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«t. 259 Niertcs Blatt. Sonntag de« 3. November
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Oberhessischer Verein für innere Mission.
DaS am 28. und 29. October dahier abgehaltene Jahresfest des Oberhess. Verein« für innere Mission hat diesmal einen besonders schönen Verlauf genommen, und wird allen Thetlnehmern um der reichen Anregungen willen, die eS geboten hat, gewiß in dankbarer Erinnerung bleiben. Wir greifen einiges besonders Bedeutsame heraus. Dazu gehörte in erster Linie der Vortrag, den Herr Psarrrer Na um ann auS Frankfurt in der geschloffenen Mitgliederversammlung am Montag Nachmittag über „Die Pflege deS Gebets- lebens in der Gemeinde und in den christlichen Vereinen" hielt, nebst der sich daran schließenden Besprechung. Dem wegen seiner christlich • socialen Thätigkeit willen viel angefochtenen Redner war dabei Gelegenheit gegeben, einmal zu zeigen, daß er — was seine Freunde ja längst wußten — nichts weniger ist, als ein schwärmerischer Welt beglückungSapostel, sondern vielmehr ein ßcf)tct und ernster Mann der inneren Mission, dem eS im letzten Grunde nur um innerliche und ewige Dinge zu thun ist, um die Aufrichtung der von der Noth und Sünde der Welt bedrängten Menschen zu wahren GotleSkindern. Als ein Mann der inneren Mission hat er ein volles Berständniß dafür, daß die Nothzustände unserer Zeit vielfach eine Art und eine Höhe angenommen haben, daß die darunter Leidenden saft unfähig werden, GottcS HeilSgedanken mit ihnen noch zu verstehen, und daß es darum gilt, dies Hinderniß durch leibliche Hilfe hinwegzuräumen. Wenn er diese Nothstände mehr, als eS die innere Mission im Allgemeinen thut, als Symptome socialer Verhältnisse, alS ein Product der unter uns herrschenden Art der Gütererzeugung und Gütervertheilung ansieht, und darum nicht bloS Abhilfe im Kleinen, sondern Reformen im Großen erstrebt, so ist doch der Beweggrund, auS dem er das thut, und daS Ziel, baß er damit erstrebt, dasselbe. Niemand konnte es mehr beklagen, als er eS in jenem Vortrag ge- than hat, daß die Noth der Zeit uns so stark zum Wirken nach außen treibt, Niemand es eindringlicher betonen, wie nöchig es darum sei, daß wir die innerliche Vertiefung für uns und unsere Arbeit nicht vergessen, und wie unentbehrlich darum die Pflege deS GebetSlebenS sei. Was in dieser Beziehung zu geschehen habe, dafür gab er geistvolle Gesichtspunkte und Winke, die, von einzelnen Punkten abgesehen, im Großen und Ganzen die volle Zustimmung der Versammlung, und in anregender Besprechung noch mannigfache Ergänzung fanden. Der FestgotteSdienft in der Stadtkirche war sehr gut besucht. Nicht minder die Abendversammlung inSteinS Garten. In beiden trug der Kirchengesangvercin durch seine Mitwirkung zur Hebung der festlichen Stimmung bei. In Steins Garten redeten nach einer Begrüßungsansprache des Herrn Professors Stamm die Herren Pfarrer Wenck aus Darmstadt, und wieder Herr Pfarrer Naumann auS Frankfurt, ersterer über „Neue Wege für die Frauenarbeit in der inneren Mission", wobei er auf den von Professor Dr. Zimmer in Herborn begründeten Dtaconieveretn, der gebildeten Damen Gelegenheit zur Ausbildung in Kranken- und Kinderpflege und für HauSwirthschaft bieten will, sowie auf die von Berlin aus mit gutem Erfolg begonnene Ausbildung von Gefangeuaufsehertunen htnwies, letzterer über „Eisenbahn und Kirche", wobei er in der ihm eigenen hinreißenden, von Humor durchwehten und doch von tiefem heiligen Ernst getragenen Wetse die gewaltigen Umwälzungen schilderte, die durch unser modernes Verkehrswesen in der äußeren und inneren Structur der menschlichen Gesellschaft hervorgebracht worden sind, und zeigte, welche große neue Aufgaben daraus für die Kirche und die Verkündigung des Evangeliums erwachsen.
