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22.1.1913 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

163. Jahrgang

Nr. 18

Eichener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Eeneral-Anzeiger für Gberheffen

DieKiehener Zamiliendlätler" werden dem ,Anzeiger' ötermal wöchentlich beigelegt, da? KreisDIatt fflt den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Mittwoch, 22. Januar 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläts - Buch- und Steindruckeren R. Lange, Giesen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:S^112. Tel.-Adr.: AnzeigerG»eßen.

Der preutzentag der fortschrittlichen Dolfsparki.

Heber die Frage der Wahltaktik entspann sich in der Sitzung des Preußentages der Fortschrittlichen Volks­partei am Montag eine lebhafte Aussprache, in der die Beziehungen zu den anderen Parteien eingehend besprochen wurden und zu wiederholten Malen die Auffassung zum Ausdruck Enni, daß angesichts des schweren bevorstehenden Kampfes Einmütigkeit der Parteien geboten sei. Tic meisten Redner traten für' die Entschließung Fischbeck ein. Diese lautet:

Ter preußische Delegierte:: tag der Fortschrittlichen Volks­partei spricht sich für ein möglichst einmütiges Zusammen gehen der Liberalen bei den bevorstehenden Landtags­wahlen aus. Er billigt die bisher in dieser Richtung gc trofsenen Abmachungen mit der nationalliberalen Partei und ersucht die Parteileitung, auch weiterhin im Ein­vernehmen mit den Bezirks- imb Wahlireisorgawsatonen auf eine gleiche Verständigung in möglichst vielen anderen Wahlkreisen hinzuwirken.

Ter Telegiertentag fordert die Parteigenossen aus, unver­züglich in die Wahlbewegung einzutretcn und die Rüstung für den Wahltampf mit allen: Nachdruck zu betreiben. Soweit wahltaktische Abmachungen mit den Nationalliberalen oder besondere Vereinbarungen der deutschen Parteien in gemischt­sprachigen Landesteilen nicht getroffen sind, werden die Partei­genossen ersucht, selbständig die Wahlarbeit aufzunehmen und energisch auf die Wahl fortschrittlicher Wahlmänner und fort­schrittlicher Abgeordneter hinzuwirken."

Abg. Dr. Wremer gab im Schlußwort der Genug­tuung Ausdruck über das starke Gefühl der Verantwortung, das sich bei allen Rednern gezeigt habe. Die Entschließung Fischbeck gäbe klare Richtlinien für die taktische Haltung der Partei, sie sei zur einmütigen Annahme zu empfehlen. Abg. Fischbeck wies in seiner Schlußansprache auf den bisherigen Verlauf der Verhandlungen mit den National- liberalen hin und betonte, daß die Entschließung klare und freie Bahn schaffe und bei allen Stellen, die es an­gehe, verstanden werden würde. Nachdem eine andere Entschließung zurückgezogen war, wurde die Entschlie­ßung Fischbeck unter stürmischemBeifall ein- stimmig angenommen.

UeberDie Wahlrechtsreform" berichtete Abg. Dr. Pachnicke. Er legte folgende Entschließung vor, die ohne Aussprache einstimmig angenommen wurde:

Der Parteitag der Fortschrittlichen" Volkspartei fordert die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen, Iveil nur dadurch die Einheitlichkeit der Politik in Preußen und iml Reich gesichert, die Gleichberechtigung sämtlicher Erwerbsstände durchgesetzt und ein allgemeiner politischer und wirtschaftlicher Fort>chritt erhielt wird. Von der Partei im Lande wie ihrer Vertretung im Parlament erwartet der Parteitag, daß sie für dieses Hauptziel der Wahlbewegung, zu welchem der Weg durch die Anträge der preußischen .Landtagsfraktion bezeichnet ist, auch künftig alle Kräfte einsetzt."

Aus den Reid]$tagsausfi)üffcn.

:: Berlin, >21. Ian.

Die Wohnungsrrform im Rüche.

