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tn einem Land, das nur 17 Millionen Einwohner zahlt, seit zwei Jahren einige hunderttausend Män­ner mehr unter den Fahnen stehen und soldatisch verpflegt werden.

Den größeren Anteil an der Verminderung der für den allgemeinen Verbrauch zur Verfügung stehenden landesüblichen Lebensmittel haben aber Spekulation, Wucher und Warenhinterziehung. Den staatlichen Gegenmaßnahmen ist ein voller Er­folg leider noch nicht beschieden gewesen, auch nicht in der Bekämpfung der maßlosen Teuerung. Eine gewisse Rolle spielen daneben auch die Bestrebun­gen der Behörden, Vorratsläaer als Reserven für den Notfall anzulegen. .Man hat daher auch in der Türkei damit beginnen müssen, an die Ratio­nierung heranzugehen.

Der Anfang wurde mit Brot und Mehl ge­macht, wenigstens in den größeren Städten. Der Ernteausfall 1941 an Brotgetreide lag erheblich unter dem Durchschnitt. Der anatolische Bauer hat jedoch im Laufe der Jahrzehnte viel Notstände er­lebt, die ihn dazu erzogen, in kritischen Zeiten seinen Ernteertrag bei sich zu behalten und ihn nicht gegen Papiergeld einzutauschen. Die Regierung ver­sucht dauernd, bei den Bauern durch Preisverbesse- rungen den Anreiz« zu Verkäufen zu schaffen,, damit der Markt besser beschickt wird. Dennoch war die Einführung der Brotkarte eine Notwendigkeit. Die Durchschnittsration von 300 Gramm Brot täglich ist für ein vorwiegend brotessendes Volk mit sonst wenig Ausgleichmöglichkeiten zweifellos ein fühl­barer Einschnitt in den üblichen Lebensstandard.

Auch die Versorgung mit Zucker hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Man hat aber offenbar das Kartensystem nicht weiter ausdehnen wollen, haupt- sächlick wohl wegen der damit verbundenen organi­satorischen Ueberbelastung der behördlichen Organe. Der einfachere Weg zur Eindämmung des starken Iuckerverbrauchs man denke an den im Orient üblichen Hang zu Süßigkeiten und stark gesüßten Speisen! war der einer amtlichen Preiserhöhung von HO v. H., die eine Herabsetzung des Konsums herbeiführte, wie sie stärker auch durch Zuckerkarten nicht hätte erreicht werden können. Den gleichen Weg hat man für die Erzeugnisse des Monopols an Tabakwaren und alkoholischen Geträn­ken beschritten, bei denen Preiserhöhungen von 20 bis 60 v. H. dafür sorgen werden, daß die Bestände geschont und die industriellen Anlagen entlastet werden.

In allen Fällen fließt der errechnete Mehrerlös den Bedürfnissen der Landesverteidigung zu, die von jeher außerordentlich hoch waren. Die Türkei gehörte immer zu den Ländern, in denen das Budget des Heeres mehr als die Hälfte allerStaatseinnahmenbeanspruchte. Aller Voraussicht nach werden im Lauf der nächsten Zeit aus den gleichen Gründen auch die Preise anderer einheimischer Produkte und Fertigfabrikate behörd­lich stark heraufgesetzt werden, ungeachtet des Um­standes, daß schon bisher aus privatem, spekula­tivem Treiben eine durchschnittliche Preiserhöhung von 150 bis 200 v. H. im Lauf der letzten zwei Jahre erfolgt ist. Die Methode dazu war sehr einnfach. In regelmäßigen Abständen verschwanden Waren wie Linsen, Erbsen, Reis, Zucker, Getränke, Kon­serven schlagartig vom Markt, bis auf ganz geringe Vorräte, die dann vom Interessenten freiwillig überbezahlt wurden. Nachdem das vom Händlertum gewünschte Preisniveau erreicht war, erschienen die Zurückgehaltenen Vorräte ebenso schlagartig wieder auf dem Markt.

Die Regierung hat an der von Monat zu Monat steigenden Teuerung nicht vorbeisehen können. Sie hat daher den an und für sich schon bescheiden bezahlten Staatsbeamten eine gesetzliche Gehalts­erhöhung von 15 bis 25 v. H. zugebilligt (gegen eine durchschnittlich,e Teuerungszahl von 150 bis 200 v. H.!). Kinderreiche Familien erhalten Sonder­zulagen, Beamte in Orten über 1500 Meter Höhe bekommen Zuschüsse für Beheizung. Die Mehrbe­lastung des Staatshaushalts macht etwa 45 Mil­lionen Türkpfund aus. Man hofft, dieses Mehr durch die Eingänge aus den Preiserhöhungen für Zucker, Tabak und Getränke zu decken.

