Samstag, 2t ZunlWY
169. Jahrgang
Erstes Blatt
aus der
Vie Neubildung der Kabinetts.
Weimar, 20. Juni. i(WTB.) Wie wir parlamentarischen Kreisen hören, erfolgte
Wasfenstillstandskommission bringen: Die alliierten und assoziierten Regierungen ersuchen die deutsche Regierung, in kürzester Frist die nötigen Anordnungen zu treffen, um: 1. jeden neuen Vormarsch deutscher Truppen nach Norden in Rich- tung Estland zu verhindern, 2. die sofortige R ä u m u n g Windaus und Li- b a u s rind die möglichst schnelle Räumung aller (Gebiete, die vor dem Kriege Teile des russischen Reiches gewesen sind, gemäß den Bestimmungen des Artikels 12 des Waffen- stillstandsvertrages herbeizuführen. ,
äiiuaitme von Anzeigea^ s. die Tages'vnmner vc» znin Nachmittag vorher, ohne jedeBerbindlichkett Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v.34mmvreite örtlich l5 Pi , austvärtS 18 Bi., für Reklamo- anzeigen von 70 mm Breite 48 Pf. Bei Platz- vorfchriii20°/.Auifchlag. Hauptjchriitleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den ädrigen Teil: Dr. Reinhold Zenz; fitr den Anzeigenleü: H. Beck; sämtlich in Gießen
>oeifeln wollen, müssen wir in die Ver- mgenheit zurückblicken; die Gegenwart ist änahe trostlos, und die Zukunft dunkel und raurig. Manche wollen in unnötiger Bitter- di über dem deutschen Volke jetzt gänz- ch Stab brechen. So tischt uns Guido chaejser in der neuesten Nummer des „Sim- !izissimus" ein grausiges „Fazit" auf. Lohn- llaven der Industrie seien 1914 in die Skla- wei des Militarismus gegangen. Es habe
Au» Bayer«.
Weimar, 20. Juni. Die b ay e rische Regierung hat heute beschlossen, daß sie nur einer bedingten Bejahung des feindlichen Friedensvertrages zustimmen könnte.
(Frkf." Ztg.)
Fristverlängerung?
A m st e r d a m, 20. Juni. (WTB.) Nach einem Telegramm des Allgemeen Handelsblad rechnet man mit der Möglichkeit, daß deutscherseits eine nochmalige Fristverlängerung um 48 Stunden verlangt wird.
Gr. 142
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pastschcKsuts:
Zrsnkfttrt a. M. U686
Reue Forderungen Fach» für den deutschen Osten.
Berlin. 20. Juni. (Wolff.) General Nudant, der Vorsitzende der ruteraliierten Waffenstillstandskomnrission, richtete am 19. Juni folgende Note an den Bvrsrtzenden der deutschen WaffensMtondskommrssron in Spa: Der Marschall Höchstkommandrerende der alliierten Armeen telegraphiert wie folgt: 19. Juni. Wollen Sie die nachstehende Mitteilung Dringend zur Kenntnis der deutschen
als Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten genannt.
Weimar, 20. Juni. (Wolff.) In parlamentarischen Kreisen'wird erzählt: lieber die Neubildung desKabrn etts läßt sich zur Stunde noch nichts Bestimmtes sagen. Als neuer Ministerpräsident 'wird der Möhrhcttssvzialist Hermann Müller mit Graf Bernstorff als Außenminister genannt. Es wird damit gerechnet, daß [Noske, Schmidt, Wissell, David und lErzberger in das neu zu bildende Kabinett ein treten werden. Als feststehend gilt der Rücktritt Scheidemanns, der demokratischen Minister mit Brockdorfs-Rantzau, ferner Giesberts und Lcmdsbergs. \ Besttmmt 'wird damit gerechnet, daß der ^Rücktritt des Kabinetts die Annahme der FriedensVcdrngungen »zur Folge haben werde.
Aussicht aus Erhaltung de» bisherigen Mehrheitsblockes.
Weimar, 20. Juni. (WTB.) Auch heute nachmittag waren die Fraktionm zu Sitzungen zusammengetreten und es besteht, wie wir aus parlamentarischen Kreisen hören, nach dem jetzigen Stande der Verhandlungen Aussicht aufErhaltung des bisherigen Mehrheitsblocks. Im Schlosse finden zur Zeit in Gegenwart des Reichspräsidenten Verhandlungen statt, die die Neubildung des Kabinetts zum Gegenstand haben. Die für nachmittags angesetzte Sitzung des Friedensausschusses wurde vorläufig bis auf weiteres verschoben. Desgleichen ist über den Zusammentritt der Vollversammlung noch nichts beschlossen.
