reine
Samstag, 26. Juni 1920
Erstes Blatt
irv. Jahrgang
Das Kabinett wird morgen zu einer
Parlament, das sich seiner Pflichten für das Ganze, seiner Verantwortung sür die Ent- cheidungen, die bevorstehen, voll bewußt ist.
Berlin, 25. Juni. (Wolff.) Nach Mitteilungen des Regierungsvertreters im Aeltestenrat des Reichstags beabsichtigt der Reichskanzler, am Montag 11 Uhr das neue Kabinett vor- zustellen und eine programmatische Erklärung abzugeben. Am Montag nachmittag wird in neuer Sitzung Gelegenheit zur Aussprache gegeben, die wegen des katholischen Feiertags am Dienstag erst am Mittwoch weitergeführt wird. Da endgültig seststeht, daß am 5. Juli die Verhandlungen in Spaa beginnen, sollen die Verhandlungen des Reichstags bis dahin abgeschlossen werden.
Machthaber, deren willenloses Werkzeug sie sind.
Gegen diese Gewalthaber appcllveven wrr an die gesamte Kulturwelt, an alle gerecht und ritterlich denkenden Frauen und Manner, auf daß sie alle Macht aufbieten, damit der Besetzung europäischen Landes durch farbige Truppen endlich ein Ende.gemacht Iverde. Gleichzeitig sprechen wr2 tiefgefühlten Tank allen den Menschenfreunden mrs, nicht zuletzt denen in den vormals feindluhQk Ländern, die aus eigener Initiative unserem Appell! schon zuttorgekommen sind."
Prinz Max von Baden, Staatsrat Tr. Ludwig Haas, Gräfin Pauline Mvntgelas, Graf Max
Mvntgelas, Iran Lina Richter, Frau Marianne Weber.
Nr. 148
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Die Londoner Verhandlungen mit Krassin schleppen sich Wörter, ohne daß nach der einen oder andern Richtung ein klares Resulatt zu Tage träte. Die Nachrichten, die wir über diese Verhandlungen erhalten, sind durchaus widerspruchsvoll. Bald hört man, Lloyd George habe zugebeben, daß die Russen nichts zu bieten hätten und auch nichts bieten wollten und daß Krassin nur die Absicht verfolge, ibn hinzuhalten; bald wird wieder berichtet, der englische Premier halte an dem Gedanken des Ausgleichs mit Sowjet-Rußland unbedingt fest und habe ögar eine Anerkennung des bolschewistischen Regimes ins Auge gefaßt. Die Sowjet-Regierung scheint versprochen zu haben, sich aus Persien zurückzuziehen; aber dies Versprechen war reichlich verklausuliert und durch Vor- oehalte entwertet und man hört bisher nicht, daß ihni Taten gefolgt sind. Es wird int Gegenteil sogar berichtet, daß die Engländer in Persien ihren Rückzug fortsetzen. Die nationalistische Bewegung in der Türkei Hal neuerdings zweifelsohne sehr große Fort- chritte gemacht; die Truppen Mustapha-Ke- mal, denen die türkischen Regulären offenbar nur Scheinwiderstand leisten, haben sich der Hauptstadt Konstantinopel ziemlich dicht genähert. Klein-Asien soll bis auf das Gebiet von Smyrna vollkommen in ihren Händen ein. Ueber die Haltung der Araber ist nichts genaues bekannt. England hat versucht, sie durch die Gründung des Königreichs Mesopotamien, in dem die britische Besatzung angeblich nur 4 Jahre bleiben soll, zn beruhigen. Ob dieser Kunstgriff genügen wird, um die arabische Gefahr — vorläufig die sckpverste von allen — von England abzuwenden, ist noch zweifelhaft. Die Entente steht vor der Frage, ob sie im nahen Orient eine Politik der Nachgiebigkeit oder eine solche der Gewalt treiben soll. Während Griechenland, das die Rache eines wiedererstarkten Osmanen- tums fürchten muß, für militärische Aktionen eintritt, scheint Italien, dessen Besitzungen und Einflußsphären im Orient sehr exponiert sind, zu versöhnlicher Taktik zu raten. Die Politik der Gewalt ist, wenn sie gelingt, am einträglichsten für England; sie verlangt aber auf die Dauer auch vonn diesem Laube den größten Krauftaufwand und die schwersten Opfer.
Die Regierungskrise in Oesterreich.
