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86. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. (19.25. September 1.920 in Bad-Nauheim.)

4- Bad-Nauheim, 20. Sept.

Unsere Scbeünbt und bannt unser gon-zes vessenland lönnen swlq darauf sein, in diesen Tagen über 2000 Aer-te unb Naturforscher aus allen Teilen Deutschlands unb des befreundeten Auslandes ru einer erndruchSvollen Tagung zu ver­einigen, die deutsche Diss.'nschafl und Forschung twtz Äticg und wirtschaftlichen Zusammenbruches noch auf ihrer alten staunenswerten'he zeigt.

Gestern und heute sind die meiften der Gäste schon anaeknmnen, andere werden noch in den nächsten Tagen zu den Sitzungen der einzelnen mchstmischen, naturwi'senschiftluhen und mathe­matischen Abteilungen erschenven, die in der Haupt­sache in die zweite Hälfte der Woche fallen. Unter den Anwesenden befinden sich zahlreiche Männer von Wel rus. Auch von unseren beiden hessischen Hochschulen in G i c ß e n imd Darmstadt weilen zahlreiche führende Wis'enschaf ter hier. Alle Teil- «chmer, von denen viele vunderte diePerle des desienlandes" noch nicht gekannt, können sich nicht ßemig tun in aufrichtigem Lob über die künstlerisch und technisch vollkommenen Bademilagen und über die herrliche Umgebung des Bades, das sich ja aerade in den L>erbscnwnaten in b'sonders schönem «leide zeigt. Bon der Bürgerschaft, der Hvtel- mdustrie, der Stadt und bem hessischen Staate ist vlles auf geboten werden, um den Gasten den Aufenthalt hier angenehm und abwechslungsreich )u gestalten, und fo üjmmt cS, daß die Teilnehmer auch über die liebenswürdige Aufnahme, über Unterbringung und Verpflegung des Lobes voll «sind.

wandelbar geworden durch die Einsteinsche Relativitätstheorie. Diese werde in einer gemeinsamen Sitzung der Mathematiker und Php- fifcr zur Verhandlung tommr.i, freilich in ganz anderem Geist als in jenen tumultarischen Ver­sammlungen in Berlin. Wissenschaftlitt^ Fragen von solcher Schnierigkeit und solch hoher Bednitung wie die Relativitätstheorie ließen sich nicht in Volksversammlungen zur Abstimmung bringen, sie würden vielmehr im engen Kreise der Fachgelehrten eine sachliche Würdigung finden, die der Bedeutung ihres genialen Schöosters gerecht würde. Zur Frage des Unterrichts übergehend, warnte der Redner, indem er die hohe Bedeutung des llasfi- schen Unterrichts der Gymnasien verteidigte, vor Verftachung des Univerfitätsstudiums. Eine De- bung der allgemeinen Volksbildung ließe sich sehr wohl auch erreichen, ohne daß das Niveau der Lochsäptlen gefenft ,u werden brauche. Das letz­tere wäre verderblich, weil es uns baim auch im Reiche des Geistes die Konkurrenzfähiakeit mit dem Ausland rauben würde. Unter lebhaftem Bei­fall gedenkt der Vorsitzende der Förderung, die die deutschen Fürsten der Wissenschaft hätten zuteil werden lassen, und schließt mit der Hoffnung, ein Menschengeschlecht, das wie das deutsche Volk in Krug und völkischer Not eine derartige An­passungsfähigkeit und Lebenskraft gezeigt hätte, dürfe und könne nicht dem Untergang entgegen^ gehen. Hm Gegenteil, aus der Not der Gegenwart müsse ein neues Geschlecht heranwachsen, bas die Not überwinden werbe.

Tie sich ausck>ließenden Referate deS Dov- mittags behandelten einen der aktuellsten Gegen­stände unseres Wirtschaftsleben-: die Stick­st off frage. Pwf. Dr. Bosch (Ludwigshafen) sprach über den Stickstoff in Wirtschaft und Technik, Vrof. Ehrenberg (©dttingen) über den Stick- stoffbedars unserer Kulturpilanzen und seine Deckung, Professor Rubner (Berlin) über die physiologische Bedeutung des Stickstoffs in der Ernährung der Tiere und Men­schen. Ter letztere hob in seinem Referat hervor, daß trotz aller Friedensschlüsse unb Verhandlun­gen die deutsche Ernährung jetzt rwch weit unter dem Mittel der anderen Nationen stehe. Alles sei darauf angelegt, Deutschland im Zwange scUechter Ernährung zu halten: bei dsnMaßregeln der Entente zugunsten der notteidenden Bevölkerung sei Deutsch­land leer ausgegangen. Wenn Wohnungsnot und Nahrungszwang schon in das siebente Jahr gehen, sei es fein Wunder, daß allmählich alles mit elementarer Gewalt nach Freiheit der NahrungS- wahl dränge. Erst mit der Rückkehr zu den alt­gewohnten Ernährungsformen könne die große Masse körperlich unb geistig voll gesunden.

