Aus der Stadl Gießen.
Vor oder nach dem Essen?
Wenn unsere Großeltern eine Arznei aus der Apotheke abholten, dann pflegte den Hals des Fläschchens mit dem heilsamen Inhalt eine lange Papierkrawatte zu zieren, so wie wir sie heute noch hin und wieder in Bilderbüchern sehen können. Hierauf war die Einnahmevorschrift genau ver- zeichnet, gleichsam als unüberhörbare Mahnung, daß nicht allein das Medikament, sondern erst seine wohlabgewogene Menge und Verteilung im Tages- lauj den gewünschten Erfolg verbürgt. Demgegenüber sind wir heute gewohnt, säuberliche Original- vackungen in Empfang zu nehmen, die die Industrie gebrauchsfertig liefert. Wir müssen uns daher zumeist mit einer gedruckten Anweisung begnügen, die dem besonderen Fall nur durch den Zusatz Rechnung tragen kann : ..... falls vom Arzt nicht anders verordnet."
Aber was hat der Arzt verordnet? Man kann nickt von ihm verlangen, daß er allen Mängeln unseres Gedächtnisses durch ausführliche schriftliche Erläuterungen begegnet. So kommt es nicht selten zu Fehlern oder doch zeitraubenden Erkundigungen. „Dor oder nach dem Essen?" ist dabei eine der nächstliegenden Fragen, die man bei ausreichender Kenntnis der Zusammenhänge getrost allein beantworten könnte. Denn gerade hierfür gibt es gewisse Grundsätze, die weitgehend unabhängig von dem besonderen Krankheitsfall ihre Allgemeingültigkeit besitzen.
Zunächst mag es überraschen, daß die Verbindung der Arzneieinnahme mit den Mahlzeiten manch-
den flüssig geführten Dialog, der sich in mehr oder minder neuen Weisheiten über Ehe, Freundschaft, Liebe und Treue ergeht. Angenehm empfunden wird der frische Ton und die saubere handwerkliche Ar beit, die Theatererfahrung verrat. Zwei für das Stück komponierte Chansons von Peter Kreu- der gaben der Aufführung noch ihren besonderen Reiz. Heinz Rusch.
„Besatzung Dora".
Unter der Regie von Professor Karl Ritter wurden die Aufnahmen zu dem Ufa-Film „Besatzung Dora" beendet. Der Film, der den kühnen Einsatz unserer Fernaufklärer an den verschiedenen Fronten schildert, entstand ohne Atelieraufnahmen. Die Hauptdarsteller sind Hannes Stelzer, Ernst v. Klipstein, Georg Dhomalla, Suse Gras, Carsta Löck und Charlott Daudert. An der Kamera stand Heinz Ritter. Das Drehbuch schrieben Professor Karl Ritter und Fred Hildenbrandt, die Musik komponierte Herbert Windt, den Schnitt besorgt Gottfried Ritter.
Neue Altertumsfunde in Rom.
Wie alljährlich, findet auf dem Capitol die Ausstellung der im Laufe des Jahres auf dem Gebiet der Stadt Rom gemachten Altertumsfunde statt. Unter ihnen befinden sich zwei große Rundaltäre aus der Zeit der ausgehenden Republik, die in der Nähe eines großen Grabmals bei der Basilika San Paolo gefunden wurden, interessante polychrome Mosaiken, Bruchstücke eines großen Grabdenkmals, das bei den Caracalla-Thermen aufgedeckt wurde, ein fein ausgearbeitetes Relief einer weiblichen Figur, die beim Theater des Marcellus ausgegraben wurde, sowie die Grabstelle eines Beamten des Hafens des alten Roms, das bei der Dia Präne- stina gefunden wurde, an der auch der Begräbnis- altar des Flavius Diadumenos ans Licht gebracht werden konnte.
Charlotte Steigleder.
„Die Versuchung des Pescara."
