Ausgabe 
4.12.1919
 
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Deutsche Nationalversammlung.

121. Sitzung, Mittwoch, 3. 12. 1919.

Dm Minijtertifch: Erzberger.

Präsident Fehrenbach eröffnet b« Sitzung um 1 Uhr 20 M muten.

ES l egen Tankschrrren deS Präsidenten der österrercvijch«! StotionahxcKimmliG^ und be5 Bei- bm^es her ReichSdeurjchen für die Hllfsattion der Nationalversammlung iu Gunsten LefterreichS vor

Aus bei Tagesocknunci stecht die erste Beratung Ke- Entnnrrjs eine- LMweÄieuergrietzes.

Minister Erzbrrger:

Soweit eS sich bei der Frnanzvefvrm um eine Neugeüolt-.lng des Steuer wesenS boriöclt, ist d.e InuntftellxxTC Gegenwarts<msgabe eine drei: ach:: eine qiumtiktcDe, eine «malirative und eine distri­butive ?[nrgabc Die auanir.ative Seide deS Steu.'r- pro'll.-ms besteht darin, daß wir die benötigten Milliacken auf./ringen. Hier liegt dre ente Bor* auSs.tzung der finanziellen und wirtschaftlichen Ge- finioung De UnuoanUung des ganzen Verkchrs- w.-sen-, m erster Linie bid Bercinheitlichung des E.s^nbahnwesenS, wird den Anstatt bilden zu einer groi'Mi neuen Gesetzebung, deren beitgiwnte bc< G?mcmwohl, die Solidarität im ganzen Wirt- schastSlcben sein wird. Ei.ie wirNiche Re'orm Hal zur Voraussetzung eine entsprechende Gliederung des Steuerbaar'S, cme gerechte Lastmvertrilung, eine neue Erfassung der Steueraucllen, N'uerun- gen aus dem Gebete der Steueverhtbunq. Im engsten Zusammenhang damit steht t>mn die Ver­teilung der Steuereinnahmen mit die versch'ed.'- nen Steuergewaltrn, auf Reich, Länder und Gc- mentbeti. Der Etat von 1918 wird uns eine Ent- lafhrQ in den Gesam-auK,^tben bringen von 21»/, Milliarden Ä/tark: aber auch er ist in roefent'ithm Punkt, m noch immer ein fttiegde tat. Das geht am deutlichsten aus der großen Summe von außerordentlichen Ausgaben in Höhe von 41 Mil­liarden Mark. Diese große Summe kommt vor allem daher, daß allem infolge der Abwicklung M Krieges, her Demobilisation, der Abwicklung der Geschäfte des alten HecneS imb der alten Ma­rine, sowie infolge der 17 Milliarden, die für bi- Erfüllung des FrickenSroickages notwendig srnd und d.r 3'/r Milliarden für die Verbilligung der Lebensmittel im ganzen rund 37 Miliiartxn Mark au^ rocken llche AnS aben er'orter ich sind. Dazu kommen dann einmalige Ausgaben von rund 2 Milliarden, ixe in bei Hauptsache Teuerungs- ruschlägc darstellen. D:e Besoldungsrefvnn halte ich für eine der wichtigsten Staatsaufgaben. Der (Staat tat das grösste Interesse an ei-em nicht verschuldeten Beamtenstand, der wirtschaftlich zu­recht kommt. Weniger beschliebende Ätipfc und mehr ausführende Kräfte, weniger schwerfällig Instanzeiisucht und gröbere Elastizität wird eine der öauptioc trungen der Zukunft bilden.

