Hreitag, 28. November 1913
Erstes Blatt
165. Jahrgang
Ve, ngsvr is: ntonotiid)75'BU oiertel- jährlich Alk. 2.20; durch Abholo- il Zweigstellen monatlich 65 Bf.; durch die Post Mk.2.— viertel- jährL ausschl. Bestella. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. Cbefrebaftcur: A Goetz« Verantwortlich für den polit. Teil: Ang. Goetz; für .Feuilleton*, .Vermischtes* und.Gerichtssaal": Karl Neurath; für .Stadl und Land*:
Nr. 280
Ter Elehener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöcl'entlich GiehenerZamilienblätter; zmeunak ivÖdiciitLKteis-- bllail sürden Krtis Siehen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land
wirtschaftliche Zeitfraaen »lerusorech-Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depefchcn: Anzeiger «icßcu.
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
17 k Ä . ... ... . - Kurt Bendt; für den
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Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Das Millionendarlehen für die Zentralkasse der Hess, landw. Genossenschaften.
Ucbcr die Regierungsvorlage, betr. die Hingabe eines Tarlehns von einer Million Mark an die Zentralkaffe der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften und die dar- tibcr im Finanzausschuß der Ersten Kammer gepflogenen Verhandlungen in Verbindung mit dem Antrag D. Heyl- Wraf Stolberq-Roßla und Fürst Jsenburg-Birstein hat der Ansfchnßberichterstatter Geheime Kommerzienrat Tr. Strecker- Mainz einen ausführlichen schriftlichen Bericht erstattet, der mancherlei des Interessanten und Bemerkenswerten enthält. Er gibt zunächst einen kurzen allgemeinen Ueberblick über die Sachlage und betont dann, daß sich die Amendementsanträge des Finanzausschusses in zwei Richtungen bewegten. Ter Ausschuß erachtet erstens die Hingabe von einer Million Mark an die Zentralkasse zur Er- reichung der in der Vorlage in Aussicht genommenen Zwecke für nicht genügend. Die alte Kasse arbeitete mit einem Aktienkapital von 215 Millionen Mark und zuletzt mit etwa 500 000 Mark Reserven. Die neue Zentralkasse verfügt nach den letzten Monatsnachweifen nicht über ein derartiges Betriebstapital und sie ist deshalb in nicht unerheblichem Maße darauf angewiesen, die für die Genossenschaften erforderlichen Kredite auf dem Wege des WechselkreditS flüssig zu machen. Der Mangel an Aktienkapital erschwert aber auf die Dauer die Erfüllung der dem Genossenschaftswesen obliegenden wichtigen Ausgaben; auch besteht in vielen Genossenschaften der dringende Wunsch nach flüssigen Mitteln, die in laufender Rechnung gewährt werden tonnen. Deshalb glaubte der Ausschuß über die Regierungsvorlage hinaus noch weitere 2 Millionen Mark zur Verfn- gung stellen zu sollen und zwar in der Form eines tcifö kündbaren, teils unkündbaren Kredits. Wie der Ausschußbe richterstatter bemerkt, bedeutet dieser Vorschlag auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens nichts Neues, denn es haben auch süddeutsche Staaten ihren Genossenschaften Staats- krcdite zu billigeiü Zinsfuß eingeräumt, so z. B. hat Würl- i ent berg im Jahre 1899 den Genossenschaften 1 Mill. Mark bewilligt unb neuerdings sind weitere Anforderungen von ihnen erhoben worden; die bayerische Zentral-Darlehnskaffe hat ebenfalls auf Ersuchen Staatsvorschüsse in Höhe von 4,1 Millionen Mark erhalten. Alle diese Kredite stehen den betreffenden Genossenschaften zu einem außerordentlich günstigen Zinsfuß, höchstens 3'/> Prozent, zur Verfügung. Wenn der Hess. Staat nunmehr in einer anerkanntermaßen furchtbaren Krisis den hessischen Genossenschaften Staatsmittel zur Verfügung stellen will, so gewährt er ihnen etwa denselben Vorzug, wie ihn die Genossenschaften in andern Staaten schon längst genießen.
