Ausgabe 
5.3.1943
 
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Glück auf, Renate!

Roman von Ernst Grau.

13. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Renate Hammerkott wußte selbst nicht, wie es kam, daß sie das alles jetzt mit ganzsanderen Augen sah. Sie verstand es plötzlich , nicht mehr, daß sie Lieser Frau bisher nur mit kühler Abneigung be­gegnet war. Dumm und hochmütig war sie gewesen. Der Vater hatte es aus einer verständlichen Scheu vermieden, sich dazu zu äußern, aber sicher hatte sie auch ihm damit weh getan. Vielleicht fand sich bald eine Gelegenheit, das alles wieder gutzumachen, hoffentlich!

Woher es wohl kommen mochte, daß sie die Dinge hier in Hammerkott so anders sah, als vordem in Berlin. Auch diese Frau gab ihr wieder zu denken. Lag es nur daran, daß sie hier auf dem Boden der Heimat stand? Daß ihr der Vater fehlte, der einzige, mit dem sie sich aussprechen konnte? Oder war es? sie wagte nicht, diesen Gedanken weiterzuspinnen. Nein, sie wollte es nicht wahr haben. Aber klar und deutlich stand doch das Bild des Mannes vor ihr, der ihr gestern abend so fest die Hand gedrückt hatte, als sie ihm ein Wiedersehen versprechen mußte.

Warum hatte er sie um die Hergabe dieses Ver­sprechens so gedrängt, wenn er doch nicht die Ab­sicht hatte, ihr die Wahrheit zu sagen? ... bei Licht betrachtet ... sie durfte ihm ja deshalb nicht ein­mal böse sein. ... sie war über sich selbst doch auch nicht bei der Wahrheit geblieben ...

Verzweifelt kamen mit einem Male diese vielen ungelösten Fragen, diese bangen, widerstreitenden Gefühle, die von allen Seiten auf sie eindrangen, und von denen sie gestern noch nichts gewußt hatte. Eine Mutter fehlt mir, dachte sie gequält, eine Mut­ter, zu der ich mich in dieser Stunde flüchten könnte.

Alle fangen Menschen hatten eine Mutter, der sie ihren Kummer, ihre Sorgen und Nöte klagen konn­ten, bei der sie Rat und Hilfe fanden, wenn sie aus eigenem nicht mehr aus und ein wußten. Das Schicksal hatte sie auf diesen Platz gestellt als die Erbin dieses großen Werkes, das da in schweren Silhouetten schwarz gegen den gestirnten Himmel vor ihr stand. Sie war reich ... aber sie war zu­gleich arm ... die linde, tröstende Hand einer Mut­ter konnte aller Reichtum nicht ersetzen.

So stand sie und sah in die Nacht hinaus. Aus einem riesenhaften Netz, das man zwischen den bei­den höchsten Schornsteinen gespannt hatte, leuchtete aus blauen Lichtröhren der NameHammerkott" weit ins Land hinaus.

Das sonst so selbstsichere Mädchen war verzagt wie nie zuvor, als sie sich endlich niederfegte, und es dauerte noch sehr lange, bis sie den ersehnten Schlaf fand.

*

Lieber Walter ... ich mochte es Dir ersparen, daß Du bei Deinem nächsten Start enttäuscht und vergeblich auf mich wartest, und deshalb will ich Dir heute schon sagen, daß ich nicht kommen werde. Sei mir nicht böse, Walter. Ich will Dir meine Gründe sagen und ich weiß, daß Du mich dann verstehen wirst. Es war für mich sehr schwer, mich zu diesem Entschluß durchzuringen. Dir als Mann wird es vielleicht leichter werden, darüber Hinweg­zukommen.

Ich trage mich schon seit Wochen mit dem Ge­danken, Dir zu sagen, daß es für uns einen gemein­samen Weg nicht geben kann, und wenn ich bisher nicht davon gesprochen habe, so nimm es nicht nur als Feigheit. Ich wollte uns beiden den Abschied nicht unnötig schwer machen.

Es handelt sich um Renate. e

Sie steht zwischen uns, gestern und heute und würde auch in Zukunft immer zwischen uns stehen. Und als Mutter kann ich sie nur zu gut verstehen.

der Kampf werde immer schwerer, da nach systema­tischer Durchforschung des Landes offenbar wei­tere erhebliche Oelvorkommen festge­stellt worden seien, deren Ausbeutung Nordamerika- nische Gesellschaften anstreben.

