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Ur. 181

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pestschecttovto: ^rairfhirt a. M. 11685

Erstes ölatt

170. Jahrgang

Mittwoch, A. August 1920

WnerAnMger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Uaiv.-Vuch- und Stemdruckerei R. Lange. Zchriftleitung, Seschäftzstekle und Druckerei: Zchulstra^e 7.

Annahme oon Anzeigen für d e lagesnummcr bis zum Nachmittag vorher ohne jede Berbindlichkeit. §rei§ für 1 mm höhe für nze.gen v. 34mw Breite örtlich 35 Pf., auswärts 45 Pf.; für Reklame, Anzeigen dc- 70 mm Breite 150 Pf "eiPlatj. Vorschrift 20, Aufschlag. Sauptschriftleiter: 'lug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für bcn übrigen Teil: Dr. Reinhold Ienz; für ben Anzeigenteil: H. Beek, sämtlich in Dietzen.

Vie amtlichen Beschlüsse zum Abbau der Zwangswittschast.

Berlin, 3. Aug. (WTB.) Im Rcichs- ministerium für Ernährung und Landwirt­schaft fanden unter der Leitung des Ministers Hermes Besprechungen mit den Ernäh- rungsminifterien von Bayern, Württemberg und Hessen statt, die sich aus alle wichtigen Gebiete der Ernährung bezogen. Die Ver­handlungen ergaben den einheitlichen Willen, den Abbau der Zwangswirtschaft gemeinsam durchzuführen. Hinsicht­lich des Brotgetreides herrschte volle Ueber- einstimmung darüber, daß die stcafffte Be­wirtschaftung und schärfste Erfassung durch- geführt werden müsse. Die baldigste Schaf­fung ausreichender Getreidereserven ist eine der wichtigsten Aufgaben der Ernährungs­wirtschaft. Auch bei Milch, Butter und Jn- landskäse soll keinerlei Aenderung eintreten. Für Oelfrüchte ist die Aufhebung der Bewirt­schaftung erfolgt. Ueber die Bewirtschaftung und Freigabe der Kartoffeln soll in der ersten Hälfte des August ein Beschluß gefaßt werden. Falls sich eine befriedigende Ernte erwarten läßt, wird die Freigabe als die zweckdienlichste Lösung bezeichnet. Die Fleischbewirtschaftung soll im Herbste ihr Ende finden. Mit allem Nachdruck ist die Einfuhr und wenn möglich die Verbilligung von Futtermitteln zu be­treiben. Die Fleisch karte soll sofort auf­gehoben und durch eine Kundenliste ersetzt wer­den. Bei den Schlachtoichpreisen wurde eine Ermäßigung von durchschnittlich 40 Mark für bei Zentner Lebendgewicht unter Einfügung einer neuen Klasse D für geringwertiges Vieh mit einem Preissatz von 180 Mark ge­fordert. Die Zwangswirtschaft inländischen Fleisches soll einheitlich und gleichzeitig für ihr gesamtes Gebiet im Herbste erfolgen. Aber keine vorzeitige oder gesonderte Freigabe ein­zelner Vieharten innerhalb einzelner Länder, eutgegenstehende Anordnungen werden rück­gängig gemacht. Das Reichsministerium wird mit der heute nicht vertretenen bad. Regie­rung dieserhalb verhandeln. Die Freigabe von Margarine wurde gutgeheißen. Die Bewirt­schaftung des Jnlandschmalzes soll mit der Freigabe des Fleisches aufhören. Die Zucker­bewirtschaftung soll in ihren Grundzügen auf­rechterhalten bleiben. Die Preise sollen mög­lichst niedrig bemessen werden. Die Einfuhr von nichtbewirtschafteten Nahrungsmitteln (z. B. Salzheringen) wird möglichst sofort freigegeben.

Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft wird sich mit allen Mit­teln dafür einsetzen, daß im neuen Wirt­schaftsjahr wenigstens eine Stabilisierung der Düngemittelpreise erreicht wird. Von den Kriegsgesellschaften sollen nur die­jenigen weiterbestehen bleiben, welche die Kontrolle der Bewirtschaftung der wichtigsten Nahrungsmittel (Getreide, Milch usw.j aus­üben. Aber auch ircnerhalb dieser wird eine möglichste Vereinfachung und Verbilligung angestrebt.

