere wich­tigste Oelfrucht, den Raps.

Diese Auswinterungsschäden bedeuten nun für die Landwirtschaft eine zusätzliche Arbeit und für die Ernährungswirtschaft eine zusätzliche Belastung, von der sich der Verbraucher im allgemeinen keine rechte Vorstellung macht. Ein kurzer Hinweis auf diese Verhältnisse ist notwendig, um auch der städtischen Bevölkerung ein ungefähres Bild von dem Einsatz zu geben, der gerade in diesen Wochen vom deutschen Landvolk und senken Helfern zur Sicherung der Lebensmittelversorgung geleistet werden muß: Aus­winterung bedeutet den Verlust des im Herbst aus- gesäten Saatgutes, nochmalige Bestellungsarbeiten im Frühjahr und nochmalige Bereitstellung von Saatgut. Auswinterung bedeutet außerdem in vielen Fällen zusätzliche Bereitstellung von Düngemitteln. Auswinterung verursacht weiter Schwierigkei­ten in der Fruchtfolge, d. h. im Bestellungs­plan. Durch das Auswintern von Raps und Winter­gerste ist die durch den Anbau dieser Früchte in den Betrieben sonst erzielte Arbeitsoerteilung hinfällig geworden. Der Ausgleich der Winterschäden kann im Kriege nicht dem einzelnen überlassen werden, muß vielmehr zentral nach übergeordneten volkswirt­schaftlichen Gesichtspunkten gelenkt werden.

Aus dieser Darstellung allein ist schon ersichtlich, welche schwierigen Probleme die Auswinterungen zur Folge haben können. In jedem Fall, auch im Frieden, führen sie zu erheblichen Arbeitsspitzen. In diesem Frühjahr aber häufen sich die zusätzlichen Aufgaben noch besonders, weil infolge des sehr lan­gen Winters in fast allen Gebieten er st vier bis fünf Wochen später als normal mit der Frühjahrsbestellung begonnen werden konnte, der Mangel an Arbeitskräften einen schnellen Fortgang der Arbeit verhinderte und es nicht in dem Umfang wie im Frieden möglich war, den geschwächten Saaten rechtzeitig eine zusätzliche Stickstoffgabe zu verabreichen. Außerdem mußten erhebliche Mengen an Saatgut, die für die Neubestellung erforder­lich waren, zusätzlich transportiert werden.

Eine weitere Aufgabe entstand der Landwirtschaft aus der notwendigen Versorgung mit Kartoffel- pflanzgut. Ab 1. Apris des Jahres mußten nicht weniger als 120 000 Waggons Pflanzkartoffeln in die Anbaugebiete verfrachtet werden. Der Anbau von Kartoffelsaatgut muß deshalb nach dem Osten verlagert werden, weil im Westen die Abbauerscheinungen sehr viel stärker austreten und Saatgut aus dem eigenen Gebiet geringere Erträge bringt. Bei der Bewältigung der- hier gegebenen Transportausgaben in so kurzer Frist darf nicht vergessen werden, daß jeder Waggon Pflanzkar­toffeln, der jetzt aus dem Osten nach dem Westen transportiert wurde, eine Transportersparung für den Herbst von 8 bis 10 Waggons Speisekartoffeln ausmacht.

Man muß sich die Fülle der so entstandenen zusätzlichen Aufgaben einmal klar vor Augen halten, um das Ausmaß der Leistungen zu erkennen, die in den letzten Wochen und noch heute getan wurden, zumal festgestellt werden kann, daß ein gro­ßer Teil der Schäden trotz allem ausgeglichen werden konnte. Die Reichsbahn hat sich voll in den Dienst der Ernährungswirtschaft gestellt und in kur­zer Zeit gewaltige Transportaufgaben geleistet. Der Reichsnährstand hat darüber hinaus in größerem Umfang zusätzlich Saatgut zur Verfügung gestellt. Bei den getroffenen Maßnahmen kam es vor allem darauf an, dafür zu sorgen, daß für das ausge­winterte Getreide wiederum möglichst viel Getreide zum Anbau kam, das für die rnensch- liche Ernährung geeignet ist. Das sind vor allem Sommerroggen, Sommerweizen und Sommergerste. Für die ausfallenden Winterölfrüchte ist vor allem der Anbau von Sommerölfrüchten ange­strebt worden. Dafür kamen Sommerraps, Mohn und Senf in Frage. Jedenfalls ist es gelungen, Saatgut in einer Menge zusätzlich zur Verfügung zu stellen, die jeden Zahlenveraleich mit vorhergehen­den Jahren weit hinter sich läßt. Es sind nur Aus­nahmefälle, wenn es an einzelnen Stellen nicht ge-

