Ausgabe 
6.1.1943
 
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195. Jahrgang Nr. H <£nct)eim ingiict), au her Sonntags und feiertags

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De Gaulle verschacherl Frankreichs Imperium.

Ein Geheimabkommen mit Churchill wollte den Briten auch Teile der französischen Kanalküste ausliefern.

Paris, 6. Jan. (DNB. Funkspruch.) DerMa- tin" veröffentlicht Erklärungen des Grafen de M a u d u i t, der sich nach der französischen Nieder- läge de Gaulle angeschlossen hatte, sich dann aber von ihm abwandte in der Erkenntnis, Laß dieser das französische Imperium systematisch an England verschachere.

Graf de Mauduit sei von einem Geheimab­kommen zwischende Gaulle und Chur­chill unterrichtet worden, durch das de Gaulle England nicht nur gewisse Kolonien definitiv auslieferte, sondern den Engländern für eine be­stimmte Zeit auch Teile der Kanalküste abzu- treten gewillt sei, die als englische Änter­es s e nz o n e n dienen sollten.

De Mauduit, der zwei Monate in englischen Ge­fängnissen zubrachte, hatte eine Unterredung mit Brigadegeneral S h e a r e r, dem späteren britischen Agitationschef für den Nahen Osten. Shearer, der auf Grund jahrelanger persönlicher Beziehungen gegen­über Mauduit freimütig sprach, erklärte ihm:Dank der Emigrantenregierung können wir die französischen Kolonien militärisch besetzen, wenn die strategische Lage es erfordert. Nach dem Krieg werden uns die Phantomregierungen dazu dienlich sein, Abmachun­gen und Verträge zu unterzeichnen, die uns not­wendig erscheinen."

Manduit bestätigt schließlich, daß in England d i e Luden und Freimaurer die unbedingt herr­

schende Rolle spielen und auch im Lager de Gaulles ausschlaggebend sind. Zahlreiche Franzosen, die sich seinerzeit de Gaulle zur Verfügung stellten, seien von diesen Treiben im Hauptquartier de Gaulles an­gewidert und hätten nur den Wunsch, England so schnell als möglich wieder zu verlassen.

Neue Verhaftungen in Nordafrika.

Tanger, 5.Ian. (Europapreß.) Die Gruppe der Verschwörer gegen General Giraud und den Sonderbeauftragten Roosevelts in Französisch-Nord­afrika, Murphy, konnte bisher noch nicht völlig aufgedeckt werden. Deshalb will Murphy die Unter­suchung über die Vorgänge, die zu der Verhaftung von zwölf angesehenen französischen Beamten führ­ten, jetzt persönlich in die Hand nehmen. So mel­det der Sender Rabat, daß die amerikanischen Mili­tärbehörden in Algier eine große Anzahl neuer Verhaftungen in ganz Algerien haben vor­nehmen lassen. Unter den Verhafteten befinden sich wieder Persönlichkeiten aus der Umgebung Girauds, denen der General bisher volles Vertrauen ent­gegenbrachte. Gegen die Verhaftung eines hohen französischen Offiziers soll Giraud bei Murphy Pro­test erhoben haben.

as die LlGA. in Afrika planen.

Rom, 5. Ian. (DNB.) lieber die Ziele, die die USA. in Europa und Nordafrika verfolgen, schreibt die vom Unterrichtsminister Bottai herausge- gebene Zeitschrift{Tritico Faszista":

England, das feit Jahrhunderten in Afrika große Interessen zu vertreten hat, sieht sich heute der Hegemonie des außereuropäischen Verbündeten unterworfen, wie es schon früher in Mittelamerika der Fall war. In Afrika kommandiert heute Roose­velt. Es ist kaum anzunehmen, daß die Vereinigten Staaten sich in ein derartiges Abenteuer wie die Landung in Nordafrika nur aus militärischen Grün­den begeben haben, ohne ein weitere s Ziel im Auge zu haben. An Stelle eines in enger wirt­schaftlicher Beziehung mit dem Nachkriegseuropa stehenden Afrika, dem sogenanntenEurafrika", soll Afrika geistig und politisch von Europa los­gelöst werden. Die verschiedenen afrikanischen Ge­biete sollen zu einerVölkerunion" zusammenge- schlossen werden, die von Europa vollkommen un­abhängig ist, abgesehen von England, das politisch, und USA., das wirtschaftlich die Leitung dieser Union hat.

