,2?? > Erstes Blatt 163. Jahrgang Donnerstag. 9. Oktober M3
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MM General-Anzeiger für Oberheffen ßDW bis vorinitlags 9 Uhr. Kotntionsörud und Verlag der Bnchl'lchen Univ.-Buch- und Steindruckerei H. Lange. Heöoftion, Lrpedition und Druckerei: Schulstrahe 7. Anzeig?ntett:' H? Beck!
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Der Stand der hessischen v esoldungsresorm.
Es herrscht sowohl in den Kreisen der hessischen Be- nmten lute auch in der weiteren Bevölkerung eine vn- dauernde Mißstimmung darüber, daß die Verhandlungen über Die Besoldungsvorlage der Regierung anscheinend noch immer nicht recht von der Stelle rücken wollen, trotzdem wir bereits das erste Drittel des Oktober erreicht haben.
faöt sich mit Recht, daß ein endgültiger Abschluß der Beratungen und eine befriedigende Lösung über die Neuordnung der Beamten- und Lehrergehälter überhaupt nur dann noch im Lause der gegenwärtigen Landtags- scssion erzielt werden kann, wenn die ganze Vorlage spätestens im nächsten Monat vor das Plenum der Zweiten Kammer kommt. Gelingt das nicht, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Besoldungsresorm, die nun schon seit etlua fünf Jahren das parlamentarische Repertoire beherrscht und hüben wie drüben die Gemüter in Erregung hält, in diesem Landtag überhaupt nicht mehr zur Verabschiedung kommen wird. Bekanntlich haben nun aber im Herbst des nächsten Jahres die dreijährigen E r g ä n z u n g s w a h- len zur Zweiten Kammer stattzufinden, und dann haben wir, wohlgemerkt, den ersten Landtag in Hessen, der nicht mehr, iuic der gegenwärtige, zur Hälfte aus direkten und zur Hälfte aus indirekt gewählten Mitgliedern, sondern ausschließlich aus 58 direkt von: Volke gewählten Abgeordneten bestehen wird. Die hessische Wählerschaft würde also nach Ablauf der jetzigen Tagung in der Lage sein, sich ihre Vertreter in der Gesetzgebung recht genau anzusehen und deren Glaubensbekenntnis bezüglich der Besoldungsresorm einzuholen. Und auch die Beamten und die Lehrer Hessens würden gewiß nicht verfehlen, von den wiederkandidierenden Herren Rechenschaft einzu- fordern über die wirklichen Beweggründe, die zu der immer wieder veranlaßten .Hinauszögerung der Beratung Veranlassung gegeben haben möchten. Gerade dieser Umstand sollte doch den mehr oder weniger verstockten Gegnern der Vorlage eine recht ernste Ermahnung sein, sich jeder weiteren Erschwerung der Beratung, zu enthalten und alles zu tun, um im Interesse der direkt betroffenen Beamten sowohl, wie der ganzen Bevölkerung des Landes die Besoldungsreform jetzt so schleunig wie möglich zum Abschluß zu bringen. Die Regierung hat ja nun der ganzen Sache zweifellos einen guten Dienst getan, indem sie in der vorigen Woche im Finanzausschuß ihre Stellungnahme näher kennzeichnete, nicht minder auch dadurch, daß sie mit großer Entschiedenheit auf eine Beschleunigung der Beratungen drang und die Notwendigkeit einer Verabschiedung der Vorlage noch im H erb st betonte. Auch aus der Ersten Kammer soll bereits unzweideutig zu verstehen gegeben worden sein, daß sie nur dann noch für eine Erledigung der Vorlage in dieser Tagung einstehen könne, loenn sie in die Lage versetzt werde, sich vor der neuen Budgetberatung damit zu beschäftigen.
