aber dem Tomic sic nicht beistimmen, denn für die Helferinnen sei das nicht unbedingt erforderlich. Es käme nur darauf an, daß man den Mut und, die Lust zur Arbeit habe und sich bewußt sei, daß ein Mensch, der nicht arbeite, ein wertloser Mensch sei. Wer aber einmal erkannt habe, welcher Segen in zielbewußter, regelrechter Arbeit liege, der wolle nicht mehr untätig sein. Des Mannes Wert ruhe in dem, was er arbeite und leiste, so müsse es auch bei den Frauen werden. r
Anstelle der verhinderten Frau Ender hielt Frl. Dr. Bäumer, die lebhaft begrüßt wurde, eine^kurze Ansprache über die Auffassung und Aufnahme der Dinge, von denen die beiden ersten Rednerinnen gesprochen hatten. Der Direktor einer höheren Mädchenschule habe zu seinen Schülerinnen einmal gesagt, cs sei eines Mädchens nicht würdig, sich selbst -ein Gluck erringen zu wollen, sie müßten es erwarten. Sie lönne freudig sagen, daß das nicht in Hessen gewesen sei. Wer nichts ist, kann auch nichts werden; das Gluck, die innere Zufriedenheit, müsse erkämpft und errungen werden. Die schlimmsten Menschen seien die, die sich nicht 'mehr begeistern könnten. Man dürfe, wie Carlyle sage, den Helden in seiner Seele nicht wegwerfen. Man müsse sich selbst entdecken: freilich: Wer Stein ist, wird nur Steine sehen, wer nicht klingt, wird nie was klingen machen! sage Cäsar Flaischlen. Ohne Begeisterung könne nichts großes geschehen, aber in Gießen sei Begeisterung, sonst wäre hier keine so große Iugendgruppe, die planmäßig und tüchtig arbeite.
Helene Lange, die schlichte Frau mit dem gütigen und humorvollen Herzen, schloß die Sitzung mit ein paar Segensworten an die Jugend, die stets beherzigen möge, daß alles Glück darin liege, Werte zu schaffen.
Im Namen der Gießener Iugendgruppe dankt Fräulein Helene Fromme mit ein paar herzlichen Worten für die Borträge, besonders aber Frl. Helene Lange.
Damit hat die Tagung, die reich an Arbeit aber auch reich an Gewinn war/ ihr Ende erreicht, und die an der Spitze der deutschen Frauenbewegung stehenden Damen haben gezeigt, daß ihr Wille und ihre Arbeit gut ist. Dev geistigen und menschlichen Hebung der Frau gilt das Streben des Verbandes in erster Linie, und er kann der Zustimmung aller 'ernsten Männer versichert sein, die vom Weibchen loskommen wollen, um zum Weibe zu kommen, zu einem Menschen, der nicht Dekorationsstück eleganter Salons ist, sondern ein gleichstrebender, gleichwertiger. Ob die neue Frau am Kochtopf steht oder auf dem Katheder, das ist an sich gleichgültig, sie soll Gefährtin des Mannes fein, nicht ein Spielzeug. Mit hohen Gefühlen gedenken wir gerne der bedeutenden Frauen, an der die Geschichte der Menschheit nicht arm ist; sie haben ost nicht weniger Heldenmut bewiesen wie gefeierte Männer, durch Feinsinn und Verstand haben sie mitgearbeitet an dem großen Kultur- werk der Menschheit. Charlotte Stieglitz ist heute so wenig vergessen wie Frau von Stein oder die Neuberin. Von Gottscheds Frau wissen wir heute, daß sie ihren Mann zu dem machte, was er der Literatur war, ganz zu schweigen von sürstlick)cn Frauen, die das Geschick ihres Reiches machtvoll lenkten. Mes das ist längst bekannt und auch von den heftigsten Gegnern der Frauenbewegung anerkannt. Aber eine andere Seite der Frauenfragc, und zwar eine sehr dringliche, die auch bei der Tagung nicht erwähnt wurde, ist tyeutc noch sehr vernachlässigt: die körperliche Tüchtigkeit der Frau. Es mag für die Führerinnen der Frauen-, beweguug selbstverständlich sein, daß eine vernünftige Frau sich freimacht von Schnürleib, Hackenstiefeln, Ohrringen usw. aber es wäre doch wünschenswert gewesen, wenn wenigstens bei der Jugendversammlung ein Wort davon geredet worden wäre. Geistige Freiheit setzt körperliche Freiheit voraus, und harnnt ist das erste Erfordernis aller Frauenbewegung, Bewegung der Frau: Turnen, Spiel, Sport. Wenn wir aber einmal Mädchen und Frauen haben werden, die körperlich vollauf leistungsfähig sind, dann kann es nicht ausbleiben, daß die Frau auch auf geistigem und politischem Gebiet sich mit dem Manne messen, ihm gleichwertig an die Seite treten kann.
