Ausgabe 
9.10.1913 Drittes Blatt
 
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rk. 257 Drittes Natt

165. Zchrgang

Erscheint täglich mit Ausvahnre des Sonntags.

DieSiehener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- fragttt" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberheffen

Donnerstag. 9. Moder 1915

Rotationsdruck und Bcrlag der Bruch lachen Umversitäls Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition unb Verlag: e=g®51.

Redaktion:s^1I2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

27. Hauptversammlung oes Allgemeinen deutschen Zrauenvereins.

Gießen, 8. Oktober.

r r, ?^ober bcm brittcn Tage bet Hauptversammlung lag eine Stimmung, der nahenbe Abschieb hatte sie er- ^eugt. Es ist doch etwas Eigenes, wenn Menschen, die schon jahrelang fest zus ammen stehen unb nliteinanber kämpfen unb Egen, denen ihre mühevolle Arbeit ein Lebensbebürfnis geworben ist, alle zwei Jahre aus allen Stabten unb Pro- r_?eS ^^erlandes Zusammenkommen, um in gemein­schaftlicher Arbeit allen Stoff, ber sich bahcim

angesammelt hat, zusammen zu besprechen unb

aufzuarbeiten unb ihrem Herzen von all ben Ent- inulcnungen unb zerschlagenen Hoffnungen, all bem bitteren .Oroll Euft zu machen, sich neuen Mut unb neue Anregung §u suchen, ihr mühevolles Werk mit frischen Kräften zu be­ginnen. Wenn sie bann in enger Gemeinschaft eine Reihe von ^agen zusammen g arbeitet unb alte Banbe erneuert, neue angeknupft haben, unb es geht bann ans Abschiebnehmen, bann fällt ein bitteres Tröpfchen Wermut in ben Becher der Freube.

Noch ein zweites hatte bn§ fühlende weibliche Herz gepackt, ein unscheinbarer Punkt ber Tagesordnung, den man gern in anderen Fällen als geschäftlich schnell über­geht: die V o r st a ndswahl. Selten steht in einem großen SSerein der Vorstand mit den Mitgliedern in so enger Be­rührung und ist mit ihnen durch so tiefe, freundschaftliche Bande verbunden wie im Allgemeinen Deutschen Frauen- verein. Da ist fein Neid, keine Mißgunst auf den Platz eines Vorstandsmitgliedes. Mit einer erstaunlichen Selbst­verständlichkeit wurde der gesamte Vorstand durch Akkla­mation wiedergewähtt, die irgend eine Auseinandersetzung über diesen Punkt als völlig wertlos erscheinen ließ. Er­greifend war es, als nach herzlichen Dankesworten für bie Wiederwahl, die die erste Vorsitzende, Fräulein He­lene Lange, gesprochen hatte, eine der ältesten Damen sich erhob und ihrem übervollen Herzen Luft machte durch die Worte:

Ich glaube, wir können unserem Vorstand nicht ge­nug danken. Wir verehren und lieben unseren Vorstand, unb sind ihm bankbar für bas, was er leistet."

Nach ber eingefyenben Besprechung ber auf ber Tages­ordnung stehenden Fragen, bie besonders für Hessen großes Interesse erweckten, gab die Vorsitzende ihrem Dank Aus- druck für bie liebevolle Aufnahme in Gießen. Aus dem Herzen aller Gießener heraus waren bie Worte ber Leiterin der Ortsgruppe, der Frau Oberstleutnant Naumann, gesprochen, die in den Abschiedsgruß ausklangen:Ich wage den Wunsch zu äußernAuf Wiedersehen in Gießen!" K. Bendt.

*

bt. Gießen, 8. Oktober,

Der dritte und letzte Tag der 27. Hauptversammlung wurde in dem großen Hörsaal der Universität pünktlich um 9 Uhr von der Vorsitzenden, Fräulein Helene Lange, eröffnet. Die Beteiligung an den Verhandlungen war noch erheblich größer als an den vorhergehenden Tagen. Die Sitzung wurde von dem Kassenbericht

des Allgemeinen Deutschen Frauenvercins eingeleitet. Der Be­richt wurde von Frau Gertrud Dumstreh-Freytag aus Leipzig erstattet. Das Gesanitvcrmögcn am 30. September 1913 verteilt sich danach auf die einzelnen Klassen folgendermaßen: Auf die Gesamtkassc kommt ein Vermögen von 45 844 Mk., aus die Auguste-Schmidt-Stiftung ein solches von 15 720 Mk., auf die Gräbe-Stiftung 2104 Mk. und endlich auf die Propaganda­kasse 9331 Mk. Der Kassenstand war von den beiden Kassen­revisorinnen für richtig befunden worden, und es konnte daher der Kassiererin Entlastung erteilt werden.

