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<92. Jahrgang Nr. 78 Erscheint täglich, anher Sonntags und Feiertags
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Neuer Appell Boses an das indische Volk
Cripps muß seine Abreise verschieben
bei der britischen Regierung verbleiben. England glaubt dadurch zu erreichen, daß Indiens Kräfte für das Empire eingespannt und Englands Feinde dahin gebracht werden könnten, die englische Militärbasis in Indien anzugreifen. Die Briten erzählen uns feit September 1939, daß die Achsenmächte einen Angriff auf Indien planen. Deshalb mußten wir indische Soldaten nach Frankreich, Afrika sowie in den Nahen und Fernen Osten schicken. Jetzt soll uns plötzlich Japan bedrohen, und deshalb soll Indien sich zum Kampf gegen Japan fertigmachen. Warum nennt Sir Stafford Cripps nicht den wahren einzigen Aggressor, nämlich den britischen Imperialismus.
Der Sieg Englands würde für uns die Verewigung der indischen Sklaverei bedeuten, während unsere Hoffnung auf Freiheit nur auf den Sieg der Dreierpaktmächte gegründet sein kann. Aus meiner guten Kenntnis der Dreierpaktmächte darf ich meinen Landsleuten versichern, daß sie in ihrem Kampf gegen den britischen Imperialismus Verständnis für
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) A n t h r a, Ende März 1942.
Bereits in den Jahren vor dem Krieg galten die großen türkischen Städte Ankara und I st a n b u l als die weitaus t e u e r st e n Plätze des Nahen Ostens, das allgemeine Preisniveau der Türkei lag erheblich über dem der benachbarten Länder des Balkans und Kleinasiens. Während des Krieges Jinb die Preise in der Türkei aber ganz erheblich gestiegen, woran auch das Gesetz zum Schutz der nationalen Wirtschaft, das bald nach Beginn des Krieges erlassen wurde, kaum etwas geändert hat. Zu der Teuerung ist nun allerdings noch ein neuer Umstand gekommen, den man etwa bis zum Ende des Jahres 1941 kaum kannte: wachsende Verknappung von einheimischen Lebensmitteln, Rohstoffen und Fertigwaren.
Verständlich ist das Fehlen ausländischer Industrie- und. Fertigwaren oder die Verteuerung solcher Waren in Ausmaßen von 200 und 300 v. H. Die Außenhandelswege der Türkei sind zusammengeschrumpft, und in der Einfuhr genießen die für die Landesverteidigung und die Aufrechterhaltung der Industriebetriebe bestimmten ausländischen Waren natürlich den Vorrang. Mit Beging des Balkankrieges im Frühjahr 1941 wurden die beiden Eisenbahnbrücken über die Flüsse Arda und Maritza bei Adrianopel gesprengt, womit eine Unterbrechung der einzigen, eingleisigen Bahnlinie eintrat, die die Türkei mit Europa verbindet. Diese Unterbrechung ist noch nicht behoben, man hofft aber, in den nächsten Wochen mit dem Bau neuer Brücken fertig zu werden. Seit dem Beginn des Rußlandkrieges kann ferner die Schiffahrt auf dem Schwarzen Meer, die vorher im Handel der Türkei mit Mittel- und Nordeuropa die wichtigste Rolle spielte, nicht mehr im alten Umfang durchgeführt werden. Mehrfache Vorkommnisse der letzten Zeit haben gezeigt, daß die sowjetischen U-Boote weder die türkische Flagge noch die türkischen Gewässer respektieren, trotz türkischer Proteste. Die Zufahrtslinien aus dem westlichen und östlichen Mitte l m e e r zu den türkischen Häfen unterliegen ebenfalls Kriegseinflüssen. Der letzte Weg, der über den Persischen Golf führt, ist^oenig leistungsfähig, wegen des langen Eisenbahnweges über den Irak, Syrien und durch ganz Anatolien.