Ans Stadt und Land.
Gießen, 9. Oktober 1913.
** Geh. Hosrat Pros. Dr. Moritz Pasch vollendet am 8. November sein 70. Lebensjahr. 1843 zu Breslau igeboren, absolvierte er das Elisabeth-Gymnasium feiner 'Vaterstadt, studierte 1860—66 in Breslau und Berlin, promovierte 1865 in Breslau und habilitierte sich 1870 als
Privatdozent in Gießen. 1873 wurde er außerordentlicher, 1875 ordentlicher Professor. Neben Abhandlungen über reine und angewandte Mathematik veröfsentlichte er „Vorlesungen über neuere Geometrie."
** De r Ob st verkauf im Kreise Gießen. Die Kreisstraßenverwaltung des Kreises Gießen hat gegenwärtig das Obst von den Kreis st raße n im Kreisamtskeller zum Verkauf ausgestellt. Infolge der ungünstigen und geringen Obsternte lieferten die Kreisstraßenpslan- zungen nur rund 550 Zentner, davon wurde die Hälfte gebrochen und zum Kreisamtsgebäude gebracht. Die für das Obst üngesetzten Verkaufspreise sind für den Zentner folgende: Goldparmäne I. Sorte 19 Mk., II. Sorte 10 Mk.; Landberger I Sorte 20 Mk., II. Sorte 10 Mb.; Harberts Reinette 22 Mk.; Baumanns Reinette 18 Mk.; Boskoop 22 Mk., Gelber Edelapfel 22 Mk.; Muskau de Serres 20 Mk.: Boikcnapsel 15 Mk.; Mischapfel I. Sorte 15 Mk. II. Sorte 10 Mk.; Goldpopping 15 Mk.; Fürstenapfel 15 Mk.: Champagner Reinette 15 Mk.; Jakob Lobet 15 Mk.; Parkers Popping 15 Mk.: Tafelbirnen kosten das Pfund 10 Pfg. Die Straßen, welche dieses Jahr einigermaßen eine Ernte boten sind: Klein-Linden—Tutenhosen, Villingen—Nonnen- roth und Treis-Münzenberg—Eberstadt.
Kreis Büdingen.
= Ortenberg, 7. Okt. Am Freitag vor acht Tagen wurde der Dachdeckermeister NieolauS Götz, der bei einer Dachreparatur tödlich verunglückt war, zn Grabe getragen. Heute ereignete sieh hier ein weiterer tödlicher Un- glücksfall. In dem dem Kausmann de Groote gehörenden Steinbruch, der an der nach Selters führenden Straße gelegen ist, wurde der Arbeiter Friedrich Schasfat von hier durch einen herabstürzenden Felsblock getötet. Schasfat war mit einem anderen Arbeiter damit beschäftigt, einen Stein aus einer Felswand herauszubrechen. Plötzlich löste sich ein überhängender Felsblock und begrub den Schasfat unter sich. Der Verstorbene galt allgemein als fleißiger und tüchtiger Arbeiter. Er hinterläßt eine Witwe mit acht Kindern, von denen noch fünf die Schule besuchen.
Kreis Schotten.
-z Wetterseld, 7. Okt. Wie verlautet, soll die in den 90er Jahren erbaute Wasserleitung eine Veränderung durch Umbau einer Zuleitung erfahren. Man hatte im Sommer öfters unter Wassermangel zu leiden, was die lange Trockenheit in diesem Herbste eben auch wieder zur Folge hat. Es wäre somit mit der vorgesehenen Veränderung der Uebelstand nun endlich aus dem Wege geschafft. — Hier ging einem Landwirt das im Wagen bespannte Pferd durch und er vermochte es nicht mehr im Zügel zu halten, so daß es mit dem Kopfe gegen eine Wand rannte, hier wieder abbog und dann auf ein vor einer Metzgerei haltendes Fuhrwerk losstürzte, so daß diesem Pferde der eine Scheerbamn in die Brust drang. Der zuständige Tierarzt traf sofort die nötigen Vorkehrungen.
