Ion nie, di- bisher noch in kurzsichtiger UeLerheblich- keit gemeint hatten, die deutsche Warnung vor dem Bolschewismus als reine Propaganda mit leichter Hand abtun zu können. Im zweiten Winterfeldzug an der Ostfront ist das neue Europa geboren worden und es steht bereit, in einer zusammengefaßteu Anstrengung ohnegleichen, Len Waffengang mit Bolschewismus und Plutokratien bis zum Siege Lurch- zustehen.
Der Krieg im Osten wird in den Plänen beider kriegführenden Parteien nach wie vor den Platz einnehmen, den er durch die Stärke der sich hier gegenüberstehenden Heeresmassen und durch den einzigartigen Eharakter dieses Feldzuges beanspruchen muß. Noch liegt ein dichter Schleier über den Absichten der deutschen Führung, die sich durch die offensive Beendigung des Winterfeldzuges die volle Freiheit des Entschlusses gesichert hat. Noch scheint die Phase der Vorbereitungen und Umgruppierungen nicht abgeschlossen au sein. Der Feind sucht sich durch gewaltsame Erkundungen und verstärkte Luftaufklärung Einblick in unsere Absichten zu verschaffen, vielleicht auch günstige Ansatzpunkte für eine eigene Initiative abzutasten. Besonders hindernd für seine Pläne empfindet er den Sperriegel, den deutsche und rumänische Truppen mit dem Kuban-Brückenkopf vor die Straße von Kertsch gelegt haben. Er sieht hier eine gefährliche Bedrohung seiner Südflanke, die er beseitigen möchte, bevor vielleicht an anderer Stelle von ihm Entschlüsse gefordert werden, die Bewegungsfreiheit verlangen. Deshalb hat er feit Ende Februar immer wieder mit massierten Kräften und ohne schwerste Opfer an Menschen und Material zu scheuen, die deutschen und rumänischen Stellungen des Brückenkopfes angegriffen, um ihn einzudrücken und nach dem Durchbruch die Straße von Kertsch zu gewinnen, wodurch sich die Bedrohung der eigenen Südflanke mit einem Schlage in eine Bedrohung der deutschen Südflanke wandeln würde. Das erhellt die außerordentliche strategische Bedeutung dieser erbitterten Kämpfe für die gesamte Ostfront und es ist ein besonderes Ruhmesblatt für die Verteidiger des Kuban-Brückenkopfes, daß sie sich in dem Halbkreis, der sich von den Lagunen des Kuban- Deltas am Asowschen Meer bis zu den zerklüfteten Ausläufern des nordwestlichen Kaukasus südlich der Seefestung ^Noworossijsk erstreckt, in einem von Sümpfen, Seen und zahlreichen Wasserläufen durch. zogenen Gelände gegen einen immer wieder in gewaltiger Ueberzähl anrennenden Gegner in harten Abwehrkämpfen behaupten und mit ihrem tapferen Einsatz eine wichtige Schlüsselstellung der deutschen Ostfront sichern.
