Uns Stadt und Land.
Gießen, brm 26 Juni 1920.
SN Lesers tzes Gietzeser Weisers m öesSlNg!
Trotz der gewaltig gestiegenen Unkosten konnte der „Gießener Anznger" dis jetzt zu entern Der-’ haltmsmäßig bescheidenen Bezugspreise heraus- «bracht werden. Eine gute Zeitung soll eben her riüigfte, für jeden erschwingliche Lesestoff sein und bleiben. Wir werden stets bemüht sein, diesen Grundsatz zu befolgen, obwohl die Derstellungs- unb Vertriebskosten von Woche zu Woche ständig anwachsen. Trotzdem sind wir auch jetzt wieder gezwungen, einen teilweisen Ausgleich der von neuem erheblich geftiegenen Ausgaben für Papier, ftarbe, Löhne und Vertrieb zu suchen. Dabei soll der seitherige Bezugspreis unverändert bleiben, dagegen muß die Trägergebühr für die Folge besonders berechnet und erhoben werden. Demgemäß kostet der „Gießener Anzeiger" vom 1. Juli ab:
monatlich vierteljährlich
An Bezugspreis: MK. 3.60 ...... Mk 10.80 An Trägerlohn: Mk. 0.65.......Mk. 1.95
Summe: MK. 4.25.......Mk. 12.75
Um den Lesern der Stadt Gießen die Möglichkeit zum billigeren Bezug des „G A." z-u geben, wollen wir zu den bereits bestehenden Abholestellen in der Stadt neue hinzusügen. Wer seine Zeitung dort abholen will, zahlt
monatlich vierteljährlich
An Bezugspreis: Mk. 3.60.......Mk. 10.80
An Abholegebühr: Mk. 0.30.......Mk. 0.90
Summe: Mk. 3.90.......Mk. 11.70
Geeignete Ladengeschäfte in allen Stoaßen der Stadt, namentlich die Lebensmittel- und Zigarrenhandlungen werden gebeten, die möglichst uneingeschränkte Verbreitung des „G. A." auch in den weniger tragfähigen Bevöikcrungskreisen zu unterstützen und ihre Bereitwilligkeit zur Ueber- nahme einer Niederlagestelle durch Postkarte an den Verlag bekanntzugeben. Alle Auslagen werden erstattet, außerdem wird, wie oben ersichtlich, eine Abholegebühr von 30 Pf. für jeden Leser gezahlt.
Betlag des «menet Anzeigen- * * *
Helft den Gießener Kindern!
Zur Hebung der Not der unterernährten Kinder Gießens finden am 17. und 18. Juli Kinderhilfetage statt. Die sämtlichen Frauenverrine Gießens naben sich zu diesem Liebeswerk zusammcn- geschlvssen. Erschreckend ist das Kinderelend. Nicht nur die Kinder der untersten Schicht, sondern vielleicht noch viel mehr die des Mittelstandes leiden unter dieser Not. Tie Zukunft unserer Kinder ist aufs höchste geMrdet, wenn nicht Hilfe kommt — rasch und ausgiebig dürfen wir uns auf die Wohltaten des Ausbundes verlassen? Ist in uns nicht selbst so viel Kraft, daß wir Mitarbeiten können an dieser Not und Beschwörung entsetzlicher Gefahren?' Für die Wiener Kinder hatten sich willige Menschen gefunden, den Hungernden einen Platz am Tische m ihrem Hanse trotz eigner Bedrängnis zu geben. Sollten diese Herzen vertagen, wenn es gilt, den Kindern ihrer eigenen ' Äeimatstiadt zu 'helfen. In Frankfurt und Darm- l stadt sind große Summen gesammelt worden. Wir . hoffen bestimmt, daß auch in unserer Stadt ähn- 7 lichcs möglich ist. Wenn wir Siechtum von un- ' seren Kindern fern galten wollen, müssen alle r Stände mikhelfen, der Arbeiter in seiner jetzt gehobenen Lebenshaltung so gut wie der Besitzende und der Beamte, dem durch das neue Beamten- besoldungsgesetz Freude in das Haus gekommen ist Alle müssen sich klar barüber sein, daß es für unsere Jugend gilt, auf der die Hvffttuug unseres Volkes ruht. Deshalb:
Gckenket am 17. und 18. Juli 1920 unserer notleidenden Kinder!