Der Schwerpunkt des Festes lag in den Verhandlungen, die am Dienstag nach einer kurzen, von Herrn Pfarrer Dingeldey in Gießen gehaltenen Morgenandacht im Eonfirmandcn^aal der Johannesktrche stattfanden. Nachdem der Schriftführer, Herr Pfarrer Schlosser in Gießen, den Jahresbericht erstattet hatte, ertheilte der Vorsitzende, Herr Professor Stamm, das Wort dem Herrn Professor Dr. Weber auß Freiburg zu seinem Vortrag über „Die Bedeutung des Luxus".
Redner suchte zunächst den Begriff des Luxus vom volkSwirthschaftltchen Standpunkt festzustellen. Volks- wirthschafllich unerheblich ist dafür das, was in der populären Betrachtung gerade im Vordergrund zu stehen pflegt: Das Excesfive im Aufwand. Daß ist moralisch verwerflich, socialpolitisch unerfreulich- wissenschaftlich macht es nickttß aus. Die Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit den Excssen, sondern mit der regelmäßigen Erscheinung. „Luxus" ist auch nicht zu eonfundiren mit der „Verschwendung".
Letzteres ist ein privatwirthschaftlicher Begriff, der seinefStätte findet bei der Erwägung des Verhältnisses der Einnahmen und Ausgaben des Einzelnen. Für den Begriff des Luxus ist eß dagegen wesentlich, daß sich innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft, eineß Gesammt- verbrauchS, gewisse etgenthümliche Verbrauchs- formen finden, die gewissen Schichten eigen- thümlich sind.
Und dabei handelt es sich — und baß ist das erste Merkmal, das festzustellen wäre — um den Verbrauch von Gütern, die wir für entbehrlich ansehen. Damit ist freilich ein Merkmal gegeben, daß relativ, geschicbtlich verschieden ist. Jede Zeit, jede Klaffe empfindet als Luxus diejenigen Ausgaben einer anderen Zett, einer anderen Klaffe, die sie für entbehrlich achtet.
Ist aber die Entbehrlichkeit ausreichend, um eine Ausgabe zum Luxuß zu stempeln? Gew sse einfache Formen der Genußmittel (Kaffee, Tabak u. f. ro ) werden wir Bedenken tragen, zum Luxusverbrauch zu werfen. Wenigstens herrscht darüber ein steter Zweifel. Bei anderen Formen ind wir dagegen nickt im Zweifel, z. B. bei bem Spitzen- taschentuch, daß im Osten zu jeder Konfirmation gehört, und von dem Aermsten erbettelt wird. Worauf beruht eß, daß wir daß als LuxuS empfinden? Well diese Aufwendung gemacht wird, gerade weil eß sich um ein entbehrliches Gur handelt, die stattfindet, weil sie über daß Maß beß Entbehrlichen hinaußgeht.
AuS einer vergleichenden Zusammenstellung von Haus- haltungSbudgets weist Redner sodann nach, daß dem Luxus der B e g ri s f deS Standesgemäßen ganz wesentlich ist. Eingehend zeigt er daS vor Allem an der Vergleichung der Budgets zweier Subalternbeamten (Nr. 4 und 5) mit einem Gehalt von 3400 und 3700 Mk. mit denen eines Arbe terS, der Armenunterstützung empfängt (Nr. 1) (Einkommen 1050 Mk.), eines Hausindustriellen (Nr. 2) (Einkommen 1340 Mk.) und eines Fabrikarbeiters (Nr. 3) (Einkommen 1365 Mk). Während Nr. 1 für die unbedingt unentbehrlichen Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleidung, Erwärmung, Beleuchtung, Reinlichkeit) 87V3 pCt. seiner E-nnahmen aufwendet, für Nahrung allein 51 pCt., Nr. 2 74 PCt., Nr. 3 83 pCt, so sind eß bei Nr. 4 und 5 (der Subalternbeamten) nur 65 pCt. Woher erklärt sich der Rückgang schon bet Nr. 2, und noch mehr bei Nr. 4 und 5? Bei Nr. 2, dem Haußindustriellen, einem fest eingesessenen Manne, find die Ausgaben sür die Erziehung der Kinder größer, alS bei Nr. 1 und 3, weil es sich bei ihm