Wlien, 25. Juni. (Wolff.) In der gestern nachmittag abgehaltenLN Sitzung des Haupt-« Ausschusses berichtete Präsident Seitz über dw schwierigen Verhandlungen wegen der Neubildung der Regierung. Er teilte ein Schreiben der christlich--sozralen Kabinettsinitglieder mit, in dem sie um Enthebung von der Fortführung der Geschäfte bitten, und gab die von ihm auf Vorschlag des Staatskanzlers Renner getroffene Verfügung wegen der provisorischen Fortführung der Geschäfte der zurückgetveteneir Staatssekretäre durch den Staatsöanzler bzw. den sozialistischen Staatssekretär bekannt. Ter Großdeutsche Dinghofer beantragte für den Fall, daß die Bildung einer Regierung nicht möglich sei, daß der Präsident ersucht werde, die leitenden Beamten der Staats- ämter unter dem Vorsitz eines Beamten mit der einstweiligen Leitung der Verwaltung zu betrauen. Präsident Seitz wies auf die gegen den Antrag bestehenden verfassungsrechtlichen Bedenken hin und erklärte, wenn der Ausschuß einen solchen Beschluß fasse, müsse behufs Turchführnng an einen anderen Präsidenten gedacht werden. Der sozialistische Vertreter sprach sich gegen die Bildung einer reinen jBeanrtenregierung aus. Der Antrag Dinghofer wurde darauf lobgefehnt.
Die Uonserenz von Spaa.
Berlin, 25. Juni. (Wolff.) Der englische Geschäftsträger hat dem Auswärtigen Amt erklärt, er sei beauftragt, offiziell mitzuteilen, daß die Konferenz in S p a a am 5. Juli stattfindet.
Berlin, 26. Juni. Die Konferenz von Spaa ist, so schreibt die „Deutsche Allgemeine Zeitung", auf den 8. Juli angesetzt. We.ige Tage stehen der neuen Regierung zur Verfügung, sicb darüber klar zu werden, wie sie ihre Stellungnahme für diese schwerwiegende Besprechung int einzelnen zu präzisieren hlwe. Niemand gibt sich der Erwartung hin, daß die Vorschläge der Verhandlungsgegner diktiert sein werden von irgendwelcher Rücksichtnahme auf Deutschlands Lebensmöglichkeiten.
DreGefahr der EntwaffnungDeutschlandS.
B e r 1 i n, 26. Juni. Die „K reuzzertung" schreibt unter der Ueberschrift: „Sturmzeichen!": Wir wundern uns, daß die Entente die unmittelbar bevorstehende Gefahr einer Bolschewisre- rung Deutschlands nicht klar erkennt, sie vielmehr durch die Forderung eines 100 OOO-Mann- Heeres sowie Auflösung der Sicherheitspolizei geradezu hevaussvrdert.
In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" liest man: In Berlin steht man vor der Entscheidung über die Möglichkeit staatlicher Existenz. Die 100 000 Mann, um die die Reichswehr kleiner werden soll, ist fein einfaches, sondern ein doppeltes Minus. Nicht nur, daß die Reichswehr diese 100 000 Mann verliert, ein namhafter Teil dieses bisher staatserhaltenden Elements wird, von wirtschaftlicher Not und von Zwang getrieben, in das Lager des Widerstandes und der Unruhe übergehen. Die Entente will Ersatz schaffen in einer Polizei, die lokal oder regional organisiert sein soll. Die Erfährrmg beehrt, daß solche Polizeimannschaften überraschend schnell bodenständig werden, daß sie für Aktionen außerhalb ihres Bezirks unbrauchbar sind. Die regionalen Polizeien sollen nach der Absicht des Ver^ bandes anscheinend nebeneinander stehen und so fehlt ihnen die einheitliche Stütze. Alles in allem ist die Polizei kein Ersatz für die Reichswehr.
Berlin, 25. Juni. (WTB.) Wie die „Voss. Ztg." meldet, hat der Reichswehrminister Geßler infolge der neuen Ententenoten über die Herabsetzung der Reichswehr auf 100 000 Mann heute vormittag dem Reichskanzler Fehrenbach die Demi s s i o n an geboten. Wie dazu von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, sieht Geßler die durch die neuen Ententenoten geidjaffene Lage als außer- ordeirtlich ernst an. Von einem Rücktrittsgesuch ist jedoch amtlich nichts bekannt.
ordmrng steht. Dazu gehören Köpfe ersten __________ „
Ranges als Vertreter unserer Interessen ersten Sitzung zusammentreten und sich am draußen; dazu gehört aber auch zu Hause ein «Montag dem Reichstag vorstellen.