Kleine politische Nachrichten.

Im Dezember 1942 sammelte eine Fliegerdivision 181 435,40 RM. für - das Winterhilfswerk 1942/43. Von dieser Spende brachte das Fallschirmjägerregi­ment 1 allein 115 840,20 RM. aus.

*

In der Washingtoner Sowjetbotschaft wurde mit- getellt, daß zwei ehemalige sozialistische Arbeiter­führer, die Polen $enn) Erlich und Viktor Alter, in Sowjetrußland hingerichtet wurden.

Der Vizepräsident des finnischen Reichstages, Pro­fessor Edwin L i n k o m i e s , hat mit den Reichs­tagsgruppen über die Bildung der Regierung auf einer möglichst breiten parlamentarischen Grundlage verhandelt. Nach diesen Verhandlungen erteilte der Staatspräsident ihm den Auftrag, eine neue Regie­rung zu bilden.

Kunst und Wissenschaft.

Paul Wagners hundertster Geburtstag.

Am 3. März war der 100. Geburtstag des vor 13 Jahren verstorbenen Forschers und Förderers der agrikulturchemischen Wissenschaften auf dem Gebiete der Pflanzenernährung, des Geheimen Hofrats Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. e. h. Dr. agr. h. c. Paul Wag­ner. Wagner hat die Lehre Liebigs weiter ausge- bcmt und zur Entwicklung der Kunstdüngerinduftrie Deutschlands wesentlich beigetragen. Bei Beginn des vorigen Weltkrieges hat er als einer der Ersten auf die Notwendigkeit hingewiesen, die deutsche Lust­stickstoffindustrie nach dem Haber-Bosch-Derfahren zu vergrößern und auszubauen Die Deutsche Land­wirtschafts-Gesellschaft zeickmete ihn für seine Ver­dienste mit den höchsten Ehren aus. Er war Eh­rendoktor der T. Darmstadt und der; Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin und Inhaber des Silberschildes des Deutschen Reiches. Geboren am 3. März 1843 zu Siebenem, studierte er in Erlan­gen und Göttingen. In Göttingen wirkte er als Pri- vatdozent, bis er 1872 an die Landwirtschaft­liche Untersuchungsstation in Darm­stadt berufen wurde, die er über 50 Jahre lang, bis 1923, fettete. Er starb in Darmstadt im Alter yon 87 Jahren. Von seinen Büchern sind die Schrift über Anwendung künstlicher Düngemittel und die Schrift über Ernährung gärtnerischer Kulturpflan­zen in vielen Auflagen erschienen.

Aus aller Wett.

Plünderer hingerichlel.

Dem Berliner Sondergericht wurden weitere Ver­brecher zugeführt, die sich in der Nacht zum 2. März an Hab und Gut der durch den Fliegerangriff be­troffenen Volksgenossen vergriffen hatten. Der 35jährige Karl Kreisel entdeckte, nachdem er sich an- fänglich in erheuchelter Hilfsbereitschaft an Auf» räumungsarbeiten beteiligt hatte, daß das Schau­fenster eines Lebensmittelgeschäftes in Trümmer ge­gangen war. Er holte eine Aktentasche und stopfte diese sowie seine Hosentaschen mit Lebensmitteln voll. Als verbrecherischerHelfer" erwies sich ferner der 50jährige Otto Detzel. Er drängte sich unter die bei Hilfsarbeiten eingesetzten Volksgenossen und be­teiligte sich zum Schein an der Ausräumung eines Lebensmittelgeschäftes, dessen Waren auf der Straße aufgestapelt werden sollten. Dabei ging er in den Verkaufsraum hinein und füllte sich seine Taschen mit Lebensmitteln. Auch stahl er Geld aus der Ladenkasse. Beide Volksschädlinge wurden wegen Plünderns zum Tode verurteilt. Die Urteile sind bereits vollstreckt worden.

Wertvolle Kunstwerke in Palermo vom Brilenterror ' zerstört.

. Bei einem Luftangriff auf Palermo ist die aus dem 17.Jahrhundert stammende Kirche Santa Civitä, die hohen künstlerischen Wert besaß, voll­kommen zerstört worden. Die aus dem 15. Jahr­hundert stammende Büßerkirche wurde schwer beschädigt. Die Kirche San Sebastiano und Santa Maria Novella sind durch Bomben vollständig zerstört worden. Die Kirchen Santa Anna, Santa Rita sowie die Basilika des heiligen Franz von Assisi wurden erheblich beschä­digt. Die Kirchen, die alle berühmte Kunstdenkmäler sind, liegen weitab von jedem militärischen Ziel.