Auf gesamtkontinentale Maßstäbe übertragen hatte der Brückenkopf von Tunis eine ähnliche Funktion. Seine Behauptung noch volle sechs Mo- nate hindurch nach der Landung der englisch-nord- amerikanischen Truppen in Marokko und Algier sicherte das afrikanische Vorfeld des Kontinents so lange, bis dieser selbst gerüstet war, den Feind, wo immer er einen Landungsversuch wagen sollte, gebührend zu empfangen. Die geringen deutschen und italienischen Truppenverbände, die hier unter allepschwierigsten Umständen bald ohne wesentlichen Nachschub ganz auf sich allein gestellt und auf immer schmalerem Raum zusammengedrängt, bis zur letzten Patrone und zur letzten Handgranate dem kon- zentrischen Angriffe vielfach überlegener feindlicher Armeen auch dann noch standhielten, als sie vor der von allen Seiten andrängenden Uebermacht aus den günstigen Verteidigungsstellungen des Höhengeländes in die deckungslose Ebene hatten weichen müssen, haben mit diesem tapferen Ausharren, das die Offensivarmeen zweier Weltreiche ein halbes Jahr hindurch band, einen politisch-strategischen Erfolg für die Achse daoongetragen, der erst in das rechte Licht rückt, wenn man ihn in Zusammenhang bringt mit dem lebhaften Meinungsstreit im alliierten Laaer, der dort über die Frage entstanden ist, ob der späte Erfolg des Nord- afvika-Unternehmens im Gesamtkriegsplan der Alliierten gesehen, die ungeheuren Aufwendungen gelohnt habe, die inzwischen dem pazifischen Kriegsschauplatz entzogen worden seien. Die erste Enttäuschung war es gewesen, daß es den Alliierten nicht gelang, die Besetzung der afrikanischen Gegen- füfte in ihrer ganzen Ausdehnung, wenn nicht gar den Angriff auf den europäischen Kontinent selbst, mit der bolschewistischen Gegenoffensive zu Beginn des Winters aleichzufchalten. Und dann hatte das Unternehmen sehr erheblich mehr Kräfte auf weit längere Zeit hin gefesselt als vorgesehen gewesen war, abgesehen von den schweren Einbußen an Tonnage, die der Nachschub über den Atlantik und durch das westliche Mittelmser gekostet hatte und die bei dem chronischen Mangel an Schiffs
raum für die alliierte Kriegführung beträchtlich ins Gewicht fiel.
Diese Feststellungen sollen nicht darüber Hinwegtäuschen, daß nun, da der Feind Herr der ganzen nordafrikanischen Gegenküste geworden ist, die Situation im Mittelmeer eine grundlegende Aende- rung in mancherlei Richtung erfahren hat. Das wider alle Erfahrungsregeln der Kriegskunst trotz fehlender Ueberlegenheit zur See solange verhindert zu haben, wird stets ein Ruhmesblatt deutschen Soldatentums bleiben. Aber nun heißt es, der veränderten Lage füfy ins Auge blicken. Der Feind hat jetzt jene Aufmarschbasis, die er für die Invasion nach Europa erstrebt hat. Er hat auch seinen Nachschubweg durch das Mittelmeer von der ihm sehr peinlichen Einschnürung zumindest gelockert, denn die Straße von Sizilien ist nach der Räumung von Tunis nur noch von einer Seite her als Durch- aang bedroht. Er kann auch den Kampf um die Luftherrschaft von seinen neugewonnenen Stützpunkten aus mit besserer Aussicht auf Erfolg aufnehmen als bisher. Das alles braucht keineswegs verschwiegen zu werden, weil wir uns auf der anderen Seite bewußt find, welch ungeheuren Schwierigkeiten trotz der eben angedeuteten Vorteile jedem feindlichen Landungsunternehmen größeren Stils entgegenstehen müssen, wo auch immer es an den Küsten des europäischen Kontinents, ob in Südfrankreich, in Sardinien, Sizilien oder auf dem Balkan versucht werden sollte. Denn abgesehen davon, daß die Achse das halbe Jahr des ihr durch das heldenmütige Durchstehen der deutschen und italienischen Tunis-Kämpfer errungenen Zeitgewinns nicht ungenutzt hat verstreichen lassen, hat sie für die Konzentration starker Abwehrkräfte von der inneren Linie her den weit kürzeren und sicheren Nachschubweg zu allen bedrohten Punkten, wo sie auch immer sein mögen, während der Sprung über das Mittelmeer für den Feind das Risiko des Kampfes mit unseren U-Booten einschließt und die Erringung der Luftherrschaft voraussetzt. Wie
schlecht es damit bestellt ist, zeigen die täglichen Abschußziffern der deutsch-italienischen Luftabwehr im Mittelmeerraum zur Genüge.