Eine Konferenz in Frankfurt.

fd. Frankfurt a. M., 4. Aug. Zum erstenmal kamen gestern auch hier die Ver- tretervonStadtundLand zusammen, um gemeinsam Mittel und Wege zum Ab­bau der Preise anzubahnen. Vertreten waren u. a. das Frankfurter Lebensmittel- amt, der Konsumverein, die Gewerkschaften, das Afa-Kartell, die Postbeamtenkommissio- uen. Die Landwirtschaft hatte Delegierte ent­sandt vom Hessischen Bauernbund, den Landwirten des Obertaunuskrei­ses, dem Reformbund der Guts- 6.ÖJe, die Kreisbauernvereine der Gärtnerschaft Frankfurt, 16 land­wirtschaftliche Bezirksvereine, und die Bezirksbaucrnschaft für den gesamten Regie­rungsbezirk Nassau. Gewerkschaftssekretär M i s b a ch - Frankfurt machte auf die Erre­gung der städtischen Verbraucher aufmerksam; eine Entspannung der Lage könne nur durch Preissenkung der Lebensmittel erreicht wer­den. Die Senkung dürfe sich jedoch nicht nur auf die Kartoffeln erstrecken, sondern auch auf Fleisch, Milch, Eier und alle Bedarfsartikel. Die Landwirtschaft müsse sich damit vertraut machen, daß die Gewinne der Kriegszeit und der Gegenwart in ihrer Höhe nicht aufrecht erhalten bleiben können. Der Vertreter der Bezirksbauernschaft Nassau, die mehrere tau­fend Betriebe umfaßt, beleuchtete den gewal­tigen Unterschied der Preise, die dem Erzeu­ger gezahlt und in der Stadt vom Verbraucher gefordert werden; Abhilfe sei nur durch die Aushebung der Zwangswirtschaft erwarten, da das bisherige Verfahren die Moral durchbrochen habe. Mit der Aufhebung der Zwangswirtschaft w^rde auch die Produk­tion gefteigert. Eine Preisfestsetzung vor der ^ute sei unmöglich. Der Vertreter der hessi­schen Bauernschaft erklärte die Bereitwillig­

keit der Landwirtschaft, am Preisabbau mit- zuwirken, er könne aber erst positive Vor­schläge machen, wenn für das ganze Reich gleiche Maßnahmen getroffen würden. Eine Kommission soll Richtlinien für ein gemein­sames Arbeiten aufstellen, die in etwa zwei Wochen einem nocb weiteren Interessenten­kreise unterbreitet werden sollen.

Berlin, 3. Aug. Der Volkswirt­schaftsausschuß des Reichstages nahm einen vom Zentrum eingebrächten An­trag an, bei der Aufhebung der Zwangs­wirtschaft für Kartoffeln eine Reichs­reserve von 20 Millionen Zentnern zu schaf­fen. Ein gemeinsamer Antrag der Deutschen Volkspariei und der Deutschnationalen Par­tei, Demokraten und Bayrischen Volkspartei, die Zwangswirtschaft für Kartoffeln unver­züglich aufzuheben, wurde mit 16 gegen 12 Stimmen der Sozialdemokraten und Unab­hängigen angenommen.

Line neue Wendung in den polnisch- russischen Verhandlungen.

London, 3. Aug. (WTB.) Reuter. Ein Moskauer Funkspruch meldet: Die Waffen - sti llsta ndsverhand lungen würden aus gesetzt und die polnischen Delegierten kehren nach Warschau zurück, um von ihrer Regierung die Ermächtigung zur Unterzeichnung, nicht nur des Waffenstillstandes, sondern auch dn grund­legenden Friedensbedingungen, die die Sowjetregierung ausgestellt hibe, zu erlangen.

