Ausgabe 
3.9.1942
 
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Zur Eröffnung der Mnterspielzett 1942/43.

Von Intendant Hans Walter Klein.

-ie von der Tätigkeit als Inspekteur des Obergeoie- les Ost der Reichsjugendführung ad gelöst wurde. Von Juli 1936 bis April 1937 war er Stabsleiter des Gebietes Hessen-Nassau. Anschließend übernahm er das Amt des Stellvertretenden Gebietsführers und Standortführers in Frankfurt, die er bis zu seiner im Mai 1939 erfolgten Berufung in den Stab des Grenz- und Auslandamtes der Reichsjuaendführung innehatte. Zuletzt war er Chef der Befehlsstelle Niederlande der Reichsjugendführung. Er ipar Trä­ger des Goldenen Ehrenzeichens der Hitler-Jugend. Er hat am Polenfeldzug teilgenommen, wo er das C. K. 2 erwarb. Er starb als Leutnant den Helden­tod.

Rektoren-Konferenz in Salzburg.

In Salzbura fand unter dem Vorsitz des Chefs des Amtes Wissenschaft im Reichsunterrichtsministe­rium, Ministerialdirektor Professor Dr. Rudolf Mentzel, eine Konferenz der Rektoren aller Hoch- lchulen des Reiches statt. Als Reichsstudentenführer sprach Gauleiter Dr. Scheel zur Eröffnung der Konferenz, aus der besonders Rachwuchsfragen und allgemeine hochschulpolitische Fragen behandelt wur­den. Ferner sprachen Mitglieder der Reichsstudenten- sührung über den Kriegseinsatz des Studententums und die Maßnahmen der Reichsstudentenführung zur Förderung des studentischen Nachwuchses.

Kleine politische Nachrichten.

Der Adjutant des Führers, NSKK.-Gruppen- jührer Albert Bormann, beging am Mittwoch seinen 40. Geburtstag.

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Der Duce empfing im Palazzo Venezia den Gouverneur von Rom sowie die Bürgermeister der 24 italienischen Großstädte zur Berichterstattung.

*

Der Berater des japanischen Außenamtes, Shi­geru Kawagoe,. ist ebenfalls zurückgetreten. Ka- wagoe war früher Botschafter in China.

Der Regent von Irak ist in Amman, der Haupt- !dt von Transjordanien, zu einem Besuch des rtirs Abdallah eingetroffen. In seiner Begleitung finbet sich der irakische Ministerpräsident Nuri tib.

Ein Revirement der schwedischen Gesandten in chreren europäischen Hauptstädten wird bekcchnt- geben. Der bisherige schwedische Gesandte in adrid, Joen Lagerberg, wird nach Rom ver- st, während Gesandter Hans Beck-Früs von dort Iiadi Helsinki übersiedelt. Der bisherige Gesandte n Finnland, Westmann, wird Schweden in Madrid »ertretert.

General Lazaro Cardenas, der frühere Präsident ion Mexiko, ist zum Kriegsminister ernannt worden.

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Der Fühter hat dem Maler Professor Franz von Matsch in Wien aus Anlaß seines 60jährigen Be­rufsjubiläums, in Würdigung feiner Verdienste als Maler und Bildhauer die Goethe-Medaille für Kunst ind Wissenschaft verliehen.

Aus aller Wett.

plünbekrr hingenchlet.

)IS(5. Am 1. September ist der 1915 in Mainz geborene Heinrich Brednich hingerichtet worden, den das Sondergericht in Mainz am 28. August zum lobe verurteilt hatte. Der wiederhotk wegen Diebstahls mit Zuchthaus vorbestrafte Verurteilte hatte nach dem Bombenangriff auf Mainz in der zum 12.8.1942 als Helfer bei den Aufräu- tnungsarbeifen aus einem brennenden Haufe Sachen qeftobten.

Geheimrat Waldkirch gestorben.

Geheimrat Dr. h. c. Waldkirch ist im Alter von 2 Jahren in Heidelberg gestorben. Aus einer alten tzuchdruckerfamilie stammend, übernahm er im lahre 1897 den Zeitungsoerlag in Ludwigshafen. Waldkirch war es, der immer' wieder in den Be- ufsorganisationen mit der Forderung zur Grün­ung des Instituts für Zeitungswissenschaft an der lniversität hervortrat. Nach dessen Gründung wirkte r als Dozent an diesem Institut. Die deutsche Zei- ungswissenschaft verliert in Geheimrat Waldkirch (inen Pionier, .der dem deutschen Zeitungswesen rele Anregungen gegeben hat.