Im Ständetheater, der Schauspielbühne der Deutschen Theater in Prag, kam „Die Versuchung des Pescara" von Wilfried Proskowetz heraus. Der Autor folgt mit feinem Werk thematisch der Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. Er gibt dem darin verdichteten geschichtlichen Ereignis, das als eine der versäumten Schicksalsstunden Italiens gilt, eine neue, gegenwärtig vertrautere Deutung. Es wird nicht ausgesprochen, es wird aber deutlich, und es ist vom Autor gewollt, die Saat dieser Schicksalsstunde 400 Jahre später gereift zu sehen. Proskowetz, ein Industrieller, der, gleichsam im Nebenamt dichtend, nur mit wenigen lyrischen Versuchen hervorgetreten ist, erscheint zum erstenmal auf der Bühne. Seit 1922 bewegte ihn der Stoff zur „Versuchung des Pescara". Die innere Dramatik des geschichtlichen Ereignisses, das Tragische im Leben Pescaras und in der damaligen politischen Situation Italiens werden eindringlich spürbar. Der Dialog bezwingt durch schöne, von hohem Wohllaut erfüllte, zuchtvoll behandelte Sprache: oft gelingen Verse von klassischer Strenge. Die Gabe, aus Wissen und Erkenntnis Geschichte zu erhellen, paart sich hier mit einer dich-
mal nur rem äußerlich und für die Wirkung belanglos ist. Bei gewissen Hormon- oder Vitaminpräparaten beispielsweise kommt es weniger auf die Tageszeit als auf die Regelmäßigkeit der Verabreichung an. Frühstück, Mittagessen und Abendbrot bedeuten hier nur Einschnitte im Tageslauf, die uns an die gesundheitliche Pflicht erinnern sollen. Auch bei harntreibenden oder kreislaufstärkenden Mitteln sowie zur Ruhigstellung des Magens oder Nervensystems und für die Linderung krampfhafter Schmerzen von längerer Dauer ist gleichmäßige Verteilung des Medikaments wichttger als alle anderen Rücksichten.
Anders liegen die Verhältnisse etwa bei Herzmitteln aus der Droge des Fingerhuts, die als Digitalis bekannt ist, da hier neben dem heilsamen Einfluß mit einer gewissen Reizwirkung aüf die Magenschleimheit zu rechnen ist. Auch die neuen synthetischen Präparate, die sich gegen die verschiedensten Infektionen glänzend bewährt haben — allen voran das Prontosil —, dürfen aus den gleichen Gründen immer nur kurz nach der Mahlzeit eingenommen werden. Uebelkcit und andere lästige Nebenerscheinungen müßten bei Vernachlässigung dieser Regel den Segen vieler Hustenmittel in Frage stellen, die einen, starken Saponingehalt besitzen, und müßten das Salizyl in Mißkredit bringen, das bei der Schmerzbekämpfung und in der Rheumatis- musbohandlung eine segensreiche Rolle spielt.
Im gleichen Sinne wird es niemandem sinnvoll erscheinen, Verdauungsstörungen — etwa durch aromatische Bittermittel wie Wermuth oder durch Pfefferminze, Kümmel, Fenchel — vor der Mahlzeit zu bekämpfen. Ein solcher Einfluß ist vielmehr ebenso wie die Förderung des Gallenabflusses frühestens 15 bis 20 Minuten nach der Nahrungsaufnahme
terischen Gestaltungskraft von nicht geringem Range. Die Aufführung von Kurt Daehn sand großen Beifall. E. K. Wiechmann.
„Prometheus"-Verlonung von Sehlbach.
am Platz. Auf der anderen Seite würde eine Steigerung der Magensaftabsonderung zu diesem Zeitpunkt viel zu spät kommen. Mittel wie Enzian, Tausendgüldenkraut und Kalmus, die diesem Zweck dienen sollen, müssen daher kurz vor dem Essen eingenommen werden, während Salzsäure und Pepsin spätestens während der Mahlzeit die Verdauung zu unterstützen vermögen.
Gewissenhafter Berücksichtigung bedarf ferner die Tatsache, daß manche Heil- und Stärkungmittel durch das Zusammentreffen mit Speisen in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden. Auf dieser Erkenntnis beruht der bekannte Brauch, Mineralbrunnen nur morgens auf nüchternen Magen und nachmittags zwei Stunden vor dem Abendessen zu trinken. Das gleiche gilt, wenn starke Entkräftung die Einnahme einer Traubenzuckerlimonade erforderlich macht, sowie für medizinische Tees, sei es, daß sie auf den Magen, die Galle oder beim Husten aus die Lungen abzielen. Schwieriger ist die Entscheidung bei Arzneien, die verschiedenartige Bestandtelle enthalten. Wenn hier nicht der wichtigste für uns maßgebend sein kann, bedürfen die ärzttichen Hinweise ganz besonderer Aufmerksamkeit.
