Ausgabe 
15.12.1895 Viertes Blatt
 
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Nr. 295 Viertes Blatt. Sonntag den 18 Deccmber

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Amts- unb Zlnzeigsblatt für den "Kreis Gieren.

Hratisöeikage: Gießener Jamitienökätter.

Alle Annoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr.

Amtlichem Theil.

Gießen, am 13. December 1895. Betreffend: Gesuch um Uebersetzung deS Schulchan aruch.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen en Mit Vorstände der israelitischen Religions­gemeinden des Kreises.

Sie wollen binnen süus Tagen berichten, ob das Schulchan aruch betitelte ReligionSduch von den ReligionS« lehrern Ihrer Gemeinden bei Ertheilung deS ReligionS- unterricht» benutzt wird.

_________________v. Gaaern.__________________

Bekanntmachung,

betreffend: Ausbruch der Maul- und Klauenseuche.

Der AuSbruch der Maul- und Klauenseuche ist zu kanbach und Wetterfeld, Kr. Schotten, je in mehreren Gehöften feftgestellt worden und die GemarkungS-Sperre an* geordnet.

Gießen, den 13. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Vie Maul- und Klauenseuche in Marburg ist erloschen.

Gießen, den 13. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gaqern.________________________

Bekanntmachung, betreffend den Nachtrag zu den Statuten der Mannheimer Rückversicherungs-Gesellschaft.

Mit Bezug auf die Bekanntmachung vom 22. November 1889 wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß

die rubr. Gesellschaft laut Beschluß der Generalversammlung vom 12. October l. I vom 1. Januar k. I. an die Firma: Continentale Versicherungs-Gesellschaft" statt der seitherigen Firma führen wird.

Gießen, den 13. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_______v. Gaaern.

Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung einer landwirthschaftlicheu Ber- loosung zu Butzbach während deS dortigen FrühjahrS-

Faselmarktes in 1896.

DaS Großh. Ministerium deS Innern und der Justiz hat durch Entschließung vom 6. December lfd. Jrs. die Ge- nehmigung zur Vornahme einer, mit dem am 18. März k. I. stattfindenden Frühjahrsfaselmarkte in Butzbach zu verbinden­den Verloosung von Faseln, Rindern, Schweinen, Geflügel und landwirthschaftlichen Gerätben unter der Bedingung er- theilt, daß nicht mehr als 13,000 Loose a 1 Mk. aus- gegeben werden dürfen und (abzüglich eines Betrag- von 350 Mk. für Prämiirung) mindestens 65% deS Brutto- erlöseS aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewtnngegenständen zu verwenden sind.

Gießen, den 13. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern._________________

Gesunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Spazier* stock, 3 Paar Handschuhe, 3 Stückchen Band, 2 Filzhüte, 2 Kappen, 1 Sonnenschirm, 1 Taschenmesser und 1 biblische Geschichte.

Gießen, den 14. December 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.

v. Bechtold, Regierungs-Assessor.___________

Zweck und Bedeutung der Handwerker- kammern.

Wenn die wirthschastlichen und socialen Jntereffen der zahlreichen deutschen Handwerker in der Gesetzgebung mehr

