Ausgabe 
9.10.1913 Erstes Blatt
 
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je beobachtete. Es wurden auf 1000 Einwohner 24,4 Geburten gezählt. Seit 1876 ist die englische Geburtenziffer um fast ein Tritte! gefallen: Ware die Fortpflanzung der Bevölkerung noch dieselbe wie in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, so würden b.'ute ungefähr 400 000 Menschen jährlich mehr gefcren werden Tie bereits vorliegenden, aber noch nickt genau bearbeiteten Zahlen für 1912 machen es wahrscheinlich, daß in diesem Jahre ein weiterer Rückgang um 0,6 auf tausend erfolgt ist, die Geburten Ziffer also jeti weniger als 24 beträgt. Dieser Abnahme steht nicht mebr eine ebenso große der Sterbeziffer gegenüber, Knb es ist dal>er von einem stetigen und sich beschleunigenden Falle des Devölkerungswachstums zil reden. Es starben 1911 14,6 auf 1000 Menschen. Diese Zahl ist sogar erheblich, näm­lich um 1,1 höher als die für 1910, doch hofft der amtliche Bericht, dan die Steigerung bloß vorübergehend sei. Sie wird nämlich aui die außergewöhnlichen klimatischen Bedingungen des Sommers 1911 zurückgeführt; nicht weniger als 0,8 von jener Ziffer kommen auf vermehrte Sterblichkeit durch«. Diarrhoekranff beiten. Einen der Gründe für die verminderte Geburtenzahl gibt d-r Rückgang der Heiraten ab. 1871 waren auf 1000 Personen im ehefähigcn Alter 56,9 verheiratet; 1911 waren es bloß noch 46,2.

Aus Hessen.

Aus dem Finanzausschuß.

rb. D a r m st a d t, 8. Oft. Der Finanzausschuß bei Zweiten Kammer setzte heute vormittag seine vertrauliche Be­ratung über die Besoldungsvorlage fort. Ten Gegenstand der Ver­handlung bildete hauvtsächlich die Vereinfachung des Gehaltstarifs, der auf einige 40 Gehalts st ufen zusammengelegt werden soll. Am nächsten Freitag erfolgt die Fortsetzung der Be­ratung.

Der parlamentarische Sonderausschuß für die Revision der land st ändischen Geschäftsordnung tritt in der nächsten Woche unter Vorsitz des Kammerpräsidenten Oberbürgermeister Köhler zu einer Sitzung zusammen, um über die Abänderungen der landständischen Geschäftsordnung weiter zu bevaten. Auch diese, betanntlich der Initiative der Zweiten Kam­mer entsprungene Gesetzesvorlage soll noch in der kommenden Herbsttag ung erledigt werden.

Deutsches Reich.

Beurlaubung des Herrn v. Jagow.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" meldrt: Der Staats­sekretär des Auswärtigen, v. I a g o w , hat am gestrigen Mittwoch seinen Urlaub angetreten.

Der Kiewer Mualmordprozetz.

w. Kiew, 8. Oft.

Dor dem hiesigen Schwurgericht begann heute der Prozeß gegen den 39 Jahre alten Kleinbürger Menachil-Mendel Tewjcw Beilis, der beschuldigt ist, nach vorheriger Ver­ständigung mit anderen von der Untersuchung nicht entdeckten Personen aus religiösem Fanatismus den zwölfjährigen Andrei I u s ch t s ch i n s k i, um ihm zu Ritualzwecken das Leben zu rauben, als er am 25. März 1911 auf dem Grundstück >der Ziegelbrennerei Saizew mit anderen Kindern spielte, ergriffen und in das Gebäude der Brennerei geschleppt zu haben. Seine Mitschuldigen sollen dann mit seinem Wissen und seiner Zustim­mung Andrei Juschlschinsli die Hände gebunden, den Mund zu­gedrückt und den Knaben sodann getötet haben, indem sie ihm mit einem spitzen Werkzeug 47 Wunden an Kopf, Hals und Körper beibrachten, die Gehirnvenen, Halsvenen und die Arterie an der linken Schläfe und auch die harte Hirnhaut, die Leber, die rechte Niere, die Lunge und das Herz verletzten, wobei diese Verletzungen von andauernden schweren Qualen begleitet waren und fast voll­ständige Blutleere des Körpers verursachten.