Die schwarze Schmach.
Freiburg, 25. Juni. (Wolff.) Prinz Max von Baden veröffentlicht folgenden Aufruf:
„Genug der schwarzen Schande! DerRheinische Frauenbund, dem Frauen aller Stände, Parteien und Konfessionen angehören, hat in diesen Tagen einen ergreifenden Protest gegen die zahlreichen Angriffe der französischen Besatzungstruppen auf die Ehre deutscher Frauen und Mädchen im Rheinland veröffentlicht. Der Bund konnte 29 Fälle mit genauen Angaben als Belege anführen. Dabei waren 17 farbige Soldaten die Täter. Uns nnter- zeichneten Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft für eine Politik des Rechts (Heidelberger Bereinigung) sind weitere 9 Fälle nach Namen der Geschädigten, nach Ort und Zeit des Vergehens mit grauen- ervegenden Einzelheiten bekannt. 11jährige Knaben, Mädchen in kaum heiratsfähigem Alter, hochbetagte Frauen befinden sich unter den Opfern, und es besteht Grund zu der Befürchtung, daß auch damit die traurige Liste noch nicht abgeschlossen ist, da naturgemäß die Scham viele der Betroffenen zurückhalt, der Oeffentlichfeit preiszuaeben, was ihnen passiert ist. Der Zustand der Knechtschaft, in die man das ganze rheinländische Volk versetzt hat, verschließt in vielen Fällen den Opfern den Mund.
Alle Vorstellungen der deutschen Behörden haben bis jetzt keine durchgreifende Besserung er» tieft. Es bleibt nur der eine Schluß übrig, daß die Offiziere entweder nichtdieMacht oder nicht den Willen haben, die unerhörten Zustände ui beseitigen. Die Versuche der französischen Regierung, die einwandfrei bezeugten Tatsachen abzuleugnen, können wir uns nur dadurch erklären, daß sie von ihren Nachgeordneten Stellen nicht wahrheitsgemäß unterrichtet wurde.
Wir bedauern aufs tiefste die aus anderem Erbteilen kommenden Ämter, die fern ihrer Heimat im Tienst eines die Grenzen der eigenen Volkskraft wettüberspannenden Militarismus von einem fremden Gebiet ins andere gehetzt werden. Nicht sie tragint die Sckmld, daß die Zivilisation unseres Jalwhunderts in dieser Weise gefDrdet ivtrb, sondern die weißen
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: Vrühl'sche Univ.-Vuch- und Zteindrückerei R. Lange. Schristleltung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.
Aus dem Reiche.
Sistierung des IVprozentigen Lohnabzugs?
Berlin, 26. Juni. Wie das Berl. Tageblatt berichtet, ist im Reichstag ein mterfraktioneller Initiativantrag eingegangen, der die Regierung auf-- fördert, eine Sistierung des lOprozen-- tigen Lohnabzugs onziuordnen.
Lebensmittelunruhen.
Berlin, 26. Juni. (WTB.) Wie dem „Berl. Lokalanz." berichtet wird, hat die Polizei in Paris drei Großhändler der Markthalle verhaftet, die Telegramme und Briefe an ihre Lieferanten in die Provinz gesandt hatten, um Sendungen von Fleisch, Gemüse und Früchten zu unterbrechen, damit dem überall sichtbaren Rückgang der Preise Einhalt getan werde.
Bremen, 25. Juni. (WTB.) Me gestern hier aus gebrochenen Lebensmitte Krawalle haben namentlich in den späteren Nachmittags stunden in den Vororten Walle, Gröpeling, Hastodt und Henrolingen einen gewaltigen Umfang angenommen. Es kam verschiedentlich auch zu schweren Ausschreitungen gegen die Sicherheitsmannschaften. Im Verlaufe des gestrigen Tages wurden etwa 50 Verhaftungen vorgenommen. Auch in Dolmenshorst kam es gestern zu schweren Plünderungen von Läden.
Bremen, 25. Juni. (Wolff.) Die Le- mensmittelunruhen lassen nach. Zu Ausschreitungen ist. es heute bis zur Stunde nicht gekommen.
