Ausgabe 
8.4.1913 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

üfisTTTot r1 etett haben ühb" Werl toenn Krieg kommt wir Sieger bleiben wollen. (Beifall.) Die große Mehrheit des Volkes erkennt diese Bedeutung der Vorlage an. (Sehr richtig. Lachen bei den Soz.) Sie will, daß die Vorlage Gesetz wird. Wir werden, auch wenn die Vorlage Gesetz geworden sein wird, s o tvenig ein Störenfried i n der Welt sein, wie wir es bisher waren. Den negativen Beweis dafür bietet die jahrhundertealte Geschichte des alten Reiches und den Positiven Beweis die Zeit seit 1870. (Beifall.)

. Vo n der englischen M i n i st e r b a n k ist in der letzten Seit wiederholt betont worden, daß bei voller und unveränderter Aufrechterhaltung der bestehenden Mächtegruppierung Fäden der Freundschaft von d.'r Macht der einen Gruppe zu der anderen Gruppe hinüberlaufen könnten. Ich stimme dem zu, möchte dieses aiott sogar dahin erweitern, daß solche Fäden der Freundschaft gesponnen werden müssen. Wir werden das nm so leichter tun können, je sicherer und ruhiger wir in die Zukunft sehen können. Denn politische Freundschaften, meine Herren! w i r wollen i. i ch t sentimental sein sind politische Geschäfte. (Bewegung.) Wie im Wirtschafts­leben, so lassen sich auch im politischen Leben Geschäfte am leich­testen und zuverlässigsten unter starken Partnern ab­schließen. Der Schwache kommt immer unter die Näder. (Sehr richtig.)) jj z .....

2ch habe schon betont, daß wir gute Beziehungen zur franzo- .srschen und russischen Negierung pflegen, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg. Dasselbe gilt von England. Von unserer gemein­samen Tätigkeit bei den Londoner Botschaftsbesprechungen habe ich schon gesprochen. Nun hat Mister Churchill in der großen Rede, die er neulich gHalten hat, das V erhältnis der englischen Flotte zur deutschen Flotte beleuchtet und dabei einen Gedanken wiederholt, den er bereits im vorigen Jahre und zwar auch im Parlament ausgesprochen hat, den Ge­danken, daß zur Verminderung der Rüstungen die Schiffs­werften der großen Nationen von Zeit zu Zeit ein Jahr Feiertag machen. Mister Churchill hat diesen Vor­schlag speziell an Deutschland, und zwar für die Jahre 1914 oder 1915, gerichtet. Aber er hat selbst anerkannt, daß alle Groß­mächte an dieser Kontingentierung beteiligt werden müßten. Die Marinesachverständigen diesseits und jenseits der Nordsee haben, wie mir scheint, ziemlich übereinstimmend, auf die großen Schwie­rigkeiten hingewiesen, die sich der Ausführung dieses Problems entgegenstellen. Mister Churchill selbst hat diese Schwierigkeiten gekannt. Auch ist mir nicht bekannt geworden, daß sein Gedanke hn englischen Parlament oder in der englischen öffentlichen Mei­nung mit besonderer Entschiedenheit aufgegriffen wäre, (Sehr richtig!)) y.. - - -

Wir tocfb'en daher abwarten können, ob d i c englische Regierung mit konkreten Vorschlägen an uns herantreten sollte. Aber die Tatsache, daß dieser Gedanke ausgesprochen worden ist, und die Formen, in die der erste Lord der englischen Admiralität sie gekleidet hat, be­deutet schon einen großen Fortschritt. (Sehr richtig.) Es gab eine Zeit, wo jede Form eines Vergleichs der englischen und der deutschen Seestärke, des englischen und des deutschen Schiffsbaues, zu einer Flottenhetze führte, die immer wieder ine Beziehungen beider Länder vergiftete. (Lebh. Zustimmung.) Ich hoffe, daß diese Zeiten der Vergangenheit angehören. (Bei­fall.) Mir scheint, daß das Vertrauen wiederzukehren beginnt, das lange Zeit zum Schaden beider Länder und der Welt ge­fehlt hat.*«'