*5 Jahre Deutscher Hdspitalverein in Buenos Aires.

Des am 18. August 1876 gegründeten Deutschen >ospitalvereins in Buenos Aires wurde in einer chlichten, würdigen Feier gedacht. In den bei der feier gehaltenen Reden wurde der große Wirkungs­reis des deutschen Krankenhauses besonders unter» rrichen. So wurden allein im letzten Jahre 64 000 Trante behandelt. Das Hospital hat damit Zeugnis ur den hohen Stand der deutschen medizinischen Disienschaft abgelegt.

Aus der Stadt Gießen.

Eile mit Weile.

Es gibt ein Wort unseres Sprachgebrauchs, bas zweifellos einen vortrefflichen Sinn birgt: Eile mit Weile. Nach einem bekannten römischen Geschichts­schreiber war es bereits ein Leitwort von Kaiser 2niguftus, worauf auch Goethe inHermann unb Dorothea" hinweist. Es kann sich also eines ehr­würdigen Alters rühmen, was davon zeugt, daß es Gehalt besitzt. In der Tat handelt der nicht schlecht, der es zur Richtschnur seines Verhaltens macht, und mancher, der ungestüm und ohne lleber-- legung seinen aufwallenden Gefühlen nachgibt, be­dauert es häufig später, dem Worte nicht gefolgt zu fein. Eile mit Weile heißt nichts anderes als: fei besannen und nicht voreilig, überlege erst und dann handele.

Man könnte meinen, das sei billige Weisheit, mit der sich kaum etwas anfangen lasse. Der Augenschein lehrt indessen, daß gerade im alltäglichen Leben oft genug die Nutzanwendung jenes Wortes zu ver­missen ist, und daß wir in den gegenwärtigen Zei­ten erst recht bestrebt sein sollten, der Eile nicht blindlings die Zügel zu überlassen. Was hat es beispielsweise für einen Zweck, im Wartezimmer des vielbeschäftigten Arztes angesichts zahlreicher eben­falls wartender Volksgenossen die Fassung zu ver­lieren und räsonierend darauf hinzuweisen, daß man ja gar keine Zeit habe. Die Folge davon ist schlechte Laune, die nur der Krankheit förderlich sein kann. Die anderen Patienten haben ja auch keine Zeit zu verlieren. Und was soll erst der Arzt sagen, der vom Morgen bis zum Abend alle Hände voll, zu tun hat? Wer eine Krankheit geheilt haben will, muß schon Geduld aufbringen, sowohl im Warte­zimmer als auch während der Zeit der Behandlung, mit Holtekdiepolter ist da nichts getan.

Aber auch bei anderen Gelegenheiten empfiehlt es sich, die Eile ein wenig zu dämmen. Gewiß gibt es Fälle, wo die Eile angebracht und sogar not­wendig ist, aber der Reisende, der in aller Hast auf einen eben abfahrenden Zug springt, gefährdet nicht nur sein Leben, er kommt auch mit Strafbe­stimmungen in Konflikt. Und derjenige, der in einer Sache vorschnell ein Urteil fällt, ohne den Tatbe­stand richtig zu kennen ober ohne die Umstände des Vorgangs zu berücksichtigen, handelt mindestens fahrlässig. Auch wer'eine Maßnahme kritisiert, deren Bedeutung er mitunter gar nicht einzuschätzen weiß, handelt wie jener Mann, der im Zorn den Steuer­boten beleidigt, der ihm eine Mahnung bringt. Im Gefolge der Eile befinden sich immer Unge­duld, Zerrissenheit unb Unhöflichkeit, von schlimme­ren Dingen ganz zu schweigen. Vor ihnen sollte man sich im eigenen Interesse hüten und deshalb möglichst dem vortrefflichen alten Leitwort Beach­tung schenken: Eile mit Weile! H. W. Sch.

Wehrkampftag der SA.