Hinsichtlich der Frage, wie man am zweckmäßig, sten Tabletten zu sich nimmt, dürfen wir die beruhigende Auskunft maßgebend sein lassen, daß dies im wesentlichen Geschmackssache ist. Man sollte dabei nur bedenken, daß manche, oft recht wichtigen Stoffe unlöslich sind und daher leicht als Bodensatz im Wasserglas Zurückbleiben, nicht zu reden davon, daß die Bitterkeit ein solches Getränk in der Regel nicht eben zum Genuß macht. Daher muß das Schlucken der ganzen oder doch nur wenig zerkleinerten Tabletten mit reichlichem Nachtrinken von Wasser empfohlen werden. Dr. Dreh.
Sesundheitsführung
vom 6. bis -18. Lebensjahr.
Die „Grundsätze des Reichsgesundheitsführers und Reichsjugendführers zur Durchführung der Jugend-
gesundheitspflege", die der Reichsminister des nern für verbindlich erklärt hat, ordnen die laufende, kostenlose ärztliche Untersuchung aller Jungen und Mädel von 6 bis 18 Jahren als Gemeinfckaftsauf« gäbe von Partei und Staat. Die volle Durchführung soll nach Kriegsende beginnen. Für Friedenszeiten sind zunächst fünf Reihenuntersuchungen vorgesehen, und zwar je eine mit etwa 6, 10, 14, 15 und 18 Jahren. Dazu kommen fünf bis sechs Gesundheits- appelle bis zum 14. Lebensjahr und außerdem jährliche Zahngesundheitsappelle. Den Untersuchungen liegt der reichseinheitliche Jugendgesundheitsbogen zugrunde, der der ärzttichen Schweigepflicht untersteht und jedes Kind vom 6. bis zum 18. Lebensjahr begleitet. Die Reihenuntersuchungen beschäftigen sich unter Einsatz auch des Röntgenbildes mit der allgemeinen Konstitution, der Umwelt des Iugerck- lichen, den inneren Organen, dem Seh- und Hörvermögen, der Muskulatur, dem Knochengerüst, den Haltungsfehlern, der Hautfarbe und allem, was für die totale gesundheitliche Ueberwachung beachtlich ist. Sie erstreben genaue Befunderhebungen unter Berücksichttgung der erbbiologischen Momente, Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Herbeiführung der erforderlichen gesundheitsfördernden Maßnahmen, Berücksichtigungsvermerke in den Tauglichkeitsausweisen und Schaffung von Unterlagen für die Gesundheitsstatistik. Bei den Zehnjährigen wird gleichzeitig die Tauglichkeit für Jungvolk oder Jungmädelbund und im BÄwrfsfalle für die Haupt- oder Oberschule mit festgestellt werden können, beim Schulentlassungsjahrgang der Vier- zehnjährigen die Berufstauglichkeit, bei den Fünfzehnjährigen der Einfluß des ersten Berufsjahres auf Leistungsfähigkeit und Entwicklung. Die Ellern können dem Jugendarzt schrifttiche Mittellungen von Wünschen oder Anfälligkeiten des Kindes machen. Der Jugendarzt hat frühzeitig Gesundheitsstörungen zu erkennen, während die etwa notwendig werdende ärztliche Behandlung durch einen Arzt erfolgen wird, den die Familie wählt.
Hof- und Dorfaufrüstung als Gemeinschastsaufgabe.
In Duisburg führte Otto Doltmann Erich Sehlbachs Vertonung des Goetheschen „Prometheus" für Bariton und Orchester auf. Durch die ganze Musik zieht sich eine kraftvolle Sechzehntelfigur, mit der sie in rüstigem a-moll anhebt, um sich mll energi- schem Rhythmus in punktierten Achteln fortzusetzen. Nach achttaktiger Einleitung beginnt die Singstimme mit herausfordernder, starrer Melodie. Die große, weitatmige Linie wird gelegentlich durch knappe Orchesterzwischenspiele unterbrochen. Harmonisch tonal gebunden und außerordentlich charaktervoll instrumentiert, bietet sich die Komposition wie aus einem Guß dar. Heinrich Schmidt.
