Hl 21
Der Siehener Anzeiger erschein! täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich GietzenerZamilienhIätler, arveunal möchcntl.KteiS; blatt siirdenAreisGiehen
(Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Landwirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech' Anschlüsse: , ™ ™ —-
für die Redaktion 112, IXäP politischen Teil: August
8® General-Anzeiger für Oberhessen MB-
M'Ä^Tagesnununer Rotation§-ruck UN- Verlag -er vrühl'schen Univ.-Vuch- UN- 51ein-ruckerei R. Lange. Redaktion, Erpe-ition UN- vruSerei: Zchnlstratze 7. Land"^E-HeE^für den bis vormittags 9 Uhr. Büdingen: Zernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Beck.
Erstes Blatt 165. Jahrgang Samstag, 1. Abruar 1915
ZK uf MM Beznasvrei ».
'V rw 63 'v monatlich 7513L, viertel-
letzener Anzeiger«
Die heutige Nummer umfaßt 18 Seiten.
politische Wochenschau.
Gieszen, 1. Februar.
Der Zeutruinspolitrker Julius Bachen: spricht im „Tag" 'ion einer „Ernüchteruiu;" in unserer inneren Politik, und er führt -einige Aeußeranffen jungliberuler Führer dafür ins Feld. .Herr Dr. Kauffmann, der erste Vorsitzende des .fieichsverbandes der Vereine der nationalliberalen Jugend, und Herr Rebmann, der jungliberale Fiihrer in Buden, hätten sich über die Unfähigkeit der sozialdemokratischen Politik geäußert, und der „Großblockgedanke" sei im Ab- nehmen begriffen. Und Herr Bachem reibt sich die Hände und meint mit mephistophelischem Lächeln, trotz aller Fehdeansagen gegen die Erbfeinde, zu denen auch das Zentrum gerechnet werde, ständen Arbeitsgemeinschaften zwischen NationaNiberalen, Konservativen und Zentrum in naher Aussicht. Es gibt aber im Zentrum auch noch andere Pfadfinder, die uns voranleuchtcn. Fichren uns die Zentrumssittiche des Herrn Bachen: in „die heiteren Regionen, wo die reinen Formen wohnen", so beweist uns die „Germania", daß der Agregatszustand des Zentrums — es kann kochen und frieren — ganz im Gegenteil spannende Dämpfe entwickelt hat, die, eingedämmt in die Reichstagsknallbüchse, demnächst den ganzer: Herrn v. Bethmann-Hollweg und seine Jesuitenfeindschaft in die Luft sprengen werden. Die beiden Zcntrumsautoritäten fechten, ohne daß sic es wissen, den schönsten Kainpf gegeneinander. Möge Herr Bachem doch von seinem Berliner Parteiblatt — er bevorzugt allerdings seine „Kölnische Volksztg." — sich sagen lassen, daß der blutige Kampf sich nneder erneue, daß die K in d e s -e r b s ch a f t s st e u c r , wie sie von der Re- gierur:g erwöge:: wird, auf politischen Sturm deute: „Eine Neuwahl kann noch vor Pfingsten dem deutschen Volke hevorstehei:. An die Gewehre!" —
Das Zentrum ist in einer bemerkenswert kriegerischen Stimmung, und doch will es, allem Anschein nach dem Reiche die neue Wehrvorlcrgc verkürzen. Seine Rüstung legt es für die Jesuiten an. Als der Bundesrat, an der Spitze.Herr v. Bethmann-Hollw-eg, die Hertlingschen Jesuitenwünsche abwies, da kam dein Zentrum die Offenbarung, ihm auf dem ganzen Schachbrett der Reichspolitik die wies. Rache!, so lautet das Kriegsgeschrei. Die Jrntrumsscele kocht. Bei der Voranschlagsbcratung in: Reichstag verdarb die siedende Zentrumsbrühe der Regierung schon manches Rezept. Und die Spatzen pfeifen es spöttisch von den Dächern, daß die neue Wehrvorlage gerieft werden soll, als sei sie des jetzigen Kanzlers eigener Haarschopf. Herr v. Bethmcmn muß Haare lassen bei all seinen weiteren Unternehmungen. Er wünschte vor ein paar Tagen vom Reichstagsausschuß die Bewilligung der OstmarLenzulage für die Beamten; sie wurde vom Zentrum int Verein mit der Sozialdemokratie gestrichen! Noch wirksamer und 'treffender war der zweite Schlag im Plenum. „Die Zulassung der Enteignung polnischer Gutsbesitzer für die Zwecke der preußischen Änsicdlungskommission durch den-Reichskanzler entspricht nicht der Auffassung des lReichs-- tags." Tie Polen hatten mit Hilfe der Zentrun:sh:tze das Eisen zu schmieden gedacht, und es ist ihnen gelungen. Der Antrag wurde angenommen, und das „nationale" Zentrum marschierte dabei in trauter Uebereinstimmung mit Palen, Sozial dein okraten, Welfen und Elsässern. Wo war denn da der Großblock, Herr Bachem? Die fortschrittliche Volkspartei, auf deren Mitmarsch die Herren um Spahn wohl auch gerechnet hatten, ist diesem Aufzuge in weiser Er