_> Wir alle kennen die Worte, mit denen Mr. Asquith und Sir Edward Grey die derzeitigen deutsch-englischen Beziehungen besprochen haben. Die Feststellung, daß diese Beziehungen zur­zeit gut sind, kann ich nur bestätigen, und freue mich, das tun zu können. Herr Churchill hat seine Rede mit Worten geschloffen, die die ganze Sicherheit einer selbstbewußten Stärke hatten, er Hat die englische Seemacht gefeiert, daß keine andere Seemacht die politische Entwicklung in England ablenken oder einschränken .könne. Er hat darauf hingewiesen, daß in diesen Monaten voll ^Besorgnis, Spannung und Gefahr es keine Großmacht gegeben habe, die nicht dankbar gewesen wäre, daß Englands Bedeutung im Konzert der Mächte eine Wirkung und kein Schatten sei, daß jEngland frei und stark gewesen sei, um für den allgemeinen Frieden zu wirken. Nun, meine Herren, das ist nichts anderes, Äls was wir wollen; auch w ir wollen frei und stark [fein, nicht um andere zu unterdrücken, sondern um uns frei und ungehemmt nach den Kräften der Nation zu entfalten, und um, wenn es not lut, unser Wort mit dem ganzen Gewicht unserer Stärke für den allgemeinen Frieden in bie Wagschale werfen z u können. (Lebhafter Beifall.) x Meine Herren, ich habe die Lage geschildert, wie ich sie sehe, ohne schön zu färben und schwarz zu färben. Wir alle sind nicht Herr darüber, ob in Zukunft der Friede be­droht werden wird, aber wir sind Herr darübe, ob wie einer ungewissen Zukunft mit gutem Gewissen enigegengeheu können. (Lebhafter

Beifall!) An Ihnen, meine Herren, liegt jetzt die Entscheidung. Letzten Endes liegt die Entscheidung bei den moralischen, physischen Kräften eines Volkes. Helfen Sie, daß uns die allgemeine Dienstpflicht, der Deuts chland seine Wieder­geburt verdankt, unverkümmert erhalten bleibt. Die Werte, die wir zu schützen haben, steigen von Jahr zu Jahr, Getragen von der Zustimmung der Parteien wird, wie ich hoffe, der Reichstag nicht vor der Größe der Forde­rungen zurückschrecken, die diese Vorlagen enthalten. Wir sprechen von schweren Opfern, von ungeheuren Lasten, wir hören die Klagen, daß diese fortgesetzten Rüstungen entweder den Frieden ruinieren oder zum Kriege führen müssen. (Ironisches Sehr richtig! bei den Soz.) Nun, meine Herren, Sie, die hier Sehr richtig rufen, beachten Sie, fett einem Menschenalter haben wir und auch unsere Nachbarn ungeheure Aufwendungen für unsere Rüstungen gemacht. (Sehr richtig! bei den Soz.) Und auch bei jeder deutschen Militärvorlage hat es geheißen: Jetzt kommt der Krieg! Bisher ist der Friede erhalten geblieben! (Leb­hafte Zustimmung.) Der Balkankrieg von 1877 und der jetzige Balkankrieg, der russisch-japanische Krieg, auch die gegenwärtigen Spannungen haben doch mit den Rüstungen der Großmächte nicht das Entfernteste zu tun. -

z» Und, meine Herren, trotz der ungeheuren Aufwendungen, die wir für unsere Rüstungen gemacht haben, hat es niem.als einen Zeitraum gegeben, in dem w i r uns wirt­schaftlich s o stark gefüllt haben (Lebhaftes Sehr richtig! rechts) und in dem wir so leistungsfähig geworden wären in dec Erfüllung staatlicher Aufgaben für die kulturelle und soziale Entwicklung, wie in der Lebenshaltung ibe§ einzelnen. Die Weltgeschichte kennt kein Volk, das zugrunde gegangen wäre, weil es sich in seiner Wehrhaftmachung erschöpft chatte, wohl aber sehr viele, die verkommen sind, weil sie über Wohlleben und Luxus ihre Wehrhaftigkeit vernachlässigt haben. (Lebh. Zustimmung rechts; Gelächter b. d. Soz., Zuruf b. d. ,Soz.:,UeberflüssigI) Ein Volk, das nicht reich genug zu sein

