Der Arbeitsschutz für berufsfremde Frauen.
Einsatz der Gewerbeaufsicht, der Sicherheitsingenieure und Betriebsärzte.
9m Zuge der Ausweitung des Arbeitseinsatzes der Frauen werden auch viele Frauen und Mädchen in die Betriebe strömen, die noch nicht in gewerblichen Betrieben gearbeitet haben, um ihren Beitraa zum baldigen Endsieg zu leisten. Die Arbeits- einsatzverwaltung bemüht sich, die Frauen und Mädchen in eine ihren Fähigkeiten und häuslichen Verhältnissen möglichst angepahte Arbeit einzusetzen. Die Aufgabe der Gewerbeaufsicht ist ‘es, für weitgehenden Schutz dieser Frauen in den Betrieben zu sorgen, da sie dieses Schutzes wegen ihrer Unerfahrenheit stärker bedürfen als die eingearbeiteten Arbeitskameradinnen.
Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz hat für die Durchführung dieses Arbeitsschutzes eine ausführliche Anweisung herausgegeben. Die Beschäftigung der Frauen soll sorgfältig überwacht werden. Die Betriebsführer sind in jeder Beziehung in der Fürsorge für die neueingestellten Gefolg- schaftsmitglieder zu unterstützen. Zn erster Linie sind die bestehenden Schutzvorschriften, wie das Mutterschutzgesetz, die Bestimmungen über die Höchst, arbeitszeit, über die Beschäftigungsoerbote, über den Gesundheitsschutz und die. Unfallverhütungsvor- schriften zu beachten. Von ungeeigneten Arbeiten sind Frauen auch weiterhin fernzuhalten. Besonders ist daraus zu achten, daß an den Maschinen alle erforderlichen Schutzvorrichtungen richtig angebracht sind und daß die weiblichen Gefolgschaftsmitglieder eine^ihrer Arbeit angepaßte Kleidung tragen. Denn die an die Betriebsarbeit nicht gewöhnten Frauen sind natürlich besonders gefährdet.
Die sorgfältige und gewissenhafte Durchführung des Unfall, und Gesundheitsschutzes und aller Maßnahmen zur Erhaltung der Betriebssicherheit ist, wie es in dem Erlaß heißt, jetzt mehr denn je Geboten, da es gilt, die deutsche Frau und Mutter, die trotz oft schwerer häuslicher Pflichten noch zusätzlich- ihren Beitrag zum totalen Krieg leistet, vor allen vermeidbaren Schädigungen zu behüten. Um die Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreude der Frauen zu erhalten und zu steigern, muß auch jeder stüh- zeitigen Ermüdung vorgebeugt werden, wie sie durch ungenügende Beleuchtung und mangelhafte Einrichtung des Arbeitsplatzes entstehen kann. Besonders wichtig ist die Bereitstellung von Sitzgelegenheiten bei allen Arbeiten, die sitzend verrichtet werden können. Auch die Einnahme einer warmen Mahlzeit während der Arbeit ist wichtig, und zwar auch während der Nachtschicht.
Des Schutzes der neueingestellten Frauen und Mädchen müssen sich ganz besonders die Sicherheitsingenieure und die Bestiebsärzte annehmen. Die wichtigen Fragen des Frauenschutzes müssen in ständiger Fühlungnahme zwischen allen beteiligten Stellen beobachtet werden. Wo kein hauptberuflicher Sicherheitsingenieur vorhanden ist, soll in entsprechenden Betrieben ein geeigneter erfahrener Ingenieur nebenberuflich mit diesen Fragen betraut werden. Bei allen wichtigen Fragen ist ferner Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsfront und den Berufsgenossenschaften zu Pflegen.
machte stelle eine klare Verpflichtung dar. die sich den hohlen lügnerischen Versicherungen der Atlantik- Charta und anderer angelsächsischer Papierfetzen entgegenstellen.
Aus dem Reich.