Diese Tatsachen scheinen nun auch auf den Finanzausschuß der Zweiten Kammer — dessen Mehrheit übrigens den besten Willen zur raschen Arbeit nie verleugnete — etwas belebend eingewirkt und den Willen zur Verständigung gestärkt zu haben. Aber die Schwierigkeiten sind damit noch lange nicht behoben. Es ist vor allem noch immer nicht gelungen, über die Gestaltung des Verhältnisses zwi
schen den städtischen und den ländlichen Beamten eine Einigung zu erzielen. Der Finanzausschuß tappt da auch gewissermaßen im Dunkeln herum. Selbst wenn es ihm nämlich gelingt, alle Schwierigkeiten und auseinandergehenden Anschauungen glücklich zu überwinden, so ist noch lange nicht abzusehen, wie sich später das Kammer- Plenumzu den Ausschußbeschlüssen stellen wird. Man operiert z. B. jetzt noch immer sehr stark mit den „Richtlinien" der 31 Mitglieder der „Wirtschaftlichen Vereinigung"; es wird aber von kundigen Thebanern doch einigermaßen bezweifelt, ob diese bei der entscheidenden Abstimmung namentlich bezüglich des Wohnungsgeldes sämtlich auf ihrem Standpunkt beharren und damit auch die Verantwortung für ein evcnt. Scheitern der ganzen Vorlage auf sich zu nehmen den Mut haben werden.
Der Ausschuß hat sich nun auch, wie schon früher kurz erwähnt, in seinen letzten Sitzungen sehr eifrig mit der Frage einer Vereinfachung der Gehaltsskala durch Zusammenlegung ähnlicher Dienststellen zu gleichen Gehaltssätzen beschäftigt. Diesem Gedanken an sich, den verwickelten Apparat mit den 81 verschiedenen Gehaltsklassen zu vereinfachen, wird man eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können und auch die Mehrheit der davon betroffenen Beamten dürfte sich mit ihm befreunden, namentlich wenn, wie uns versichert wird, die unteren und mittleren Beam- ten dabei zumeist eine kleine Gehaltsaufbesserung erfahren, lieber diesen Punkt dürfte eine Einigung im Ausschuß nicht allzu schwer werden, und auch die Regierung hat sich in der gemeinsamen Sitzung nicht dagegen ausgesprochen. Wie sich im übrigen die jetzigen Ausschußberatungen gestalten werden, ist bei der strengen Diskretion, deren sich die Mitglieder ja nicht mit Unrecht so lange befleißigen, nicht zu ermessen. Es wird aber die Hoffnung gehegt, und es besteht jedenfalls auch der Wille dazu, die Aus- schußberatungen in einigen Wochen zum Abschluß zu führen, damit dann um die Mitte, oder doch wenigstens gegen Ende November die P l e n a r b e r a t u n g e n ihren Anfang nehmen können. Hoffen wir das Beste!
Der Geburtenrückgang.
Von einem Besucher der öffentlichen Versammlung, die am Montag in Gießen stattfand, erhalten wir folgende Betrachtungen zum Abdruck:
Es wird viel über die abnehmende Kinderzahl geklagt und nach Mitteln zur Abhilfe gesucht. Moral, Vaterlandsliebe, Religion, das Strafgesetzbuch sollen helfen. Das wirksamste Mittel wurde aber — meines Wissens — bisher nirgends erwähnt. Dies ist die volle Berücksichtigung des Egoismus, der im ganzen menschlichen Leben doch eine große Rolle spielt.