wägung fern geblieben, obwohl sie grundsätzlicher Gegner der Enteignungspolitik ist. Das Enteignungsgesetz ist durch verfassungsmäßigen Beschluß des preußischen Landtags zustande gekommen. Der Reichskanzler hat dabei also nichts „zuzulassen". Das Gesetz besteht seit vier Jahren und ist beschlossen worden, als Herr v. Bethmann noch bescheidener Staatssekretär war. Der Polenantrag im Reichstag war also von vornherein nicht ernst zu nehmen, und die Fortschrittspartei hat demgemäß gehandelt und sich der Stimmen enthalten. Die Wirkung der Abstimmung geht denn auch nach einer anderen Richtung, als das Zentrum sich gedacht hat. Es war lediglich so eine Art Sonntagsprozession in schwarzen und rote:: Gewändern, wobei der Reichstag infolge des Spnrches „Mir san die Mehrere::" den Platz hergcben mußte. Ta an der Zusammensetzung des Reichstags augenblicklich wirklich nichts zu ändern: ist, wird man nicht ohne ein gewisses Vergnügen die viele:: roten und schwarzen Fähnchen einträchtig,beieinander sehe::. Es regt sich niemand darüber auf, höchstens die „Germania", die auch hier wieder vom Leder zieht:
„Was tut nun der Reichskanzler mit diesem Mißtrauensvotum? In parlamentarisch regierten Ländern müßte, er zurücktreten; daß er diese Konsequenz nicht zieht, wissen wir. Andere meinen (?), er antworte mit der Auflösung des Reichstages: er wird sich hüten, sich die Finger zu verbrennen. Wir haben keine Angst und Sorge vor einer Reichstagsauflösung. Ob der Kurs der Polenvolitik geändert wird, steht auch dahin: ob aber eine neue Enteignung vor sich geht, ist doch heute schon sehr zweifelhaft. Das eine steht fest: ein Reichskanzler, der mit Mißtrauenskundgebungen bepackt i st, kann sich ni cht lange halten, wenn er auch noch so hoch in der Gunst des Kaisers steht. Damit läßt sich keine Politik der Erfolge treiben. Die Wirkungen der heutigen Abstimmung werden sich bald zeigen."
Es ist nicht verwunderlich, daß das Wallen und Sieden der Zeutrumsseele außerhalb des schwarzen Turmes von niemand recht ernst genommen wird. Dieselbe Mehrheit, die dem Kanzler das neueste Mißtrauen ausgesprochen hat, kann ja auch das Jesuitengesetz umstoßen. Aber diese anspruchsvolle und hcrschsüchtige Partei will eben die Regierung ins Joch spannen, und da Herr v. Bethmann- Hollweg dabei etwas störrig geworden war, soll ihm das Regieren versauert werden. Die Fortschrittliche Volkspartei hat es daher mit Recht abgelehnt, die Proz-ession mitzumachen. Daß das „Berliner Tagebl." zu einem Loblied auf diese fortschrittliche Taktik sich „nicht ausschwiugen" kann, begreift man; ilxm sind alle Mittel recht, den verhaßten Mann au der Spitze zu stürzen. In anderen forsichrittlichcn Parteiblättern herrscht eine verständigere Auffassung; so schreibt die „Neue Badische Land-eszta." nicht nur die verfassungsrechtlichen Gründe seien entscl>ci- dend, sondern auch die Notwendigkeit, das Machtgefühl des Zentrums nicht unnötig zu steigern. Und die „Münch. Reuest. Nachr." meine:: ganz zutreffend, unbeschadet ihrer Stellungnahme in der Sache selbst, hätte die Volkspartei aus formell-staatsrechtlichen Gründen recht wohl mit den Nationalliberalen gegen den polnischen Antrag stimmen können.
