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Gießener Anzeiger
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(95. Jahrgang Nr. 5
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Die Ll-dool-Sefahr Englands dunkler Punkt.
Lord Hankey warnt vor unangebrachtem Optimismus.
Stockholm, 4. Ian. (Europapreß.) „Der U-Boot-Krieg ist ein dunkler Punkt in dem Bild, das sich die Westmächte militärisch von 1943 machen", berichtet der Londoner Korrespondent von „Svenska Dagbladet". Immer wieder sei in den Rückblicken am Jahresende betont worden, daß die U-Boot-Gefahr in England noch- nicht genug beachtet werde. Lord H a n k e y, der als langjähriger Mitarbeiter im Verteidigungsausschuß über die Hilfsquellen und strategischen Möglichkeiten Großbritanniens hervorragend informiert ist, halte den Schutz der Schiffahrt der Westmächte für sehr unzureichend. Die Vernichtung der Unterseeboote hätte im Vorjahr eine der wichtigsten Dorbereitungsurbei- ten für die großen Operationen des Jahres 1943 sein sollen, sagte Lord Hankey. Diese Arbeit sei nicht vollführt worden. Sporadische Bombenangriffe auf U-Boot-Häfen, U-Boot-Werften und die Operalionsbasen der U-Boote hätten keine größere Wirkung gehabt. Noch immer sei die Zahl der zerstörten Unterseeboote geringer als die der neu hergestellten. Dagegen hätten die Schisfsoer- luste der Westmächte die Rekord Produktion der Neubauten im Laufe des Krieges um mehr als das Doppelte überschritten. „Unsere Ausdauer", so schloß Lord Hankey, „beruht auf den Seeoerbindungen, diese sind die entscheidenden Faktoren."
Die Feststellungen Lord Sankeys sind nicht allein durch ihren sachlichen Gehalt wichtig. Im englisch
sprechenden Bereich wirkt sein bloßer Name wie ein Trompetenstoß. Er war durch viele Jahre der eigentliche Regisseur der englischen Politik. Er ist gebürtiger Australier und steht jetzt im 66. Lebensjahr. 1902 wurde er von dem britischen Großadmiral Lord Fisher in die Nachrichtenabteilung der Admiralität berufen. Sechs Jahre später wurde Hankey Sekretär des englischen Rcichsvertei'digungs- allsschusses. Bis zur Jahrhundertwende war die britische Strategie und Außenpolitik auf das englische Mutterland abgestellt, seitdem wurde sie im Zusammenhang mit den überseeischen Reichsproblemen gesehen. Als Sekretär des Reichsverteidigungsausschusses gewann Lord Hankey eine intime Kenntnis aller Vorgänge. Die Informationen der geheimen Dienste liefen durch seine Hand. Regierungen kamen und gingen. Lord Hankey blieb in seiner Stellung bis zum Jahre 1938. Nach dem ersten Weltkrieg bewilligten lhm beide Häuser des Parlaments eine Ehrengabe von 500 000 RM. Er war der „Hüter britischer Staatsgeheimnisse". Zweimal schon hat Lord Hankey gewarnt. Nach dem Fall Singapurs sagte er im Oberhaus, daß nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Soldaten größte Sorge „über eine der ernstesten Perioden unserer Nationalgeschichte" herrsche. Jetzt — neun Monate später — schiebt er allen rosenroten Optimismus, alle spekulativen Phantastereien beiseite und sagt feinen Landsleuten die Wahrheit über die U-Boote. .
Oie Verwirrung in Nordafrika.