Nach dem Gutachten des ä r z t l i ch e n S a ch v e r st ä n d i g e n sind die Verletzungen an Kopf und Hals JuschtschinskiS mit einem Stilett oder einem Pfriemen beigebracht worden, als sein Herz noch unbeschädigt arbeitete, die übrigen Wunden aber bei schon geschwächter Herztätigkeit. In der Leiche verblieb nicht mehr, als i,'3 der normalen Blutmenge. Ob die Art der Ermordung auf die Absicht schließen lasse, dem .Knaben als Hauptzweck schwere Qualen zu bereiten, darüber gehen die Ansichten der Sachverständigen aus­einander; ein Sachverständiger ist der Meinung, der Zweck der Verletzungen sei die Herbeiführung eines möglichst großen Blut­verlustes gewesen. Im übrigen enthält die äußerst umfangreiche Anklageschrift unter anderem folgende Angaben: Der ermordete Knabe ist ein unehelicher Sohn der verheirateten Alexandra Pri- chetka. Am 2. April 1911 wurde feine Leiche im Lukjanowka-Stadt- , viertel auf dem schon genannten Grundstück gefunden, und zwar ; in einer Höhle, Kopf und Rücken an der Wand, die Füße gegen , die entgegengesetzte Wand gestemmt. Die Leiche war halb bekleidet, andere Äeidungsstücke lagen auf dem Boden der Höhle. In einer i Vertiefung der Wand über dem Kopf der Leiche fand man fünf zusammengerollte Schulhefte. Blutspuren waren in der Höhle nicht zu entdecken. Im Magen wurden unverdaute Rüben- und Kartoffelstückchen von der Morgenmahlzeit gefunden, woraus die Sachverständigen schließen, daß der Mord drei bis vier Stunden ' nach der Mahlzeit verübt worden fei.

Mitteilungen eines Journalisten, der ein seltsames Verhalten der Eltern des ermordeten Knaben beobachtet haben wollte, führten zunächst zu deren Verhaftung. Sie wurden jedoch wieder entlassen, da eine Haussuchung nichts Verdächtiges ergeben hatte. Immerhin bezeichnete ein Gerücht auch später noch die Mutter und den Stiefvater des Knaben als der Tat verdächtig, während inzwffchen schon die Version von einem Ritualmord auftauchte. Das Motiv der Verwandten des Knaben sollte gewesen sein, sich in den Besitz einer auf seinen Namen deponierten Geldsumme zu setzen. Eine dritte Version wollte wissen, der Mord sei von berufsmäßigen Ver­brechern begangen, von deren Treiben Juschtschinski manches be­kannt gewesen sei. Mitschuldige sei die Mutter seines Kameraden Tscheberjak, die beständigen Verkehr mit der Verbrecherwelt unter­halte.