40 Jahre aktiver Soldat.
Drei verdiente Generale des Heeres können in diesen Tagen auf eine 40 Jahre im Krieg und Frie. den erfolgreiche militärische Laufbahn zurückblicken. Es traten als Fahnenjunker ein: Generaloberst Lindemann, Oberbefehlshaber einer Armee im Osten, am 26.2.1903 in das Magdeburgische Dragonerregiment Nr. 6; der Chef des Transportwesens der Wehrmacht, General der Infanterie ©erde, am 27. 2.1903' in das Ostpreußische Jägerbataillon Nr. 1; General der Artillerie Hansen, Komman- bierenber General eines im nördlichen Abschnitt der Ostfront eingesetzten Armeekorps am 1.3.1903 in bas Schleswig-Holsteinische Fußartillerieregiment 9. Den Generalen wurden aus diesem Anlaß zahlreiche Ehrungen zuteil.
Sondermarken zum Heldengedenktag
Zum Hsldengedenktag 1943 gibt die Reichsvost Sondermarken heraus, die Darstellungen von Was- fengattungen der drei Wehrmachtteile zeigen: 3 + 2 Rpf. (Unterseeboot), 4+3 Rpf. (Kradschützen), 6 + 9 Rpf. (Nachrichtentruppe), 8 + 7 Rvf. (Pioniere), 12+6 Rpf. (Infanterie), 15 +10 Rpf. (Artillerie), 20 + 14 Rpf. (Flak), 25 + 15 Rpf. (Stuka), 30 + 30 Rpf. (Fallschirmjäger), 40 + 40 Rpf. (Pan- "zertruppe) und 50 + 50 Rpf. (Schnellboot). Die Entwürfe stammen von dem Kunstmaler Meerwald. Die Wertzeichen werden vom 14. März 1943 an bei größeren Postämtern abgegeben, es muß aber damit gerechnet werden, daß nicht sämtliche Werte gleichzeitig und in ausreichender Menge vorliegen. Auch werden in den ersten acht Tagen nicht mehr als vier Satze zugleich abgegeben.
Kleine politische Nachrichten.
Reichsmmister Dr. Goebbels empfing eine Abordnung von Welitije-Luki-Kämpfern. Vor ihrer Rückkehr an die Front werden die Ostkämvfer als Gäste des Gauleiters Gelegenheit haben, neben dem Besuch von Berliner Kulturstätten an eindrucksvollen Beispielen auch die für den Krieg schaffende Heimat zu erleben.
*
Der frühere tschungking-chinesische Außenminister Chen Yn Jen sowie der ehemalige tschungking- chinesische Botschafter in der Sowjetunion Yen Hui Ching sind zur Nan^ng-Regierung übergetreten.
Rohdiamanten im Werte von 50 000 Pfund, die Anfang November von London nach Palästina geschickt wurden, sind nicht angenommen und werden als verloren betrachtet. Der britische Generalpöst- meifter hat den Untergang des Schifles, mit dem die Diamanten verschickt würben, bisher noch nicht zugegeben.
Kunst und Wissenschaft.
Eine „Romantische Sinfonie“ von Kurt Atterberg.
Die siebente Sinfonie in a-moll von Kurt Atterberg ist in Frankfurt a. M. vom Rhein-Mai- Nischen Landesorchester unter Hermann Ab end- r o th (der schon die vierte Sinfonie des schwedischen Meisters aus der Taufe gehoben hat) als Uraufführung gespielt worben. Die vier Sätze verbinden heroische mit intimen Empfindungen, stellen soli-' stifchen Partien das Aufgebot des großen Apparates nah gegenüber und gewinnen ihre Form mehr im Visionären als unmittelbar aus dem technischen Gehalt und seiner Entwicklung. Die Bezeichnung .,Sin- tonia Romantica“ bestimmt die klangliche Gebärde des anspruchsvollen Werkes, gibt aber „modernen" Regungen doch so viel Raum, daß man von einer geistig und zeitlich neuen Komposition sprechen darf. Die Aufführung war ein Erfolg für den Dirigenten und das Orchester. 8t.
hochschulnachrichlen.