Daß man sich darüber auch im Laster der Alliierten keinen Illusionen hingibt, beweist, daß immer wieder der Zweifel laut wird, ob man nicht über der Forcierung irgendwelcher, in ihren Erfolgs- möglichkeiten durchaus vager Jnvaiionspläne gegen Europa den ostasiatischen Kriegsschauplatz zu sehr vernachlässige und damit Gefahr laufe, den Japanern Zeit zu lassen, ihre in der ersten Phase des Pazifik-Krieges weit gegen Australien und Indien vorgeschobenen Positionen so auszubauen, daß nach einer Niederwerfung Europas eine Offensive zur Rückgewinnung der verlorenen Gebiete in der Süd- see nicht mehr zum Zuge kommen könnte, zumal auch die Erfolge der japanischen Waffen in Mittel- China ein Erlahmen der Widerstandskraft Tschuna- kings deutlich machen, womit nicht nur das erhebliche Menschenrefervoir, über das Tschiangtaischet verfügt und das man in Washington immer in Rechnung gestellt hat, abgeschrieben werden müßte, sondern auch die Stützpunkte ausfielen, von denen aus man am ehesten einen Luftkrieg gegen die ja- janischen Heimatinseln führen könnte. So zeigt die strategische Gesamtkonstellation, mag sie auch Auf den ersten Blick dem Gegner manche augenblicklichen Vorteile zu bieten scheinen, bei näherer Betrachtung und im Zusammenhang gesehen, für ihn ebenso viele Fragezeichen und schwachen Punkte. Ein Grund mehr, dem Abwehrwillen Europas stärkste Impulse zu geben in der Gewißheit, daß der Sieg unser sein wird, denn Leben und Freiheit der Völ- ter des europäischen Kontinents find ein zu kostbares Gut, als daß es sich nicht verlohnen würde, für feine Verteidigung gegen die im Bündnis zwischen Plutokratie und Bolschewismus unter jüdischer Führung zusammengeschlossenen Feinde jeder menschlichen Gesittung das Letzte einzusetzen und das Aeußerste auf sich zu nehmen.
Dr. Fr. W. Lange.
Angriff ans Güdost?
Die Chancen eines Landungsversuchs. - Oer gesamte Raum des östlichen Mittelmeers unter Lustkontrolle der Achse.
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Unter der Ueberschrift „Angriff aus Südost?" untersucht Vizeadmiral Pfeiffer in der „Berliner Börsen-Zeitung" die Chancen, d-ie die Anglo- Amerikaner im Falle des Versuches einer Landung im Südosten Europas hätten. Bei der Ideenarmut im Feindlager sei man, wie auch schon in früheren Fällen, so schreibt Vizeadmiral Pfeiffer, auf die Entwicklung zurückgekommen, die der Welt- krieg bot, als seinerzeit die Alliierten i n Saloniki landeten, von dorther den Widerstand Bulgariens und Oesterreich-Ungarns brachen und schließlich die Entscheidung des Krieges herbeiführten. Heute liege die Versuchung nahe, wieder pn weitgesteckte Ziele im Mittelmeerraum zu denken.
Vizeadmiral Pfeiffer vergleicht dann die Lage im Weltkrieg mit der heutigen Lage in diesem Gebiet, deren bedeutendste Aenderung gegen 1918 in dem Vorhandensein einer modernen Luftwaffe mit Fernwirkung sowie von Seekriegsmit«- teln aller Art i'm Vorfeld der beherrschenden Küstenzonen liegt. Wenn damals lediglich U-Boote und Minen weit in das von den Gegnern beherrschte Seegebiet hätten vorgeschoben werden tonnen, so sei heute praktisch der gesamte Raum des östlichen Mittelmeeres in das Küstenvorfeldgebiet der Achsenmächte einbezogen, dank der Beherrschung des Balkans und Griechenlands, durch die Flanbenftellung Italiens mit Albanien und dem Dodekanes und durch den Belitz Kretas. Das gesamte Becken des östlichen Mittelmeeres ist, wie
Vizeadmiral Pfeiffer feststellt, von den Flugstützpunkten der vorgenannten Küsten in allen Richtungen zu überbrücken und unter Luftkontrolle zu halten, da in keinem Falle eine grö- ßere Luftstrecke für Hin- und Rückflug als je 666 km zurückzulegen ist.