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Rom, 4. Jan. (Europapreß.) Nach der letzten Ab'ichr, die de Gaulle in seiner Londoner Rund- funfertlärung dem General Giraud erteilt hat, besteht vorlauftg feine Aussicht auf eine Verständigung zwischen ihnen, schreibt die talienische Presse zur neuesten Entwicklung in Nordafrika. „Pvpolo di Roma" berichtet aus Tanger, es scheine jetzt, daß Giraud keine Möglichkeit habe, he Gaulles Anschauung zu teilen, der' die politische Leitung unter Ausschluß von Nogues, Boisson, Ber- ;eret, Ehapelle und den anderen Verrätern unter um Befahl Eisenhowers übernehmen wolle. ..Wenn he Gaulle", so fährt das Blatt fort, „sich mit Giraud verständigen will, dann muß er fein Urteil gegen »le ehemaligen Mitarbeiter von Vichy, die sich um tue Armee geschart haben, andern. Daß die Nord- lmerikcmer nicht daran denken, diese fallen zu assen und also weiterhin gegen de Gaulle arbeiten, lebt daraus hervor, daß Eisenhower seine milttäri- che Hilfe für diese Generäle verstärkt."
Weitere Nachrichten sprechen von einer deutlichen vntispanischen Politik des Generals Giraud. Die Freilassung von spanischen Kommunisten und Sozialrevolutionären aus den nord- ofrikanischen Gefängnissen ist eine Maßnahme Gier uds, um vor allem rotspanische Elemente für seine Gruppen anzuwerben. Ein heilloser Wirrwarr errscht in den Vorstellungen der Freiwilligen, die ch in Marokko zum Kriegsdienst melden, über le Ziele des Kampfes, zu dem sie aufgerufen 3orben sind. Ein Sonderkorrespondent des „Gior- ale d'Italia" in Tanger berichtet, daß die einen sich um Kampf für Giraud, die anderen f ü r b e Gaulle melden. Es gibt sogar welche, die er- lären, daß sie für P 6 t a i n kämpfen, während nhe aus unklaren Ressentiments Krieg führen zollen. Die Juden schließlich erklären, daß sie sich ir Israel einsetzen. Das amerikanische Oberkom
mando wolle von einem gemeinsamen französisch- amerikanischen Kampfeinsatz nichts wissen, meldet „Giomale d'Italia" weiter. Eisenhower habe kein Vertrauen zu den französischen Soldaten. Es liege auch General Eisenhower nichts daran, die Lage Frankreichs wieder auf den Stand vom September 1939 zurückzuführen. Zweck der amerikanischen Landung sei vielmehr, von diesem Teil Afrikas im 91 amen Roosevelts Besitz zu ergreifen und dem englischen Vetter einen hinterlistigen Streich zu versetzen. E.senhower habe, was in Tanger besonderes Aussehen erregte, auch den rotspanischen Häuptling Ne g rin empfangen. Vor diesem Empfang wären die Angehörigen der Internationalen^ ^Brigade sreigelassen worden.
Das Echo in Vichy.
Vichy, 5. Ian. (Europapreß.) In der massen- weisen Freilassung von Kommunisten in Französisch- Nordafrika erblickt man in Vichy eine erneute Bestätigung für die kürzlich von Laval getroffene Feststellung, daß die Engländer und Nordamerikaner die Quartiermacherdes Bolschewis- mus in Europa sind. London und Washington setzten die gleichen Elemente, die die französische Negierung wegen ihres gemeingefährlichen Charakters hatte einsperren lassen, wieder auf freien Fuß. Unter diesen Umständen fei es unverständlich, daß es noch Leute geben könne, die ernsthaft an eine freiwillige Rückgabe der geraubten französischen Kolonialgebiete durch die Angelsachsen glaubten. Diese sei um so weniger zu erwarten, wenn man bedenke, daß die Angelsachsen aus Nordafrika eine Art jüdischer Zufluchtsstätte machen wollten, indem man mehrere zehntausend Juden nach dorthin verpflanze.
Das LtEA-Weiß-uch dokumentiert Roosevelts Kriegswillen.
Was LlGA.-Denatoren erklären.