Es waren nunmehr neue Kassenrevisorinnen für alle Kassen für die Geschäftszeit der Jahre 1913 bis 1915 zn wählen. Für die Revision der Vereinskasse waren bisher Frau Weide- m a n n und Frau Gebhard tätig, sie wurden wiedergewählt. Ebenfalls durch Wiederwahl wurde die Frage nach den Neoi­sorinnen der Kasfc derFerdinand- und Luise-Lenz-Stiftung" erledigt. Fräulein Sette körn und Fräulein Gebhardt bleiben somit in ihrem Amte. Für die Kasse der Zentralstelle wurden Frau B r ö l l und Frau Steinhaus, beide aus Ober- Ursel, zu Revisorinnen gewählt.

Es folgte darauf

die Wahl des Vorstandes.

Der Vorstand bestand bisher aus den folgenden zehn Mit­gliedern : Helene Lange, Dr. Käthe W i n d s ch e i d, Dr. Eli­sabeth Altmann- Gott Hein er, Antonie Trenn, Gertrud Dumstren-Freytag, Helene von Forster, Dr. Agnes Gosche Pauline Voigtländer, Jennv Apolant und Lina L a n g e r h a n n ß. Aus der Versammlung heraus wurde der Wunsch'geäußert, den gesamten Vorstand durch Akklamation wiederzuwählen, da man sich keinen besseren wünschen könne.

sich fein Widerspruch erhob, nahm Fräulein Helene Lange für sich und die übrigen neun Vorstandsmitglieder die Wieder­wahl dankend an.

'Nachdem man damit den geschäftlichen Teil erledigt hatte, ging man wieder zu ernster Arbeit über. Es fand zunächst eine Aus­sprache über die

Reform der privaten Wohltättgkett

Nai-tragende war Fräulein Helene Bonfort-Ham- bura Noch vor Beginn des Vortrages gab die Vorsitzende eine Stirfmur für die Art des Vortrages und für die Haltung und Me Sen ber Aussprache. Tas Thema sei aus Anregungen S n ni/hicffeilt die aus der 26. Hauptversammlung vor zwei Jahren in^Biaunschweiq erfolgten, und es sei bal)er nicht am Platze,.alles dort Ausgcrühr'te heute noch einmal zur Beratung heranzuziehen, vielmehr handele es sich in der Hauptsactz nur um Vorschläge, die vorhandenen Uekelstände zu beledigen oder doch zu verringern.

Fräulein Helene Bonfort führte aus:

in Braunschiveig erkannte Notwendigkeit von Reformen 2L;Vnfp1T Wohltätigkeit gab den Anlaß, in eine Rheihe von (Stabten Anfragen' über die dortigen Verhättnisse zu senden. Es ^!S»n ^ssir natürlich nur solche Städte in Betracht, m denen sich befindet. Das sind 32 Städte, hnrfi konnten w i r diese nicht sämtlich berücksichtigen, ba nur 10 nnn diesen Städten zugleich Stützpunkte des Allgemeinen Deutschen LauenLeins sind? Es Hegen somit aus 10 Städten Nachrichten vor Nur zwei davon stehen unseren Vorschlägen durchaus ab- iXnr-nh oeoenüber und nehmen nur einen geringen Erfolg an, alle aderen haben die Schrift mit Freuden begrüßt. Mir i)t die