Ehrt eure deutschen Meister!

Von Otto Anthes.

Am Palmsonntag 1884 in der Früh starb Geibel. Sein treuester Freund von Jugendtagen her, der Makler Schunk, hatte alsbald die Nachricht in alle Welt hinaus beeilt und stürmte bann, sobald e? angängig schien es war eben zehn Uhr vor­bei in das Haus des Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Lübeck. Der Bürgermeister war ge­rade vom Frühstück aufgestanden und hatte sich die Morgenziaarre angezündet. Er empfand die Stö­rung in seinem Herzen ein wenig unzeitig. Aber da er ein Bürgermeister der Freien Stadt und be­herrschten Gemütes war, so legte er die Zigarre weg und ließ den Makler bitten. Er ging ihm in ge­haltener Leutseligkeit entgegen und fragte: Nun, mein lieber Herr Schunk, was bringen Sie mir?

Geibel ist tot! platzte der alte leidenschaftliche Mann heraus und seine Backen zitterten.

So! saate der Bürgermeister und wiegte bedauernd den Kops. Ist er tot? Das tut mir leid.

Ja, rief Schunk atemlos vor Erregung, heutän der Früh ist er gestorben.

Der Bürgermeister drückte dem Fassungslosen die Hand.

Nun, sagte er beruhigend, der Jüngste war er ja nicht mehr.

Neunundsechzig, Magnifizenz, rief Schunk vor­wurfsvoll.

Neunundsechzig? Nun gewiß, er hätte noch aber leidend war er ja schon all di« Jahre her. 'Wenn man das bedenkt

Der Makler rang die Hände in maßloser Un- ruhe.

Magnifizenz, zagte er und zwang seine Stimme mühsam zur Festigkeit, ich komme. Ihnen das mit­zuteilen, weil ich dachte

Was dachten Sie?

Ja, daß etwas geschehen müsse.

Wie meinten Sie? Was müßte geschehen?

Ja, von Staats wegen, meine ich. Zur Ehrung des Toten.

Der Bürgermeister legte die Hände auf den Rücken zusammen.

Wie das etwa?

Es lag eine unendlich vornehme Zurückhaltung in den drei Worten.

Der Makler schnappte nach Luft. Nun er sagen sollte, was geschehen müsse, war er selbst ein wenig in Bedrängnis. Er hatte gehofft, daß der Bürger­meister ihm auf halbem Wege entgegenkommen

würde. Da das nicht geschah, erschien, was er zu heischen im Begriff war, im Augenblick ihm selber fast ungeheuerlich. Immerhin das erste war einfach und leicht zu sagen:

Man müßte ja, das Rathaus müßte Halbstock flaggen.

Der Bürgermeister blickte angelegentlich auf seine Stiefelspitzen.

Das Rathaus? Aber lieber Herr Schunk, er war dock nicht Senator.

Nein, aber er war

Ja, er war gewiß, er war ein Dichter.

Ein großer Dichter, Magnifizenz.

Der Bürgermeister nickte auf eine Art, die er­kennen ließ, daß ihm auch dies noch keine Veran­lassung zum Beflaggen des Rathauses dünkte. Schunk war ratlos. Er sah sich nach der Tür um, weil ihm zumute war, als müsse er nach diesem mit Entrüstung das Feld räumen. Da erschien in derselben Tür der reitende Diener des Rates in feinem roten Frack und brachte ein Telegramm. Der Bürgermeister entfaltete es.