Der Direktor des Instituts für Futterbau der Preußischen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft und außerplanmäßige Professor an der Universität Kiel, Dr. phil. Wilhelm Nicolai- [en, ist zum. o. Professor für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Universität Königsberg ernannt worden. Nicolaisen wurde 1901 in Flensburg geboren und studierte in Halle und Kiel, promo- irierfe 1927 in Halle mit einer botanischen Arbeit, habilitierte sich 1933 dort und wurde 1935 nach Kiel berufen. — Der Dozent Dr. phil. habil. Günter Reichenkron ist zum o. Professor für romanische Phlliologie an der Universität Posen ernannt worden. Reichenkron habilitierte sich 1940 in Berlin.
Aus der Stadl Gießen.
Unsere Straße.
Hier beginnt meine Straße, bemerkt ein Einheimischer zu einem Fremden. Hoho, Freund, denkt man, was du deine Straße nennst, gehört Hunderten, ja Taufenden deiner Mitbürger auch. Nein, gehört nicht einmal ihnen und dir. Auch sie gemeinsam können einem Menschen das Betreten einer Straße — nebenbei bemerkt einer langweiligen Straße — nicht untersagen. Und darin liegt doch^wohl der eigentliche Sinn eines besitzanzeigenden Fürwortes, daß man auch etwas gestatten ober verbieten kann.
So denkt man, und der Straßenbefitzer wird auch zugeben müssen, daß man im Grunde genommen recht hat. Und trotzdem ist es nichtig: es ist schon seine — unsere — meine Straße. Sie hat für jedermann ein anderes, aber für alle ein liebvertrautes Gesicht. Für jeden einzelnen ist sie nicht einfach Bauwerk aus zwei Häuserreihen mit grünen, blühenden ober entlaubten Bäumen davor.
Freud und Leid sind viele Male von unseren Herzen aus durch sie gegangen. Die Schar der sorgenden Väter, der „möblierten" Herren und der jungen Mädchen durchschreitet sie. In Hast eilen sie dahin, nicken einander zu und schauen wohl^ auch einmal flüchtig zu den Bäumen an der Straße empor. Für sie mündet „ihre" Straße drüben in der Hauptstraße, die in das Geschäftsviertel führt. Hier, in ihrer Straße, sind sie alle noch Einzelwesen — dort drüben in der Hauptstraße wird der breite Strom sie aufnehmen und sie ihres Jchs entkleiden. Dann gehen auf ,/ihrer" Straße die Jungen und Mädchen, mit Wissen und Schulranzen beschwert, vorüber.
Für ein paar Stunden ist es bann still in der Straße. Feierlich läßt sie wohl auch eine Brautkutsche passieren und nimmt damit einen neuen Lebenskreis in sich auf. Nach Stunden füllt plötzlich ein Zwitschern und Lachen die Straße. Das ist bann eine festliche Stunde voller Fröhlichkeit, wenn die Schöpfe und Bubiköpfe heimkehren ins Jugendland — bis zum nächsten Morgen/ So geht es den ganzen Tag in stimmungsvollem Auf und Ab. bis abends die Straße in nächtliches Dunkel gehüllt ist.
Ein Straßenkehrer, der feit Jahren hier schafft, wurde kürzlich traurig, als man daranging, die Straße für Bauzwecke aufzureißen. Meine schöne Straße, jammerte er ein über das andere Mal. Für ihn hatte die Straße wohl den tiefften Sinn...
, Sprechstunde des KrepLeiters.
Die Sprechstunde des Kreisleiters findet am Donnerstag, 4.3., nachmittags von 15 bis 17 Uhr, in Gießen, Alioenstraße 10, statt.
Amt für bas Landvolk.
Die Sprechstunde des Amtes für das Landvolk findet am Donnerstag, 4.3., nachmittags von 15 bis 17 Uhr, in Gießen, AÜeenstraße 10, statt.
Reiseerlebnisse.
Montag früh. Uebervolle Züge. Mißmutige Menschen, die in den Gängen stehen. Die Schaffnerin kommt. Frisch und straff waltet sie ihres Amtes. Neben mir beschweren sich zwei junge Frauen, baß sie stehen müssen. „Sehen Sie nur mal nach, ob da nicht Leute ohne Karte für II. Klasse drin sitz en, wir wollen doch nicht stehen." „Was", lacht die Schaffnerin, „Sie sind doch noch viel jünger als ich, und wollen nicht mal ein paar Stunden stehen können? Schauen Sie, ich bin auch meine vielen Stunden Dienst immer auf den Beinen, bas lernt sich!" Alles lacht, und auch die Gesichter der Frauen sind " viel freundlicher.
