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ZravkftiN n. Hl. UM)

170. Jahrgang

Mittwoch, 28. Juli 1920

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesien

vnlck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Stetnöruderei R. Lange. Zchriftleitung, Sefchaftrstelle und Druckerei: Zchttlstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für d>c 'ügesnummerois zum Tiadjmittng vorher ohne jede Verbindlichkeit. Freis für \ mm höhe für Anzeigen v. 34 mm Breite örtlich 35 Pf., auswärts 45 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 150 Pf De, Platz- vorschrijt 20°,? Ausschlag kauptschriftlciter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Dr. Reinhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Deck, sämtlich in Gießen.

Das (Ergebnis der Konferenz von Boulogne.

Boulogne, 28. Juli. (WTB.) Havas. Arber die Zusammenkunft Lloyd Geor­ges mit M i l l e r a n d in Boulogne telegraphiert der Sonderberichterstatter der Agentur Havas. Wa-. die von der Sowjetregierung oerlan g t e internationale Konferenz anlangt, so wird die briti|d)c Regierung im Einverständnis mit der französischen Tschitscherin antworten, das; bie Konferenz nur dann zusammentreten kann, wenn die Bolschewisten im Gegensatz zu ihrer bisherigen ' Haltung damit einverstanden sind, daß Polens Schicksal dabei diskutiert wird. Wenn die Moskauer Regierung dieseir Vorschlag an- Ommnt, wird Millerand über "bi? weitere Behand- Üung dieser Angelegenheit befragt werden und die Bedvrgnngen stellen, die er für notwendig er­achtet, um die Sowjetregiernng anznerkennen. Alle Vertreter sstußlands und der Randstaaten sollen an d^r Konferenz teilnehmen. Lloyd George hat sich der französischen Ansicht angeschlossen und alle Verhandlungen mit den Bolschennsben fus- pendicrl. Poten kann daher hoffen, nicht in direkten Verhandlungen mit Rußland erdrückt zu werden.

Eine iveitere wichtige Entscheidung wurde tn der Frage des Inkrafttretens des siranzielien Teils des Uebereinkommcnsvon Spaa über die Aohlenlieftrungen Deutschlands aus die Anregungen Marsdrl s 1)in getv.'ssen. Di? Wierergutmachungs- Hommis ion w.rd tcuiftrag* i verbat die AnsfÄhnmg

Uebereinioinmens in jeder Hinsicht zu sicl>ern, sowohl ivaS die Mhlenlieferungrn als auch die von den in Betracht kommenden Alliierten zu gewähren­den Borsck-ü'se an Deutschland anlangt. Deutsch­land soll am 1. September 1920 der Wiedergut- niachungsfarnmission Scbatzsclreine im Werte von 60 Millionen Goldmark mit dem Verfacktage des 1 <Dbm 1921 und einem jährliche Zinsfutz van 6 Pvazent übergeben. Rach V?m 1. September 1920 rmd.se mach den erfolgten Ävhlenlieserungen wird Tcutschlarnd ähnliche Schutzsckxnne narf), Maßgabe der Vorschüsse ülxwgeben. Die Vorschüsse werden natürlich den Lieserungen angcpaßt werden. Die Wieoergntinachungstommission kann sich die diesen Schatziveckiseln ent>prechenden Beträge durch Verkäufe ober Flüssigm.icksting mit oder ahne Jndossemeitt an die interessierten alliierten Mächte verschaffen. Um den Set rag der zu geii>ä!l)r?nd?n Vorschüsse rascher- festzustellen, Ptmi bie Kommis­sion provisorisch d:eQuote der monatlich an Deutsche land zu gewährenden Vorschüsse unter Vorvel>alt päterer Wertung auf 40 Goldmark pro Tonne 'estsetzen. Auf diese Art würde sich der französische Ähatz von dem Teutsck>land auf Grund des Ueber- einDmmcms zu geuMrenden Vorsckstissen durch eine einfache Bauliche rat üon auf bie Ware freimach, n. Tie französischen Kreise sind von dieser Lösung sehr zufrieden, die den von dem französisck-en Ver­treter vorgebracksten Wünschen entspr«l-en.