Schweres Drandunglück am Nordkap.

In der kleinen norwegischen Ortschaft Kielvik am Porsanger Fjord (östlich vom Nordkap) brach in einem Kinderheim ein mit rasender Geschwindigkeit um sich greifendes Feuer aus, dem acht Kinder und eine Kindergärtnerin zum Opfer fielen.. Machtlos gegen das Feuer mußte die Bevölkerung der kleinen Ortschaft zusehen, wie sich die Katastrophe vollzog.

Aus der Siadi Gießen.

Prüfung der Herzen.

Die Reichsstraßensatnmlung im Februar, die zum erstenmal seit Bestehen des Winterhilfswerkes ohne Abzeichen durchgeführt wurde, brachte einen Erfolg, der in dieser Höhe überraschend kam eine Steige­rung des Ergebnisses u m f a st 1 0 0 v. H. Daß die­ser Erfolg sich in einer Zeit einstellte, die unter dem Schatten von Stalingrad stand, ist ein Zeichen da­für, wie stark und siegesbewußt das deutsche Herz ist und daß es gerade in schweiften Zeiten am gläu­bigsten und leidenschaftlichsten schlägt. Wer gemeint hatte, daß eine Sammlung ohne Abzeichen eine Kon­trolle des einzelnen unmöglich mache und daher nur ein geringeres Gesamtergebnis einbringen werde, wurde schlagend eines Besseren belehrt. Das deut­sche Volk hat diese Abzeichen niemals als Prüfstein, feines Gebewillens betrachtet.

Im allgemeinen werden wir uns in Zukunft dar­an gewöhnen müssen, ohne WHW.-Abzeichen aus­zukommen. Der totale Krieg braucht im Einsatz der Kräfte jede Hand und jedes Quentchen Rohstoff. Wenn uns auch die WHW.-Abzeichen als Symbole unseres sozialen Willens und als kleine Kunstwerke wert und vertraut geworden sind, so verzichten wir heute auf sie, weil wir alles für den Endsieg ein­setzen wollen. Die Bereitschaft zum Geben ist uns nicht eine Sache der Aeußerlichkeit, und die Hal­tung wird nicht dadurch bestimmt, wie viele Figür­chen jemand im Knopfloch trägt, sondern sie ist frei von jedem Protzentum und spricht aus Augen und Herzen.

Darum können wir auch unbesorgt um das Er­gebnis fein, wenn die bevorstehende Reichsstraßen- sammlung am 6. und 7. März wieder ohne Abzei­chen durchgeführt wird. Die Kampfgliederungen der Partei,., ff, NDKK. und das NS.-Fliegerkorps werden an den beiden Sammeltagen antreten und werden ihren Ehrgeiz dareinsetzen, auch diesen Sam­meltag zum leuchtenden Bekenntnis der ganzen Nation zu Kampf und Opfer werden zu lassen.

Der totale Krieg führt in diesen Tagen ein Heer von Frauen aus den Haushalten in die Werkstätten und FabrikfÄe. Jetzt zeigt es sich, daß viele Frauen und Mütter zwar immer gern für die NSV. ge­geben, aber nicht daran gedacht haben, von ihren Einrichtungen Gebrauch zu machen. Selbstverständ­lich ist die NSV. dazu da, den arbeitenden Müttern weitgehend die Sorgen um das Wohl ihrer Kinder abzunehmen. Am 30. Juni 1942 gab es im ganzen Reichsgebiet bereits rund 28 000 Kindertagesstätten mit über 1,1 Million Plätzen.

Diese Zahlen reichen heute nicht mehr aus. Hun­derttausende von Kindern, deren Mütter in den kom­menden Wochen der Arbeitsverpflichtung folgen werden, sollen tagsüber von der NSV. betreut wer­den. Da die vorhandenen Einrichtungen dafür nicht ausreichen, wird die NSV. neue Unterbringungs­möglichkeiten für die Kinder aufspüren. Sie wird auch diese neue Aufgabe lösen, damit die Mütter unbeschwert von familiären Sorgen ihrer kriegs­wichtigen Arbeit dienen können.