Au» den Fraktionen.
Be rl in, 20. Juni. Die von dem Zen» trum den beiden anderen Mehrheitsparteien unterbreiteten Kompromißvor- schläge, welche die drei Punkte enthalten: Ablehnung des Schuldbekenntnisses, Ablehnung der Auslieferung der Heerführer und Politiker zur Aburteilung an einen Gerichtshof der Entente sowie die Erklärung, daß die virtschaftlichen Bedingungen unerfüllbar seien, werden im „Vorwärts" für verfehlt erklärt. Verschiedenen Blättern zufolge sprachen sich im Zentrum 79 Abgeordnete für löine solche motivierte Annahme der Friedensbeoin- gungen aus. Die Mehrheit der fozialdenw- kratischen Fraktion erklärte nach verschiedenen Blättern, daß in diesem Augenblick nichts anderes übrig bleibe, als dem Vertrag die Un= terschrift zu geben. In absolut ablehnendem Sinne äußerten sich in der Kabinettssitzung folgende Minister: Preuß, Dernburg, Rantzau, Landsberg, Gotheim und Giesberts. Entgegen verschiedenen Gerüchten wird die Krise nur das Ministerium berühren, da es der Sinn des parlamentarischen Systems ist, daß der Präsident unverantwortlich bleibt und der ruhende Pol in der Erscheinung Flucht.
Die demokratische Fraktion legte dem Abgeordneten Freiherrn v. Richt Hofen, wie mehrere Blätter melden, den .Austritt aus der Fraktion nahe, weil er zu denjenigen Abgeordneten gehört, die für eine glatte Annahme der Friedensbedingungen sind. 58 Abgeordnete der demokratischen Fraktion stimmten dafür^ daß man den Meg des vom Zentrum vorgcschlagenen Kompromisses beschreiten soll. Die deutsche Volkspartei und die Deutsch-nationale Volkspartei würden auch, wie berichtet wird, einen modifizierten Frieden ablehnen.
Mllends zerfleischt", so hat er recht:
„Anfjubeln hätten sie müssen, die Männer der Junten Arbeit, und schaffen wie mit zehn Händen; Mich ihre Massen mußte eine aufrauschende Be- gHüierung stürmen und suggestive Strahlen in die MkHt schicken und ihr einhämmerir, daß hier etwas 1 M-rhört Neues geschehen, daß hier die Geburts-
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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wochenrüüblick.
Die tiefsten Gründe unseres jetzt vor uns liegenden nationalen Elendes finden wir M, wenn wir nur die Vorwürfe gegen- eiittMder abwägen, mit denen die Anhänger des sozialistischen Staates und diejenigen des afim, zertrümmerten Reiches sich befehden. Lshl verteilen sich die Schuldmomente auf >as Alte wie auf das Neue, aber in der ' itrundfrage: wie hätten wir denn diesen ge- Hwvllen und unglückseligen Weltkrieg ver- fieiben können — finden wir die Antwort jo wenig in den Auseinandersetzungen unserer Parteien wie in der neuesten Anklage- note unserer Gegner, mit der, sie ihre Frie- teasbedingungen so unfriedfertig aufputzten. Ms den Betrachtungen Bethmann-Hollwegs aben wir die Ueberzeugung gefestigt, daß chland und sein Kaiser keineswegs je- ttols Krieg gewollt oder gesucht hatten. Die schwülstigen Schmähungen unserer Feinde, da vorgeben, Deutschland hätte die Vor- Ichaft in Europa durch sein Schwert gemuht, legen den ketzerischen Gedanken näher, iie wir es wohl hätten anfangen müssen, »wch das Mittel eines .Krieges unsere Stel- urg in der Welt zu sichern und zu sesttgen. Lean in dem Glauben macht uns niemand 1 wmTenb, daß