Ausgabe 
26.5.1943
 
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und gerichtet wurde, als stünde die Batterie auf genommen, und ich höre noch Leutnant Schlag- dem Exerzierplatz. eter im auffpritzenden Dreck der feindlichen Gra-

entfchlagen

nach acht-

Anläßlich der Schlageter-Gedenk- feier am heutigen Mittwochnachmittag um 15.30 Uhr auf dem Gleiberg schildert in den nachstehenden Zeilen ein Angehöriger der ehemaligen Batterie Schlageter im ersten Weltkrieg, der jetzt in Geils- Hausen (Kreis Gießen) als Bauer lebt, seine Fronterlebnisse mit dem Zugführer und späteren Batterieführer Leutnant Al­bert Leo Schlageter.

So erinnere ich mich an den Durchbruchs-oersuch der Engländer in der Flandern-Schlacht, an den 7. Juni 1917. Wir hatten bis um 6 Uhr in Alarm­bereitschaft im Quartier gelegen, als endlich die er­lösende Meldung zum Abmarsch in die Bereitstel­lung gegeben wurde, wo wir bis nachmittags um 3 Uhr liegen blieben. Dann ging es weiter über die Lys durch fanst hügeliges Gelände bis zu einer Pappelallee, auf der wir weiter zu marschieren hat­ten, als wir mit einemmal vom Feind erkannt wur­den. Sofort wurde die Allee unter starkes Artillerie­feuer genommen. Kurz entschlossen gab Schlageter seine Befehle, und seinem Zuge weit voraus preschte er in tollem Galopp wieder ohne Helm mit flatterndem Haar über die Pappelallee. Seine Ge­schütze folgten in wildem Karracho, um dann bei einer Ferme in Stellung zu gehen. Kurz gerichtet, wurde die feindliche Artillerie sofort unter Beschuß

Der Mann, der hier eines Abends jähriger Verschollenheit unvermutet in

Mit Leutnant Schlageter am Feind

Erinnerungen eines Kameraden aus der Batterie Schlageter.

Sein SchauspielHerzen im Sturm", in einer Nacht und in einem Zimmer eines Hauses in Zagreb sich abspielend, wird nur von zwei Personen be­stritten wir haben dergleichen bei Schön­herr erlebt: es ist ein Heimkehrerdrama, ein kaum unterbrochener Dialog zwischen Mann und Frau, eine Familienkatastrophe, der mit südländischem Temperament dem tödlichen Ende zugetriebene Zu­sammenbruch einer Ehe, ein Trauerspiel der mono­manischen Eifersucht, des mangelnden Vertrauens und der erloschenen Liebe. Obwohl Begovic selbst auf gewisse südländische Wesenselemente seiner Fi­guren hinweist, wird sich der deutsche Hörer man­cher Erinnerungen an die skandinavische Dramatik, insbesondere ay Strindberg, nicht können.

. . . , , __________ ... sein Haus

und zu seiner Frau heimkehrt, ist ein Gelehrter, der, im Begriffe, eine Expeditionsreise anzutreten, in Moskau während seiner Hochzeitsnacht der Spionage bezichtigt, von seiner Frau getrennt und ins Gefängnis geworfen wurde, und dem nach lan­ger Leidenszeit in Sibirien und in der Mongolei eine abenteuerliche Flucht gelang. Aber er wird der Heimkehr nicht froh, er quält die Frau, die sich vor Glück nicht zu fassen weiß, mit grundlosen Verdäch­tigungen und maßloser Eifersucht, obwohl sie, eine kroatische Penelope, getreulich auf ihn gewartet und alle Anträge abgewiesen hat. Die Frau beschwört ihn mit aller Kraft ihres unverbrauchten Gefühls vergebens, er kann sich von den eingebildeten Schat­ten der Vergangenheit nicht befreien: er ist ein Mo-

Theater der Llmversttätsstadt Gießen

Milan Begovic: -Herzen im Sturm".

Kunst und Wissenschaft.