Heute, so fährt der Vizeadmiral fort, müßte jeder Angriff, wenn er Erfolg haben sollte, angesichts der zu erwartenden Abwehr der Küsten Verteidigung der Achsenmächte mit starken Kräften durchgeführt werden, die einen um so größeren N ach- schub erfordern, wenn die Landung in einem Gebiet erfolgen würde, das zur Versorgung eines modernen Heeres wenig ober gar nichts bietet. Nach dem Hinweis darauf, daß eine Landung an der griechischen ober Balkan-Küste in hohem Maße nachschubbedingt ist, stellt Vizeadmiral Pfeiffer fest, daß auf allen Nachschubwegen der Nachschub auch den U-Booten vor die Rohre läuft Dazu bieten das Jnselgewirr des Aegäischen Meeres und die reichyegliedertsn Küsten Griechenlands und der Chalcidice viele gute Schlupfwinkel und Stützpunkte für U-Boote, Schnellboote, Minenleger, U-Boot-Jäger usw. Alle Liest Umstände, so schließt der Admiral, verstärken im hohen Maße die abstoßende Wirkung der Küsten Griechenlands und des Balkans gegen ein Angriffsunternehmen und verleihen ihnen eine gegen den Weltkrieg erheblich erhöhte Defensivkraft.
Schwere Abwehrkämpse am Man-Müenkopf
Berlin, 28. Mai. (iLNB.) In den Schluchten an der Ostfront des Kuban-Brückenkopfes standen unsere Truppen weiterhin in harten Abwehrkämpfen. Die Bolschewisten hatten nicht verhindern können, daß unsere Truppen große Teile der alten Hauptkampflinie zurückgewannen. Vom frühen Morgen an griffen dann die Bolschewisten jeweils etwa in Regimentsstärke und mit 10 bis 15 Panzern fortgesetzt an. Obwohl gleichzeitig Tiefangriffe von 30 bis 40 feindlichen Schlachtflugzeugen keine Minute abrissen, konnten sich die Sowjets gegen den Wider
stand unserer Grenadiere und Jäger nicht durchsetzen. Darauf faßte der Feind noch einmal 40 bis 50 Panzer und etwa eine Schützendivision zusammen und berannte mit diesen Kräften einige Höhenstel- lungen. Auch dieser schwere Angriff brach nach Abschuß von sechs feindlichen Panzern unter hohen Verlusten für die Sowjets zusammen. Jagdflieger schossen von neuem 39 Sowjetflugzeuge ab. Außer tausenden Toten haben die zweitägigen Abwehrkämpfe dem Feind bisher rund neunzig Flugzeuge gekostet.
Das Risiko eines Landungsversuches.
General Rodolfo C o r s e l l i, ein italienische» Militärschriftsteller, der früher das Blatt der ttali^ nischen Wehrmacht leitete, untersucht in einem AufH satz die Chancen einer feindlichen Landung auf dein europäischen Festland unter besonderer Bcrücksicht gung eines solchen Anschlags auf Italien uni) feine Inseln. Er glaubt, daß ein solcher Landungstz versuch an irgendeiner Stelle unternommen werden wird, allein schon, um dem Bündnis mit den Boi* schewisten neuen Auftrjeb zu geben. Im Novemdeys 1942 hätten die Engländer und Amerikaner zue Landung von 140 000 Mann an der schlecht obetf gar nicht verteidigten Küste von Französisch-Noriä afrifa 800 Schiffe mit mindestens zwei Millionen B R T. gebraucht und dabei die empfindlichsten Verluste cinftetfen müssen. General Corstlli nimmt an, daß der Feind bei einer San« düng in Europa mindestens 500 000 bis 600 000 Mann "befördern und dafür acht Millionen BRT. einsetzen müsse, wenn er ein mit Panzern, Geschützen aller Kaliber und großen Munition^ mengen ausgestattetes Expeditionsheer landen wolle. Dazu komme noch die ständige Versorgung eines so großen Heeres, wobei er zum Vergleich an führt, daß allein die britische 8. Armee in Nbrd- afvika einen täglichen Nachschubbedarf von 2500 Tonnen hatte. Der Ausbildungsstand und die Tapferkeit der Verteidigung lasse aber erwarte^ daß jeder solche Versuch zu einem aiganti? scheu „Stepp e" führen werde. Daß sich darübev auch verantwortlich denkende Engländer Klarhett gäben, beweise der „Observer", der am 14. März schrieb: „Eine Landung auf dem europäischen Fest-t land stellt das schwierigste je von einem Heetz durchgeführte Unternehmen dar."