unser Reich, von alten und :■ men Feinden auf das stärkste bedroht war. | ie Deutschen waren nie das Volk der Offen- oTriege — £ie Franzosen leisteten darin riet Beträchtlicheres — sonst hätten sie wohl ter 10 oder 15 Jahren die günstige Gelegenheit >kMtzt. Eine echte Militärpolitik Deutschlands würde schon 1904 mit den Franzosen gerechnet haben, die damals schwerlich eine Lttffcrme Bundesgenossenschaft gegen uns ! »^gebracht hätten. Ranke, der gediegene und «Swe Prüfer deutscher Geschichte, hat zu dem «Mrenlosen Elend, in das uns der dreißig- ichrige Krieg gebracht hatte, auch einmal die i Krage aufgestellt, durch welche deutschen Enb- Msse das Unheil wohl hätte abgewendet \ werden können. Wenn die Deutschen, so sagt »er, sich begnügt hätten, das Christentum von IMenschensatzung zu reinigen, wenn sie sich pkrüber nicht toitoer in dialektische Formeln -verloren hätten, wenn sie sodann zu dem l-»roßen Unternehmen gegriffen hätten, den Erbfeind, den Türken, der an der Pforte des k Landes lag, mit gesamter Hand abzuwehren, Lbiinn hätten sie die vieljährige Not nicht er- ifcbt. Ranke geht davon aus, eine Nation sei t ircht damit in Frieden zu setzen, daß man ihr liiiüje predige, daß man die Elemente der »Irwegung ableugne oder gewaltsam niedermalte. Man müsse sie vielmehr in die rechte jiaTjn zu leiten suchen. Trafen diese Sätze »licht auch für das nun zusammengebrochene lieid) zu? Auch in ihm fehlte ja, wie Beth- ßliann-Hollweg richtig erkannt hat, die poli- »ifche Selbstzufriedenheit. Die krasse Selbst- D«rfleischung, die wir übten, hat der Feind : Mannt und sich zu Nutze gemacht. Erzberger
Noske sind seine Zeugen dafür geworden, ; aß wir unwürdig feien, Kolonien zu be- ijen! Heute freilich ist derselbe Noske zu esserer Ueberzeugung gelangt; er beklagt >, dgß die Arbeiterschaft Mhev nicht geig nationalen Sinn entwickelt hätte. Die mtschen Sozialisten machten und machen mselben Fehler, der die Reformation ver- irrb: sie verlieren sich in dialektische For- :e(n, in zersetzende Kämpfe und entstellen nb vernichten den Segen wahrer Freiheit.
Wenn wir an unserem Volke nicht-ver-
Kücktritt des Kabinetts in einer Sitzung des interfraktionellen Ausschusses, der zusammen mit dem Kabinett bis in die frühen Morgenstunden tagte. Trotz aller, Bemühungen war es nicht möglich, die Mehr hei tsparteien auf eine für alle an- nehmbare Formel zu ver-einigen. Unmittelbar nach der Sitzung fanden.unverbindliche Besprechungen über die neue Kabinettsbildung statt. Wie verlautet, wurde schon in diesen Besprechungen, woran auch' der Reichspräsident teilnahm, die Lage dahin geklärt, daß mit £>er Unterzeichnung des Friedensvertrages frit rechnen ist. Im «Anschluß an die unverbindlichen Besprechungen, die schm: nachts zwischen den Parteiführern gepflogen wurden, ist, wie ilmr von parlamentarischer Sette erfahren, der Mehrhsttssozialist Herrn. Müller -------- , m , bannt besckMigt, das Kabinett zustandezubringen.
k sie durch Jahrzehnte mhrünstch angdjangen,1 bLöwen wrrd. Bon anderer Sette wrrs Dü. D « v t»
Vrockdorff-Rantzau an Llemenceau.
Berlin, 20. Ium. (Wolff.) Heute vor» mittag 'wurde folgende Note des Ministers des Aeußern Grafen Brockdorff-Rantzan an Clemenceau überreicht: ।
i Herr Präsident!