Berlin, 3. Aug. Tie Abendblätter melden: Nach einer Wiener Meldung derVofsischen Zei­tung" funtte die polnische Waffenstillstandskom- missivn am 2. August dem polnischen Allsten Mini­ster aus MosLau, daß die Vertreter des Sowj et- kommandos in Baranowitschi ihr mit­geteilt habe, daß die Sowjetregierung nicht mir über den Waffenstillstand, sondern and) über den Frieden verhandeln wolle. Diese erweiterten Verhandlungen soll­ten am 4. 8. in Minsk beginnen. , Da die Polnischs) Waffenstillstandsabordnung keine aus- reichen^nl Vollmachten für die Friedensverhand- lungen besaß, erbaten die Sowjetvertreter entweder die Erweiterung der polnischen Vollmachten oder das Eintreffen von neuen mit neuen Vollmachten versehenen Delegierten.

Paris, 3. Aug. (WDB.) Havas meldet aus Warschau: Die polnische Regierung beantragte bei der Sowjetregierung, zu den Waffcnstillstandsver- handlungen Zeitungsberi ch terftat t e r zu­zulassen. Die Sowjetregierung antwortete ab­lehnend.

Englische Stimmen.

London, 3. Aug. (WTB.)Evening Stan­dard berichtet: Achttausend bolschewistische Reiter sind an einem Punkte zwischen Grodnv und Warschau eingetrvfstn. Die Blätter erkennen den Ernst der Lage an. Besondere Aufmerk­samkeit wird der Tatsache gewidmet, daß K r a s - s i n und Kamenow heute in London eingetroffen sind.Daily Chrvnicle" spricht in diesem Zusam­menhänge die Hoffnung aus, der Moskauer Regie­rung möchte hinreichend klar gemacht werden, daß vor dlbschluß eines Waffenstillstandes mit Polen keine Verhandlungen mit russischen Delegierten ge­führt werden könnten, weder über die Wiederauf­nahme von Handelsbeziehungen, noch über Abschluß eines allgemeinen Friedms. Em gegen den Be­stand Polens geführter Krieg würde in Wahrheit ein Krieg gegen die Alliierten sein, die vertraglich verpflichtet wären, Polen zu schützen.Daily Tele­graph" sagt, die Alliierten dürften ferne Zeit ver­lieren, sich über eine gemeinsame Politik zur Ret­tung des polnischen Staates zu einigen. Jeder Freund der Freiheit und des europäische Friedens müsse klar erkennen, daß der Einzug der Bolsche­wisten in Warschau einen ebenso gewaltigen Schlag für die wichtigste Grundlage moderner Zivilisation bedeute, wie es im September 1914 ein Einzug Wilhelms II. in Paris gewesen wäre.

Wilson und die Londoner Konferenz.

Paris, 3. Aug. (Wolff.) Nach einer Lon­doner Meldung derTimes" aus Neuyork, hat Wilson die Absicht ausgesprochen, zur Kon­ferenz in London, die toegen des polnisch- russisckren Friedens stattsinden soll, einen Vertreter zu entsenden. Bon gut unterrichteter Seite, die Wilson nal)esteht, wird mitgeteilt, daß der Präsi­dent die Ansicht habe, daß die Konferenz in Lon­don zur Revision des Friedensvertra- ges von Versailles führen werde. 9J£an glaubt weiter, daß die Entsendung eines Vertreters der Vereinigten Staaten zur Londoirer Konferenz, aus den Wunsch der fvairzösischen Regierung erfolgt.

Aus öcm Reiche.

Ein Streik in Pommern.

Swinemünde, 3. Aug. .(WTB.) Seit heute vormittag ist ganz Vorpommern nnt den zahlreichen Ostseebädern ohne elektrisches Licht und Kraft, weil sämtliche Arbeiter und Beamte der lleberlandzenttale in Stralsund wegen ver­weigerter Lohnforderungen in den Streik traten. Ter Streik hat sich auch auf das Betriebswerk Swinemünde ausgedehnt, so da sämtliche Bade­orte der Umgegend in Mitlest enschaft gezogen sind, desgleichen auch auf das Wasserwerk und bte Zeitungen, die ohne Licht nicht erscheinen können. Alle bisherigen Verhandlungen verliefen ergeb­nislos.

Zur Lage in Zittau.