Boulogne, 28. Juli. (WTB.^ Lloyd George und die britischen Delegierten sind ge­ifern abend 61/2 Uhr an Bord eines Torpedobootes nach England zurückgekehrt.

Ter polnische Heeresbericht.

K 0 pe n h a g e n, 27. Juli. (Wolff.) Nach einem Telegramm aus Warschau meldet der 0 0 l n i s ch e .Heeresbericht: An der Süd- - front wurden starke bolschewistische Angriffe überall abgeschlagen. Die Linie längs der Flüsse Zbrucz und Styr ist vollständig in un­srem Besitz. Bei Dubno nahm dec Kampf mit der feindlichen Reiterei eine für uns gün­stige Wendung. Westlich von Slonin wurden heftige Kämpfe in der Richtung auf Roshanp ?u unseren Gunsten entschieden. Feindliche Versuche, über den Njemen, östlich von Grod- w, zu gehen, wurden abgeschlagen. Durch eine erfolgreiche Operation eroberten wir die auf bem linfen Njemenufcr liegenden Befestigun- ;en von Grodno wieder.

Die Lebensmittelvorschüsse an Deutschland.

Paris^27. Juli. (Wolff.) Havas. In­folge der in Spaa getroffenen Vereinbarun­gen, die eine Unterstützung derLebensmit- lelversorgung für die deutschen Bergleute zur Erzielung einer höheren Ausbeute an Kohlen bezwecken, haben sich die alliierten Regierungen von Frankreich, Eng­land, Belgien und Italien veranlaßt gesehen, «emeinsam Lebensmittelvorschüsse en Deutschland zu gewähren. Um Frankreich gestatten, seinen Verpflichtungen nachzu- lommcit, da es selbst in erster Linie mit Koh­len beliefert wird, denn es soll 1,6 Millionen Tonnen von den zwei Millionen, die Deutsch­land liefern muß, erhalten, hat die Regierung heute einen Gesetzentwurf eingebracht, der den Mnanzminister ermächtigt, an dieser Ope­ration teilzunehmen.

Die Gewaltpolitik in den früheren deutschen Kolonien.

Berlin, 28. Juli. Zu der Mitteilung der britischen Regierung über bie Auswei s u n g aller Deut schm aus den früheren Kolonien Teutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo imb die Liquidation bes deutschen Be­sitzes schreibt dieDeutsch? Allgemeine Zei­tung": Trotz der formalen Rechtsgrundlage des Friedensvertrages wird dieses Vorgehen vom ginzen deutschen Volke als bitterstes Unrecht empfunden. Tie englifdxe Begründung, daß die

Maßnahme im Interesse der Eingeborenen ge­troffen worden ist, eruart das Blatt nicht für stichhaltig. Eine Landvoll Teutschw könne den Fneoen der bisherigen deutschen Kolonien nicht gefährden und die Wiederaufnahme der wirtsck-afp lichen Unternehmungen liege direkt im Interesse der Eingeborenen. Deutschland habe keine andere Waffe, als die feierlich Venvahrung.