Im Budget-Ausschuß des Reichstags wurde heute die hochwichtige Frage bet, Wohnungsreform und eines Reichswohnungsgesetzes verhandelt. Die Aussprache wurde noch nicht zu Ende geführt. Es handelt sich in der Haupt­sache um den Kleinw.^hirungsbau. Im Voranschlag werden, wie schon seit einer Reihe von Jahren, in der Regel 4 Millionen als Darlehen des Reicyes angesordert. Ein Antrag des Abg. M u m m will die Summe angemessen erhöhen, der Zentrums­abgeordnete Jäger will es lieber bei 4 Millionen belassen, statt dessen aber einen Betrag einstellen für Bürgschaft des Reiches für zweite Hypotheken, nach dem bekannten österreichischen Muster. Das Reich habe bis jetzt 40 Millionen Darlehen für Wohnungs- bauten gegeben, ohne dabei nennensnxwte Verluste zu erleiden. Die Jnvalidenversicherungsanstalten haben über 300 Millionen in Darlehen auf Bauten verwendet, ebenfalls ohne irgend einen nennenswerten Schaden. Erfahrungen seien also zur Genüge ge­sammelt und es handle sich nur um geringe Fonds für die Bürgschaft; es genügen zunächst 100000 Mark ein- zuftellen. Ministerialdirektor Lewald erklärt, daß die Reichs-

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Verwaltung bereits ähnliches erwogen habe. Der. Staatssekretär des Innern habe bereits beim Reichsschatzamt Geld für derartige Hypotheken mit langjähriger Frist angesordert. Es ergaben sich aber gewisse Schwierigkeiten, Summen in den Voranschlag emzu- setzen. Tie Voraussetzung dafür müsse dann ein neues Gesetz sein, nur das ermögliche es. Tie Verhandlungen schweben noch darüber, ob man in solcher Weise Vorgehen könne. Abg. M u m m beantragt wie im Jahre 1904 den Betrag zur Förderung des Kleinwohnungsbaus auf 5 Millionen zu erhöhen. 5) i e Sozialdemokraten unterstützen die Anregung Jägers. Ter Fonds dürfte aber nicht nur den Beamtenbangenossenschasten allein zugute kommen, sondern auch weiteren Kreisen. Könne man einen solchen Fonds nicht schon jetzt bekommen, so sei das traurig. Ein Gesetz, wie es als Voraussetzung vom Regierungsvertreter eben gefordert worden ist, könnte bald geschafft werden, da das Gebiet begrenzt ist und Vorarbeiten in Oesterreich vorliegen. Der Redner fragt, was die Reichsrcgierung auf dem Gebiete der Wohnungsgesetzgebung zu tun gedenke, nachdem int Woh­nungsausschuß des Reichstages im Dezember schon erklärt wor­den sei, daß entscheidende Beschlüsse unmittelbar b e v o r st ä n d e n.

Die Erklärung des Staatssekretärs.

Bundesstaat abzuschieben. Was Preußen betreffe, so erkläre er und könne das eine versprechen: wenn Preußen nicht bts zum Herbst dieses Jahres einen Wohnungsge­setz c n t w n r f v o r l e g t, we rde er si ch dafür ein setz en, daß das Reich einen Gesetzentwurf vorbereitet. Eine Bürgschaft für Wohnungsbauten über den bisher gezogenen Rahmen hin­aus durch das Reich halte er aber allerdings für ungangbar und unzweckmäßig. Wenn das Reich für die Wohnungen seiner Ar­beiter und gering besoldeten Beamten sorge, so sei das' eine selbstverständliche Pflicht, aber im übrigen müsse die Durchführung unbedingt den Kommunen verbleiben. Tie müßten die Woh­nungsreform insoweit durchführen, daß die Menge der Vrivat- barrunternehimer gezwungen sei, nachzukommen. . Die Kommunen müßten einen Standard schaffen, mehr freilich nicht. Wir können von Reichs wegen nur die Unterlagen für eine bessere und zweck­mäßigere Kreditgewährung schaffen. Tie Durchführung im ein­zelnen müssen wir den Gemeinden überlassen, die die Dinge viel besser beurteilen können. Eine Konferenz, wie sie getoünfdn werde, stehe bereits bevor; das Reichsversicherungsamt will noch in diesem Vierteljahr mit Vertretern der Versicherungsaustaltev über die angeregte Frage verhandeln.

Tie Beratung wird morgen fortgesetzt.