Hochfchulnachrichlen.

o &räfLbent ?er »Deutschen Gesellschaft für 3atnv aRuni). und Kieserheiltunds", Praftssor Dr med Dr.med dent. h. c. Hermann Euler, voll^ Ä' 6u L^ensjahr. 1878 in Karlsberg (Jxb«npfa(ip geboren, studierte er in Erlangen, Hei- öelberg und re iburg und promovierte 1902 in Er- langen. 3n Heidelbe^ habilitierte er sich 1907

Professor in Erlangen. 1921 erfolgte Alers Berufung nach Güttingen als Ordi- 1924 die Berufung nach Breslau. In Baden-Baden starb der em. Ordinarius für Psychia- tne und Neuropathologie an der Universität Frei- bürg Professor A. Hoche. Er wurde 1865 in Wil- benhalN geboren und studierte in Berlin und Hei- velberg. 1888 promovierte er in Heidelberg 1891 Mihherte er sich in Straßburg für Psychiatrie, 1899 wurde er dort Extraordinarius, 1902 o Pro­zessor ln Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritie- rung 193a wirkte In über 30jähriger Tätigkeit als Theoretiker und Praktiker hat er sich einen bedeu- »enden Ruf erworben.

chiedensten Orten und Aemtern in den Dienst der Gemeinschaft brachten. Er war u. a. von 1910 bis 1913 Präsidialmitalied und juristischer Beisitzer des Präsidiums des Elsaß-Lothringischen Krieger-Lan- desverbandes in Straßburg im Elsaß, von 1919 bis 1924 richterliches Mitglied der Reichs-Disziplmar- kammer für die Provinzen Sachsen und Thüringen in Erfurt, in dieser Stadt von 1922 bis 1926 auch ordentlicher Vorsitzender der Spruchkammer für Ostschäden und Kommissar des Reichs-Cntschädi- gungsamtes für Kriegsschäden; ferner gehörte er in verschiedenen Garnisonorten den Kriegervereinen bzw. Offiziers-Vereinigungen an, ebenso unterhielt er immer enge kameradschaftliche Beziehungen mit den alten 116em, besonders auch nach seiner Rück­kehr nach Gießen im Juli 1927. Die gleiche enge Kameradschaft pflegte er als alter Gießener Stu­dent mit seiner LandsmannschaftDarmstadtia" und deren Nachfolgerin, der KameradschaftRitter von Rompf".

In weiten Kreisen der Gießener Bevölkerung, vor allem auch bei den alten 116ern und in der Altherrenschaft der KameradschaftRitter von Rompf" wirb dem Jubilar große Wertschätzung ent­gegengebracht. Dem alten Herrn gelten unsere herz­lichen Wünsche zu seinem heutigen 80. Geburtstage und für einen weiteren schönen Lebensabend.

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deckt, mit deren Abdou bereits b°g°n°nlE-7rde""° *

. 4500 Menschen haben fluchtartig die Stadt Kairo im UisA.^taate Illinois verlassen müssen nach­dem em über 8 Kilometer langer Deich am Wolfsee von den Hochwasserfluten weggerissen worden war ^!^o liegt am Einfluß des Ohio in den Missjssivvi

Mississippi jetzt einen Wasser- ter errEiMben höchsten StU

nomane seines irregeleiteten Gefühls; fein Verhalten (das den Zuhörer auf eine harte Probe stellt) er­fährt eine gewisse Begründung, wenn man hört, daß schon fern Vater wegen unheilbarer Trunksucht ins Irrenhaus gebracht werden mußte. Als er end­lich merkwürdigerweise durch das briefliche Zeugnis seines inzwischen verstorbenen Schwieger­vaters von der Haltlosigkeit seiner Beschuldigungen überzeugt die Worte findet, auf die sie beim Wiedersehen gewartet hatte, da ist ihr so lange be­wahrtes Gefichl für ihn erloschen, ins Gegenteil ver-> kchrt, in Haß und Verachtung, und als er mit roher Gewalt auf seinem Eherecht bestehen will, schießt sie ihn nieder.