In den Kindertagesstätten wird für das Wohl der Kinder in vorbildlicher Weise gesorgt. Sie er­halten 3u den mitgebrachten Frühstücksbroten vita­minhaltige Zusatzkost, kräftiges und reichliches Mit­tagessen und am Nachmittag ein Getränk, das ent­weder aus deutschem Tee, Milch oder Kakao besteht. Regelmäßige ärztliche Ueberwachung der Kinder sichert deren Gesundheit. Lebertran, Vitamin und wo es nötig ist auch die Höhensonne schalten sich dabei als Hefter des Arztes ein.

So macht sich die NSV. zur Treuhänderin aller Mütter, besonders aber jener, die ihre Arbeitskraft ihrem Vaterlande geben. Wie allein hier ein großer Teil der Geldmittel, die aus den Reichsstraßensamm­lungen des Winterhilfswerkes und aus den Opfer» fonntagen kommen, wieder in das Volk zurückfließt als ein kraftvoller und helfender Strom, das wollen wir uns an den kommenden beiden Sammeltagen vor Augen halten.

Vor allem aber denken wir an den Heldenkampf unser er todesmutiaen Soldaten. Vor ihm verstummt jeder Appell zur Svende, denn die Verpflichtung der Heimat ihnen gegenüber ist größer und stärker als alle Worte ausdrücken können. G.

Reifeprüfung

in der Oberschule für Mädchen.

Am 2., 3. und 4. März fanden in der Oberschule für Mädchen in Gießen die Reifeprüfungen der Schülerinnen der Klassen VIII a H, VIII b H und VIIIS statt. Die Prüfungen am ersten Tage wur­den unter Leitung des Oberschulrats Beck als Re- gierungsvertteters durchgeführt, an den beiden fol­genden Prüfungstagen führte der Schulleiter, Ober­studiendirektor Schelhorn, den Vorsitz. Der Reifeprüfung unterzogen sich 50 Schülerinnen, die sämtlich bestanden.

Der Pate des Hofes.

Oie Betreuung verwaister Betriebe auf dem Lande.

Auf dem Lande darf es mit Rücksicht auf die Er­nährungssicherung des Volkes keine Lücken geben, auch wenn immer mehr Bauern und Landarbeiter den Pflug mit der Waffe vertauschen. Es ist Ehren­pflicht, daß einer für den anderen ein springt und. durch Nachbarschaftshilfe alle Aufgaben ge­meistert werden. Zur Untermauerung dieser Nach­barschaftshilfe hat jetzt der Reichsnährstand die Er­richtung von Hofpatenschaften verfügt. Da­mit ist ein reichseinheitlicher Rahmen für die Be­treuungsmaßnahmen geschaffen worden, die sich bis­her schon überall auf freiwilliger Basis entwickelt haben.

Die Durchführung der Hofpatenschaft wird durch eine Anordnung des OKW. erleichtert, wonach die vom Wehrdienst freigestellten landwirtschaftlichen Betriebsführer nicht allein für ihren Betrieb, son­dern gleichzeitig für die Aufrechterhaltung der ver­waisten Betriebe verpflichtet werden. Die Hofpaten­schaft beruht auf einer Vereinbarung, die von dem Ortsbauernführer zwischen dem verwaisten Betrieb und dem Ho spaten getroffen wird. Der Hofpate hat

die Pflicht, die dem Betriebsführer obliegenden Auf­gaben zur Leitung des Betriebes für die Dauer feiner Verhinderung zu erfüllen. Dies hat im Wege der Beratung zu geschehen. Auch die lausende Be° obachtung imb Lenkung des Betriebsablaufs und die Unterstützung der Familienangehörigen bei der Ver­tretung der Betriebsinteressen gehört dazu. Im Ein­verständnis mit den 'Beteiligten kann der Hofpate nötigenfalls auch weitere Äufgaben übernehmen. Eine andere Möglichkeit der Hofpatenschaft ist die gemeinsame Bewirtschaftung des eigenen und des Patenbetriebes. Nicht berechtigt ist der Hofpate, ir­gendwelche Verfügungen über Grundstücke oder über den Bestand an lebendem oder totem Inventar zu treffen. In diesem Falle ist stets der bevollmächtigte Vertreter des abwesenden Betriebsführers entschei­dend.