Haben die Eltern Vorteile von den Kindern, so werden sie die Kinderzahl gewiß nicht freiwillig beschränken, im Gegenteil, jeder Familienzuwachs wird mit Freude begrüßt und alles getan werden, die Geborenen gesund und leistungsfähig zu erhalten. Wir sehen denn auch, daß überall da die Geburtszahl eine große ist, wo es Sitte, daß die Kinder, nachdem sie leiftungs- und erwerbsfähig geworden sind, die Eltern unterstützen. So fast überall auf dem Lande, wo die Kinder, bis sie selbst eine Familie gründen, Mitarbeiten, oder, wenn sie eine Stellung an- nehmen, einen Teil ihres Lohns den Eltern abgeben, so in vielen Industriegebieten, beispielsweise in dem Bergwerksgebiet der Saar, wo dies auch geschieht und wo es von Kindern wimmelt. In jungen Jahren nehmen dann die Eltern die Sorgen und Mühen, welche die Sprößlinge bringen, gern auf sich. Sie wissen, daß die Kinder, wenn diese erwerbsfähig geworden sind, es ihnen vergelten werden. Was sie für die Nachkommenschaft aufwenden, ist eine gute Kapitalsanlage, die später Zinsen trägt. Sie ist eine
Sicherung für das eigene Alter. Der Egoismus, der in jedem: Menschen steckt, wirkt also hier int allgemeinen Interesse. Es sollte daher alles geschehen, um die Sitte zu erhalten, daß die Kinder ihre Eltern unterstützen.
Wie ist es aber in Wirklichkeit? Wie viele Leute gibt es, die sich — man muß sagen, lurzsichtigerweise — darüber aufregen, wenn ein Dieuftbote, ein Geselle, ein Arbeiter und eine Arbeiterin: einen Teil des Lohnes an feine Eltern abgibt. Sie sind der Ansicht, das sei unbillig, es wäre besser, das Kind spare sich etwas. Wenn es den Eltern gut geht, wenn diese die Unterstützung des Kindes nicht brauchen, ist dies auch richttg, wie aber, wenn es den Eltern knapp gebt? Da müssen die Kinder ein)Dringen und zwar nicht mit Almosen, sondern infolge einer durch die Sitte gebotenen und durch die Gesetze gestützten Pflicht. Die Kinder vergelten dann den Eltern, was diese für sie getan haben, und müssen ihrerseits die Gewißheit haben, daß auch dermaleinst ihre Kinder das Gleiche für sie tun werden. So geschieht niemand Unrecht, reicher „Kindersegen" wird auch zum persönlichen Segen. Kommen dann die Einwirkung der Religion, der Moral, der Vaterlands- liehe und auch die Scheu vor dem Strafgesetzbuch hinzu, so wird von einer gewollten Beschränkung der Geburten kaum noch die Rede sein. Geht es den Eltern gut, so wird diese die Liebe zu ihren Kindern schon veranlassen, entweder für sie zu sparen, oder sie selbst sparen zu lassen. Der Grundsatz, daß es Pflicht der Kinder ist, für ihre Eltern mitzuerwerben, darf darunter aber nicht leiden; nicht das Kind hat also über das Erworbene! zu verfügen, sondern die Eltern.
Im bürgerlichen Gesetzbuch ist zwar die Unterhaltungspsticht der Eltern durch die Kinder festgelegt, aber nur für den Fall, daß die Eltern außer Stande find, sich selbst zu erhalten und wenn der eigene standesgemäße Unterhalt des Kindes nicht gefährdet lüirb. Das ist zwar etwas, aber nicht genug. Tie Eltern bestimmen bis zum 21. Jahre den Aufenthaltsort des Kindes. Der Vater hat das Recht und die Pflicht, das Vermögen des minderjährigen Kindes zu verwalten, die Einkünfte des Vermögens darf er für sich, den Arbeitsverdienst des Kindes aber nur für dieses verwenden. Wie ist das im täglichen Leben auseincmderzuhalten! Zudem ist das Vormundschaftsgericht stets berechtigt, Mißbräuchen entgegenzu- treten. Die Bestimmung, daß das, was das Kind durch feine Arbeit erwirbt, von der Nutznießung durch die Eltern ausge- schlossen ist, muß also beseitigt, zum wenigsten beschränkt werden. Sie widerspricht dem staatlichen Interesse. Der Staat muß aus eine hohe Kinderzahl hinwirken.