Man sollte annehmen, daß die Konservativen von dem so empfindlich bloßgestellten Zentrum weit abrücken würden Aber es bleibt alles beim alten. In der gestrigen Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses hat der freikonservative Abgeordnete v. Kardorff — dessen unkluge innerpolitische Scharfmacherei nicht den besten Eindruck machte — die Abrechnung mit dem Zentrum vollzogen, während der konservative Redner, v. d. Groeben, mit einem matten Protest gegen die Einmischung des Reichstages sich begnügte. Und die „Sreu^tg." wagt sogar eine gewis e Rechtfertigung
des Zentrums, indem sie schreibt: „Das war höchst bedauerlich und hätte auf jeden Fall vermieden werden lallen. Freilich hat ein solches Mißtrauenvotum bet uns glücklicherweise nicht die „praktische Wirkung wie :n parlamentarisch regierten Ländern. Son st würde da^Zcn- trum sich doch wohl anders besonnen haben.
Daß solche Dinge die Heydebrand-tsiche Taktik nicht gerade popularisieren, liegt auf der Hand, und Herr Bachem hätte in seinem Aussatz „Weitere Anzeichen e:ner Ermich- teruna" auch diese Vorgänge und Anklänge hrnemflechten können. Der Zweck der Bachem'schen Verkündrgungen :st ganz rätselhaft, und seine Prophezeiungen sind so unsinnig wie diejenigen der „Germania". Ob die Zentrumstaktik, die stark nach römischem Ausschank neueren An- 't sch es schmeckt, so weise ist, wie ihre Urheber sich ern-, bilden, wird die Zukunft zeigen.
Die Vorbereitung zu neuen Kämpfen.
Es sind heute nur Anzeichen dafür zu verzeichnen, daß in der Tschataldscha-Ebette tatsächlich in den nächsten Tage:: wi der die Kanone.i do n rn werd n Bon Schritt.n der Großmächte ist bisher nichts bekannt.
Konstantinopel, 30. Jan., 10 Uhr abends. Das Preßbureau veröffentlicht ein Eommunique aus dem Hauptquartier, das besagt: Da die Bulgaren den Waffenstillstand aufkündigten, werden wir die Fei n d- seligkeiten gemäß Artikel 4 des Waffenstillstand v r o to kolls am Montag abend um 7 Uhr wieder beginnen.
Konstantinopel, 3U Jan. Der Chef des Generalstabes Izzet Pascha, der als Generalissimus fungieren soll, ist gestern abend nach dem Hauptquartier in Tschatald- scha abgereist, wohin beträchtliche Mengen M u n: - tion gesandt wurden. Der Großwesir, der gestern abend nach Tschataldscha reisen sollte, verschob die Abreise.
Der inister des Innern richtete an die Provinzial- behörden ein Zirkulartelegramm, in dem er die Aufkündigung des Waffenstillstandes durch die Bulgaren mitteilt und hinzufügt, die Regierung würde das Notwendige tun, nm sowohl die Situation des Landes, als den nationalen Gefühlen Rechnung zu tragen, und drückt die Hoffnung aus, die Bevölkermu, würde den notwendigen Maßregeln zustimmen. Die Behörden werden aufgefordert, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Verbreitung falscher Gerüchte, die eine Aufregung Hervorrufen könnten, nicht zu gestatten.
Tie Depesche, mit der der Oberkommandierende der bulgarischen Armee General Sawow dem Generalissimus der ottomanisch^n Armee Mahmud Schefket Pascha die Kündigung des Waffenstillstandes mitteilte, lautet: Ich teile Eurer Exzellenz mit, daß die Verhandlungen in London abgebrochen sind. Ich habe die Ehre, darauf hinzuweisen, daß die Feindseligkeiten gemäß Artikel 4 des Waffenstillstandsprotokolls vier Tage nach der Ueberreichung der Kündigung, d. h. am nächsten Montag abends 7 Uhr, wieder ausgenommen werden. Mahmud Schefket Pascha antwortete, daß er die Mitteilung zur Kenntnis genom-. men habe.
Saloniki, 31. Jan. Alle hier weitenden bulgarischen Offiziere erhielten Weisung, sich zu anderweitiger Verwendung bereit zu halten, das Militärlazarett der Prinzessin Helene ist nach Epirus verlegt worden. Die Kronprinzessin Sofie richtete auf Levka ein Militärlazarett ein, das von deutschen Aerzten und Schwestern geleitet wird.
Die Eröffn "Ny des (Hörten vahnhsfes der Welt.