Europa kämpft diesen Krieg, um fein wirtschaft­liches Potential mit Hilfe der Rohstoffe des schwarzen Kontinents zu stärken. Die USA. ver­suchen nun, Europa schon vorher von diesen Wur­zeln seiner Kraft abzuschneiden, so daß sich d;e europäische Wirtschaft auch nach dem Kriege nicht mehr erholen künn. Die Engländer verraten damit nicht nur Europa, sondern sich selbst. Das übrige Europa wird sich durch einen gewonnenen Krieg retten können, während England in jedem Fall der Verlierer sein wird.

Wenn Nordafrika den Vereinigten Staaten ge­hören wird, dann wird auch Europa den Vereinigten Staaten gehören. Die USA. sind in Afrika entlang einer Linie eingedrungen, die von B a t h u r st in Brttisch-Gambia, über Französisch-Weftafrika den Tschad-See, Khartum bis nach Massaua am

Roten Meer führt. Die Strecke beträgt 6000 Kilo­meter. Jin April 1941 fuhren nordamerikanische Schiffe ins Rote Meer. Im August desselben Jahres errichtete die Panamerican Airways eine transafrika­nische Linie und im Dezember 1941 traf General Maxwell in Kairo ein, um den Ausbau des Stützpunktes Maffaua zu leiten. Unter dem Vor­wand, daß Bathurst von Dakar aus bedroht fei, er­reichte Roosevelt von England die Erlaubnis, wei­tere Stützpunkte in Freetown (Sierra Leone), Acra (Goldküste), Lagos (Nigeria), Duala (Kame­run), Brazzaville (Französisch-Aequatorialafrika) und schließlich in Leopoldsville sBelgisch-Kongo) zu errichten. Das ainerikanische Einslußgebiet in Afrika bildet daher ein riesiges Dreieck, dessen Grundlinie von Bathurst nach Leopoldsville führt, während die Spitze in Massaua liegt. Zwischen den beiden ameri­kanischen Küsten entstanden in kurzer Zeit Flug­plätze, meteorologische Stationen, Rundfunkstationen. Amerikas Einfluß greift von Lagos nach Takoradi, von Cookhouse bis zum Tschad-See, von Omdurman nach Aethiopien, von Dakar nach Algier.

Afrika ist die Verteidigungsstellung Europas. Unter diesem Gesichtspunkt erkennt man die große Gefahr, die Europa von den USA. droht. Aus der Erkenntnis dieser Gefahr allein kann auch der europäische Widerstandswille erwach­sen. Wir befinden uns heute augenblicklich, so schreibt(Tritico Fascista" in einer Verteidigung historischer Werte, die die Existenz Europas bedin­gen. Es ist jetzt zu'einem Krieg der Konti­nente gekommen. Der amerikanische Kontinent versucht, den europäischen Kontinent zu unterwer­fen. Die USA. haben mit Vorbedacht den Kampf auf afrikanischem Boden begonnen; denn ohne Afrika wäre Europa verstümmelt und von der übrigen Welt abgeschnittten. Der Kampf zwischen Eurafrika" und Amerika gipfelt in dem Wort Tunis, das auch in der Vergangenheit schon für die Geschichte Italiens von Bedeutung war.

Amerikas Verrat an Frankreich.

Oie Lügen des Roosevelt-Weißbuches.

Dichy, 5. Jan. (Europapreß.)Im amerika­nischen Weißbuch wird gesagt, die Vereinigten Staa« en hätten in den letzten zehn Jahren eine Frie­denspolitik betrieben. Alle öffentlichen und gehei­men Handlungen Washingtons in dieser Zeit be­weisen jedoch das Gegenteil", erklärte der französische Rundfunk. Seit 1935, seit den Sank­tionen gegen Italien, habe die nordamerikanische Presse und Diplomatie die Angriffspolitik Londons klar unterstützt. Im Oktober 1937 habe Präsident Roosevelt in Chikago Deutsch­land und Italien außerhalb des internationalen Hechtes gestellt. Im darauffolgenden Jahr habe der Eersönliche Berater Roosevelts und nordamerika- ische Botschafter in Paris, Bullitt, in Frank­reich unaufhörlich die Hetzpropaganda gegen die 'totalitären Nationen" organisiert. Diese Ermunte- umg habe sodann die Regierung von Warschau in £er Korridorfrage zu der wahnwitzigen und unver­söhnlichen Haltung Deutschland gegenüber veranlaßt.