Berlin, 3. Aug. (Wolff.) Zur Lage in Zittau melden die Berliner Abendblätter u. a.:

Ter Oberbürgermeister von Zittau, der nach Dres­den fuhr, wird mit den Vortrupp m der R ei ch s - wehr heute in Zittau zurückerwartet, um die normale Lage wieder herzustellen. Ter Fünf- zehnerausschuß, der sich die Polizrige-oall anmaßte, herrscht immer noch. Er besteht aus brei Sparta­kisten, zwei Kommunisten, zwei Mehrheitssoziali- ften als Vertrete des Gewerkschaftskartells, drei Unabhängigen und fünf von den Betrieben Ge­wählten, die den Linksradilalen angehören. To die großen elektrische!'. Usbeclandzentralen weiter still liegen, sind angeblich mehrere hundert Fabri [en und Werkstätten zum Feiern gezwungen. Tie Stimmung der Arbeiterschaft ist unbedingt gegen den Terror und Streik. *

hessische Collsfammcr

rm. Darmstadt, 3. August.

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 9A Uhr.

Die Beratung über den Hauptvoranschlag nnrd fortgesetzt.

Zu Kap. 53, Gymnasien usw, weift Abg. Z i l cy (Ztr.) daraus bin, daß die wichtigste Neue­rung die Beseitigung der Vorschulen und

die Schaffting der Einheitsschule sei. Er bebauett die Aufhebung der Vorschulen, welche vielfach Gutes geleistet haben. Der Aus­gleich solle durch die Grundschule erfolgen. Die Beseitigung der Klassen unterschiede sei nicht so einfach. Man solle die Privatschulen bestehen las­sen. -- Vielleicht lasse sich im Anschluß an die Grundschule eine weitere Schule mit einheit­lichem Lehrplan unter Berücksichtigung der modernen Verhältnisse und Sprachen bis zum 15. Lebensjahre durchführen. Es sei nicht nost wendig, die Klassen vorher zu trennen. Hierdurch werde die neunklasfige höhere Schule mit dem End­ziel der weiteren Ausbildung erreicht. Aus die Erziehung müsse besonderer Wert gelegt hx-rben, hierzu bieten alle Fächer die beste Gelegenheit, be­sonders aber der Religionsunterricht. Die Mehr­heit im Zentrum stehe heute auf republikanischem Boden, wenn es auch gewiß noch viele Mo­narchisten darunter gibt. Für die Schulen müsse für eine gute Zngverbrndung gesorgt werden. Mög lichft sollen die Nachmittage für den Unterricht frei bleiben. Die alte Schule hat im übrigen den Beweis erbracht, daß sie voll und ganz ihre Schuldigkeit getan hat. tenn niemals war das deutsche Volk auf höherer KulturstufeZvie bis vor dem Kriege. Auch.unter der neuen Schule werde voraussichtlich auf der Höhe bleiben, da Sckstll leitung unb Behörden alles daran setzen, um vor bildlich zu bleiben.

Abg. Reiber (Dem.) findet in den Aus­führungen des Abg. Zilch Den besten Beweis, daß man über höhere Schulen nicht sprechen könne, ohne sich mit der einheitlichen Grundschule zu beschäs tigen. Wenn der Vorredner habe ausdrücken wol len, daß in den Religionsfragen die bisherigen Grundgedanken beibehalten werden sotten, müsse er widersprechen. Ebenso könne er das Bedauern des Vorredners über die Beseitigung der Vor­schulen nicht teilen. Meist waren bet den Auf­nahmen die Plätze der Vorschulen durch die Leute besserer Stände schon besetzt. Der Hauptzioeck der Beseitigung fei, den sozialen Klassenunterschied möglichst hinauszuschieben. Die völlige Beseiti­gung der Privatschulen sei gar nicht beabsichtigt. Man wolle die vielen Mißstände, die durch die Möglichkeit des Vorrechtes der besseren Stände bestehen, zu beseitigen suchen.

Abg. Knoll (Zentt.) ist erfreut über die grundsätzliche Zustimmung zu seinem Anttag bett, die stasselmäßige Erhöhung d-^s Schulgeldes in den höheren Schulen, die er im .Finanzausschuß gefunden, leider widerstrebe der Finanzminister dem Ansinnen aus finanziellen Grünten Die Schaffung der Freistellen biete keinen Ersatz, da nur eine geringe Zahl von Eltern hierbei berücksichtigt werden können. Man solle seinen Anttag bald verwirklichen. Er beantragt weiter alsbaldige Durchführung mit rückwirkender Kraft bis Anfang des Schuljahrs 1920.