Die fortlaufenden Ausgaben für 1919 sind mit 13V, Milliarden ongcsetzt $n Weimar haben wir an laufenden Steuern, die in die ReichSkasse flie­ßen werden, über 1000 Milliarden Mark bewilligt. Wichtiger sind die beiden einmaligen Steuern: die außerordentliche Kriegsabgabe für 1919 und die Resteuerung des während des Krieges eingetretenen BermügenSzuwachses. Beide zusammen sollen jähr­lich 12 Milliarden erbringen. Wir fen sobald als möglich aus dem Schildenmachen herauskom­men. Deswegen bitte ich Sie. die gegenwärtigen Steucrgesetze sobald als möglich zur Verabschiedung zu bringen. Wir müssen uns nun einen Ueberblick verschaffen über die Gestaltung der Ausgaben und Einnahmen der nächsten Zukunft. Eine vollkom­mene exakte Uebersickt ist nicht möglich Der Be­darf des Reiches ist für die nächsten Jahve in der Denkschrift ovm Sommer mit 17y, Milliarden Mk. Kngeseyt. Zur Deckung kommen in erst r Linie die direkten Steuern in Betracht, die jetzt ta uns bis zijr wirtschaftlich zulässigen Höchstgrenze aus- yeschöpft werden müssen. Wir haben in Weimar an ennnali^en Vermö-rmssbii nm 12 Wi fi-ir^en Mark bewilligt, die in der Hauptsache als Kriegs- aeiDumircuei. anzu.prcd-en fmv ^azu Lhiimi mji bad Nrichsnotopfer, das 45 Milliarden Mark er­geben dürfte. Mr: den in Weimar bi'witti^en ein­maligen Steuern bedeutet für die nächsten 30 Jahre der jährliche Ertrag aus der Bermögensb.steuerung die Summe von 3,6 Milliarden Mark. Noch wich-

destenS 24 bis 25 Milliarden Mark an Steuern QUTsubring.n. Da tnufi schart zugegriffen wecken. AuS der bereits beschlossenen Errq'chaslSsteuer sol­len 730 Millionen Mark jährlich gewonnen wer­ben, von denen nrnb 140 Mdlioneu auf Einzet- liacrten und Gemeinden ent allen. ES ist als an gewisser Mangel empfunden worden, daß die- taugen, welch, ihr Ei Kommen z-um grüßen Teil verbrauchen, von der Brsitzsten^r nicht so getroffen werden rote Jene, welche ihr 2krm»r_n durch Spar­samkeit vermehren Darum soll nicht bloß ter tat* iächl.che Bermögenszuwachs, sondern auch der mög­liche Vermögen.'zuwachs noch rnibesteu-.rt wecken, cnüem man in die Steuer hinein eine Besdnerung des übermäßigen Aufioandes einbaut. Rach dieser Zusammenstellung würde ffch d.mnach aus den direkten Steuern insgesamt herausholen lassen rund 15 Milliarden Mark, von denen 9*/< Milliar- oen auf dos Rerch und Mi Milliarden auf die Länder und Gemeinden entfall.n wücken. Bei der indirekten Besteuerung soll sich im BeharrungS- zuirand die Stcueroerteilung etwa folgendermaßen gestalten: Möglich wäre es ja das Hollwesen io auszubauen, daß rin Betrag von 1 brs 1*/» Mil- liarden Mark in Dauerzustand sich herausholen lasse. Aus der Umsatzsteuer, dem Kern der in­direkten Besteuerung, sollen insgesamt 4 Milliar­den Mark herausgeholl werden, von denen 3,4 Milliarden auf das Reich und 600 Millionen auf die Gemeinden entfallen sollen. Bei der 2. großen Gruppe der tnbtreden Beteuerung, bet den V r- brauchssteuern tm engeren Sinn des Wortes, würbe sich folgende Abstufung ergeben: Notwenirige B- darsS-grt-kcl fittb belastet bzw. sollen belüftet wr- ben m.r 500 Millionen Mark, davon Sa z mit 56 Millionen. idwaren mit 50 Mi.lionen, Mi- neralw.7s>er 30 Mllionen. Die Zuckersteuer soll verdoppelt wecken, so daß sie 360 Millionen bringt Don der brüten Gruppe innerhalb der Verbrauchs- k-fteuerung, den Bedarfsartikeln hauptsächlich m» dustrtcllen Verbrauchs, entwickelt sich die Kvhlen- steuer gut; diese Steuer bringt 2 Milliarden im Jahre. In diesem Naturschatz liegen große Reserven für de gesamte Wiciergutmachnng. Er e Erhöhung der Steuer dürfte Ihnen bald vorgeschla­gen wecken. In der Besteuerung der entbchrlichen Genußmittel ist das Branntweinmonopol schon auSgedaut. De Weinsteuer brache gute Ertrag-, die Schaumwcinsteuer ist ebenfalls während bcö Krieges erhöht wvcken, die Tabaksteuer ist bereits erlebtgt durch die Zuli-Reforrn. Die Biersteuer muß wie die Branntwein und Tabaksteuer ent­sprechend umgestaltet wecken. Bei etwas toeitvrer Ausgestaltung können 2>/, Mil ircken aus diesen Steuern genxmnen wecken. Unter Hinzuziehung des Ertrags der Grundsteuer ergtt sich für dte Berkeltrssteuern ein Ertrag von rund 1000 Mill. Mark, von denen 900 M.llionen auf las Riich und 100 Millionen auf die Länder und Gemeinden entfallen. Bei den Ansätzen der indirekten Steu'ru imb den Zöllen mit ctiua 11 Mi li-rcken Ntenk roerben Erträge nur rinkommen, wenn unser Wirt­schaftsleben sich Wicker besser entfaltet. Mit diesem kurzen Ueberblick ist auch schon die gualitative Seite der Reform kurz berührt. Bon der gesamten Steuerlast sotten nahezu 60 °/o auf di rette Steuern mtb nur 40 % auf Zölle und indirekte Steuern entfallen. Diese Steuer Verwal­tung kann sich fefcn lassen. WaS uh von den ersten Tagen meiner Amtsverwal ungen an mit aller Energie angestrebt habe, dos ist die reichseigene Steuerverwal ung. Sie ist eine logische Auswir­kung der oolfft,mmenen Verschiebung in unserem öffentlichen Bedarf, dem die logische Folgerung aus den finanziellen Kriegsnnrkungen und den Frie- dcnsoertragSverplich ungen gezogen roirb, wird rin jabrhundcrte altes Problem endlich gelöst roerten, nämllch: Tie Uebertragamg von birrfen Steuern auf das Reich. Rcichsverfasfung unb Steuerein­heit wird in Zukunft das dTUtsche Volk zu einer starken Einheit zcusainrnensassen. Ich heiTrnne nicht, daß es für Länder unb Gemeinden rin großes Opfer bedeutet, auf dos ErstverfügungSrecht bei den großen direkten Steuern zu verzich'en. Durch das Lanbessteuergeietz wird eine neue D rinehrung des Erstrecküngsberriches der Steuer gebiete zwischen Reich, Ländern und Gemeinden vorgesehen. Tas Geriet der alten Ertragsbesteuerung, also die Grund-, Gebäude- unb Gcwerbebe Neuerung bleibt bei den Landern und Gemeinden. Länder und Ge­

