New $orf, 30. Juli. In Wilh-elmftad au? Cm:acao ist dos Gerücht im Umlauf, daß die Anhänger Castros Coro lBenezucla- eingenommen und den Gouverneur, General Jurado festgenommen haben. Außerdem verlautet, daß Castro gestern in Venezuela gelandet sei. Die hiesigen Blätter melden, daß die Anhänger Castros eine Revolution vorbereitcn.
N e w D o r f, 30. Juli. Nach einem Telegramm aus Washington sind dem Staatsdepartement Gerüchte zugekommen, daß Huerta m wenigen Tagen abdankt. Als wahrscheinlicher Nachsolger wird Delabarra bezeichnet.
Shanghai, 30. Juli. Infolge der Einstellung dos Dienstes der .Handelsdampfer sind die Fremdenniedcrlassungen von einem Mangel an Lebensmitteln bedroht. Die,Konsuln erhoben bei den Admiralen der Flotte der Nordpartci ivegcn des Bombardements in Shanghai energischen Proteft. Möglicherweise wird eine Flottenaktion der internationalen Streitkräfte erfolgen.
Shanghai, 30. Juli- Hierher ist die Nachricht gelangt, daß Nanking sich der Regierung des Nordens wieder unterworfen habe.
Deutsche» Ketd>.
Dakestrand, 30. Juli. Um 8 Uhr morgens wurde zwischen don norwegischen und den deutschen Kriegsschiffen Salut ausgetausckr Um 10 Uhr besuchte König Haakon in deutscher Admiralsuniform den Kaiser auf der „Hohenzollern". Der Kaiser in norwegischer Admi- ralsunisorm erwiderte darauf den Besuch an Bord des Panzerschiffes „Nörge". Das Wetter ist prächtig. Am Fjord herrscht großes Leben.
Sasbach, 30. Juli. Die Beerdigung des Prälaten Dr. Lender ist auf morgen nachmittag 3 Uhr festgesetzt Der Großherzog und die Großherzogin non Baden, der Kultusminister Dr. Böhm, sowie der badische Bundesrats- bevollmüchtigte Geh. Rat Nieser-Berlin sandten in herzlichen Worten gehaltene Beileidstelegramme: desgleichen Erzbischof Dr. Norder und Weihbischof Dr. Knecht-Freiburg.
Vom Kriegsschauplatz.
"7 Belgrad, 30. Juli. Das Serbische,, Vreßbüretru mek- L’cf: Die Serben, die vor Widin cingetroffen sind, haben die E i us ch l i e s; n n g s l i n i e n g e s ch l o s s e n und das Dorf T a - partchif, 3 'Kilometer von der Stadt entfernt, besetzt. Von den serbischen Stellungen aus sah man, daß in Widin eine nxiBC Flagge gehißt war: aber der Feind entschloß sich dennoch, die Stadt bis aufs äußerste zu verteidigen. — Die serbischen Stellungen an der alten Grenze wurden von den Bulgaren angegriffen, ebenso wie in den letzten drei Tagen die serbischen Positionen in der Nähe von Vlassina. Alle Angriffe sind zurück- geschlagen worden. _ , . .. _ ,.r,
Belgrad, 30. Juli. Falls Bulgarien die serbischen Truppen zurückweist, sollen die Serben sofort zum allgemeinen Angriff g'egen sämtliche 5 bulgarische Armeekorps übergehen. ?\n jedem Falle werde Serbien, wie es nach Aeußerungen des serbischen Generalstabschefs weiter heißt, das billgarische Gebiet zwischen Tomik und Lom fordern.
Saloniki, 30. Juli. Von allen Seiten wird bestätigt, daß die Kämpfe um den Besitz von D s ch u m a ja - Balas sehr verlustreich waren. Die Bulgaren »vehrten sich in den vorzüglich gewählten Stellungen ganz erbittert. Sie ziehen sich letzt in der Richtung auf Dubnitza zurück.
Tie Mächte und die türkischen Ansprüche.