Aus aller Welt.
Der Friseur Odysseus.
Unter den Einwohnern der bunten Stadt Ifta n- b u l befinden sich auch viele Griechen. Sie sind seit Jahrhunderten in der Stadt ansässig und gehen ihren meist handwerklichen Berufen nach. Man findet ihre an die klassische Zeit Griechenlands erinnernden Namen auf vielen Schildern der Stadt. So kann man einen Odysseus finden, der sich sein Brot als Friseur verdient, ein Aristoteles hat eine Wäscherei, ein Plato ist Advokat. Der Lehrer beider Philosophen, Sokrates, ist heute Inhaber eines Schuhputzsalons. Ein Leonidas-Nachfahr ist Frauenarzt geworden, ein Enkel des Thsmistokles Platterer, ein MMades Kolonialwarenhändler. Leider sind die klangvollen und erinnerungsreichen Namen der antiken Frauen, einer Penelope und Eurikleia, einer Aspasia und Nausikaa, nicht auf Namensschildern zu finden. Um sie zu finden, muß man sicher in das wohlbehütete Heim, an die Webstühle und an die Herde gehen, und man würde feststellen, daß sie sich von den Tugenden ihrer mütterlichen Ahnen nicht mehr entfernt haben, als es die moderne Zeit mit sich bringt.
Gewaltverbrecher Zipp zum Tode verurteilt.
Auf Grund einer Nichtigkeitsbeschwerde des Reichsanwalts hatte das Reichsgericht den Fall Zipp (Heppenheim) abermals an das Son- dergericht verwiesen, das in seinem ersten Urteil Zipp für einen Ausbruchsversuch aus dem Germersheimer Gefängnis zu zehn Jahren Zuchthaus und Sicherungsverwahrung verurteilt hatte. Zipp hatte den Heizer des Gefängnisses mit einem Tischbein niedergeschlagen. Nach seiner Festnahme unternahm Zipp einen zweiten Ausbruchsversuch, diesmal aus dem Ludwigshafener Gefängnis. Ein Wärter hatte aber rechtzeitig die Werkzeuge des Zipp zum Ausbrechen des Türschlosses und einen als Waffe zurechtgearbeiteten Eisengegenstand entdeckt. Das Sondergericht gewann die Ueberzeugung, daß bei Zipp, der sich schon vom 18. Lebensjahr ab als asozialer Mensch erwies, wie die Vorstrafen es deutlich machen, eine Freiheitsstrafe nicht mehr am Platze sei und verurteilte ihn zum Tode. ____________ ,
Die NSD.-Dozentenakademie veranstaltete ihren ersten Sprechabend im Wintersemester 1942/43 mit einem Einleitungsvortrag von Pg. Prof. Dr. Beller über „Hof- und Dorfaufrüstung als Gemeinschaftsaufgabe". Der Dorttagende führte als Leiter der Arbeitsgemeinschaft Hof- und Dorfaufrüstung folgendes aus:
Wenn Deutschland nach dem Willen des Führers wieder ein Bauernland werden soll, dann erfordert dies den Um- und Ausbau unserer Dörfer, auf deren Entstehungsgeschichte der Vortragende einging. Jrn Zusammenhang mit der Einführung der Dreifelderwirtschaft und einer planmäßigen Tierzucht, die sich zunächst auf das Rind als den Erhalter der Bodenfruchtbarkeit bezog, schufen sie erst gewissermaßen den deutschen Menschen, dessen kolonisatorischer Einfluß im Osten bis tief nach Rußland hinein zu verfolgen ist. Ueberall, wo in der Welt geschlossene deutsche Siedlungen entstanden sind, haben sich deutsches Brauchtum und deutsche Sprache, ja selbst der Dialekt der Heimat über die Jahrhunderte hinweg unverfälscht erhalten.