Der trauernden Hansestadt beim Tode ihres gro­ßen Sohnes herzliches Beileid. Friedrich Franz, Großherzog. So las er und war eine Weile ganz still. Dann sah er Herrn Schunk mit einem freund­lichen Blick an.

Wir haben viel verloren, sagte er. Wir alle, Herr Schunk. Sie haben recht, man muß es der Stadt zum deutlichen Bewußtsein bringen. Schütt, wandte er sich an den reitenden Diener, lassen Sie auf dem Rathaus halbstock flaggen, die drei Flag­gen auf dem Balkon! Es soll sogleich geschehen.

Der Diener ging. Der Bürgermeister trat an Herrn Schunk heran und drückte ihm zum zweiten Male die Hand. Aber der war nun mutig geworden und wich nicht.

Ja, und bann, sagte er, Magnifizenz wäre es nicht wunderschön, wenn zu Mittag die Glocken der Marienkirche mit ihren ernsten Tönen kündeten, was geschehen ist.Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm"und bann brach er ab, um nicht jäh­lings in das Frohlocken und den gänzlich unpassen­den Jubelsturm hineinzurennen. Auf dem Gesicht des Bürgermeisters erschien ein ganz leichtes, feines Lächeln.

Herr Schunk, sagte er, und seine Stimme klang fast väterlich begütigend, so wie man zu einem allzu stürmischen Kinde spricht Herr Schunk, man muß auch Maß zu halten wissen. Sie waren des Ver­storbenen Freund, ich weiß, ich verstehe alles.

Herr Schunk fuhr auf: Herr Bürgermeister, schrie er, ich will doch die Glocken nicht für mich geläutet

haben. Ob ich ein Freund des Verstorbenen war oder nicht, darauf kommt es hier gar nicht an. Hier starb ein Mann, dessen Name durch alle deut­schen Gaue klang, wie Glocken klang er, Herr Bür­germeister.

Aber hier wurde er unterbrochen. Ein Dienst­mädchen kam eilfertig ins Zimmer gehuscht und überreichte dem Bürgermeister eine zweite Depesche. Dem war es eben gelungen, vor dem plötzlichen An­griff des alten Helden hinter feiner gesammelten Würde Deckung zu finden. Nun glitt er sachte wie­der aus seiner Amtsrüstung heraus in eine gelinde Betretenheit.

Aus München, buchstabierte er, und bann las er laut: Wenn die Glocken Lübecks den großen Dichter zu Grabe läuten, will auch Seine Majestät unser allergnäbigfter König nicht fehlen, um bem Mann die letzte Huldigung zu bringen, der Bayerns Haupt­stadt einst mit seinem Geiste zierte. Im Auftrag: bas Hofmarschallamt.

Herr Schunk triumphierte.

Magnifizenz, rief er, was habe ich gesagt? Drau­ßen im Reich hörte man sie schon läuten. Wollen Sie ihnen den ehernen Mund verschließen?

Nein, nein, murmelte der Bürgermeister. Ich werde dem Senior Bescheid schicken. Der mag dann das weitere veranlassen.

Herr Schunk war keine schadenfrohe Seele. Nur lautere Seligkeit war in ihm, daß seinem toten Freunde die Ehre widerfuhr, die ihm gebührte. Aber er war Makler, und wenn ihm einer den kleinen Finger gab, bann haschte er nach der ganzen Hand. Von Berufs wegen. Aus eingewurzelter Ge- fchäftsgewohnheit. Pflichtgemäß gewissermaßen. Nachdem er sich eine kleine Weile besonnen hatte, in die Kniebeuge gegangen war sozusagen, sprang er dem Bürgermeister mit seinem höchsten Trumpfe am

Noch eins, begann er leise, Magnifizenz, die Krönung gewissermaßen. Krönung für ihn und auch für uns er machte noch eine wirkungsvolle Pause er muß auf Staatskosten bestattet werden.