In Konsequenz dieser Krediteinräumung für die Genossenschaften hat dann zweitens der Ausschuß den in der Regierungsvorlage nur für die Zeit der Darlchnshingabc vorgesehenen Staatskommissar als eine dauernde Einrichtung in Aussicht genommen. Ter Bericht weist auch in dieser Richtung auf die Erfahrungen in Württemberg und Bayern hin; überall habe sich dieses Institut außerordentlich bewährt und in keiner Weise zu einer Beeinträchtigung des Genossenschaftsgedankens geführt. Ter Ausschuß beantragt dar
nach einstimmig, in die Regierungsvorlage als Absatz 3 hinzuzufügen:
„Weiterhin wird die Großh. Regierung ermächtigt, aus den Beständen der Großh. Staatskasse 1. einen unkündbaren Kredit in .Höhe von 500 000 Mark, 2. je nach Bedarf einen jederzeit kündbaren Kredit bis zum Gesamtbetrag von 1 500 000 Mark einzuräumen." (Aus dieser amtlichen Darstellung des Ausschußberichtcrstatters ergibt sich, daß die in verschiedenen Blättern enthaltene Darstellung, der Aus schuß der Ersten Kammer habe die Hingabe eines Dar^ Iahens von drei Millionen beschlossen, nicht den Tatsachen entsprach; auch davon, daß ein Antrag v. Heist aus Bewilligung von sechs Millionen für die Zentralkaffe wieder zurückgezogen wurde, ist in dem Ausschußbericht mit keinem Wort die Rede.)
In den weiter vom Finanzausschuß der Ersten Kammer beschlossenen Zusätzen rcsp. Abänderungen zur Regierungsvorlage wird bestimmt, daß im Falle der Inanspruchnahme der Staatskasse durch die Zentralkasse eine anderweit erforderliche Verwendung der verfügbaren Bestände der Hauptstaatskaffe nicht möglich fein sollte, auch dieser Betrag durch Anleihe gedeckt werden soll und daß der ein zuraumcnde Kredit je'nach Lage des Geldmarktes für Staatsanleihen zu verzinsen ist. „Die Staatsbeihilfen sind bestimmt, die notleidenden Genossenschaften zu unterstützen und die Betriebsmittel der Zentralkasse zu stärken."
Bemerkenswert ist die Verschärfung der Zusatzvorschrif ten für die Staatsaufsicht. Ein Zusatz zu Art. 4 lautet: Die Zentralkasse unterwirft sich der Aufsicht der Großh. Regierung. Diese Aufsicht erstreckt sich auf den ganzen Ge- schäftsbetrieb der Zentralkasse; sie wird durch einen von der Großh. Regierung zu bestellenden Kommissar ausgeübt." (Die Bestimmung der Regierungsvorlage, daß die Aufsicht „bis zur völligen Rückzahlung des Darlehens" fortdauert, fällt damit fort.) Im Art. 5 der Regierungsvorlage war gesagt: Der Staatskommissar ist befugt, alle Anordnungen zu treffen, die erforderlich find, um den Geschäftsbetrieb der Zentralkasse mit den Gesetzen, der Satzung und den sonst in verbindlicher Weise getroffenen Bestimmungen in Einklang zu bringen. Der Ausschuß beantragt: Der Staatskommissar hat alle Anordnungen zu treffen usw.Weitere Zusätze besagen, daß die Art der Verwendung des Darlehens und des zu gewährenden Staatskreüits der Einwilligung des Staatskommissars bedarf, daß die Zentralkasse verpflichtet ist, dem Staatskommifjär alsbald nach stattgehabter Revision die Revifionsberichte der einzelnen Genossenschaften vorzulegen usw.
Da diese Ausschußanträge zweifellos die Zustimmung der Ersten Kammer finden werden, so darf man einigermaßen gespannt sein, wie sich die Mehrheit der Zweiten Kammer dazu stellen wird.