Sfaatsfdre ar a. D. v. Hollmann t-

Der frühere Staatssekretär des Reichsmarineamts Ad

Gebiete der Wohnungsreform

gesetzlich vorzugehen

tun könne.

mir so wertvollen Freundschaft/

Hierauf gab Staatssekretär Dr. Delbrück fol­gende Erklärung al>: er bleibe aus seinem früheren Stand­

punkt, daß die Wohnungsgesetzgebung den Bundesstaaten Vorbe­halten bleiben solle. Inzwischen hätten auf Anfrage des Reiches

wie das im einzelnen geschehen solle: er hoffe aber, bis zum Herbst die Grundlagen dafür vorlegen zu können.

Ter Zentrumsführer der christlichen Arbeiter erklärt, er habe bereits in Frankfurt auf der Wohnungskonferenz den Anregungen seines Fraktionsgenossen Tr. Jäger bestimmte Bedenken entgegengestellt. Es sei schon schwer, im Rahmen einer Provinz die Beleihung einer Baugenossenschaft gewissenhaft durch- zuführcn. Tie Sachen lassen sich nicht ohne 'Kontrolle der Einzel­staaten durchführen, die dabei fiiranziell interessiert werden müssen. Am allerbesten wäre es, die Versicherungsanstalten könnten sich für die Kreditgewährung einsetzen. Aber auch die Gemeindet: müssen ihre Schuldigkeit tut:. Ta fehle es nicht so sehr an Mitteln, sondern an Einsicht und gutem Willen. In Düsseldorf habe beispielsweise der neue Oberbürgermeister die Bürgschaft für die Baugelder der Landesversick-erungsanstalt durch­gedrückt. Nachher l>abe man aber erkannt, daß man, wenn man einmal die Bürgschaft übernehme, auch die Gelder selbst gleich hergeben könne, um dadurch Einstuß auf die Bauweise zu ge­winnen. So kmbe die Stadt Düsseldorf 20 Millionen Mk. aus­genommen, und die Versicherttngsanstalt werde nur noch ein Drittel ihrer früheren Summe mit herzuleihen brauchen, und es sei viel Vorbildliches geschaffen. Man sollte im Reichsamt des Innern eine Konferenz mit sachverständigen Ver­tretern der V e r s i ch e r u n g s a n st a l t e n abh.ilteu, um ihre Ansichtei: über die Schaffung und die Ausgabe eines Delkredere­fonds zu hören. Jedenfalls dürsten die Gelder nicht den Bauge­nossenschaftei: allein zugute kommen, denn Baugenossenschaften seien nur so lange tüchtig, als sie tüchtig verwaltet 1 Derben.

Ein sozialdemokratisches Aussckmßmitglied erklärt, daß die Eröffnungen des Staatssekretärs traurige Aussichten für die Reichswohnungsreform bieten. Man schiebe die Ausführung den Bundesstaaten zu. Demgegenüber müsse doch überlegt werdet:, ob nicht durch ein Rahmengesetz noch in dieser Session eine Einwirkung auf die Bundesstaaten aus­geübt werden kann.

* Hierauf nahm Staatssekretär Dr. Delbrück noch einmal zu einer Erklärung das Wort: Es habe ihm völlig fern- gelegen, die Wohnungsgesetzgebung aus Preußen oder einen anderen

Dos neue Kabi eit vriand.

Paris, 21. Jan. Das neue Kabinett tvvr heute endgültig gebildet: Vorsitz und Inneres: Briand; Aus­wärtiges: Sonnart; Arbeit und soziale Fürsorge: Rene Besnard; Handel: Guisthau; Landwirtschaft: Fernand David; Kolonie: Jean Morel; Marine: Baudin^ Krieg: Etienne; Unterricht: Steeg; Justiz: Barthou; Finanzen: Klotz; öffentliche Arbeiten: Jean Dupuy.

Der Minister des Auswärtigen, Jonnart ist auf diplomatischem Gebiet ein Neuling, dagegen soll er ein kenntnisreicher Kolonialpolitiker sein. Er war in den neunziger Jahren im Kabinett Parier Minister der öffent­lichen Arbeiten; später lange Jahre Generalgouverneur von Algier. Die übrigen neuen Minister, mit Ausnahme von Etienne, der schon im Kabinett Sarrien Kriegsminister war, haben bisher weniger von sich reden gemacht. Es wird sich zeigen, ob Briand nun seine Politik des Aus­gleichs der republikanischen Gegensätze mit Erfolg zu Ende führen kann.____________________________________________

polififebe Tagesschau.