Wenn nun die deutsche Staatsführung mitten im Kriege daran geht, in den westlichen und östlichen Grenzlanden ein neues Bauerntum heranzubilden, und nach dem Kriege in der vom Reichsbauernführer verkündeten „Dorfaufrüstung" auch dem Bauerntum des Altreichs eine neue und feste Lebensgrundlage geben will, so wird dieser in Jahrhunderten gewordenen Eigenart des deutschen Dorfes ebenso Rechnung getrogen werden müssen, wie sich die betriebswirtschaftliche Neuordnung den landschaftlichen Gegebenheiten anzupassen hat. Aus diesem Grunde muß sich auch die Forschung landschaftlich einstellen und ihre Ergebnisse in entsprechender Richtung auswerten.
Wie die bäuerliche Siedlung baulich an die Landschaft gebunden ist, so ist es auch die Tierwirtschaft. Wohl werden die Forschungsergebnisse in vieler Hinsicht Allgemeingültigkeit besitzen, in den Einzelheiten aber werden sie auf die örtlichen Verhältnisse abgestellt werden müssen.
Das hessische Dorfbild geht in seinen Grund- und Wesenszüge auf die fränkische Siedlungsperiode im 8. bis 12. Jahrhundert zurück. Der Baustil der späteren Zeiten hat sich mit ganz geringen Ausnahmen und Abweichungen dem Charakter des fränkischen Dorfes angepaßt. In dieser Form ist das hessische Dorf für die heuttgen Erfordernisse zu eng geworden. Hof drängt sich dicht bei Hof, daß ein Anwesen dem andern Licht und Luft raubt, und
auch bei bestem Wollen der Besitzer keine Möglichkeit besteht, durch bauliche Verbesserungen Abhilfe zu schaffen. Sie kann nur dcckurch zustande kommen, daß dort, wo die dichte Bauweise hindernd im Wege stehr, durch Aussiedlung und Abbruch einzelner Gehöfte Platz geschaffen wird. Diese mit der Schaffung einer sinnvollen Besitzstruktur einhergehende Dorfauflockerung hat eine große und vielfack tief in die bestehenden Verhältnisse eingreifende Aufgabe zu lösen, die das Zusammenwirken aller irgendwie beteiligten Fachgebiete der Wissenschaft und Praxis erfordert, wenn ein alle Teile befriedigender Erfolg erreicht werden soll.
Als das Deterinärhygienische und Tierseuchen- instttut — von dem Gesichtspunkt ausgehend, daß am besten für die Dorfaufrüftung durch das Beispiel geworben wird — im Frühjahr 1939 der Reichsregierung im Benehmen mit der hessischen Landesregierung und der Lcurdesbauem schäft Hessen- Nassau den Vorschlag unterbreitete, die Aufrüstung des zu jener Zeit bereits einer eingehenden Untersuchung unterzogenen Dorfes Stockhausen hn Landkreis Gießen in Angriff zu nehmen, geschah dies mit dem Hinweis darauf, daß an der Ludwigs- Universität die Verhältnisse insofern besonders günstig liegen, als hier die Möglichkeit besteht, die Fach. Vertreter der Landwirtschaft, der Veterinärmedizin, der Medizin und selbst der Volkswirtschaftslehre für die sie angehenden Probleme zu interessieren und dadurch ihre Lösung auf eine breitere Grundlage zu stellen, als dies anderswo möglich ist. „Vor allem wiesen wir darauf hin, daß die notwendige Erziehung und Schulung der ländlichen Bauhandwerker am wirksamsten durch den Anschauunqs- nnterricht erfolgt und die unumgängliche Voraussetzung für die Dorfaufrüftung im Großen bildet. Wir konnten uns bei unseren Dorfuntersuchungen immer wieder davon überzeugen, daß die ländliche Bautradition droht, gänzlich verloren zu gehen, und daß der Bau->r, auch wenn er wirtschaftlich dazu in der Lage ist, heute schon nicht mehr mit Hilfe der örtlichen Fachleute einen den modernen Anforderungen entsprechenden Umbau, qan$ zu schweigen von einem Hofneubau, durchzusühren vermag. Das klare Gefühl für zweckmäßige und dabei dock schöne Bauten ist im ländlichen Handwerk vielfach bereits verlorengegangen und muß erst wieder geweckt werden."