Konstantinopel, 30. Juli. Der Thronfolger und Prinz Zia E ddin sind gestern vormittag in Adria- nopel eingetroffen, vom Mali, den Zivil- und Militärbehörden, sowie den geistlichen -Oberhäuptern und den No- tabeln empfangen. Tie Truppen erwiesen Ehrenbezeugung gen. Tie Bevölkerung bereitete den Prinzen einen begeisterten Empfang. Ter Thronfolger hielt eine Rede, in der er sagte: „Es war schmerzlich für uns, Adrianopel, die zweite Hauptstadt des Reiche-.-, die von meinem Ahnherrn erobert worden war, in den Händen des Feindes zu sehen. Ich danke Gott, daß die Stadt durch den Mut unserer Armee wieder erobert worden ist." — Am Nachmittag fand unter dem Vorsitz des Mufti eine Versammlung statt, die dem Wunsche der Bevöllerung Ausdruck verlieh, daß Adrianopel der Türkei verbleibe. - Der Thronfolger hat an den Sultan telegraphiert: „Es ist unmöglich die Freude der Ottomanen Ädrianopels zu beschreiben, daß sie die Heilige Stadt gerettet und dem Feinde wieder abgenommen haben!"
Petersburg, 30. Juli. Laut Mitteilung der „Nowoje Wremja" aus diplomatischer Quelle sollen das Berliner ime das Wiener Kabinett den ferneren Aufenthalt der Türken in Adrianvvel für unmöglich halten. Rußland frohe gegen ,ötic Auffassung Deutschlands betreffs Abänderung der Grenze Enos-Midia feinen Einspruch erhoben.
Wien, 30. Juli. Zwischen De ft erreich und Rußland soll ein weitgehendes Einvernehmen ungebahnt sein. Oeiter- reich dürfte einer etwaigen Einzelaktion Rußlands wegen Adrianopel nicht entgegentreten. In der Kavalle Frage dürften beide Mächte kongruente Wnfti)annn$en vertreten. Eine serbische Annektion W i d d i n s loerocn beide nicht zugeben. Tas Bombardement WikLins mißbilligen beide entschieden.
Paris, 30. Juli. Nach einer Petersburger Meldung würde die russische Diplomatie geneigt sein zu einer Grenzberichtigung oder zu Begünstig ungen der kleinasiq tischen Reformen, falls die Türkei Adrianopel ausgibt. Für ein in ili- tärischeS Vorgehen Rumäniens in der Adrianopel- Frage soll dieses die T o b r u t s ch a als Entschädigung erhalten. Ter beste Ausweg wäre die Neubildung des Balkanbundes mit Rumänien an der Spitze, um die Türkei zur Respektierung des Londoner Berttags zu zwingen.
Konstantinopel, 30. Juli. Der Gro hwe s i r i|t, wie aus seiner Umgebung versichert wird, über den Gang der Ereignisse traft Lov. Ter türkische Vormarsch in altbulgarisches Gebiet geschah nicht im Einverständnis mit der Pforte, die anfcheinend alle Macht über die Armee verloren, hat. Ein B e-f e h l zur Räumung Thraziens würde von der Armee nicht befolgt werden. Ein Nackigeben der Re gienmg würde wahrscheinlich den Sturz des Komitees zur Folge haben und Nur Militärdiktatur führen.
London, 30. Juli. Im Unterhause erklärte Parla- mentsuntersefretär Acland, daß die Frage der Wieder- eroberung Thraziens durch die Türken von allen Re ächten in Erwägung gezogen toerde. Die englische Regierung schlage keine Sondei-akti-on vor, aber die türkische Regierung sei im Anschluß an den Einfall der türfiftfren Truppen in .Bulgarien gewarnt worden, da England sie nicht vor den Folgen schützen könne, die sicki aus dem gewaltsamen Vorgehen unmittelbar für sie ergeben würden.
Bukarest, 30. Juli Der türkische Gesandte überreichte in seiner gesttigen Audienz dem König die Antwort des Sultans aus die letzte Depesche König Carols. Der Sultan sucht darin nachzuweisen, daß der Besitz Ädrianopels für den Schutz Konstantinopels und der Dardanellen notwendig sei. <
Konstantinopel, 30. Juli Die in Athen stattfindenden Verhandlungen wegen der W i e d e r a u f n a h m e der diplo- malischen Beziehungen stehen vor dem Abschluß. Der Rechtsbeistand des Ministeriums des Aeustern, Reschid Den, begibt sich morgen nach Athen, um mit Galib Kemal die Akte betreffend die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland zu unterzeichnen.
Verschiedene Meldungen.