Preisaushang und Preiskeunzeichnnng.
Ueber die Preisschwankungen im Kleinhandel bat wohl schon jeder seine Erfahrungen gemacht und nicht immer die erfreulichsten. Oft 'werden für ein und dieselbe Ware in den einzelnen Geschäften ganz verschiedene Preise verlangt, oft wird man auch durch verhältnismäßig anständige Preisauszeichnungen im Schaufenster in den Laden gelockt Kum dort erfahren zu müssen, daß der Preis draußen nicht mehr stimme, daß es eine andere Qualität sei und dergleichen mehr — mehr zahlen muß man aber auf jeden Fall. Sogar über die Preisgebarung in dem doch immer sehr solide gewesenen Buchhandel muß man des öfteren allerlei Merkwürdiges hören.
Um dieser Unsicherheit, diesen Schwankungen, deren Kosten wohl immer der Verbraucher tragen mutz, ein Ende zu bereiten, hat die Stadt Mainz, gestützt auf die BundeSratsverordnung über Preis- prüfungsstellen und Versorgungsregelung vom 25. September und 4. November 1915, eine Verordnung erlassen, die auch für andere Städte vor- vndlick sein dürfte.
Diese Verordnung beschäftigt sich zunächst mit dem Preisaushang und besttmmt, daß jeder Klein-
häMer, der Kolonialwaren, Gemüse unb Obst Butter und Eier, Wild und Geflügel, Fleischs und Wurstwaren, Fleischkonserven, Fische und Fischwaren, Fischkonserven seilhält, verpflichtet ist in feinem Verkaufsraum oder an seinem Bettrebsstand ein Verzeichnis, aus dem die Verkaufspreise ersichtlich sino, so anzubringen, daß es von der Straße gut lesbar ist Das ausgefüllta Verzeichnis ist vor Aushang polizeilich äbstempeln zu lassen. Tie angeschrievenen Preise dürfen nicht überschritten werden. Soll der Preis einer Ware erhöht werden, so muß der angeschriebene Preis deutlich durchgesttici>en, die neue Zahl hinzugesetzt und das Verzeichnis von neuem abgestempelt werden.
In ihrem zweiten Teil befaßt sich die Verordnung mit der Preis au szei chnu n g von Waren, die zum täglichen Lebensbedarfe gehören und die in Schaufenstern, Schaukästen usw. ausgestellt sind. Hier ist jeder Kleinhändler verpflichtet, den Preis für diese Gegenstände pro Pfund, Liter, Stück, Dutzend usw. in deutlich sichtbarer Schrift zu kennzeichnen. Zu den Waren des täglichen Bedarfs gehören nach der Verordnung insbesondere alle Arten von Lebens- und Futtermitteln, einschließlich Sämereien, Hans- und Küchengeräte, sowie Eisenwaren mit Ausnahme von Luxusgegenstän- den Papier, Papierwaren, Schreibwaren, Textilien aller Art, und zwar sowohl Gewebe wie Fertigwaren, Schuhwaren, Hüte usw.
In der Verordnung wird weiter bestimmt, daß auf den Märkten der Preisaushang und die Preisauszeichnung durch Anstecken von Täfelchen an den Waren vorgenommen werden kann. Bet solchen Waren, die nachweislich aus dem Auslande stammen, ist sowohl bei den Preisverzeichnissen, als auch bei den Preisauszeichnungen der ausgestellten Waren deutlich der Zusatz „Anslandsware" anzubringen. Die Abgabe der im Kleinverkauf üblichen Mengen an Verbraucher darf zu den angekündigten Preisen nicht verweigert toerben. Übertretung dieser Vorschriften, die am 28. Juni in Kraft treten, wird mit den üblichen Gelbstrafen bis zu 10 000 Mark oder mit Gefängnisstrafe bis zu sechs Monaten geahndet.
Einmachzucker.