Mit der Gründung der NSD.-'Dozente-akademie sind für diese durch den Kriegsausbruch vorüber- gehend unterbrochenen Bemühungen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit geschaffen worden, die
AUF MÖNCKEBERG ist det "Taumel lo5,
ROMAN VON OLAF BOUTERWECK
9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Waren Sie auch im Wintergarten?" „Jawohl, Herr Kommissur. Ich hielt mich dort längere Zeit auf, weil ich abends die Blumen begieße. Aber auch dort war alles in Ordnung. Die Fenster waren geschlossen und verriegelt, lwiglich die oberen Luftklappen waren geöffnet."
Raucheisen erhob sich.
„Danke, Herr Friedrichsen, das wäre vorläufig alles! Wenn Sie wollen, können Sie jetzt zu Bett gehen. — Ich habe jetzt noch die Köchin und das Hausmädchen zu verhören." — Der Diener räu- perle sich und blickte den Kommissar unsicher an:
„Darf ich —- wohl noch einmal in die Bibliothek?"
„Hm, zu welchem Zweck, Herr Friedrichsen?"
,^Jch ... möchte Abschied von meinem Herrn nehmen."
Raucheisen nahm den Arm des Dieners:
,Lommen Sie, Herr Friedrichsen, ich begleite Sie hinüber!"
5. Kapitel.
Gegen sechs Uhr morgens traf Dr. Raucheisen in Begleitung Brandstetters in Kladow ein.
„Donnerwetter, hier möchte ich auch wohnen, Herr Kommissar!" rief Brandstetter begeistert, als lie vor Axel Holms Grundstück standen.
I Raucheisen antwortete nicht. Er hatte sich unter - Holms Blockhaus ein bescheidenes und etwas ver- Dahrloftes Gebäude vorgestellt; was er hier sah, durfte dagegen ohne Uebertteibung als Gipfelpunkt behaglich-vornehmen Wohnens bezeichnet
Das Haus madjte einen Hellen, blitzsauberen Eindruck. Es lag etwa dreißig Meter von der Straße entfernt inmitten einer Gruppe schirmender Kiefern, die es hoch überragten. Im Obergeschoß war ein breiter Balkon angebaut, der sich über die ganze Längsseite des Hauses hinzog. Im Vorgarten umsäumte eine Taxushecke den sehr gepflegten Rasen, in dessen Mitte ein geschmackvolles Blumen-Rund- beet angelegt war. Blumenbeete waren auch zu beiden Seiten der breiten Anfahrt angelegt, Blumen schmückten sämlliche Fenster des Hauses, und Blumen gaben dem großen Balkon das Aussehen eines „hängenden Gartens". Don diesem Balkon aus mußte man einen wundervollen Blick über die Havel haben, denn das Grundstück stteß mit der Rückfront unmittelbar an das Ufer. —
Rauckeisen blickte mit einem kleinen Seufzer über die tausend und ober tausend Tautropfen hin, die in der aufgehenden Sonne gleißten und funkelten; dann riß er sich von diesem Anblick los, trat an das ©artentor und klingelte.
Es sah fast so aus, als ob man im Haufe bereits auf dieses Zeichen gewartet habe; denn Raucheisen hatte kaum die Klingel berührt, als im Obergeschoß ein Fenster geöffnet wurde und für einen Augenblick zwischen den Hängepetunien der schwarze, wirre Haarschopf eines Mannes erschien. Gleichzeitig ertönte im Hause wütendes Hundegebell.
Eine halbe Minute später wurde die Haustür auf- gerissen; der Mann stürzte heraus, setzte über bie niedrige Tarushecke hinweg und kam quer über den Rasen gesprungen. Während des Laufens fuhr I er mit den Armen in einen grellroten Bademantel, dessen Zipfel luftig hinter ihm herflatterten. Ihm voraus sprang in langen Sätzen ein großer Schäferhund.
„Ist ein Unglück geschehen?" rief der Mcrnn atemlos.
„Guten Morgen!" antwortete Raucheisen.
„Gott zum Gruß, meine Herren! — Aber was bringen Sie? Ist Herr Holm verunglückt?"
»Nein, Herr Holm befindet sich wohlauf 1" ant
wortete Raucheisen, hoffentlich!' fügte er bei sich
in Gedanken hinzu.
„Gott sei Dank! Ich fürchte schon, daß ... Aber was wünschen Sie so am frühen Morgen, meine Herren? — Fox, hierher!" rief er dem Schäferhund zu, der augenblicklich gehorchte.