Das gleiche Ziel läßt sich zwar seitens des Staates durch manches andere erreichen: Wochenbettbeihilfen, Säuglingsheime, Erziehungsbeiträge, Steuerbefreiungen oder wenigstens Ermäßigungen, Unterstützungen, Pensionen, wenn die Kinderzahl eine bestimmte Höhe überschreitet (in Frankreich: 3). Aber das kostet viel Geld, da ist es schon besser, zunächst an die dem deutschen Familiensinn sich anschließende Sitte anzuknüpfen, daß das Kind bis zur Gründung seines eigenen Heims die Eltern unterstützt.
Auf dem Gießener Frauentag ist auch die Frage des Geburtenrückgangs behandelt worden. Wirtschaftliche Rücksichten wurden verantwortlich gemacht. Andererseits wurde von sachverständiger Seite darauf hingewiesen, daß über die Geburtenbeschränkung vielfach sehr laxe Anschauungen herrschen. Diese das Volkswohl und die eigene Gesundheit auf das höchste gefährdende Seuche der Zeit ist nach den statistischen Erhebungen besonders in die intelligenteren msttleren Klassen, vor allem in die der gehobenen Arbeiter eingedrungen. Trifft dies alles zu, fo ist es um so mehr nötig, durch eine große Kind erzähl den Eltern wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Kl.«
Geburtenrückgang auch in England.
Auch in England wird, so teilt ein Londoner Berichterstatter der Frkf. Ztg. mit, feit den letzten Jahren der amtliche Bericht über die Bevölkerungsbewegung mit einer sorgenvollen Spannung erwartet: denn obgleich man von der französischen Stagnation noch ziemlich weit entfernt ist, so bestätigt doch jede neue Statistik, daß man sich in dieser Richtung befindet. Die Geburtenrate ist in dem veröffentlichten Berichte über das Jahr 1911 die niedrigste»
Aus der eisernen Zeit: Bayerns Anschluß an die verbündeten.
Noch kurz vor der großen Entscheidungsschlacht gelang es, auch Bayern auf die Seite der Verbündeten zu ziehen: nach langen Verhandlungen kam es am 8. Oktober zu dem Vertrag von Ried. So schwerwiegende Momente diese lange geheimgeh ftenen Abmattungen zwischen Oesterreich und Bayern auch für Preußen hatten, das dadurch Ansbach und Bayreuth verlor, so war doch der Anschluß des Königreiches in diesem kritischen Augenblick ein wertvoller Machtzuwachs, der auf Napoleon feinen Eindruck nicht verfehlte. Tie bayrischen Truppen sehnten den Augenblick herbei, da sie nicht mehr gegen ihre Brüder zu fechten gezwungen sein würden. Ter Prinz August von Thurn und Taxis, der selbst an den Verhandlungen gewichtigen Anteil hatte, erzählt in seinen vor kurzem im Jnselverlag erschienenen Erinnerungen, daß der Oberbefehlshaber der bayrischen Truppen, der General Wrede, schon seit der Aushebung des Waffenstillstandes nun seinerseits in einen „stillschweigenden Waffenstillstand" trat, non dem er den Franzosen keine Mitteilung machte, den er aber ffrprta durchführte. Anfang September begannen dann die diplo- mattschen Verhandlungen zwischen Wien und Nymphenburg. Metternich entsandte einen seiner gewandtesten Diplomaten,, den Baron ftriibn * die beiden Kaiser suchten auf den baynfthen König darrch freundliche Schreiben zu wirken. Alles wurde auf das Un- rrnffn'mcifte betrieben. „Da man immer das größte Geheimnis beobachten wollte," erzählt Prinz August „so erschien Hruby als Parlamentär mit einem Trompeter und unter dem Namen „Ä o,nnüm eines Majors von Renner im Generalstab. Ueber- hauvt war cs mir & nur möglich, dem äußeren Gang des Ge- schäftes^n folgen, und selbst hier verlor ich nochmals den Faden, so sehr geschah alles im stillen, und vielleicht waren nicht sieben Personen in Braunau, die wußten, was trorging/ Ire Diplomaten äSSwS Vöaerten noch immer und suchten die Sache hintan^u- W n ÄHk Soldaten ungeduldig auf einen Anschluß Ä Verbündeten drängten. Als der Prinz, von Thurn und Taris am 