Oer Heldenkampf im Gperriegel Tunesien.
Gegen ost fünfzigfache Uebermacht bis zur letzten Patrone. — Oie geballte Mstungskrast Englands und -er USA. gegen die deutsch-italienischen Verteidiger.
DNB....... 12. Mai. (PK.) In diesen Tagen,
nach der erzwungenen Preisgabe von Bizerta unter einem übermächtigen feindlichen Druck, dem sich die Verteidiger in und außerhalb der Festung bis zur letzten Patrone widersetzten, und der nach einem blutigen Straßen- und Häuserkampf erfolgten Räumung der tunesifchen Haupt- st a d t, sichen die alten Afrika-Kämpfer der Rom- melschen Armee und die nun auch schon in allen Höhen und Tiefen des afrikanischen Feldzuges erfahrenen Soldaten der einst nach Tunesien übergeführten anderen deutschen Einheiten im letzten, erbitterten Abwehrkampf auf der Halbinsel Bon und in den Gebirgszügen rings um Zaghouan.
Noch immer ist der gleiche Geist, der sie einst vor Tobruk unter Sonnenglut, unter Durst und unmenschlichen Leiden der Ruhr auf den glatten Flächen gegen die Erdwerke der Tommies anstürmen ließ, schier hoffnungslos unter dem prasselnden Hagel der Granaten, unablässig tackenden MGs. und den Bombenteppichen der feindlichen Geschwader, in ihnen lebendig. Keiner denkt an die Verteidiger des Halfoya-Passes unter Major Bach, und doch handeln sie so, als ob sie selbst jetzt dort lägen und eine staunende Welt ihrem Heldenmut Beifall zollen würde. Ohne diesen Geist, der ersten Tobruk- kämpfer, ohne den Heldenmut der Verteidiger von Halfaya, der Kämpfer von Sidi Rezegh, wäre das Wunder nicht möglich gewesen, gegen einen an Zahl immer mehr überlegen werdenden Feind sechs Monate zu halten und erst dann sich zu ergeben, wenn die letzte Patrone, die letzte Granate ihre Pflicht erfüllt hat.
Heute verzehrt sich jede Einheit, die noch kämpfen kann, in dem Wunsche, den Gegner so hart und unerbittlich zu treffen, wie er nur zu treffen ist und ihm die restlose Besetzung des einst in kühnem Sprunge eroberten Sperriegels so teuer erkauft wie nur möglich zu machen. Heute, wo sich der Kampf allmählich seinem Ende entgegenneigt, denken sie im Anbranden der Tiefflieger und Bombengeschwader, der unablässig zu neuen Angriffen sich formierenden Panzerwellen, die eine Flut von frischen Jnsanterieeinheiten in ihrem Gefolge haben, oft an die ersten Lage ihrer Landung auf tunesischem Boden. Stand damals nicht der Feind schon 18 Kilometer mit seinen Panzern vor Tunis? Fetzten damals nicht Panzerkanonen der Engländer auf den Flugplatz Djedeida auf allzu kühn gelandete Stukas? Schien es nicht Wahnwitz, mit einem Häuflein Männer und leichter Waffen diese große Stadt gegen den von allen Seiten andrängenden Feind zu halten? Und war es nicht wie ein Witz fast, daß der Ausgang von Tunis nach Westen von einer einzig en Pak gesichert wurde? Alles, was in jenen ersten Tagen unternommen wurde, trug den Stempel einer unerhörten soldatischen Kühnheit auf der Stirn. Aber jeder fühlte, es muß geschafft werden, die Romme l s ch e Armee, die einem übermächtigen Druck vor Mamein gewichen war und nach anfänglichen Verlusten bei dem englischen Durchbruch jetzt geschlossen und genial weiter nach Westen zurückgeführt wurde, durfte nicht zwischen zwei Fronten zerrieben werden. Es galt, Tunis zu halten, den Bereich des Sperrgürtels zu erweitern und jeden Tag der Behauptung als einen Gewinn zu buchen, der Rommel und auch der Verstärkung der Abwehr in Südeuropa zugute kommen mußte.
