Nr. 283 Viertes Blatt. Tonmag sm Tcccmbcr
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Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, ■rit Ausnahme dc- Montag-.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.
chratisöeikage: Gießener Jamikienökätter.
Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ßokgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Corrn. 10 Uhr.
Amtlichen Theil.
Bekanntmachung,
betreffend: die Maul- und Klauenseuche.il *
Zu Rohrbach, Kreis Büdingen, ist die Maul- uni Klauenseuche ausgebrochen und die Drtä* und Gemarkungssperre angeordnet worden.
Gießen, den 29. November 1895.
Großherzogliches Kreiüamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: Ausbruch der Maul' und Klauenseuche.
In Rendel, Kr.is Friedberg, ist in einem Gehöfte die rubr. Seuche amtlich festgestellt worden und wurden die zu treffenden Vorsichtsmaßregeln angeordnet.
Gießen, den 30. November 1895.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: die Schafräude zu Alten-Bufeck.
Die Schafräude zu Alten-Bufeck ist erloschen und find die angeordneten Sperrmaßregeln aufgehoben.
Gießen, den 29. November 1895.
Großhcrzoglickes Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
totales «nd provinzielles*
n. Nieder-Florstadt, 29. November. Die Masern haben hier so viele Kinder befallen, daß für die drei unteren Jahrgänve Schulferien eintreten mußten.
n. Reichelsheim i. d. Wetterau, 29. November. Der Geläudeerwerb für tue Nebenbahn Beienheim-Nidda geht leichter von Statten, als man anfangs erwartete. Am raschesten wird hier das Geschäft abgewickelt, weil unsere Gemeinde mit der Feldbereintgung begonnen hat und der größte Theil des Geländes von der BereimgungScommtsflon zu kaufen ist. Nur für eine kurze Strecke der Bahn muß
der Grund und Bodin von Privaten erworben werden- da nämlich, wo sie Flächen durchschnetdet, die nicht zum Be- reinigung-gebiet gehören. Es sind daS aber nur wenige Gartenslücke nahe am Ort. Die Preise schwanken natürlich sehr, dem Bernehmen nach zwischen 50 Pf. und 2 Mk. für den Quadratmeter. Ein Baubureau für die genannte Strecke wird höchst wahrscheinlich hier errichtet und mit den Arbeiten im nächsten Frühjahr begonnen werden.
Dermifdttes»
H. W.-W. Bitte eiueS Bieluamigev. Ich bin ein Berg in der U'r’pegenb Gießens und erhebe mein Haupt 488 Mtr. über den Meeresspiegel. Weit schaue ich in Gottes liebliche Welt hinaus und schon mancher Naturfreund, der mich besuchte, har vor Freude und Entzücken über die herrliche, von meinem Gipfel sich darbictende Fernsicht ausgerufen: „Wunderschön ist Gottes Erde, werth, da-auf vergnügt zu sein; drum will ich, bis ich Asche werde, mich dieser schönen Erde freu'n." Biele Namen trage ich. Wie das kommt, weiß ich nicht, denn einen Taufschein kann ich nicht aufwetsen. Man nennt mich Dünftberg, DünSberg, Dienstberg, DteS- berg, Dingsberg und DlenSberg. Bon diesen Bezeichnungen entsprechen nur die beiden letzteren den Thatsachen und Ereignissen, die sich in grauer Vorzeit, alS noch die alten Deutschen die Wälder durchjagten, und der Klang der Woffen mit dem Rauschen der Zwe'ge sich einte, auf meinem Scheitel zugetragen haben. Den Namen „Dünstberg" halte ich für falsch- denn besondere Dünste sende ich nicht hinauf zu den „Seglern der Lüste"- nur trage ich im Frühling und Herbst zuweilen eine graue Nebelkappe und die weiße Wintermütze muß ich auch früher aufsetzen als die übrigen Berge der Umgegend. Welche Gründe zu dem Namen „DünSberg" Veranlaffung gegeben haben, vermag ich nicht zu erklären. Ebenso kann ich die Bezeichnung „Dtenstberg" nicht als zu treffend erachten. Wohl bemühe ich mich, alle meine Besucher in freundlicher Weise zu empfangen, allein besondere Dienste kann ich ihnen, wie überhaupt der ganzen Umgegend, nicht erweisen „DieSberg" werde ich im Volksmunde genannt- der Name ist nur eine Abkürzung von „Dtensberg". Der Schreibwe se „DingSberg" kann ihre Berechtigung auf Grund der Annahme nicht abgrsprochen werden, daß ich einst der Berg war, auf kem die alten Deutschen, in der R gel
am Dienstage, ihre öffentlichen Gerichts- und Dingvrrsamm- lungen abhielten, auf dem „Ding gehegt" d. h. Recht gesprochen wurde. Allein diese Bezeichnung befriedigt mich nicht. Ich bin nämlich von jeher der Meinung gewesen, daß „DienSberg" der allein zu Recht bestehende Name sei, und zwar auS folgendem Grunde: Mein Gipfel ist ein weitausschauender Opferaltar der kriegsfreudtgen Germanen gewesen- hier hielten sie ihre Gottesdienste ab- hier flehten sie, den Blick gen Himmel gerichtet, zu den erhabenen, unsichtbaren Göttern- hier brachten sie ihrem erbarmungslosen Kriegsgotte Zio, von dem bekanntlich der DienStag seinen Namen hat, Maffenopser von gefangenen Feinden dar. Wie nun der DienStag der dem Zio geweihte Tag war, so war ich der demselben Gotte geheiligte Berg. Mit Recht gebührt mir deshalb der Name „Dtensberg". Meine Bitte ist nun den geehrten Lesern bekannt, nun hoffe ich denn, daß alle meinen gewiß berechtigten Wunsch anerkennen, und mich fürderhin nur „DienS'erg" nennen. Der Vielnamige.