So muß sich die Türkei also in der Einfuhr große Beschränkungen auferlegen, wenigstens so lange, bis die Bahnverbindung nach Europa wieder ausgenommen ist und die Schiffahrt auf dem Schwarzen Meer wieder normal funktioniert. Aber auch dann
Stockholm, 2. April. (DNB.) „Ich schiebe meine Abreise aus Indien auf“, erklärte Cripps am Donnerstag. Cripps hatte Vorkehrungen für seine Abreise am Montag getroffen. Er beschloß jedoch, noch ln Indien zu bleiben, da er glaubt, daß er nächste Woche noch zusätzliche Arbeit in Indien verrichten könne. Diese Erklärung von Cripps zeigt deutlich, auf wie große Schwierigkeiten seine Verhandlungen gestoßen sind, da drei maßgebliche indische Parteien — der Ausschuß aller Sikh-Parteien, die Hindu- Mahasabha und die indische Valiona- listenpartei — die britischen Vorschläge abgelehni haben.
Oie Stellung der Parteien.
Stockholm, 2. April. (Europapreß.) Die Organisation der orthodoxen Hindus, M a h a s a b b a, hat in einem ausführlichen Memorandum ihre Ab- lehnung des Cripps-Churchill-Planes begründet. Da nach der von Cripps abgegebenen Erklärung der britische Plan als Ganzes angenommen oder abgelehnt werden müsse, und da wesentliche Teile des Vorschlags unannehmbar seien, wäre der Hindu-Mahasabba nichts anderes übriggeblieben, als den Plan abzulehnen. Bei der Hindu-Mahasabba handelt es sich um den seit 1923 bestehenden „Großen Rat", der die religiös-moralische Autorität der Hindus darstellt. Seine Entscheidung dürfte nicht ohne Einfluß auf den Entschluß bleiben, den die K o n g r e ß p a r t e i, die größte politische Organisation der Hindus, treffen wird. Der Arbeitsausschuß der Partei hat Cripps ersucht, zu der Frage der Machtergreifung in der Zeit bis Kriegsende
Stellung zu nehmen. Inzwischen werden Gandhi und Nehm einen Resolutionsentwurf für den Kongreß . abfassen. Der radikale Flügel besteht darauf, daß die Landesverteidigung sofort an Indien übertragen wird. Nach einem Kompromißvorschlag soll ein indischer Vertrauensmann in das Verteidigungsressort der Zentralverwaltung übernommen werden. Für ausschließlich militärische Angelegenheiten soll jedoch allein der britische Oberbefehlshaber, der nur dem britischen Kriegskabinett verantwortlich ist, zuständig bleiben. Die Moslem- Partei hat sich, ohne bindende Beschlüsse zu fassen, -bis Freitag vertagt. Die Vertreter der fast fünf Millionen starken Sikhs lehnen den britischen Vorschlag ab, weil der Cripps-Plan, statt die Einheit Indiens zu stärken und zu erhalten, eine Trennung der Provinzen oorsehe und die Sache der Sikhs verrate. „Stets seit der Ankunft der Briten", so wird gesagt, „hat unsere Gemeinschaft auf jedem Schlachtfeld des Empire für England gekämpft, und dies ist nun der Lohn — daß unsere Stellung in Pund sch ab, die die Engländer zu wahren versprachen, und wo wir eine hervorragende Rolle spielten, nun endgültig aufgehoben wurde. Wir haben jede Hoffnung verloren, berücksichtigt zu werden. Wir werden jedoch mit allen möglichen Mitteln einer Lostrennung des Pundschab von der All- indischen Union widerstehen. Wir werden niemals zulassen, daß unser Mutterland der Barmherzigkeit Derer ausgeliefert wird, die es enteignen."
Cripps empfing- den indischen Demokraten Roy und den Arbeiterdelegierten I a n n a d a s N e h t a, ferner den Maharadfchah von Parlacimedi, den Premierminister von Orissa und Vertreter des allindtfchen Stüde ntLn^-Undes.