Der französische Rundfunk erinnerte dann daran, 2aß im Juli 1940 ein letzter Appell in den Ver­einigten Staaten ohne Widerhall blieb.Präsi­dent Roosevelt, der uns in den Krieg stürzte", so erklärte der französische Rundfunk,antwortete l\aul Reynaud, daß sein Land Frankreich nicht kie geringste Unter st ützung gewähren lann. Trotz dieses Verrates hat Amerika sodann n dem besiegten Frankreich seine verhängnisvollen Intrigen weiter getrieben".

Cin vergebliches Wahlmanöver.

Rom, 5. Jan. (DNB.) Die Verantwortung da­rr, den Krieg gewollt und heraufbeschworen zu ttben, schreibtGazzetta del Popolo", «heint bedrückend zu werden, da Roosevelt die Her- >.isgabe des berüchtigten Weißbuches angeordnet hrbe^ das das schamloseste jemals erschienene diplo- <

matische Dokument sei, weil es manche Weisungen an die USA.-Vertreter in Europa unterschlage und andere in falschem Licht darstelle. Die Her­ausgabe des Buches bedeute, daß Roosevelt nach der Wahl eines Republikaners als Gouverneur von Neuyork wegen der nicht mehr allzu fernen Prä- sidentsfchaftswahl beunruhigt fei. Der Mißerfolg der Roofeveltfchen Strategie würde allmählich auch jenseits des Ozeans trotz der Lügen- und Bluffpro­paganda verstanden. Man begreife, daß unter die­sen Umständen Roosevelt, der nur eine passive Bi­lanz zu präsentieren hat, wenigstens versuche, die Verantwortung dafür, den Krieg provoziert zu haben, auf andere abzuwälzen. Das sei ein ver­gebliches Unterfangen. Die Geschichte habe ihn be­reits als den Verantwortlichen Nr. 1 gekennzeichnet.

Verhaftungswelle als Auftakt zur Kongreßtagung.

Berlin, 5. Jan. (DNB.) Englische Agentur­meldungen aus Washington besagen: Bis jetzt wur­den 33 Personen, darunter der Herausgeber des Enquire", G r i f f i n , unter der Anklage derAuf­wiegelung und Untergrabung der USA.-Heeres- moral" verhaftet. Sie sollen vor das Schwurgericht gestellt werden. Es ist anzunehmen, daß Präsident Roosevelt in seiner Kongreßbotschaft auch die Not­wendigkeit des Kampfes gegen dieFünfte Kolonne" erwähnen wird.

Roosevelt und die Wirtschaft.

Stockholm, 6. Jan. (DNB. Funtspruch.) In der nordamerikanischen Wirtschaft wächst die Sorge vor den uferlosen Plänen Roosevelts. Die Wirt­schaft fühlt sich hilflos der wachsenden Macht einer Bürokratie ausgeliefert, der es infolge des Mangels an einem geschulten Beamtenstab an Kenntnissen und Charakter sohlt. Die Wirtschaft verlangt infolge­dessen ein scharfes Durchgreifen gegen die Verwal- tungsübergriffe. Sie verkennt aber auch die stän­

dig zunehmende diktatorische Gewalt des Präsiden­ten nicht und setzt ihre letzten Hoffnungen auf den neuen Kongreß, in dem die Roosevelt zur Ver­fügung stehende Mehrheit nach den Herbstwahlen stark gesunken ist.

EineNationale Miliz" in Frankreich.

