srr. 1 Dienstag den 1. Januar 1884
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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T y e i l.
Betreffend: Generalversammlung des landwlrthfchafllichen Bezirksvereins Gietzen.
Bekanntmachung.
Donnerstag de« 3. Januar k. I., Vormittags »'/, Ubr, findet eine Generalversammlung des landwirthschaftliche« DejirksvereinS Gießen zu Hungen im Gasthause zum Solmser Hofe daselbst statt.
Zur einer Zuckerfabrik auf Aetiew^an einem noch zu beßimmenbeu Punkte der Eisenbahn
von Gießen nach Gelnhausen; Referent: Herr Kammerrath Weber von Laubach.
2) Ueber Viehfütterung; Referent Herr Gutsbesitzer Schl enke vom Hardthofe bei Gießen.
3) Ueber das Verbot des Doppeljochs. Schriftliches Referat von Herrn Professor Dr. Pflug m Greßen.
qu dieser Versammlung werden alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirthschast, sowre auch alle Interessenten freundlrchst emgeladen.
Gießen den 27 December 1883. Der Director des landwirthschaftlrchen Bezrrksverems.Greßen.
• . • Rover, Kreis-Assessor.
*--' ~ ' GiVßen, den 31. December 1883.
Das Großherzogliche Rentamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Bezirks.
Die Berichtigung der Ende December 1883 fälligen Grummetgrasgelder der Oberförstereien Gießen und Treis a. d. Lda. hat bis zum 25. ^anuar 1884 — bei Meidunq der Mahnung — zu geschehen, wovon Sie Ihren Gemeinde-Angehörigen in geeigneterWeise Kmntmß geben w
Zum neuen Jahre!
Ein Jahr ist oft nicht viel im Völker- rnib Menschenleben und doch tritt mit dem Zeitpunkte, mit Dem nach unserer Zeitrechnung das alte Jahr verschwindet und ein neues beginnt, ein ernster Moment an uns heran, denn müssen wir uns doch sagen, daß ein einziges Jahr oft schicksalsschwere Entscheidungen für Völker und Staaten und noch mehr für einzelne Menschen bringen kann.
Es gilt daher, an der Schwelle des neuen Jahres sich mit Gedanken der Sammlung und Erhebung zu befassen, die dazu angethan sind, in gleicher Weise gedankenlose Gleichgiltigkeit als mißmuthiges Bangen zu bannen. Richt zu gering sind die Sorgen des Daseins, die Aufgaben für Familie und Staat Zn achten, denn manche schwierige Frage nehmen wir in politischer, wirthschast- licher und socialer Beziehung ungelöst aus dem alten Jahre mit in das neue hinüber und wieviel ein Jeder an seinem eigenen Ich, in seinem Leben und Streben bessern und fördern möchte oder zu fördern hat, wenn wieder ein Jahr beginnt, verläuft sich in unberechenbares Ermessen. Doch trotzdem sei weit von uns jedes bange Verzagen mit seiner fruchtlosen Schwäche fern! Ein Blick aus das verflossene Jahr genügt, um zu beweisen, wie viel Schlimmes die Vorsehung von uns fern gehalten hat und wie viel Erfreuliches wir erleben konnten. Trotz öfterem Kriegsgefchrei lebten wir im Frieden, der gegenwärtig gesicherter als je gilt, trotz manchen Klagen über Landwirthschast, Industrie und Handel blieb nicht nur jede ernste Roth fern, sondern der Wohlstand zeigte sogar manchen Fortschritt und wenn man sich keinem beklagenswerthen Egois« mus oder Pessimismus ergiebt, kann man erhobenen Auges auch getrost vorwärts in das neue Jahr schauen.
Weiß doch auch jeder Erfahrene, — und zu dieser Weisheit kann Arm wie Reich, Hoch wie Niedrig gelangen, — daß die Bedingungen des menschlichen Glückes in seiner eigenen Brust wohnen, dort wo das Gewissen wacht und durch Eifer und Ausdauer jene Harmonie zu finden ist, die uns das Glück wie das Unglück mit Würde ertragen läßt. Wie sprach doch einer der edelsten und größten Menschen, die je gelebt, der Dichter Göthe über die Bedeutung des Glücks und des Unglücks im Menschenleben?!
„Es ist nichts schwerer zu ertragen
„Als eine Reihe von glücklichen Tagen" und „Wer nie sein Brod mit Thränen aß, „Auf seinem Bette weinend saß,
„Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte!"
Unglück wie Glück sind Prüfungen für die Menschen, wo es gilt, in dem ersten sich nicht der Verzweiflung, dem Elende, dem Verbrechen Preis zu geben, und in dem zweiten nicht dem Stolze, der Hoffahrt und Genußsucht zu verfallen, sondern ein Mensch, edel und gut zu bleiben in allen Versuchungen. Dies möge auch für die Gesammtheit, rote für die Einzelnen der Leitstern im rreuen Jahre fein! _____
Aeutschkarrd.