Hessen-Nassau.
ss Marburg, 7. Okt. Unsere an historischen Erinnerungen so reiche Stadt soll nun auch ein neues Gedenken an die heilige Elisabeth und an die Kämpfe des siebenjährigen Krieges erhalten. Auf Anregung des Verschönerungsvereins gaben die Stadtverordneten dazu ihre Zustinunung, den am Eingänge zum Wehrdaer Weg befindlichen Elisa- bethbrunnen mit einem Schutzhäuschen zu versehen. Im Brunnengebäude soll die Inschrift „St. Elisabeth-Brunnen* angebracht werden, außerdem soll die dem Eintretenden zugewandte Rückseite des Brunnens direkt über dem Brunnenbecken eine Marmortafel mit dem landgräflich thüringischen Wappen und der Inschrift erhalten: „Aus diesem ältesten Brunnen der Stadt schöpfte einst Erquickung die edelste Frau Marburgs, die Wohltäterin ihrer Mitmenschen, die Ahnfrau des Hessischen Fürstenhauses Elisabeth, Landgräfin von Thüringen in den Jahren 1229—1231." An der der Sladt- scite gegenüber liegenden inneren Seitenwand soll eine kleinere Marmortafel mit dem von Breitenbachschen Familienivappen und der folgenden Inschrift angebracht werden: „Im Kamvfe um unser Marburg, das in der Franzosen Hand war, starb am 14. Februar 1761 an der Spitze der hessischen Regimenter bei diesem Brunnen den Heldentod der Generalleutnant der alliierten 9(rmce, Ludwig Johann Karl Reichsfreiherr
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von Breitenbach zu Breitenstein. Ehre seinem Andenkens Die Mittel, etwa 3000 Mk., werden durch den VerschönerungS- verein und durch die Stadt, sowie durch Beihilfe des Landgrafen von Hessen zu Philippstal und deS Freihcrrn von Breitenbach zu Breitenstein (Kreis Biedenkopf) a?lfgebracht.
[] Marburg, 7. Okt. In der Zeit vom 11. bis 13. Oktober wird in der städtischen Festhalle hier die 5. hessische Iunggeflugelausstellung abgebalten.
w Wiesbaden, 7. Ökt. Eine kürzlich hier verstorbene ältere Dame vermachte der Ehefrau des Schreinergehilfen Gibner von hier, die jahrelang bei ihr Aufwartedienste verrichtete, ihr Vermögen von 1^/, Millionen Mark. TaS Testament ist nach bem Ausspruch von Juristen unanfechtbar. Der Bruder der Erblasserin hat sich deshalb auch mit einer bereitwillig angebotenen Summe in Hohe von 300 000 Mark für zufriedengestellt erklärt.
kirchliche Nachrichten.
Israelitische Iteligionsgemeinöe.
Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage), Samstag, den 11. Oktober 1913:
B e r s ö h u u n g S s e st.
Vorabend 6 Uhr. Predigt: 6.30 Uhr.
Morgens: 7.30 Uhr.
Predigt mit Scctcufeier: 11.30 Uhr.
Nachmittags: 4.30 Uhr: Schlußprcdigt.
Festesansgang: 6.25 Uhr.
XB. Während der Predigt ist der Eintritt nicht gqtattet.
Israelitische Religionsgesellfchaft.
Gottesdienst.
Freitag, den 1 0. Oktober 1913: Morgens: 5.00 Uhr. Nachmittags: 2.30 Uhr. Samstag, den 11. Oktober 1913:
B c r s ö h n n n g s f e st.
Vorabend: 5.45 Uhr. Predigt.
Morgens: 5.55 Uhr. Fcstcsansgang: 6.23 Uhr.
Wochengottesdienst: Sonntag morgens 6.15 Uhr. Die übrigen Tage: 6.30 Uhr. Abends: 5.00 Uhr.
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< Unsere Marine"