Abg. Schorn (Zentt.) sagt zur Vermeidung oon Mißverständnissen, daß Abg. Zllch die Auf­hebung der Vorsckmlen nur für seine Per­son bedauere, nicht für die Fraktion gesprochen hat. Er selbst (Redner) ist über die Aufhebung der Vorschule erfreut.

Abg. Urstadt (Dem.) hätte gehofft, daß der Abg. Knoll den Gerüchten übet die angeb­liche Austeilung besserer Noten an die gutsituier- ten Schüler energisch entgegengetreten wäre. Die Aufhebung der Vorschulen werde meist nicht be­dauert. Die Einheitsschule habe ihre Schwierig­keiten, die aber überwunden werden müssen. Er bittet auch um Aufklärung, ob durch die Grund­schule die Zahl der Schuljahre vermehrt werde, was er bedauern würde. Auch im Falle einer Staffelung des Schulgeldes trete eine starke Mehr­belastung ein, und er möchte anregen, daß Mittel (unb Wege gefunden werden, Ersparnisse zu er­zielen.

Präsident Dr. Strecker weift auf die Zu­sammenstellung hin, in welcher die Leistungen des Landesbildungsamtes näher bezeichnet sind. Die Beseittgung der Vorschulen sei eine Frage der inneren und äußeren Organisation. Ten An­regungen nach Ersparnissen werde man gerne Folge leisten. Die Staffelung des Schulgeldes lasse sich ohne sachliche Unterlagen über die finanzielle Wirkung nicht durchführen. Die Grundsätze bei der Verteilung der Freistellen werde nicht so streng behandhabt, dock müssen in erster Linie die Lei­stungen der Schüler maßgebend fein. Er be­spricht weiter die politische tätigtet in den hö­heren Schulen, insbesondere die aufhetzente Arbeit des Mückebundes; verschiedene Vorgänge haben ihn zum Erlaß der Verordnung veranlaßt. Auch

die Organisationen der Zeitfreiwllligen und der Pfadjinder haben in ihrem Auftreten die heutige republckanisclren Verhältnisse noch nicht richtig ein­geschätzt. Das Hakenkreuz übe vielfach noch eine starke Wirkung aus. In Darmstadt habe bei der Wahl des Rektors der Technischen Hochschule der bekannte demokratische Prof. Heidbroeck die meiste Aussicht gehabt, doch hob.' dies bei der Nektvratswahl an der Universität in Gießen die Angehörigkeit zur demokratischen Partei (einen Nutzen gebracht. (Pros. Mittermaier habe daher seine sämtlichen Ehrenämter niedergelegt.) Wir müssen alle iwch lernen, die demokratischen Einrichtungen zu handhaben, auch in der Schute müsse dies beachtet werden Es müßte, wie der Abg. Dorsch sage, in der Schule mehr Geschichte gelernt werden, ebenso wichtig aber fei es, Pby-- losophie zu betreiben, damit der ideale Geist wieder emporgehoben werde. ,

Das Kapitel wird bann genehmigt und ebenso die beiden Anträge Dioll. Nach der Pause wer­den Kap. 54: Höhere Bürgerschulen, 55: Kinter- bflege, 56: Jugendpflege, 57: Volksbildung, 57a: Fött>erung der Kunst ohne Debatte ge­nehmigt. Zu Kap. 58: Techn. Hochschule bean­tragt Aba. Urftabt die Bewilligung von toei-> teren 20000 Mk. 9lbg. Dingel de y (D. Np.) kritisiert in scharfer Weise, daß der Präsident des Landesbildungswesens ohne besondere Gründe hier politische Grundsätze erörtert hat, man sei daher zur Erwiderung gezwungen. Der Redner.erörtert die Grundgedanken des Mückebunbes, die in erster Linie den nationalen Gedanken erhalten und för­dern wollen; wenn die Jugend manch? Torheiten begeht, sei es Aufgabe der Eltern und der Schule, diese Auswüchs'? in die richtigen Bahnen zu lenken. Die ganze Richtung sei eine gesunde. Man solle bei der Kritik auch nicht vergessen, daß die Regierung die Zeitfreiwilligen selbst gerufen habe, Ebenso verurteilt er die parteipolitischen Ausfuhr rimgen Dr. Streckers, über die angeblichen nicht parteipolitisch freien Wahlen der Rektoren in Darmstadt und Gießen. Er habe in keiner Weise einen Beweis für seine Behauptungen erbracht. Ueberhaupt stehe man den ganzen Amtshandlungen des jetzigen Präsidenten des Landesbildungsamtes mit Mißtrauen gegenüber, da er immer wieder die parteipolitischen Grundsätze in den Vorder­grund stelle. Ein klares sachliches Programm übet die Schule selbst sei aber bis jetzt nicht gegeben worden.