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Die mehrwöchigen Angriffsvorbereitungen betf Bolschewisten gegen den KubanBrückenkopf erstreck^ ten sich neben dem Ostabschnitt auch auf da «k Lagunengebiet an der Küste des Asowschen Meeres. Brandenburgische Grenadiere stießen borj Überraschend in die feindlichen Aufmarschbewegungcj hinein, die auf eine Umfassung unserer Nord flanke hinzielten. In drei Stoßgruppen gegliedert, nähmest sie im ersten Anlauf den vordersten Graben unh rieben die Besatzung im Nahkampf auf. Dem meii teren Vordringen setzten Wasser, Sümpfe und Schilf« flächen große Schwierigkeiten entgegen. Dennoch ar« beiteten sich die Grenadiere an die sowjetischen SteH lungen heran und nahmen trotz erbitterten Widers standes Stützpunkt um Stützpunkt. Nach zweitägiges harten Kämpfen in Sumpf und Morast vereinigten sich die drei Stoßgruppen, stürmten eine weiters Sperrstellung und richteten dort einen eigenen vorr geschobenen Stützpunkt ein.
Der Wehrmachtbericht.
DNV. Aus demFührerhauptquartiekL 28. Mai. Das Oberkommando der wehrmachl gibt bekannt:
An der Ostfront des Kuban-Brücken^ ko pfes fetzte der Feind gestern'die von Panzer^ und Fliegerverbänden unterstützten Angriffe den ganzen Tag über fort. Nach schweren, wechselvotteiz Kämpfen, in die unsere Lustwaffe mit starken Kräften entscheidend eingriff, wurden die Sowjets! blutig zurückgeschlagen.
Au der übrigen Ostfront herrschte bis auf er^ folgreiche eigene Späh- und Stoßtrupptätigkeit Ruhe.
Einige leichte britische Bombenflugzeuge flogen am gestrigen Abend unter dem Schuh der Wolfen* decke in das Reichsgebiet ein und warfen auf einige Orte Sprengbomben. Drei Flugzeuge wurden abgeschossen.
3n der vergangenen Nacht griff die britische £uff< waffe westdeutsches Gebiet an. Besonders in Essen entstand in Wohnvierteln und an zwei Kranken* Häusern durch Spreng- und Brandbomben größeretz Schaden. Die Bevölkerung hatte Verluste. Nacht* jäger und Flakartillerie der Luftwaffe vernichte* ten nach vorläufigen Meldungen 24 feindlich«! Bomber.
Schwere Kampfflugzeuge bombardierten dia Häfen von Bizerta und Sousse und erzielten Treffer auf Schiffen und Kaianlagen.
Wns und Ljmz Kirch
rrovtlle von Meodor Norm
(Schluß.)
— — Es ging schon in den Vormittag, als Frau Lina, da sie unten in die Stube trat, das Frühstück ihres Vaters unberührt fand; als sie dann in dis Schlafkammer ging, lag er noch in feinem Bette; er konnte nicht aufftehen, denn ein Schlaganfall hatte ihn getroffen, freilich nur an der einen Seite und ohne ihn am Sprechen zu behindern. Er verlangte nach feinem alten Arzte, und die Tochter lief selbst nach dem Hause des Juftizrats und stand bald wieder zugleich mit diesem an des Vaters Lager.
Es war nicht gar so schlimm, es würde wohl so vorübergehen, lautete dessen Ausspruch. Aber Hans Kirch hörte kaum darauf; mehr als bei feiner Krankheit waren feine Gedanken bei den Vorgängen der verflossenen Nacht: Heinz hatte sich gemeldet, Heinz war tot, und der Tote hatte alle Rechte, die er noch eben dem Lebenden nicht mehr hatte zugestehen wollen.
Als Frau Lina es ihm ausreden wollte, berief er sich eifrig auf den Justizrat, der ja seit Jahr und Tag in manches Seemannshaus gekommen sei.
Der Justizrat suchte zu beschwichtigen: „Freilich", fügte er hinzu, „wir Aerzte kennen Zustände, wo die Träume selbst am Hellen Werktag das Gehirn verlassen und dem Menschen leibhaftig in die Augen schauen."
Hans Kirch warf verdießlich seinen Kopf herum: „Das ist mir zu gelehrt, Doktor; wie war's denn damals mit dem Sohn des alten Rickerts?"