ist dn Ländern unb Geminden auch eine na*

mriitben werden sodann zur Einführung einer 93er» gnügungSbestruerung schreiten müifen. Ra'rezu un- b-schränttes Erftntnmgsrecht auf neue Steuern bL-ibt den Ländern und Gemeinden. 92enn die Ein ko mmenbestarerung planmaug durch- gefübrt wick, dann würden Länder und Gemeinden aus der Einkommensteuer fast genau soviel bekommen, als die gesamten Sduern im Reich, Ländern unb Genuvcken ror dem StT ege betragen haben. Neben ter Einkom­mensteuer wecken Länder und Gememteri auch noch einen Teil erhalten auS anderen Neichs- steuern, so aus der Erbschaftssteuer 20 Pooz., aus der Grund- und Gebäude steuer 50 Proz , aus ter Umsatzsteuer 15 Proz. Bei einigen biler Säuern

tiger für die Ausbringung. bcS Steuerbedarfs ist fbbcirn die Sinfi^mm nLeftei erung. Der Besteurung unterliegen: 1. Große, allgemeine Einkommen ber rchhfischen Personen und 2. die Destrueruna des Einkommens der Körperschaften unb ter Toten Lxmd. Eine dritte Art von Einkommenbesteuerung ist dann g-g'bcn durch l«ie V^»rbelastung des fun- bierten Einkommens mittels ber Besteuerung des Ertrages auf Grund und Boden, Qfcroerbe und Kapitalamte Im BelarnungSzustand hofft man aus der Einkommensteuer zuzüglich der Be­steuerung der K'örp.r.chaf en für R ich, Länder unb Gemeinden zusammen einen Betrag von acht Milliarden Mark zu erzielen. Dazu sollen dann noch 2,4 Milliarden Mark treten, als Er-