Stockholm, 4. Ian. (Europapreß.) Aus der scharfen Kritik von nordamerikanischen Senatoren Lv dem soeben herausgegebenen USA.-Weißbuch gcht hervor, daß das Staatsdepartement ben Ausbruch des pazifischen Krieges klar vorausgesehen und trotzdem keine entsprechenden Maßnahmen zu seiner Verhinderung qeiroffen kt So erklärte nach der Lektüre des Weißbuches d-r republikanische Senator Taft (Ohio), Corbell Hulls Mitteilung an ben britischen Botschafter eine Koche vor bem japanischen Angriff auf Pearl Har- ! tour, daß ber diplomatische Teil der Verhandlungen I mit Japan nunmehr abgeschlossen fei und die Sache jkzt die Armee und die Flotte angehe, zeige, daß tos Staatsdepartement in voller Kenntnis der Lage war. Der republikanische Senator Willy (Wisconsin) meinte, man hätte bem Ausbruch tor Feindseligkeiten vorbeugen können, wenn ber Ämgrefj um ben Ernst ber Situation gewußt hätte. Fs war bie ge'stige Isolierung, die ben Angriff atf Pearl Harbour möglich gemacht hat", erklärte Tiley. Zahlreiche Kongreßabgeorbnete brachten nach Durchsicht des Weißbuches f-h^rfe Angriffe gegen bie 3~mee und bie Flotte ber USA. wegen ihrer mangel- tosten Zusammenarbeit mit ben Ministerien zum Ausdruck.
Roosevelts „Kriegsideale".
Madrid, 5. Ian. (DNB. Funkspruch.) Die yhhnber Zeitung „Alcazar" schreibt, Roospnelts Deißbuch zeige das schlechte Gewissen der USA.- ^gierung unb deren Wunsch, sich vor der £>effent= lHkeit. zu rechtfertigen sowie die Kongreßdebatte W beeinflussen. Die demokratischen Staaten beweg- lrr sich heute in einem Teufelskreis zwi - e n Demokratie unb Diktatur und Wirten gleichzeitig, ftänbig die öffentliche Meinung berücksichtigen, nachdem sie durch chre Politiker in
eine Sackgasse gerieten. Die USA. hätten äußerlich zwar noch demokratische Staatsformen, Roosevelts Vollmachten jedoch seien durchaus diktatorisch. Zur Festigung seiner eigenen Position sei Roosevelt b e m Krieg zugesteuert, wovon man sich in ben USA. große Erfolge unb vor allem große Geschäfte versprach. Diese Hoffnungen seien jedoch nicht erfüllt worden. Daher versuche die USA.- Regierung nun, sich durch Ausklügelung von ,Kriegsidealen" zu rechtfertigen.
Devisenschieber als Kronzeuge Roosevelts.
Berlin, 4. Jan. (DNB.) Roosevelt stützt sich in feinem Weißbuch — wie gemeldet — nicht etwa auf Aussagen seiner Botschafter und Geschäftsträger, wie man allen'alls hätte erwarten können, sondern auf „Informationen" des früheren nordamerikani- schen Handelsattaches in Berlin Douglas Miller, den Verfasser fragwürdiger Feuilletons unb des Buches „You can do Business with Hitler“. Für die Person Millers, den sich Roosevelt hier als bezeichnenden Kronzeugen gewähtt hat, ist folgendes charakteristisch:
Miller benutzte jahrelang den nordamerika- nijdjen Kurier fad, um deutsche Mark nach USA. zu verschieben unb diese dort von jüdischen Emigranten verkaufen zu lassen. Außerdem half er jüdischen Emigranten noch auf andere Weise, Vermögenswerte nach den USA. zu verschieben und nahm dafür hohe Kommissionssätze. Er mußte deshalb von der USA.-Botschast in Berlin verschiedentlich gewarnt werden. Als zu wiederholten Malen entdeckt wurde, daß er den Kuriersack für seine unsauberen Geschätte benutzt hatte, wurde er auf Veranlassung des Geschäftsträgers nach den USA. ab- geschoben und cus den Diensten des Staatsdepar
tements entlüften. Ein USA.-Hauptmann erklärte damals: „Wir hatten Angst, daß er von der deutschen Polizei eines Tages geschnappt würde, weil zuviele Personen bereits von seinen Schiebungen wußten." — Miller ging damals dann als Uni- oersitätsdozent nach Denver und fing an, sich durch eine wilde Hetze gegen Deutschland wieder beim Staatsdepartement beliebt zu machen. Wie bie Ereignisse beweisen, ist ihm dies gelungen. Roosevelt sand in diesem Devisenschieber bie geeignete „Persönlichkeit" für seine dunklen Machenschaften.