Ich versuche der Schaffnerin zu folgen. Weiter vorne beschwert sich ein Mann, daß es so roll ist. „Diese vielen Frauen, die alle unnötig fahren, nehmen uns den Platz weg!" „Unnötig", meint die Schaffnerin, „heute ist doch Montag, da kommen all die Frauen von ihren Männern, die sie besucht haben; ist Liebe unnötig?" Wieder wird es heiter und froh, wo die Schaffnerin geantwortet hat.
Berlin. Ein junges Mädchen erzählt mir von ihrem Kriegshilfsdienst als Straßenbahnschaffnerin: „Freilich ist es nicht immer leicht, 8 ober 10, auch mal 12 Stunden Dienst in der Straßenbahn zu stehen, und abscheulich kalt ist es oft, aber Spaß macht es auch wieder. Und wissen Sie, was wir sa- aen: Die Stimmung im Wagen ist so, wie wir Schaffnerinnen sie machen. Und bas empfinben wir Mädels nun noch als unsere besondere Aufgabe. Bei mir ist die Stimmung immer prima."
Wenn heute so viele Frauen und Mädchen an die Plätze der Männer kommen, bann soll sich jede klar darüber sein, baß neben der Aufgabe ihrer Arbeit auch diese zweite Aufgabe wichtig ist: die Stimmung an der Maschine, an ihrem Arbeitsplatz, wo immer sie hingestellt wird, wird stets so sein, wie sie selbst * sie mitbringt. Gfs.
Kür Tapferkeit vor öem Keinöe.
Der Matrosen-Obergefreite Karl Wilhelm Wehrmann, Blockstelle Babenburg wohnhaft, der bei einer Marineeinheit im Nördlichen Eismeer mitkämpft, wurde für Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Vorbildliche WHW.-Epende unserer Polizei.
Aus zeitbödingten Gründen ist in diesem Jahre von der Durchführung eines „Tages der deutschen Polizei" zum Besten des Kriegs-Winterhilfswerkes abgesehen worden. Die Beamten und Angestellten der Polizeidirektion Gießen, zu der auch bas Polizeiamt Bad-Nauheim-Friedberg gehört, haben dennoch nicht versäumt, ihre schon oft bewährte Opfer- bereitschaft für das Winterhilfswerk erneut zu bekunden. Nachdem die mit größtem Arbeitseifer und selbstlosem Einsatz von den Beamten und Angestellten unserer Polizei zum vorigen Weihnachtsfeste durch- geführte Bastelaktion, durch die Hunderten von Kindern schönes Spielzeug unter den Weihnachtsbaum gelegt werden konnte, mit einem Ertrag van 9254,65 Reichsmark zugunsten des Kriegs-Winterhilfswerks 1942/43 abgeschlossen worden war, haben die Beamten und Angestellten der Polizei in Gießen, Bad- Nauheim und Friedberg jetzt wiederum allein in ihrem Kameradenkreise neben den laufenden Abzügen vom Gehalt als Beitrag für das WHW. noch eine Sonderspende in Höhe von 5147,20 RM. für das Kriegs-Winterhilfswerk aufgebracht. Diese Son- derspende stellt gegenüber der Spende im Vorjahre eine Steigerung um rund 90 v. H. dar. Diese vorbildliche Haltung und Opferbereitschaft der Beamtest und Angestellten der Polizeidirektion Gießen verdient volle Anerkennung und kann als ein nachahmenswertes Bespiel bezeichnet werden.
Beethoven-Abend der Kameradschaft »Han« Karillon'.
Zu Beginn der Woche reihte sich wieder eine kulturelle Veranstaltung des Studentenbundes den bisher stattgefundenen würdig an. Diesmal hatte es sich die Kameradschaft „Hans Karillon" zur Aufgabe gemacht, den zahlreich erschienenen Gästen Beethoven und sein Werk nahezubringen, und damit das Größte, Reichste, Mächtigste, was die Tonkunst überhaupt besitzt.