Berlin, 27. Juli. (WTB.) Heber die Zu­lassung vo n Deutschen und die Be­handlung deutschen Eigentum s in den unter englischer Verwaltung stehenden Teilen der ehemaligen Schutzgebiete Deutsch-Ost- afrikas, Ker m er uns und Togos, liegt eine Auskunft der englischen Regierung vor. In Ostafrika sollen alle im Lande verbliebenen Deut­schen heimg schafft, und wenigstens für eine ge­wisse Zeit Line deutschen Ansiedlungen im Lande geduldet werden. Die Bewilligung von Ausnah­men, wofür der englische Aldministrator in Dar­essalam zuständig ist, erfolgt in ganz besonderen Fällen. Alle beut leben Besitztümer in Deutsch- rj't-afrißa loenci liquidiert. Ein Ankauf durch Deutsche ist nicht gestattet. In den britischen Teilen Kameruns imb Togos, worin sich keine Deutschen mehr befinden, wird, abgesehen von Ausnahmefällen, den Deutschen ebenfalls die Er­laubnis zur Niederlai sung nicht erteilt werden. Das deutsche Eigentum soll enteignet und ver­kauft werden. Zugunsten einzelner Personen, bie aus besonderen Gründen eine besondere Behand­lung verdienen, tonnen Ausnahmen mit Geneh­migung des Staatssekretärs der Kolonien gemacht werden. Für Ausnahmebewiliigungen ist hinsicht­lich Kameru.is der Gouverneur Nigerias, hrn- sichtlich Togos der Gouverneur der Goldküste zu­ständig.

Eine bolschewistische Uebereinkunft zu einem Umsturz in Deutschland?

Magdeburg, 27. Juli. (WTB.) Tie Magdeburgische Ztg." melbct: Ich der Nacht vom 22. zum 23. Juli brachte ein Kurier ein Exemplar einer Uebereinkunft, die in Memel am 17. Juli zwisck>en dem Abgesandten der Sowjet- regieriing, Joffe, dem Ersitzenden der Unabl-ängv- gen sozialdemotratischen Partei Deutschlands, Hin ferding, und .Dr. Levi cch^schlossen nxrr, nach Magdeburg. In dem Bericht l>eißt es u. a.: 9chch Ueberschrcitung der Grenze durch bi * Svwjettruppen nnro sofort die bolschewistisä)? tstepub.ik ausgermen, vorerst in Königsberg. Tilsit, Danzig, Breslau, Stettin, Frankfurt an der Ober, Ratibor, Glettvitz, Köslin und Stralsund. Diese Städte und das da- zwisckien liegende Gebiet bienen als Operations­basis und Aiifmarsthgelände der sich sammelnden deutschen Roten Armee, die unter russisches Kom- manbo gestellt wirb. OberLommandierender ist Ge­neral Jansckieiv. In diesen Gebieten treten sofort folgende Maßnahmen in Wirksamkeit: 1. Verival- tung und Polizei. Es werden alle Regierungs­präsidenten, Obecpr äsidenten, Poliz- i:wäsidmen und Landräte, die nickst Mehrheitsckziilisten sind, ihres Amtes entsetzt. Mehch.-itssszialff.ische Beamte vorstehend aufgeführter Kategorien erhalten je einen Kommunisten und Unabhängigen als Beirat. Für die abgesetzten Beamten iverden vorläufig Stellvertreter ernannt, die von dem Großen Rat, der im Ständehaus zusammentritt, bestätigt wer­den müssen. Mittlere ober höliere Beamte, sofern sie aktive oder Reserveoffiziere sind, sind zu ent­lassen. 2. Justiz. Tie Revolutionstribunale treten als Volksgerichte sofort in Wirksami'eit. 2lbge- urieilt rverden zuerst Politische Verbrecher. Tie Rickster sind sofort auf die Lowjetrepublik zu^ver­eidigen. 3. Koinmunalbelstirden. In den Städten sind sofort Bürgerversammlungen einzusetzen. Tie Magistrate werden sofort durch Kommiß wnen der in den Orten befinblidjen kommunistische und unabhängiger: Truppen überwacht. 4 Wirt­schaftliches. Sämtliche Jndustriebetrrebe gehen so­fort ohne Gewalt in den Besitz des Staates über. Kriegswirtschaftlickie nächtige Betriebe untmtehen den militärischen GruppenwmmandoS, btc sich pari­tätisch aus Russen imb Deutschen zusammensetzeii. Die Zwangswirtschaft wird aufgehoben. Bäckereien, Fleischereien und Konsunivereine werden Staats­betriebe Die Lebensmittel jeder Art gelten als beschlagnahmt für Zivilisten und Militär. Lebens­mittelzuschüsse werden mis der polnischen Ernte entnommen, die zu zwei Drittel nach Deutschland geschafft wird. 5. -Oefsentltche Sicherliett. Den Sicherheitsdienst übernehmen neben der Polizei kommunistische Ordnnngstnippen, die auv -Zenten der deutschen Bataillone der Roten Armer be­stehen, die bereits in Rußland bei der Roten Armee gekämpft haben. Das bestehende Nachrichten fystem wird aufgehoben. Es ist neu zu organi­sieren und untersteht Regieruoigskommiffaren, bie für ihre Tätigkeit d?m Großen Rat persönlich verantwortlich sind. Tie russische Armee tchutzt das Proletariat vor Ausbeutung durch das Unter­nehmertum und sammelt nm sich alle frei^itlich gesinnten Arbeiter, die zwangsweise zu Arbeiter- batailionen zusammengestellt werden, eie lorgt sur Ruhe und Ordimng imb schützt das Eigentum d^ Proletariats. Sie schützt die BeichlutzkommiNion des Staates und der Okmcinbcn. JJht Wanenge- malt rottet sie alles aus, was sich dem Prole­tariat entgegenstellt. ..