Die Vorbereitungen für den am 20. September auf dem Universitäts-Sportplatz in Gießen ftatt« findenden Wehrkampftag der SA. sind in vollem Gange. Die Stürme der Standarten 116 Gießen, 145 Büdingen unb 222 Friedberg haben mit ber Aufstellung ber Wehrkampfmannschaften begonnen unb üben eifrig. Auch die Betriebssportgemein­schaften rüsten sich für diesen Tag, ber sichtbarer Ausdruck des Wehrwillens der Heimatfront fein wird. Neben den Kampfgliederungen ber Partei wird auch der NSRL. Mannschaften zum Wehr» kampftag stellen. So wird vorbildliche Zusammen­arbeit in Vorbereitung und Durchführung diesen Tag zu einem geschlossenen Bekenntnis ber großen Wehrgemeinschaft werden lassen.

Schuh der Arbeitskraft.

Zur 3. Vitamin-Aktion ber Deutschen Arbeitsfront.

NSG. Die günstigen Auswirkungen der 2. Vita­min-Aktion im vergangenen Jahre veranlassen die Deutsche Arbeitsfront, die Betriebssührer aufzu- rufen, ihre Gefolgschastsrnitglieder auch an der neuen Vitamin-Aktion, die vom 1. Februar bis 30. April 1943 läuft, teilnehmen zu lassen. Mit Rücksicht auf die beschränkte Menge ber zur Ver­fügung stehenden Rohstoffe muß sich die Deutsche Arbeitsfront auch in diesem Jahre eine gewisse Steuerung der Aktion Vorbehalten, damit Gewähr gegeben ist, daß schwer schaffende Arbeiter unb Arbeiterinnen bevorzugt berücksichtigt werden. Die Betriebe, die an der Aktion teilnehmen wollen, müssen ihre Bestellungen bis spätestens 10. Septem­ber bei der für sie zuständigen Kreisdienststelle des AmtesGesundheit und Volksschutz" eingereicht haben.

Berdunkelungszeit

3. September von 21.07 bis 6.07 Uhr.

Die Eröffnung ber Winterspielzeit 1942/43 fällt fast auf den Tag zusammen mit dem Beginn des vierten Kriegsjahres. Daß das Theater der Uni­versitätsstadt Gießen aber dennoch diese Spielzeit mit einem solch großen und schwierigen Werk wie Gobschs SchauspielDer Thron zwischen Erd­teilen" beginnt, das beweist aufs neue die erstaun­liche Intensität des Kulturfvillens der beiden zu- fammenftrömenben und tragenden Kräfte des nach­schaffenden Künstlers und des aufnehmenden Publi­kums, der darum auch nicht minder sinnfällig den Lebenswillen des Gesamtvolkes offenbart. Die Kunst kann so wirklich das fein, was sie soll: Ein Welt­abbild, in dem sich die Kraft eines ganzen Volkes darstellt. Die Besucher wiederum geben als Re­präsentanten des Volkes Kunde von ihrem Glauben an die Unsterblichkeit der Wesenskräfte des Men­schen in der Manifestierung ber Kunst. Es ist das Verdienst der obersten Führung des Reiches, diese unabdingbaren Zusammenhänge erkannt zu haben und dem deutschen Theater darum jede mögliche Förderung angedeihen zu lassen.