Präsident Dr. Strecker erwidert, er sei jederzeit für die Erhaltung der nationalen Güter eingetreten. Er bestreitet auch, daß er die Wahl der beiden Rektoren als parteipolitisch beeinflußt bezeichnet habe, er wollte nur sagen, daß es heute keine Empfehlung ist, wenn man Demokrat ist. Das Mißtrauen des Abg. Dingeldey unb, Ge­nossen sei ihm wohl bekannt und alle psychologischen Gründe sprächen dafür, daß die Beurteilung nicht ohne Vorurteil geschehen ist. Gegenüber ben Vor­würfen, ihm einseitige Handlungsweise vorzw werfen, müßte er mit aller Energie protestieren, insbesondere wenn man ihm eine solch niedrigi Gesinnung infumtiere. Ein Schulprogramm lasse sich in der kurzen Zeit in Anbettacht der Wichtigkeit der vielen Schulfragen nicht so rasch aufstellen.

Abg. Dr. Osann (D. Vv.) fuhrt Beschwerde über die pekuniären Bezüge der Assistenten der Hochschulen

Abg. Dingeldey (D. Vp.) stellt fest, daß der Präsident des Landesbildungsamtes nicht mehv sachlich geblieben, sondern parteiagitatorisch aus­getreten sei.

Präsident Dr. Strecker erklärt dagegen, daß es gerate der einseitige frühere Geist sei, den er bekämpfen wolle.

Staatspräsident Ulrich unterstützt die Aus­führungen des Vorredners und stellt fest, daß feint Ausführungen voll und ganz im Rahmen der Schulausblldung geblieben sind, den Herren uni der Presse der rechten Seite wolle er dies als Richtschnur mitteilen.

Tas Kapitel wird dann vorbehaltlich des An­trages Urftabt genehmigt. Zu Kap. 59, Lan­desuniversität, wird der Anttag des Abg. Reh beraten, der die Zustände der

Frauenklinik in Gießen betrifft.

Abg. Reiber (Dem.) erstattet Bericht unb empfiehlt die Annahme der Vorlage, der als erste Baurate 1 Million Mk. vorsieht. Er tritt noch für ben Anttag Urftabt ein. Das Kapitel wirb mit dem Anttag Reh genehmigt. Ebenso bie weiteren Kapitel 6365.

Nächste Sitzung nachmittags 3 Uhr.

In der um 3V< Uhr von Präsident Adelung eröffneten Mchmittagssitzung verbreitet sich bei K-ap. 66, Landesernährungsamt, der Abg. En- W e l m a n n (Soz.) über die Vorteile unb die Mißstände der

Zwangswirtschaft.

Man müsse nur dafür sorgen, daß die Getreide- und Kartoffelversorgung in hinreichender Weise geregelt bleibt. ~

Abg. Dr. De hlinger (H. B.-P.) ist im all­gemeinen mit den Ausführungen des Vorredners einverstanden. Nach Aushebung der Zwangswirt­schaft werde der Preis wohl etwas steigen, bann aber heruntergehen. Auch bei der Landwirtsckmff könne die dauernde Preissteigerung nicht wetter­geführt werden, sonst fei man bald am Guöe, da sie nicht mehr rerfriere. Durch billige xüup.er müsse man den Landwirt zu erhöhter Produktion anreizen, das Reich müsse dab.i alle notwendigen Schritte unternehmen. Nur dann werde man es fertig bringen, seine Genossen von Gewaltmatz- regeln zurüc^uhalten. Er bringt noch ente Sterbe von Wünschen vor.