*

Ein uraltes, immer wieder aktuelles Motiv, das an sich unserer menschlichen Anteilnahme gewiß sein darf, aber es wird unserem Empfinden, das eine andere, natürlichere, minder unerfreuliche Lösung bereit hält, angesichts der psychologischen Ueber- hitzung dieser kroatischen Version nicht leicht gemacht, sich damit abzufinden. Die Spielleitung des Herrn Zeppenfeld bemühte sich redlich, dem südländi­schen Gast den Boden zu bereiten und die Mono­tonie des auf zwei Partner angewiesenen Dialoges nicht allein theatralisch aufzulockern, sondern auch von innen her zu interifioieren. (Wir würden auf die naturalistischen Windstöße ruhig verzichten, zumal das Telephon schon ausgiebige Nebengeräusche ver­mittelt.) '

Die Darstellung war gut und lebendig und tat auch ihrerseits das Mögliche, dem Stück Gehör und Verständnis zu verschaffen. Friedl Gollmann hatte sich mit spürbarer Beteiligung in das Wesen und die Seelenverfassung der jungen Giga ein gelebt und fand vor allem für die engelsgeduldige, sanfte, nachgiebig beruhigende und ausgleichende Fraulich­keit dieser Gestalt sympathisch überzeugenden Aus­druck. Herr Fun ke spielte den Mann, den Heimkehrer Marko, mit einer wilden, heftigen, bös­artig und verletzend ausbrechenden Besessenheit ver­irrten Gefühls, mit deutlichen Zügen einer schon krankhaften Leidenschaft, der man die zuletzt jäh umschlagende Stimmung kaum noch zu glauben ver­mag.

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Die Besucher, stellenweise recht unruhig, stellen­weise auch überraschend erheitert, spendeten zum Schluß anhaltenden Beifall. Hans Thyriot.

Kurz vor Vollendung seines 85. Lebensjahres starb der seit 1923 im Ruhestand lebende lang- Mrrge Observator und Abteilungsoorsteher am Geodätischen Institut in Potsdam, Geheimer Re- gierungsrat Prof. Dr. Andreas Galle. 1858 in Breslau geboren, studierte er in Göttingen, Berlin und Breslau und promovierte 1883 in Breslau 1900 habilitierte er sich an der TH. Charlotten- burg und wurde dort 1902 Professor. Gleich seinem Vater, Johann Gottfried Galle, dem berühmten Entdecker des Planeten Neptun, widmete er sich astronomischen Studien, insbesondere der rechnen­den Astronomie. Er schrieb auch ein Lehrbuch der Geodäsie. Mit liebevollem Eifer ging er auch dem Wirken von C. F. Gauß als Geodät nach. Die Leopoldina in Halle, die Astronomische Gesellschaft und die Gesellschaft für Erdkunde zählten ihn zu ihrem Mitglied.

Uraufführung von Velhgeskopernikus" in Frankfurt.

Das letzte der drei Dramen Friedrich B e t h g e s, die er alsPreußische Rebellion" zusammenfaßt, ist das MysteriumK o p er n i ku s". Ihm waren Heinrich von Plauen" undAnnke von Skoepen" vorangegangen, die den Kampf des Deutschen Ritter­ordens um den Osten behandeln. In Kopernikus regt sich ein anderes Preußen: das des großen Forschers, der nur dem eigenen Erkennen folgt und sich von keiner kirchlichen Institution bezichtigen läßt, wenn seine Erkenntnis das Rechte gefunden zu haben glaubt, denn auch er verteidigt hier ein Reich, und eines, das ohne Grenzen ist. Die sechs Szenen sind jede sozusagen ein kleines Drama für sich, doch sind alle zumPreußentum der Gesinnung" zusam- mengehalten. Das setzte sich in der gestalterischen Disziplin Hans Meißners, der Regie führte, auch in der Darstellung machtvoll durch. Die fast vier­stündige Aufführung hielt die Zuschauer im Frank­furter Schauspielhause bis zur letzten Szene in ihrem Bann. Ludwig Beil.