Hinter den Kulissen.

Es wurde neulich bekannt, daß das Zentrum int Budgetausschuß gegen den für das Reichsamt des Innern verlangten vierten Direktor gestimmt hat. Dazu

Halten bieiticn falle. ^nzwücyen Danen am 'Anfrage oes meines . . f 71 n\t am Dienstaa in

die Bundesstaaten in überwiegender Mehrheit miral v. Vollmann ist,. a «jflpre alt, am ^lensrag :n erklärt, daß s i e sich dem Eingreifen der R e i ch s - j Berlin gestorben. Er stand dem Kaiser PErsonlrch h gesetzgebung auf diesem Gebiete widersetzen und begleitete :hn ,ast ftett? auf den ^err

müßten. Er, der Staatssekretär, habe erwaögen, ob man wenig- v. Hollmann hat dem Reichsmar:neamt sieben ^ahre vor- stcns allgemeine Bestimmungen etwa der Wohnungsaufsicht, reichs gestanden. Am 24. April 1890 wurde er als Nachfolger gesetzlich festlegen solle und dann andere Teile dem Bundesrat des Staatssekretärs Heusner berufen, nachdem er der Ma- überlassen könne. Aber be idem Versuch, eine solche Teilung der r(nc eÄon 33 Jahre angehört hatte. Hollmann trat zurück,

Gesetzgebungsmaterie vorznnehmen, seien nichts als Sentiments ^if ,ßinjcht gelungen war, mit den von ihm ent-

für das Reich übrig geblieben Der Vernich habe mcht: befrw-i f Marineplänen im Reichstage durchzudringen, ihm d:gt. Nach alledem halte er es für al: s n ch t s.l 0 s, her Reichstag gleich bei der Abstimmung Über

auf dem Gebiete der W 0 h n n n g s r e s 0 r m rerchs- vwlmehr der ReMMag gie^oe: mr

gesetzlich v 0 rz:: gehen. Damit sei aber nicht gesagt, das; d:e Forderungen ftir den ^or:neetat «. <. ~ $ man für die Wohnungsreform überhaupt von Reichs wegen nichts Ablehnung zweier Kreuzer einen Strich durch die Rechnung

B ü r g sch a fts ü be r 1: a hm e für Hypotheken in machte.

gewissen Grenzen bei Daugeldern für den Bau von Kleinwohnungen | Berlin, 22. Jan. In dem Beileidstelegramm mit geringen Mitteln könne wohl in größerem Umfange geleistet des Kaisers an die Witwe des Admirals Hollmann gibt werden. Es habe sich noch nicht die Möglichkeit feststellen lassen, ^er Monarch seinem tiefsten Schmerz Ausdruck, daß sein alter Freund und Berater aus diesem Leben ab- gerufen worden ist. Es heißt in dem Telegramm:Ein Menschenalter hindurch ist er mit mir verbunden, gewesen in gemeinsamen beruflichen und wissenschaftlichen Interessen. Ueber sein Grab hinaus werde ich ihm verbunden bleiben in dankbarer Erinnerung an seine treuen Dienste und seiner

Die Zraucn an den deutschen Universitäten im Winter 1912 13.

Die Ziffer der weiblichen Studenten ist binnen Jahresfrist von 2795 auf 3213 angewachsen, womit der Anteil der Frau am deutschen Universitätsunterricht in den letzten drei Jahren ab­solut um itroa 80 Prozent, relativ von 2,7 Prozent auf 5,4 Prozent stieg. Die beträchtlicher: Zunahmen von Semester zu Semester sind im derzeitigen Entwicklungsstadium des Frcmen- studiums zum Teil daraus zu erklären, daß infolge des mehr­jährigen Studiums der einzelnen Studentin dein jeweiligen Zu­wachs noch kein normaler Abgang gegenübersteht.

Von den heutigen Studentinnen ist die große Mehrzahl, ettva 2900, reichsangehörig, der Rest kommt vom Ausland und zwar überwiegend (über ein Drittel) ans Rußland; aus Amerika stammt etwa ein Viertel, die übrigen verteilen sich auf die anderen größeren europäischen Länder, während aus Asien nur wenige und aus Afrika und Australien nur zufällig Studentinnen nach Deutschland kommen. Dem Religionsbekenntnis nach überwiegt der Anteil der Evangelischen und Juden den der Katholiken, denen nur etwa 18 Prozent zuzuzählen sind.