Der Bürgermeister zuckte zusammen wie unter einem Stich. Und bann gefror er ganz und gar. Das hatte er in der Hebung. Jedesmal, wenn Kosten vom Staate gefordert wurden, gefror er, selbsttätig, ohne daß sein Bewußtsein mitzuwirken brauchte. Die Augen wurden klein und hart wie vereist, und über die Backen abwärts verbreitete sich ein weiß­licher Schimmer, durch den die gesunde Röte seines Blutes nur noch gedämpft und bläulich hindurchsah.

Der alte Makler, im Feuer seines Gedankens, sah von dem allen nichts. Hingerissen schilderte er dem

Oie fünfte Front."

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Die letzten Nachrichten von der burmesisch-indi­schen Front hatten in London niederschmetternde Wirkung. Herrn Cripps ist offenbar erst nachträg­lich eingegangen, welche Niederlage ihm die Inder in Delhi bereitet haben. Er sah sich deshalb ver­anlaßt, in einer Rundfunkansprache noch einmal auf seine verhinderte Jndien-Befreiung" einzugehen, die Inder aber haben ihrGlück" offensichtlich nicht be­griffen und es ausgeschlagen. So meint Herr Cripps, und so sagt es auch der amtliche englische Propagandaapparat. In Indien denkt man realer auf Grund einer langen und qualvollen Erfahrungs- periode. Unausgesprochen, aber deutlich wahrnehm­bar klang aus der Rede von Cripps die bange Frage, was nun werden soll. Zu dieser gleichen Frage nahm die letzte Ausgabe derSunday Times" unter der Überschrift:Di e fünfte Front" das Wort. Darin wird klipp und klar erklärt, daß in den Kreisen derverbündeten Natio­nen" immer wieder die Forderung nach einerzwei­ten Front" erhoben würde, während es tatsächlich jetzt schon fünf Fronten gäbe: eine im Fernen Osten, eine zweite im Mittleren Oste n, eine dritte auf dem Atlantik, eine vierte von wachsender Stärke und Wirkung liegt in unserer Luftoffensioe gegen Deutsch­land" und eine fünfteals unmittelbare Folge der vierten" liegt auf unserer Seite im Herzen von Englan d". lieber diese fünfte Front jammert das Blatt besonders laut. In London hatte man bereits bei einer früheren Gelegenheit dem englischen Volk einzureden sich bemüht, daß die Deutschen mit ihrer Luftwaffe so stark durch die Sowjets in Anspruch genommen seien, daß sie nur unzureichende Kräfte zur Abwehr im Westen einzusetzen hätten. Fast rund 150 Abschüsse britischer Flugzeuge und die Trümmer von Bath, Norwich, Dort und Exeter haben die Briten wieder einmal eines anderen be­lehrt. Die englische Bevölkerung muß jetzt bezahlen, was militärischer Dilettantismus und politischer Ver­brecherwahn ihrer Regierung verschuldete.Sunday Times" sagt deshalb ziemlich ungehalten: Es gibt keineZweite-Front"-Frage, höchstens eineSechste- Front"-Frage. Es steht aber an allen Fronten schlecht, und für die sechste hat man noch nicht den geeigneten Platz gesunden, wenn auch Herr Cripps ahnungsvoll behauptete:Der Augenblick des Zuschlagens naht heran." Und das ist selbst für Churchill nicht unbedingt ermutigend.

mrimriin

Dampfer ist bei dem schweren Seegang zu rechnen. Unterseeboote versenkten einen ZHunitions- bampfer von 6500 BRT. und torpedierten einen weiteren Dampfer. Kampfflugzeuge ver- senkten drei Handelsschiffe mit zusammen 19 000 BRT. und beschädigten einen größeren Frachter schwer.

3n Jtorbafrif a Artillerie- unb Spähtrupp­tätigkeit.

Militärische Ziele auf Malta wurden am Tage, der Hasen Alexandria bei Nacht durch die deutsche Luftwaffe angegriffen.