Die <5tobt Offenbach ist ebenfalls wie andere Nachbarstädte Gießens in der beneidenswerten Lage zwei PfundErnmachzucker zum Prris von 2.20 Mk. das Pfund abzugeben. Die „O ffen b. Zeitung" schreibt dazu:
„Zureden 'hilft! So werden die Offenbacher Hausfrauen nunmehr ausrufcn, wenn sie die schöne Bekanntmachung des Lebensmittelamts lesen, die ihnen für morgen zwei Pfund Einmachzucker verspricht. Es ist zwar nicht viel, aber man freut sich doch. Tenn »roch vor 14 Tagen in ber Stadtverord» netensitzung lautete die Auskunft hoffnungslos. Auch den Drängern im Emährungsbrirat konnte Leine Zusage gegeben werden. Und nun gibts doch noch Einmachzucker, hurra, hurra, hurra! Wo mag er denn nun eigentlich wohl noch bekommen? Die Frage ist doch wohl erlaubt und begründet. Ganz lOffenbach interefriert sich riesig dafür. Wo sitzen und wo warm beim die Leute in Mainz, Darmstadt loder Berlin, die ihn versteckt halten und durchaus nicht mit ihm 'herausrücken wollten? Man möchte doch gar zu gern einmal hören, welche Tinge sich da inzwischen abgespielt 'haben und wie die 'Klärung da erfolgt ist, nachdem man im Offenbacher Lebensmittelam t einmal wieder mit der Faust auf den Ti sch schlug und erklärte, wenn Frankfurt sich Einmachzucker leisten kann, muß auch für uns in Offenbach noch genügend vorhanden sein, sonst hole der Teufel die ganze Verteilungswirtschaft oder besser Nichtverteilungswirtschaft. Also: wem haben mir mm den Einmachzucker $u danken? Und da Zureden 'hilft, wollen wir 'hoffen, daß dieser Zucker nur die erste Rate sein möchte, daß es nunmehr, nachdem Man die Läger kennt, wo wider alles Erwarten Idoch noch was zu holen zu sein scheint gelingen möchte, auch noch eine zweite Zuteilung 'hevauszu- guetschen. Nur immer feste ran! Vielleicht glückt auch diese Hebung noch."
Wir dürfen im Interesse unserer Einwohnerschaft wohl Haffen, daß auch das Gießener Lebensmittelamt „mal mit der Faust auf den Tisch schlägt!"
Veranstaltungen.
Samstag, 26. Juni: Zirkus Alkhvsf, 4u. 8 Uhr Vorstellungen. — Hotel Einhorn, 8V2 Uhr, Gastspiel Paul Buchwald. — Lichtspielhaus, wie geltem. — Lichtspiele, Seltersw., „Sein Todfeind".
Sonntag, 27. Juni: Zirkus Althoff, 4 und 8 Uhr, Vorstellungen. — Oberhessischer Kunstverein, Neue Ausstellung. — Lichtspieltheater, wie Samstag.
** Geh. Hofrat Prof. Tr. Hansen j. Tie Landesuniversitat hat wiederum einen schweren Verlust zu beklagen. Am Nachmittag des 24. Juni ist ordentliche Professor der Botanik, Geh S?ofrat Prof. Dr. Lldolf Hansm einem Herz schlage erlegen, naebbem er seit fünf Monaten vergeblich gegen ein fortschreitendes Leiden gesümpft Hatte. Cbeboren am 10. Mai 1851 zu Mio na, hat er ein Alter von etwas über 69 Jahren erreicht. Von diesen waren 29 der Lanbesuniversitzit gewidmet Von Beruf ursprünglich Apotheker, hat Adolf Han- sen sich mehr und mehr der botanischen Wissen
schaft zu gewandt. IN den achtziger Jahren war er Assistent bei Prof. Sachs in Würzburg und wurde von diesem haupts-ichlich zu physiologischen Studien angeregt. Aus dieser Zeit flammen seine Arbeiten über die Farbstoffe der Blüten und Früchte (1884) und des Chlorophylls (1889). Tann 'habilitierte er sich in Darmstadt für Bettrnik und wurde im Herbst 1891 ordentlicher Professor für dieses Fach an der LanbesnniversitLt. Unter seinen Arbeiten aus dieser Zeit sind besonders zu er- wäbnen die Untersuchungen über die Wirkung des Windes auf die Pflanzen 1904). Auch wandte er sich, wohl angeregt durch eigene Reisen in Griechenland, Spanien, Nordameriöl und durch einen früheren Aufenthalt an der zoologischen Station in Neapel pslanzengcograPhischen Studien zu, bereu Früchte in der Abhandlung über die Vegetation der ostfriesischen Inseln (1901), der Ausgabe großer pflanzen geographischer Tafeln (1899) und des dritten Bandes des von ihm neubearbeiteten Werkes Kerners „Pflanzenleben", 1913—1916 vorliegen. Im Winter 1911/12 sah er auch seinen Wunsch, tue Tropen zu besuchen, burd; eine Reise nach Ceylon erfüllt. 