Am kommenden Sonntag wird der neue Leipziger Hauptbahnhof seinen Ruhm, der größte Bahnhof der Welt zu fein, an Amerika abtreten und sich damit begnügen, bis auf loeiteres der größte Bahnhof Europas zu fein, denn am Sonntag wird in New Dort der Riesenbau eingeweiht, der künftig als der New Parker Haupt bahn Hof ein Denkmal bildet für das gewaltige Wachstum des amerikanischen Verkehrswesens. Zusammen mit den Kosten des Grundstückes, das eine Fläche von 32 Hektar umfaßt, hat die Anlage alles in allem rund 6 00 Millionen Mark gekostet. Weder die alte noch die neue Welt hat ein ähnlich gewaltiges und zugleich mich wirklich großartiges Gebäude aufzuweisem Der Bahnhof umfaßt zwei Stockwerke; auf dem oberen laufen auf 42 Schienenpaaren die Schnell frügc ein, auf dem unteren auf ebenso viel Schienenpaaren btt* Vorortzüge. Tie mächtige Halle bietet 1043 Eisenbahnwagen eine gedeckte Unterkunft. Tie Anordnungen sind so getroffen, daß die Passagiere von dem Lärm des Eisenbahnbetriebes ferngehalten werden und sich erst dann auf die Bahnsteige begeben, wenn die Züge wirklich einlauf en; bis dahin halten sie sich in den mächtigen Wartehallen aus. .
Es ist nicht häufig, daß sich bei amerikani>chen Riesenbauten die Gewaltigkeit der Abmessungen mit einer harmonischen Schön heitswirkung vermählte, aber bei diesem Bauwerke haben die Architekten Amerikas auch nach ben Auslagen- mchtamerikamscher Kritiker dieses hohe und seltene Ziel erreicht. Der Bau ist fast ausschließlich aus (Stein und Stahl errichtet, und die Architektur wird als klassisch geschildert. Der Hölwpunkt der Raumwirkung wird in der großen Haupthalle, der Wartehalle für die Fahrgäste, erreicht. .Hier wird man an einen riesenhaften Dom erinnert und lauscht crffaunt dem weithin hallenden Echo. Bei der Aufführung der Halleii wurden Botticino-Marmor und Steine verwendet, deren rötlich-braune Färbung einen warmen -ron in das Ganze trägt. Diese Farbenwirkungen erfahren nun noch eine glückliche Steigerung durch die gedämpften Lichtmanen, die durch seck)s große Domfenster ein fallen und dem gewaltigen Raume eine lichte Heiterkeit geben. Vor allem aber ermöglichte die Teckenwölbung eine kunstvolle Abtönung des Lichtzuflufses; man hat das so geschickt ausgeimtzt, daß die Decke m ihrer Beleuchtung den Eindruck eines unermeßlichen Raumes erweckt. Jnmittm dieses weiten Raumes scheint nun ein Bild des Himmels zu schweben. Die Wirkung wird hervorgebrockft durch zwei breite Goldstreifeii, die sich längs der Decke von Osten nach Westen erstrecken und Sternenbilder zwischen fid) .aufnehmen, Sie Streifen versinnbildlichen den Aequotor und die Ekliptik:
und zwischen ihnen gruppieren sich 2500 Sterne von verschiedener Größe Tie größeren unter ihnen, die die Sfernstelliing wiedergeben, werden . . . elektrisch erleuchtet. Man hat mehrere Monate Versuche gemacht, ehe man einen wirklich befriedigenden Weg fand, um diese immerhin gewagte Idee zu verwirklicheii, aber nach dem Urteil der Augenzeugen ist das Ziel überraschend glücklich (?) erreicht worden.
Neben dieser großen mittleren Wartehalle liegt ein geräumiger Wartesaal, dessen Ausstattung das gleiche Baumaterial zeigt, und von hier aus erreicht der Reisende die Umkleidezimmer, große Badeeinrichtungen, Frisierläden und so weiter.
*
— Tas Kölner Museum für ostasiatische K u n st. Tas Kölner Museum für ostasiatische Kunst wird in diesem Frühjahr seine Pforten öffnqn. In zwanzigjähriger Tätigkeit hat Prof. Wolf Fischer dafür die Grundlagen geschasien — vor zwanzig Jahren machte der Gelehrte seine erste Reise nach dem Osten. Es lag der Gedanke nahe, dem neuen Museum eine an ostasiatische Bauten anklingende Gestalt zu geben, aber diese Architektur liefert ja für ein Museum keine geeigneten Vorbilder und es ist außerdem sinnwidrig, in das Bild einer europäischen Stadt ganz fremde Stilelemente hineinzutragen. Die Einrichtung ist ganz schlicht, ohne ausgesprochenen Stil, der Hauptwert ist auf gute Beleuchtung gelegt, sonst soll die Umgebung hinter den ausgestellten Gegenständen gewissermaßen verschwinden. Tie Kunstwerke sollen für sich selbst sprechen. Damit der Besucher einen Begriff von der Ausstattung ostasiatifcher Häuser erhält, sind drei Criginaltäiime ausgestellt. Darunter sind, wie das Orientalische Archw berichtet, besonders hervorzuheben die kostbaren Holztüren, deren Bemalung u. a. eine chinesische Dichterin in ihrem traulichen Studio und zwei Reiter auf ungemein lebensvoll galoppierenden Pferden barftcllt.