Es besteht aber kein Anlaß zur Annahme, die Lebensmittelversorgung der Türkei könnte erheblich gestört werden. Das Land ist durchaus in der Lage, feine Bewohner zu ernähren und mit dem Notwen­digsten zu versorgen. Einschränkungen werden un­ausbleiblich sein, müssen aber in Kauf genommen werden zur Erhaltung einer gewissen wirtschaft­lichen Unabhängigkeit. So ist z. B. in Istanbul der

Verbrauch an Heizgas stundenweise beschrankt wor­den, die Zumessung an Treibstoff für Kraftwagen ist ganz erheblich rationiert, die Privatkraftwagen sind eingezogen worden. Zahlreiche Zugverbindun­gen wurden eingestellt, die Beleuchtung der Stra­ßen wurde herabgesetzt, die Seitenzahl der Zeitun­gen wurde schon längst behördlich stark verringert. Was durch Rationierungen solcher Art nicht erreicht werden kann, was man durch Ausdehnung des Be­zugskartensystems nicht verwirklichen will, wird auf dem Wege der zwangsläufigen oder behördlich angeordneten Erhöhung der Preise erreicht.

Es ist dabei zweifellos der Wunsch der Regierung, dem landwirtschaftlichen Erzeuger, als dem Träger der Nationalwirtschaft, einen möglichst großen Vor­teil zukommen zu lassen. Nicht immer gelingt das, weil sich die Organisation des Zwischenhandels eigenwillig mit ihren Sonderinteressen einschaltet. Diesem Treiben, das überhaupt den Anfang zur Teuerung und zur Verknapvung gebildet hat, Ein­halt zu gebieten, dienen verschiedene Verschärfungen des Gesetzes zum Schutze der nationalen Wirtschaft, von denen man hofft, daß sie im Lauf der nächsten Zeit voll wirksam werden. Jedenfalls hat die Re­gierung den Willen, noch stärker als bisher in der L e n k u n g d e r W i r t f»ch a f t aufzutreten, nicht nur aus wirtschaftspolitischen Erwägungen, sondern im Interesse der Allgemeinheit und besonders man möchte sagen überhaupt, weil sie sich sagt, daß unter allen Umständen die Versorgung des tür­kischen Volkes aus der eigenen Produktion sicher- gestellt bleiben muß.

Oer Bombenanschlag aus Papen.

Beginn des Prozesses in Ankara.

Ankara, l.Aprll. (DNB.) Am Mittwoch b-e gann der Prozeß gegen die bisher im Zusammen­hang mit dem Bombenanschlag gegen den Botschaf­ter von Papen von der türkischen Polizei Verhaf­teten. Es sind der Student Abdurrahman S a y - man, der Friseur Süleyman Sagol (beide aus Serbien gebürtige Türken), der Sowjetstaatsangehö­rige Kornilow, Leiter der Transportabteilung der Handelsvertretung des Sowjetischen General­konsulats, und der Sowjetstaatsangehörige Paw­low.

Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit der Fest­stellung der Personalien und trat dann in die Ver­nehmung der Angeklagten ein. Abdurrahman Say- man erklärte, daß Korniloff und Pawlow am Tode des durch die Bombe zerrissenen Denier Tokat, der sein bester Freund gewesen sei, schuld seien, sie feien die Anstifter des Attentats. Von Korniloff und Paw­low habe er Geld erhalten, wofür er eine Quittung ausstellen mußte, in der er den Gelderhalt für In­formationen an den sowjetischen Gesandten in So­fia bezeichnen mußte. Durch Korniloff und Pawlow habe er auch einen Slowenen Stephan kenn enge - lemt, der nach dem Attentat nach Syrien geflohen ist.