Ueberzeugung erwachsen, daß jetzt schon Fortschritte zu verzeichnen sind. Diese Fortschritte sind zumteil auf, energische Anregung einzelner, so in Bremen und Kassel, oder starker Organisationen zurückzusubren, so in Charlottenburg und Frankfurt a. M. Welche Mittel sind nun angeregt worden? Die allgemeine Grundlage liegt, wie in Kassel und Bremen, in mittelgroßen Städten. In manchen Städten muß der Einfluß der Bürgermeister auf Unter­drückung unrichtiger Wohltätigkeitsfeste in Anspruch genommen werden. Nicht unbedenklich ist es in dem Augenblick, wo etwa ein Jugendhilfstag schon angelündigt worden ist, noch in die Oeffentlichkeit zu treten. So sollte ein Wohltätigkeitsfest in Frank- furt a. M. unterdrückt werden, aber der Oberbürgermeister war dagegen. In Hamburg gelang es, ein solches Fest nach energischer Rücksprache mit dem Veranstalter, im Keime zu ersticken. Diese Idee muß weitergetragen werden, auch im Hinblick auf die B l u m c n- t a g c, denn sie sind tiefe Mißbräuche. In Frankfurt gibt es einen Armen- und Waisenpflegerverband, von dem die Wohltätig­keit ausgeht. Wo eine Stadt sich allein nicht stark genug fühlt, da muß sie mit einem Frauenverein Fühlung suchen, berufen ist dazu jede sozial arbeitende Frauenorganisatton. Vor allem sind dazu jedoch die Auskunstsstellen oder Privatarbeiter für Wohl­tätigkeit berufen. Die stärksten Mittel gegen den Blumentag hat das Institut für soziale Arbeit in München ergriffen. Waisen- und Armenpflege müssen in einer Stadtverwaltung durchaus zu- sammentreten, wenn sie Erfolg haben wollen. Das sind alles negative Anttvorten auf unsere Anfragen, München, Frankfurt a. M., Bremen und Dresden stehen babiü obenan. Doch auch positives Material ist zur allgemeinen Freude cingetroffen. und gibt Antwort auf die brennende Frage:Auf welche Weise kann man helfen?" Ta mag z. B. auf die Gießener Brock en - sammlung hingewiesen werden, die von der Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins eingerichtet worden, ist und die einen Ueberschuß von nahezu 2000 Mark auszuweisen hat. In Bremen besteht die löbliche Einrichtung, Kinder zu sammeln, und sie mit dem Erzählen entsprechender Geschichten zu unter­halten, auch Lichtbilder kommen hinzu. Im Dezember wird in Bremen ein Puppentag veranstaltet. Die Kinder müssen die Puppen selbst anziehen und diese werden dann verlaust. Zn den vielen altbewährten Einrichtungen hat der koloniale Frauenverein in Osnabrück etwas neues geschaffen, nämlich einen Kartenverkauf und hat dadurch an einem Tage 7000 Mark verdient. Auch Diskussions­abende der Jugendpflege, Kartenverkauf zu Konzerten blinder Musiker u. a. m. ist zu den besten Wohlfahrtseinrichttingen zu rechnen. Und doch ist so mancher Schwindel gerade bei den letzteren nicht aus der Welt zu schaffen, immer und immer wieder fallen die Leute, wenn jemand zu ihnen kommt, der ein biederes Gesicht macht, wie erst dieser Tage in Hamburg auf das bekannte Schwin­delmanöver vomblinden Musiker" hinein. Um festzustellen, ob man es mit einem wirklichen Blindenkonzert zu tun hat, sollte man sich stets an den Leiter des Reichsdeutschen Blindenverbandes, F. W. Vogel-Hamburg 33, wenden. Der Verein für Wohl­tätigkeit besitzt 49 Vereine, Männer- und Frauenvereine, unb birgt einen hohen Wert in sich. In Charlottenburg besteht ein kommunaler Frauenverein. Als neueste Frucht der Wohltätigkeit dürfte die Hamburger Zentrale anzusprechen fein,, die in diesen Tagen, nach englischem und amerikanischem Muster organisiert, der Oeffentlichkeit übergeben wird. Der neu gegründete Verein heißt: Hamburger Gesellschaft für Wohltätigkeit. Die Wohl­tätigkeit muß organisiert, die Zwecke planloser Wohltätigkeit be­schränkt werden. Die Gedankenlosigkeit und Dummheit, die sich in wohltätigen Stiftungen ausdrückt, muß beseitigt werden; da soll eben die Wohltätigkeitszentrale einsetzen. Ohne Zweifel hat sich in den letzten zwei Jähren eine starke Auffassung der sozial en Pflicht und schon jetzt der Sinn für eine gewisse Form herausgebildet.