1906 wurde das Botanische Institut ans den früheren Räumen in der Sencken- bergstratze nach dem Brandplatz verlegt und von Hansen in moderner Form eingerichtet. Gam besonders aber galt feine tMnfmcrframfcit dem Botanischen Garten, der unter seiner Leitung eine voll- tbmmenc Umgestaltung erfuhr und aus kleinen Anfängen zu beachtenswerter Bedeutung empor- gefülwt wurde. Dabei übte Hansen nahezu 30 Jahre eine umfangreiche Lehrtätig'rit aus, sehr zum Nutzen der LLirdesuniversität. Aber auch über sein Fach 'hinaus ist er bekannt unb angese'hen worden. Eine svark auß geprägte ptzilosophisck>e Ader und lebhaftestes Interesse für Literatur führten ihn in den letzten JoHrze'hnten seines Lebens zur Be- schättiguug mit Goethe. Im Weimarer Gaethc- Archiv ordnete er den botanischen Nachlaß Goethes und kam auf diese Weise zur Ueberzeugung, daß Gvekhe nicht nur BotaniLr von Fach, sandern auch ein bedeutender Botaniker gewesen ist; den Nachweis dafür erbrachte er in zwei sehr lesens- roerten Schriften über Goethes Metamorphose der Pflanzen (1907) und über Goethes Morplwlogie (19191. Ganz besonders in diesen Schriften tritt et allgemein als das hervor, als was die ihm Nöcherstehenden ihn bereits kannten, als ein überaus feiner .Kopf, ein scharfer Geist, ein tiefer Denker. Dabei 'war er ein Mann von heiterer Gemütsart, ein ausgezeichneter Gesellschafter, ein wohl wollender und gutmütiger Mensch. So verliert nicht nur seine Gattin einen treuen Lebens ge- Uhrten, sondern auch die Lanbesuniveyität einen hock;angesehenen Forscher, einen tüchtigen Lehrer und ihr Lehrkörper einen lieben Kollegen.
** Ober'hessischer Kunstverein. Die neue Ausstellung ist von morgm Sonntag an wieder täglich. von 11—1 Uhr geöffnet und bringt unter anderen Werke von Pros. Beyer, Anna Bayer, Prof. Brecht, F. Huth, E. Eimer, C. Fries H. Geilfuß, Prof. Hartmann, ißtjf. Hoelscher, Prof. Jllner, H. Kälelhöhn und andere.
** Die anh altenbe Dürre macht sich besonders für die Kartoffel- und Haferfel-- der am Hardtberg, Gleiberg und Vetzberg schri bemerkbar. Aber auch der zweite Schnitt Klee ist gefährdet, an Grünfutter herrscht großer Mangel. Selbst in schwerem Boden macht sich die durch den Wino doppelt verhängnisvolle Dürre recht unliebsam fühlbar. Das junge Obst fällt massenhaft von den Bäumen, und die an sich viel versprechende Zwetschenernte erscheint strichweise in Frage gestellt.
** Der Ortsgewerbeverein Gießen veranstaltet am Montag, 28. Juni, 8 Uhr, im Gewerbehaus seine ordentliche Hauptversammlung.
** Leimverso rgung. Durch den Mangel an Rohstoffen ist mit einer Freigabe von Leim und Klebstoffen in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Die Rohstoffverteilungsstelle des Ortsgewcrbcveceins wird daher auch im Laufe dieses Monats an alle Leimverbraucher Bezugsscheine und Leim vermitteln. (S. Anzeige.)
** Tie Lebensmittelta belle für die Mache vom 28. Juni bis 4. Juli ist aus dem Anzeigenteil der 'heutigem Nummer ersichtlich.
** Wann dne Kohlenbezugskar- t e n für das Jahr 1920/21 im Bezirk 8 und 5 aus gegeben werden, ist aus dem Anzeigenteil ersichtlich.