Die Wahl des Werkes, das die Spielzeit eröffnen soll, ist nun für die Zeigerstellung der Weltenuhr in jeglichem Blickwinkel sehr kennzeichnend. Der Thron zwischen Erdteilen ist das Petersburg der Macht­ergreifung Katharinas der Großen, ist die Schwelle zwischen Europa und Asien, ist der Einbruch deut­schen Gestaltwillens in die Unform der riesigen Räume des Ostens. Und die aus diesem Raum ge­borene expansive Geistigkeit und seelische Maßlosig­keit steht im Machtkampf mit den Ordnungszielen einer europäisch-aristokratischen Absolutie, verkör­pert in ber Figur einer deutschen Prinzessin. Dieser geschichtliche Moment, ber hier vom Dramatiker mit bem Wissen um die echte dramatische Wirksam­keit des Aufrisses epochaler Umbrüche szenisch unb theatralisch geschickt aufgezeigt wird, legt man die Gefahr tendenziöser Gegenwartsverkleidungen im Gewände der Historie nahe. Aber die Regieführung ging vom unbedingten Willen zur schlechthin ein­fachen Handlungsaussage, vom Dratna, das sich unter lebendigen Menschen begibt, aus. Die Schau­bühne als moralische Anstalt war nicht vonnöten, denn hier bedurfte es nicht der Tendenz, nicht ber Moral, hier galt bas Leben durch feine Lebens­kräfte allein. Hier sollten Menschen aus ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und als Verkörperung von Elementarwirkungen handelnd und streitend im Rampenlicht der Bühne aufgezeigt werden. Die *Bühne brauchten sie notwendig nur als ein Forum ber Wiedergabe des geschichtlichen Schauplatzes, als den Rahmen des Begebnisses. Ihre Moral ober ihre Tenbenz sprechen aus ihrem bloßen Sein. Die Regie glaubt, hiermit den Absichten des Dichters am tiefsten zu entsprechen, denn es ist nur die natür­liche Empfindung für dieGefahren, die gerade in einer mit neuen Problemen ringenden Zeit der Mangel an Abstand heraufzuführen vermag. Es ist immer ein Wagnis, in das Werdende, in das aus chaotischem Verfall zu neuem Kosmos sich Ge­staltende hineinzuleuchten." Darum die Menschen im Goethtzschen Sinne bildend und nicht redend! allein aus den Tiefen ihres Wesens, aber mit fast vordergründigen Impulsen agierend, ihren Kampf kämpfen zu lassen, schien ber Regie bas erste Erfordernis der Szene zu sein. Die Sichtbarmachung des tiefsten Erlebenskernes, aus dem ber Dichter schafft, mußte den begeisterten Theatermann reizen, unb das Mittelstück ber TrilogieDie Tragöbie Rußlands", eben dieses SchauspielDer Thron zwischen Erdteilen", gab dem Regieführenden dazu bie schönsten Aufgaben. Sie würben erleichtert durch die gute Besetzung, die für alle Rollen zur Ver­fügung stand.

Die TrilogieDie Tragödie Rußlands" nimmt im Gesamtschaffen des Dichters eine besondere Stel­lung ein. Diese drei Dramen führen uns auf russi-

Bon der Ludwigs-Universität.

Der Dozent für Mineralogie und Petrographie Siegfried Rösch an der Ludwigs-Universität Gießen, wurde" zum außerplanmäßigen Professor ernannt. .Prof. Rösch stammt aus Ludwigshafen, wo er 1899 geboren wurde, studierte in Heidelberg, München und Leipzig unb promovierte 1926 in Leipzig, wo er sich 1929 habilitierte. Seit 1935 wirkt er an der Uniperfität Gießen. Er ist auch wis­senschaftlicher Mitarbeiter der Firma Ernst Leitz in Wetzlar.

Gute Verdunkelung.

Das erste Gebot aller Selbstschutz» und Luftschutz­pflicht ist restlose Verdunkelung. Denn Lichtschein ist der sicherste Wegweiser für feindliche Bomber. Sofort

scheu Boden, in ihnen gewinnt Hanns Gobsch Le­benschema weltgeschichtliches Format. Er hat viele Jahre seines Lebens^ schon beruflich im Kriege, dem Rätsel Rußland gewidmet, um die Seele dieses zwischen Asien und Europa eingebetteten Riesen» reiches zu erhorchen. In seiner Trilogie greift er drei Gestalten russischer Geschichte heraus: den Zaren Nikolai II., den Heerführer Samsonow und den Zaren Peter III., drei Repräsentanten echten Rus- entums, die bei aller Verschiedenheit eine Einheit von Schicksal und Historie bilden, drei tragisch Unter­legene, drei aus schicksalhafter Notwendigkeit dem Untergang Geweihte. Zugleich' symbolisiert sich in ihnen die weltweite Spannung zweier Erdteile, deren einen das russische Volk begehrt, ohne den anderen lassen zu können.