glaubt, um seine Rüstung instaudzuhalten, zeigt nur, daß c s feine Rolle ausgespielt hat. (Sehr richtig! rechts.) lieber alle Schwierigkeiten hinweg halten Sie bitte an dem einen Gedanken fest: Wenn uns jemand Haus und Hof bedroht, dann [teljeii wir bereit bis auf den letzten Mann! (Stürmischer Beifall red)td und bei den Nationalliberalen, Zischen bei den Soz. Er­neutes Bravo! rechts.)

Kriegslist, nister v. Hecringen:

Es handelt sich bei den Gründen für die Verstärkung unserer Wehrmacht,, wie der Herr Reichskanzler hervorgehoben hat, weni­ger um eine akute Gefahr, die heute bereits Deutschland bedrohen könnte. Bei der Einführung des Gesetzes von 1912 wies ich bereits darauf hin, daß die Ueberlegenheit der Armee über einen etwaigen Gegner nicht in der Hauptsache zu suchen sei in der überwiegenden ^ahl, sondern in der guten Organisation, Ausbil- d u n gundFührung. Aber schließlich kommt doch auch der Ziffern mäßigeVergleich unserer Wehrkraft gegenüber der andererStaaten in Betracht. Was damals ausreichend war, ist e§ unter den heutigen und den heute in der Entwicklung befind- iichen Verhältnissen nicht mehr. Deutschland bedarf, daß ist die Ueberzeugung aller derjenigen Stellen, die für seine Verteidigung die Verantwortung tragen, notwendig einer besseren Aus­nützung der allgemeinen Wehrpflicht. Wir verzich­teten bisher auf einen großen Teil der wehrfähigen Bevölkerung, überwiesen einen großen Teil der Ersatzreserve. Die Folge da­von ist, daß im Kriegsfälle die Ergänzung des deutschen Heeres ganz erheblich auf ältere Jahrgänge zurückgreifen muß. Damit schwächen wir unsere Truppen quantitativ wie qualitativ.

Für eine Verstärkung des Schutzes unserer Gren­zen bestehen zwingende Gesichtspunkte. Für unsere Tele­graphentruppen werden vier neue Bataillone angefordert, um die Nachrichtenübermittelung im Ernstfälle so zuverlässig wie möglich zu gestalten. Das Luitfahrwesen ist aus dem Stadium vorsichtigen Tastens herausgetreten. Zur Ver­stärkung unserer Luftstreitkräfte enthält die Vorlage daher ganz bedeutende Anforderungen. Der größte Teil der Ergänzung unserer Friedensstärke an Mannschaften und Pferden soll aber dazu verwendet werden, die Etats der einzelnen Waffen zu er­höhen. Eine solche Erweiterung unserer Friedensarmee ver­langt naturgemäß eine entsprechende Verstärkung an Offizieren und Unteroffizieren. Eine logische Folge dieser personellen Ver­stärkung ist eine ebenso ausreichende Verstärkung unserer materiellen Streitkräfte.

. Der Kriegsminister schließt: D i e Wehrvorlage ist keine Bedrohung unserer Nachbarstaaten. Wer die Vorlage vorteilhaft prüft, muß erkennen, vorausgesetzt, daß er es überhaupt will, daß sie nichts anderes ist als eine st a r k e Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens und für die Weiterentwicklung von Deutschlands Arbeit, Deutsch­lands Industrie und Deutschlands Handel. (Beifall rechts und im Zentrum.)