Wien, 30. Juli. Aus bester Quelle wird berichtet, daß die Londoner B o t s ch a f t e r k o n f e r e n z sich dahin geeinigt hat: Albanien wird unabltziilgiges Fürstentum, dessen Fürst in längstens 6 Monaten zu wählen ist. Serbien erhält einen Zugang zur Adria. — Serbien und Montenegro werden erneut zur Räumung Albaniens aufgefordert. Ferner wurde die M i n o r i t ä t s f r a g e in den von Serbien und Montenegro eroberten ehemaligen albanesisckien Gebieten, besonders die Garantie der Freiheit b cd katholischen mohammedanischen Kultus geregelt. Bettefss der Südabgrenzung Albaniens steht fest, daß Kap StiloS und Koritza albanesisch bleiben.
Berlin, 30. Juli Ans der hiesigen Botschaft wird die Btt- grader Meldung, daß Schükri Pascha an Cholera geftor* b en sei, b ezweifelt, da bisher nichts von dem Auftreten der Cholera in Philippopel, wo der Verteidiger Ädrianopels gefangen sitzt, bekannt geworden ist.
Ausland.
Paris, 31. Juli. K a mmer und Senat haben sich in ekncr bis 1'.- Ubr nachte dauernden Sitzung über das Budget für 1913 geeinigt, dessen Erledigung nunmehr mit einer Verspätung von sieben Monaten erfolgt. — Die .'iamnter nahm den Gesetzentwurf über die Amnestie in her Fassung des Senats an.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 31. Juli 1913.
Eß- und HleidertorHeitcn bei Schulkindern.
Viele Mütter glauben, ihren Kindern etwas Gutes anzutun, tue tut sie deren Frühstücksbrot mit Braten, gekochtem Ei, mit Schinken oder Wurst belegen. Sie meinen, diese Kost kräftige die Stinbcr, besonders die kleinen, schwachen und blutarmen. Aber die Mütter tun damit das Verkehrteste, denn Kindern ift nur gedient mit einer möglichst reizlosen und nährsalzreicken Kott. Nicht Fleisch und Eier sind das richtige, zum Frül)>tücksbrot unserer Schulkinder, sondern ein paar Aepfel oder Birnen, ein paar Feigen, Bananen oder Nußkerne oder ein Glas Much, das jetzt in vielen Schulen für ein paar Pfennige zum Frühitück verlauft wird. Und will die Mutter noch etwas ganz Besonderes tun, so mag sie höchstens die Butter etwas dicker stteichen als sonlt. Früchte und Nüsse „kräftigen" das Kind weit mehr als die eityctu reiche Fleischzugabe, sie enthalten vor allem die für die richtige Blutmiichung, fürs törperliche und geistige Wohlbefinden für Nerven- und Gehirnarbeit so nötigen Mineralien. Nahezu ideal in dieser Beziehung war die (Ernäbrimg der früheren Torftugcick>; vor Schulbeginn gab es eine Milch- oder Mehlsuppe, für die Frühstü^pause eine derbe Schwarzbrotschnitte, mit L-uan, Pftau menmus, Honig, Sirup oder Leinöl, mit Schnittlauch, Schafgarbe oder Brunnenkresse. Auch Radieschen, Möhren und Stoppelrüben, Aepfel, Nüsse und Backpflaumen waren, je nach der Jahresz-ett, bei den Buben und Mädeln sehr beliebt.
Kleidertorheiten finden wir fast nur bei den Ncädchen. Zwar ist das enge Strumpfband, das den Blutumlauf erschwerte, glücklicherweise verschwunden: auch die Zimpelfransen utid die hohen „Frisuren", die den Zwölf- bis Vierzehnjährigen das Aussehen von frühreifen Achtzehnjährigen gaben, sieht man immer seltener An ihre Stelle ist wieder der langgetragene oder rund um den Kovs gelegte Zopf getreten, der den Mädchen den Ausdruck des Natürlichen, kindlich Schlichten, Frischen bewahrt. Aber das enge Schnürleibck-en, das die Entwi-.llung wichtiger innerer Organe unheilvoll unterbindet, und der spitze Stöckelschuh, der den Gang, das Wachstum und die natürliche Schönhett des Fußes beeinträchtigt, werden freute noch nicht bloß geduldet, sondern von einzelnen Müttern sogar gefördert.