•Ms. Kassel, 29. November. Am 2. Juli d. I. entstand in dem Dorfe Hombressen bei Hofgeismar eine größere Feuersbrunst, durch die ein großer Theil de- Ortes, nämlich einige dreißig Wohnhäuser, viele Scheuern rc. total eingeäschert und eine große Anzahl Leute um Hab und Gut gebracht wurden. AlS fahrlässiger Urheber dieses Brandunglücks stand nun ein Schornsteinfegergehilfe auS Hofgeismar hier vor der Strafkammer. Er hatte an jenem Tage von seinem Meister den Auftrag erhalten, in Hom- breffen nur die besteigbaren Schornsteine zu reinigen, der Gehülfe reinigte aber auch die sog. russischen, die unbesteig- baren Schornsteine trotz des starken stürmischen WetterS und trotzdem ihm vom Hausetgenthümer dringend abgerathen wurde. Bei dem Ausbrennen eines Schornsteines flogen nun die Funken stark umher, fielen durch ein Loch auf einen mit Stroh gefüllten Futterboden und — das Brandunglück war da. Der Angeklagte stützte sich darauf, der Meister habe ihm aufgetragen, auch die ruffischen Schornsteine auszu- brennen, was jedoch eidlich bestritten wurde. Somit wurde der Angeklagte der fahrlässigen Brandstifiung für schuldig erachtet und zu drei Monaten Gefängniß ver- urtheilt.
* Mß. Heröfeld, 29. November. Im Walde bei Neukirchen ereignete sich ein trauriger Unglücksfall. Der Taglöhner Fuchs war mit seinem ältesten Sohne von 19Jahren
Feuilleton.
Verschiedene Buartiert.
Kriegsbilder von jetzt und damals.
Don Moritz von Berg, Verfasser der „Ulanenbriefe".
(3. Fortsetzung.)
Ein Unteroffizier mit etn'gcn Leuten ritt voraus und machte Quartier, und ein jeder der Offiziere Pflegte ihm, ehe er fortrttt, so seine besonderen kleinen Wünsche mit auf den Weg zu geben. Der eine liebte gern angenehme Weiblichkeit im neuen Quartier zu finden, der andere legte nur Werth auf daS Effen und Trinken und scheute alle ®6ne, der dritte gab alles hin, wenn das Logement nur recht komfortabel «ar- der nächste legte Gewicht auf einen guten Stall und viel Futter für die Pferde u. s. w., genug, der welgeplagte Quartiermacher, der auch noch Wachtmeisters- und Fähnrichs wünsche zu beachten hatte, mußte sich eine besondere Gebächt- mßkammer für olle die Zwecke anzuschoffen suchen. Am heutigen Tage hatte die ganze Angelegenheit deS Qnartler- machenS nur oberflächlich abgemacht werden können und jeder «ar neugierig, wie er wohl unterkommen würde, da der Quartiermacher nur eine Stunde vor unserem Abmarsch fortgeritten, allein durch schnelles Reiten und Ersparntß der MarschrendezvouS einen Vorsprung gewinnend, den fast fünf» »eiligen Marsch zurückgelegt hatte. Die Nachmittagssonne hatte heiß, recht heiß aus die marschirende Escadron herab geschienen- die Offiziere, welche, mit Ausnahme des an der Queue schließenden, vorn hinter den Trompetern ritten, hatten schon manchen Trunk aus der Feldflasche gethan- endlich war die Sonne geiunken und die ersten Sterne spiegelten sich in den silbernen Wellen der Marne, deren Lauf wir theilS begleiteten, thells kreuzten.