Abg. Haase (Soz.)k

Die Heeresvorlage fordert vom Volke ungeheure Opfer. Darüber gibt es im Lande nur eine Stimme. Sie übersteigt alles, was jemals einem Volke in Friedenszeiten von einer Regierung zugemutet worden ist. (Sehr richtig b. d. Soz.) An­gesichts einer solchen enormen Vermehrung der personellen und finanziellen Lasten muß erwartet werden, daß die Regierung für eine so außergewöhnliche Maßregel auch außergewöhnliche Gründe beibringen würde. Aber was der Kriegsminister vor­getragen hat, ist im Grunde nichts anderes als allgemeine Redewendungen, mit denen auch jede andere Militärvorlage hätte begründet werden können, und mit denen im wesentlichen auch frühere Militärvorlagen begründet worden sind. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Ob es sich um 10 000 oder 136 000 Mann handelt, die Begründung ist immer dieselbe. (Sehr richtig! b. d. Soz.)

Es ist charakteristisch für unsere Zustände, daß das bei einer Vorlage geschieht, die das Volk in seinen Tiefen aufwühlt, die das Ausland beunruhigt und von entscheidenden politischen Wirkungen ist. Hat denn wirklich die Negierung keine anderen Gründe für die Vorlage, als die dürftigen Argumente? Man hat eine Begründung vermieden bei einer Vorlage, die das Volk aufs tiefste erregt, die das Ausland beunruhigt. Mit den dürf- tigften Argumenten will man den Reichstag abspeisen. Hat uns der Reichskanzler etwas neues gesagt? Was er uns mitteilte, das wußte er doch schon seit langem, zum Teil seit vorigem und vorvorigem Jahre.

Wir verlangten schon immer die Einstellung des Rüstens. Man hat uns als Utopisten verspottet. Heute muß der Reichs­kanzler diese Ideen als einen Fortschritt bezeichnen. Und in England spricht man gar von einem Rüstungsruhejahr. Zweifel­los ist zwischen England und Deutschland eine Entspannung eingetreten. Man konnte eine Verminderung der Rüstung erwarten. Statt dessen kommt man mit dieser maßlosen Neuforderung. Der Militarismus hat eben seine eigene Logik. (Sehr gut! b. d. Soz.) Sein Ae-- weismaterial hat sich der Kanzler des Deutschen Reiches aus einigen untergeordneten Blättern hergeholt, wenn er von dem Kampfe zwischen d-»r germanischen und slawischen Welt spricht. Haben denn die Balkanvölker ein germanisches Reich niedergerungen und nicht das osmanische?

Die Wehrvorlage ist die Folge der Agitation des Wehrvereins, derTäglichen Rundschau" und anderer nationalistischer Blätter. Der Brandartikel der vom Auswärtigen Amt gespeistenKölni­schen Zeitung" mutzte in Frankreich Aufregung Hervorrufen. Man mutzte dort fürchten, Deutschland warte nur auf eine günstige Gelegenheit, um über Frankreich herzufallen. Wir fordern eine ehrliche Verständigung mit Frankreich. Die Ge­legenheit zu einer Annäherung an Frankreich war niemals günsti­ger als jetzt. Denken Sie auch an die chevalereske Art, mit der die französischen Behörden bei dem Vorfall in Luneville aufgetreten sind. Ein Komitee fordert jetzt deutsche und französische Parlamentarier zu einer Verständigungsaktion auf. Warten wir ab, wieviel bürgerliche .Politiker mitmachen werden. Ein frivoles Unterfangen wäre es, um einer Lappalie willen loszu- schlagen. Zu England stehen wir günstig, ebenso zu Rußland. Wozu also neue Rüstungen? Rußland sucht seine Betätigung im Osten und treibt seine Raubpolitik in der Mongolei. Das russische Volk denkt nicht an Krieg mit uns. Es hat andere Sorgen, es muß Aufräumen mit dem zaristischen Absolutismus. Durch äußere Abenteuer lassen sie sich nicht ablenken. Würde Rußland los- schlagen, so würde die Revolution im Innern sofort wieder ent­brennen.