trägmd ber Enragfteuern, wovon bie Kapital-, in »n Lanocrn uno yxm meen anaj eine na. ertragt Ürner allem 1,4 Milliarden Mark erbringen | tur gemäß beschränkte Zu satzbe euerung möglich gc» soll, so daß cS gi.t eine Geamtumme von mtn- macht. Dagegen soll mit dem Prinzip der Zuschläge

0eegefpenttec.

Roman von Anny Wothe.

Aeerfaeiichci Copyright 1018 by Anny be Mihn, Leipzig

Nachdruck verboten.) Fortsetzung 3.

Viel war im Laufe der Zeit an den rinz'lnen Gebäuden erneuert unb verändert worden, doch bewnders daS Wohnhaus des Gotteskooges batte sich neben modernem Geschmack und neuen Ein­richtungen noch immer die alte Frietenheimlich- leit bewahrt. E» trug auch das graue Sammet­dach auS Schill und Rohr, wie die anderen Ge­bäude, und das breite, grüne Tor war ganz so, wie es vor Jahrhunderten gtroekm, ebenfo tm« ber Kamp, die graue Steinmauer mit den Eichen, ök sich um daS Anwesen zog.

Obstbäume, von den raicnben Stürmen schiel nnr die Eichen geweht und total zerfetzt, trugen dieses Jahr reime Frucht. Ab unb zu polterte em rotbäckiger Apiel bumps zur Ecke.

Frau Estrib achtete nicht aus den Gotteskoog, dem he sich notierte fit kam von Wennrp- stedt, wo sie Beiorgungen hatte sondern ft: sah träumend über oaS schimmernde Watt.

Die Nordsee war von hier auS nicht zu sehen, denn d.e haben Dünen mit dem roten Kllft la­gerten sich davor.

Du- seinen Lippen ber jungen Frau lächelten. Lteute ftbitnen ihre feltiamcn Augen blau und sehnsuchts chwer, als sie über das DaN irrten. Idr Lächln hatte etwas Wissendes, GetamneS- vollcS, das dem Änllitz EstridS einen ganz etgenen Retz verlieh.

Ihr zur Seite schritt rin Mann von vielleicht brrifcig Jahren. Er sah Peter Banken ähnlich.

ater Peter Banken war es nicht. Seine Gestalt, otroobl hochgewachsen und sehntg, war nicht ganz jo gewaltig und breit wie die Peters, unb sein £>aar war bunMMonb, während b.rS von Pctcr Bonken einen leisen rötlichen Schimmer hakte Peter Bankens Augen waren licht und blau uno lachten gern. Die Augen des TianneS an EstrioS Seite waren von einem Hellen Grau, die auS dem braungebrannten Gesicht unter dunklen Brau'N ausfallend heckorleuchteten. Bent Bouv'n, oer Maim an Estrids Seite, war ber einzige Bruder ihres Mannes.

AuS fernen Welten war er kürzlich hrimg> fctirt, um, bevor er ancber als Schiffskapiläu über weite Meere zog, im GotteSkoog Rast zu halten.

Beide Brüder liebten sich zärtlich und Estrio neidete ihnen dresc Liebe, sie wußte selbst nicht, warum.

Von Zeit zu Zeit streifte rin bewunderndr Blick auS den Hellen Männeraugen bie idjlanf? Frauen gestalt an seiner Seite, und ft: lächelte dann immer, uxitn fein Blick ihr Anllitz trai.

Worum läch lte sie?

Bent Bonken hätte fte schlagen können, dikseS Läch lnü wegen, und doch zoa es ihn an.

Sehr unterhaltsam leib Ihr nicht, Frau Schwägerin," tagte er, als sie bem Gottesfoag fchon ziemlich nahe waren.