Tie ,,MagdÄ>urgische Zeitung fugt mrtzu. Diese Nachrichten sind uns von unbedingt zuver­lässiger Seile zugegangen und wir erklären von vornherein, daß keine Ableugnmtg der beteiligten Stellen bie Richtigkeit dieser Mitteilun-gen er­schüttern wird.---

Deutscher Reichstag.

Berlin, 27. Juli.

I Auch heute sind vaus und Tribüne stark besetzt.

Interpellation Dr. Fleisckicr usw. über bie Unterstellung verschiedener Ortschast.-.' Wett

Preußens unter polnische Oberhoheit wird zunächst behandelt.

Reichs Minister Dr. Simons erklärt sich be­reit, die Interpellation innerhalb der geschäfts­ordnungsmäßigen Frist zu beantworten.

Dann wird die Besprechung der Konferenz von Spaa fortgesetzt.

In Ergänzung feiner gestrigen Ausführungen über die leidigen Zwischenfälle vor der franzö­sischen Fahne erklärt Dr. Simons, er habe oie Reichswehr nicht verletzen wollen. Seine Aus­führungen seien mißverstanden worden. Er habe nur die unangebrachte Assozierung der Truppe, z. B. Mütze statt Delm, im Auge gehabt.

Abg. Stampfer (Svz.) spricht sich in großen Zügen zustimmend zu den gestrigen Mi­nistererklärungen aus. Regierung und Reglement haben aber ebenso nne in Spaa auch bei den letzten Vorkommnissen, die der Minister des Aeußern Dr. Simons angeführt habe, versagt. Vielleicht werde das Reglement bei der Reichs wehr noch öfter versagen, besonders wenn es sich um die Verhaftung der Kupp-Putschleute handele. Wenn dies aber wirklich eintreten würde, dann schienen ihm 100 000 Mann Reichswehr noch zu­viel. Die französisckien Jmpenalisten hätten sich anscheinend vorgeiwmmen, alle Dummheiten nach­zumachen, die seinerzeit die deutschen Imperia­listen begangen hätten. So sei auch der Versuch, Bayern zu ukrainisieren, eine Dummheit, und er pwtestiere gegen die Methode von Spaa. Er verurteilt die Rolle Fachs als Dolmetscher, wie er seinerzeit die Tätigkeit des Generals Hofmann in Breftlitowsk verurteilt habe Was in Spaa von uns verlangt wurde, bebnete eine Vernich tung bes Friedensvertrages und ein neuer , Sieg der Entente. Daß in der Frage der Eittwasfnung urtb in der Kphlenfrage die Bedingungen von Spaa erfüllt iverden müßten, sei wahr. Tas hätten auch die Arbeiter eingesehen, und sie wollen dementsprechetid handeln in der Ue der zeit gung, dadurch dem Allgemeinwohl des deutschen Volkes zu bienen. Ter Redner kommt bann auf die Sozialisierung zu sprechrn und verlangt dabei eine zweckmäßige Anpassung der Kapitalisten in dieser Idee, damit keine Stö­rung der Betriebe erfolgt. Könne das Ruhrgebiet sozialisiert werden, so bedeutet dies gewissermaßen bie Immunisierung des Ruhrbeckens, und sie werde auch auf Frankreich sofort zurückwirken. Der Kampf in Rußland sei der Zusammenprall des Kapitalismus der Westmächte und der bolschewisN- schen Ideen. Deutschland müsse neutral bleiben, nicht aus politischen Grüiiden, sondern aus sozia­listischer Veranlasrnng. Deutschland müsse Sckieide- wand ober Brücke sein, je nachdem es die Ver­hältnisse verlangten. Damit merben wir einen weiteren Weltkrieg vermeiden, wofür leider in einem großen Teil Europas 110d) nicht das rich­tige Verständnis, auch, für die deutsch' Mission, vorhanden ist. Auch seine Partei gn;e mit be­stimmten Hoffnungen nach Gens zum internatio­nalen sozialistischen Kongreß und werde dort kein Paria sein. Er hoffe, daß auch Deutschland bald diese Rolle nicht mehr zu spielen brauche.