Tie Prüfung der vier Urkunden, die durch den Generalkoinmissar der Delegation am
16. Juni ausgehä.udigt worden sind, ergab, daß in dein Begleitschreiben und
in der Tenkschrift eine Anzahl Zugeständnisse an gekündigt -werden, die sich nachher im Text, wie er jetzt handschrifttich verändett ilt, nicht vor fanden. Ms die wickj>ttgsten Widerspruä^: dieser Art 'h.tt die deutsche Friedensdelegation bre folgenden zusammmgestellt: 1. Auf Seite 7 des Memorandums wird gesagt, baf} Deutschland, sobald es zum Völkerbund zugelaffen wird, bte Vorteile aus d.n Bestimmungen über Vettehrsfreihett und Transitverkelw mitgenießen soll. Aiiderer- seits heißt cs auf Sette 42 des Memorandums, daß Deutschland für eine Mindestzeit von fünf Jahren einstittge ^Bedingungen für den Handelsverkehr auferlegt werden sollen. 2. Auf Seite 11 des Memorandums wird erklärt, daß Frankrcrch die elsaß-lothrrngück-e Staatsschuld mit übernimmt 3. Auf Seite ,44 heißt es. daß für die Wbsttm- mung in Öberschlesien eine Commissivn indepen- dante geschaffen werden soll, während nach dem neuen Entwurf der Bedingungen diese Kommrsstm einseitig »on den alliierten nnb aff^iieVeni Regierungen ernannt nnrb. Auf Seite 16 wird 'hiirächtlich des Gebiets von Memel gesagt, daß di- Abtretung dieses Gebietes in der Form einer IkbertraguVg an die alliierten und affoziietten Mächte deshalb erfolgte, wett das Statut der litauischen Gebiete noch nicht feststel-e. Darnach wäre als endgültig erwerbender Staat Litapen anzusehen. 5. Nach 'Sette 17 des Memorandums soll die von den al [vierten und assoziierten Regierungen für H e l g o l a n d eingesetzte Liommrssttm darüber befinden, welche Verrichtungen zum schütze der Insel aufrechtzuerhalten sind. 6. Auf Seite 21 des Memorandums wird versprochen, daß bte deutschen Eisenbahnen und Bergwerke m Schantung nidjit als deutsches^ Staatseigentum behandelt roetiren sollen, wenn von deutscher Sette der Nachweis erbracht wird, daß es sich um Pri- vat-Eigentum handelt. — 7. Auf Sette 31 des Memorandums wird erklätt, daß die alliierten imb assoziierten Regierungen bereit sind, inner- sialb em es Aäonats nach Inkrafttreten des' Friedensvertrages die endgültige Liste der an die Gegner auszuliesernden Deutschen zu überrerä-en. 8. Auf 'Sette 31 wird festgestellt, daß die eomimssiON des röparattons nicht die Preisgabe von Fabrikgeheimnissen ober anderen vertraulichen Auskünften verlangen Kann. Es wird ferner festgestellt, daß sie keinerlei vollziehende GenxlU auf deutsches Gebiet hat und daß sie sich nicht m die Leitung oder UeberwackMng deutscher Etnrrch^ tungen mischen darf. [9. Auf Seite 34 ff. des Memorandums wird ein besoitderes X>erfabrvnjür die Feststellung und Abdeckung des von ^eutsch- land verlangten Schadenersatzes vorgesehen. 10 Auf Sette 36 des Menwrandums tairb ver- sprockien, daß Teutschand Erleichterungen für ben Bezug von Lebensrnitteln und Rohstoffen gewahrt werden sollen. 11. Nach^Seitt 38 des Memorandums wird die EtteilUng der Erlaubms der G o l d- ausfuhr namentlich für solckte FMe m Aussicht genommen, wo bte Rem^bank Garanten Mistete, die sie auf andere Werte nrcht erfüllen fann 12 Auf Seite 53 des Memorandums wird dtt Zusicherung gegeben, daß die von den alliierten, und assoziierten Regierungen eingeietzten Lchui- batoten, die sich strafbarer Handlungen schuldig gemaxbt Ijaben, strafrechtlich verfolgt werden fötalen.
Die deutsche Delegation ist verpflichtet, ihrer Regierung und der Nationalversammlung genaue Rechenschaft abzulegen.. Sie muß daher intbebingt wissen, wie weit sich die Gegner vertragsmäßig auf diese Zugeständnisse, fest legen wollen, und bittet Eure Exzellenz,1 ihr schriftlich zu bestätigen, daß der Inhalt des Begleitschreibens und die Denkschrift in den vorerwähnten Puntten einen in tegrierenben Bestandteil des neuen Friedensangebots alliierten und assoziierten Regierungen bildet. (Iß- geben entölte toürbe genügen, wenn diese Tatsache im Schlußprotolvll festgestellt würde, über deüen Inhalt zwischen den vertragschließenden Teuen vorher Einverständnis zu epzceleA wäre.
Auch in einem zweiten Pmrkt stellten sich Zweifel bei der Prüfung der übergebenen UrFunben heraus. Das Druckexemplar des Friedens- entwurfes, das ims übergeben wurde, unterscheidet sich nicht nur in den lwndlchnftluhen Streichungen und Zusätzen von dem Dracmem-^ plar, das der Vorsitzende der deutschen Dele^twn, am 7. Juni vom Generalsekretär der Friedens-, konserenz erhielt. Bei dec außergewohnliclien
Itine Begeisterung geherrscht, sondern nur iLdavergehorsam. Das ist zweifellos Ueber- Xbnng. Die Lobpreisung, mit der Herr » Dethmann-Hollweg während des Krieges kämpfende Volk rühmte und verherr- Mtzjte, kam ans ehrlich überzeugtem Herzen, „Kadavergehorsam" allein würde keine loschen Leistungen hervorgebracht haben, wie fe Deutschland zu verzeichnen hat. Daß die pbclgen Völker mit mehr Liebe und Treue für Herd und Heimat fochten, ist zu bezweifln. Wenp Schaeffer aber schreibt, die Re- * tolnitiün habe „den sterbenden Körper
Iton Siege zu führen. Herr Clemenceau Imtb feine > Handlanger hätten, verstummend, gezittert.