,^hr auch nicht, Bent Bonken."

Wollt Ihr, baß ich in Eure schönen Augen sehe oder baß ich rede?"

DaS könnt Ihr halten, wie Ibr wollt. Bent Bonken," gab Estrib zurückIch habe Euch nicht auigeiorbert, mit mir zu gehen.

Dunkle QKut schoß in Bertis hageres Gelicht.

vollkommen gebrochen tonten. Daß Länder unb Gememben nur noch eine sehr geringe Sritiftäiixg- üel am steuerlichem @eA-t bei"wen, ist durch­aus nicht der Hall. Praüisch ist vie.mehr t<e Masse ihrer ^teurreinnatmen durch ias LandeS- be^.euerungs..rietz »genübet der Vergangenheit au^rockertilich ausgedehnt wvcken. Länder und Gomeucken wecken durch bie Reuocknunz Inei höhne SteucremFünfte beziehen, als h: aus einer m Konkurrenz ber RrichSl^- steuerung stehenden eigenen 3tau ngdecg^nmg t>ät* ton gewarnen können. Länder und Gemrirtitan werden biS zu einem peroiifen Grade zur Spar» samleit erzogen, denn m dem Ausmaß, wie zwi­schen 1907 mtb 1913 die Ausgaben der Ge­meinden gewachsen sind, barf die Entwicklung in Zukunft nicht weiter gehen. Gleichmäßigkeit und Gerechtigkeit in der Besteuerung ist mnnes^Erach- kenS auch am cbeiten geeignet, wieder die Steuer­moral zu heben. Es roirb eine vollkommene Neu­organisation bei Erhebungssystems vorgenommen. Die derausroirtschaftung emes möglichst hohen Ertrages aus den bevor stehenden Steuern unter Anjwand von möglichst geringen Kosten ist im gleichen Maße wichlig für die -ötaatstafie roie Tür ben einzelnen Steuerzahler. Auch die Beauemlich- feit der Steuerzahler soll bei dieser Reform nicht vergessen werden. Das vorgelegte Programm soll unb kann eine Beenbigung noch nicht enthalten, ba einzelne Steuervorlagen erst im ersten Stadium beS Werdens begriffen sind Die Aufrottung des gesamten SteuerprogrammS hat vielmehr Den Zroeck, die großen Richlllnien der allgemeinen Marschroute abAuflcden, die ich einzufchlagen ge­denke, unb die Grundsätze Narzuliv.m, von welkten ich mich dabei leiten lasse. ES sind fchon fast allzu schwere Lasten, welche von unserem Volk m der Zukunft getragen werden müssen Wer noch vollkommen befangen ist in dem Gedanken bei Individualismus, wie er vor dem Kriege ge- l-errscht hat, dem wird diese Reform nicht zu-

96 DaS Privatrigentum findet feine B^rmckung, aber auch seine Begrenzung durch sozialeJnteresßrn. DaS Jnterefl'e des «samten VolkskörperS geht dem Interesse des Einzrinen vor. Das ist auch der tiefste Sinn bet ganzen gegenwärtigen Sozialriierunas- strömung. das mutz auch der Leitgedanke bei ber Steuerreform sein. Im Kriege ist tan getarnten Volke das Bewußtsein bci;ebrad)t wvcken, daß es eine Einheit ist, iatz das Wohl des geiamten VolkS- körp.rs höher stehl als das Wohl deS einzelnen Menschen. Durch die roirt.tbaf lieben, sozialen unb fiinanjt'.nen Aufgaben, die uns der Kckg hinter­lassen hat, roiro diese Terckenz zum solidarischen Zu'ammmschluß des Volkes auch in Zukunft auf­recht er Hillen In der Zukunft wick die Arbeit tic h.'rrschende Rolle spielen, die allein uns heraus- fübaen kann aus dem GIcnb der Gegenwärtig^it. Tta Steuerreform soll aus den Trümmern de-s Kii-ges ein neues dnrtfches Voll errichten, einen sozialen Staat der Zukunft!