** Mit der Brennholzausgabe beschäftigt sich eine Anzeige in der heutigen Nummer, auf die auch an dieser Stelle verwiesen fei.
** Unsere Hausfrauen sind gewiß genug mit Arbeit überlastet.' Das müßten auch unsere Behörden wissen. Es ist deshalb einfach unerfindlich weshalb die 100 Gramm K ä s e, die gestern für den 12. Bezirk, Weserstraße, Eder st raße usw. zur Ausgabe kamen, ausgerechnet am andern Ende der Stadt, in der Griebschen Verkaufsstelle in der Frankfurter Straße abgeholt werden mußten.
** Straßenbahn sahrmarkcn, die ungelocht, oder nur mit einem Loch versehen sind, find ungültig. Sie können aber bei
Der Schlund.
Das Erlebnis Krieg in seinen Erschütterungen der Emzelpersönlichkrit, eines Volksteiles oder be<< AoNSganzen dichterisch zu gestalten, Hal manchen verlockt und jene Flut von Kriegsliteratur erzeugt, die weniger durch die Ablehnung des nicht mehr er- 'unrert fern wollenden Lesers, als durch die Papier- nöte der Verleger abgestovpl wurde. J-n vieler Hin- kein Verlust. Wenn man an die Produktion Unberufener denkt, die während des Krieges allzu willig auf den Markt ge- wvrfen wurde, so wird man von einem leisen Grauen befallen. Bei der Vorstellung, die vielen ^Se.drEen Kriegsromane und -Tagebücher, deren Personlichkeitswert erheblich sein mag hätten auf den geneigten Leser herab brafreln bürten Sicher wird auch von der Notlage deutschen Schrifttums manches Werk betroffen sein, tu bem ba<S katastrophale Erleben Krieg eine dichterr,ck>e Ballung erfalnen hätte, das auch den Ablehnendsten nochmals in den Bann einer atemlofen Grlebninfolge bineingerissen hätte Eine derartige Dichtung fehlt uns noch, so not sie uns täte. Oder sollte sie wirllich erst au« -.ntlirfia Distanz statt aus aufgewühltritem 'TRit-rcb-n gdwren werden können?
Was umfassend noch cselöst werden muß. ein Kultur- und Zeitdokument zu gestalten, oa hjr Alfred Bock zum erstenmal im deutsch ', Schri'
tum in seinem Romane ,Der Schlund" für das deutsche Dorf verwirklicht. (Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W. — Preis 7 Mk.) Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit hat er die ihm vertraute Psyche des Bauern wahrend ber des Krieges, des Zusammenbruchs und der Revolution W-diert und in seiner knappen charakteriftisck)en lttzahlungskunst die bestimmenden Züge zu einem scharfumrissenen Bilde zusammengeschlossen. Der Verzicht auf jegliches Jndiebrritegeftm bei Zu- standeii, wie sie sich bei der langen Kriegsdauer! folgemchttg herausbilden mußten Die Ausschal - timg jeglichen Beiwerks zugunsten des Wesentlichen erzwingt den Eindruck des Typischen wie in keinem der früheren Werke Alfred Bocks. Wenn Liebermann einmal sagte: „Zeichnen ist weg- timen", benxjfjrbeitet sich dieser Satz auch hier lür die Schilderung, die dadurch eine bramatii'cte Kraft erhält. Nur die harten Gegebenheiten sind dargetlellt, aus denen sich die psychologische Entwickelung der Einzelverhonen und der ganzen Dörs- lerschast ohne psychologische Deutelei ergeben muß. . Zwei Frauengestalten stehen im Mittelpunkte der vandlun,^Die eine vom Dämon des Wnckxns in Rot uno Tod getrieben. Die andere von stählernem Willen erfüllt Die Mächte der Pernich- rung, tue |ie umdwhen, zu übemnnben. Stuf die'«
ub wr - tttatoeröerbui i, die von der Stadt
Städter und Dörfler zueinander entwickeln sich Beziehungen nie gekannter Art. Der Dunst der Stadt überströmt das Dors. Besitzgier unb Sinnen- taumel vergiften die Seelen. Daneben sprossen aber in Bauernhäukern Blüten reinsten Menschentums auf. Der Schlund des Striegel, der die besten Kräfte verschlingt, spült auch wieder Keimkräfte herauf, 'die zur (Genesung und neuer Menschwerdung führen.