Berlin, 1. April. (DNB.) Subhas Chandra Bose richtete am Mittwoch über einen Rundfunksender einen neuen Appell an das indische Volk, in dem es u. a. heißt: Nach Prüfung des Angebotes der britischen Regierung und der Ansprachen von Sir Stäfford Cripps komme ich zu dem Ergebnis, daß Cripps sich als Werkzeug der jahrhundertelangen Politik des britischen Imperialismus hat ausnutzen lassen — nämlich der Politik des „divide et impera“. Sir Stafford Cripps verhandelt mit einer einzelnen Gruppe von Poli- tifern, während die Gruppe furchtloser und wirklich national denkender Inder hinter Schloß und Riegel sitzt. Ich habe keinen Zweifel, daß der Geist unserer Freiheitskämpfer auch über die Gefängnismauern hinaus wirken und das indische Volk veranlassen wird, das heuchlerische Angebot des Herrn Cripps abzulehnen. England will Indien ebenso wie Irland am Ende des letzten Weltkrieges in eine Anzahl von Einzelstaaten a u f t e i l e n. Ich wäre überrascht, wenn britische Politiker wirklich glauben würden, daß Indien solches Angebot überhaupt in Erwägung ziehen könnte. Ich habe im Oktober 1939 eine neue Verfassung für Indien angeregt, die in Indien die Mehrheit des indischen Volkes hinter sich hatte und nur deshalb nicht zustande kam, weil England nicht darauf reagierte Dieser Vorschlag sah vor die Betrauung einer provisorischen Nationalregierung in Indien mit den notwendigen Vollmachten, wobei diese Regierung der indischen gesetzgebenden Versammlung mit Ausnahme der von der britischen Regierung ernannten Mitglieder direkt verantwortlich sein sollte. Dieser Vorschlag wurde vom Kongreß als Forderung an England übernommen. Seine Nichtannahme bewies, wie auch heute das Angebot von Cripps, daß England nichts von seiner Macht aufgeben will.
Seit 1900 hat sich England immer wieder bestimmter Organisationen in Indien als Gegengewicht gegenüber dem Kongreß bedient. Heute hat es zu diesem Zweck die Moslem-Liga eingeschaltet. Die britische Propaganda hat deshalb immer wieder versucht, den Eindruck zu erwecken, als wäre die Moslem-Liga ebenso einflußreich wie der Kongreß, und als hätte sie die Mehrheit der indischen Mohammedaner hinter sich. Das ist nicht richtig. In Wahrheit gibt es eine Reihe einflußreicher mohammedanischer Organisationen mit starker nationaler Zielsetzung. In den vier Provinzen Britisch-Jndiens mit mohammedanischer Mehrheit — von insgesamt 11 Provinzen — hat lediglich Punjab eine Regierung, die formell als Moslem- Regierung angesprochen werden könnte. Aber sogar in Punjab steht der Premier zum Hauptziel der Moslem-Liga, nämlich einer Teilung Indiens, in Widerspruch. Die Moslem-Liga hat also in keiner Provinz Indiens das Volk hinter sich.
Das Angebot von Sir Stafford Cripps und seine eigenen Erklärungen lassen erkennen, daß der britischen Regierung nur daran gelegen ist, Indien für feine imperialistischen Kriegsziele auszubeuten. Deshalb soll auch die Militärhüheit in Indien
Oie Türkei und der Krieg
Bon unserem WEB.-Berichterstatter.
die indische Freiheit haben. Nach der Kriegslage steht der Zusammenbruch des britischen Empires vor der Tür. Mit dieser Macht jetzt noch verhandeln zu wollen, ist nicht nur Narrheit, sondern Wahnsinn. Ich appelliere deshalb an meine indischen Landsleute, sich jetzt endgültig zu entscheiden: Auf der einen Seite steht die alte Ordnung, die uns mit hohlen Worten und leeren Versprechungen abspeist: auf der anderen Seite steht eine neue Welt, die Indien unmittelbare Befreiung anbietet. Jeder Inder, der jetzt freiwillig mit England zusammen- a rücktet, ist ein Verräter an Indien. Wir indischen Nationalisten außerhalb Indiens bereiten jetzt die letzte entscheidende Phase unseres Kampfes um die Freiheit vor. Wenn die Stunde schlägt — und sie wird bald schlagen —, werden wir an. eurer Seite fein, entschlossen zum Kampf und zum Sieg. Wir kommen dann weder allein, noch mit leeren Händen. Di? Gefängnistüren werden sich dann öffnen, und die Sonne der Freiheit geht wieder über unserem alten Lande auf.