um die Selbstbehauptung der Kinder auf dem Niveau der bisherigen socialen Existenz handelt, während baß bei Nr. 1 unb 3 angefichtß ber Ungewißheit ber Zukunft zurücktritt. Dafür spart ber Hausinbustrielle besonberß an Kletbung, währenb bas steigende Selbstgesühl beß Fabrikarbeiters zu einem höheren Aufwanb gerabe basür führt. Bet ben Subaltern- beamten aar treten bie Sorgen für die stanbesgernäße Erziehung oer Kinber ganz in ben Vordergrund. Dafür hungern unb borben die Eltern. Sie stehen in Aufwendung für Nahrung schlechter, als selbst der Arbeiter. Während ihr Einkommen nur zweiundeinhalbmal so hoch ist, als das des HauSindustriellen, so belaufen sich die Aufwendungen für Kleidung sechs bis siebenmal so hoch. Diese unverhältniß- mäßige Steigerung der Ausgaben sür Kleidung geht bis etwa zu den Einkommen von 5000 Mk. Von da an erhöht sich biese Ausgabe höchstens im Verhältniß zum Einkommen. Dafür tritt bann bas WohnungSbebürfniß in ben Vorbergrund, und die Ausgaben dafür, sowie für Repräsentation steigen ganz unverhältnißmäßig, bis zu den Einkommen von etwa 10 000 Mk. Darüber hinaus hört baß Gesetz auf, unb es beginnt ber rein inbivibuelle Luxus, Ausgaben, bie nicht mehr durch den Standesbegr'ff bictht werden.
Der Begriff bes Stanbesgemäßen hat auch geschichtlich eine beionbere Rolle gespielt. Nicht die Bequemlichkeit steht in der Geschichte deS Luxus im Vordergrund — Reifröcke und dergl. sind geradezu unbequem, — sondern bie Eon- statirung des Staubes nach außen.
Bei einem Blick auf bie Entwickelun gsgeschichte ergebt sich, baß die ursprünglichen Formen deS LuxuS weit abweichen von ber, bie wir jetzt sehen. Er hatte zwei E'gen- sckaften, bie jetzt verloren gegangen sind. Er war erstens Quantitätsluxus. Qualitativ lebt der König zu Karls beß Großen Zeit nicht besser, als ber Bauer. Was seine Gastmähler auszeichnet, sind die ungeheure Quantitäten, die Zahl der Ocksen, die geschlachtet wurden, u. s. w. Z".rn zweiten ist er acuter LuxuS. Er tritt nicht chronisch im Alltagsleben auf, sondern bei besonderen Gelegenheiten: Hochzeiten, Beerdigungen u. dergl. Reste von beiden Formen I finden sich bei uns noch hie und da.
Mit welchen Mitteln arbeitete d<r LuxuS der Vergangenheit? Ganz überwiegend mit einem Mittel, einer ungeheuren Verschwendung von Menschenmaterial. Sie beruht auf der Gesellschaftsverfassung, der Billigkeit des Menschenmaterials durch Eroberungskriege. Mit der Einstellung der Eroberungskriege war dieser Form beß LuxuS der GarauS gemacht, damit der Cultur deS Alter- thums. Noch lange stehen die Menschenbesitzer an der Spitze der Eultur. Sie sind aber nicht mehr Träger eines nennenswerthen LuxuS.
Die weitere Entwickelung, die zur modernen Form deS Luxus führt, hängt zusammen mit ber Entw ckelung der Städte und der ArbettStheilung. Damit droht er, den Characler des Standesgemäßen zu verlieren, Privileg ber höchsten Klaffen zu sein. Daher die Erscheinung, daß nun von oben her gegen den LuxuS vorgegangen wird. Einmal nach oben. Keiner soll über den Stand ber Genossen hinaus- gehen, keiner besser als der andere produciren ober con- sumiren. Vor allem aber werben Luxusverordnungen nach unten erlassen, weil in deren LuxuS sich die drohende Der- schiebung der Stände manifestirt. lieber diese luxuSfeind» lichen Bestrebungen ist die Geschichte hmweggegangen mit dem definitiven Siege des Fabrik ystems, mit dem Augen- blick, wo diesem allein die Zukunft gehörte.