In der nun folgenden Aussprache ergriff zunäch stFrau Gertrud D u rn str e y - F r e y t a g - Leipzig das Wort. Sie brachte einige Vorschläge zu neuen Ausübungen von Wohltätigkeit, besonders die allgemeine Einführung von Schecks; eine vorzügliche Einrichtung, Anweisungen für die Zentralstelle für private Fürsorge, die ber Spenber dem Hilfe Suchenden aushändigt, und auf Grund,deren dieser dort, nachdem er für würdig befunden, Unterstützung findet.

Frau Bensheimer -Mannheim hält die Brockensammlung für durchaus nicht so zweckmäßig, wie sie zuerst den Anschein hatte. In Mannheim bringt die Brockensammlnng noch jetzt 24 000 Mk. ein, und doch ist sie von Jahr zu Jahr schlechter geworden. In den ersten drei Jahren ging sie gut, bann tauchte eine jüdische und end­lich auch eine katholische Brockensammlsung neu aus.

Auf die Frage, w i c die soziale Fürsorge Anwendung finde, darauf komme es an, meinte Frau Lehma n n - Göttingen. Darum solle man ruhig beim alten bleiben, auch bei dem Blumentag, so­lange noch nichts Besseres vorgeschlagen sei, wovon man nach ihrem Empfinden nicht sprechen könne. Der Vorschlag, der von den Schecks handle, sei sehr gut, doch könne er nur bei einer Bitte um Almosen eines Einzelnen Verwendung finden.

Eine umfangreiche städttsche Unterstützung in Armenfällen be­steht in Offenbach, die Stadt trägt die Hälfte der Kosten. Einige Angaben machen Frl. Dr. Bema y s-Heidelberg unb Frl. Kortmann. Frau Wallach-Neumann glaubt, daß bie kleinere Stadt bei der Reform der Großstadt noch nicht mitkommen Tann. 1

Frau von Förster aus Nürnberg erzählte von einem Groß­elternbuch.

Fräulein Dr. Gertrud Bäumer fordert eine Anknüpfung der Wohltätigkeit an die Organisation. Wir haben schon im Mittel­alter die Zünfte, die ganz Aehnliches im Auge hatten, darum können wir daraus zurückgreifen. Nach weiteren kürzen Erörterungen von Frau Professor Bohn-Königsberg unb Fräulein Thornade - Oldenburg, die ebenfalls von einer stäbtischen Beihilfe in Olden- burg berichten konnte, wurde nach einem Schlußwort ber Haupt- rebnerin, des Fräuleins Helene Bo ns ort, bie Aussprache über den Punkt eingestellt.

Nach der Frühstückspause nahm man den letzten Punkt der Tagesordnung in Angriff, der von der

Notwendigkeit des weiblichen Einflusses in der Mädchenbildung

handelte. Berichterstatterin war Fräulein Dr. A g n e s G o s ch e:

Die Forderung der Notwendigkeit des weiblichen Einflusses in der Mädchenbildung scheint selbstverständlich, denn als der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet wurde, stellte er­den' Grundsatz auf, die Frau ist zu jeder Arbeit berechttgt, zu ber sie befähigt ist. Neue Formen hat die Förderung des iveiblichen Einflusses der Mädchenbildung erhalten, zunächst muß die Mädchen- erziehung der weiblichen Eigenart mehr entsprechen und dann sollen die Anlagen des Mädchens berücksichtigt werden. Die Haupt- fache ist die Frage, ob bie Mädchenbildung unserer Zeit des weit­gehenden Einfluffes bedürfe und weiter, in welcher Form er ihr zu übermitteln ist. Die psychologische Begründung verlangt für die weibliche Eigenart eine besondere Erziehung. Tie Be­tonung der weiblichen Eigenart ist jedoch ein Hindernis, beim von der späteren Gleichstellung im Beruf mit dem Manne kann man erst nach ber gleichen Llusbildung sprechen. Der weibliche Einfluß muß aber in viel größerem Maße als bisher vorhanden sein. Selbst die Mutter ist nicht allein imstande, ihre Tochter allein in dem Sinne ju erziehen. Die Bildungsmöglichkeiten des Mädchens sind von dem Hause entfernt. Tie Fachausbildung nahm