Vichy, 6. Jan. (Europapreß.) Der von Joseph D a r n a n d gegründete und geleitete Ordnung s- dienst der Frontkämpferlegion wird in Zukunft von dieser getrennt und dem Innen- m i n i st e r i u m angegliedert werden, wie der Staatschef Marschall P e t a i n in Vichy versam­melten Bezirksdelegierten der Frontkämpfer-Legion bekanntgab. Künftig wird der Ordnungsdienst den NamenNationale Miliz" tragen und unmittelbar der Autorität des Regierungschefs unterstehen. Die Nationale Miliz", so erklärte Marschall Petain, werde die wertvollste Stütze der Polizei sein und auch weiterhin Joseph Darnand zum Führer haben.

Da« Eichenlaub zum Ritterkreuz.

Berlin, 5. Jan. (DNB.) Der Führer hat deni Obersten Reiner Ltahel, Kommandeur einer Luflwaffenkampfgruppe, und dem Oberleutnanl d. R. Frih F e h m a n n, Kompaniechef in einem kradschühenbalaillon, als 169. und 170. Soldaten der deutschen Wehrmacht das Eichenlaub zum Ritter­kreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.

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Oberst Stahel, der als erster Angehöri­ger der Flakartillerie der Luftwaffe das Eichenlaub zum Ritterkreuz erhielt, ist als Sohn eines Fabrikbesitzers 1892 in Bielefeld geboren. Er machte ten Weltkrieg, zuletzt als Oberleutnant und Führer einer MGK., mit und nahm 1918 an der Befreiung Finnlands teil. Nach Beendigung des Weltkrieges war er Chef des Schutzkorps in Abo. Seit 1925 lebte er als Kaufmann in Bielefeld. 1935 in die Luftwaffe übernommen, wurde er Komman­deur einer Flakabteilung. Am 18.1.1942 erhielt er das Ritterkreuz, weil er durch die tagelange Ver­teidigung eines schwer gefährdeten Flugplatzes, dem als Stellungs-Eckpfeiler besondere Bedeutung zukam, gegen eine erdrückende Ueberlegenheit aller feind­lichen Waffen lediglich mit Luftwaffenbautruppen, der Horstkompanie und seinem eigenen Stab durch tapferen Einsatz in vorderster Linie seinen Soldaten ein Beispiel deutschen Soldatentums gab. Im großen Donbogen hat er sich mit seiner Kampfgruppe er­neut besonders ausgezeichnet.

Die Front steht.

Täglich meldet der deutsche Wehrmachtbericht Dort harten Abwehrkämpfen an der Ostfront. Die Bol­schewisten haben vor mehreren Wochen an verschie­denen Abschnitten der Front Angriffsoperationen mit weitgesteckten Zielen und mit neu ausgestellten und ausgerüsteten Armeen begonnen. Nach unbe­deutenden Anfangserfolgen bHeben sie in der harten und beweglichen deutschen Abwehr in nichtausge­bauten Linien liegen. Aber Moskau will einen Durchbruch erzwingen, es will die ihm im Som­mer verlorengegangenen Versorgungsgebiete im Südabschnitt zurückerobern. Wie im vorigen Jahr, hofften die Bolschewisten, daß ihnen der Winter ein erfolgreicher Verbündeter sein würde. Sie haben sich darin in zweifacher Hinsicht getäuscht: Einmal verläuft bisher der Winter im Osten normal, zum Teil sogar ohne die besonderen Kältegrade, die dort im Winter üblich sind, zum andern aber sind die deutschen Truppen für diesen Winter unten kunfts- und bekleidungsmäßig ausgezeichnet vorbe­reitet.

Wir schreiben jetzt Anfang Januar. Damit geht der Winter auch im Osten immer mehr seinem Höhepunkt entgegen. Schnee und Eis herrschen an der ganzen Front. Die Sowjets haben es eilig, um nur einen Teil des gesteckten Zieles zu erreichen. Sie werfen immer wieder rücksichtslos neue Massen gegen die deutsche Abwehrfront vor. Der Hunger sitzt ihnen im Nacken. Die Unterkünfte sind, nachdem die Bolschewisten ihre ausgebauten Ausgangsstel« lungen verlassen haben, rar und unzureichende Glückte ihr Durchbruch, so winken ihnen, wie ihnen ihre Kommissare erklären, die von den Deutschen gut ausgebauten und mit Lebensrnitteln ausgestatteten Ortschaften. Der Bolschewik kämpft also um neue Winterquartiere, kämpft um sein Brot. Da­her rennt er immer wieder gegen die unzerbrech­lichen deutschen Linien.