Und so muß auch dieses Buch, das von den Schrecknissen der Gegenwart erfüllt ist, zu einem Bekenntnis zu besserer Zukunft werden, zu einer besseren Zukunft aus eigenem Willen und gesunder Kraft. SScnn die vom Unglück verfolgte Wecklers- Aniva mit ihrem Bübckren, dem Crinjigen, ivas ihr in der Welt übrig blieb, aus Fenster tritt und die heimgekehrten Junsen den Pflug führen sieht, so sagt sie sich:
„tzlings tier Innern, gings auch tief heraus. Einmal lief sich das Unglück die Beine müd." Wenn eins sie fragte: „Wer soll uns helfen?" würde sie sprechen:
„Wir müssen uns selber helfen. Müssen treu unb stark teilt. Müssen schanzen und schaffen."
Aus solchen Worten, die jeder für sich sprechen wllte Nmgt der ethische Gehalt des Romanes, ÖCT>J-(2r>u emem wahrhaften Kulturdvkmnente auswachst.
der Kasse, Lahnstr. 28, Zinrmer 7, und bei bett Wagenführern gegen eine Vergütung von 5 Pfennig für das Stück abgegeben werden.
** Tie Deutsche Bvlkspartei, Verein und Jugendgruppe, veranstaltet am Dienstag, 29. Juni, abends 8 Uhr, auf der Liebigshöhe einen Familienabend. (Näheres siehe Anzeigenteil.)
’* Ter 'Sartburgöerein veranstaltete letzten Donnerstag zum Besten der Jugerrdfürsorge einen Kammermusikabend, der von dem in hiesigen musikalischen Kreisen sehr beliebten Quartett, den Herren August Rein, Paul-Waltev Andreae, Rudi Sonntag und Fritz Schliephake, aüsgeführt wurde. Es war ein wirklicher Genuß, diesem Quartett zu lauschen, das nicht im geringsten bedacht war, sein Können bem Publikum zu zeigen sondern ganz in der feinen, sinnigne Sßiebergabc der Meisterwerke aufging. Aus der Folge der drei Streichquartette, in E-Dur von von Beethoven, möchte ich den Mozart als muft kalisch am feinsten ausgearbeitct betrachten. Das Andante Cantabile, in Tempo und Ausdruck sicher ganz im Sinne Mozarts, war ein ergkeisend schöner Moment. Die volle, melodische Akkordfolge der Haydn, in G-Dur von Mozart und in E-Moll zweiten Geige, Bratsche und Cello wurde von Herrn Rein mit leichter, flüssiger Technik fein und ausdrucksvoll umspielt. Die Menge Reiner Feinheiten im Haydn-Quartett waren mit vieler Liebe her vorgehoben, und das Prosto zeigte eine große rhythmische unb bynamische Sicherhrit. Mit dem Vortrag bes Beethoven hat sich das Quattett schon eine schwierigere Ausgabe gestellt, der es jedoch gerecht wurde. Abgesehen von Heinen Un» rcinbeiten am Anfang war es eine prachtvolle Wiedergabe, und der fein aiisklingenbe, fragende Schluß des Endallegros — das ein Teil des Publikums lieber mit wuchtigen KabensakkmÄen schließend gehört hätte — ließ den andächtig lauschenden Kenner ein Dacapo des Ganzen wünschen. Alle vier Herren beherrschen ihre Instrumente und verstel-en aus ihnen wundervoll singende, runde Töne zu locken und besonders Herr Fritz Schlrep- hake zeigte in seinem weichen, innigen Spiel tiefes musikalisches Verständnis. Wenn sie auch keine Ansprüche auf .Mnstlerschaft erheben, so haben sie dock ihren Diletantismus aus eine künstlerische Höhe gebracht. Wir hoffen und wünschen sehr, daß uns das Quartett bald wieder einen stiunmer- musikabLnd schenkt, unb wenn es nicht zu anspruchsvoll ist — mit Soli-Einlagen! g.
Landkreis Gießen.