ImThron zwischen Erdteilen" erleben wir die Unüberbrückbarkeit dieser Spannung. Die Deutsche Katharina, Gemahlin Peters III., steht im Kampf auf Leben und Tod mit ihrem Gemahl. Ihr Weg führt durch die erbarmungslose Erkenntnis, daß es um Sein oder Nichtsein geht. Es ist nicht mehr der Kampf- feindlicher Persönlichkeiten, sondern der Kampf zwischen Plut und Blut, zwischen Erdteilen. Die Kluft unversöhnbarer Welten wird aufgetan, die Dämonie der Rassenseelen wird lebendig. In Peter verkörpert sich in böser Steigerung russischer Wille zur Selbstaufgabe, wie er uns etwa in ben Gestalten eines Dostojewski auf Schritt und Tritt begegnet. Hanns Gobsch gestaltet in diesem groß- angelegten Drama den in Schicksalstiefen veranker» ten Gegensatz zwischen der tulturfdjaffcnben Derant» wortlichkeit des germanischen Menschen, ber um der Sache willen bgs Eigenste zum Opfer gibt, und der inneren Zerspaltenheit und bedrohlichen Maß­losigkeit jenes russischen Menschen, dem der ver» traute Geist der Steppe jede geistige und seelische Ordnung als Schranke erscheinen läßt. Gewaltig steigt im Drama dieser Gegensatz vor uns auf, und von ihm her erhält bas aufwühlende, mit allen Mitteln theatralischer Kunst gestaltete Werk auch eine besondere Aktualität für die großen geschicht- liehen Auseinandersetzungen,, die unsere Gegenwart erschüttern.

Es war für alle meine Arbeitskameraden wie für mich selbst eine große Freude, gerade dieses Werk trotz seines hohen Schwierigkeitsgrades und in be­sonderer Berücksichtigung der großen Hemmnisse, bie ber Krieg der Bühne auferlegt, durch eine fanatische Hingabe an diese künstlerische Aufgabe ber Gießener Theatergemeinbe zur.Eröfnung der Spielzeit 1942/43 präsentieren zu können. Wir traaen diese Arbeit mit dem Stolz der Berufung zu solch großen Aufgaben gerade im Kriege. Es ist für bas Theater das schönste unb ehrenbste Ziel, den Menschen vom Schaffen des Alltags und aus den Kümmernissen des gewaltigsten Krieges ber Menschheitsgeschichte hinwegzuführen zu einer Schau deutscher Größe unb deutscher Hochlei­stungen in Vergangenheit unb Gegenwart, wie sie sich in ben Schöpfungen deutscher Dichter und Mu­siker jedem sinnfällig zeigen. Der Mensch" aber möge immerwährend teilhaben an dieser Schau, innere Erhebung unb ber Besitz mutvoller Größe werden ihn belohnen. Der künstlerische Mensch des Theaters mit seinem Urgefühl für Verwandlung und Dar­stellung, für die Wiedergabe wirkender Kräfte aus geistig-seelischem Bereich wie für bie Lebenskräfte aus ber unmittelbaren elementaren Natur ist ber berufene Künber unserer Welt lebenzeugenb, weckend und aufbauend!

Wenn darum ber Intendant am Schlüsse nochmals selber um erhöhte Anteilnahme für bas Schaffen unb bie Arbeit feines Theaters bittet, so glaubt er bas nicht besser als durch bie Worte Goethes tun zu können: Was wär' ich ohne dich, Freunb Publikum? All mein Beginnen Selbstgespräch, all meine Freude stumm.

wollen wir also unsere Verbunkelungsvorrichtung nachprüfen. Sie ist bann in Ordnung, wenn mir im Dunkel ber Nacht von außen her keine Beleuchtung im Zimmer erkennen. Ganz unerhört fahrlässig ist es, wenn nicht bie gan^e Wohnung verdunkelt wirb unb man bei Nacht zuerst Licht macht in dem Ge­danken, auf bie paar Sekunden komme es nicht an. Gerade -in dieser Zeit aber wirkt bas Licht wie ein Scheinwerfer in der Dunkelheit. Sofort weis ber Feind, ber es ja gerade auf Terrorangriffe gegen die Bevölkerung abgesehen hat: Hier ist ein Haus, hier find deutsche Menschen, die ich treffen kann Es gibt nichts Strafbareres, als womöglich gar bei Fliegeralarm unvorsichtigerweise einen Augenblick Licht im unverdunkelten Zimmer einzuschalten! Das ist ein Verbrechen gegenüber ber gesamten Um­gebung unb ber Gemeinschaft des kämpfenden