Der Hofpate übt fein Amt ehrenamtlich und unent­geltlich aus. Die Hofpatenschaft wird für jeden sor« gebebürftegen Betrieb errichtet, dessen Betriebsfüh- rung nicht mehr in zufriedenstellender Weise sicher­gestellt werden kann.

Drückebergerei wird nicht geduldet.

Gesundheitszustand und Einsahfähigkeit werden gewiffenhast geprüft.

NSG. Von zuständiger Sette wird mitgeteilt: Bei der zur Zeit im Gange befindlichen Mobilisierung der inländischen Reserven für den Kriegseinsatz werden selbstverständlich da ganze Personengrup­pen geschlossen erfaßt werden auch solche Volks­genossen zum Arbeitsamt vorgeladen, deren Einsatz- fähigkeit aus gesundheitlichen Gründen begrenzt ist oder die in weniger häufigen Fällen für den Einsatz nicht mehr in Betracht kommen. Die melde- pflichtigen Personen haben bei der Ausfüllung der Meldebogen Gelegenheit gchabt, auf körperliche Be­schwerden ober Leiden, die ihrer Ansicht nach die Einsatzfähigkeit verringern ober in Frage stellen, hinzuweisen unb auch die ihnen bereits vorliegenden Belege hierfür (ärztliche Bescheinigungen unb der­gleichen) vorzulegen. Auch bei der Arbeitsberatung zu der die Volksgenossen vom Arbeitsamt vorgela­den werden, können solche Belege, wenn sie bereits früher ausgestellt worden sind, mitgebracht werden. Es ist jedoch zwecklos wie bereits früher mitge­teilt, behandelnde Aerzte um die Ausstellung von Attesten über die Einsatz fähig kett zu bitten, da die Aerzte ber artige Zeugnisse nach einer Anordnung des Re'ichsärzteführers vom 29. Januar 1943 nicht ausstellen dürfen. Dagegen werden die Amtsärzte der Arbeitsämter dann, wenn eine ärztliche Ueber- prüfung notwendig ist, die bei anderen Aerzten, Instituten, Kliniken usw. bereits porhandenen Unter­lagen und Kenntnnisse für die Beurteilung ber Ein- satz-fähigkett mit heranziehen, damit jeder Fall richtig gewürdigt wird und neue, entbehrliche Untersuchun­gen erspart bleiben. Der Reichsärzteführer hat klar- gestellt, daß solchen Auskünften unnb Berichten ber Aerzte und sonstigen Stellen die ärztliche Schweige­pflicht nicht entgegensteht. Jeder Meldepflichtige hat bei ber Arbeitsberatung ober der Rücksprache mit bem Amtsarzt des Arbeitsamtes Gelegenheit, die be­handelnden Aerzte ober Institute anzugeben, die über seine Krankheit, über frühere Operationen unb dergleichen Auskunft geben fögrien.

Es wird somit von feiten der Arbeitsbehörden alles getan, um die Fälle, in denen der Gesundheits­zustand einen Einsatz nicht zuläßt ober eine ver­kürzte Arbeitszeit verlangt, ober auch eine besondere Art der Beschäftigung notwendig macht, rechtzeitig zu erkennen und danach die Entscheidung über den Arbeitseinsatz einzurichten. Alle Fälle, in denen die Einsatzfähigkeit aus gesundbeitlichen Gründen zwei­felhaft ist, werden vom ärztlichen Dienst des Arbeits­amtes sorgfältig überprüft und durch eigene Unter­suchungen, Heranziehung der nötigen Unterlagen ober auch durch Untersuchunaen bei Spezialär.zten, in Kliniken usw. geklärt. Die Amts- und Ver­trauensärzte der Arbeitsämter haben durch ihre langjährigen Erfahrungen auf diesem Gebiete einen besonderen Blick dafür, welche Wirkungen sich aus gegenwärtigen ober früheren Krankheiten auf bie Arbeitseinsatzfähigkeit ergeben. Deshalb obliegt ihnen im Zweifelsfall auch bie enbgüüige Ent­scheidung.