Er.habe mit einem Mädchen ein Verhältnis ge­habt, das nicht ohne Folgen geblieben fei. Korni- losf versprach ihm, er werde sich des Falles an­nehmen. Im Falle einer dauernden Zusammen­arbeit stellte Korniloff eine monatliche Zahlung von 30 bis 35 Pfund in Aussicht. Der flüchtige Stephan habe dem Attentäter Tokat Unterricht im Revolver- schießen gegeben, ebenso im Bombenwerfen. Es wurde der Fall geprüft, ein Revolverattentat auf jemand zu unternehmen, der von Haidar-Pascha, der Istanbuler Endstation der Anatolien-Eisenbahn, nach Pera komme. Er und Tokat hätten das Gefühl ge­habt, daß auf den Botschafter von Papen ein Attentat vorbereitet werden solle. Saiman, Tokat und Soleiman hätten auch geahnt, daß die Russen sie eines Tages als Mitwisser des Attentats aus dem Wege schaffen würden. Nach dem Verhör er­klärten die angeklagten sowjetrussischen Staatsbür­ger, daß sie Saiman und Soleiman zum erstenmal im Gerichtssaal gesehen hätten.

Der Angeklagte Sawol erklärte, der Attentäter Tokat sei am 15. Januar nach Ankara gekommen und habe 15 Tage bei ihm gewohnt. Er richtete an ihn die Frage, ob er wünsche, daß der Krieg lang oder kurz dauern solle. Der Krieg werde kurz sein, wenn die Sowjetunion und die Türkei sich verbinden würden, dann werde Deutschland in einem Jahr besetzt fein. Er fei von Korniloff beauftragt werden, auf den Botschafter von Papen einen An­schlag zu unternehmen.

Die Gefangenen von Gt.Nazaire.

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Nach dem Zusammenbruch des britischen Landungsversuchs im U-Boot-Stützpunkt St. Nazaire treten hier 100 englische Infanteristen und Marinesoldaten den Wea in die Gefangenschaft an. (PK.-Kriegsberichter Kramer. sSch.j)

Kritische Lage der Briten in Burma.

Berlin, 1. April. (DNB.) Die Lage auf dem Kriegsschauplatz in Burma wird für die Briten von Tag zu Tag kritischer. Sie versuchen Prome un­ter allen Bedingungen zu halten. Ist Prome ge­fallen, so liegt das Oelzentrum von Singu offen vor den Japanern. Die Umfassungsbewegung der Japaner westlich und ostwärts von Prome droht au einer Einschließung der britischen Truppen zu führen, ine auf beiden Flanken von überlegenen ja­panischen Streitkräften angegriffen werden. Die britischen Verluste sind gerade im Kampfabschnitt bei Prome besonders hoch. Teile der in vorderster Linie eingesetzten indischen Regimenter mußten ab« gelöst werden, da sie sich als unzuverlässig erwiesen und in ganzen Verbänden zu den Ja­vanern überliefen. Hinter den britischen Linien geht der Aufstand der Burmesen im Oelgebiet weiter. Die Bahnlinie von Toungoo nach Man- doley ist von den Aufständischen an mehreren Stellen z e r ftö r t worden, wodurch der Nachschub für die südlich Pamethin kämpfenden Tschungking- Truppen unterbrochen ist. Bei Thazi kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen marodierenden Tschungking-Soldaten und burmesischen Freiheits­kämpfern.

Japanische Kampfflieger griffen in mehreren Wel­len die Stadt L a s ch i o in Oberburma an und be­schädigten die Bahnanlagen. Zwei Kasexnen wur­den zerstört. Die in Laschio beginnende Burma­straße wurde an mehreren Stellen durch. Voll­treffer unterbrochen. Es konnte beobachtet werden, daß der Verkehr auf diesem Rumpfftück der Burma - strahe ganz geringfügig ist, da sich die burmesischen Häfen, in denen das Material für Tschungking aus­geladen wurde, in japanischen Händen befinden.

Die Sage Englands in Burma wird in den Vereinigten Staaten als hoffnungslos angesehen. Die alliierten Streitkräfte hätten sich an allen Kampf­abschnitten erneut zurückziehen müssen. Tungu sei

aufgegeben worden, nach dem die chinesische Ent­lastungsoffensive fehlgeschlagen sei. Columbia Broad­casting Corporation spricht sogar von einer Flucht der chinesischen Streitkräfte.

Weitere Lustangriffe auf Port Darwin und Port Moresby.

Tokio, 1. April. (DNB.) Das Hauptquartier gibt bekannt, daß japanische Marineflugzeuge einen schweren Angriff auf Port Darwin ausführten, wobei sie die militärischen Einrichtungen des Flug­platzes zerstörten. Die Jagdflugzeuge, die die ja­panischen Bomber begleiteten, schossen neun von zehn feindlichen Flugzeugen ab, die aufgestiegen waren, andere Marineflugzeuge schossen vier von sieben amerckanischen Flugzeugen ab, die versuchten, sie zum Kampf zu stellen. Bei Angriffen auf Port Moresby wurden sechs Flugzeuge abgeschossen und schwere Zerstörungen auf dem Flugplatz, den Militärbaracken und in den Flakbatterien an ge­richtet.