als bisher Berücksichtigung finden und der wichtige Stand der Handwerker wieder gehoben werden soll, so bedarf da» Handwerk neben einer großen, guten Organisation, die man durch die obligatorische Innung erreichen will, auch der ge­eigneten fachmännischen Vertretung im StaatSleben. Die Erreichung dieses Zieles ist der Zweck und die Bedeutung der Handwerkerkammern als V rtretungen der Handwerker. Wenn man nun von denjenigen Bundesstaaten, in denen Gewerbekammern für sich oder in Verbindung mit Handels­kammern bereits errichtet find und von denjenigen nicht zahl- reichen Personen abfiebt, die ihr Handwerk kaufmännisch be­treiben und als Kaufleute einer Handelskammer angehören, so kommen gegenwärtig nur die Innungen oder sonstige freie Veretnigungen in Betracht. Die Handwerker, die diesen Organisationen angehören, bilden indessen nur einen ver- hältnißmäßig geringen Theil ihrer Berufsgenoffen. Jnfolge- deffen entbehrt die Regierung bet den im Jntereffe deS Handwerks zu treffenden Maßnahmen deS BeirathS und der gutachtlichen Mitwirkung des weitaus größten TheileS der Handwerker und sieht sich in der Hauptsache auf die An­hörung der Innungen oder sonstigen Veretnigungen beschränkt. Wenn sich auch in diesen Organisationen ohne Zweifel v ele tüchtige und mit den einschlägigen Verhältnisien vertraute Personen finden, so stellt sich doch daS Gesammtbild, daS sich aus der Anhörung der Innungen und Gewerbeveretue ergtebt, immerhin nur als die Ausfaffung einer Minderheit dar, weil nur der kleinste Theil der Handwerker diesen Organisationen angehört. ES kann daher schon auS diesem Grunde nicht ohne Weiteres angenommen werden, daß deren Ansichten über dasjenige, was dem Handwerk noth tyut, auf die Zustimmung eines erheblichen ThetleS derjenigen Hand­werker rechnen können, die sich den Innungen bisher fern­gehalten haben. Je bedeutsamer aber die Fragen sind, die bei der modernen Entwickelung der Verhältnisse im Handwerk an die Gesetzgebung und die Verwaltung heramreten, um so mehr muß Werth darauf gelegt werden, daß diese Fragen einer Erörterung möglichst aller Kreise der Betheiltgten unter­zogen werden. Dabet ist selbstverständlich Vorsorge zu treffen, daß den bestehenden Organen des Handwerkerstandes eine ihrer Bedeutung entsprechende Mtwtrkung gewahrt wird.

Feuilleton.

Der Uebrrläufer.

WethnachtSerzählung von Marte Treuter.

,®ftre es nicht hübscher, liebe Alice, wenn wir den Christabend wie immer ganz unter unS verleben würden?" sagte der Major von Braud mit einem bittenden Blick auf seine junge Frau.

^Diesmal ist es unmöglich, bester Karl," war die rasche nab energische Antwort. ^Neumanns und Hochheims müsien wir etnladen, ebenfalls Konstanze Schwarzenberg und wa» den Rittmeister von Schönau betrifft, so habe ich ihn bereit» gebeten."

,AH!" machte der Major und sein männlich schönes Antlitz verfärbte sich. Schweigend rüstete er sich zu« AuS- gehen. Mit einem flüchtigen Lebewohl" verließ er daS Zimmer.

-Othello!" murmelte die schöne Frau, dann lachte sie hell auf.

Major von Brand verdiente eS keineswegs, von seiner Gattin Othello genannt zu werden, denn wie eS schien, hatte tr thatsächlich Grund zur Eifersucht.

ES war kein Gedeiwntß, daß die schöne Alice von Mellentin, ehe sie die Gattin deS schon im reifen ManveS- alter stehenden Majors von Brand wurde, mit dem damaligen tientenant von Schönau verlobt gewesen. Was die plötzliche Trennung herbeigesührt hatte, war nicht aufgeklärt worden. Kurzum, Alice reichte dem viel älteren Manne die Hand und die Ehe erschien auch jahrelang eine überaus glückliche zu sein, nmsomehr, al» sie mit Kindern gesegnet war.

Da wollte e» da» verhängntß, daß der ehemalige Bräutigam der schönen Majorin in daS Regiment, welches ihr Gatte befehligte, versetzt wurde. In der kleinen Garnison «ar eS unvermeidlich, daß die einstmals Verlobten einander in Gesellschaften begegneten und eS entspann sich auch bald ein augenscheinlich sehr freundschaftliches Berhältniß zwischen de« jungen Rittmeister vnd der Gattin seine» Vor­gesetzten.

Der Major, der, ohne eS jedoch äußerlich zur Schau zu tragen, seine Fran abgöttisch liebte, litt Unsagbare Oualen der Eifersucht.

Da sich indessen nicht eine Spur, welche auf eine An­

treue seiner Frau hätte führen können, entdecken ließ und Alice im Gegentheil ihm und seinen Kindern gegenüber liebe­voller und zärtlicher war, als je, so mußte er eS schweigend dulden, daß der vermeintlich Bevorzugte häufig als Gast in seinem Hause erschien.

Schweigend fügte er sich infolge deffeu auch betreffs der Ehristabendfeier den Wünschen seiner Gemahlin. Sie wollte den Jugendgeliebten an dem Festabend augenscheinlich nicht entbehren und ihn allein einzuladen, wäre zum Mindesten auffallend gewesen.

Mit Wehmurh erinnerte sich der Major daran, wie er die früheren Jahre das schönste, daS lieblichste aller Feste a» der Seite seiner geliebten Frau verlebt hatte.