Vie italienische Thronrede.
Rom, 27. Rov. Tas Parlament wurde heute morgen durch den König eröffnet. In der Thronrede mit der der König das Parlament eröffnete, heißt es:
Tic Tugenden unseres Volkes fanden ihren höchsten Ausdruck in unserer Armee und Marine, denen ich meinen Beifall spende, indem ich zugleich bewegten Herzens der Tapferen gedenke, die durch ihren Tod den Boden Lydiens für Italien heilig machten. <Stürmischer Beifall.) Mit der Erwerbung Lydiens stellt sich Italien vor eine große zivstisatorische Aufgabe, deren erstes Ziel es.sein muß, die eingeborene Bevölkerung uns zu aufrichtigen Freunden zu machen, indem wir ihre Religion, Familie und
Eigentum achten und sic die Wohltaten der Zivilisation schätzen lehren. Tic Weisheit des Parlaments schuf eine Reform, welche über fünf Millionen Bürger zu dem politischen Leben berief. Diele 'Jteform wird zur notwendigen Folge eine Richtung in der Gesetzgebung haben, die glcick>zeitig verbesserte geistige, moralische und wirtschaftliche LebcnSbedingungen der Volksklassen bezweckt. Wir müssen die soziale EKsetzgebung zugunsten der Arbeiter vervollkommnen, die großen Interessen von Ackerbau und Industrie pstegen und der Handelsmarine, die ein mächtiger Faktor der Wohlfahrt für den Handel und die Kraft des Landes ist, eine zähe Pflege widmen. Ta man den Wert eines Volkes in der modernen Welt nach dem Grade seiner Kultur bemißt, müssen wir durch die wirksamsten Mittel dafür sorgen, daß der V o l k s u n te r r i ch l rasch auf alle Bürger ausgedehnt, immer mehr vervollständigt, der gewerbliche und landwirtschaftliche Unterricht ausgestaltei und die mittlere Schulbildung eine ernsthafte Erzieherin werde, angepaßt den Fähigkeiten der italienischen Jugend und der Notwendigkeit des Lebens, sowie daß auch ein mehr und mehr vertiefter H och s ch u l - unterricht den ruhnireick-en Traditionen der italienischen Universitäten entspreche. Auf dem Gebiete der Gesetzgebung wird man mit der Reform des Bürgerlichen G e s e p b u di e s beginnen müssen, um der Frau die Stellung zu geben, die ihr in der Familie zukommt.
Die Hissung des italienischen Banners auf dem anderen Ufer des Mittclmccres bedeutet eine tätigere Teilnahme art der Lösung der Probleme der auswärtigen Politik. Tic neue italienische Erde erwartet dieses Werk der Zivilisation, in deren Namen wir sie besetzten.
Gras Verchtold und seine Krittler.
In ber österreichischen Delegation für auswärtige Angelegenheiten gab am gestrigen Donnerstag Graf Berchtvlb auf verschieb en e Em wen bangen recht interessante Erklärungen ab, bie sich auf bie letzten, von uns erwähnten Veröffentlichungen des „Matin" beziehen. Er sagte u. a.:
Es ist ausgcführt worden, das vielleicht zu Beginn der Balkan- krise die Möglichkeit geboten war, durch Aussprache mit den Balkanstaaten inbetrefs Albaniens dasjenige zu sichern, was wir später beantragten. Ich bitte aber zu bedenken, daß Albanicu damals türkisches Territorium war und daß wir, um schon damals dessen Neutralität gegenüber den Balkan st a a t e n durchzusetzen, mit Rücksicht auf die nod) dort befindlichen türkischen Truppen zu einer effektiven Besetzung hätten sdfleiten müssen, welche einen Teil unserer Armee in dem Mo- ment großer nationaler Spannung gebunden hätte, was wir daher, nicht in Erwägung ziehen wollten. Gingen aber