3m Kamps gegen Großbritannien erzielten leichte deutsche Kampfflugzeuge nm Tage Bomben­treffer in kriegswichtigen Anlagen der Küstenstadl Hastings.

Als Vergeltung für die Terrorangriffe bri­tischer Bomber auf deutsche Städte belegten in der Nacht zum Montag starke Verbände von Kampfflug­zeugen abermals die Hafenstadt Exeter mit Spreng- und Brandbomben.

Versuche der britischln Luftwaffe, unter starkem Jagdschutz am gestrigen Tage gegen die Kanal- küste vorzustohen, wurden unter erheblichen Ver­lusten für den Feind abgeschlagen. Deutsche 3äger unb Flakartillerie brachten hierbei zehn feind­liche Flugzeuge zum Absturz.

Die britische Luftwaffe griff in der vergangenen Nacht Mohnviertel in Hamburg, vorwiegend mit Brandbomben, an. * Nachtjäger und Flakartillerie schossen fünf der angreifenden Bomber ab.

Bürgermeister die wehmütige Herrlichkeit des Lei­chenzuges, wie sein Geist «ihn sah, die roten Rats- diener mit Palmwedeln, die Staatskutschen mit den Senatoren, je zwei Diener hintenauf, den Sarg überdeckt von bem Bahrtuch mit eingewebten roten Adlern, die Bürgerschaft, die Gewerke, die Träger in kurzen Hosen alles, alles, ganz Lübeck, die ganze Vaterstadt, dem großen Sohne folgend auf seinem letzten Gang.

Bis. ihn der Bürgermeister mit hartem trockenen Ton unterbrach: Und glauben Sie, baß die Bürger­schaft das bewilligt?

Die Bürgerschaft? Sie würde sich ja mit einer unauslöschlichen Schande beflecken, wenn sie das nicht täte. Sie würde ja

Und ich sage Ihnen: sie wird es nicht bewilligen.

Eine gefährliche Pause entstand. Die beiden Män­ner standen sich gegenüber wie Todfeinde: Herr Schunk an allen Gliedern bebend, Würgebewegun- gen in den Händen, Springlust in den dünnen noch immer sehnigen Beinen: der Bürgermeister mit vor­geschobenem Kopf, den Nacken geduckt. Und bann löste sich die Spannung, indem bie Frau Bürger­meister selbst ins Zimmer flatterte, ein neues Tele­gramm in den weißen Fingern.

Diesmal zögerte der Bürgermeister, es in Emp­fang zu nehmen. Da näherte sich Herr Schunk der erstaunten Dame mit Tänzerschritten seiner Jugend­zeit, verbeugte sich zierlich und entfaltete seinerseits das Papier. Es kam aus Berlin unb enthielt den Überwältigenden Satz:

Erschüttert von der Todeskunde, die ganz Deutsch­land in Trauer versetzt, sende ich der nächstbetroffe­nen Heimatstadt des Hingegangenen ben Ausbruck meiner tiefsten Anteilnahme. Es starb ein großer Dichter, ein großer deutscher Mann und mein lyreunb. Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Tteut- fchen Reiches und von Preußen.

Herr Schunk triumphierte nicht. Er stand und kämpfte mit den Tränen, die in seinen alten trocke­nen Makleraugen aufstiegen. Durch ben Schleier aber, der sich über seinen Blick legte, sah er, wie der Bürgermeister in Ergebung die Hände vor dem Leib faltete und mehrmals nickte.

Als er nachher durch bie Breitestraße heimwärts wallte, bauschten sich vom Balkon des Rathauses die drei Flaggen an halben Masten im frischen Aprilwinb; um Mittag läuteten die Glocken von St. Marien über Stabt unb Land hin mit tiefen weihe- unb wehevollen Tönen; und drei Tage dar­auf warb Geibel von Staats wegen zur Erde be­stattet mit allem Gepränge der Freien unb Hanse­stadt, rote es Herr Schunk zuvor im Geiste erschaut hatte»