Abg. Becker-Hessen (D.Vv.): Den münd­lichen Darlegungen des Ministers konnten wir nicht so folgen, um jetzt in die Debatte rintreten zu können. Ich bitte, die Sitzungen morgen und übermorgen ausfallen »u lassen.

Rrichsministet Erzberger: Meine Rebe wick den Herren sofort zugehen.

Präsident ^ehrenbach schlägt vor, morgen um 1 Uhr bie Beratung sortMsetzen.

Abg. Schultz (D.-Rl.) stimmt bem Abg. Becker zu, auch wegen ber Aeußerungen des Mi­nisters Hirsch im Rrichsrat über die Steuertror- lagen, sowie ber Stellungnahme ber einzelnen Finanzminister, bie meistens keine Hetze wünschen.

Abg. Scheibemann (Soz.) schlägt vor, bie Beratungen am Freitag fvrtzusetzen.

Abg v. Payer (Dem.) unb Abg. Trim - born (Ztr.) stimmen diesem y.

Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr.

Tagesordnung: Fortsetzung ber Aussprache.

Sclfluß 3'/. Uhr.

Aus Stabt und Land.

Gießen, ben 4. Dezember 1919.

Milchprciserhöhuna.

Zufolge Beschlusses ber Städtischen LebenS- mittel-Teputation wecken bie Milchpvnse mit Wir­kung vorn 3. Dezember 1919 wie ftlgt festgesetzt: für ben Liter Vollmilch 82 Pf., für den Liter Magermilch 44 Ps.

Veranstaltungen

Donnerstag: Hotel Schütz, 8V< ttstr, Deutsche Vrl'Sixrrtei, Vonrag Rea lelwft Kahl über bie Vergesellichaf unq ber bisherigen Privatbetricke Hotel Großherzig, 7 Uhr, Zweiter Ii!e arifdtei Abend des ReichswirÜchaftSrerbandes beutichn Be- rufssolbaten Postkeller, 8 Uhr Hauptversamm­lung ber vertriebenen Elsaß-Lothringer. Ein. Korn, 8 Uhr, Bunter Abend (Medicatef. Lie- biaShöhe, 8 Uhr, Bun er A'<nd Lichd'pi lliaus, Der Uebersall auf Zug Nr. 3" unbMelodien des Herzens". Lichtspiele, SrlterSioeg.Tre Jüdin",Der Teufelshaken" undHausstreik".

Bvu ber LandeSuniversität. Bei der Fünshundertjabririet der Universität Rostock find »rod Gießener Gelehrte durch Berleckung der Ehrendoktorroürde auSitezeiffmet roor« den. Der Prvseffor der neutejtamentiidien Tde»- logie Dr. B o n s s e t mürbe $um Ehrendoktor ber Philosophie, der Praj^sor der klassischen Prilo- logie Dr. Kalbfleisch, z. Zt. Rcttor der Lau- des-Unioerfträt, zum Cbrntbotor der Met-i in er­nannt Dem 1. Äffiihitten am Physivlog scheu Institut ber Landesuniversttät Gießen Dr. Robert Feulgen wurde die venia legendi für das Fach der Physiologie erteilt.

* Aus bem Stadttheaterbureau- Für die nächste Zeit st.hen in Vorbereitung: Karl E.tllngers KornörieTa - Befchrocrdebu dy", sowie «Eine Ba llnach t", Operette von LSkar Sttauß, dem b. lärmten Kvrnpcn st n de- Walzer­traums. Berchandlungen schweben aufeerbetn ü.er bie Erwerbung des nruefum Werke- von Karl SchönherrEine Kindertragödie". foivie über Sudermaims neuestes Schaustück ..Die R a- schoffS". Auch rin Werk Georg Kaiser-, bef rasch zu Ruhm gelangten Dichters de- Expeessio- nrsmuS, ist zur Aufführung vorgesehen.

* * Ji i n b r u d). In der verflossenen Nacht wurden mittelst Einbruchs aus einem Geschäft auf dem Kreu^platz 2 Ballen Herren- Anzugsstoff, grau, in sich wenig gestreift, und arau Flein karriert, 13 braune und graue Gummimäntel, und 6 bis 8 braune Herren- Ar.züae, Größe 42, im Gesamtwerte von 10Ö00 Mk. entwendet. Für die Ermittelung der Täter unb Herbeischaffung des geswhlo- nen Gute- ist eine gute Belohnung ausge­setzt. Die Täter haben, um in ben Laden zu gelangen, bie Scheibe an der EingangSture zertrümmert und sind dann durch diese Oeff- nuna einaestiegen.