die Balkanstaaten aus unsere Forderungen nicht ein, so lvaren wir natürlich gezwungen, wider Willen in diesem Kampfe Partei zu ergreifen, und dadurch unsere künftige Politik den Battansiaalen gegenüber zu präjudizieren. Es muß übrigens in diesem Zusammenhang auch die damalige internationale Situation in Betracht gezogen werden. Es wurde heute schon vielfach von' E n t h ü l l u n g e n i m „Mali n" über einen Geheim- bunb gesprochen, der damals gesckstosscn worden sei. Wenn diese Informationen richtig sind, und sie stimmen mit man dien un seren damaligen Informationen .überein, jo würden sie einen weiteren Beweis bilden, daß die Balkanstaaten gewisse Hoffnungen aus eine Großmacht setzten. Die Eventualität einer Komplikation lag daher nahe. Wie dem auch sei, jedenfalls kann man einen Zusammenstoß der 'Monarchie mit den geeinigten Balkanvölkern keineswegs als ein erstrebenslvertes, der Rolle der Monarchie auf dem Balkan konformes Ziel bezeichnen. Dies ist eine Situation, die gegebenenfalls akzeptiert werden müßte und zu deren Herbeiführung wir aber nicht die Hand bieten dürfen und wollen. Ich mußte bedauernd konstatieren, daß die von uns aufgestellten Programmpunkte mannigfachen Widerspruch begegneten. Tics ist vielleicht in erster Linie darauf zurückzuführen, daß sie sich aui der Linie bewegen, wodurch sie ja nach der Auffassung den einen zu weit gehen, den anderen aber zu eng begrenzt erscheinen.
8chröSer-Stran;-Lxpedition nach Spitzbergen 1912-19(5.
Gießen, 28. Nov.
Einer der Teilnehmer jener Expedition, deren unglücklicher Verlauf noch allerwärts in trauriger Erinnerung steht, sprach gestern abend in der „Gesellsckstftt für Erd-- und Völkerkunde" über lerne Erlebnisse auf dieser schlimmen Fahrt. Dr. Hermann Rüdiger- Hamburg war einer der aus 10 Deutschen und 5 Norwegern bestehenden Mannschaft, die am 5. August 1912 Tromsoe verlieh, um auf dem „Herzog Ernst" das arktische Gebiet aufzusuchen. Führer war der Leutnant Schrödcr-Stranz . , ~
Rä war beabsichtigt, das N o r d o ,t l a n d von Spitzbergen am Mtfufben und dort Schrödcr-Stranz mit seinen Begleitern abzuictzen, die dann dieses unerforschte Gebiet mit Schlitten bereuen wollten. Zu diesem Z'vecke führte das Schift außer tun notwendigen Aus- Alftungsftücken eine Anzahl deutscst'r Hunde mit.sich Da die Ostküste Spitzbergens, ganz im Gegensatz Lur Westküste, die vom Goll- strom berührt'wird, stets von den Eisma,>en blockiert wird, die der Polarstrom heranführt, so zeigte sich bald ein Herankommen von Südosten her, durch den Sror-Fgord als undurchsuhrbar. Tas Sckiff fuhr deshalb um das «üdtap herum.nach Westen und er reichte am 12. August die Magdalenenbai. »ter traf es nut km größten deutschen Vergnügungsdamvwr, der Viktoria Luiie zusammen Trotz der schwierigen Fahrt wurde das Nordkap glücklich erreicht Am 15. August verließ Schrödcr-Stranz mit drei Begleitern iSandleben, Tr. Maur und Schmidt) das Schin und suchte über die Eisdecke hinweg die Küste zu erreichen. Ob er untenveg» ,chon ertrunken oder ob die vier Männer un >iMierii des Nordostlande? 'uarunde gegangen sind, weiß heute niemand. Die voftnung, daß s^noch am Leben sein könnten, glaubt auch der Vortragende, nun nach Eiichruch des zweiten Winters, als zerstört betrachten zu n,Uf Sie vielfach aufgeworfene Frage, warum Schrödcr-Stranz sein Schiff verließ beantwortet Tr. Rüdiger dahm: ^ie Teilung in eine Schlittenexpeditton war von vornherein vor ^ckm-ckend ausgerüstet worden. Die Ausrüstung der beiaf, Ar »Mei bis drr, Äonate Proviant und außerdem vorzügliche ^mßwaften mit genügend Mun tto i um sich als Iagdexpedition durchschlagen zu können, -ta jemutiort. um i ^ic Küste herankommen konnte,