Dr. Brüggers Patientin

Roman von Walter Klöpffer

82. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er log mucksmäuschenstill. Er hatte die Augen ^schlossen und horchte in sich hinein wie in einen fremden, unheimlichen Schacht. Mit ber Zeit ließen bie Schmerzen nach. Schließlich war nur noch jenes liachklingende Ziehen im Leib, in das jede dieser Ittacken auslief. Fender blinzelte erschöpft in die flackernde Petroleumlampe, die einen ungleichen Sampf mit den Schwaben von Licht kämpfte, bie feint niedrigen Fenster hereinfielen. Auf bem klo- b gen Tisch standen ein angeschnittener Laib Brot und ein unreinlicher Teller, lieber dem roh- gemauerten Herd hing ein rußiger Kessel. Melk- emer und Milchkannen lehnten an ber Wand, lieber dem blau-weiß gewürfelten Bett, dicht vor d:s Kranken Augen, waren mit Nägeln drei Dinge fefestigt: eine alte, verräucherte Holzpfeife, zerblät- terter Hauskalender und ein Uhrpantöffelchen aus verblichenem Samt. Fender drehte vorsichtig den hals. Durch das Fenster grüßte ein Berg, leuch- tenb unb schwer, mit einem Strahlenkranz um bie erhabene Stirn. Ein Wasserstrahl plätscherte, Kühe [tuteten. So etwas müßte man malen, durch- . fuhr es Fender. Unb nicht immer nur so halb­nackte Teufelchen, wie Lucia. Ich werbe wieber- Fommen und bas malen, dachte er inbrünstig unb schlummerte ein.

Als der Eintritt Fidel Butschers ihn aus dem Schlaf scheuchte, war es Mittag.

Ist dem Herrn jetzt besser? Ich hab' ein paarmal binf) das Fenster gespitzt, aber Sie haben geschlafen wie ein Murmele , lächelte ber Senn, wobei sein Schaufelbart in Unordnung kam.

Besser schon, aber ich habe Angst vor bem Auf­stehern Ich fürchte, baß es bann wieder losgeht", flüsterte Fender. z

Dann bleiben S' liegen, meinetwegen über

Nacht, ich finde schon eine Lagerstatt. So und jetzt wirb gegessen."

Der Kranke lächelte dünn.

Fibel machte ein Feuer, quirlte einen Teig, rieb Käse unb verbrauchte sündhaft viel Butter. Das Ergebnis warenKässpatzen", so wie Fibel But- scher sie verstand, fetttriefend, fädenziehend, brrr.

Auch versuchen?" fragte er schmatzend.

^Lieber nicht."

,?2ld) was, ein leerer Sack steht nicht. Bloß ein bissele! Und hintennach einen Wacholderschnaps. Das richtet Sie wieder z'sammen!"

Fender ließ sich überreden. Aber Butscher war ein schlechter Prophet. Es mußte alles wieder her­aus, und Fenber wurde kranker als zuvor. Unter diesen Umständen war an Aufbruch nicht zu den­ken, unb er mußte die Nacht in dem fremden, harten Bett verbringen, während der Senn unb sein Spitz es sich auf einer Schütte Stroh bequem machten.

Am nächsten Tag geschah ein Neues Fender be­kam Fieber. Nicht viel, aber es genügte. Auch bie Schmerzen nahmen zu. Während der Kranke so balag, ein sanftes Brausen im Kopf, ein bißchen Hitze hinter ber Stirn, aber all seiner Gedanken leidlich mächtig, hielt er - Einkehr bei sich selbst unb ließ bie letzten Jahre an sich vorüberziehen. Eill schönes Zeug hatte er zusammengelebt, wenn man es recht betrachtete. Und es schien ihm mit einemmal nicht mehr alles so gehörig und vertret­bar, was ben Inhalt dieser Jahre ausmachte. Waren nicht alle diese Carlos unb Lucias, mit denen er sich umgeben hatte, Spreu und dürres Laub unb taube Lehren? Unb er selbst? Zum Bei­spiel diese Sache mit Anna. War sie nicht eine große Schweinerei? Einem vertrauensseligen, un­erfahrenen Mädel den Kopf verdrehen und so wei­ter und so weiter. Auch das mit dem Scheck war keine Heldentat gewesen. Der Stiefvater hatte nicht ganz unrecht. Man war faul gewesen, verboten faul, liederlich, aber bas war zu ändern. Man brauchte nur fest zu wollen. Man hatte Talent, Gott sei

Dank, und der Fleiß mußte eben erzwungen wer­den, sobald man aus dem da heraus war. Viel­leicht sollte er den Senn doch nach dem Arzt schicken? Nein, lieber nicht. Aerzte waren ein seltsames Volk, das alles genau wissen wollte, und bem es nicht darauf ankam, einen fremden Bauch aufzuschnei­den. Er ahnte die Wahrheit unb sträubte sich gegen die Folgerungen, feige unb unvernünftig wie ein Kind mit Zahnweh.