Nicht einmal einzelne ihrer Söhne wurden von einem neuen Geiste gepackt. Obskure Gestalten, überreizte Literaten, kalkulierende Rechtsanwälte wurden ihre Führer, oder auch in Alltagsarbett grau gewordene Parteisekretäre, sehr ehrenwerte, tüchtige Männer, ohne Zweifel, aber in spießbürgerliche Enge verloren, jeder Leidenschaft, jeden Feuers, jeden Schwunges, jeder Größe bar. So wurde die Revolution eine groteske Offenbachiade, eine Vergewaltigung der Freiheit — Sllawen- aufstand — Spartakus t---"
Auch darin ist dem Verfasser zuzustim- men, wenn er meint, daß wir nicht untergegangen feien; weil wir unrecht taten. „Wir- gingen unter, weil wir die Achtung dec Welt verloren, vielleicht nie besessen hatten." Der alte Schachersinn und das niedrige Genügen an flachen Genüssen müsse über Bord gewov- en werden. Ganz so heftig wie der Verfasser vollen wir aber doch nicht „ausspucken vor )en Fratzenbilbern unserer Vergangenheit". Die Gegenwart ist empörender. Wir sollten Rankesche Betrachtungen lesen, um unser Volkstum in seinem wahren Wesen wieder ieb zu gewinnen. Augenblicklich ist es krank, in seiner übergroßen Mehrheit keiner Heldentaten und keines Heldensinnes mehr ^ähig. Darum wird der Friede, so verderblich und schmachvoll die Bedingungen auch sind, wöhl unterzeichnet werden. Wir können nicht darauf bauen, daß die gegnerischen Völker schon in kurzer Frist an den Lasten der Zeit zu- sammenbrechen werden; sie würden durch die Besetzung weiterer deutscher Gebietsteile unsere Lasten vermehren, unsere Ohnmacht verlängern, und wjr könnten nicht Schritt mÄ ihnen halten. Es wird jetzt in Berlin versucht, den alten Mehrheitsblock zu erhalten!, aber die Demokraten streiken. Ihre Bedingungen gehen so weit, daß sie geradezu eine Ab lehn trug des uns diktierten Vertrages bedeuten wurden, ^lber eine knappe Mehrheit in der Nationalversammlung für die Unterzeichnung' des Friedens wird sich finden: Sozialdemokratie, Zentrum und Unaö- hängige. Das Kabinett aber, das die Unter» fchrift leisten soll, wird nicht leicht zu finden sein. Die Gegner mögen es, wenn es zustande kommen sollte, als ein Symbol für ben Wert und die Dauer barkeit dieses Fpiedens nehmen!
Während wir in alten Büchern lesen, wie das Deutschland vor dem dreißigjährigen Krieae ftrotz der theologischen Streitigkeiten ein Land reichen Lebens, des Behagens und der Wohlhabenheit war, wie uns anmutige Beschreibungen die Flüsse entlang führen „durch die Landschaften, von unzähligen Dör- fem und wohlgelegenen Schlössern erfüllt, mit Buchen und» Eichen umzäunt, nach den Bergen, wo der Wein kocht, nach der Ebene, wo die Kornähren so hoch wachsen, daß sie dem Reiter aus den Kopf reichen, zu den gefunden Brunnen, den heißen Quellen" — wenn bann noch hinzugefügt wird, wie das von geschäftigen Händen angebaute Land /,von einem treuherzigen, in seinen Sitten und dem Ruhme alter Tugend verharrenden tapferen Volke bewohnt" war, so fühlen wir, was man auch in Kämpfen von kürzerer Zeitdauer, als es der dreißigjährige Krieg war, verlieren kann. Das volle Maß der Verwüstung, wie es damals über das Land kam, ist uns heute noch erspart. Am Wiederaufbau, an der Wiedereinsetzung von Ordnung und Arbeit, dürfen wir nicht zweifeln, wenn auch Jahre darüber hingehen werden. Heute ist der Sklavengeist am betrübendsten da, wo er in der SchicksalFtunde immer noch allenthalben für Tanzvergnügungen und Arbeitseinstellungen ein Plätzchen für sich bereit hält . . .