Dadurch ist zweierlei herbeigesührt worden. Erstens die Demokratisirung des Luxus. Die Fabrik war ursprünglich keineswegs eine Concurrentin des Handwerks. Sie stellte ursprünglich nicht nothwendige Lebensbedürfnisse her, sondern producirte Luxusartikel billiger in Massen. Daß setzt sich jetzt noch in den billigen JmitationSarttkeln fort.
Zweiten ß aber durchbricht die neue Zeit auch nach oben hin die Schranken. Die ungeheure Differenzirung ber Vermögen stellt zugleich die oberen großbürgerlichen Klassen vor baß Problem einer Umgestaltung beß Luxus berort, daß biese Vermögen Verwenbung finben.
Daburch empfängt bet großbürgerliche Luxus ber mobernen Zeit seinen Charakter. Er ist nicht mehr acuter, sondern chronischer Luxus- er beginnt, baß ganze Leben chronisch zu durchdringen. Der Luxus verliert damit weiter den vorherrschenden Charakter des QuantitätSlvxuS- er wird Qualitätsluxus. Damit ist die schrankenlose Ent- wicklungsfähigkeit beß Luxus inaugurtrt. Rischt minber geht bem Luxus baß specifisch ständischerer- loten. Der alte LuxuS war unbequem. Er wurde getragen um des Standes willen. Der großbürgerliche Luxus wird comfort. Daß englische Wort ist uns dafür geläufig, weil diese Entwickelung in England am weitesten fortgeschritten ist. In England vollzieht sich aber dieser LuxuS in der Tiefe des Hauses und des Familienlebens, weniger in ber äußeren Pracht ber Gebäude, wie bei unß. So tritt überhaupt die Öihntalion alS Merkmal deS LuxuS zurück. Nur im Tafelluxus hat sich ein Rest beß alten Quantitäts- luxuß erhalten. Das find Rubimente alter Barbarei. In Englanb gilt es z. B. nicht mehr für sein, in Diamanten zu erscheinen. Daran pflegt man bie Jrlänberin zu erkennen.
Nun noch ein Wort der Beurtheilung, nicht moralisch, d. h. tote wirkt ber mobernc LuxuS auf ben Einzelnen — baS kann unter gleichen ökonomischen Bedingungen sehr verschieden sein. Es kann einer über ober auch unter seinem Luxus stehen — sonbzrn volkswtrthschaftlich. Es besteht eine dumpfe unb unklare Vorstellung von einer speclfischen Schädlichkeit des Luxus auf Grund einer falschen geschichtlichen Auffassung, baß er bie Nationen verweichliche, den Untergang beß Alter, thums herbeigeführt habe. Das trfft nicht zu. Ganz anbere GrÜ' be haben bas bewirkt. In der römischen Kaiserzeit waren die Vö.ker vielfach viel weniger luxuriös, als unsere Väter vor dreißig Jahren. Man kann auch nicht sagen, daß in Eng. land die Schichten, die Träger beß größten Luxus sind, physisch degenerirt seien.
Der Luxus ist, nationalökonomisch betrachtet, ein Symptom bestimmter, gesellschaftlicher Erscheinungen. Darum ist es fraglich, ob man biese Er« scheinungcn curirt, indem man das Symptom angteift.
Die Demokratisirung des Luxus ist unaufhaltsam. Nur ein Snllftanb der vo kSwirthschaft-chen Entwick lung könnte sie aufhalten. Ist sie nun optimifti ch oder pessimistisch zu beurteilen? DaS kann nur für die einzelne Zeit entschieden werden. Für die gegenwärtige Zett ist die fortgesetzte Zunahm: der LedenSansprüche in ben unteren Klaffen ein Beweis, daß sie noch nicht am Aufsteigen verzweifelt haben. Die Voraussetzung für einen weiteren Fortschritt in dieser Richtung ist, baß im Vorbergrunb beß modernen Güteraustausch- bie Massenartikel stehen. Darin ist vorerst feine Aenderung zu erwarten. Der alte Satz, baß bie Kaufkraft ber Massen das entscheidende ist, trifft, so trivial er schon sein mag, auch für die Gegenwart zu,