Da es nicht besser wurde, unternahm Fidel But­scher am Freitag einen energischen Vorstoß. So komme man nicht weiter, erklärte er apodiktisch. Man müsse überwärmen. Das wisse er von seinen Kühen her. Unb er rückte an mit heißen, irdenen Deckeln unb wollenen Tüchern. Mit sorgenvoller Stirn und schwitzend vor Eifer lauerte er auf bie Reaktion. Denn er hatte ein gewisses Wohlwollen für diesen jungen Menschen, bem es so schlecht ging. Bei all seinem Tun und Lassen schwankte er zwischen Erbarmen und eingewurzeltem Respekt vor diesem Herrensohn. Aber feine Hingabe wurde nicht belohnt. Der einzige Erfolg war ber, baß bie Schmerzen immer ungezügelter würben unb baß ber Patient, statt zu stöhnen, nun schrie. Unb bann, als die Sache anscheinend ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat schlagartig eine Wendung ein, bie bem berglerischen Samariter erst recht nicht gefallen wollte: Die Schmerzen hörten auf, aber Hanb in Hand mit dieser sinnfälligen Erleichterung ging ein ebenso sichtlicher Verfall des ganzen Menschen, ber sich Kaspar Fender nannte: seine Augen sanken zurück, seine Gesichtsfarbe bekam einen Stich ins Wächsern-Graue, unb bie Nase wurde spitz und fleckig. w

Fibel Butscher geriet in Angst. Er lief unruhig herum unb verübte nutzlose Handlungen, die nur oazu dienten, seine innere Erregung zu meistern. In seiner ratlosen Verstörtheit klammerte er sich an eine letzte Hoffnung, an ben Doktor. Nach lan­gem Sinnieren beschloß er, diesen zu holen, ob der Kranke noch wollte ober nicht. Am Samstagfrüh, nach einer schlaflosen Nacht, machte ar sich auf bie ^?cken, packte sein Fahrrad und sauste los. Als er

in ber Arztwohnung vorsprach, erfuhr er, daß Doktor Koch nach auswärts gerufen morden fei- unb erst in einiger Zeit zurückerwartet wurde. Aber man würde es dringlich machen, und er dürfte da­mit rechnen, daß ber Arzt noch am Vormittag nach­schauen würde. Butscher fuhr- ein wenig erleichtert heim, wie ein Mann, der von einer schweren Last die kleinere Hälfte abgeladen hat. Dann versorgte er seine Tiere.

Als Dr. Koch auf ber Bündlesalpe eintraf, war es elf Uhr. Er musterte flüchttg bie Stube, bann kam ber Patient an bie Reihe.

Wo tut es weh? Hier?" forschte er unb tippte auf Fenders Leib herum. Er sah zuverlässig aus, trug eine Brille und war ein Herr in mittleren Jahren.

Der Kranke nickte. Als bie tastende Hand an eine bestimmte Stelle kam, verzog er schmerzlich bas Gesicht.

Dr. Koch wiegte ben runden Kopf. Dann fragte er streng:Warum hat man so lange gewartet?" Dabei schnellte er bie Liber in bie Höhe unb blickte Fidel Butscher scharf an.

Der Senne kratzte sich vor Verlegenheit ben Rücken.

Und übergewärmt haben Sie auch, wie ich sehe! Das Dümmste, was Sie tun konnten. Haben Sie denn noch nichts von Blinddarmentzündung gehört?" Dann wandte er sich an ben Kranken:Haben Sie Angehörige in der Nähe?"

Mein Stiefvater ist Arzt in Trettau, Doktor Brügger", erwiderte Fender niedergeschmettert. Blinddarm! Du lieber Himmel!

Gut, gut. Dem werbe ich sofort telephonieren. Es wird schon recht werben, junger Mann. Wir werben alles für Sie tun. Unb jetzt will ich mich gleich auf ben Weg machen." Dr. Koch schien sichtlich erleich­tert. Er gab noch einige Ratschläge, ließ eine Arznei zurück unb ging aus ber Hütte. Als er wenige Minuten später auf feinem Motorrad ben Hang hinabknatterte, murrte er:

Als Arztsohn solchen Unsinn zu machen e» : t nicht zu glauben!" (Fortsetzung folgt.)