In jenen Tagen wurde in der Umgebung des Generalobersten von Arnim, des Verteidigers des Sperriegels Tunesien, bis zur letzten Möglichkeit des Widerstandes, das Wort geprägt von den kleinen O f f e n s i v e n, um die große Defensive, die eines Tages herankommen mußte, zu ermöglichen und in ihrer zeitlichen Dauer zu unterbauen. Jeder, auch der einfachste Soldat wußte und empfand es an den feindlichen Angriffen, daß der Gegner mit der ganzen Ballung seiner nur auf diesen einen, beschränkten Kriegsschauplatz konzentrierten Kraft zum Schlag gegen die Achsenmächte ausholen würde. Aber noch gehörte in den Tagen des Dezember, Januar und Februar die Initiative des Kampfes restlos den deutschen Truppen unter Generaloberst von Arnim. Als der Feind
Von Kriegsberichter Lutz Koch.
nach Erkennen seiner Chancen versuchte, die erste Schlappe der täuschenden Ueberraschung durch schnelles Zuschlägen auszubügeln, stieß er auf eine Wwehr, die ihn nicht nur, wie z. B. bei Te-- bourba, kläglich zusammenschlug, sondern chn von den gewonnenen Stellungen weit in das Hintergelände zurückwarf. So weitete sich in jenen glückhaften Tagen der Raum um die Hauptstadt, und aus der schmalen, ewig von Tieffliegern und Bombern belagerten Nabelschnur, die Über Sousse, Sfax und Gabes zur zu- rückweichenden Rommelschen Armee führte, wurde allmählich in stetigem Vorboxen bis zur Gewinnung der ersten Gebirgspässe in nvrdsüdlicher Richtung ein breiter, ausbaufähiger Streifen, der sich hindernd gegen jeglichen feindlichen Handstreich zwischen die Ausläufer des südlichen Atlas uni) die Küste legte.
Noch in diesen schweren Stunden der Abwehr klingen uns die Panzergefechte von Fondouk el Okhbi im Ohr, das Vorpreschen unserer Einheiten von Pont du Fahs gegen Bou Arada und Oussel- tia. Immer waren es Siege gegen eine große Uebermacht, weil der kämpferische Schwung bei unseren Soldaten alles ersetzte, was sich ihnen damals noch in einer nicht übersteigerten Zahl cm Batterien und Panzern entgegenstellte. Dann schien es im März endlich so weit zu sein. Division auf Division, Panzerabteilung auf Panzerabteilung, Flugzeuggeschwader auf Flugzeuggeschwader hatten Engländer und Amerikaner herangeholt, um mit der Uebermacht des Materials im modernen Krieg, der von schweren Waffen, Panzern und Flugzeugen in erster Linie getragen wird, die Entscheidung herbeizuführen, die er früher bei auch damals schon vorhandener numerischer Ueber-
legenheit einfach wegen des schlechteren Kämpfer- und Führertums seiner Soldaten und Offiziere mcht hätte erreichen können. Nun, nachdem die 8. eng, lische Armee unter Montgomery an die Mare th° Stellung herangekommen war, glaubte man die Stunde gekommen. Und doch, wie schwer hatten sich die allmählich einer Vereinigung ihrer Fronten zueilenden Gegner geirrt. Nochmals blieb den Deutschen und Italienern die unfaßbare Kraft, die Bereitstellung der 1. a m e r i k a n i s ch e n Armee bei Sbeithla zu zerschlagen und in einem Siegeszug, der an beste afrikanische Tradition anknüpfte, Hunderte von Panzern, Paks, gepanzerten Mannschaststransportwagen abzuschießen und Tausende von Amerikanern und Gaullisten als Gefangene einzubringen. Nochmals waren vier Wochen gerettet, nochmals mußte der Gegner zu« rück. Kühn wie in den besten Zeiten des Wüstem krieges stießen unsere leichten und schnellen Ein- hetten in das Gebiet der südlichen Oasen um das Schott Djerid, den großen Salzsee, vor und schweiften über die von Tausenden von Dattel« Palmen bewachsenen Oasen Gcrfsa, El Hamma, To- zeur und Nefta biszuralgerischen Grenze und einzelne Späher bis tief auf algerisches Gebiet hinüber. Es war ein unfaßbarer Triumph, daß das alles gegeneineweitüberlegeneFeind, zahl möglich wurde. Daran denken in den letzten Stunden der Abwehr die Afrikakämpfer voll Freude und ohne Schmerz, es dann haben aufgeben zu müssen, weil sie das unmöglich Scheinende vom Firmament herabgehoU hatten. Sie verstanden auch damals schon, daß sie eiserner Rammbock und Sperrt egel zwischen sich vereinigenden Armeen, die zum tödlichen Schlag in schnellster Frist entschlossen waren, zu fein hatten.