Der Arzte faßte den Puls des Kranken. „Es trifft, es trifft auch nicht", sagte er bedächtig; „das war der ältere Sohn; der jüngere, der sich auch gemeldet haben sollte, fährt noch heute seines Vaters Schiff."
Hans Kirch schwieg; er wußte es doch besser als alle andern, was weit von hier in dieser Nacht geschehen war. »
*
Wie der Arzt es vorher gesagt hatte, so geschah etz. Nach einigen Wochen, konnte der KrwM öas.
Bett und allmählich auch das Zimmer, ja sogar das Haus verlassen; nur bedurfte er bann, csteich seiner Schwester, eines Krückstockes, den er bisher verschmäht hatte. Don seinem früheren Jähzorn schien meist nur eine weinerliche Ungeduld zurückgeblieben; wenn es ihn aber einmal wie vordem überkam, dann brach er hinterher erschöpft zusammen.
Als es Sommer wurde, verlangte er aus der Stadt hinaus, und ftrau Lina begleitete ihn mehrmals auf döm hohen Uferwege um die Bucht, von wo er nicht nur die Inseln, sondern ostwärts auch auf das freie Wasser sehen konnte. Da das Ufer an mehreren Stellen tief und steil gegen den Strand hinabfällt, so wagte man ihn hier nicht allein zu lassen und gab ihm zu andern Malen, wenn die Tochter keine Zeit hatte, einen der Arbeiter oder sonst eine andere sichere Person zur Seite.
--Auf den Sommer war der Herbst gefolgt, und es war um die Zeit, da Heinzens kurze Einkehr in das Elternhaus zum zweitenmal sich jährte. Hans Kirch faß auf einem sandigen Vorsprunge des steilen Ufers und ließ die Nachmittagssonne seinen weißen Kopf bescheinen, während er die Hande vor sich auf seinen Stock gefaltet hielt und seine Augen über die glatte See hinausstarrten. Neben chrn stand ein Weib, anscheinend in gleicher Teilnahmslosigkeit, welche den Hut des alten Mannes in der herabhängenden Hand hielt. Sie mochte kaum vierzig Jahre zählen; aber nur ein schärferes Auge hätte in diesem Antlitz die Spuren einer früh zerstörten Anmut finden können. Sie schien nichts davon zu hören, was der alte Schiffer, ohne sich zu rühren, vor sich hinsprach; es war auch nur ein Flüstern, als ob er es nur den leeren Lüften anvertraue; allmählich aber wurde es lauter: „Heinz, Heinz!" rief er. „Wo ist Heinz Kirch geblieben?" Dann wieder bewegte er langsam seinen Kopf: „Es ist auch einerlei, denn es kennt ihn (einer mehr."
Da seufzte das Weib an seiner Seite, daß er sich wandte und zu ihr auffckh. Als sie das blasse Gesicht zu ihm nieberbcugte, suchte er ihre Hand zu fassen: „Nein, nein, Wieb, du — du kanntest ihn; dafür" und er nickte vertraulich zu ihr auf — ,Hleibst du auch bei mir, so lang' ich lebe; und auch nachher — ich habe in meinem Testament das fest- gemacht; es ist nur gut, daß dein Taugenichts von Mann sich tot getrunken."
Als sie nicht antwortete, wandte er seinen Kopf wieder ab, und seine Augen folgten einer Möve, die vom Sttande über das Wasser hinausflog. „Und dort", begann er wieder, und seine (Stimme klang jetzt ganz munter, während er mit seinem Krückstock nach dem Warder zeigte, „da hat er damals dich hinausgefahren? Und dann schalten sie vom Schiff herüber?" — Und als sie schweigend zu ihm hinabnickte, lachte er leise vor sich hin. Aber bald verfiel er wieder in fein Selbstgespräch, während seine Augen vor ihm in die große Leere starrten. „Nur in der Ewigkeit, Heinz! Nur in der Ewigkeit!" rief er, in plötzliches Weinen ausbrechend, und streckte zitternd beide Arme nach dem Himmel.