Den ersten Weihnachtsabend in ihrer Ehe hatten sie auf dem Landgute seine» Schwiegervaters gefeiert. An dem zweiten lag eine allerliebste, lebendige Weihnachtspuppe unter dem strahlenden Chrtstbaum und die Uebrigen ?

O, sie waren die schönsten seines bisherigen Lebens gewesen. Wenn seine beiden blühenden Kinder den Ehriftbaum umtanzten und sein liebreizendes Weib sich zärtlich an seine Brust schmiegte, dann hatte er gewähnt, der glücklichste Mensch auf der Welt zu sein.

Der heilige Christabend war erschienen.

Im Hause des Majors von Brand hatte sich eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft versammelt.

Seine Excellenz der commandirende General von Reumann war ein entfernter Vetter des Majors und wiederum die Gattin deS OberftlieutenantS von Hochheim die Tante der jungen Frau. $tbc Ehepaare waren kinderlos und hatten mit Freuden die Einladung deS Majors, in seiner Familie den heiligen Abend zu verleben, angenommen.

Comteffe Konstanze von Schwarzenberg, ein nicht »ehr ganz junges, aber blendend schönes Mädchen, war die intimste Freundin Alicen». Sett einigen Jahren verwaist, verlebte sie mit ihrer Gesellschafterin, einer OffizierSwittwe, die Wintermonate in der kleinen Garuisonstadt, während sie die übrige Zeit de» Jahres auf Reifen zubrachte. Sie war fast em täglicher Gast im Brand'fchen Hause und durfte an diesem Abend selbstverständlich am wenigsten fehlen.

ES war eine angeregte, lebhafte Unterhaltung, welche der Major mit seinen Gästen führte. Rur der schöne, hoch­gewachsene Offizier mit den feingeschnittenen geistvollen Zügen betheiligte sich nicht daran. Seine dnnklen Angen hingen

gleich denen der beiden blondlockigen Knaben mit sehnsüchtigen und erwartungsvollen Blicken an der Thür de» großen Speise- saaleS, hinter welcher vor kurzer Zeit die Hausfrau ver­schwunden war.

Endlich ertönte daS ersehnte Zeichen. Die großen Flügel- thüren thaten sich auf und eine Fluth von Kerzenlicht strömte den Etntretenden entgegen.

Die Knaben stürmten jubelnd voran. Zitternd vor Aufregung und Erwartung stammelten sie ihre WethnachtS- verse.

Gleich darauf saß Eurt, der Jüngste, auf einem aller­liebsten Schaukelpferde und Adalbert schlüpfte mit Hilfe der Mutter in einen vollständigen Harnisch. Mit herabgelaffenem Bister und erhobener Lanze machte er den ersten Angriff auf die beiden Burschen seines Vater», die soeben in Be­gleitung der drei schmucken Dienstmädchen den Feftsaal betraten.

ES war ein allgemeines Staunen und Bewundern. Alle waren sie überreich bedacht worden, selbst den Gästen hatte man eine Ueberraschung bereitet. Jede- der Ehepaare, sowie Fräulein von Schwarzenberg und ihre Gesellschafterin erhielten die schön auSgeführteu Photographien der beide« Knaben in kostbaren, von der jungen Mutter selbst gest ckre« Plüschrahmen.

Nur der Rittmeister von Schönau schien leer au-gehe« zu sollen. Auffallend bleich lehnte er abseit- am Flügel, doch seine düster flackernden Augen verfolgten jede Bewegung der schönen, glückstrahlenden Gastgeberin.

Plötzlich trat dieselbe an ihn heran. Mit ernster, fast feierlicher Miene und seltsam zitternder, aber für alle im Saale Anwesenden verständlicher Stimme sagte sie:

Herr von Schönau, würden Sie mir eine strategische Frage deantworteu?"

Neugierig traten die Gäste herzu. Mißtrauisch beob­achtete der Major die beiden schönen Menschenkt«der, in deren Zügen sich eine auffallende Erregung widerspiegelte.

Der Rtttmetster neigte, augenscheinlich betroffen über die sonderbare Frage, bejahend das Haupt.

Mit erhobener Stimme fuhr die junge Fra« fort:

Was gebührt dem Ueberläufer?"

Herr von Schönau zuckte zusammen.

Der Tod!" antwortete er düster.

^Wohlan, Herr Rittmeister Sie habe« sich selbst Ihr