* * Diebstahl. In der Nacht vom 1 carf den 2 Dezember wurde im Garten Ri grlp-ad 3f rin Frauen rock gestohlen, vor 14 Tagen rourtre an brrirlL«n Stelle rin Paar Strümpfe entnrnbef.

* * Fahr raddiebstahl. Am 1 Trirrrr-ri 1919, abends gegen 6 Uhr, wurde ein in rin em Hof in der Kaifer-Allee auf lest-llle- Fahrrad, MarkeRund um Breslau" gestohlrn. bat gelbe Felgen unb Torpedvftrilauf.

** Tas Befahren der Brücke am Bahnhof. Wie nir erfahren, wurde rin An­wohner des Selter-berge- bestraft, nx-d er hr Brückcnübersütnung von der Frickeichuraßc zum Bahnhof m t einem Hanbroägcldien benützte Eine Anzahl von Amvotmern des SellersltergeS machten hierauf eine Eingabe beim Pol i xuamt worauf nunmehr nachstri?enbe Annoort enolate: Aut Eingabe vom 15. Ottober 1919. Nach An- Hören deS OberbürgermeistarS haben wir untere Polizeibeamten angewiesen, d-aS Beadren t<s n» wähnten StegS mit Deinen .Handiva en Größe eines normalen Kinderwagens versuchs­weise zuzulasfen. In Ueben-inflimmung mit bem Herrn Dberbürgermrifber behalten wir uni vor, diese Anordnung wieder aufzubeben, fall- sich hier­aus Unzuträglichliriteu ergeben sol ten. Wir stellen Ihnen ergtbenfl anheim, ds Mitwiter^-ichwer brr Eingabe hiervon in KennMiS zu setzen.

qm. Lautefchläaer.

Oesfentliche Bücherballe Im November wurden 217/ Bände au-gegeben Davon kommen auf: Erzählende Literatur 1280, Ztitz- schristen 215, Jugendfchriiten 177, Litera tuo- geschichte 17, Gedichte und Dramen 27, Länder, und Völkerkunde 47 Kulturgeschichte 20, Ge­schichte und Biographien 80, Kunstgesdnchte 28, Na urwiffen'chaft und Techn- loche 102, Haus- und Landwirtschaft 13, Qkfunbl)e*t.-:cbre 12, Religion und Philosophie 47, Staatsnnsienichaft 12, Sprach­wissenschaft 15. Fremdsprachliche- 35 Bände. Nach auswärts kamen 35 Bände.

* * KartoffelauSaabe 4 8 Woche. Tie Wochenkartoffelmurken L, M, N, O. P. C.U, R. S, T, U der 48 Woche werden deliriert bei Löbsack, Karl, West-Anlag«, Treih-ler, Heinrich, Sleinstiaße, Koniumverein Gießen u Umg. in sämtlichen Filialen, Rumpf, Fritz, Zo.zel-gasse. Die Marken können bis rinschlleßlich Freitag den 5. Dezember 1919 beliefert iver-en.

* T ie Allgemeine Ortskranke n-- kafse Gießen hält ihre JahreShauptversamm- (ung am Freitag ben 12. Dezember, abenbs 8 Uhr, tm GewerlfchaftShauS, Schauzenfttaße ob.

**^TieBergesellscvastungderbiA- her i g en P r iva tbetriede" ist bas Tlvmo eines Vorrats, den heute aben?X 8 Uhr, Roaltahver Kahl auS Darmstadt im Hotel Schätz in der Deutschen Vol sparte» hält. DaS Thema ist üler- crns wichtig u. a. für unseren Mtitcl a d, für ben ber Redner selbst in Wort imb Schrift schon seit Johrzechuten imermüblich tätig ist. Auch Nidttmitglv der haben Zut.itt.