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ieberum ewiges deutsches Soldatentum.
Was Montgomery auf dem Wege von Ala- mein bis Tripolis immer wieder erträumt hatte, die Kesselung der Deutschen, wie sie ihm Rommel in zwei Jahren Afrikakriea mehr als einmal oorexerzierte und was chm doch nie wegen der Feldherrnkunst des Marschalls gelang, sollte nun im Do p p e l s ch l a g der von Süden und Westen anrückenden Kanonen, Flugzeuge und Panzer bei einer verschwenderischen Ausstattung mit Munition endlich gelingen. So kam es später, als man in die Gabes-Stellung zurückgegangen war, zu dem Doppelangrisf von M a k n a s s y nach M a h a r e s und von dem einst im Januar spielend genommenen Dondouk in Richtung Ka irouan- Sousse. Mußte die englisch-amerikanische Rechnung bei solcher Uebersülle an Material und Menschen, bei solchen unerhörten Munitionsausstattungen nicht endlich einmal aufgehen? Mußte nicht endlich die große Kesselung uno damit die schnelle Beendigung des tunesischen Krieges gelingen? Wenn es sich nur um menschliches Ermessen gedreht hätte, wenn es verteidigende Amerikaner, Engländer oder Gaullisten gewesen wären, wahrscheinlich kein Gott hätte die Deutschen und die mit ihnen kämpfenden Jtaliener'vor diesem Schicksal gerettet. Jetzt aber erstanden sie wieder, die Kämpfer der steinigen, staubigen, von Sandstürmen zerrütteten Erde von Tobruk, die Helden vom Halfaya-Paß. Jetzt erwies sich wiederum ewiges deutsches Soldatentum.
80 Deutsche gegen eine amerikanische Panzerdivision.
An einem Paß ist. es einer von Rommels allen ®e treuen, ein blutjunger Major, Medicus, Führer des Kampfstaffel des Marschalls, der sich mit hundert Mann, ein paar Packgeschützen und einer Handvoll Maschinengewehre dem hundertfach überlegenen Feind entgegenwirft, sich in dem felsigen Paßgelände festbeißt, elf Angriffe, denen ein Unwetter von Stahl und Eisen der über- mächtigen feindlichen Artillerie vorausgeht, stand- hält und erst abrückt, nachdem die Divisionen aus dem Süden der Gabes-Stellung sich nordwärts, jenseits jeder nur möglichen feindlichen Umklammerung, abgesetzt haben. In den Reihen dieser Kampf
staffel, die am letzten Kampftag auf 80 Soldaten herabgesunken war und dennoch einer ganzen amerikanischen Panzerdivision mit unterstützenden schweren Waffen Widerstand geleistet hatte, vollbrachte Oberleutnant B. mit seinem Kompanietrupp, der bald zum Re- ferveeingrerf trupp geworden war, bei feindlichen Einbrüchen, die nicht immer zu vermeiden waren, mit seinen Getteuen wahre Heldentaten. Diese Männer am Paß von Maknassy hatten die weiter im Süden unter schweren Kämpfen sich ab- setzenden alten Rommelschen Divisionen gerettet Beide, Major Medicus und Oberleutnant Brenner, erhielten das Ritterkreuz.