heute einen großen Teil des Gedankens des jungen Mädchens in Anspruch. Was das Mädchen nur von der Frau lernen kann, muß durch alle Scknchten der Bevölkerung hindurch. Reben dem tarken Manne soll die starke Frau sich stärken durch Wahrung ihrer eigenen Natur. Schon in der schule beginnt diese Ausbildung, besondere Fächer werden dem Lehrplan eingefügt. Tie Förderung mm der Frau muß in alle Gebiete hineingehen. Schon einmal spielte der Einfluß weiblicher Erziehung von Frauen in Preußen eine Nolle, im Jahre 1894 bestimmte ein ministerieller Erlaß, daß eine Gehilfin für die Erziehnngsfragen dem Direktor zur Arbeitsleistung gegeben werde. Immerhin die erste amtliche An­erkennung des weiblichen Einfluffes. Heute besteht etwas ähn- lickws in bei1 Anstellung der Frau Cberhi an den Lyzeen. Die 9Rutter im Hause und die Lehrerinnen müßten zusammen- arbeiten. Noch ein anderes Gebiet ist nickst zu vergeffen, das des Tones und bei guten Sitte. Die Zeit des ungestümen Freiheits­dranges zeigt sich in unserer Jugend in einer nicht sehr anmutigen Form. Das Wortdas schickt sich nicht" lehnt jinfcrc Jugend rundweg ab. Ter weibliche Einfluß ist auf allen Schulen, Mittel dmlcn unb Volkssckpilen auszudehnen. Tie Anstellung einer Rek­torin wäre mit Freude zu begrüßen. In allen Gebieten ist der weibliche Einfluß notwendig. Wir wünschen die Frau daher auch in leitenden Stellen.

In ber Aussprache erhielt zuerst Fräulein Pfloch-Darm- stadt das Wort. Tas .Hauptinteresse haben die Mütter am Heran - wachsen der Jugend. Es wurden in H esse n die zehnklassigen höheren Mädchensckstilen eingeführt, es gab ein, Lehrerinnen- Seminar, die Studienanstalt und eine Hauswirtschaftliche Frauen- schule. Die Stellung der Oberlehrer in ist besonders schwierig, da seit 1904 keine eingestellt und vor 1920 keine Oberlehrerin eingestellt werden kann. Tas Verhältnis der Lehrerin zum Lehrer stellte sich in Hessen folgendermaßen: Für 1912 bei 55 Lehrern 45 Lehrerinnen: 1913 bei 47 Lehrern 13 Lehrerinnen. Wie wird die Lehrerin aber in Darmstadt verwandt? Klaffenführerin ist sie und bis zur fünften Klasse, an der Viktoria-Schule bis zur dritten Klasse, daneben nur für die Fächer: Kochen, Handarbeiten, Haushaltungslehre usw. Je älter die Mädchen werden, desto mein sind sie auf männliche Beeinflussung angewiesen, und bann meist von sehr jungen Schulamtskandidaten. Nock trüber sind die Ver­hältnisse bei den Volksschulen, wo nur 16 Prozent Lehrerinnen tätig sind, in Worms sind 32 Prozent, in Offenbach 33 Prozent. Ebenso mangelhaft find nach Fran B a s s e r m a n n in Baden die Verhältnisse.

Zu dieser brennenden Frage äußerte sich auch Fran Ober­bürgermeister Mecum, und ermahnte die hessischen Mütter, sich zusammenzuttin, um mit vereinten Kräften den Kampf gegen solche Nebelstände aufzunehmen.

Die von verschiedenen Seiten gescholtene Gleichgülttgkeit der Mütter, die von allen Seiten als schuld daran bezeichnet wurde, daß bie Zustände noch nicht beseitigt worden seien, wurde von Fräulein Dr. Bäumer noch geradezu zur Feigheit verschärft..

Eine ehemalige Lehrerin Fräulein Marie Müller aus Darmstadt wußte zu versichern, daß von fünf abgegangenen Leh­rerinnen nur eine neu angagiert worden ist.

Professor U r st a d t - Gießen fand es sehr zu billigen, daß man gegen den Mängel an weiblichen Lehrern Protest erheben wollte, und machte in dieser .Hinsicht Vorschläge. Ja, er ging noch einen Schritt weiter, indem er meinte, es könne auch ben Knaben nichts schaden, wenn sie von einer Lehrerin unterrichtet würden. Andererseits verhehlte er jedoch nicht, daß der Durch­führung der Pläne schwere technffche Bedenken gegenübetftintbat.