Dr. Breitscheid (USP.): Ob in Spaa ein Erfolg erzielt worden ist ober nicht, ist un­wesentlich. Wir haben den Krieg verloren. Tas scheint man noch nicht zu wisien, und deshalb Versailles und Spaa. Die Herren, bie vor sechs Jahren den Krieg herausbeschworen haben, sind schulbig an unserem Unglück, mitschuldig sind alle, die sechs 3 obre lang untätig dem Massenmord zngeiehen haben. (Protest bei den. Mehrheitsfozialisten.) Seine Partei sehe Sp.ia nicht als die letzte >>n- stanz ein. Die Revolutionierung der Welt sei näher als man denke. Tie feindlichen Regierungen »eien keinen Teuc besser als die russische. Jl/re Angst vor dem deutschen Sozialismus sei aber enssetzlich. daher auch das Verbot für Genossen Ledebvur, in Paris zu sprechen. Mil der Reduzierung Der Reicksst^hr werde es wohl nicht so schlimm .ver- den. beim in sechs Monaten könne allerlei g.'- schehen Jedenfalls warne er vor jedem Versuch', ben Wünschen der Entente sich zu entziehen. Ter Redner kommt dann auf die Ansammlung von Truppen an der Ostgrenze deS Reiches zu svrechen Er 'l»fft. daß diese Truppen keine anb-r? Auffassung von der deutschen Neutralit-ät hätten als bie Regierung. Jedenfalls Serben bi* Arbeiter irgendwelche Unternehmungen geg.m ^orojetrutp lund nicht znlassen, dem er in seinem tintigen .Kampfe um die Früchte der Revolution die Grust ber deutschen Brüder zurnfe. (Hu-Rufe und Lärm.) Er danke Dr. Simons für seine ver-

f-jänöigen Worte über Rußland, und f*jffe, daß er sich mit seiner beionderen Ausfassung durchzusetzen vermöge. Er sollte aber den eisernen Besen ansetzen, um im Auswärtigen Amte Auskehr zu halten, aber er (Redner) fürchte, daß schon der Todesoogel über dem Haupte des ^iinisters kreise. Durch seinen heutigen Rück­zug habe der Minister ja schon bewiesen, daß es auch ihm unmöglich sei, diesen Stachel des Mili­tarismus zu lösen. Der Stahlhelm schwebe auch über dieser Regierung. Redner polemisiert dann über das Verhalten des Herrn Stinnes in Span, dessen Rede die Entente gegen uns beeinfluß habe Tie internationale Bourgeoisie habe alle Schuld der Deutschen vergess^, um mit Herrn Sünnes zusammen über die GiMr der^Gefalleuen hinweg neue Gesetze abzufchlMcn. Stinnes sti überhaupt ein giiter GeschästsWiiin. Ta kömc: man doch wohl einmal anfragen, ob er sich nick»! schließlich mit einer Besetzung des Ruhrgebiets aanz gut abgefunden hatte. (Ungeheurer Lärm. Zurufe- Verleumder!) Mdner fragt bann, ob bc reite- Maßnahmen getroffen worden »eien, die bie Lebensmittelversorgung der Arbeiter garantiere, und Inas gegen die Kohlenverschiebungeii unter» noinmeil worben sei. Er sehe in der Sozialisierung do-' beste Mittel, bie Arbeitsfreudigkeit unb Energie