Nach den Begrüßungsworten leitete Karner ad- fchaftsführer Ortwein auf die Darbietungen des Abends über, indem er Beethoven als unvergleichbaren Komponisten würdigte, der die Ausdrucksfähigkeit der Musik auch für die tiefstgehenden Erregungen der Menschenseele in wunderbarer Weise gesteigert und ins Monumentale erweitert hat, so- daß gerade wir in der erlebnisstarken Zeit des Krieges ihn verstehen.
Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier, so bestritt denn auch, neben
dem Gesanglichen, Frl. D a p p e r den musikalischen Teil des Abends mit Klavierwerken des Meisters, zu Beginn das Rondo a Capriccio mit besonderer Fingerfertigkeit, dann den 1. Satz aus der Sonate Äs-dur. Frl. Valeska Lange erfang sich mit „Mignon" und „Gretels Warnung" den Beifall der Anwesenden, Herr Druschel setzte sich mit klangvoller Stimme ein für die Lieder „Das Lied aus der Ferne", ,Zch liebe Dich", „Der Kuß", 'begleitet am Flügel von Kapellmeister Bosch.
Im Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag von Professor Dr. Temesvary, der in seinen Ausführungen an die vorangegangene Lesung einiger Aussprüche Beethovens — philosophische Erkenntnisse in aphoristischer Form, durch Herrn Sauerland vermittelt — anknüpfte. In mitreißenden Worten setzte sich Professor Temesvary für die Musik Beethovens ein, der — vor 1933 als ein Verfemter in weiten Kreisen verneint — auch von gegenwärtigen Komponisten, meist jedoch aus ^cheu und Unsicherheit, abgelehnt werde. Er machte sich zum Streiter für Beethoven, indem er dessen Beurteilung als eines extremen Individualisten, eines Zuchtlosen, Alles-Ueberrennenden, widerlegte durch die Darstellung der Urgewalt feiner überragenden Persönlichkeit, die man nicht mit menschlichem Maß zu messen vermag. Ausgehend ton seinen Gedanken „Heber Gott" legte der 23ortn**:nbe Beethovens religiöse, überkonfessionelle Gesinnuna dar, in seinen Schöp'ungen der 9. Symphonie, der Missa solemnis und des Fidelio dokumentiert, und feierte ihn schließlich als den größten unserer Meister.
Vertieft wurde der Eindruck Beethovenscher Musik durch Worte über den Komponisterz, und Gedanken von ihm. Frau Blacha brachte einen Brief Bettina Brentanos zu Gehör, die den göttlichen Zauber des „Weltberrschers" ahnt und Goethe davon mitteilt. Herr Volk bot einen Ausschnitt aus dem Werk Heinrich Zerkaulens „Der feurige. Gott", und Herr Mund bie, getragenen Worte des , Heilmen- ftädter Testaments" (1802), in abwechselnder Vortragsfolge mit Lesungen durch Kameradschafls- angehörige.
Nach Ablauf des sorgfältig ausgestellten Nro- gramms bearüßte es der Hochschulringführer Professor Dr. Brüggemann dankbar, daß wieder einer der fvrfureÜen Abende des Gießener Stu- bententums, die uns in ernster Zeit die großen Geister unserer Nation nabebringen wollen, ein vollauf gelungener war, und er machte sich zum Sprecher aller Besucher, indem er der Kameradschaft. besonders aber Oberspielleiter Mund und den Künstlern des Theaters, für die genußreichen Stunden dankte.
pflege der Luflfchutzhandsprihe.
Jeder kann sich selbst vorstellen, was es bedeutet, wenn im Ernstfälle die Luftschutzhand spritze infolge verstopfter Saugö'fnung gerade in dem Augenblick versagt, in dem ihr Sprühstrahl noch ausgereicht hätte, den durch eine Stabbrandbombe hervorgeru^e- nen Entstehungsbrand erfolgreich zu bekämpfen.
Glück auf, Renate!
Boman von Ernst Grau.
11. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie hatte lange mit sich selbst um diesen Entschluß gekämpft. Hundertmal hatte sie ihn verworfen und ebenso oft wieder aufgenommen. Denn es würde ja doch nicht lange währen, bis ihr Versteckspiel herauskam. Aber immerhin half es ihr doch zunächst -einmal, Zeit zu gewinnen. Ein gangbarer Ausweg würde sich dann schon zeigen, meinte sie.