— Ein neues Drama von Heinrich Lilienfein. Heinrich Lilienfeins neuestes vieraktiges Drama „Der Tyrann", das am Donnerstag im Kgl. Schauspielhause zu T r e s d e n seine Uraufführung erlebte, errang einen bedeutenden Erfolg, der in den Vorzügen des Stücks begründet ist, die bei der ausgezeichneten Tarstellung in das hellste Licht traten. Periander, der Tyrann von Korinth, hat einst sein über alles geliebtes Weib erwürgt, da er sie der Untreue schuldig hielt, unö den Sohn in der Verbannung erziehen lassen. Lange Fahre hat er die Qualen des Gewissens ertragen, nun sehnt sich sein Herz nach dem zum Jüngling hcrangewachsenen Lykophron. Er läßt ihn kommen und beschließt, ihn mit Aalaja, der. Tochter des angefebenen Bürgers Sosikles, seines Gegners, zu 'erwählen. Der Sohn
aber widerspricht, weil er sich sein Weib selbst gewinnen will. Ta schenkt ihm der Vater höhnend die Sklavin Phrixa. Mit dieser lebt Lykophron in keuscher Zurückhaltung. Seinen Vater sucht er niemals auf, ein unerklärliches Etwas hält ihn davon zurück. Turch Diomedes, den Bruder der Aglaia, trifft er mit dieser wieder zusammen, und da erkennen beide, daß^ sie einander lieben. Aglaia, die Periander haßt, gibt dem Sohne Künde von dem Schicksal seiner Mutter und stellt als Bedingung ihrer Gegenliebe, daß Lykophron ihren Tod räche. Als er dies ihr und den Ihren geschworen, willigt sie in die Vermählung, bei der der Tyrann getötet werden soll. Als aber der Vater dem Sohn, der ihn mit der Mordwaffe erwartet, einen Blick in sein zerrissenes Innere tun läßt, entsinkt der Dolch seiner Hand: er flucht dem Vater und flieht in die Wildnis. Aber hier vollzieht sich in ihm eine seelische Wandlung: als ihn der Vater in dumpfer Verzweiflung auf sucht, glaubt er an dessen Liebe und entsagt Aglaias. Mit Phrixa zieht er in unbekannte Fernen: der Vater hat den Sieg errungen. Es ist ein prächtiges Drama, das uns .Heinrich Lilienfein gegeben, zwar ohne große äußere Handlung, aber mit einer Reihe von packenden seelischen Erlebnissen, weil von feinen psychologischen Beobachtungen und einem großen Wohllaut der Sprache. Zwar denken unb, fühlen die Personen des Stückes, das 600 Jahre v. Ehr. Geb. spielt, genau so wie wir Mi über der Jetztzeit, bas Gefühlsleben ber einzelnen, besonders das Perianders unb Lykophrons ist Höck;st differenziert unb von äußerster Sensibilität, aber dieser Anachronismus fällt nicht auf und stört keineswegs, sondern gib: bem Drama eher noch einen neuen Reiz. Bei glänzeiüwr Aufführung sand das Stück viel Beifall, unb ber Dichter konnte öfter erscheinen.
R. S.
— Gin mittelalterliches Gemälde entdeckt. Aus Frankfurt a. M., 31. Januar, wirb uns geschrieben: Bei ben Erneuerungsbauten der ältesten evangesischen Kirche Frankfurts, ber Weißfrauenkirche, würbe an ber Ostwanb hinter ber Orgel ein großes Wanbbild freigelegt, das burch ben Staub von vier Jahrhunberten völlig beschmutzt unb, unansehnlich geworden war. Durch ein besonderes Verfahren ist es dem hiesigen Maler Veite gelungen, das Gemälde von dem Schmutz zu befreien unb ohne jeden Pinfelstrich in seinen ursprünglichen Farben wieder zu erneuern. Das Bild ist ein Werk des berühmten Wormser Malers Georg Lust, entstammt dem Jahre 1479 und stellt bas jüngste Gericht in außerordentlich realistischer Weise bar. Wie Bezirkskonservator Luth m c r bei einer heute ftattgefunbenen Besichtigung der Kirche mitteilte, gehört das Bud zu den hervorragendsten Dinstlverken des M.ctelalters.