Wie landschaftlich wunderschön auch die Gegend während des Marsches gewesen war, der Fluß m t seinen reben« bek'änzten Ufern, von deren bewaldeten Gipfeln die weißen Schlößchen der Champagnerfürsten herabsahen, darüber der blaue Himmel und die blühenden Felder ringsumher, wie
wir auch geschwärmt hatten über all daS Schöne, das dem Auge fich bot, ein Nachmittagsmarsch bei glühender Hitze kann auf den weißslaubigen Kalkchauffeeu der dortigen Gegend doch seine Längen haben. So erging es auch uns, und Reiter und Pferde begannen eine rechte Sehnsucht nach der Stätte zu empfinden, wo sie das Haupt, refp. die Beine zur Ruhe legen könnten. Auch dieser langersehnte Moment erschien, denn vor uns leuchtete plötzlich aus der Dunkelheit der Schein einer Laterne, deren T'äger, ein „Ptsan" mit bummelnder Z pfelmütze, unseres Sergeanten lange Figur in das «chönste Siebt setzte. Die Gefichtszüge des Quartter-- machers verhießen Gutes, und auch bald meldete er, daß dir Quartiere vorzüglich wären, auch die Wünsche eines jeden der Herren sich noch hätten erfüllen lasten.
Schnell wurden jetzt die Billetö an die Beritts ver« theilt, die nöthigen pol zeilichen Maßregeln getroffen und, nachdem dieses geschehen, auch ein roarnenteß Wort von mir an die Schwadron über die verführerischen Einwirkungen der weinreichen Gegend gesprochen war, zog ein jeder, geführt von einem ebenfalls die Zipfelmütze tragenden kleinen Eingeborenen , die sich trotz der späten Stunde in Schaaren eingefunden hatten, neugierig und erwartungsvoll seinem Quartiere zu.
Auf meinem Billet de Logement stand: Msr. le (Serf u. Comp, PropristaireS, ein verheißungsvoller Ausdruck, der viel und wenig bedeuten konnte- daS Gesicht des Quartter^ machers hatte aber verständnihinnig gelächelt, ich glaubte also meine Erwartungen in Bezug des Kommenden ziemlich hoch stellen zu dürfen.
Ich war schon mit meinem kleinen Führer eine Weile durch eine endlos lange Straße geritten, doch noch immer zeigte fich nichts vom Quartier. Hinter mir folgten meine beiden Burschen, der eine mit meinem zweiten Pferde, der andere mit einem kleinen Fuchs, dem „Moselpferde", einem Thier, daS unß bei dem Beginn des FeldzugeS an der Mosel zugelaufen war und das den ehrenvollen Auftrag gehabt hatte, bei Tage und auch bet Nacht im Stehen, ja in auf regenden Momenten der Nähe deS Feindes auch im Liegen, meine Packtaschen zu tragen. Genug, In diesem Aufzuge
zogen wir die lange, mit Bäumen bepflanzte und auß kleinen, villenartigen Häusern bestehende rue hinab, und alS wir saft deren Ende erreicht hatten, da endlich stand der kleine Führer und zeigte auf ein hohes eisernes Gitter, destea aufgesperrte Thlttflüzel einladend eine breite, Parkartige Allee öffneten.
Wir ritten in dieselbe hinein, die Nachtigall schlug tu melodischen Tönen in den Büschen blühender Syringen, recht« vom Wege erklang das leise Plätschern einer Fontaine, deren diamantgleicher Strahl in dem eben ausgehenden Mondlicht über den Wipfeln der Bäume im silbernen Schein erglänzte. In der Allee selbst war eß noch dunkel, doch begonnen die hier und da durchblickenden Mondesstrahlen ein träumerische- Leben in dieses Dunkel zu weben. Da machte die B.rum- allee eine Biegung, und vor meinen entzückten Blicken lag eine zweistöckige Villa von Hellern Gestein, umgeben voll blumengeschmückten Tcppichbeeten auf grünem Grunde, über welche die goldenen Wellen beß Mondlichtß flutheten.
Daß klappernde Geräusch der Hufeisen auf dem durch eine Reihe blühender Orangen- und Mandelbäume von dem Parke abgethellten Hofe erweckte dos Echo auf dem Platze und kündete meine Ankunft an. Die Thür der Villa öffnete fich, ein Lichtschein drang heraus und in ihm stand, die Hand mir zum Willkomm entgegenstreckend, die wohlhäbige, rundliche Figur des Herrn Pcopriötaire, deffen rostgeß, bartloses Gesicht, mit fast biß zum Rücken verlängerter Siirn, trotz der späten Abendstunde und mehr ober weniger erwünschten Einquartierung doch freundliche, vertrauen- erweckende Züge zeigte.
Ich warf daß Bein über den Sattel, stand neben dem Pferde, nahm mein schönstes Französisch zusammen und erwiderte die in wunderbarsten Phrasen an mich ergehende Begrüßungsrede. Darauf wurden meine Pferde im Nebengebäude in schönen Boxen untergebracht, und nachdem Msr. le Cerf Leute und Pferde noch zu bester Versorgung dem Administratcur empfohlen hatte, folgte ich ihm in die Billa. (Forts, folgt.)