5 Oktober früh im Auftrag des Königs von dem Mi- iftfttr eine klare Antwort haben wollte, erklärte dieier, die Sachen Kph mit llcbercilima betrieben; er wollte die Verhandlungen S möaltoft in ihige ziehen, um erst die Entscheidungs- !ck>lack>7 von der man munkelte, abzmvarten. Der Prinz wutte !mk n-schMe Weise die Entsendung eines neuen D.plomnten, S neue Schwierigkeiten bereitet hatte, zn »ettnnbern Aber AI mit feinen unbestimmten Antworten am 6. Oktober in Rftd eintraf, waren die Oesterreicher so außer sich, daß sie drohten, sofort abiiireisen Wrede eilte nun ftlbst zum König, der ihm nach Bogenhausen eutgegeukam, „sprach mit ^ 'etzte alles auseinander, kurz, sagte, was zu sagen war, und überwand alle
Bedenklichkeiten. Am 8. um 3 Uhr früh war er wieder in Ried, und an diesem Tage wurde endlich der Traktat abgeschlossen und unterzeichnet." Schon am 9. konnte der Vertrag zur Ratifikation nach München geschickt werden, und am 10. ließ General Wrede das bayrische Armeekorps sich in marschfertiger Bereitschaft auf den Straßen nach Landeshut aufstellen, um auf den ersten Befehl gegen den früheren Verbündeten und nunmehrigen Feind, den er und seine Soldaten schon lange hassen gelernt hatten, zu marschieren.
— W ie Gustav Frenssen zum Dichter wurde. Neue Mitteilungen über die künstlerische Entwicklung des „Jörn Uhl"-Dichters, der am 19. Oktober seinen 5 0. Geburts- t a g feiert, bietet Hans von Bruneck in dem demnächst erscheinenden Heft der Grenzboten. Sein innerliches Wachsen und Werden, das in der bäuerlichen Kindheit so reich sich entfaltet, war während der Studienjahre unterbrochen worden. Die Eindrücke der Fremde in Tübingen und Berlin hatten seinen Blick nach außen abgelenkt. Erst da er als Pfarrer in die Heimat, zuerst nach Hennstedt und dann nach Hemme, beides Dörfer in Norderdithmarschen, kam, begann er sich in seinem Amt wieder als selbständige Persönlichkeit zu fühlen und rang heiß mit den seelischen Konflikten, die keinem erspart bleiben, der es ernst meint mit seinem Verhältnis zur Welt, zu den Menschen und zu Gott. Woche um Woche, bei jeder Predigt, brachen diese innerlichen Qualen hervor, und in diesen ruhelosen Jahren der geistigen Not wurde in ihm der Dichter geboren. Neben dem Erleben und Schaffen seiner Predigten ging sein künstlerisches Gestalten folgerichtig her, denn sein Ringen mit dem Genius hing unmittelbar mit dem Ringen um den Ausdruck seiner Weltanstt>auung zusammen. Beim Predigen wurde ihm seine dichterische Begabung klar und immer klarer. Zuerst war er durch einen reinen Zufall an die poetischen Versuche seiner Jünglingszeit erinnert worden; nun klammerte sich mit eiserner Notwendigkeit sein Inneres an diese Erinnerung, und er empfand es, wie er in einem Selbstbekenntnis sagt, „daß ich endlich die Stelle gefunden hätte, wo meine Wunderlichkeit und meine Gabe läge. Und allmählich, wie ich weiter sann und wie ich die ersten kleinen Geschichten schrieb, wurde es immer heller, ich merkte, daß ich Augen hatte, welche die Dinge und die Seele plastisch sehen. Ich merkte, daß ich idas Weinen mit den Weinenden und das Lachen mit den Lachenden nicht als christliche Lebensregel mir zu eigen gemacht hatte, sondern daß es eine besondere Naturanlage war, die mich so hob, so bedrückte; das Leben aller Menschen rnit- zuleben. Ich hatte die Gabe, mich zu vergessen, ja ich kann sagen, mich zu verlassen, und auf Stunden und Tage wie einer zu sein, der das Leben eines andern führt. Da, nach kurzem Zaudern fing ich an, den ersten Roman zu schreiben. Ich hatte
eine neue Aufgabe. Ich zog aus, mit dem Mut und mit dem! Bangen der israelitischen Kundschafter, neue Länder zu entdecken. Und ich habe die Länder wahrhaftig und nicht im Traume gesehen."