Einen bunten Abend veranstaltet frute abend im Hotel Einhorn der Qkbanfcnlefer Medica to Der erste Ted deS reichdallige« Pn'g'ammS bi.tet Tänze, komi che und Ee ongs- I oortröge ul'ro., während der ziveite Tcil der Auf- 1 klärung über daS Gckanlenlesen gewidmet fein wick.

Bon ber einen Seite hatte man eiivn Aus­blick aut baS Meer, von per anderen konnte mm über das Watt hinweg ganz fern, wie einen tarnen Strritenz bad Festland jeden. Der S«maim l ichte und ließ sich bann behaglich an einem kleinen Tischchen, umgeben von Bmtenstühlen, in der Ecke der Qkitene nieder, bie nach beiden Seiten fce 2luSs>cht ftrigab.

Akte brachte einige Erfrischungen und habet wanderten ihre kleinen, dunllen Augen unter ihrer weißen Friesenhaube aufmerksam von einem »um anderen

Eine echte Friesenftau," dachte die Alte mit einem Blick auf ihre imtgt Herrin,ist fte nicht."

Dann schlürfte sie wieder mit einem zärt­lichen Blick auf den Kapitän hinaus.

Bent hatte ihr freundlich zugenickt. Er streckte sorglos tue Beine von ffch unb fragte listig:

Groutt Ihr Euch, schöne Frau^

Vielleicht, Bent Bonken. Erzählt mir ettoaS von den Seegefpenftem."

6k goß ihm zuvorkommend ben dicken, lübfi Radm über die rote Grütze, bie Bent eiftigst lüftelte.

Na, waS gibt- bJ viel »u erzählen, Frm Estrid? Da haben wir zuerst ben iflabtideP* mann."

Ach der, bet immer grigt und ffngt und den Untergang deS Schiffe- kündet," riet Iclhaft

Ja, er ist rin eigener Okklk, brt Rio# laut rmann. Er ist überall. Er sitzt un Tafelroert, am Rahen und Masten. Er bdlt beim Steuermann bk Dacht unb singt im obersten Mast writ in btt Nacht hinau-, wenn mir nahe daran find, in cen Dippen zu zerschellen. (Fortsetzung folgt.)

Nein, da habt Ihr recht, Frau Estrid, ober Eure Augen lockten, und ba ging ich mit."

Tas hättet Ihr nicht tun Dürfen, Bent Son- ten," antwortete Estrid gleichmütig, nur ein heim­lich forfdxmber Blick streifte unter ben lang.»n, dunklen Wimpern ben Mann an ihrer Seite.

Nun lachte bas braune Scemonnsgesicht.

Meint Ihr denn, eS hätte keinen Rriz für einen Setmann, der Frauengunst kaum kennt, ein# mcu mit einer Frau über die Herbe zu gehen unb noch dazu über die der Heimat?"

Ihr seid lange fortgeroetan."

,Jtünt ^Jahvc, Frau Estrid. Seit bem Tode der Mutter hatte ich eine heimliche Sdjeu vor bem GotteSkoog. Seitdem jedoch hier wieder eine Frau waltet, bie auch so jringe- Blondhaar hit wie die Mutter alle GotleSkoogtr Frauen roartn blond da bin ich gern hier nnb will ^vor­läufig Uibcn."

Recht so, Bent Banken, ich freue mich dessen."

Jetzt ging der Blick deS Steuermann-, Der in ferner klauen Marineuniform sehr stattlich auS# iah, sorschimd uno auimcrkiam über die junge Frau hin.

Er öffnete die Tür in ber Steinmauer zum Garten des Gooteskoog und die beiden jungen Menschen wanderten unter den schroerherabhängen- den Obstbäumen dem Hause zu.

Estrid bückte sich von Zeit zu Zeit unb hob einen rotwangigen Apfel aus.

Eine gute SMWmm ist sie," dachte Bent, aber ob sie wob! ri-k ^eele bat?"

Glaubt Ihr an G spenster?" fragte Estrid, mdem sie ihrem Gast aut die breite Holz. aalcric trat, bie sich an zwei Seiten des HaufeS hinzog.