Das dreiaktige Schauspiel von Milan Begovic gestattet einen nicht uninteressanten Einblick in die literarischen Bemühungen eines Volkes, das gegen­wärtig auf Grund seiner politischen Haltung und seiner militärischen Leistung im Kampfe gegen den Bolschewismus die deutsche Oeffentlichkeit intensiver beschäftigt, als das vor dem Kriege der Fall war. Begovic, 1876 geboren, ist Dalmatiner, studierte in Wien, kämpfte im Weltkriege auf unserer Seite als Offizier, wurde später Professor an der Schauspiel­schule in Zagreb, ist heute Mitglied des kroatischen Dichterkreises und hat sich durch Uebersetzung deut­scher Klassiker um die Verständigung und den gei­stigen Austausch zwischen befreundeten Nationen verdient gemacht.

Ein junger, schneidiger Offizier wurde 1916 in Frankreich zu unserer 5. Batterie der Batterie Ettinger im Feldartillerie-Reaiment 76 versetzt und wurde mein neuer Zugführer: Leutnant Schlageter! Keiner von uns ich selbst war damals Geschützführer vermutete zunächst in dem ruhigen, sicheren Offizier diesen begeisternden, un­heimlichen Draufgänger, wie wir ihn später in so manchem Gefecht kennenlernten, der das Wort Angst so völlig aus seinem Gedankengut gesttichen zu haben schien, als habe er es nie gehört oder emp­funden; der uns durch seine Art so mitriß, daß wir keine Gefahren mehr kannten, denn wenn er seinem Zuge und später nachdem Leutnant Ettinger ge­fallen war feiner Batterie voranritt, kannte keiner einen anderen Gedanken, als ihm dichtauf zu folgen. Kaum sah ich ihn jemals selbst unter heftigstem Feindbeschuß seinen Stahlhelm auf­setzen, und wenn er mit seiner Feldmütze oder meist auch barhäuptig neben den Geschützen stand, dann strahlte er trotz der ringsum einschlagenden Gra­naten eine solche Ruhe auf uns aus, daß geladen

Und so war es immer! Ich entsinne mich eines Morgens, als wir im Angriff eine englische Stel­lung genommen hatten und unser Abschnitt plötz­lich mit starkem feindlichen Artilleriebeschuß belegt wurde. Ich sprang sofort mit meinen Leuten in den verlassenen englischen Graden und rief auch meinem Zugführer zu, hier in Deckung zu gehen. Der aber rief nur zurück:Ach, wissen Sie H., wenn's einen haschen sott, dann ist es auch gleich, ob hier oder da!" Diese Worte waren charakteristisch für seine Einstellung >u dem Begriff Schicksal, cha- rakteristisch für sein Gottoertrauen.Wenn's einen treffen soll, dann triffts ja doch, ob hier oder da, und darum: drauf und dran!"

Avs der Siadi Gieße«.

Da« Herz auf dem rechten Fleck.

Das läßt sich doch jeder gern sagen, daß er das Aekz auf dem rechten Fleck habe. Nur der kleine Schulbub gestern in der Straßenbahn kriegte dabei erst rote Ohren, dann guckte er unmißverständlich erzürnt im Kreise umher, wo er aber nur lachenden Mienen begegnete. Und es kam noch besser, denn nun behauptete ein Mann mit vergnügtem Schmun- 3eht, daß dieser Junge sogar zwei Herzen auf ein­mal am rechten Fleck hätte. Aber da griff ein altes Mütterchen helfend ein, denn dem Jungen standen schon die Tränen verdächtig blank in den AugemFein hat das deine Mutter gemacht, mein 3unge", sagte die Frau,darauf müßte sie wirk­lich einen Preis bekommen!" Der Kleine sah erst "och ein wenig unsicher drein, dann warf er den Hopf stolz in den Nacken, er fühlte sich nicht mehr ausgelacht.

Und wo saßen denn nun die zwei Herzen, die er auf dem rechten Fleck haben sollte? Auf den beiden Ellenbogen seiner hübschen Strickweste, die wahrscheinlich ohne diesen Schutz längst durchge­wetzt sein würden. So aber waren da keine häßliche flicken, sondern je ein allerliebstes Herz zu sehen erfinderische Idee einer liebevoll sorgenden Mutter.

G. K-H.

Kriegsgerichtsrat i. 2R. Bramm 80 Jahre alt.