Aber seine laut gesprochenen Worte erhielten diesmal eine Antwort. „Was haben wir Menschen mit der Ewigkeit zu schaffen?" sprach eine heisere Stimme neben ihm. Es war ein her<wgekommener Tischler, den sie in der Stadt den „Sozialdemokraten" nannten; er glaubte ein Loch in feinem Christenglauben entdeckt zu haben und pflegte nun nach Art geringer Menschen gegen andere damit zu trotzen.
Mit einer raschen Bewegung, die weit über die Kraft des gebrochenen Mannes hinauszugehen schien, hatte Hans Kirch sich zu dem Sprechenden gewandt, der mit verschränkten Armen stehenblieb. „Du kennst mich wohl nicht, Jürgen Hans?" rief er, während der ganze arme Leib ihm zitterte. „Ich bin Hans Kirch, der seinen Sohn verstoßen hat, zweimal! Hörst du es, Jürgen Hans? Zweimal hab' ich meinen Heinz verstoßen, und darum hab' ich mit der Ewigkeit zu schaffen!"
Der andere war dicht an ihn herangetreten. „Das tut mir leid, Herr Kirch", sagte er und wog ihm ttocken jedes seiner Worte zu; „die Ewigkeit ist in den Köpfen alter Weiber!"
Ein fieberhafter Blitz fuhr aus den Augen des greifen Mannes. „Hund!" schrie er, und ein Schlag des Krückstockes pfiff jäh am Kopf des anderen vorüber.
Der Tischer sprang zur Seite, dann stieß er ein Hohngelächter aus und schlenderte den Weg zur Stadt hinab.
Aber die Kraft des alten Mannes war erschöpft; der Stock entfiel feiner Hand und rollte vor ihm den,
Hang hinunter, und er wäre selber nachgestürztt wenn nicht das Weid sich rasch gebückt und ihn iii ihren Armen aufgefangen hätte.
Neben ihm kniend, sanft und unbeweglich, hielt fiq das weiße Haupt an ihrer Brust gebettet, denn HanH Kirch war eingeschlafen. — Das Abendrot legte sich über das Meer, ein leichter Wind hatte sich en hoben, und drunten rauschten die Wellen lauter an den Strand. Noch immer beharrte sie in ihrer uns bequemen Stellung; erst als schon die Sterne schien nen, schlug er die Augen zu ihr auf: „Er ist tot", sagte er, „ich weiß es jetzt gewiß, aber — in beq Ewigkeit, da will ich meinen Heinz schon wieder^ kennen."
„Ja", sagte sie leife, Jn der Ewigkeit."
Vorsichtig von ihr gestützt, erhob er sich, und als sie seinen Arm um ihren Hals und ihren Arm ihm um die Hüfte gelegt hatte, gingen sie langsam nach der Stadt zurück. Je weiter sie kamen, desto schwerer wurde ihre Last; mitunter mußten sie stille stehen, bann blickte Hans Kirch nach den Sternen, die ihm einst so manche Herbstnacht an Bord seiner flinken! Jackt geschienen hatten, und sagte: „Es geht schon wieder", und sie gingen langsam weiter. Aber nicht nur von den Sternen, auch aus den blauen Augen des armen Weibes leuchtete ein milder Sttahl; nicht jener mehr, der einst in einer Frühlingsnacht eirt wildes Knabenhaupt an ihre junge Brust gerissen hatte, aber ein Strahl jener allbarmherzigen Frauen-. Hebe, die allen Trost des Lebens in sich schließt.
*
Noch während der nächsten Jahre, meist an stillest Nachmittagen und wenn die Sonne sich zum Untergänge neigte, konnte man Hans Kirch mit seiner steten Begleiterin auf dem Uferwege sehen; zur Zeit des Herbstäquinoktiums mar er selbst beim Nordoststurm nicht daheim zu hqlten. Dann hat man ihn! auf dem Friedhof seiner Vaterstadt zur Seite seine« stillen Frau begraben.
Das von ihm begründete Geschäft liegt tn dest besten Händen; man spricht schon von dem „reichen^ Christian Martens, und Hans Adams Tochtermann! wird der Stadtrat nicht entgehen; auch e'm Erbe ist längst geboren und läuft schon mit dem Ranzen ist die Rektorschule; — wo aber ist Heinz Kirch blieben?.