Kesseln der japanischen Kriegsschiffe, noch gibt es Granaten und Torpedos genug an Bord, um den Gegner zu bekämpfen, und die Flagge der aufgebenden Sonns hat längst noch nicht een Zenith ihres Ruhmes erklommen.
Oie Schlachtschiffe das Rückgrat der japanischen Erfolge.
Die Alliierten haben zu wenig Menschen und zu wenig Material.
Genf, 1.April. (DNB.) In der Londoner Wochenzeitschrift „Jllustradet London News" schreibt Cyril Falls: Diejenigen Engländer, die in den letzten 20 Jahren nicht aufhörten, zu behaupten, Schlachtschiffe hätten sich überlebt, hätten mit dieser Behauptung sehr falsch gelegen, denn es seien gerade die japanischen Schlachtschiffe gewesen, die das Rückgrat zu den gewaltigen Erfolgen der Japaner gebildet hätten. Auf feiten der Alliierten rage man sich heute, wie man mit diesen Schlacht- chiffen fertig werden solle. Wolle man erst warten, bis Amerika über genügend Schlachtschiffe verfüge, die gegen das Schwergewicht der japanischen Flotte eingesetzt werden könnten, dann sei bis dahin schon alles verloren. Eine vorzeitige Offensive jnit unzulänglichen Mitteln aber käme einem Selbstmord gleich.
In Bu r m a scheine es so, als begegneten hier verbündete» Streitkräfte noch viel größeren Schwie- rigkeiten als in Australien. Man könne nicht leugnen, daß es den Engländern nicht gelungen sei, die weite Unzufriedenheit unter der burmesischen Bevölkerung zu beheben, infolgedessen fanden die Japaner bei den Burmesen alle gewünschte Unter« tützung. Aber man müsse sich jetzt davor hüten, die Streitkräfte der Heimat und im Mittleren Osten mit Rücksicht auf.die verzweifelte Lage in Ostasien zu schwöechn. Um* den Mittleren Osten müsse man am meisten besorgt sein. Den britischen Streitkräften falle eine solche Menge von Aufgaben zu, daß für die Erledigung einer jeden einzelnen nur wenig einsatzfähige Menschen und Material zur Verfügung stehen.
Kundgebung der indischen Ünabhängigkeitsbewegung in Tokio. Tokio, 1. April. (DNB.) In Anwesenheit von Rash Behari Bose und zahlreichen anderen indischen Führern fand in Tokio eine Kundgebung der indischen Unabhängigkeitsbewegung statt. In einer Entschließung wurde unterstrichen, daß es in diesem Kriege gelte, alles zu unternehmen, um Indiens völlige Unabhängigkeit zu erkämpfen, Indien müsse nicht nur endlich von den Engländern unabhängig werden, sondern frei sein und bleiben.
wird eine Reihe. von Fertigwaren und Rohstoffen ausbleiben oder nur in begrenztem Umfang ins Land kommen. Es fehlt an Kautschuk, flüssigen Treibstoffen, Bauholz, Eisenwaren, Papier, Textilien, ferner an allen Arten Blechen, Nägeln, Werkzeugmaschinen, industriellen Ersatzteilen, Chemikalien, Medikamenten. Die Einfuhr von sogenannten Luxuswaren ist schon vervoten, die Erzeugung einheimischer „Luxuswaren" muß eingestellt werden.
Um die Jahreswende trat eine straffere Einwirkung der Regierung in das wirtschaftliche Gebaren des Landes, auch des privaten. Unternehmertums ein. Maßgebend dafür war die Befürchtung einer Abschneidung vom Überseehandel infolge des Kriegseintritts der USA. Von da an galt als Schlagwort, die Türkei müsse sich darauf einrichten, sich aus dem eigenen Bestand und aus der eigenen Arbeitsleistung zu erhalten. Einschränkung des Verbrauchs, Schonung der Bestände und Erhöhung besonders der landwirtschaftlichen Produktion wurden die Programmpunkte für das Jahr 1942.