Die Untersuchung ergab jedoch 'tfudi in dieser Richtung kein Belastungsmaterial, dagegen imtrbe der Jude Mendel-Beilis als Angeklagter in Untersuchung gezogen. Nun tauchte das Gerücht aus, der Mord sei von berufsmäßigen Verbrechern in der Absicht begangen, einen Pogrom hervor-zurusen. Auch dieses Gerücht be­zeichnete die Tscheberjak als Mitschuldige. Die Voruntersuchung wurde am 18. Januar 1912 abgeschlossen und das Verfahren gegen Beilis mar bereits im Gang, als dem Staatsanwalt von dem! Journalisten Brasul Bruschtschewski, einem Mitarbeiter derKiews- kaja-Mhsal", die Erklärung zuging, Juschtschinski fei von einer Verbrecherbande ermordet worden, die, um die Untersuchungsbebörd? irre zu führen, einen Ritnalmord inszeniert hatte. Als die Mörder bezeichnete Brasul-Bruschffchewski Juscktsck.inskis Stiefvater, Onkel ünd andere. Der Mortd sei in der Nähe her Höhle verübt morden. Brasuls Erklärungen blieben ohne Einfluß auf den weiteren Gang der gegen Beilis erhobenen Anklage, die am 12. Mai 1912 zur Ver­handlung gelangen sollte. Hieraus erfolgten neue Erklärungen des Jolcrnalisten, welche zur Folge batten, daß das Untersuchungs- material der Behörde zur Vervollständigung zurückgegeben wurde. BruschtsckM'sli nannte mm andere Personen als Täter und be hauptete, der Mord sei in der Wohnung Wjera Tscheberjals mit einem Pfriemen verübt worden. Die wieder angenommene Vor Untersuchung ergab, das; Bruschtschewski mit Hilfe von vier Agenten, von welchen drei zeitweilig in der Geheimpolizei tätig waren, be müht war. Beweise für die Schuld der Wjera Tsckuberjak zu er bringen. Diese gab an, Br. habe ihre Bekanntschaft gesucht, sie v-im Mitteilungen über die Mordtat gebeten und ibr auch des öfteren nahe gelegt, die Schuld an dem Morde auf sich zu nehmen und hinzugefügt, sie könne dabei verdienen. Die Untersuchung stellte fest, daß Br. im Dezemlber 1911 mit der Tscheberiak zu einem wichtigen Herrn" noch Charkow gereift war; dieser wichtige Herr war der Kiewer Rechtsanwalt Margolin, der die Verteidigung des Beilis übernommen hatte. Die Tscheberiak behallptete, dieser Herr habe ihr nahe gelegt, den Mord auf sich zu nehmen. Sie sollte dafür viel Gctld erhalten. Eine hin zu getretene Person habe ihr

tOÜUO Trubel geboten und geragt, sie braucke sich nickP zu ffirckften; man werde ihr ein Dokument einhändigen, damit sie selbst am Tage nicht mit Licht ausgefunden werden könne. Sollte sie dennoch gesunden werden, so würden die besten Verteioiger sie verteidigen. Br. seinerseits gab an, die Reise nach Eharlivw habe den Zweck gel^abt, Wjera Tscheberjak zu prüfen, auch habe sie dort ^Auskünfte einzichen sollen. (Ä sei nicht wahr, daß Margolin der Tscheberjak Vorsckstäge gemacht oder Geld geboten habe.

Tie Anklage gegen Beilis beruht im wesentlichen auf folgen­dem Material:

Man betrachtet als erwiesen, daß Juschtschinski sich am 25. März nicht in die im Zentrum Kiews gelegene Schule, sondern in den abgelegenen Lukjanewkastadtteil begeben hat. Im April er­zählte sein Spielkamerad Eugen Tscheberjak dem Studenten Golu­bew. I. sei am Vtorgen des 25. Mär; bei ihm gewesen und sie seien spazieren gegangen. Später stellte er in Abrede, daß er I. am 25. März gesehen habe, doch nnirbe seine anfängliche Be­hauptung durch die Zeugen Kasimir Schachowskoi und dessen Frau. Uljana bestätigt, welche an dem Morgen beide Knaben zusammen gesehen hatten. Das den Eltern Tscheberjaks gehörende Grund­stück grenzt an das Grundstück einer Ziegelbrennerei, die wiederum in der Nähe des Grundstücks liegt, wo die Leiche gesunden wurde. Am der Ziegelbrennerei war Beilis als Kommis beschäftigt; sie hat eine Sattlerwerkstatt mit dem nötigen Handwerkszeug. Der Zaun der Brennerei war stellenweise zerbrochen und die Knaben gingen oft von dem Grundstück Tscheberjaks auf das der Brennerei, um zu spielen. Schachowski gab nun an,einige Tage nach dem 25. März habe er auf der Straße den Eugen Tscheberjak gefragt, wie er mit Juschtschinski am 25. März spazieren gegangen sei. Der Knabe habe geantwortet, sie seien am Spielen auf dem Grundstück der Ziegelbrennerei verhindert worden; ein Manu mit schwarzem Bart habe sie verscheucht. Schachowskoi sagte dem Untersuchungsrichter, er glaube, der Mann mit dem schwarzen Bart sei der Kommis Beilis gewesen; er setze voraus, Beilis sei am Morde Juscht- schinskis beteiligt, den Eugen Tscheberjak auf das Grundstück der Ziegelfabrik gelockt habe.

