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Mittwoch dm 29. October

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Preil vierteljührlich 2 Mark 20 Pf. mit Brürgerkhr.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 SRatl 50 Pf.

Erscheint mit «nSnechrne des MontsgH.

Schnr>ftraße 7.

Trlegraphische Depeschen.

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Berlin, 27. October. Der Bundesrath hat heute den Antrag des Reichs­kanzlers vom 23. dss. MtS.. betreffend die Aueckennung des vom Braunschweiger RegentschaftSrathe zu bestellenden Bevollmächtigten als Vertreter Braunschweig« tm Bundesrathe angenommen. t

Der »Retchsanzeiger* veröffentlicht die Ansprache deS Kronprinzen bet Er. öffaung des StaatSraths. Die Aufgaben deffelben werden vorzugsweise auf dem Ge­biete der Gesetzgebung sich bewegen. Se. Majestät der König beabsichtigt, Gutachten des StaatsrathS einzufordern über LendtagSvorlagen, über Entwürfe Allerhöchster Ver­ordnungen, über Vorlagen Preußens beim BundeSrathe, über Abgabe preußischer Stimmen tm Bundesrath für Sachen der Reichsgesetzgebung, so oft die Bedeutung des Gegenstandes da8 angemessen erscheinen läßt; ebenso behält der König sich vor, An­gelegenheiten aus dem Verwaltungsgebiet dem Staatsrathe zu überweisen.

RetchStagsabgeordneter Friedrich Kapp ist heute früh hier gestorben.

DerNationalzeitung" zufolge begrüßte Se. Majestät der Kaiser bet dem gestrigen Dinrr die Mitglieder des Staatsraths besonders herzlich und wies auf die frühere Thatigkeit des Staatsraths unter den beiden l-tzten Königen hin, sowie nament­lich auf die Dienste, welche der Staatsrath König Friedrich Wilhelm IV. geleistet hat- Se. Maj. knüpfte daran die Hoffnung, daß es dem Staatsrath Vorbehalten sein möchte. Seine Regierung erfolgreich zu unterstützen.

Braunschweig, 27. October. In der heutigen Sitzung des Landtags verlas der Präsident, v. Veltheim, ein Schreiben des Fürsten BiSmarck an den StaatSmmtster Grafen Görtz-Wrtsberg, in welchem mttgethetlt wird, daß der Reichskanzler daS Schreiben d«8 RegentsLaftsrathS vom 18. d. M- zur Kenntniß Sr. Maj. des Katser-s gebracht und daß Se. Maj. es abgelehnt habe, den von dem Herzog von Cumberland abgesavdtm Grafen Grote zu empfangen und das Schreiben des Herzogs von Cumber­land entgegenzunehmen. Der Präsident verlas ferner folgenden Erlaß Sr. Mai. des Kaisers an den Regentschaftsrath:Ich habe Ihr Schreiben vom 18. bf§. Mts., in welchem die in Gemäßheit des Braunschweigischen Gesetzes vom 16. Feoruar 1879 er­folgte Conftitutrung deS Regenlschaftsraths zu Meiner Kenntniß gebracht wird, m-t Dank entgegengenommen. Indem Ich Ihnen Meine aufrichtige Thetlnahme an dem schmerzlichen Verluste auSspreche, welcher das Braunschweiger Land durch den Htntritt des letzten erlauchten Sprossen einer ruhmreichen Reihe von Fürsten betroffen hat, er­kenne Ich die Constttuirung, sowie das Verhalten des Regenlschaftsraths als mit btn Gesetzen übereinstimmend an und bin gerne bereit, dem in dem Schreiben vom 18. ds. an Mich gerichteten Ersuchen zu entsprechen. Demgemäß habe Ich zu.der ersten Nummer Ihres Antrags ungeordnet, daß im Bundesrathe der Antrag gestellt w^rde. die von dem Regentschaftsrathe zu ernennenden Bevollmächtigten als berechtigte Ver­treter des Herzogthums im Sinne des Art- 6 der Reichsoerfassung anzuerkennen und

Politische Ueberficht.

Gießen, 28. October.

Der Kaiser empfing in den letzten Tagen wiederholt den Reichskanzler in längerer Audienz. An Stoff für die Conferenzen des greisen Monarchen mit seinem ersten Berather fehlt es nicht und liegt die Annahme nahe, daß es sich zunächst um die braunschweigische Erbsolgesrage und die für den preußischen Staatsrat), dessen Eröffnung, wie bekannt, am Samstag durch den Kronprinzen erfolgt ist, vorbereiteten Vorlagen gehandelt hat- Mit letzterer Angelegenheit hat sich jeoenfalls auch die am Mittwoch unter dem persönlichen Vorsitze des Fürsten Bismarck abgehaltene Sitzung des preußischen Staatsministeriums beschäftigt.