Ihrer Durchführung stellen sich einige Schwierigkeiten entgegen: die Türkei ist zwar ein Agrarland, das sich durchaus selbst genügen kann, vorausgesetzt, daß die Produktion auf gleicher Höhe bleibt und die Verteilung planmäßig durchgeführt werden kann. Die dauernde teilweise Mobilmachung entzieht nun der Landwirtschaft, dem Handwerk und der Industrie zahlreiche Arbeitskräfte, was sich insbesondere bei der gewerblichen und industriellen Leistung bemerkbar macht, deren ausgebildete Belegschaften zahlenmäßig stärker begrenzt sind, als in anderen, schon entwickelteren Ländern des Nahen Ostens. Zudem leidet die Industrie unter dem ersatzlosen Verschleiß ihrer Einrichtungen, als Folge der verminderten Einfuhrmöglichkeiten. Dies gilt auch für das Transportwesen, für Bahnverkehr und Schiffahrt. Beide hängen von der Kohlenförderung ab, die durch gewisse Fehldispositionen im letzten Jahr stark in Rückstand geraten sind, so daß bei privaten und öffentlichen Verbrauchern empfindlicher B r e n n st o f f m a n- g e l eintrat. Der ungewöhnlich harte Winter trug dazu bei, diese Kalamität noch zu verschärfen.
Auch die Verknappung einheimischer Lebens- mittel'ist teilweise kriegsbedingt. Die mobilgemachte Armee verlangt täglich einige hunderttausend Derpflegungsrationen mehr als in Friedensjahren. Die türkische Soldatenkost ist im Durchschnitt besser und reichlicher als die eintönige Ern ährung der brei - ten, anspruchslosen und auch wenig kaufkräftigen Massen. Es macht sich daher sehr bemerkbar, wenn
gegen Pearl Harbour und die anderen amerikanischen Stützpunkte im Stillen Ozean hat die Bahn freigemacht für die großen Invasionsunterne hmun- gen gegen die Philippinen, Malaya und Niederlän- disch-Jndien. Unter dem Schutze der Flotte konnte hier von der japanischen Armee und von Stoßtrupps der Marine-Infanterie eine neue operative Basis bezogen werden. Die Flotte greift indessen bereits weiter. Mit Handelskriegsunternehmungen wird sie der britischen Sache im Indischen Dtean schweren Schaden zufügen. Selbst Australien ist in dieser Hinsicht unmittelbar bedroht. Aul militärischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet hat daher die japanische Marine, wenn auch nicht allein entscheidend,, so doch in vorderster Front mitgewirkt. Und wenn heute, wie es bereits geschah, mit Nachdruck auf die Tatsache hingewiesen werden darf, daß Japan mit Niederwerfung Niederländisch- Jndiens eine völlig veränderte strategische Lage geschaffen hat, so hat an diesem hochbedeutsamen Erfolge die Flotte ohne Zweifel hervorragenden Anteil. Daß sie bei dem Erreichten nicht Haltmachen, wftd, stt gewiß. Noch spannt sich der Dampf tn den
Weltgeschichte im Pazifik.
Von Kapitän zur See a. D.
Professor v. Waldeyer-Hartz.
Die naturgegebene strategische Stellung Japans verläuft in der Grundrichtung Nord-Süd. Gelegentlich des russisch-japanischen Krieges und bei allen sich anschließenden Bettachtungen ist immer wieder darauf hingewiesen worden, daß die japa- ' msche Inselwelt infolgedessen in enger Umpressung das Gelbe Meer beherrsche. Diese Feststellung war gegeben, so lange es sich um die Beurteilung der Frage handelte, ob die japanische Flotte bei ihrem Verhallen während der Jahre 1904/05 richtig gehandelt habe oder nicht. Heute besteht fein Zweifel darüber, daß Japan außer dem Vorteil der bedeutsamen Seemachtstellung vor dem nordostasiatt- schen Länderblock noch einen zweiten militärischen Nutzen aus seiner Lage ziehen darf: die geographische Breitenausdehnung des Kaiserreichs einschließlich seines Besitzes an kleinen und größeren Inseln, angefangen von den Kurilen bis hinunter nach Formosa, ist derart beträchtlich, daß die japanische Marine 1 über eine Operationsbasis verfügt, die der Weite des Stillen Ozeans durchaus entspricht..^
Dank dieser Breitenausdehnung war es möalich, mit Kriegsbeginn schwere Schläge in den verschiedensten Räumen des Weltmeeres auszuteilen; Schläge, als deren Ziel es galt, im Westraum des Pazifik die Seeherrschaft für längere Frist zu erringen. Mit dem Angriff 'auf Pearl Harbour, trie Wake- und Midwayinseln, sowie auf die Baker- und Phönixgruppe ist dieses Ziel erreicht, und zwar in gründlichster Form.