Auch sonst sind manche unserer Schulmädchen, betonders aus dem wohlhabenden Mittelstände, schon recht damenhaft "eitel. So treiben schon ganz kleine Krabben einen bedenklichen Luxus mit Haarschleifen, und die Zumutung, für die Schule eine Schürze umzubinden, empfinden sie beinahe als Beleidigung. Selbst recht natürliche und von Haus aus schlicht erzogene Mädchen machen zuletzt solchen Unfinn mit, weil sie sonst von den anderen eitlen Dingern nicht für voll angesehen werden. Zu Hause gibt's nicht selten Zank und Tränen, weil die Kleine unbedingt auch breite Atlashaarschleifen und Glanzlederhandschuhe haben und zweiter statt dritter Klasse aus dem Vorort fr irr Stadt in die Schule fahren muß wie diese oder jene Freundin, die es vielleicht am allerwenigsten nötig hätte. Und zum Kränzchen bloß Schokolade, Zwieback und Stteuselkuchen nrie früher? Nein, so sehr darf das höhere Töchterchen sich und die Familie nicht bloßstellen? Bei Marti Madeleine Lehmann gab's feine Torten, teures Konfekt und Erdbeeren mit Schlagsahne, und zum Abendbrot wurden Delikateßbrötck.m, Fleischpastete und Ananasbowle frerumgereicht. Tann wurden die dreizehnjährigen jungen Samen noch im Auto nach Hause gefahren.
Und weil's nun heutzutage einmal so ist, Weil das gebildete höhere Töchterchen nicht todunglücklich gemacht werden darf, macht manche Mutter diese Moden mit und zwackt seufzend ein paar Mark mehr vom Wirtschaftsgelde ab. Und das muß sie auch noch heimlich tun, denn der Vater hat meist so gar kein Verständnis für die damenhaften Bedürfnisse solch kleiner, dummer Mädel und würde bestimmt mit einem derben Wörtlein dazwischen fahren, erführe er etwas von diesem kostspieligen Unsinn. Auch wir brauchten derartige „Kultur"-Erscheinungen, die auf Den ersten Blick mehr komisch als tragisch wirken, nicht weiter ernst, zu nehmen, wenn uns nicht der Gedanke ftörte, daß aus diesen Mädchen einmal Frauen und Mütter werden sollen. M. Brettfeld.
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** Tag eskalender für Donnerstag, den 31. Juli: Militärkonzert (Walzerabend) abends 8*/t Uhr in Steins Garten, *
•• Landesuniversität. Prof. Körte wurde freute vom Großherzog zum Nektor der Landesuniversität ernannt.
** Schulangelegenheiten. Erledigt sind: In Offenbach sind 11 Schulstellen zu besetzen; 3 sollen evangelischen Lehrern, 3 evangelischen Lehrerinnen, 4 katholischen Lehrern und eine soll einer katholischen Lehrerin übertragen werden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende vierte Lehrerstelle zu König i. O. Eine mit einem. evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle zu Nied er - Jngelhe im. Einem Bewerber, der die er- weiterte Prüfung abgelegt hat, könnten die Funktionen eines Hauptlehrers übertragen werden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle zu Metzlos- Gehaag. Die Stelle ist mit Kantordienst verbunden und hat Ortszulage.
** Oberhess. Museum und Gailsche Lamm- tungen. Die Mteilung der Sammlung für Vorgeschichte lat durch Schenkung und Ankauf eine wesentliche Bereicherung erfahren. Aus der älteren Steinzeit, der paläolithi- scheu Kultur, ist eine lehrreiche Sammlung aus den Höhlen des Pözöres Tals in der Dsrdogne erworben worden. Ans dieser Zeil stammen die ersten durch den Menschen angefer- tibten Steinwerkzeuge, und es ist interessant zu beobachten, wie die zugeschlagenen Gegenstände sich in den verschiedenen Perioden ändern. Bei Eberstadt iKr. Gießen) wurde ein unberührtes bronzezeitliches (tyrab aufgedeckt, welches außer einer OKnoandnadel acht verschiedene Gefäße enthielt, die aus flachen Stainen standen und mit eben solchen Steinen bedeckt nxiren. Auf dem „Trieb" wurde zu Anfang Juli ein gallisches Skelettgrab freigelegtz. Unter einem mächtigen Steinlager ruhte der Tote in einer ovalen Steinkiste. Das Skelett war ziemlich gut erhalten. Gürtel- haken, Schwertaefrängring und ein Eisennagel waren die einzigen Beigaben, die sich vorfanden Auch hier zeigten sich, wie bei den beiden Gräbern, die unweit davon 1908 aufgedeckt wurden, 3tcinc mit eingeritzten Zeichen, deren KedeuMng noch nicht feftftcfrt. An dem Wege von Leih-
gestern nach Steinberg in einer Sandgrube fihirbe am 28. Juli ein bronäezeittiches Skelettgvab einer Frau aufgedeckt. Zwei schöne massive Arniringi' mit Außenverzierung sowie ein großer gmimbcncr Halsring mit knopp- artigem Verschluß wurden dem Boden entnommen. Der Besitzer der Sandgrube, Herr Karl Gibb in Leiligestern, schenkte hochherzig die Funde dem Museum, wofür ihm auch an dieser Stelle bestens gedankt wird. Der Besuch des Museums wächst in erfreulicher Weise uno zeigt die Wertschätzung, der sich diese Bildungsanstalt bei der Bevölkerung erfreut.