Pazifischer Kriegsrat in Washington.

Washington, 2. April. (Europapreß.) Im Weißen Haus sand am Mittwoch unter Vorsitz des Präsidenten Roosevelt die erste Sitzung des pazi­fischen Kriegsrates statt. Es heißt, daß sich die Delegierten mit dem Plan einer Offensive be­schäftigt hätten. In der Pressekonferenz bezeichnete Roosevelt die Rolle des Pazifik-Kriegsrates als aus­gesprochen beratender Natur. Indien brauche keine Vertretung im Pazifik-Kriegsrat, weil es nicht zur pazifischen Zone gehöre. Auf eine Anfrage, ob ge­gebenenfalls auch ein Kriegsrat für Indien und den N8hen Osten geschaffen werden solle, sagte der Präsident, er wisse das nicht.

Neue Gowjeiaugriffe zurückgeschlagen.

Berlin, 1. April. (DNB.) Im Donez-Gebiet wurde ein Fkußlauf heftig umkämpft. Der Feind trug den Angriff an mehreren Stellen in Stärke bis zu zwei Regimentern über den Flußlauf vor. Die deutschen Truppen ließen den Gegner absicht­lich auf das diesseitige Flußufer gelangen und zer­schlugen dann die Angriffswellen unter hohen geg­nerischen Verlusten. Versprengte Reste wurden auf bas ander Ufer zurückgetrieben. Sturzkampfflug­zeuge zerstörten eine über den Fluß gebaute Be­helfsbrücke des Feindes. Ostwärts Charkow wurden Teile der bolschewistischen 300. Schützen-Division nach Osten zurückgeschlagen und weitere Stützpunkte des Feindes in Besitz genommen. Vier Gegenangriffe

der Bolschewisten wurden unter hohen Verlusten für den Gegner zurückgeschlagen.

Im mittleren Frontabschnitt säuberten Panzer­truppen weitere Waldgelände vom Feind, vernich­teten dabei 35 Bunker und nahmen ein wichtiges Höhengelände mit mehreren Ortschaften nach hefti­gen Kämpfen in Besitz. An einer anderen Stelle drang eine Infanterie-Division gegen zähen Wider- stand des Gegners in einen feindlichen Stützpunkt ein und rollte das Grabensystem von der Flanke her auf. Der Gegner erlitt hohe Verluste. Zahlreiche Panzer wurden ckbgeschossen und Waffen und Kriegsmaterial erbeutet. Sturzkampfflugzeuge be­legten eine stark befestigte Ortschaft mit Bomben.

Oie Standarte.

Von Friedrich Wilhelm Pirwitz.

Die Standarte der schwarzen Dragoner zu Schwedt war so pulverdampfgeschwärzt und von Kugeln zer­fetzt, daß sie nicht mehr entrollt werden konnte und stets im Futteral getragen werden mußte. Mein Ur­großvater hat unter ihr gedient,, fünfundzwanzig Jahre lang. Bis ein Schlaganfall ihn vom Pferd herunterholte. Da war es aus. Er konnte nicht mehr stehen und gehen, geschweige denn reiten. Aber ein­mal stand er doch sogar noch stramm, und die Ur­sache dieses Wunders war die alte Dragonerstan­darte.

Eines Zages des" Jahres 1871 standen die Schwedter Bürger freudigen Herzens auf den Stra­ßen von Schwedt und warteten auf den Einzug des siegreichen Regiments.

Auch mein Ahne, der alte Radlow, ließ sich dort­hin bringen. Auf Krücken gestützt und von zweien meiner Urgroßtanten gehalten, stand er in der Menge und wartete auf fein Regiment.

Endlich kam der große Augenblick. Musik klang auf, fernes Hurrarufen. Die Schwedter reckten die Hälfe, und Vater Radlow drängte nach vorn. Bereit­willig machte alles dem. Veteranen Platz. Jetzt kamen sie. Unter den Klängen des Porckschen Mar­sches ritten die Schwadronen heran. Hufe klirrten auf dem Pflaster, die Gäule wieherten und spitzten freudig die Ohren. Ein Dunst warmer Pferdelewer wehte herüber zu Großvater Radlow.