Berlin, 29. December. Se. Maj. der Kaiser conserirte heute mit dem Finanzminister v. Scholz.
— Der „Deutsche Relchs-Anz." veröffentlicht die Ernennung des Directors im Justizministerium, Wirk!. Geh. Oberjustizraths Rebe-Pflugstädt, zum Unter» staatssecretär, sowie des Geh. Oberjustizraths und Vortragenden Rathes im Justizministerium, Droop, zum Director im Justizministerium.
— Die Majestäten empfangen am Neujahrstage, Vormittags 93/a Uhr, die Mitglieder der königlichen Familie zur Gratulation. Nach dem Gottesdienst im Dome bringen sämmtliche Hofchargen, die General-Adjutanten, Generäle ä la suite und Flügel - Adjutanten ihre üblichen Glückwünsche dar; Mittags
erscheint die Generalität, um 12V2 Uhr die anwesenden Fürstlichkeiten, um 1 Uhr die Staatsminister und der Präsident des Ober - Kirchenraches zur Gratulation.
— Der Vicepräsident des Staatsministeriums, v. PuttkaMer, ist heute früh aus Friedrichsruhe zurückgekehrt.
Kesternich.
Pesth, 29. December. Das feierliche Leichenbegängniß des Ministers für Landesverteidigung, Grafen Raday, hat heute unter Theilnahme Der Minister, zahlreicher Mitglieder des Oberhauses und Unterhauses und der Generalität stattgesunden. Der Kaiser ließ sich durch einen General-Adjutanten vertreten. Die militärischen Ehren wurden von Honved-Truppen erwiesen.
Agram, 29. December. Im Landtage wurde von den Grenzdeputirten heute eine Erklärung abgegeben, in welcher sie unter dem Ausdrucke der unerschütterlichen Treue und Loyalität gegenüber dem Staatsoberhaupte die staatsrechtliche Grundlage acceptiren, zugleich aber die Gleichstellung der Grenze mit dem übrigen Lande und die verfassungsmäßige Abänderung der ohne Mitwirkung der Grenzdeputirten geschaffenen und für die Grenze nachtheiligen Gesetze verlangen.
England.
London, 29. December. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus Hai» phong vom 26. d. Mts. gemeldet: Der Gesammtverlust der Franzosen an Todten und Verwundeten bei dem Angriff auf Sontay beträgt 36 Officiere und nahezu 1000 Mann; derjenige der „Schwarz-Flaggen" 6000. Der größere Theil der „Schwarz-Flaggen" hat sich nach Honghoa und Namdinh zurückgezogen.
— Nach einem Telegramm aus Hongkong soll bei der Vertheidrgung SontayS der Oberanführer der „Schwarz-Flaggen", Lian-Fang, schwer ver- mundet und sein Vertreter getödtet worden sein. Der französische Commissar Harmand und Tricon hatten sich nach Hue begeben.
Italien.
Rom, 29. December. Der Papst und Kardinal Jakvbini empfinge» anläßlich des Jahreswechsels heute den bayerischen Gesandten, Frhrn. v. Cetto, sowie die Geschäftsträger Spaniens und Portugals. — Der ehemalige Unterrichtsminister Desanctis ist gestorben.
— Der Kardinal Antonin de Luca, Bischof von Palestrma, Vwekanzler der römischen Kirche und Präsekt der Studien, sowie der apostolischen Kanzlei, ist heute Nacht im 79. Lebensjahre gestorben.
Ko Hand.
Haag, 29. December. Sprenger van Eyk, bisher Mitglied des Rath» für Niederländijch-Jndien, ist zum Minister der Kolonien ernannt worden.
Mußland.
Petersburg, 29. Decbr. Nach dem „Regier.-Anz." hat sich in den letzten Tagen der Gesundheitszustand des Kaisers bedeutend gebeffert, obgleich Se. Majestät noch immer nicht das Palais verläßt. Die Schmerzen in der Schulter sind fast geschwunden, die Geschwulst ist ganz unbedeutend geblieben und der Schlaf ist ein vollkommen ruhiger. Der Kaiser hat während der ganzen Zeit seiner Krankheit nicht aufgehört, die Vorträge der Minister ent- gegenzunehmen. m ...
- Dem Journal „Nuszkaja Mysl" ist dis erste Verwarnung erthe.lt worben.
— Der Abtheilurrgs-Chef in der Kanzlei des hiesigen Stadthauptmanns für Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung, Gensd'armerie-Obsrstlieutenau^