** Im hiesigen Vö 1 kermuseum ist nunmehr eine Sammlung von Gegenständen sü da meri kant sch er Indianer zur Aufstellung gekommen, die kürzlich von Pros. Dr. Koch-Grünberg dem Museum geschenkt worden ist. Tie interessanten und zum Teil sehr wertvollen Objekte stammen aus dem Gebiete des Rio Braneo, Urari- euera, Merevarl, Ventuari, J^äna und Banaverp von Jn- dianerstämmen mit teilweise noch ganz ursprünglicher Kultur. Prof. Tr. Koch-Grünberg ist es auf seiner zweijährigen an Mühsal aber auch an wissenschastlichen Ergebnissen recht reichen Reise gelungen, ein größtenteils unbekanntes über 6 Längengrade sich erstreckendes Gebiet wissenschaftlich zu erschließen. Die -m hiesigen Völkermuseum aufgestellten Gegenstände zeigen uns die materielle KNltur der Ma tusch!-, Yeluanä-, Wapischäna-, Taulipang-, Schirianä-, Baniwa- und Uamirl-Jndiamw. Vor allem fallen die primitiven Waffen aus in Gestatt riesiger Bogen und Pfeile nut Knochen- oder Bambusspitzen, die bei Jagd und Fischfang Verwendung finden. Taneben sehen wir zwei 2 resp. 3 m lange Blasrohre, die Hauptjagdwaffe für Vögel und kleinere Vierfüßler, besonders solche, die sich auf Bäumen aufhalten. In zwei korbartig geflochtenen Köchern befinden sich die dünnen hölzernen Blasrohrpfeilchen, deren Spitzen mit dem berüchtigten Eurare-Gift bestrichen sind. Zum Fischfänge bienen Netze, Reusen und Körbe, die über die Fische gesttllpt werden. Von Gegenständen zur Verarbeitung des Manihots, der wichtigsten Kulturpflanze der brasilia-« nischen Indianer, sind große hölzerne Reibebretter ausgestellt, auf deren Oberseite eine Menge kleiner Steinsplitter eingefügt sind, außerdem zwei geflochtene Siebe. Durch Reiben auf den Brettern wird aus der Knolle des Manihot das Mandiocamehl hergestellt, welches nach Entfernung der darin enthaltenen Blausäure von den Indianern zum Backen der Beijü-Kuchen verwandt wird. Die Jndusttie dieser Indianer beschränkt sich auf das Flechten und Knüpfen von Körben, Matten und anderen Gegenständen, von denen die Sammlung eine gan,;e Reihe, zum Teil mit Mäandermustern verziert, aufweist. Besonders schön wirken die aus Baumwolle geknupfteu Perlenschurzchen der Frauen. Unter den Schmuckgegenständen fällt vor allem der Federschmuck auf, den die Männer beim Tanze auf dem Kopfe tragen. Daneben sehen mir Ketten und Bänder, reichlich behangen mit Perlen, Tierzähnen, Fruchtschalen, Hirschklaucn und Baumwoltentroddeln. Einige Musitinstrumcnte in Gestalt langer Tuten, kleiner Flöten und Rasseln vervollständigen die Sammlung, die in ihrer Auswahl ein recht gutes Bild gibt von der primitiven Änltnr dieser Jndianerstämme. Tie Sammlung wird von Sonntag, 3. August, 11—1 Uhr an, im Museum zugänglich sein.
** Die Negimentskapelle veranstaltet heute abend in Steins Garten ein Konzert, zu dem ein unterhaltender Spielplan aufgestellt worden ist. Der Abend wird nur Walzermelodien bringen.