Oldenburg, 25. Juni. (Wolff.) Heute morgen versammelte sich eine große nach tausenden zählende Menschenmenge auf dem Pferdemarkt, zog von dort truppweise durch die Geschäfte und stellte an die Geschäftsinhaber die Forderung, die Preise für Lebensmittel, Schuhwaren und Konfektionssachen um ein Drittel herabzusetzen. Die Kontrollkommission werde in kurzer Zeit die Geschäfte wieder kontrollieren und zu Zwangsmaßnahmen greifen, wenn der Geschüftsin- inhaber der Aufforderung nicht nachgekommen sein sollte. Der Zug bewegte sich dann zum Marktplatz, wo in Ansprachen zur Ruhe und Ordnung aufgefordert und wobei betont wurde, daß sich diese Demonstration nicht gegen den Lohnabzug, auch nicht gegen die Reichswehr und Sicherheitspolizei, sondern lediglich gegen die Wucherpreise richte. Man verhandelt heute mit dem Magistrat und dem Ministerium zwecks eventueller Festsetzung der Preise. Sollte bis morgen keine Herabsetzung der Preise erfolgt sein, so soll in den Betrieben die Arbeit niedergelegt werden.
Mainz, 25. Juni. (WTB.) Die Aktion zur Preissenkung auf dem Obstmarkt hat heute zu unliebsamen Ausschreitungen geführt. Die Polizei konnte nicht verhindern, daß ein Tejl der Menge in verschiedene Lebensmittelgeschäfte eindrang und diese zwang, ihre Waren unter dem Einkaufspreis zu verkaufen.
Die Lösung der Kabinettstrije.
Berlin, 26. Juni. Zrtr Lösung der Kabinettskrise 'heißt es in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung": Eine Minderheitsregierung wird jetzt das Ruder führen. Sie wird es nur können durch eine geschickte und sachliche Politik, die sich von jeder Parteineigung fernhält. Sie hat ba$u den festen Willen und sie rechnet dabei auf die Mitarbeit aller Parteien, bereit Wille es ist, Staat und Volk wieder den Weg nach aufwärts zu führen.
Tie Sozialdemokratie, die der Regierung eine gewisse Schonzeit zu bewilligen genötigt ist. wird, wie es im „Vorwärts" heißt, wahrscheinlich bald mit ihr, namentlich mit ihrem recht eit Flügel, im Kampfe ste'hen. Tann werde es gelten, den verlorenen Einfluß wieder zu gewinnen versuckien, was nur möglich sein werde, wenn die Unabhängigen ihre Politik des „zwischen zwei Stullen sitzen" aufgeben und sich der parlamentarisch deinokvatisckien Methode der Machtgewinnung bedienen ferne.
Tie recht sstehenden Blätter fassen die Lage im ganzen sehr ernst auf. Umso fester, 'heißt es in der Deutschen Tageszeitung, müssen Regierung und Volk auf dem Boden ihrer Rechte und der nationalen Lebensnotwendigkeiten fttiljen und umso kühler und mutiger den Dingen ins Auge sehen.
Das neue Kabinett.
Berlin, 25. Juni. (Wolff.) Der Reichspräsident hat auf Vorschlag des Reichskanzlers Fehrenbach folgende Herren ernannt:
Reichsjustizminister (betraut mit der Vertretung des Reichskanzlers) Dr. Heinze,
Reichsminister des Auswärtigen Simons,
Reichsminister des Innern Koch, Reichsfinanzminister Dr. Wirth, Reichsernährungsminister Hermes, Reichspostminister Giesberts, Reichsverkehrsminister Grüner, Reichswehrminister Geßler, Reichswirtschastsminister Scholz, Reichsschatzminister Raumer.
Die Besetzung des Wiederaufbauministeriums ist noch Vorbehalten. Die Verhandlungen über die Besetzung des Reichsarbeits- ministerinms werden in Bälde abgeschlossen sein.
Wochenrückdlick.