21m heutigen Mittwoch, 26. Mai, wird der Kriegs- gerichtsrat i. R. Friedrich Bramm in Gießen in geijtiger und körperlicher Frische 80 Jahre alt. Der Jubilar ist geborener Gießener, ein Neffe des frühe­ren Gießener Bürgermeisters Bramm.

Nach dem Besuch der Realschule und des Gymna­siums zu Gießen von 1869 bis 1885 studierte Fried­rich Bramm an der Universität Gießen Kameral­und Rechtswissenschaft. Im November 1889 bestand er das Fakultätsexamen. Dann war er zu seiner weiteren Ausbildung in Gießen und in Butzbach tätig. Im April 1892 bestand er in Darmstadt das Staatsexamen, dann erfolgte feine Ernennung zum Gerichtsassessor. Als Einjährig-Freiwilliger diente er im altert Gießener JR^ 116, bei dem er auch Re­serveoffizier wurde. Im Juli 1893 wurde er als Gerichtsassessor in den Militärjustizdienst übernom­men, in dem er im Laufe der Jahre eine Reihe von Dienststellungen m Darmstadt, Glatz, Kassel, Frei­burg L Br., Thorn, Bromberg, Straßburg im Elsaß, Saarburg und Erfurt bekleidete, bis er im August 1914 mit ins Feld rückte. Den Weltkrieg machte er von Anfang August 1914 bis Mitte Dezember 1918 zum Teil als Feldkriegsgerichtsrat bzw. in der Stel­lung eines Feld-Oberkriegsgerichtsrats, zum Teil als Hauptmann unb Kompaniechef bzw. als Bataillons­führer mit. Nach dem Kriege war er wiederum als Kriegsgerichtsrat in Erfurt bis Ende Dezember 1920 tätig. Dann trat er in den Wartestand über und wurde schließlich im August 1928 in den Ruhe- tand versetzt.

Neben seiner dienstlichen Tätigkeit widmete Kriegsgerichtsrat Bramm seine Arbeitskraft und ein Wissen noch einer Reihe von ehrenamtlichen pflichten, die ihn von 1910 bis 1926 in den ver-

HM Heinz Mch

Novelle von Meodoc Storm

15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Es war eine rauhe Männerstimme, die diese Worte rief und jetzt verstummte, als habe sie allen Odem an sie hingegeben.

Und doch, über das verblühte Antlitz des Weibes flog es wie ein Rosenschimmer, und während zu­gleich die Gläser klirrend auf den Boden fielen, ent­stieg ein Aufschrei ihrer Brust, wer hätte sagen mögen, ob es Leid, ob Freude war.Heinz!" rief sie, Heinz, ini bist es; o sie sagten, du seist es nicht."

Ein finftres Lächeln zuckte um den Mund des Mannes:Ja, Wieb; ich wußt's wohl schon vor­her; ich hätte nicht mehr kommen sollen. Auch dich das alles war ja längst vorbei ich wollte dich nicht Wiedersehen, nichts von dir hören, Wieb; ich biß die Zähne aufeinander, wenn dein Name nur darüber wollte. Aber gestern abend es war wieder einmal Jahrmarkt drüben wie als Junge hab' ich mir ein Boot gestohlen; ich mußte, es ging nicht anders; vor jeder Bude, auf allen Tanzböden hab' ich dich gesucht; ich war ein Narr, ich dachte, die alte Möddersch lebe noch; o süße, kleine Wieb, ich dacht' wohl nur an dich; ich wußte selbst nicht, was ich dachte!" Seine Stimme bebte, seine Arme streckten sich weit geöffnet ihr entgegen.

Aber sie warf sich nicht hinein; nur ihre Augen blickten traurig auf ihn hin:O Heinz!' rief fie,ou bist ei! Aber ich, ich bins nicht mehr! Du bist zu spät gekommen, Heinz!" ,

Da riß er sie an sich und fieß sie wieder los und streckte beide Arme hoch empor:Ja, Wieb, das sind auch nicht mehr die unschuldigen Hande, womit ich damals dir die roten Aepfel stahl; by Jove, das schleißt, so siebzehn Jahre unter diesem Volk!

Sie war neben dem Herde auf die Kme gesunken: Heinz", murmelte sie,o Heinz; die alte Zeit!