— OesterreichischeHöhlenforschungen. Durch die Sektion Salzburg des Oesterreichischen Vereins für Höhlenkunde sind nach „Peterm. Mitt." in den letzten zwei Jahren Untersuchungen in den bereits bekannten Höhlen Salzburgs gemacht worden in der Absicht, ungewöhnliche Funde aufzuspüren, sowie neuen Höhlen nachzuforschen; beide Bestrebungen sind in diesem Sommer von vollem Erfolge gekrönt worden. Es ist gelungen, in der Fortsetzung der Posselthöhle im.Tennengebirge ein so ausgedehntes System von Gängen mit Eisbildungen zu entdecken, daß die Posselthöhle an Ausdehnung die Rieseneishöhle im Dachsteingebiet, die bisher als größte Eishöhle Europas galt, übertrifft. Am Urttersberg wurde fast gleichzeittg ein diluvialer Bärenhorst aufgefunden, dessen Alter auf mindestens 50 000 Jahre geschätzt wird. Diese Entdeckungen gaben den Anlaß zu einer Salzburger Höhlenschau, die am 11. September eröffnet wurde, sie enthält eine große Sammlung von Bildern, Modellen, Plänen und Grundrissen sowie von Ske^tftunden.
— Das Museum des heiligen Franziskus in Assisi. Aus Assisi wird berichtet: In diesen Tagen hat Corrado Ricci in Amvesenheit der Prvvinzbehörden und der Vertreter der internationalen Gesellschaft für franziskanische Forschung den Grundstein zu einem neuen Museum gelegt, das in unmittelbarer Nahe der Basilika erstehen wird und in dem die zahlreichen Reliquien und Dokumente über das Leben des heiligen Franziskus vereinigt werden sollen. Damit hat ein langgehegter Wunsch der führenden Franziskus-Forscher den ersten Schritt zu seiner Erfüllung gefunden. Im Anschluß an das Franziskus-MusenM wird eine historische Bibliothek erstehen, die bestimmt ist, ein Mittelpunkt aller auf das Leben und Wirken des heiligen Franziskus gerichteten Studien und Forschungen zu werden.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. Die 11. Internationale Tuber kulosekon- ferenz findet vom 22. bis 25. Oktober 1913 im Reichstagsge- gebäube zu Berlin statt. — Der ordentliche Professor und Direktor des pharmakologischen Instituts an der Universität St raßburg t. E., Dr. Oswald Schmiedeberg, vollendet am 11. Oktober das 75. Lebensjahr. Er ist Ehrendoktor der Universttäten Edinburg und Bologna, auswärtiges Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Bonn, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Medizin in Paris und Ehrenmitglied der gleiüen Akademie in Brüssel. — Der Direktor der Akaoemnchen Dochlchu e der bildenden Künste in Berlin, Anton v Werner, erhielt zur Kräftigung seiner Oesuntcheit einen sechsmonatigen Urlaub,