Die Frau des Schachowskoi wollte von ihrer Bekannten, Anna Sacharowa, in Gegenwart Nikolai Koljuschnis gehört haben, Juscht­schinski sei beim Spielen mit Eugen Tscheberjak auf der Ziegel­brennerei von einem Mann mit schwarzem Bart vor ihren Augen in den Brennraum geschleppt worden. Tie Sacharowa bestritt, das gesagt zu haben. Auch der Knabe Koljuschni stellte in Abrede, eine derartige Behauptung der Sacharowa gehört zu haben, bestätigte aber später die Aussage der Schachowskoi. Sie, wie ihr Mann wurden mehrmals vernommen und jedesmal machten sie andere Aussagen. I

Eugen Tscheberjak gab an, er habe Juschtschinski zum letzten mal 10 Tage vor Auffindung seiner Leiche gesehen. Andrei sei damals gegen 2 Uhr nachmittags zu ihm gekommen und habe ihn zu einem Spaziergang aufgefordert. Als er ablehnte, sei Juschtschinski fortgegangen. I

Der Angeklagte Beilis, der jede Schuld bestreitet, saß im Untersuchungsgefängnis eine Zeitlang mit einem gewissen Kasa- tschenke zusammen. Als dieser bei seiner Freilassung vom Ausseher aufgefordert wurde, Zettel abzuliefern, die ihm etwa von anderen Arrestanten zugesteckt worden seien, gab er nach einigem Zögern folgenden Brief des, Beilis an seine Frau ab:Teures Weib, den fDiann, der Dir diesen Bries bringt, nimm, wie einen der unseren auf. Er kann Dir in meiner Sacke viel helfen. Sag ihm, wer noch falsch gegen mich zeugt, warum wirkt niemand für mich? Ich fühle, daß ich es im Gefängnis nicht ackshalte, wenn ich noch lange fftzen muß. Wenn Dich der Mann um Geld bittet, so gieb es ihm für nötige Ausgaben. Es sind meine Feinde, die falsch gegen mich zeugen." Der Brief schließt mit dem eigenhändigen Zusatz Beilis: Auf diesen Mann kann man sich verlassen, da er selbst. . . ." Vor dem Untersuchungsrichter gab Kasatschonko an, B e i l i s h ab e ihm Geld für die Vergiftung zweier Zeugen und Erkaufung eines dritten Zeugen angeboten. Die zu Vergiftenden habe er mit Spitznamen bezeichnet. Den Brief an feine Fran habe Beilis einem Arrestanten diktiert. Beilis habe ihm gesagt, auf diesen Brief hin werde feine Frau ihm die von der jüdiscken Nation gesammelten Geldsummen übergeben. Wenn er den Auftrag mit Erfolg ausführe, bekomme er soviel Geld, daß er für sein ganzes Leben lang genug haben werde. Von den erwähnten Spitznamen bezeichnet der eine einen gewissen Michael Nakonetschnp, der andere ben schon erwähnten Schachowskoi. Erste­rer sagte für Beilis günstig aus und erzählte, Schackwwskoi habe auf dem Gang zum Verhör gesagt, er werde es Mendel heimzah­len, daß er ihn Detektivbeamten gegenüber des Holzdiebstahls be­schuldigt habe.