Wie dieser Weg aber aussehen und wohin er führen würde, davon hatte sie im Augenblick noch keine rechte Vorstellung. Sie vertraute der Zeit. Und schließlich suchte sie sich damit zu trösten, daß es auch für ihr Zusammenleben mit den anderen Menschen auf der Grube vielleicht besser war, wenn diese jetzt noch nicht wußten, wer sie in Wirklichkeit war. Sie würden der Arbeitskollegin Schmidt sicher anders, kameradschaftlicher entgegenkommen, als der Tochter Walter Hammerkotts, und das konnte sick) für ihr späteres Zusammenarbeiten nur im besten Sinne auswirken.
„Ich heiße Reni Schmidt", sagte sie ohne |ebe Verlegenheit, als sie wenige Minuten später im Di* rektionszimmer stand und sich zwei Herren gegen* übersah, die sich bei ihrem Eintritt fast gleichzeitig erhoben hatten und ihr mit unverhohlener Neugier entgegensahen. Der eine untersetzt, mit leicht angegrautem, schwarzem Scheitel und klugen, aber ein wenig zu tief liegenden Augen. Der andere im Gegensatz dazu, groß, hager, fast überschlank, schütteres, sandfarbenes Haar, offene, nicht unsympathische Züge, dazu die überlegenen, ungezungenen Bewegungen eines Mannes, der sich in der Welt umgesehen hatte. Beide ungefähr gleichaltrig und gepflegt in ihrer Kleidung, so daß Renate im ersten
Augenblick nicht wußte, an wen sie sich wenden sollte
„Terbrüggen", stellte dieser sich jetzt vor. Und mit einer kurzen Kopfbewegung: „Mein Sekretär, Herr Meinders"
Sie nickte beiden leichthin zu und setzte sich ungezwungen an Terbrüggens Platz. Meinders sah es mit stillem Behagen. Die fängt gut an, dachte er. Wenn das so weitergeht ... armer Terbrüggen.
Im nächsten Augenblick war es jedoch schon an ihm selbst, ein langes Gesicht zu machen.
„Ich möchte Sie zunächst gern allein sprechen, Herr Terbrüggen", sagte Renate mit einem nicht mißzuoerstehenden Blick auf Meinders, und diesem blieb nichts anderes übrig, als sich widerstrebend zurückzuziehen.
„Mein Vater hat Ihnen wohl gestern aus Köln geschrieben ..." begann sie bann. Sie hatte sich vom ersten Augenblick an bemüht, einen kurzen, knappen Ton anzuschlagen, hinter dem sich die noch nicht überwundene Unsicherheit am besten verbergen lieh.
„Ja. Ich habe diesen Brief eben erst gelesen. Dann sind Sie also Fräulein Hammerkott?
„Natürlich ...
„Nun ... so natürlich ist das eigentlich nicht, gnädiges Fräulein", warf Terbrüggen ein.
„Mag sein. Aus bestimmten Gründen möchte ich jedoch, daß das vorläufig noch unteiSuns bleibt... aber nehmen Sie doch Platz,' Herr Terbrüggen."
„Wie Sie befehlen, gnädiges Faulein", dienerte er und nahm Meinders Stuhl. Mißmutig stellte er bei sich fest, daß er sich hier hatte in eilte Lage abdrängen lassen, die ihm wenig behagte.
„Gut", fuhr sie in demselben Tone fort. „Dann werden Sie mich jetzt bei der Zechenverwaltung als Fräulein Schmidt einstellen. Ich schreibe ausgezeichnet Maschine und möchte, daß alle wichtigen Sachen, von mir geschrieben werden. Ich hoffe, auf diese Weise am ehesten einen Einblick in den Gang der Geschäfte zu erhalten. Geht das? Ich möchte natürlich auch niemand hier verdrängen."
Er nickte.
„Sie könnten den Posten von Fräulein Lohmann übernehmen. Die Dame heiratet demnächst und scheidet bann sowieso hier aus. Aber ... wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf ... ich verstehe nicht recht, gnädiges Fräulein, daß Sie sich mit einem solchen Posten ..."