Die USA.-Industrie verdrängt England aus Südamerika.
Genf, 4. Jan. (DNB.) Englanbs Geschäftswelt, bie sich bereits jetzt Sorgen barüber macht, wie am Ende dieses Krieges die Kriegsschuld abgebedt werden soll, erlebt täglich neue unangenehme lieber» raschungen. Dachte man noch gestern, zur Steigerung ber Staatseinnahmen bie Ausfuhr nach S übamerika zu verstärken, so machen heute bie USA. einen Strich burch biese Rechnung. Wie nämlich bie amerikanische Zeitschrift „Time" berichtet, sind verschiebene nordamerikanische Industriebetriebe nach Sübamerika unb Mexiko verlegt worden, um die Fertigwaren, bie früher Großbritannien lieferte, bort herzustellen. Nach Brasilien, Chile, Venezuela unb Mexiko seien bereits aus ben USA. sechs Textilbetriebe, ein Hochofenwerk unb eine Akkumulatorenfabrik verlegt worben. In Washington plane man, 500 weitere Werke umzusiedeln. Der Verwirklichung dieses Planes stehd nur noch eine Schwierigkeit im Wege: die Schiffsknappheit.
»Deutsche Jäger tüchtig und zahlreich"
S t o ck h o l m, 5. Jan. (DNB. Funkspruch.) USA.- Flieger, bie in England stationiert sind, berichteten, daß die deutschen Jagdflieger außerordentlich tüchtig und zahlreich wären und eine „neue Taktik" bei der Bekämpfung ber mehrmotorigen Bomber entwickelt hätten, mit der sie schon gute Erfolge gehabt hätten. — Der schwere Schlag, der ben feindlichen Luftstreitkräften am Sonntag durch den Abschuß von 16 mehrmotorigen Flugzeugen an der Atlantikküste zugefügt wurde, hat die Amerikaner offenbar zu diesem Eingeständnis gezwungen.
Englands großer Irrtum.
Es muß als ein sicheres Kennzeichen bes Verfalls britischer Staatsmannskunst und darüber hinaus als ein solches des Niederganges des Empires bewertet werben, baß Churchill, Eben unb Genossen fortfahren, ihre zugleich banalen unb pompösen Phrasen über diesen Krieg zu breschen, ernst zu nehmenbe britische Zeitschr.ften aber ben wahren Stanb ber Dinge um Großbritannien enthüllen. Das trifft vor allem für bas Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten unb dem britischen Weltteich zu, über bas vor kurzem bie britische Wochenschrift „New Statesman and Nation" den enthüllenden Satz schrieb: „1942 sind bie USA. in die von Großbritannien im 19. Jahrhundert eingenommene Stellung gerückt. Technisch gesehen ist ber Atlantik zum Aermelkanal geworben, während dieser für England nur noch ben Wert einer größere Tankfalle besitzt. Entsprechend dieser Wandlung verändert sich auch die Denkweise der beiden Völker." In bem Artikel ist bann noch von bem „wachsenden Nationalbewußtsein" der Nordamerikaner die Rebe und von dem „geradezu pathologischen Eng- landhaß" bestimmter Kreise der USA, ber vor allem dem Engländer auffalle, der heute nach den Vereinigten Staaten komme.
Es wäre reichlich oberflächlich gedacht, wollte' man dieses veränderte Verhältnis einzig und allein auf die Enttäuschung schieben, die England durch seine Niederlagen am laufenden Band in diesem Kriege den Pankees "bereitet hat. Nein, die Ursachen liegen viel weiter zurück, sind aber von den Briten mit geradezu sträflicher Nachlässigkeit verkannt worden. Legt man ben Beginn der imperialistischen Politik ber USA. in die Jahre 1897 und 1898, also in die Zeit des Erwerbs von Hawai, des Krieges mit Spanien, der Besetzung von Puerto Rico und der Philippinen, bann darf man nicht vergessen, anzuführen, daß seit 1896 England die Nadelstichpolitik gegenüber Washington aufgab und mit allen Mitteln eine Annäherung suchte, die durch Lord Salisbury am 31. Januar 1896 auch offiziell durch die feierliche Anerkennung der Monroe-Doktrin ausgesprochen wurde. England nahm diese Schwenkung seiner Außenpolitik nun nicht etwa aus rein altruistischen Gründen vor oder aus der Erkenntnis der blutsmäßigen Verbundenheit der Neuen Welt mit dem „Mutterland", sondern einzig und allein mit dem Blick auf Deutschland. Es wollte bei einer kommenden Auseinandersetzung mit der jüngsten und vor allem wirtschaftlich außerordentlich kräftig emporstrebenden Welt-
Argentinische Neutralität.