Als die Standarte nun unter brausenden Hurra­rufen der Schwedter vorbeizog, geschah etwas Selt­sames. Der alte Soldat ließ plötzlich die Krücken fallen, stieß die beiden Frauen beiseite und stand! Stand stramm angesichts des alten, geliebten Feld­zeichens. Stand so minutenlang, was er feit Jahr und Tag nicht mehr vermocht hatte. Die Offiziere sahen den Alten stehen, sahen wohl auch die ver­schmähten Krücken liegen und salutierten mit dem Degen. Großvater Radlow aber sah der Standarte nach, und Tränen der Freude rannen über sein altes Gesicht, hinab in den eisgrauen Bart. Dann brach er zusammen und bedurfte wieder der Krücken und liebevoller Stützung.

Er hat noch manches Jahr als Militärinvalide in

Schwedt gelebt, aber stehen konnte er nie mehr. Kein Arzt und keine Pflege erreichten das, was für einen heiligen Augenblick nur einer Macht gelang, der Gewalt der alten, schlachterfahrenen Standarte aus König Friedrichs Zeiten.

Formen der Volkskunst.

Von Hans Reetz.

Gelegentlich ist es uns allen einmal ähnlich ergangen: da standen wir mit unserem Aufwand an Kenntnissen aus der hohen Kunstwissenschaft etwa vor einem geschnitzten und bemalten Himmelbett mit gedrehten Pfosten, Ornamenten aus verwilder­tem Maßwerk, antikischen Profilen, Renaissance- Intarsien und grellbunten Früchte-, Blümlein- und Männleinmustern, mit dem Bauernpinsel in satten Farben hingekleckst, und rieten durch die Jahr­hunderte hin und her. Aber es langte nicht. Als wir schließlich die Jahreszahl 1786, in den schönsten Schweifschnörkeln ausgeführt, lasen, waren wir er­staunt (und auch ein wenig enttäuscht, denn Volks­kunst soll ja wohl möglichst rechtalt" sein). Offen­bar hatte der Verfertiger der ehelichen Liegestatt sich das Gesetz des Stilwandels auf feine eigene Art zurecht gelegt.

Aehnliche Erfahrungen wird man oft machen. Was durch die Stilepochen der Kunstgeschichte ge­trennt erscheint, rückt zusammen oder tritt gar ge­legentlich in umgekehrter Folge auf. Ja sogar die Einschnitte, die von der Wissenschaft zwischen Vor­geschichte, Frühgeschichte und Geschichte gemacht wurden, sind übersprungen worden. So rücken der Giebelschmuck niedersächsischer Häuser, die gekreuz­ten Pserdeköpfe neben Wikingerschnitzereien, die Stickerei auf dem Kleide eines hessischen Mädchens neben Schmuck aus der Frankenzeit, und die stren­gen, geometrischen Zierweisen auf den Töpfen der Jungsteinzeitmenschen scheinen demselben Geiste zu entstammen wie neuzeitliche^ Muster auf Mangel­brettern, Flachsschwingen und Truhen. Innerhalb gewisser heraussühlbarer Zeitabschnitte ist Volks­kunstzeitlos". Datierungen erfordern Hebung; es fei denn, die Jahreszahlen auf den Stücken machen Uebedegungen überflüssig. Die Bauernseele ist wenig wandelbar.

Für den Volkskünstler alter Art galt die Frage

offenbar nicht dem Stil, sondern der Form über­haupt. Der Stil, aus difserenzierter Formgesinnung entsprungen, entsprach weder feiner geistigen noch seiner materiellen Kultur. Der hohe Stil in den Händen dieser einfachen Menschen hätte zu einem Mißverhältnis führen müssen. Daher prägten sie eine Form, die ebenso naiv war wie sie selber.

Sie waren keiner bestimmten Zeit verpflichtet. Sie waren ewig wie das Land um sie her und wie ihr Stand. Sie reichten die Zwecke, Werkzeuge und Stoffe durch Jahrhunderte, ja durch Jahrtausende einander zu. DieTechnik", die, Verfahrensweise, saß ihnen in der Hand und im Blut, wie dem echten Dichter die Grammatik der Sprache. Ihre Geschöpfe hießen Haus und Topf, Wiege und Brotmulde, Bett und Stuhl, Sarg und Grabkreuz. Mit ihnen wurde jeder Treppenmacher und Töpfer, jeder Schmied und Schlosser zum Kunsttöpfer. Und alles geschah ohne Ruhm.