Sie sah mit hochgezogenen Brauen verwundert zu ihm hinüber.
„Ich sagte Ihnen bereits, Herr Terbrüggen, daß ich meine Gründe dazu habe", meinte sie abwehrend, aber durchaus nicht unfreundlich.
„Nun ja ... aber wenn Sie als Angestellte der Zechenverwaltung die Villa Hammerkott bewohnen, wird sich doch ein jeder nach den Zusammenhängen fragen", versuchte er nochmals einzuwenden.
„Auch über diese Fragen kann ich Sie beruhigen, denn ich werde nicht in unserem Hause wohnen, sondern bei den anderen Angestellten im Beamtenhause."
Sie sagte das so liebenswürdig und doch in einem so bestimmten Tone, daß er achselzuckend jeden weiteren Einwand aufgab.
Das also war nun Renate Hammerkott. Nun ... er hatte sich diese erste Begegnung eigentlich doch etwas anders vorgestellt. Aber immerhin, sie war die Erbin von Hammerkott, der Schlüssel zu der Macht, die er anstrcbte, lag in ihrer Hand. Also mnßte es zunächst einmal heißen, abwarten!
„Und wann wollen Sie eintreten, Fräulein Schmidt?" fragte er lächelnd.
Sie nickte ihm zu, und ein kleines Lachen flog auf. Auf diesen Ton ging sie gern ein.
„Wenn Sie gestatten, Herr Direktor, bleibe ich gleich hier."
„Güt." Er hatte diese Antwort erwartet. „Dann werde ich Sie auch gleich mit Ihren künftigen Arbeitskollegen und •Kolleginnen bekannt machen. Fräulein Lohmann kann Ihnen dann Ihr Zimmer im Beamtenhaus zeigen. Ein paar Räume stehen dort immer leer."
Die Einführung der neuen Stenotypistin war
nicht sehr aufregend. Um so aufgeregter war Renate selbst, auch wenn es ihr äußerlich nicht anzusehen war. Denn jeden Augenblick rechnete sie damit, ihrem Begleiter von gestern abend gegenüberzustehen.
Aber alles verlief ohne Zwischenfall. Jm^Haupt- kontor stellte sie Terbrüggen selbst vor. Dann mußte er sie nach üblicher Gepflogenheit wohl oder übel Meinders anoertrauen, der sie durch eine ganze Reihe kleinerer Büros führte. Ueberall wurden Namen genanrtt, die sie sofort wieder vergaß, überall trafen sie neugierige, ab schätzende oder auch gleichgültige Blicke. Nie hatte sie gewußt, wie umfangreich die Verwaltung der Zeche war. Es gehörte sicher sehr viel dazu, das alles zu übersehen und zu leiten, und sie fühlte sich dem allen gegenüber sehr klein. Aber die Hauptsache: Herrn Werner war sie bisher nicht begegnet. Offenbar gehörte er nicht zur Verwaltung, sondern zum Grubenpersonal. Sie würde ihn also nicht täglich um sich haben. Das war schon ein Gewinn.
Gern ging sie dann mit Fräulein Lohmann hinüber ins Beamtenhaus. Das kleine Zimmer, das sie für sich auswählte, bot zwar keinen Komfort, aber es u^ir nicht unfreundlich und würde sich mit einigen persönlichen Kleinigkeiten sicher recht gemütlich einrichten lassen. . .
„So, nun werde ich Sie unserer alten Heffken annertrauen, Fräulein Schmidt. Ich muh fix wieder rüber, heute ist noch allerhand zu tun."
„Nun ... von morgen an helfe ich^Jhnen ja, Fräulein Lohmann."
„Fein. Eine Hilfe könnte ich schon lange ge* brauchen. Ader der Alte ist so knickerig."
„Der Alte? Hammerkott?"
Die andere lachte.
„Ach, von dem spricht doch hier kein Mensch. Der wäre vielleicht auch gar nicht so. Aber dieser Terbrüggen knausert, als gehöre ihm die ganze Zeche schon selbst. Der und sein Freund Meinders, das sind schon die richtigen! Na — Wiedersehen inzwischen." (Fortsetzung folgt)