Von unserem H. K. H.-Berichterstatter.
Buenos Aires, im Dezember 1942.
Der argentinische Vizepräsident C a ft i 11 o erklärte am letzten Tag des Jahres 1941, als Journalisten ihn fragten, ob Argentinien bem auf bem amerikanischen Kontinent sich ausdehnenben Krieg beitreten werbe: „Hier wirb es keinen Krieg geben." Fast ein Jahr später erklärte bersetbe Castillo, ber nun nach bem Rücktritt des Präsidenten Ortiz in das Amt des Präsidenten eingerückt ist, als er mit bem spanischen Jsabellen-Orben ausgezeichnet würbe: „Dir argentinische Republik, welche auf Grunb ihrer geographischen Lage unb durch freiwillig unterzeichnete Abkommen gebunden ist, wird freundschaftliche Beziehungen mit allen Nationen aufrechterhalten, welche ihre Unabhängigkeit unb territoriale Integrität respektieren." Diese beiden Erklärungen charakterisieren bie argentinische Außenpolitik währenb bes Jahres 1942.
Die Schwierigkeit biefer Politik einer nichtkriegführenden Neutralität liegt darin, eine Verbindung zu finden zwischen der Verpflichtung zur kontinentalen Solidarität unb bem Wunsche, sich aus bem Kriege herauszuhalten. Aus biesem Grunbe erklärte sich Argentinien auf ber panamerikanischen Konferenz in Rio de Janeiro auch nur bereit, „Empfehlungen" anzunehmen, welche es den amerikanischen Republiken nahelegten, die Beziehungen mit den Achsenmächten abzubrechen „in Uebereinst'.m- mung mit ihren verfassungsmäßigen Einrichtungen und unter Berücksichtigung ihrer besonderen geographischen, wirtschaftlichen unb sonstigen Verhältnisse". Argentinien weigerte sich jeboch, berartige Verpflichtungen anzunehmen ober einen Pakt zu unterzeichnen. Trotz aller Schwierigkeiten unb gegenüber allen Versuchen ausländischer Mächte, einen Druck auszuüben, gelang es Argentinien, seine Stellung zu wahren. D e heutige argentinische Polittk wird unterstützt durch eine große Mehrheit im Senat unb eine kleine Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Sie ist weiter gesichert burch ben Uebergang ber Präsidentschaft auf Castillo nach dem Rücktritt des Präsidenten Ortiz im Juni des vergangenen Jahres.
Die besondere Lage Argentiniens ist ohne eine Berücksichtigung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse nicht zu verstehen. Argentinien war vor dem Kriege in erster Linie ein Ausfuhrland für Getreide. Die großen Ernten an Weizen, Mais unb Leinsaat drohten, da der Äbsatz nach bem Eintritt ber Vereinigten Staaten in ben Krieg noch schwieriger geworden war, eine landwirtschaftliche Krise heraufzubeschwören. Entsprechend bem Verfahren ber beiden ersten Kriegsjahre beschloß die Regierung, die gesamte Ernte zu staatlich festgesetzten Minimalpreisen aufzukaufen. Doch verursachte diese riesige Anlegung öffentlicher Gelder — in ben beiden letzten Kriegsjahren zusammen Han- beite es sich um mehr als eine Milliarbe Desos — einen steigenden Geldumlauf unb weiter steigende Preise, ohne baß eine entsprechend Vermehrung der Konsumgüter eintreten konnte. Nur 30 bis 40 v. H. ber aufgekauften ©etreibemengen konnten nämlich exportiert unb damit dem Warenaustausch dienlich gemacht werden. Gleichwohl ist die allgemeine Ausfubrlage nicht schlecht angesichts ber zunehmenden Ausfuhr von Fleisch. Häuten unb Oel- früchten. D'e Menge ber Ausfuhr im vergangenen Jahre betrug zwar nur knapp 14 v.H. ber Aus
fuhrmenge 1941, aber ber Wett der Ausfuhr lag infolge der gestiegenen Preise um 24 v. H. über dem des Vorjahres.