Wenige Tage später wiederholt sich unter ähn« liehen Vorzeichen an der oft genannten Enge von Fondouk gleiches Heldentum. Hier ist es Oberstleutnant Fullriede, der mit seiner Kampfgruppe immer wieder den Paß mit Löwenmut verteidigt und den Amerikanern jedes Austreten in die Ebene nach Kairouan und nach Sousse hin unmöglich macht. Sie weicht vor keiner artille- risttschen Ueberlegenheit, macht jeden Panzereinbruch jedes Ueberwalzen einer Einheit im Gegenstoß zunichte ipib verharrt so lange, bis auch die letzten Einheiten der Gefahr einer Kesselung durch den Doppelstoß Mahares-Fondouk entgangen sind. Auch Oberstleutnant Fullriede erhäll für feinen Heldenmut und die beispielhaften Taten seiner Männer das Ritterkreuz.
Das ist der Geist, der die kämpfende Truppe unter schwerster Belastung durch die ewig an- greifenden Tiefflieger bei Tage und den sich auf Leuchtsallschirmen stützenden Bombenhagel bei Nacht beseelt. Diese Truppe kann man mit Hekatomben an Material allmählich Niederwalzen, aber sie weicht nur Fußbreit um Fußbreit, und jeder Kilometer muß mit Strömen von Blut des Gegners erkämpft werden.
Dann stehen sie endlich in der E n vi d a vi lle- Stellung, und schon geht der Tanz in den letzten Tages des April von neuem los. Wieder brüllen Dutzende von Batterien auf, wieder fliegen 4 0 0, 500 und mehr Tiefflieger unsere Stellungen an. Aber sie halten und neben gefegent liehen Einbrüchen holl sich der Feind nur schwerste blutige Verluste.
Dann gruppiert er um und beginnt in den letz«
über, wie sie m den Worten des „Staatsmannes" Erzberger zum Ausdruck kam, als in Weimar über die Annahme des Versailler Schandverttages verhandelt wurde und das deutsche Volk um sein Schicksal bangte und fieberte: „Wenn man mir unter Vorhaltung eines Revolvers ein Stück Papier zur Unterzeichnung oorlegt, wonach ich mich verpflichte, binnen 48 Stunden auf den Mond zu klettern, so werde ich, um mein Leben zu retten, als denkender Mensch unterschreiben."
Gewiß, der soldatische Geist verheißt keine idyllische Glückseligkeit, sondern verlangt ernste und eiserne Zucht. Sie ist aber nicht gleichzufetzen mit Unterwürfigkeit, Kadavergehorsam oder dumpfem Muckertum; denn das Prinzip von Potsdam läßt jedem in entschiedener Toleranz den Bezirk seiner geiftigen Existenz, wenn er damit in Harmonie mit den Erfordernissen der Nation bleibt. Der letzte. und höchste Einsatz aber wird gefordert für etwas, was höher und ewiger ist als wir selbst: für das Leben des deutschen Volkes. Reich werden wir im Erlebnis der Ehre, die von selbstloser Tat im Dienste des Ganzen ausgeht. Mühen und Sorgen, Gewinn und Sieg tragen und erleben wir gemeinsam; wir wissen, daß das Leben immer recht hat, das Leben, das sich ständig bemüht, neue Lagen zu schaffen, neue Gegner erstehen zu lassen, neue Prüfungen aufzuerlegen, aber auch neue Wege in die Zukunft zu brechen.
Unvergänglich aber sind in diesem Sinne die Taten unserer Soldaten, deren Heldentum seinen erhabensten Ausdruck in dem Namen Stalin-- grad fand, indem sie mit Blut und Leben den Wall im Osten auch in diesem Winter gegen die ungeheure Uebermacht der Horden der Steppe hiellen. Opfer wurden von ihnen gebracht, von denen wir in der Heimat uns kaum eine Vorstellung machen können. Und darum gilt es heute erst recht, daß jeder Kämpfer mit Recht erwarten darf, „daß ihn die Heimat, wenn er verwundet ober krank wird, auf das beste pflegt und betreut".