ÄeSÄ ä» feilem Eis halt mafcn mu6te io tpar ein Verlassen des ÄchW zur unbedingten ^“bem Wned'ihrer unglncklrch-n G-nassen. Mhr der Rest L b?'^mCob" ®a?£ “Site Ä
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bann, falls diese bis zum 15. Dezember nicht zurückgckehrt sei, die Kreuzbai zu erreichen suchen. Allein die Soryebai sollte dem Schiff und seinen Bewohnern verhängnisvoll werden — sie haben die Kreuzbai nie erreicht! In diesen arftifefen Gebieten bedeutet der Juni den Frühling, der Juli den Sommer und der August den Herbst. Schon stand der arktische Winter mit seinen Schrecken vor der Türe, dem Sck)iff war ein Verlassen der Soryebai infolge des Treibeises unmöglich, und die Forscher waren auf der schmalen Halbinsel zwischen Hinlopen-Straße und Wijdebai zur Untätigkeit verdammt. Der Wunsch, der drohenden Ucbcrrointcrung mit ihren Gefahren zu entgehen, um nach Uebcrwindung der nickst allzu lang scheinenden Landsttecke von 200 Kilometern die Kreuz- vder die Ädvcntbai zu erreichen und damit die Möglichkeit zu gewinnen, noch im Herbst Europa zu erreichen, veranlaßte die Expe- dilion, das Schiff zu verlassen und den Landmarfch südwärts anzutreten. Äe Sorge, ob der mitgeführte Proviant so. beschaffen fei, daß er vor der gefürchteten Polarkrankheit, dem Skorbut schütze, sowie die Erwägung, daß ein Winleraufentlstilt an dieser Stelle zur Untätigkeit zwinge, für die Wissenschaft als vollständig ohne Nutzen sei, wirtten noch bestimmend zu dem verhängnisvollen Entschluß mit, der im übrigen keineswegs von zwingender^ Notwendigkeit diktiert war. Am 21. September begann die Schlittcnreise. Am ersten Tage wurde mit vieler Mühe das Platemi erstiegen, der zweite Tag brachte die Ueberraschung, daß die norwegischen Matrosen umkehrtcn, der dritte Tag brachte Tauwetter und verwandelte den Schneebelag in einen Schneebrei, am vierten Tag brauste ein Schneesturm über die Hochfläche, daß die Reisenden ihre Schlafsäcke nicht verlassen konnten. In fünf Tagen erreichten sie zwar die Wijdebai, hatten aber insgesamt nur 16 Kilometer zurückgelegl. Infolgedessen faßten sie den Entschluß, wieder nach dem Schiff zurückzukehren, um ihre Ausrüstung zu vervollständigen. Nur Tr. Tetmer und Dr. Moeser zogen allein weiter und fanden beim Ueberschreilen der Eisdecke der Wijdebai zweifellos ihren Tod, denn man har nie wreder ein Lebenszeichen von ihnen gefunden. Am 28. September bereits verließen die Zurückgekehrten zum zweitenmal das Schiff, um abermals zur Wijdebai zu ziehen, wo sie in einer alten Fanghüttc notdürftig» Unterkunft fanden. Hier stellte sich ein unübersteiglicksts Hindenüs in den Weg: Tr. Rüdiger erfror außer einigen Fingern die vordere Hälfte des rechten Fußes und konnte nicht weiter. In dieser verzweifelten Sage teilte sich die Expedition abermals: der Führer des Schiffes, Kapitän Ritscher, wandte sich zur Adventbai, um Hilfe zu holen, während der Maler Rave bei dem erkrankten Freund zurückblieb und diesem durch aufopferungsvollstes Ausharren buchstäblich das Leben rettete. Ritscher und fein Begleiter versicherten die Zurückbleibenden: „Sind wir in 4 Wochen nicht wieder zurück, so sind wir nicht mehr am Leben!" In der Ueberwinterungshütte fand sick) von den letzten Bewohnern, die vor 6 Jahren hier gehaust.hatten, etwas gesalzenes Renntierfleisch und ein Vor