Ter Volksernährung galten auch die beiden Referate der zweiten allgemeinen Sitzung am heutigen Nachmittag. Pros. Paul iMünchen) legte in seinem Vortrag ,,Neue Wege der Lebensmittelchemie" an zahlreichen Despicl-m klar, wie die Erzeugung guter und billiger Lebensrnittel iie Grundlage für den Wiederaufbau unseres ge­samten Wirtschaftslebens bildet.

Pwf. M. v. G r u b e r (München) sprach bann Über

iorscker und Aerzte, sowie des wissenschaftlichen Ausschusses und anschließend daran ein geidTigrr Abend im SprudelhvtÄ fhtitgefimbcn Tjuttcii, wurde die eigentliche Tagung heute früh in der ersten allgemeinen Versammlung rm Koncert-

Hanse durch den 1. Geschäftsführer Geheimrat Prof. Dr. Groedel, der Senrär der Bad-Nouhermer Aerzteschan, mit Worten der Begrüßung eröffnet. Einen besonders herzlichen Willkommgrutz wurde den Ausländsdeutschen entboten. Trotz aller Bedenken, die in unferrr ernsten Jeit eine w grafr? Tagung nrspr^g'ich7aim für ntf-g il' geHel­den, sei eS den einzelnen SlussdiMian unter Miwrbett ber benachbarten Hochschulen ge ungen, Tie umfassenden Vorarbeiten ui bewerkstelligen. R^mer wünscht, daß die Gesellschaft fr utfdjer Na- turforscher und Aerzte stets der Stiern- und Sam­melpunkt aller derjenigen bleiben möge, die nach Wahrheit und Vertiefung der Wissenschaft streben. Im Namen der hessischen Staals^egürung be­grüßte der Präsident des Lanbesbildungsamt^-s Dr. Strecker die Versammlung. Tie Tagung möge ein Symbol dafür sein, baß wir auf den Trüm­mern ber JPuItur, die uns geblieben sind, mietet Aufbauarbeit leisten. Für das hessische Finanz­ministerium und die ihm unterstellte Bade- und Sunrmxilhing sprach Ministerialrat Balser, der wünscht, daß uns die Wisiensckiaft Licht, Ltütze und £>:Ik auf dem dornenvollen Wege des Wieder­aufbaus bleiben möge. Nachdem Bürgermeister Dr. sta y sc r den Gruß der ^tabt Bad-Nauheim überbracht, hieß der Rektor der Giefe-icr Uniacr» lität, Magnlncenz Prof. Tr. stalb fleisch, tm Namen der vier benachbarten Lwelychulen (Gießen, Darmstadt, Franfnrt, Ma.bu g^ will'vmmen uno bittet dabei, von der sich btcienten Gelegenheit, wähvend und nach der Tagung die Musenstätie ter Nacbbarstätche und ihre wissenschofiliclzen Etnriti'- tungen bequem besuchen zu können, reckt z-rttl- rcichen Gebrauch zu machen. Wenn man die Ver­sammlung mit ihren Vorbereitungen über­schaue, so stelle sich ein Estsühl ein, das wir seit 1918 nickst mehr kennen, das Gefühl des Stolzes, Deutsche zu sein Die deutsche Wisienschaft müsse jetzt zwar auch darben, aber untergeben würde sie nicht; sie würde auch in Zukunft die Welt beherrschen und wieder »um Sieg ber Mehrheit führen, ber allein ben «wahnen Frieden und Völkerbund bringen werde. Darauf dankte ber Vorsitzende ber Gesellschaft deutscher Naturforsckwr und Aerzte, Geheimrat Fr. v. Müller (München), in seiner gedankenreichen Eröffnungsansprache der hessischen Lan­desregierung für das bereitwillige «Entgegenkom­men, durch das die Versammlung nur ermöglicht worden sei. Es sei notwendig, vor der Oefsentlicy- 8eit Rechenschaft abziilegen, daß das Wissenschaft' liche Leben in Deutschland während des Krieges nicht erloschen sei. Das könne man mit gutem Recht von ber Medizin und auch von ber Chemie und Physik behaupten. Nicht nur die k einsten Quenten ber Materie und ber Energie, die Atome unb Mole­küle, seien ber Berechnung zugänglich geworben, sondern auch die Erscheiiuingen am Limmelsge- wölbe hätten einen Wandel der Anschauungen er­lebt : Der A e t h e r , der früher das Weltall er­füllt und das Licht ber fernen Sterne vermittelte, fei abgeschaffl worden Denn er sei nur eine Hypo­these gewesen, die wir heute entbehren könnt?n. Ja selbst die Begriffe von Raum unb Zeit, die wir als feftftetenb anzusehen gewohnt waren, seien

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