Darum führt die Heimat auch hn Kampmchr 1943 das Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz durch, um mit den bei den Straßen- und Haussammlungen eingehenden Mitteln all die Einrichtungen erstellen und all die Maßnahmen ergreifen zu können, die unseren Soldaten zu Lande, zu Wasser und in der Luft dienen und Ausdruck des tiefen Dankes der Heimat gegenüber dem durch nichts zu überbietenden Heroismus der kämpfenden Front find.
Pflichttreue, Disziplin und Kameradschaft — dieses Dreigestirn des Geistes der Front wie der Heimat leuchtet als strahlendes Fanal über der Gemeinschaft aller Deutschen, die mit noch nie erlebter Gefolgschaftstreue ihrem Führer auch in die Forderungen des totalen Kriegs einsatze s folgt und darüber wacht, daß die dunklen Mächte der Unehre und des Unglaubens, die uns 1918 in das Derberben stürzten, nie mehr Macht über uns gewinnen.
Als Sozialisten der Tat, verschworen in Treue zu Front und Heimat, spenden wir für unsere verwundeten und kranken Helden in der freudigen Gewißheit und dem heiligen Glauben, daß wir auch damit unseren Kindern und Kindeskindern die Dore öffnen helfen zu einer neuen stolzen deutschen Zukunft.
Dank für die Anteilnahme am Tode Viktor Luhe«.
Berlin, 12. Mai. (DNB.) Der Tod des Stabs, chefs Viktor Lutze hat allenthalben, auch im Auslände, herzliche Anteilnahme ausgelöst, die in Beileidsbezeugungen und Blumensträußen ihren Ausdruck fanden. Alle, die in diesen Tagen ihre Verehrung für den Stabschef über das Grab hinaus bekundeten, werben gebeten, auf diesem Wege den Dank für ihre Anteilnahme entgegenzunehmen.
Churchill bei Roosevelt.
Berlin, 12. Mai. (DNB.) Ministerpräsident Churchill ist, einer Reutermelbung zufolge, in Washington eingetroffen. Dort hat sich Churchill zum fünften Male zum Befehlsempfang zu Roosevelt begeben.
Weitere 20 jüdische Terroristen verhaftet.
Sofia, 12, Mai. (DNB.) Auf Grund der Aussagen des jüdischen Terroristen Menachem P a p p o, der am Montag den Mordanschlag auf einen Techniker verübte, wurden weitere 20 jüdische Terroristen verhaftet. Es konnten ferner zahlreiche Schlupfwinkel der jüdisch-bolschewistischen Banditen entdeckt werden.
Oer Dichter Paul Ernst.
Zum 10. Todestage am 13. Mai.
Am 13. Mai sind es zehn Jahre, feit der Dichter Paul Ernst starb. Er starb gerade, als fein Name Geltung gewann, als die Zeit erfüllte, was fein Werk ersehnt, da „Glück und Unglück nicht Ziel und Zweck des Lebens", sondern, wie er es einmal aus» sprach, „nur mit dem Lebensvorgang notwendig verbundene Erscheinungen" sind, die „mit dem Leben nichts zu tun haben", es aber darauf wieder ankam, „Werte zu erblicken, die unser Herz brennen machen". — Gerade als die Nation ihre große Zeitwende erlebte, war Werk und Leben Paul Ernsts erfüllt, dessen prophettsche Erscheinung früher nur die wenigsten gewahr geworden waren. Zwar kannte man seinen „Bork", seine „Brun- hilde", feine „Kassandra", in der das stolze Wort steht: „Wahrheit ist, was einer tragen kann." Und bis zu einem gewissen Grade „berühmt" war sein „Kai serbuch" geworben. Das Riesenepos hatte sicher nicht mehr Leser damals als seinerzeit Klopstocks „Messias" ober Sä übler 5 „Nordlicht". Dabei war in den tausenden Versen der drei dicken Bände dec wenn auch vielleicht nicht endgültig gelöste, so doch schon als dichterisches Wagnis übermältigenbe literarische Beginn einer neuen Zeitsicht —, und zwar unmittelbar aus dem Bewußtsein des Volkstums entstanden, dem Paul Ernst sich zugehörig fühlte, aus dem Sachsentum, dem alten Sassentum .zwischen Weser und Elbe mit dem Randgebirge des Harzes und der Sagenhöhe des Kyffhäusers.