Noch einmal nahm Frau Oberbürgermeister M e c u m das Wort und beschwor die Mütter, sie sollten sich solidarisch fühlen unb sich zusammentun, um in diesem Kampfe mit einzutreten.

Damit waren die Berattingen erschöpft, und die Leipziger Ortsgruppe brachte den Wunsch zum Ausdruck, im Jahre 1915 den Allgemeinen Deutschen Frauenverein in Leipzig begrüßen zu dürfen. Es ist mit ber Tagung zugleich bie Feier des fünf­zigjährigen Bestehens verbunden. Es ist daher zn be­grüßen, daß Leipzig, die Wiege des Vereins, auch sein Jubiläum feiern will. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.

Zum Schluß, erfüllte die Vorsitzende, Fräulein Helene Lange, die angenehme Pflicht, allen denen, die zum Gelingen beigetragen haben, zu danken. Sie dankte dem Univerfitätsverwalter, der Regierung und ber Stadt, der Ortsgruppe mit Einschluß der Saalordnerinnen, der Presse und endlich der Versammlung selbst für die geleistete Arbeit, die ohne jede Störung erledigt wurde. Mit einem herzlichen Lebewohl hob sie die Tagung auf, nachdem auch Frau Oberstleutnant Naumann, als Bertteterin der Gießener Ortsgruppe, ihren Dank ausgesprochen hatte.

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K. N. ($ i e fj e n , 7. Okt.

D ie Iugendversammlung, die nachmittags um 4 Uhr in der Aula abgehalten wurde, zeigte ein wesentlich anderes Bild, als die Tagungen des Verbandes. Saal und Emporen waren dicht besetzt von jugendlichen Damen, die z. T. sogar mit ihrer Schultasche gekommen waren, und mit blanken Augen lauschten sie der Worte aus dem Munde der Frauen, die im vertrauensvollen Kampf für die Sache des Weibes alt und abgeklärt wurden. Helene Lange er­öffnete die Sitzung mit einer herzlichen Ansprache und er­teilte Frau v. F o r st e r das Wort.

Voll ehrlicher Begeisterung und mit poetischem Schwung ermähnte sie die Mädchen, abzulassen von zwecklosem Ge­tändel und geschäftigem Müßiggang, der das beste in ihnen ertöte, sie flach und charakterlos mache. Freude sollten sie tragen in die sozialen Niederungen, an dem Elend der Menschen lernen, gütig und hilfreich zu werden, denn die höchste menschliche Pflicht sei es. Bedürftigen zu helfen, Not zu lindern. Viele wohl könnten aus irgend­welchen Ursachen nicht hinausgehen; diese sollten sich dann wenigstens einen festen Arbeitskreis innerhalb der Familie bilden, der ihnen Pflichten auferlege. Wer aber in der Familie nicht an seinem rechten Platz stehe, der solle hinaus­gehen und im sozialen Leben helfen. Ein gewisses Maß von Arbeit müsse der Mensch haben, wenn er nicht verkümmern solle, und es erhebe, wenn man anderen helfen, anderen eine Freude machen könne. Die Menschen feien so danckbar, wenn man ihnen eine Freude mache, und sei es nur durch ein Wort, eine Blume, wenn es nichts anderes sein könne. Viel Takt gehöre zum Schenken; Schenkendürfen aber sei eine schöne Pflicht. Im Dienste der Humanität sollten sich die Mädchen schulen, damit sie einst gute und verständige Gattinnen und Mütter feien, aber auch eine Aufgabe hätten im Leben, wenn ihr Herz einsam bleibe. Alsdann sprach Frl. Dr. Agnes Gosche, indem sie zunächst aussührte, daß das Leben der Frau ohne Verstand sei, wenn sie keinen Einblick habe in die sozialen .Kämpfe. Soziale Arbeit sei die individuellste Arbeit und sie biete auch Nr junge Mäd­chen ein reiches Feld. So seien in Halle 24 junge Helfe-- rinnen in der Kinderlesehalle, dem Zlcknderheim unb nnberen sozialen Einrichtungen tätig. Manche behaupteten, ohne gründliche Vorbildung solle niemand sozial tätig sein.