Wie verlegen stand er neben ihr; dann aber buckle er sich und ergriff die eine ihrer Hande, und sie duldete es still. r,

Wieb", sagte er leise,wir wollen sehen, daß wir uns wiederfinden, du und ich!"

Sie sagte nichts; aber er fühlte eine Bewegung ihrer Hand, als ob fie schmerzlich in der seinen zucke.

Don der Schenkstube her erscholl ein wüstes Durch­einander; Gläser klirrten, mitunter dröhnte ein Faustschlag.Kleine Wieb", flüsterte er wieder, wollen wir weit von all den bösen Menschen fort?"

Sie hatte den Kops auf den steinernen Herd sinken lassen und stöhnte schmerzlich. Da wurden schlur­fende Schrite in dem Gange hörbar, und als Heinz sich wandte, stand ein Betrunkener in der Tür; es war derselbe Mensch mit dem schlaffen, gemeinen Antlitz, den er vorhin unter den andern Schiffern bemerkt hatte. Er hielt sich an dem Türpfosten, und seine Augen schienen, ohne zu sehen, in dem dämmerigen Raum umherzustarren. ,Wo bleibt der Grog?" stammelte er.Sechs neue Gläser. Der rote Jakob flucht nach seinem Grog!"

Der Trunkene hatte sich wieder entfernt; sie hörten die Tür der Schenkstube hinter ihm zufallen.

Wer war das?" frug Heinz.

Wieb erhob sich mühsam.Mein Mann", sagte sie;er fährt als Matrose auf England; ich diene bei meinem Stiefvater hier als Schenkmagd."

Heinz sagte nichts darauf; aber feine Hand fuhr nach der bchaarten Brust, und es war, als ob er gewaltsam etwas von seinem Nacken reiße.Siehst du", sagte er tonlos und hielt einen kleinen Ring empor, von dem die Enden einer zerrissenen Schnur herabhingen,da ist auch noch das Kinderspiel! Wär's Gold gewesen, er wär' so lang' wohl nicht bei mir geblieben. Aber auch sonst ich weiß nicht, war's um dich? Es war wohl nur ein Aber­glaube, weil's doch noch das letzte Stück von Hause war."

Wieb stand ihm gegenüber, und er sah, wie ihre Lippen sich bewegten.

Was sagst du?" frug er.

Aber sie antwortete nichts; es war nur, als flehten ihre Augen um Erbarmen. Dann wandte sie sich und machte sich daran, wie es ihr befohlen war, den heißen Trank zu mischen. Nur einmal stockte sie in ihrer Arbeit, als ein ferner Metall­klang auf dem steinernen Fußboden ihr Ohr-ge­troffen hatte. Aber sie wußte es, sie brauchte nicht erst umzusehen, was sollte er denn jetzt noch mit dem Ringe!

Heinz hatte sich auf einen hölzernen Stuhl gesetzt und sah schweigend zu ihr hinüber; sie hatte das

Feuer geschürzt, und die Flammen lohten und warfen über beide einen roten Schein. Als sie fort gegangen war, saß er noch da; endlich sprang er auf und trat in den Gang, der nach der Schenkstube führte.Ein Glas Grog; aber ein festes!" rief er, als Wieb ihm von dorther aus der Tür entgegenkam; dann setzte er sich wieder allein an seinen Tisch. Bald darauf kam Wieb und stellte das Glas vor ihm hin, und noch einmal sah er zu ihr auf;Wieb, kleines Wieb- chen!" murmelte er, als sie fortgegangen war; dann trank er, und als das Glas leer war, rief er nach einem neuen, und als sie es schweigend brachte, ließ er es, ohne aufzusehen, vor sich hinstellen.

Arn andern Tische lärmten fie und kümmerten sich nicht mehr um den einsamen Gast; eine Stunde der Nacht schlug nach der andern, ein Glas nach dem andern trank er; nur wie durch einen Nebel sah er mitunter bas arme, schöne Antlitz des ihm ver­lorenen Weibes, bis er endlich dennoch nach den andern fortging und dann spät am Vormittag mit wüstem Kops in seinem Bett erwachte.