Paul Ernst hatte vorher zwei Heimattomane von Heller Landschaftsschönheit geschaffen, in denen doch das Geschichttiche schon das ganze Heimatbereich mit Kriegern und Bauern, mit Kampf und Unruhe erfüllte. Fern aller Heimattdyllik an sich, leuchten dennoch die Berge und Landschaften des Harzes in diesen Romanen, die „Der Schatz im Morgenbrotstal" und „Das Glück von Lauben- thal" heißen. Aber das eigentliche ,Heimatbuch", das Buch, mit dem Paul Ernst dem Volk „mit der größten und tragischsten Geschichte", dem deutschen, zugleich die ins Dichterisch erhobene Geschichte schenken wollte, hatte schon in der Anlage weit größeres
Ausmaß. Wohl begann Paul Ernst dieses Werk in der Vergangenheit seiner engeren Heimat. Da wo er wurzelte, war auch der beste und sicherste Grund für das Gedeihen des deutschen Kaiserepos. Aus Heimat und Sage ließ er die frühe Entwicklung der Sachsenkaiser lebendig werden. Darüber wuchs der Stamm der Geschlechter, breitete sich das Geäst und die vielzweigige, manchmal fast undurchdringliche und doch immer wieder majestätische Krone der Sachsenkaiser, der Domerbauer, der Staufen. — Kernig klingt der Gesang, Wort für Wort unter dem wissenden Gesetz:
„Verstehe, deutsches Volk, was Gott gewollt.
Er setzte jedem Wesen seinen Feind."
Aber Paul Ernsts „Kaiserbuch" — man hatte den Dichter bereits unter „Neuklassik" zu rubrizieren begonnen — hat nicht nur aus sich Bedeutung für die Zeit. Es ist ein merkwürdiges ober eigentlich nur ein noch nicht durchschautes Gesetz, daß jede Zeit ihre Blickrichtung mehrfach vorausdeuten läßt. Es ist jedenfalls symptomatisch, daß um dieselbe Zeit wie Paul Ernsts Kaiserbuch auch die Wiedererkenntnis der romantischen, staufischen Baukunst, der steinernen Zeugen der Kaiserzeit, des „ersten Reiches" (vor allem durch die Arbeiten des Kunsthistorikers Wilhelm Pinder) in das Volksbewußtsein zurückgerufen wurde.
In dieser Hinsicht bestätigt sich schon am äußeren Beispiel, vom Motivlichen her sozusagen, die Sendung des Dichters Paul Ernst für unsere Zeit. Mehr noch erfährt man es — und da mag man nun feine theoretischen und Kampfschriften oder seine Dramen, seine „Kassandra", fein „Canossa" ober welches immer zur Hand nehmen — aus der geistigen Haltung, aus dem unerbittlich strengen Auftrag, dem er sein ganzes Schaffen zwischen Heimat und Antike, zwischen dem Harzgebirge und den späten steiermärkischen Bergen seiner letzten Lebenszeit, unterwarf, der Forderung „in einem Kunstwerk durch rein künstlerische Mittel als die allein tauglichen eine Richtung zum Schönen, Edlen zu stärken, nicht Subjekttves auszudrücken, sondern Objektives zu wirken" und dadurch „mitzuhelfen am inneren Wiederaufbau unseres Volkes."
Rudolf Adrian Dietrich.
Von der Darstellung der menschlichen Gefühle.
Helmut Käutner und der Film.
Als vor vielen Jahren ein junger Student der Theaterwissenschaft in München die „Bier Nachrichter" auf die Beine stellte — und auf was für Beine! —, als diese schließlich vom „Simplizissimus" aus ihren Siegeszug durch Deutschland antraten, da glaubte wohl kaum jemand, daß dieser junge Student, namens Helmut Käutner, einmal im deutschen Filnischaffen eine besondere Rolle spielen würde. Er spielt sie nicht als Schauspieler — wenigstens nicht als Schauspieler allein. Zwar beweist sein Lebensweg, daß das, was er damals als Student so erfolgreich begann, nicht nur der übermütigen Laune schäumender Lebensfreude (ober auch der dringenden Not eines stets teeren Stu- bentenbeutete), sondern wahrhaft echter, komödian- rischer Wesensart entsprang, denn der junge Käutner fand bald den Weg vom Kabarett zum Theater und blieb ihm, feit seinem ersten Engagement in Leipzig bis heute treu. Er gehört jetzt zum Ensemble der Berliner Staatstheater und spielt eben jetzt dort eine entzückende Rolle in „Vagabunden".