Der Vater Eugen Tscheberjaks gab an, sein Sohn habe ihm einige Tage vor Auffindung der Leiche mitgeteitt, er habe mit Juschtschinski auf der Ziegelb-rennerei gespielt. Daher sei Mende. Beilis ihnen nachgelaufen. Ferner habe fein Sohn bei Beilis zwei Juden in ungewöhnlicher Kleidung gesehen. Eugen Tsche- berjak selbst ist an Dysenterie gestovben. Seine neunjährige Schwester Ludmilla bestätigte die Aussagen ihres Vaters. Sie will ebenfalls die beiden Juden gesehen haben und erzählt weiter, Juschtschinski sei etwa eine Woche vor der Auffindung der Leiche um 8 Uhr morgens zu ihnen gekommen, um ihren Bruder zum Spielen auf der Ziegelbrennerei abzuhvlen, sie und noch einige andere Kinder seien mit den Knaben durch eine Deffnung im Zaun auf das fremde Grundstück gelangt. Während des Spiels sei Mendel Beilis auf sie zugelaufen. Juschtschinski und ihr Bruder Eugen seien von Beilis ergriffen worden. Ihrem Bruder sei es gelungen, sich loszureißen, den Juschtschinsti aber habe Beilis zum Brennraum geschleppt. Ein anderes Mädchen, das cm dem Spiel teilgenommen haben soll, erinnert sich des Vorfalles nicht. Beilis erklärte, er habe weder Juschtschinski noch Eugen Tscheberjak gekannt, wohl aber kenne er des letzteren Mutter. Zuweilen sei er genötigt gewesen, auf dem Grundstück der Ziegel­brennerei spielende Knaben fortzujagen, den Besuch von Juden in ungewöhnlicher Meldung habe er nicht erhalten. Sein Vater sei Chasside gewesen, er selbst fei nicht religiös und arbeite auch am Samstag.

Heber die Frage des Ritual m orffes find einige Gut­achten eingeholt worden. Der Psychiater Sikorski sieht in dem Mord einen Akt der Rassenrache einerVendetta der Söhne Jacobs" gegen Subjekte einer anderen Rasse und meint, die Wahl von Opfern im Kindesalter und die Blutentziehung wiesen mög­licherweise auf einen religiösen Akt hin. Die Professoren der geistlichen Akademie in Kiew und Petersburg Hlegelew imb Troizki verneinten unter Berufung auf die Lehren der Bibel und des Talmuds die Möglichkeit des Gebrauchs von Menschen- und ins­besondere von Chriftenblul durch Juden. Dagegen ist der katho­lische Geistliche mag. theol. Pranaitis der Ansicht, daß bet den Juden das sogenannteBlutdogma" existiere. Alle Rabbiner­schulen würden, ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheiten in verschiedenen Fragen, durch den Haß gegen Nichtjuden geeint, die der Talmud nicht mal für Menschen, sondernfür Tiere in Menschengestalt" halte. Dieser Haß gegen Nichtjuden erreiche seinen Höhepunkt im Haß gegen Christen. Tiefes Haßgefühl sei ber Ausgangspunkt der vom Talmund erteilten Erlaubnisse, ja sogar Weisung, Nichtjuden zu töten. Mag. Pranaitis bezieht sich dabei auf eine Schrift des Mönchs Neophyt, eines zum Christentum übergetretenen jüdischen Rabbiners, der ausführt, die Juden brauchten Christenblut, das sie dem ungesäuerten Brot beimischten.

Kiew, 8. Oft. Im Ritualmordprozeß Beilis wurde die Geschworenen bank gebildet aus sieben Bauern, zwei Kleinbürgern und drei Beamten.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 9. Oktober 1913.

Gießener Eisenbahnfrngen.