** Wo i ft Cole11i? So lautet der Titel eines von Frawz von S ch ö n t fr a u verfaßten Filmschwankes, der gestern abend im Lichtspielhaus zum erstenmal vorgeführt wurde und ftün- mische Heiterkeit frervorrief. Wie in fernen anderen Schwänken arbeitet Schöitthau auch frier mit viel Unwahrscheinlichkeiten, aber das ganze ist so außerordentlich heiter, daß man sich aufs beste unterhält. Coletti ist ein Detekttv, der 100 000 Mk. für den airSsetzl, der ihn innerhalb von 48 Stunden ergreift — und nun beginnt eine tolle Jagd hinter dem Gesuchten, der bald als Sttaßenkehrer, bald als Luftschisskellner, dann als Schließkorbiuhalt und zuletzt gar als Dame erscheint, um schließlich durch die Hilfe eines über die Maßen Rüge« Polizeihundes entdeckt zu werden allerdings fünf Minuten zu spät. Aut;er allerlei höchst luftigen Szenen wird ein Aufstieg des Luftschiffes Hansa vorgeführt, ein Zeitungsbetrieb usw., die großes Interesse verdienen. Tic nahezu zweistündige Vorführung, die von guter Musik kHlafier, Harmonium, Violine begleitet war, hatte einen sehr starken Heiterkeitserfolg.
Obst- und Garten bau verein. Der Obst- und Gartenbauverein für Gießen und Umgegend unternimmt nächsten Sonntag einen Außftug nach Rod heim o.d. Bieber, wo die Pflanzungen deS Kommerzienrat Dr. Gail besichtigt werden. Obergärtner MengeS wird die Führung übernehmen.
*• Preußische Klassenlotterie. Tie Erneuerung der Lose zur 2. Klasse der 229. Lotterie muß mit Vorlegung der Lose 1. Klasse spälestens bis zum 4. August abends 6 11 frv geschehen sein. Auch müssen die Freilose zur 2. Klasse gegen Rückgabe der Gewinnlose 1.Klasse bis zum vorerwähnten Termine cingeiorbert sein.
** Reichsmünzenprägung. Tie Berliner Münze hat jetzt Zwanzigmarkstücke in Arbeit mit bem Bilbnis bes Kaisers in Uniform, von benen täglich etwa für li/2 Millionen Mark fertig werden. Bon diesen Toppcl- Ironen ist ein Teil schon in ben Verkehr gebracht. Ferner werden in diesem Jahre noch für 20 Millionen Fünsmart-, stücke von den Münzstätten iin Reich geprägt, von denen 54 Proz. auf die Berliner Münze entfallen. Die in Berlin geprägten Stücke er hatten, abgesehen von 10 000 Stück, ine für Lübeck bereits geprägt wurden, ebenfalls auf der Vorderseite das Brustbild des Kaisers, wie er auf den Jubiläumsmünzen dargestellt ist, nur daß der Eichenzweig in Fortfall kommt. Ferner prägt Berlin noch 1913 Dreimarkstücke mit dem neuen Kaiserbild. Erst für 1914 sind weitere Prägungen in Kronen und Zweimarkstücken mit dem Kaiser in Uniform in Aussicht genommen. Von der vom Bundesrat rur Prägung genehmigten Anzahl 25-Pfg ' Stücken in Nickel sind noch für 2 Millionen Mark ---- acht Millionen Stück rückständig. Der Reichskanzler hat angeordnet, daß die weitere Ausprägung dieser Geldsorte unterbleiben soll.
Landkreis Gießen.
’2£ L i ch, 30. Juli. Die verkehrsreichste Straße unserer Stadt, die Bahnhofsstraße, ist vom Schloßgarten bis zum Bahnubergana an der Jhrtttgschen Brauerei mit Kleinpflaster versehen worden Einen Teil der Kosten trägt die Stadt, den anderen Teil der Kreis.
O Li ch, 29. Juli. Auf die gestrigen Nebel stellte sich freute außergewöhnlich klares Wetter ein. Die Berge des Vogelsberges und Tcumusgebirges waren daher so deutlich und sck>arf unrriffen zü sehen, wie das nur an ganz wenigen Tagen des Jahres der Fall ift.
Kreis Alsfeld.
(-) Renzendorf, 29. Juli. Den Bahnübergang zwischen hier und Mtenburg wollte ein Landwirt mit seinem Fuhrwerk passieren und befand sich gerade mitten ans dem Bahngeleise, als von dem nächsten Bahnwärterhaus aus die Ährcmlen geschtt>ssen wurden. Der Fuhrmann konnte