X Rüddingshausen, 24. Juni. Gestern würbe Gastwirt und Bäcker August Müssig, der am 16. Mai l. I. zum Bürgermeister unserer Gnneinde gewählt wurde, verpftichtet unb in fein Amt eingesührt.
s. Lollar, 26. Juni. Die Prüfung als Geschäftsführer der Krankenkasse vor bem Ober versichttungsamt in Darmstadt bestand Ernst Schmidt, Sohn des Bürgermeister Schmidt.
g. Al l enbo r f a. d. Lumda, 2l. Juni. Ain vergangenen Sonntag nrurb? ft er im Ranftschn Saale ein Abend veranstaltet, der dem Andenken an unsere Gefallenen g w.dmtt war. Aus Lich hatte sich der dortige Frauenchor ein- gefunden und brachte unter Leitung von Frl. Jä^er za'tzlreiche gut eingriibte Lieder zum Vor rag. lü reichen Beifall sanden. Ginigc vorzü^lch vor;e- tragene Viol'ilchuios tuntjein Twmpetentzi.io dvachten Abwechftung in die Tarbietungm. Den zafrlreist, Anwesenden war rin künstlerischer Genuß geboten worden.
Kreis Friedberg.
** Friedberg, 26. Juni. Der Aet- terauer Reiter-Verein veranstaltet sein 5. Reiterfest am Sonntag, 11. Juli, zu Friedberg aut dem Sportplatz der Seewiese. Nähere Einzelheiten sind aus dem Anzcigentell ersichtlich.
Starkenburg und Rheinhessen.
sw. Darmstadt, 26. Juni. „Billige Kir schen", das heißt nach unseren heutigen Begriffen, hat kurz vor Schluß der Ernte die Stadt eingeführt. Sie werden zu 1,20 Mk. das Pfund abgegeben.
Hessen-Nassau.
Ein Einbrecher erschossen.
— Franks ur t a. M., 25. Ium. In der Nacht zum Donnerstag fuhren Einbrecher in einem Automobil vor einem Bockenheimer Lebensmittelgeschäft vor, plünderten dieses aus und schafften den Raub nach Nieder r a d zu einem Wirt. Schon wenige Stunden später konnte die Kriminalpolizei den Wirt verhaften und die Lebensmittel beschlagnahmen. Die in Frage kommenden Einbrecher wurden alsdann auf einem Heuboden in der großen Friedbergerstraße entdeckt. Als sie verhaftet werden sollten, schoß einer der Einbrecher auf den auf der Leiter stehenden Wachtmeister mehrere Male, traf aber nicht. Der Wachtmeister erwiderte das Feuer und tötete den Einbrecher durch einen Schuß in den Kopf.
Massengewalt im Stadtparlament.
ma. Kreuznach, 25. Juni. In der Stadt- Verordnetenversammlung kam cs mehrfach zu erregten Zwischenfällen, die ihren Höhepunkt erreichten, als der USP. Bohr dem Zentcumöstadt' verordneten Dr. Cavvallo zuricf, er sei eine Preß
** Literarische Gesellschaft. R u dolf Presber las gestern in der literarischen Gesellschaft aus eignen Werken, wie nicht anders zu erwarten war, vor dicht gefülltem Saal. Der Dichter mit seinem heiteren Blick gewann sofort die Zuhörerschaft, verbreitete Freude und frohe Stimmung um sich. Presber, der manchmal ein wenig überhastet spricht, ist bei feinem Vortrag int Kolo ritt, in der größeren und Fletncrcn Lehhaftigt'ril der Farben immer er selbst, ganz unb eins, vor allem, was er vorträgt, klingt innerlich mit. Seiner leichtbeweglichen Natur eignet der Humor, nicht minder die Satire, und er hat den Mut, sie zu gebrauchen. In seinen Gedichten spütt man den Menschen, der sie mit feiner Seele durchdrungen hat, man fühlt die Wärme, die in ihm pulfiert. Er geht an den Bitternissen des Lebens nicht vorüber, schaut tief in das Weltleib hinein, im Grunde aber predigt er uns, daß die Welt ohne Humor unettraglich ist, und frei von aller Sentimentalität versteht er es, uns über die Wirllichkeit hinaus mit milder Empfindsamkeit in eine Atmosphäre geistigen Wohlseins zu. versetzen Da-) Programm war bedachtsam gewählt, vielleicht ein wenig zu lang. Des Tichters fest umriifene Persönlichkeit durfte den wohlver-, dienten Dank der zohlreichm Versammlung ent» gegeunebme».