„Was fürchten Sie?" fragte Raucheisen schnell.
„Nun, ich sagte es ja schon: ich fürchtete, daß Herrn Holm in dieser Nacht etwas zugestoßen sei."
„Warum? Wenn Sie etwas Derartiges befürchten, müssen Sie doch auch einen Grund dafür
haben!"
„Mehr als einen, mein Herr! Herr Hohn ist gestern abend in seinem Wagen nach Berlin gefahren und noch nicht zurückgekehrt! Ein Autofahrer ist immer von Gefahren umlauert, ich weiß das aus Erfahrung! Wie sagt Schiller? ,Und das Unglück schreitet schnell!' Das ist es, meine Herren!"
Er öffnete das Gartentor und fuhr fort:
„Als ich hier eben ein Auto vorfahren hörte, glaubte ich. daß Herr Holm es sei. Aber als ich aus dem Bett sprang, sah ich einen fremden Wagen und zwei fremde Herren. ,Aha', dachte ich, 'so früh am Morgen bedeutet sicher nichts Gutes!' Und mein erster Gedanke war, daß Herrn Holm etwas zu- gestoßen fei! Gott sei Dank, daß es nicht der Fall
Er ließ seinen Blick mißtrauisch zwischen den beiden Beamten hin und her wandern:
„Oder etwa doch? — Wer sind Sie, meine Herren, und was wünschen Sie?"
Raucheisen nannte nun seinen Namen und zeigte seinen Ausweis.
„Eigentlich wollten wir Herrn Holm sprechen, aber da er nicht zu Hause ist, mochten wir Sie bitten, uns einige Fragen zu beantworten. — Sie sind sicher der Diener Otto, nicht wahr?"
Otto verzog sein Gesicht, als ob er aus Versehen Essig getrunken habe; und zurechtweisend und mit scharfer. Betonung erklärte er:
„Wenn Sie unter /Diener' eine Art männlichen Hausmädchens verstehen, so mutz ich Ihre Frage
entschieden verneinen, Herr Doktor! Denn in diesem Sinne bin ich durchaus nicht Holms Diener, sondern vielmehr sein Gehilfe und Mitarbeiter! Und ich bin stolz darauf, es zu fein."
„Schon gut", brummte Rauckeisen verdrießlich. „<5ie gestatten uns wohl, ins Haus einzutreten!"
„Bitte sehr!" Otto trat beiseite, um den Weg frei zu machen, aber der Hund legte die Ohren zurück und knurrte. Otto ergriff das Halsband und stteichelte den Kopf des Hundes. „Ruhig, Fox, fei brav!"
Während die Männer nebeneinander dem Haufe zuschritten, folgte Rauchcisen einer alten Gewohnheit und entwarf im Geist Ottos Steckbrief:
„Fünfunddreißig Jahre alt; 1.70 Meter groß!
(Ästalt: untersetzt. Breite Schultern, zieht beim Gehen den rechten Fuß ein klein wenig nach.
Haare: blauschwarz; Künstlermähne — ohne Scheitel glatt nach hinten gekämmt (im Augenblick allerdings noch ungekämmt). Hat die Angewohnheit, sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand häufig durch die Haare zu fahren und sie nach hinten zu streichen.
Gesicht: bnrHos. Augen: grau. Zähne: wie auf dem Werbeschild einer Zahnpastafabrik.
Besondere Kennzeichen: fingertefe und drei Zentimeter breite Narbe über dem linken Auge, dessen Braue vollständig fehlt (reckte Braue dagegen normal, schwarz und sehr buschig). Ferner eine schwere Narbe vom linken Ohrläppchen quer über die linke Wange und Nase. Nasenbein gebrochen: linker Nasenflügel verstümmelt. Eine dritte Narbe zieht sich von der Mitte des Kinns über den rechten (etwas nach oben verzerrten) Mundwinkel hin und endet zwei Zenttmeter unter dem rechten Augenwinkel."
Alles in allem hat Ottos Gesicht etwas Starres und Fratzenhaftes, und es war selbstoerftändfich, daß diese schweren Gesicktsoerletzuvgen ihn für seinen Berus als Schauspieler untauglich machten. —«
(Fortsetzung folgt)