ber Arbeiterschaft zu heben. Gegen das ErqebniA von Spaa wolle er nichts sagen, aber bie Me­thode, bie die Negierung dort in ber Entwaff­nungsfrage verfolgt habe, müsse er ablebnen, untt deshalb könne er der Regierung kein Vertrauen entgegenbringen.

Reichsminister Dr. Simon erwidert: Der Vorrediier "hat einen Unterschied in der Stellrmy des Reichskanzlers und mir zum Bolschewismus, vonstruiert. Weim ber Reichskanzler von nitiven- digen Truppenansammlungen gegen den Aolscho- wismus gesp-vock-en l>abe, so Ixxbe er damit nicht die Staiatsform, sonoern nur die an unterer Ostgrenze stehenden Truppen gemeint, lieber die Reicks^acchr- angelegettheit sei in Spaa iveber durch den Rnckis- kaiizler noch durch ihn ober den General v. Scertt ber Entente einen Einblick in das Material go* währt worden. Im übrigen wolle er konstatier01, daß in feinem Ressort fein Wille maßgebend sei unb er Kraft genug besitze, denselben durchrnsetzen, sonst ivevde er gehen. Zur Neutrolitätsftaqe gegen­über Rußland bemertt er, wir seien nicht so öhn- mächtig, daß imr nicht nach empfindlich um uns schlagen könnten. Eine Neutralität, der man nicht Achtung verschaffen könne, sei keine Neutralität, da-- tier bie Tvupp?nc.nsammlungen in Ostpreußeii. Der angehaltene polnische Zug 'habe wirklich Kriegs­material an Bord gehabt. Er sei deshalb wieder nach Koblenz zurückgesckückt worden. Es sind auch iveber deutsche Offiziere nach Warsck>au abgerrist, noch deutsche Mannschaften im polnisckxn Heeres­dienst gegen Rußland. Zu temer Ixmtigen Erilärung in ber Flaggenangelegenheit wolle er mxf) bemer­ken, daß es nicht beschämend sei, einen gemachten Fehler einzugestelmt. Im übrigen wolle er aus­drücklich seststellen, daß die Regierung :e.er Gcwolt- anwenbung, von wo sie auch kommen möge, mit ganzer Kraft entgegen treten werde.. Er nahm so­dann Herrn Stinnes gegen die Insinuationen des sHerrn Breitscheib in Schutz, lieber den Bolsche­wismus müsse er noch besvwoers sprechen,'da der Bolschewismus augenblicklich eine Macht sei, mit ber man rechnen müsse. Aber im Inneren Ruße lands seien bie Verhältnisse ganz andere geworden. Die Rätediktatur sei schon vorbei. Sozialismus sei etwas ganz anderes. Es sei eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgeber imb Arbeitnehmer. (Heiter­keit links unb Beifall.)

Abg. Dr. Spahn scheint sich ^uftimmaib zu ben ErLärungen dos Ministers zu äußern, bleibt aber im ein-elnen auf der Bühne unverstündlich.