Don hier aus fand Helmut Käutner auch seinen Weg zum Film. Seine ersten Drehbücher, die er bereits in Leipzig begann, „Salonwagen E 417", „Stimme aus dem Aether", „Marghuerite durch 3", „Schneider Wibbel" entstanden noch nicht unter seiner eigenen Regie, aber ein merkwürdiges Zusammentreffen fügte es, daß sie von Schauspielern herausgebracht wurden, die zum ersten Male Regie führten (Verhoeven, Paulsen, Lingen, de Kowa).
Der Jdealzustand aber wirb, wie Helmut Käutner selbst bestätigt, erst dann erreicht, wenn der Autor bas Drehbuch auch selbst verfilmen kann, weil erst das alle Voraussetzungen für ein geschlossenes Kunstwerk gibt Käutner — man möchte ihn als den fchauspielerischen Regisseur bezeichnen — sieht die wesentliche Aufgabe des Films darin, Atmosphäre zu schaffen. Im Gegensatz zum Theater, dessen gestalterische Gesetzmäßig
keit vom Wort, von der Dichtung ausgeht, liegt die entscheidende Wirkung des Films weder in der Handlung noch im Wort. Der Film will in erster Linie Gefühle sichtbar machen. Darum ist auch für Käutner als Regisseur das, was auf der rechten Seite des Drehbuchs steht — der Eingeweihte weiß, daß hier die Dialoge ausgezeichnet werden — am unwesentlichsten» Es kommt chm nicht darauf an, die Entwicklung des Menschen durch Worte klar zu machen, sondern der Zuschauer soll sie erleben. Das heißt nun nicht, daß der Film aus den Dichter verzichten kann. Nur müßte ihm, wie Helmut Käutner meint, eine andere Stellung eingeräumt werden. „Dichter sollten uns filmgemäß erzählte Geschichten schreiben, die mit Auge und Ohr gleichmäßig aufgenommen werden und die das innere Geschehen darstellen. Aufgabe des Drehbuchautors und Regisseurs wäre es dann, eine Art Arbeits-Manuskript herzustellen, das die technischen und regielichen Anweisungen und natürlich auch die notwendigen Dialoge enchielte. Dieses Manuskript wirb bedeutungslos, sobald der Film fertiggestellt ist — worin sich schon sein Gegensatz zum Theaterstück erkennen läßt, das als Buch auch nach der Aufführung bleibenden Wert behält. An Stelle des Drehbuchs aber tritt der fertige Film. Das Bild also ist hier das Beständige, nicht das geschriebene ©ort"
Aus dieser Erkenntnis leitet Helmut Käutner fein gesamtes künstlerisches Schäften für den deutschen Film ab. Wir erkennen sie in seinen Filmen „Frau nach Maß", „Kleider machen Leute", „Anuschka" und „Wir machen Musik". Der neueste, „Romanze in mott", Motiven aus einer Novelle von Mau- vassant folgend, versucht mit realistisch filmischen Mitteln zu einem romantisch verttesten Kunstwerk ber Verinnerlichung und ber Darstellung menschlicher Gefühle zu gelangen. Das gleiche Ziel verfolgt der Autor auch wieder mit seinem neuen, in Arbeit be« finblichen Film „Große Freiheit", der nicht bas laute Treiben der Hamburger Weltstadt erfassen, sondern die Geschichte eines kleinen Lebens erzählen will. „So reich, wie das Leben an solchen Geschichten ist, so reich ist auch der Film", sagt Käutner abschließend, „man muß nur Schauspieler genug fein, es zeigen zu könnend M. GröblinghdH.