rat von verschimmeltem Reis. So hatten die zwei Verlassenen 5—6 Wochen zu leben. Holz führte der Polarstrom aus Nordsibirien an die Küste heran, sehr zum Glück; denn die Kälte erreichte auch in der Hütte 20 Grad. Am 20. September 1912 schien zum letztenmal die Sonne, und dann begann die furchtbare Polarnacht. Rave traf mittlerweile die Vorbereitungen zum Rückmarsch zum Schift, dessen Erreichung die einzige Retttingsmöglichkeit bot. (5r konstruierte seinem Freunde in genialer Weise einen Stiefel, mit dessen Hilfe sich dieser wieder tzu bewegen vermochte, und am 23. November verließen sie i*e Hütte. Acht und einen halben Tag brauchten sie, um die 65 Kilometer zurückzulegcn. Doch am 1. Dezember erreichten sie glücklich den „Herzog Ernst". Rave operierte dem.Vortragenden, ohne medizinische Vorkenntnisse zu besitzen, die erfrorenen Gliedmaßen und erreichte eine glückliche Heilung. Am ersten Weihnachtstag trafen zu ihrer Ueberraschung der Eislotse Stenerson und ein Matrose auf dem Schift ein und brachten die Unglücksbotschaft, daß ihnen unterwegs der deutsche Maschinist im Schneegestöber abhanden gekommen und ohne Zweifel nicht mehr am Leben sei. Auch der Koch war krank (tuberkulös) und starb am 24. Februar.
Ter März ist in der Arktis der kälteste Monat, deshalb sahen sich die Eingeschlossenen veranlaßt, das Schiff zu verlassen und in das schwedische Stationshaus überzusiedeln. Nachdem Ende Januar die Hilfsexpedition des Leiters vom Observatorium in der Kreuzbai meteorologisch-serologische Station der deuftchcn Zeppelin- luftschift-Expedition), Dr. Kurt Wegner, nach Verlust der gesamten Ausrüstung in der Mosselbai gescheitert war, traf in der Nacht vom 20. zum 21. April die norwegische Hilsscxpe- dition unter Hauptmann Staxrud ein.' Acht Tage später folgte die deutsche Hilfsexpedition' unter Lerner, die die Glanzleistung vollbracht hatte, in 6 Tagen von Tromsoe bis zur Mosselbar vorzudringen und zwar zu Schift, während die Norweger von Süden aus zu Land eintrafen. Die Lernersche Expedition setzte ihre Fahrt fort, um im Nordostland nach Schrödcr-Stranz zu forschen und Dr. Rüdiger und Rave reiften im Gefolge der Norweger auf dem Landwege nach der Adventbai. Ter Engländer Mansfield brachte sie aur seinem Schiff nach Green Harbour, wo sie den „Herzog Ernst" vorfanden, der sie wieder mit dem zu ihnen gestoßenen Kapitän Riftchcr nach Tromsoe zurückbrachtc.
Tr. Rüdiger gibt zu, daß man den Verlust von 8 Menschenleben für eine einzige Expedition vielleicht als zu großen Einsatz anleben könne. So lange aber sich Männer finden, die ideal genug denken, um auch ihr Leben an große Probleme der Wissenschaft zu wagen, werde auch derjenige ein Gefühl der Bewunderung nicht unterdrücken können, der die Bedeutung solcher Seiftungen für die gesamte Menschheit nicht einzusehcn vermöchte. — Ter Vorttag bot eine Musterleistung populär-wissenschaftlicher Tarstcllungsweise und wurde durch eine Reihe wunderbar schöne? Sichtbilder trefflich ergänzt.