Anderseits ging die Einfuhr wesentlich zurück, was nicht zuletzt auf der schwierigen Schiffsraumlage beruhte. Die geringe argentinische Tonnage unb ber Zwang, fast die gesamte Einfuhr auf argentinischen Schissen zu befördern, brachten erhebliche Beschränkungen mit sich. Die Regierung sah sich genötigt, die Zuteilungen von Eisen, Stahl, Gummi und Brennstoff zu rationieren und es ist damit zu rechnen, daß das kommende Jahr weitere Rat.o- nierungen mit sich bringen wird, vor allem in ber Zuteilung von Zeitungspapier. Allgemein läßt sich ledoch sagen, baß Argentinien trotz vieler wirtschaftlicher Schwierigkeiten unb zahlreicher Derknappun- den bank ber klugen Vorsorge seiner Regierung nicht allzu schwer unter ben wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu leiben hat, zumal bie Neutralitätspolitik ben argentinischen Schiffen Bewegungsfreiheit sichert.
Das wichtiaste innerpolitische Problem Argentiniens ist die für ben September 1943 bevorstehende Präsidentschaftswahl. Obwohl dieses Ereignis noch 5<Jahr entfernt ist. beschäftigt es doch schon seit Monaten in' hohem Maße die öffenlliche Meinung. Argentiniens Präsident wird nicht unmittelbar von der Bevölkerung gewähtt, sondern von Wahlmännern, welche in ben einzelnen Provinzen gewählt werben. Die Regierüngsvarteien — die Konservativen und die Antiversonal'sten — beherrschen 12 der 14 argentinischen Provinzen, so daß ein gemeinsamer Kandidat der Regierungsparteien wahrscheinlich die Präsidentschaftswahlen gewinnen würde. Bisher ist jedoch ein solcher gemeinsamer Kand'dat noch nicht gefunden worden. In ben letz- ten Wochen hat sich nun eine Bewegung für die Wiederwahl Castillos geltend gemacht.' Die Anhänger dieses Gedankens führen an, daß Castillo im Jahre 1938 zum Vizeoräsidenten gewählt wurde und erst infolge bes Rücktritts von Präsident Orttz das Amt des Präsidenten erhalten habe. Als wichtigstes Argument führen die Anhänger dieses Planes jeboch an, daß die Schwierigkeiten der internationalen Lage die Fortsetzung ber gegenwärtigen Wirtschaftspolitik unb nicht zuletzt ber Außenpolitik notwendig machten. Eine solche Fortsetzung werde jedoch am besten gewährleistet durch eine Wiederwahl Präsident Castillos.
Argentiniens Anspruch auf die Falklandinseln.
Buenos Aires, 4.Ian. (Europapreß.) „Argentinien steht ein eindeutiges unb klar erwiesenes Besprecht auf bie Malwinen (Falklandinseln) zu", erklärte der argentinische Verband für die Wieder- einglieberung der Malwinen zum 110. Jahrestag ber Besetzung ber Malwinen durch bie Engländer. In einem Aufruf erinnert ber Verband an ben Gewaltakt eines englischen Schiffskapitäns, ber ben argentinischen Kommandanten ber Malwinen zur Uebergabe gezwungen unb hierbei die argentinische Flagge herabgerissen hatte. Ungeachtet ber neutralen Haltung Argentiniens, so erklärt ber Verband, dürfe Argentiniens Rechtsanspruch auf die Malwinen nicht vergessen werden.