Die Schädigung der Stadt Gießen durch die Verlegung des Güterverkehrs oder wenigstens eines beträchtlichen Teiles vom Bahnhof Gießen nach dem Bahnhof Wetzlar, über die wir s. Zt. eingehend berichtet haben, ist Gegenstand einer Mitteilung des Oberbürger- mcisters an die Stadtverordneten gewesen, wonach die Eisen­bahn-Direktion Frankfurt a. M. aus eine Anfrage der

Bürgermeisterei noch keine sachdienliche Antwort erteilt hat. Diese Säumigkeit der Eisenbahnbehörde läßt tief blicken; sie beweist wohl, daß die Schädigung des hessischen Staates, unserer Stadt und eines Teils der Gießener Ge­schäftswelt durch Verlegung eines größeren Teils des Eisen-» bahnpersonals von Gießen nach dem preußischen Wetzlar im Werke ist. Durch die im Bau begriffene Schienenverbin­dung zwffchen dem äußeren Bahnhos Gießen und der Lahn­bahn, firmten nach Fertigstellung große Güterzüge in Wetz­lar zusammengesteUt (rangiert, und unter Umgehung von Gießen auf den Weg gebracht werden. Diese Maßnahme war getroffen, um Sen Bahnhof Gießen von Durchgangs­gütern zu entlasten. Damit Hand in Hand gehend, war eine wesentliche Vergrößerung des Bahnhofs Gießen nach der Lahn hin geplant, um unsere Bahnhofsanlage dem stetig wachsenden Verkehre anznpassen. Äeser Teil des Planes ist aber wieder aufgegeben worden; man will da­gegen den Bahnhof Wetzlar vergrößern und, was die Haupt­sache ist, die Strecke LollarWetzlar zweigleisig ausbauen, um mit der Zeit den ganzen Rangierdienst von Gießen nach Wetzlar zu verlegen.

Wenn es auch nur hundert Eisenbahnerfamilien sind, die Gießen durch die geplante Aenderung verlieren würde, so wäre die Schädigung für unsere Stadt schon groß genug, aber man wird mit der Zeit schon Mittel und Wege und auch Gründe finden, den gewaltigen Verkehr des Bahn­hofs Gießen nach Preußen zu verlegen. Man sollte daher nicht warten, bis die Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M. Zeit und Gelegenheit findet, die Anfrage unserer Stadt­verwaltung zu 'beantworten. Breite Schichten unserer er­werbstätigen Bevölkerung befinden sich in begreiflicher Er­regung über den Plan der Eisenbahnbehörde, der ihre Interessen auf das schwerste schädigen würde. Noch ist es Zeit, bett drohenden Schlag abzuwenden. Die Stadtver­tretung sollte nicht erst lange auf eine sachdienliche Antwort warten, sondern sich eine solche persönlich an Ort und Stelle in Frankfurt a. M. erbitten. Die beiden Landtagsabgeord­neten in unserer Stadt hätten alle Veranlassung, das Ministerium in Darmstadt auf die drohende Schädigung der Stadt Gießen aufmerksam zu machen, eine Schädigung, von der besonders unsere Gewerbetreibenden betroffen wer­den, die die meisten Lasten in Staat und« Gemeinde zu tragen haben. Es ist in fiüherer Zeit der große Fehler gewesen, daß man den Veränderungen im Verkehrsleben teilnahm- los gegenübergestanden hat, und vollzogene Tatsachen ab- toartete, an denen nichts mehr zu ändern war. Der Selbst­erhaltungstrieb und das Interesse unserer Stadt gebietet, daß in dieser Frage alle Faktoren sich regen, um einen Plan zu verhindern, dessen Verwirklichung dem Gemein­wohl der Stadt Schaden bringen muß.

*

* * Tageskalender für Donnerstag, den 9. Oft.: Kaufm. Verein unb Ortsgewerbeverein. Vortrag über Samoa. Abends 81/, Uhr in der großen Universitäts-Aula.

Oesfentliche Eisenbahner - Versammlung. Abends 9 Uhr int Felsenkcller. .

Ernennung. Der Groß Herzog hat den ordent­lichen Professor an der Universität Marburg Dr. Karl Kalb­fleisch zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Gießen mit Wirkung vom 1. Oktober 1913 ernannt.

* * Audienzen. Der Großherzog empfing am 8. Okt. l. I. u. a. den Pfarrer Kleberger von Friedberg und den Professor Dr. Engel von Gießen.