Es kommt ben Arbeitsbehörben bei der gegen­wärtigen Aktion keineswegs darauf an, etwa wahl­los in kürzester Frist den Betrieben eine möglichst große Zabt von Arbeitskräften zuzuweisen, wenn dabei auch Personen zugeteilt würden, die über kurz ober lang wegen gesunbbeitlicher Mängel wieber ausscheiben müßten. Es ist bekannt, daß sich unter den Meldevflichtiaen manche Versonen, insbesondere

Frauen, befinden, die bisher aus gesundheillichen Gründen nicht berufstätig sein konnten, ober die schon wegen ihres Alters und der mit ihm verbunde­nen natürlichen Umstellungsvorgänge körpttlich- seelischer Art gewisse Beschwerden und Schwierig- feiten haben. Die Arbeitsämter sind durch eingehende Weisungen des Generalbevollmächtigten für den. Arbeitseinsatz gehalten, auf diese Gesichtspunkte bei der Entscheidung über ben Arbeitseinsatz unb bie Art ber zuzuweisenden Tätigkeit zu achten.

Anderseits geht es nicht an, baß einzelne Melde- pflichtige etwa versuchen, durch Vorschüßen oder Aufbauschen von Leiden ober Beschwerben, aus­führliche Schilberung bereits durchgemachter Er­krankungen, bie aber offensichtlich keine Nachwir­kungen mehr haben, sich dem Arbeitseinsatz zu ent­ziehen ober einen bequemeren Arbeitsplatz zu ver­schaffen. Bisher nicht berufstätige Personen, unb namentlich Frauen, sinb erfahrungsgemäß leicht ge­neigt, bie Schwierigkeiten des ^Berufslebens zu über­schätzen, da sie keine praktische Anschauung vom Ar­beitsleben und seinem täglichen Ablauf haben. Es gibt zahllose Fälle, in denen Männer unb Frauen auch mit kleinen ober größeren körperlichen Serben eine bestimmte ober sogar vollgültige berufliche Lei­stung erbringen. Dies gilt vor allem auch für Fa­brikarbeit, die keineswegs, wie manche Frauen im­mer noch annehmen, prinzipiell gesundheitsschäblich ist. Auch in den Fabriken muß in sehr vielen Fäl­len und jetzt im Kriege, wo alle Fertigungen in großen Serien laufen, mehr denn je leichte unb leichteste Arbeit, insbesondere Montagearbeit, ge­leistet werden. Wer körperlich nicht voll leistungs­fähig ist, wird deshalb solche ober ähnliche Arbeit erhalten oder auch verkürzt arbeiten. Außerdem sind heute bie Arbeitsplätze, Hilfsmaschinen, der Fer» tigyngsoerlauf, bie sozialen und gesundheitlichen Einrichtungen in den Betrieben schon so weitgehend auf Frauenbeschäftigung eingerichtet, daß auch da­durch die Arbeit erleichtert wird. Deshalb muß von allen Meldep'lichtigen erwartet werden, daß sie sich nicht hinter kleineren ober längst überwundenen ge­sundheitlichen Mängeln verstecken unb ben Arbeits­einsatz burch langwierige Erörterung berarttger Fragen verzögern.

Die Arbeitsämter verfügen in ihrer ärztlichen Dienst über eine Einrichtung, die durchaus in der Lage ist, die Fälle ber wirklich Schonungsbedürf­tigen und Nicht-Einsatzfähigen von solchen zu unter­scheiden, in denen der eine oder andere Unverstän­dige seinen privaten Vorteil sucht. Ein unbegrün­detes Herausstellen angeblicher ober unbedeutender Gesundheitsmängel wäre deshalb zwecklos, es wäre überdies was wichtiger ist dem heutigen Ernst der Lage und den Opfern der Front nicht angemes­sen. Auch könnte dadurch die große Mehrheit der einsichtigen Volksgenossen wenigstens vorüber- aehend benachteiligt würden, die auch in ber Frage der Meldepflicht unb des Kriegseinsatzes wis­sen, was sie zu tun haben.

Wer w'll Unteroffizier werden?

Ieber junge Deutsche, ber gesund, zuverlässig und einsatzbereit ist, kann mit 17 Jahren als Unteroffi­zier-Bewerber in das großdeutsche Heer eintreten. Verpflichtung kann erfolgen für eine Dienstzeit von 4Vs oder 12 Jahren. Meldungen nimmt zu jeder

Sie hat die eigene Mutter zu früh verloren, sie hat niemanden als Dich und ihr kindlicher Egois­mus sieht in mir diejenige, die ihr auch dieses Letzte nehmen will. Du hofftest vielleicht, daß die Zeit auch hier ausgleichend unb heilend wirken würde.