Ein halber Monat ist seit den Wahlen vergangen, bis wir endlich eine neue Regierung erhalten haben. Nachdem in den letzten Tagen eine provisorische Lösung der Krise zustande zu kommen schien, die freilich gerade dem außenpolitischen Bedürfnisse nach einer Regierung mit starkem parlamentarischen Rückhalte wenig entsprach, haben es sich die Sozialdemokraten in letzter Stunde noch einmal anders überlegt und sie haben auch die Bildung dieser Regierung sabotiert. Selbst ihre demokratischen Freunde sind über dies Verfahren außerordentlich ungehalten. Die Sozialdemokraten haben entdeckt, daß die raoi- kale Agitation ein Vertrauensvotum für eine bürgerliche Regierung ebenso skrupellos gegen sie ausbeute wie sie den offenen Anschluß der Sozialdemokraten an ein Regime der Mitte ausnützen würde. Und da die sozialdemokratische Partei heute an nichts weiter denkt als an ihre Aussichten bei den nächsten Wahlen und an die taktischen Möglichkeiten, sich gegenüber der unabhängigen und kommunistischen Konkurrenz zu behaupten, hat sie jene Erkenntnis prompt zum Anlaß genommen, der im Werden begriffenen bürgerlichen Regierung auch jenes Mindestmaß unvoreingenommener Neutralität zu entziehen, ohne daß sie, wie die Mehrheitsverhältnisse nun einmal liegen, ihres parlamentarischen Lebens keinen Tag lang sicher ist. Das neue Kabinett der Minderheit" wird sehr vorsichtig arbeiten müssen, nm nicht von vornherein in Schwierigkeiten zu geraten.
Die Konferenz von Spaa ist mit Rücksicht auf die lange Dauer der deutschen Regierungskrisis wiederholt verschoben worden und ihr endgültiger Termin steht auch heute noch nicht fest. Inzwischen haben an der englischen und an der französischen Küste erneute Vorbesprechungen zwischen den alliierten Staatsmännern stattgefunden, die sich zum Teil auf die russische und die sehr akut gewordene türkische Frage bezogen, zum .Hauptteile aber wohl auf das Problem von Spaa, auf die Frage der deutschen Wiedergutmachung. Ueber das Ergebnis ist nichts zuverlässiges bekannt geworden und es hat den Anschein, daß die Meinungen ziemlich auseinandergingen. Die Nachrichten, daß Deutschland eine Jahresschuld von 3 Milliarden Goldmark auf 35 oder 37 oder gar 41 Jahre auferlegt werden solle, scheinen nicht authentisch zu sein, wenn man auch natürlich darauf rechnen muß, daß die gefaßten Beschlüsse große Opfer von uns fordern. Die Unklarheit und Unsicherheit, die aber auf alle-Fälle auch in der Entschädigungsfrage unter den Alliierten noch herrscht, bietet Raum für ein Hervortreten unserer eigenen Initiative. Ja, es sieht so aus, als ob auch die Entente selbst diese deutsche Initiative wünschte und erwartete und als ob sie nur entschlossen sei, zu diktieren/ wenn wir uns wieder auf eine rein negative, protestlerische Art des Verhandelns beschränken. Der französische Finanzminister Marsal hat erklärt, die Alliierten würden in Spaa zunächst mit ihren eigenen Vorschlägen zurückhalten und die deutschen Vertreter auffordern, ihrerseits ein Angebot der Wiedergutmachung zu machen. Nur wenn dieses Angebot schlecht und unzureichend sei, würde die Entente die jetzt gefaßten Beschlüsse hervorholen und Deutschland, ohne sich weiter in Debatten mir ihm einzulassen, die, Höhe seiner Schuld mitteilen. Nun ist ja freilich anzunehmen, daß vom französischen Standpunkte aus gesehen jedes Angebot, das wir vernünftiger- und gewissenhafterweise machen können, als unbefriedigend und unzureichend erscheinen wird. Wenn also dieser französische Standpunkt ausschlaggebend wäre, so hätten wir wohl unter allen Umständen auf eine Ablehnung unserer eigenen Vorschläge und auf ein einseitiges und gewaltsames Diktat der bisherigen Feinbe zu rechnen. Aber in Spaa werden nicht nur die Franzosen sitzen, und es if: noch keineswegs gesagt, daß unsere Initiative nutzlos sein muß, wenn sie positiv und fruchtbar ist und wenn wir mit ihr taktisch richtig zu operieren verstehen. Es handelt sich nichv darum, daß wir mit unnützen Klagen über unsere Armut und über unsere augenblickliche Zahlungsunfähigkeit jegliche Verpflichtung abzuschütteln suchen — dieser Versuch wäre aussichtslos — sondern es handelt sich darum, daß wir klipp und klar die Gegenrechnung aufmachen und mit der größten Energie und Bestimmtheit das Maß internationaler Hilfeleistung feststellen und fordern, ohne das wtr auch in Zukunft keine Entschädigungszahlungen aufzubringen vermögen. Wir müssen erreichen, daß in Spaa im Zusammenhänge nut der Wiedergutmachungsfrage das Problem internationaler Erleichterung und Förderung der Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft als erster und iwichtigster Punkt auf der Tagesi-
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