Es widmen sich diesen Winter: Der Phrlosophie, der Philo­logie, Geschichte nsw. 1758 Frauen gegen 1563 in: Vorjahr und 975 vor drei Jähren, der Mathematik und den Natur­wissenschaften 579 gegen 504 und 287. Medizin studieren 702 gegen 569 und 476, Kameralia und Landwirtschaft 91 (67 und 27), Rechtswissenschaften 47 (39 und 32), evangelische Theologie 11 (5 und 5), ferner soweit die Personalübersichten der Universitäten hierüber Aufschluß geben (die meisten nichtpreußischen Universi­täten behandeln die studierenden Frauen statistisch leider noch etwas stiesniütterlich!1 Zähnheilkunde 17 (40 und 46) und Pharmazie 8 (8 und 7). Die Abnahme der Zahnärztinnen beruht auf der Einführung des Maturitätsprinzips und der Verlängerung der Studienzeit dieses Berufs, die fortschreitende Steigerung bet Kandidatinnen des höheren Lehramts auf dem Umstand, daß von den preuß. ©tubentinnen ein großer Teil nur ein Lehrerirmew- seminar besucht hat und baher cm anderes Studium nicht er greifen kann. Daraus ergibt sich auch, daß die medizinifcktzm Fakultäten von Frauen in viel geringerem Maße besucht werden als die philosophischen. , >

Aus dem Sttidienort der Frauenwelt ergibt sich, daß die Stubentinnen die preußischen Universitäten stärker bevorzugen , als ihre jnännlichen Kommilitonen, was sich zweifellos daraus l erklärt, daß Preußen auch relativ weit stärker am Frauen ft/ubaun beteiligt ist, als die übrigen Bundesstaaten. An den

preußischen Hochschulen studieren nämlich diesen Winter 2189 Frauen gleich 68,1 Prozent ihrer Gesamtzahl, während von den mäniilichcn Studierenden nur ,52,8 Prozent in Preußen ein­geschrieben sind; ähnlich ist das Verhältnis bei den badischen Universitäten, an denen sich 408 Frauen befinden gleich 12,7, gegenüber 8,3 Prozent vom anderen Geschlecht, wogegen an den bayerisck)en Hochschulen 299 Frauen studieren gleich 9,3 Prozent gegen 16,0 und an den übrigen einzelstaatlichen, einschließlich Straßburg, 317 gleich 9,8 gegen 22,7. An der Universität der Reichshauptstadt befindet sich über ein Viertel der weiblichen Studentenschaft, nämlich 904; am nächsten steht Bonn mit 289, bann folgen München mit 262, Göttingen hat 237, Heidel­berg 219, Freiburg 189, Münster 172, Breslau 150, Leipzig,129, Marburg 126, Königsberg 107, Greiswald 83, Halle 8L Jena 65, Straßburg 52, Kiel 40, Tübingen 38, Gießen 24, Erlangen 21, Würzburg 16 und Rostock 6. Gegenüber dem Vorjahr haben alle Universitäteii, ausgenommen Gießen, Erlangen, Würzburg, Tübingen und Jena mehr Sttidentinnen aufzuweisen, die größten Zunahmen zeigen Heidelberg, Marburg und München. Der Pro­zentsatz der studierende:: Frauen im Verhältnis zum Gesamt­besuch ist an: höchsten in Heidelberg, nämlich 9,7 Prozent, in Berlin beträgt er 9,2 v. H., in Göttingen 8,9, in Münster 7,8 und in Freiburg 7,2, am niedrigste:: in Würzburg und Rostock (etwa 1 Prozent).

Neben diesen Studentinnen besuchen derzeit noch 1722 Gast- zuhörerinnen einzelne Vorlesungen, so daß im ganzen 4935 Frauen an: deutsche:: Universitätsmtterricht teilnehmen gegen 4141 im letzten Sommer. Die meisten Hörerinnen hat diesen Winter München, nämlich 283, in Berlin sind es 211, in Bonn 125, in Leipzig 98, in Breslau 96, in Gieße n 80, in Halle 77, in Königsberg 72, in Tübingen 64, am wenigsten in Marburg, näm­lich 2, und in Erlangen und Kiel 10 und 12.