Ich hoffte es wohl auch, aber ich habe inzwischen einsehen gelernt, daß sich diese Hoffnung nicht er­füllen wird. Ich sah Renate das letztemal, als ich Dich nach Deinem Unfall im Krankenhaus besuchte. Wir begegneten uns auf dem Korridor, es war die Stunde, in der ein Mensch zum Menschen finden konnte, wenn er es wollte. Aber sie ging an mir vorüber, wie an einer Fremden. Schlimmer noch, wie an einem Menschen, den man nicht sehen will und der diese Absicht greifbar deutlich fühlen soll. Ich werde diesen Augenblick auf bem stillen Korri­dor so leicht nicht vergessen. Diese abweisenden Augen werden mir noch lange gegenwärtig fein. Glaube mir, es hat sehr viel Ueberminbung ge­kostet, als ich eine Minute später Dir selbst gegen» überstand und nicht merken lassen durfte, wie es nach dieser Begegnung in mir aussah.

Seitdem habe ich oft und viel darüber nachge­dacht. Ich wollte auch zu Dir davon sprechen, doch wenn ich Dich bann so sorglos heiter neben mir sah, schwieg ich wieber und hoffte auf etwas, das wohl nie sein wirb. Denn ich weiß heute, daß diese Hoffnung eine trügerische war, unb deshalb ist es für uns beide besser, wenn ich meinen Weg allein weitergehe. Ich will mich nicht zwischen Dich und Dein Kind drängen. Kein Glück ist von Dauer, das sich auf dem Unglück eines anderen aufbaut. Wir haben vor vielen Jahren schon einmal fernen müs­sen, aufeinander zu verzichten. Wir sind darüber hinweggekommen und werden es auch jetzt über­winden. Es ist besser so, Walter. Heute wirst Du vielleicht murren, aber auch für Dich wird einmal ber Tag kommen, an dem Du mir recht geben wirft. Du hast Dein Kind, Deinen Beruf und bas Werk, das Dir Dein Vater hinterlassen hat, es ist genug, übergenug, einem Leben reichen Inhalt zu

geben. Und ich ... ich habe meinen Jungen. Er ist einer Deiner glühendsten Bewunderer. Es wird eine schwere Stunde sein, wenn ich ihm von diesem Briefe sagen werde. Er wähnte mich bei Dir in sicherer Hut. Würbe ich heute schon mit ihm spre­chen, er würde in seiner Sorge um mich auf feinen Lieblingswunsch, zur Marine zu gehen, verzichten. So fahre ich Ende des Ptonats mit ihm nach Kiel, und erst nach seiner Einstellung wird er von meinem Entschluß erfahren.

Ich bitte Dich von Herzen, lieber Freund, mir nicht mehr zu schreiben. Es würde mir nur das Herz noch schwerer machen. Denn mein Entschluß sicht so fest, baß nur ein Wunber ihn umstoßen könnte. Und ... Menschen in unserem Alter wissen bas sehr gut ... Wunder geschehen heute nicht mehr.

Leb' wohl. Thora."

Walter Hammerkott hatte ben Brief einmal flüch- tig überflogen unb war bestürzt von bem, was aus diesen Zeilen auf ihn einbrang. Dann las er ihn ein zweites Mal, nachbenklich und nachfühlend Wort für Wort, unb ein nachsichtiges Lächeln stand um seinen Munb.

Ja ... So war Thora Kersten. So konnte nur Thora Kersten schreiben und handeln. Ein weicher, anschmiegsamer Mensch, der alles opferte für die wenigen Menschen, bie er liebte. Der debenkenlos unb ohne zu fragen bas Letzte hergab. wenn es von ihm verlangt wurde, der lieber selbst still beiseite trat, wenn er sich Hindernissen gegenüber sah, die ihm unüberwindlich schienen. Selbstlose Hingabe upd aufopfernde Liebe waren die Bezirke, in denen sich Thoras Tun und Denken bewegten. Aber das Kämpferische, ber Wille, sich durchzusetzen, diese Dinge waren ihrem Herzen fremd geblieben. So war es heute und so war es schon damals ge­wesen. Und Walter Hammerkott liebte diese Frau, bie in ihrem ureigensten Wesen so ganz anders ge­artet mar, als er selbst und in ber er deshalb die beste Ergänzung seines eigenen Ichs sah.

(Fortsetzung folgt)