*

In der Kirchschen Familie war es schon kein Ge­heimnis mehr, in welchem Hause Heinz diesmal seine Nacht verbracht hatte. Das Mittagsmahl war, wie am gestrigen Tage, schweigend eingenommen; jetzt am Nachmittage saß Hans Kirch in seinem Kontor und rechnete. Zwar lag unter den Schiffen im Hafen auch das feine, und die Kohlen, die es von England-gebracht hatte, wurden heut gelöscht, wobei Hans Adam niemals sonst zu fehlen pflegte; aber diesmal hatte er feinen Tochter mann geschickt; er hatte Wichtigeres zu tun: er rechnete, er sum­mierte und subtrahierte, er wollte wissen, was ihn dieser Sohn, den er sich so unbedacht zurückgeholt hatte, ober wenn es nicht fein Sohn war dieser Mensch noch kosten dürfe. Mit rascher Hand tauchte er seine Feder ein und schrieb seine Zahlen nieder; Sohn ober nicht, das stand ihm fest, es mußte jetzt ein Ende haben. Aber fteilich und seine Feder stockte einen Augenblick um weniges würde er ja schwerlich gehen; und wenn es den­noch Heinz wäre, den Sohn durfte er mit wenigem nicht gehen heißen. Er hatte.sogar daran gedacht, ihm ein für allemal das Pflichtteil seines Erbes aus­zuzahlen; aber die gerichtliche Quittung, wie war die zu beschaffen? denn sicher mußte es doch ge­macht werben, damit er nicht noch einmal wieder-

kornme. Er warf die Feder hin, und der Laut, der an den Zähnen ihm verstummte, klang beinahe wie ein Lachen: es war ja aber nicht fein Heinz! Der Justizrat, der verstand es doch; und der alte Heinrich Jakobs trug seinen Anker noch mit seinen achtzig Jahren!

Hans Kirch streckte die Hand nach einer neben ihm liegenden Ledertasche aus; langsam öffnete er sie und nahm eine Anzahl Kassenscheine von geringem Werte aus derselben. Nachdem er fie vor sich ausgebrertet und bann einen Teil und nach einigem Zögern noch einen Teil davon in die Ledertasche zurückgelegt hatte, steckte er die übrigen in ein bereit gehaltenes Kuvert; er hatte genau die mäßige Summe abge­wogen.

Er war nun fertig; aber noch immer saß er da, mit herabhängendem Unterkiefer, die müßigen Hände an den Tisch geklammert. Plötzlich fuhr er auf, seine grauen Augen öffneten sich weit: ,^Hans! Hans!" hatte es gerufen; hier im leeren Zimmer, wo, wie er jetzt bemerkte, schon die Dämmerung in allen Win­keln lag. Aber er besann sich; nur seine eigenen Gedanken waren über ihn gekommen; es war nicht jetzt, es war schon viele Jahre her, daß ihn diese Stimme so gerufen hatte. Und dennoch, als ob er widerwillig einem außer sich Gehorsam leiste, öffne­ten seine Hände noch einmal die Ledertasche und nahmen zögernd eine Anzahl großer Kassenscheine aus derselben. Aber mit jedem einzelnen, den Hans Adam jetzt der vorher bemessenen kleinen Summe zugesellte, stieg fein Groll gegen den, der dafür, Heimat und Vaterhaus an ihn verkaufen sollte; denn was zum Ausbau lang gehegter Lebenspläne hatte dienen sollen, das mußte er jetzt hinwerfen, nur um die letzten Trümmer davon wegzuräumen.

--Als Heinz etwa eine Stunde später, von einem Gange durch die Stadt zurückkehrend, die Treppe nach dem Oberhaäs hinaufging, trat gleiche zeitig Hans Warn unten aus feiner Zimmertür und folgte ihm fo hastig, daß beide fast miteinander in des Sohnes Kammer traten. Die Magd, welche oben auf dem Vorplatz arbeitete, ließ bald beide Hände ruhen; sie wußte es ja wohl, daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in der Ordnung war, und drinnen hinter der geschlossenen Tür schien es jetzt zu einem heftigen Gespräch zu kommen.

(Fortsetzung folgt.)