Der Kaiser empfing am Freitag u. A. den neuernannten englischen Botschafter am Berliner Hose, Sir Edward Malet, in feierlicher Audienz.

In der braunschweigischen Erbfolgefrage bildet die vom Herzog von Cumberland erlassene Proklamation vas neueste Moment. Die Proklamation kündigt den deutschen Fürsten und Freien Städten an, daß Herzog Ernst August die Regierung Braunschweigs übernommen und von dem Lande Besitz ergriffen habe, sowie, daß er nach Maßgabe der Reichöverfaffung und der Landesverfassung regieren wolle. Es wäre dies die indirecte Anerkennung der Reichsversassung, aber in einer Form, welche nicht als giltig betrachtet werden kann. Der Herzog erklärt, nach Maßgabe der Reichsversassung regieren zu wollen. Das würde in Anbetracht der obwaltenden Verhältnisse dahin aufzu­fassen sein, daß er sich der äußeren Form, welche die Reichsverfassung vor­schreibt, anbequemen wolle, im Uebrigen aber sich vorbehalte, zu thun, was ihm gut dünke. Daß ein solcher Schritt nicht genügt, um dem Herzog den Weg zum Throne von Braunschweig zu bahnen, bedarf keiner näheren Erörterung. Den ersten Widerspruch hat die Kundgebung bereits durch den braunschweigi­schen Regentschaftsrath und den Landtag selbst, welcher am Donnerstag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten ist, erfahren. In der Freitags- Sitzung des Landtages machre der Staatsminister Graf Görtz-Wrisberg die Mittheilung, daß der Herzog von Cumberland sein Besitzergreifungs-Patent dem Ministerium mit der Aufforderung zugesandt habe, dasselbe zu contrasigniren und zu veröffentlichen. Vom Ministerium sei dem Herzog als Antwort mitge- theilt worden, daß nach Ansicht des Ministeriums der im Regentschafts-Gesetz vorgesehene Fall eingetreten sei und sich deshalb der Regentschaftsrath consti- tuirt habe. Das Ministerium sei daher außer Stande, der erwähnten Auffor­derung nachzukommen und vielmehr vom Regentschaftsrath ermächtigt worden, die Aufforderung abzulehnen; die Geltendmachung seiner Thronfolge-Ansprüche bleibe dem Herzog von Cumberland überlassen. Weiter erklärte der Minister, das Ministerium habe den Reichskanzler von dem Schreiben des Herzogs von Cumberland unverzüglich in Kenntniß gesetzt, mit dem Bemerken, daß es allen weiteren derartigen Kundgebungen unverweilt entgengetreten werde. Aus den ferneren Mittheilungen des Ministers ist noch hervorzuheben, daß der Kaiser das Schreiben, in welchem ihn der Regentschaftsrath von dem Ableben des Her­zogs Wilhelm und der Constituirung des Regentschastsrathes in Kenntniß setzt, mit Dank ausgenommen habe und sämmtliche Anträge desselben genehmigen werde. Schließlich erklärte Graf Görtz - Wrisberg noch, daß der Regentschasts- rath und das Ministerium die Fortführung der Regierung durch den Regent- sckaftsrath für vollständig gesichert hielten und überzeugt seien, die Thronfolge werde auf Grund der Rechte des Landes und des Reiches erledigt werden. Die Erklärungen des Ministers wurden vom Landtage durchaus beifällig aus­genommen, welcher auch dem beantragten Adreßentwurf auf die Eröffnungsrede einstimmig zustimmte. Es geht hieraus hervor, daß sich die Vertreter des Lan­des mit der Haltung der provisorischen Regierung des Herzogthums gegenüber dem Ansinnen des Herzogs von Cumberland in völliger Übereinstimmung befinden und man wird hiervon an leitender Stelle in Berlin nur mit Genug- thuung Act nehmen. Jedenfalls wird die Kundgebung des welfischen Thron- Prätendenten unzweifelhaft eine Wirkung haben: Sie wird die Entscheidung beschleunigen, da nicht zugelassen werden darf, daß in Braunschweig Zweifel darüber um sich greisen, wem dort zu gehorchen ist.

Der neuernannte chinesische Gesandte am Berliner Hofe, Shutsin-Tehen, ist am Donnerstag Vormittag mit Familie und Gesandt­schafts-Personal in Berlin eingetroffen.