Zweckform? Nein. Ein rationalistisches Abwägen von Zweck und Mitteln fand nicht statt; denn sie trennten nicht das Nutzgefüge vom Wunder der Form. Sie ließen alles hübsch beieinander, so wie es aus dem natürlichen Vorgang, den ihre Hände veranstalteten, hervorgehen wollte.

Die Schmuckformen des Volkskünstlers sind im­mer mehr Formel als Form. Sie sind durch viele Generationen erprobt, vereinfacht und gewisser­maßen gegen Abnutzung gehärtet. Man war dörf­lich-konventionell. Man liebte keine Seitensprünge und neuen Wege. In den alten, von jeher ausge­fahrenen Gleisen fuhr sich's sicher; denn das Ziel blieb unveränderlich. Wenn einmal gelegentlich ein neues Stück oder eine neue Form aus den Städten sich bemerkbar machte, so wurden sie nach kurzer Zeit dem Althergebrachten angeglichen. Das hatte nun mit der toten Schablone nichts zu tun, sondern mit dem lebendigen Urbild, das von ihnen allen im Herzen getragen wurde. Aus tausend blühenden Blumen wurde die eine, die schönste und lebendigste von allen; aus tausend zwitschernden Vögeln wurde der Wundervogel, den die Bäuerin ins Gewebe bannte.

Der irdische Augenschein des Plastischen und Greifbaren ist wie nicht vorhanden. Alle Volks­kunst ist Flächenkunst. Auch da, wo Landschaft ge­geben werden soll, fehlt die Tiefe, ober sie ist nur angedeutet, ober so bei Uebernahme aus der

hohen Kunst verkümmert. Volkskunst ist immer mittelalterlich" geblieben, sie trägt den Stempel desGotischen", desRomanischen". Sie blieb dar­über hinaus immer vorzeitlich. In ihr war noch weit bis ins vorige Jahrhundert die ganze Kunst­substanz bis hoch in die Bronze- und die jüngere Steinzeit hinauf enthalten. Sie hat sich nie durch die Renaissance des Mittelmeerischen umftimmen lassen, im Gegenteil, sie hat deren Formen, wo eine Begegnung mit ihnen stattfand, in der selbstherr­lichsten Weise umgebeutet. Ja, der wesentliche Tell der sogenanntendeutschen Renaissance" ist nichts anderes als eben dieser Vorgang!

Der Begriff Volkskunst entstand im vorigen Jahrhundert. Auch in ihm drückt sich die seelische Reaktion auf die Gefährdung durch die industrielle Massenproduktion aus. Das dörfliche und klein« städtische Handwerk, der Kern der Volkskunst, wurde zu einem Teil ausgeschaltet. (Freilich gibt es auch heute noch zum Teil ansehnliche Restgebiete, aber ihnen droht die größte Gefahr nicht von der In­dustrie, sondern vom entarteten Nebenzweig ge« roiffer kunstgewerblicher Bestrebungen, deren Pro­dukte man nicht anders als mitPseudo-Volks­kunst" bezeichnen kann.) Eine ebenso schlimme Wir­kung ging von der Verstädterung des Landes aus. Durch diese Zivilisationserscheinung erlitt in vielen Menschen die schöne Einfalt Einbuße sie ist doch eben die Voraussetzung des echten Volkskünstlers. Auch von der Photographie und vom Film kamen Insofern störende Wirkungen, als der durch die Tech­nik seiner Entstehung gegebene Naturalismus dem sinnbildlichen und abstrakten Ausdruck der Volks­kunst entgegensteht. Auch von einem überhandneh­menden individualistischen Geltungsstreben kamen Gefahren; denn die Ausübung der Volkskunst ge­schieht namenlos und rühmlos. Der Formen, deren sich der Volkskünstler bedient, kann er sich nicht rühmen, sie sind allgemeiner Besitz.

Man kann in der' Volkskunst einen der gewisser­maßen ruhenden Nährböden der hohen Kunst sehen. Viele Meister des Mittelalters, die Graphiker, zu­mal die Holzschnittmeister, Künstler wie Dürer, Lukas Cranach d. Aeltere und in der neueren Zett Hans Thoma der übrigens als schwarzwälder Uhrenschildmaler begonnen hat haben in ihrem Werk stets ein spürbares Verhältnis zur Volkskunst behalten.