Neues vom Mainzer Dom. Am Dom in Mainz find vor kaum dreißig Jäheren die umfangreiche:: Jnstandsetzungs- arbeiten beendet worden, durch welche man die schon seit dem Mittelalter am Ostchore aufiretenben Bauscküiden endgültig be­hoben glaubte. Bei den in den letzten Jahren zur Vorbereitung der notwendigen Herstellung des Westchores durchgeführten Arbeiten ergab sich jedoch, daß nickst nur am Westchore, sondern auch nament­lich an dem Ostchore und an dem Mittelschiff der bauliche Zustand sehr zu wünschen übrig ließ und sogar dringlichst größere Her- stetlungsarbeite:: erforderlich wären, um drohende Schäden zu verhindern. Es inufiten die Grundmauern des Ostchores und des anstoßende:: Teiles des Mittelschiffes, die in einem ganz unzu­

länglichen Zustand angetroffei: wurden, sofort in weitgehendem Maße gesichert werden. Ter Bauleiter, Regierungsbaumeister Grein, hat nun in einer kleinen SchriftZur Baugeschichte des Domes zu Mainz", die bei der Ausführung in größerer Anzahl festgestellten sehr merkwürdigen und für die Baugeschichte des Domes in mancher Hinsicht höchst wertvollen Einzelheiten zu- sammengestellt. Er erbringt, wie Bernhard Hertel imZentral­blatt der Bauverwaltung" schreibt, aus dem Baubefunde bei: Beweis dafür, daß entgegen der Ansicht besonders Dehios einmal die Konstruktion des Mainzer Mittelschiffes von vornherein auf ein Kreuzgewölbe berechnet ist, ferner daß das nicht umgebaute Mittelschiff von Speyer aus dem Jahre 1030 bez-w. 1080 in seiner Konstruktion einem Kreuz-gewölbe nicht Rechnung trägt und daher keine Basilika mit Kreuzgewölbe war. Der Dorn in Speyer ist erst nachträglich für die Einfügung der Gratgewölbe hergerichtet, nach Schwartzenberger sollen die hierfür erforderlichen Bauglieder frühestens 1097 bis 1106, nach Tehio sogar erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts geschaffen sein. Demnach ergibt sich, daß die Wölbung des Domes in Mai:^ früher entstanden ist, als die im Dom in Speyer. Von den drei rheinischen Domen be­hauptet somit der Mainzer Dom das Vorrecht, die erste Anlage für Gewölbe zu besitzen und die erste große mit Kreuzgewölben überdeckte Basilikenanlage Deutschlands zu sein.

E i n Märtyrer der Wissenschaft. Aus London wird berichtet: Die Verleihung des Adelsprädikates an den eng­lischen Arzt Tr. George Turner lenkt den Blick der Oesfent- lichkeit auf diesen verdienstvollen Forscher und Arzt, der sich besonders während seines Aufeittl-altes in Südafrika durch seine Leistungen auf dem Gebiete der Lepraforschunb bleibende Ver­dienste errungen hat. Dr. Turner, der auch in Südafrika bei der Bekämpfung der Rinderpest und während der Kriegsjahre durch die Eindämmung der Typhusepidencke Segensreick>es geleistet hat, arbeitete später unausgesetzt in dem Lepraasyl von Pretoria und setzte nach feiner Rückkehr nach England im Laboratorium seine bakteriologischen Studie:: über die Lepra fort. Eines Tages beim Rasieren fiele:: ihm gewisse Flecken auf seiner Hand auf und die nähere Betrachtung ergab, daß er sich roäfyrenb seines Kampfes gegen die Lepra angesteckt hatte. Sir George Turner führt seit­dem das Leben eines Einsiedlers: völlig abgeschlossQ: oon der Menschheit setzt er, von Schmerzen gepeinigt, seine Forschungs­arbeit fort, und vor einiger Zeit mußte der kranke Gelehrte feine:: linken Arm bereits amputieren lassen. Nun lenkt seine Standeserhöhung wieder die Llufmerksaurkeit auf diese:: Martyrey medizinischer Forschung.