Es sind harte Kämpfe, die unsere Truppen an beit Brennpunkten der jetzigen Winterkämpfe zu be­stehen haben. In der Zeit vom 21. bis 31. Dezember wurden nach einer Mitteilung im Deutschen Wehr­machtbericht an den Hauptkampfabschnitten der Ost­front 742 feindliche Panzer vernichtet ober erbeutet Die Zahl ist inzwischen um weit über 200 gestiegen. Diese Zahlen deuten gleichfalls darauf hin, daß die Bolschewisten um jeden Preis einen Erfolg erringen wollen, erringen müssen. Menschen- und Mate­rialverluste und nicht zuletzt der Verlust ihrer wich­tigsten Versorgungsgebiete zwingen zu einer Ent­scheidung. Falsche Siegesmeldungen deuten auf eine verzweifelte Lage auch im Innern des Landes hin.

Oie neutrale Türkei.

Von unserem F. D.-Berichterstatter.

Ankara, im Dezember 1942.

Das Jahr 1942 hat das türkische Volk zwar trotz des grollenden Geschützdonners von Norden und von Süden her vor dem Kriege bewahrt; es hatte aber ohne Blut und Tränen so viel Schweres be­reit, daß es alles andere als ein Jahr beschaulichen Friedens war. Die Nähe der Schlachtfelder hat die Regierung gezwungen, das Land noch mehr als in den vergangenen Jahren in einen mybilmachungs« äbnlichen Zustand zu versetzen. Dazu ist das Er- nährungs-, Versorgungs- und Preisproblem zu einem Gegenstand ernstester Sorge und kaum zu be­wältigender Wucht geworden. Somit sind die inne­ren Probleme trotz der Notwendigkeit vorsichtigen Operierens in der Außenpolitik zu den zeitraubend­sten Fragen für Regierung und Volk geworden. Es zeugt von der Ausgeglichenheit des politischen Systems, wenn die Masse die Belastungen mannig­facher Art in einer Geduld und Genügsamkeit auf sich nimmt, die keineswegs nur mit dem Schlagwort Indifferenz zu erklären ist.

Ein großer Teil der Männer, von den jüngsten Jahrgängen bis zu den Grauköpfen, steht unter den Waffen, an den Grenzen, an Eifenbahnstrecken, in den Garnisonen, in Notunterkünften und Zelten. Unterdes stockt daheim das normale Leben, in den friedlichen Bereichen macht sich mehr und mehr Arbeitermangel unangenehm bemerkbar, die Pro­duktion in der Industrie und Landwirtschaft vor allem hat merklich nachgelassen, während anderseits ein erheblich verstärkter Bedarf herrscht. Die Lücken lassen sich nicht wie in normalen Zeiten durch den Import schließen, der teilweise fehlt oder zum min­desten erheblich stockt und dem Zufall unterliegt. So kommt es zu zahlreichen Mangelerscheinungen trotz einer nach westeuropäischen Begriffen recht großen Bedürfnislosigkett der breiten Masse. Dazu ist ein Rationierungssystem, wie es einige Zeit hindurch bestanden hatte und wie es in den bis ins letzte Dorf hinein durchorganisierten Verhältnissen eines modernen Landes des Westens angebracht ist, in diesem unvorstellbar weiten und in großen Ge­bieten völlig einsamen, fast im Urzustände besinb- ichen Lande nicht opportun; und so entschloß man ich trotz der damit verbundenen Gefahren in der Mitte des Jahres zu einer gewissen Lockerung. Aber wenn man sich davon eine Besserung der Versorgung und auch eine Preissenkung versprochen hatte, so Har sich diese Hoffnung inzwischen als trügerisch er­wiesen. Spekulation und Schwarzhan- d e l haben sich vielmehr leider der Dinge bemäch­tigen können und die Preislawine in die Tiefe stür­zen lassen. Die Preise sind gegenüber denen der normalen Verhältnisse oft um das Vier- und Fünf­fache, zuweilen noch mehr gestiegen, ohne daß die Einkommen zugenommen haben.