Abgeordneter Hoch sch (T-Ntl.) meint, die Ereignisse von Spaa seicht für seine Birtri keine Enttäuschung gewesen, wohl aber die gestrige Rede des Herrn Rei^außenmmisters. der auch der kl'in- ste Funke nationalen Empfindens gefehlt habe. Mit drei Verpflichtungen sei die Telegation nach Spaa gegangen, erstens, an der Würde unb ber nationalen Festigkeit festzuhalten, zwritens: Auf feinen uns znstehenden Rechlstftel zu verzuli'en, drittens: Nickis unerfüllbares zuzuiichem. Was sei nun daraus geworden? Tie Bericksterstattung des Ltzalffickien Bureaus batte es so dargesdellt, als feien weltgeschichtliche Fortschritte dort erzielt worden Tas sei ein Auf-ben-Kvpsstellen der Tat­sachen. Taß man uns im Auslande nickst mehr ganz ernst Nehnve, nachdem »vir erst Die Fer.erung.n als unmöglich bezeichnet, und nachl^r dock) ange­nommen 'hätten, sei Uar. Tie einzigen, bie stark geblieben seien, wären die Herren Stinnes und Hu«. Im übrigen entspreche bie Haltung <cr Dele­gation den Forderungen unserer nationalen Würde nid-t. Ter Einmarsch in das Ruhrgebiet wäre ein Rechtsbruch. Wenn die Telegation die'er Auf­fassung nicht entspreck>end Nachdruck verliel.en habe, sondern nur die Unterzeichnung im Pvotokoll ab- lehnte, so verstieß sie auch gegen ihre znoeite Auf­gabe. An bie technische Erfüllbarkeit der Entioasf- iruug glaube er nicht. In der Kvhlenfrage fei unmöglick-es zugesickert morren. Man müsse hier ein großes Frage;eick)en machen. Auch lei über mangelhafte Statistiken gelingt nwrien. Tas habe in Spaa ben schlechtesten Eindruck gemacht. Er ssthrt Beispiele dafür an, daß rund 25 Prozent industrieller Betriebe zur Stillegung ge­bracht iverden müssen, wenn die K10H- Icuabfc) mmen in Kraft trete. Tie o* Gotbmark seien als ein Almosen anzu- sehen. Von der Genfer Konferenz erwarte er eben­falls nichts. Er glaube nicht an den Einmarsch in das Ruhrgebiet; die Deleganon hätte feit blei­ben müssen. Seine Partei lehne die Billigung dieses Verhaltens ab und fordere bie Revision des Friedens von Versailles. Redner kritisiert die Stellungnahme des Außenministers zu den aus­wärtigen Staaten.Mit d r Neutrolftits rklärung iw Osten fei er eiwverstra'een. Tie ungeheuren Leistun­gen Rußlands stünden nur auf dem Papier. Die Zurückdrängung Polens auf seine ethnographiM Basis sei zu begrüßen. Redner schließt mit bem Hinweis, daß nur eine rationelle Wirtschaftspolitik dem Vaterlande helfen könne und appeltert an die Regierung, diese durchzuführen.

Reichskanzler Fehrenbach: Die Rede des Abg. Hoetzsch war so aufgebaut, als 'ei ite ani 27. Juli 1914 gestalten worstu, nicht letzt, wo die Tage von Versailles und Spaa da wären. Wie hätten wir wohl em unserem Koos beitetien bteioen sollen. Auch an unserem guten Willen und Glau­ben an unser Vaterlands Zukunft habe Vorred­ner gezweifelt. Der Außenminister habe als ehr­licher Mann gesprochm. Wie die Verhaftnwe liegen, da sei es doppelt schmerzlich, wlckn Worte und Vorwürfe anbören zu müssen. Tas Parlament -anne dem Minister nur dankbar «ein. baß er frei und offen alle Fragen der auswärtigen Po­litik besprochen und damit bcroiefen yaoe, bap nichts verheimlicht werden solle. 2me Art wünde allmählich im deutschen Volke wehr Veritanlmi. finden und auch 'w Auslande mch unb^achwt bleiben. In der m.lttanich.m Frag^ lei tatiach- lich die Entente sich ent, am Voraoend der Kon­ferenz in Brüssel schlüttig geworden, diese An-