* Ordensverleihung. Der Großherzog ver­lieh dem Lehrer Jakob Liebmann zu Weinolsheim, Kreis Oppenheim, anläßlich seiner vom 1. November 1913 ab er­folgten Versetzung in den Ruhestand daZ Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps deS Großmütigen.

* Gerichtliche Personalveränderungen. Der Großherzog ernannte den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg, Dr. Willy von Becker, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Neinheim und den Gerichtsassessor Karl G u n d r u m in Homberg zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg, beide mit Wirkung vom 15. Oktober 1913.

**DasReserve-Jnfante r ie-Re g i m en t, bav am 23. September auf dem Darmstädter Truppenübimgc- platz zu einer 14tägwjen Hebung zusammengezogen wurde, wurde gestern vormittag wieder aufgelöst.

** Bürgerverein. Herr Lehrer Kling schreibt uns: In '.Ihrem Berichte über die gestrige Versammlung des hiesigen Bürgervereins sind meine Ausführungen un­richtig wiedergebeben. Ich habe ausdrücklich erklärt, daß ich mich mit ernem Zusammengehen des Bürgervereins mit der Sozialdemokratie nicht einverstanden erklären könne. Ferner sprach ich den Wunsch aus, der Bürgerverern möchte, wenn er an die politischen Parteien zwecks einer Verständigung über die Stadtverordneten wähl heranträte, auch die politisch rechtsstehenden Parteigruppen berücksich­tigen. Dies wurde mir auch von dem Vorstände des Bürger - veveins zugesichert.

** Rückgang der Geburten. Frau Schneider­meister W a m s e r in Gießen erfreute sich einer weitverzweig­ten Kundschaft bei den Frauen und Mädchen der Land­bevölkerung besonders im Busecker Tal und in der Wet­terau als kluge Frau, die die H e i 1 k u n ft ausübte. Heimlich hat sich die Frau Dokter aus Gießen jahrelang in der Hauptsache damit befaßt, den Kindersegen auf dem Lande zu korrigieren, bis sie endlich der Justiz in die Hände gefallen ist. Ihr unheilvolles Treiben ist zur Kenntnis der Staats­anwaltschaft gekommen, weil Frau Wämser mit ihrer Be­handlung eine Frau andenRanddes Grabes geliefert hat. Die geführte Untersuchung hat feftgestellt, daß in einem etwa 250 Einwohner zählenden Dorfe im Kreise Gießen, in welchem pro Jahr früher stets 20 bis 22 Geburten zu ver­zeichnen waren, die Geburtsziffer seit einigen Jahren auf 4 bis 6 herunterging. Die Dorfältesten schüttelten die Köpfe und wunderten sich, daß der Klapperstorch die Gewinde so sehr stiefmütterlich behandelt, aber daran, daß die Besuche der klugen Frau aus Gießen an dem spärlichen Nachwuchs in der Gemeinde schuldig sein könnten, hat keiner der Männer gedacht, bis die Staatsanwaltschaft das Rätsel löste. Frau Wämser hatte sich, als sie Unheil witterte, in die Sommer­frische nach der Schweiz begeben, sie wurde dort verhaftet und nach Gießen zurückgebracht, wo sie in der festen Billa an der Ost-Anlage vorläufig ein sicheres Unterkommen fand, bis im Dezember wieder das Schwurgericht zusammentritt, um sich mit ihrer sonderbaren Heilkunst zu beschäftigen.

Landkreis Gießen.

H. Alle n dor s a. d. Lda., 8. Okt. Der Geslügelzucht- v er ein Mlendvrs und Umgegend hält vom 15.17 November im Ranftschen Saale dabiec eine Bczirksausftellung von seshstgezücktetem Gkflügd ab. Die Ausstellung zerfällt in 26 Klas­sen, in welchen je drei Preise im Betrage von 8, 5 und 3 Mk. ver­geben werden können; dazu kommen 12 Ehrenpreise sowie mehrere lobende Anerkennungen. Mit der Ausstellung ist eine Verlosung von Geflügel und Zuchtgerätschaftcn verbunden, zu der 1000 Lose