Die Regierung Saracoglu arbeitet Tag und Nacht daran, diese Probleme zu zwingen, unterliegt aber den Beschränkungen der gekennzeichneten geographi­schen und verwaltungsmäßigen Art. Man hat für große Schichten des Volkes, insbesondere die be­herrschende Landwirtschaft, aber auch für Militär und Beamte, für die Arbeiter und für notleidende Kinder Zuschüsse dieser und jener Art zu schaffen versucht und hier und da helfen, wenn auch noch nicht Nöte und Gejahren bannen können. So bietet

sich die innerpolitische Bilanz des Jahres für dis Türkei mit einem starken Debetsaldo. Ein Plus ist Ruhe und Geduld des Volkes und dessen Hoffnung, daß es der Staatsfuhrung gelingen möge, das Land auch im kommenden Jahre aus dem Kriege heraus­zuhalten.

Die türkische Außenpolitik ist nach Form und Inhalt seit langem festgelegt. Ihren formellen Rahmen bildet auf der einen Seite der britisch­türkische Bündnisvertrag von 1939, auf der anderen der deutsch-türkische Freundschaftsvertrag vom Jahre 1940. In zahlreichen Erklärungen, die Saracoglu, anfangs als Außenminister, zuletzt als Minister­präsident abgegeben hat, wurde diesem vertraglichen Rahmen der Inhalt gegeben.' Die Türkei will außerhalb dieses Krieges bleiben. Sie will ihre Neutralität bewahren. Weil der Weltkonflikt sich immer mehr ihren Grenzen genähert hat, bekennt sie sich zum Prinzip der bewaffneten Neutralität. Sie will nicht ein Atom ihrer Rechte als souveräner Staat preisgeben. Wer immer diesen ihren Stand­punkt anerkennt, mit dem will sie Freund bleiben, wer diesen Standpunkt negiert, den betrachtet sie als ihren Gegner. Das ist der Sinn der türkischen Außenpolitik seit 1939. An ihr hat sich im abge­laufenen Jahre nichts geändert, wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß das Durchhalten der Politik schwieriger geworden ist. Die Türkei glaubt aber weiterhin, daß es möglich sein wird, die Grundlinie der Politik bcizubehaiten.

Welche Schwierigkeiten sich ergeben können, hat die Türkei in den ersten Wochen des abgelaufenen wahres zu spüren bekommen, als sowjetrussische Terroristen am Atatürk-Boulevard zu Ankara ein Bombenattentat auf Botschafter von Papen ver­übten. Trotz aller Einschüchterungsversuche, an denen es Moskau nicht hat fehlen lasten, bat die türkische Regierung mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit und mit Erfolg den Versuch unternommen, in bas Dunkel dieses Attentats Licht zu bringen, um die Schuld an diesem Anschlag den tatsächlichen Schul­digen zuzusvrechen. In der Erkenntnis, daß nur die innere Konsolidierung dem Staate die Aussicht gibt, Subjekt der Politik zu bleiben, nimmt die türkische Regierung die Hilfe des Auslandes an. Sie hat das Kreditabkommen mit dem Deutschen Reich unter­zeichnet, das ihr die Möglichkeit gibt, die Auf­rüstung ihrer Armee auf Grund der letzten kriegs­technischen Erfahrungen durchzuführen. Die Türkei verhandelt mit England und den USA. über (Be­treibelieferungen, um ben Bebarf der Armee und der städtischen Bevölkerung, der infolge der ungünstigen Ernteergebnisse aus der eigenen Produktion nicht voll gedeckt werden kann, befriedigen zu können. Aber sie verhandelt sowohl mit dem Deutschen Reich als auch mit den Westmächten als Partner, der sich seine Handlungsfreiheit bewahrt hat und nicht auf Zuwendungen angewiesen ist, die an Bedingungen geknüpft werden, welche seiner Souveränität irgend­wie widersprechen könnten. Allerdings hat die bis­herige Politik der Türkei auch ihren Vertragspart­nern Gewähr dafür gegeben, baß die Lieferungen, gleichgültig, ob diese in Waffen ober in Lebensmit­teln bestehen, ausschließlich ben Bedürfnissen eines Staates bienen, der neutral lein und neutral fein kann,