Das japanische Oberkommando ging nunmehr unverzüglich daran, sich zu der Nord-Sudfront im An- aesicht des Pazifik eine neue rechtwinklig angebogene O st-We st front zu schaffen, deren Aufgabe es fein soll, die Wirkungen des Seekrieges b i s in b 1 e australischen und indischen Gewässer vorzutragen. Die blitzschnell durchgeführten Angriffe auf Niederländisch-Jndien, das genugsam gewarnt mar, sich dem Britentum nicht an zu schließ en, verfolgen keineswegs nur den Zweck, sich in wirtschaftlicher Hinsicht Sicherheiten zu schaffen. Nein-, bar- über hinaus handelt es sich bei diesem Operations- komplex ganz offenbar um das Beziehen einer neuen, breiten A n grif f sb afi s , die vornehmlich den Aufgaben des Seekrieges einen erweiterten Spielraum verschaffen soll.
Wenn wir die jüngste Entwicklung der . Kriegsereignisse in Ostasien vpn diesem Standpunkt aus betrachten, so erhellt sehr bald, daß die Erfolge der Japaner abermals in klarster Form den Beweis dafür erbringen, wie sich die Operationen des gegenwärtigen, die gesamte Erde umspannenden Krieges fast peinlich genau untereinander ergänzen. Jede Tonne anglo-amerikanischen Schiffsraumes, die im Sttllen ober Indischen Ozean versenkt wird, bedeutet für uns eine Entlastung, wie umgekehrt auch die Ergebnisse ber Rührigkeit unserer U-Boote im atlantischen Raum ober im Mittelmeer von ben Männern in Tokio auf Ihre Habenseite gebucht werden.
Vermutlich wird Japan es aber nach der Beziehung der starken und breiten Jnsulindestellung beim Seehandelskrieg in ben benachbarten Gewässern keineswegs sein Bewenden finden lassen. Als neues, im Süden geeignetes Angriffsziel ist bereits der fünfte Erdteil, Australien, gewählt. Daß diese Kriegsausweitung unseren Gegnern nicht zu Paß kommt, ist aus mehr als einer Presseaußerung zu entnehmen. Es knistert im Balkenwerk des britischen Empire, die Unzufriedenheit ber Tochterstaaten nimmt zu, man denkt notgedrungen mehr an fein eigenes Heil als an ben Glanz des Weltreichs. Darüber hinaus drängt sich in Australien immer lebhafter die Frage hervor, ob man nicht besser täte, sich politisch unverhüllt auf di e Seite ber Amerikaner zu schlagen, als in hergebrachter Form am britischen Mutterlande festzuhalten. Amerika, so hofft man, könne vielleicht noch helfen. Aber England? Ferngelegen, selbst bedrängt, und von Sorgen um Indien erfüllt, wird es schon um des zeitverschlingenden Seeweges willen, kaum noch in die Bresche springen können. Unter diesem Gesichtswinkel, ber ganz deutlich zu staatspolitischen Bettachtungen hinüberleitet, bedeutet der Fall Javas die Schaffung einer Lage von höchster Wichtigkeit. Port Darwin, ber große, aber erst im Ausbau befindliche Kriegshafen Australiens, ist bereits mehrfach von japanischen Fliegern aufgesucht worden, und daß die Gewässer um Australien voll in den Wirkungsbereich der japanischen Flotte geraten werden, pfeifen nachgerade in Canberra die Spatzen von ben Dächern.
Die Kämpfe im pazifischen Raum dürfen somit heute schon als ein Musterbeispiel bafür bezeichnet werden, von welch weittragender Bedeutung die Tätigkeit einer starken Flotte in einem Kriege werden Fann, der sich mit Weltmachtfragen befaßt. Der Einsatz der japanischen Marine und Luftwaffe