Die in der Agramer Landstube durch die Anhänger des radikalen Abg. Starcevics sortgesetzt hervorgerufenen Scandalscenen haben jetzt endlich zur Ausschließung der Störenfriede von den parlamentarischen Sitzungen ge­führt. Am Freitag wurde den 15 Anhängern des Starcevics wegen Beleidigung der Autorität des Landtages der Eintritt in denselben durch Gensd'armen ver- wehrt und wird somit der Landtag den Rest seiner Arbeiten in Ruhe erledigen können. ,

In England hat Die am vorigen Donnerstag mittelst Thronrede erfolgte Eröffnung der außerordentlichen Herbftsession des Parlamentes der außerparlamentarischen Wahlreform-Agitation ein Ende gemacht. Es war dies allerdings auch die höchste Zeit, denn die Bewegung hatte bereits bedenkliche Dimensionen angenommen; hoffentlich werden sich die Debatten über die Wahl­reform-Vorlage, welche den vornehmsten Gegenstand der Session bildet, in gemäßigteren Grenzen bewegen. Vor dem Zusammentritt des Parlaments hat Gladstone dem Lande eine Ueberraschung durch Veränderungen im Cabinetsrath bereitet, indem der Staatssecretär für Irland, Trevelyan, an Stelle Dodson's

zum Kanzler des Herzogthums Lancaster und der erste Secretär der Admiralität, Mr. Campbell Bannermann, zum Nachfolger Trevelyan's ernannt wurde. Die Abberufung des letzteren von seinem Posten gilt als ein Zugeständniß Glad- stone's an die insche Partei. In beiden Häusern des Parlamentes hat sich an die Thronrede, wie herkömmlich, Die Adreßdebatte geknüpft, welche im Oberhause noch am Donnerstag durch Annahme des Adreß-Entwurses ihr Ende genommen hat. Dagegen nahm die Adreßdebatte im Unterhause einen breiteren Raum ein, da im Laufe derselben Egypten, die Congofrage, das Cap, Transvaal, ja, auch der Zustand der englischen Marine berührt wurden.

Im italienischen Cabinet hat eine kleine Veränderung stattgefunden. Der bisherige Kriegsminister Ferrero hat aus noch unbekannten Gründen demissionirt und ist General Ricotti zu seinem Nachfolger ernannt worden.

Der glänzende Wahlsieg der Liberalen Belgiens hat nun doch den Rücktritt des gesammten Ministeriums Malou nach nur kurzer Thätig- keit zur Folge gehabt. Wie wenigstens dieFrkftr. Ztg." meldet, demissionirte das Cabinet Malou und ist bereits eia neues, aus sehr gemäßigten Liberalen bestehendes Ministerium unter Pirmez gebildet worden. Die Kammern sollen aufgelöst und Neuwahlen ausgeschrieben werden, um den eigentlichen Willen des Landes kennen zu lernen.

Lord Northbrook, der Vertrauensmann Englands bei der egyptischen Regierung, hat seine Aufgabe beendigt und noch in voriger Woche die Rückreise nach Europa angetreten. Es ist noch ziemlich unbekannt, was von ihm, nament­lich in Bezug auf die Finanzsrage, erreicht worden ist und wird man wohl erst in den kommenden Wochen Näheres darüber hören.

Darmstadt, 27. October. Se. Königl. Hoheit der 'Großherzog und Se. Großh. Hoheit der Prinz Heinrich sind gestern Abend 9 Uhr 20 Min., begleitet von dem General-Adjutanten Generalmajor v. Westerweller Excellenz und dem persönlichen Adjutanten Rittmeister Frhrn. v. Schenk zu Schweinsberg aus Braunschweig wieder hier eingetroffen.

Darmstadt, 27. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 6. October den Oberförster der Obersörsterei Ernsthofen Theodor Eckstorm in gleicher Diensteigenschaft in die Oberförsterei Kranichstein zu versetzen.

Die Königlich Portugiesische Regierung hatte vor einiger Zeit die Ab­sicht zu erkennen gegeben, den Bezirk ihres Generalkonsulats in Frankfurt a. M. auf das Großherzogthum Hessen auszudehnen. Nachdem die Großh. Regierung sich hiermit einverstanden erklärt hat, ist die beabsichtigte Maßregel nunmehr in Kraft getreten.

Straßburg i. G., 26. October. Zur Vorfeier der Einweihung Des neuen Universitätsgebäudes brachte die Studentenschaft dem Statthalter GFM. v. Manteuffel, dem Rector Sohm und dem Curator der Universität, Ledderhose, heute Abend einen Fackelzug dar; in dem Zuge befanden sich 1500 Fackelträger und 5 Musik-Corps. Den Schluß der heutigen Feier bildete eine glänzende Beleuchtung des Münsters.

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