Bei den deutschen Rüstungen handelt es sich nicht um den Schutz unserer Grenzen, sondern um die Einschüchterung der anderen. Deutschland will fein Gewicht in die Wagschale werfen, wenn es etwa an eine Zerstückelung der asiatischen Türkei gehen sollte. Im vorigen Jahre sagte der Kanzler: Deutschland ist kriegsbereit! Dann sind diese neuenwahn­witzigen Forderungen unerklärlich. Und als diePost" seinerzeit diese Vorlage fast in allen Einzelheiten voraus sagte, da ließ der Kriegsminister das als Erfindung erklären. (Hört! Hört!) Also damals wollte er noch nicht, aber wohl der Gene- ralstab. Erst vor kurzem hat der Reichskanzler mit dem Kriegs- minister die Segel gestrichen vor dem Wehrverein und dem damit Hand in Hand gehenden General st ab.

Als der Reichskanzler seine Rede schloß, da dachten wir, es würde erst losgehen, weil wir alle Gründe vermihten. Der Kriegsminister machte es noch rascher. Er ist nicht mit dem Herzen dabeigewesen. Er mußte sich vor den Treibereien des W e hr verei n s beugen.

Mutz da auch de r Reichstag ; u Kreuze kriechen? Wir sagen: Nein! (Beifall der Soz.) Noch Ende Januar hielt dieGermania" die Meldung derPost' für Hirngespinste einiger Rüstungsfanati'?. harten wir ab, was Dr. Spahn nachher sagen leiib! Daß di haüonallibera'.cn mit der

Regierung durch Dick und Dünn gehen, das haben wir nicht anberl erwartet. Hinter ihnen steh-sn ja diese Unternehmer, die Kapi­talisten in Rheinland und Westfalen, i>ie den Prosit hcwcn. (Zustimmung der Soz.)

Die jetzige Wehrvorlage wird dahin führen, daß die jetzige Entwicklung über sich selbst hinausgetrieben wird und daß wir zu einem andern System kommen. Sie werden Bataillone organisierter Arbeiter aus den Großstädten in die Armee ein- reihen. Glauben Sie, daß diese Arbeiter in der Kaserne alles Frühere vergessen und andere Menschen' werden? Diese Vorlage ist ein Schlag ins Gesicht des Volkes der Dichter und Denker. Wir stehen dieser Vorlage mit den Worten Fichtes gegen­über, der nicht wenig getan hat, um den nationalen Geist auf- flammen zu lasten, und der eine Freiheit forderte,gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt". Wir wollen die Zivilisation fördern. Darauf sind der Frieden und die Freiheit der Völker begründet. (Beifall der Soz.)

Abg. Dr. Spahn (Zentr.):

Nach der Vorlage der Regierung würde unsere gesamte Macht z u Wasser und z u Lande beinahe 900 000 Mann betragen. Unser Heeresetat würde sich für 1913 auf 1347 Mil­lionen Mark belaufen. Diese Vermehrung der personellen und materiellen Opfer wird uns nach -12 Jahren ungestörten Friedens auferlegt. Der Abg. Haase hät mich gefragt, ob ich auch seinerzeit dieGermania" informiert habe. Ich habe es nicht getan. Auch heute kann i ch m i ch z n b e v Heeresvorlage n o ch nicht endgültig äußern. (Lachen der Soz.) Dazu muß ich ausführlichere Begründungen bekommen, als sie uns heute der Kriegsminister gegeben hat.

Der Reichskanzler hat uns die Lage als ernst geschildert. Er sieht sie aber nicht pessimistisch an. Wir haben eine Reihe von Bedrohungen erlebt: Agadir, Marokko, Balkan. Das gebietet Vor-, sicht. T i e Angst vor i)tm Krieg hat seit dreißig Jahren die Großmächte zu großen Rüstungen veranlaßt. Daß unsere Verhältnisse zu Rußland gut sind, läßt sich bei den freundschaft. licken und verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Herrscherhäusern nicht anders erwarten. Trotzdem besteht das russisch-französische Bündnis, durch das Rußland gezwungen wer- den kann, auch gegen Deutschland zu marschieren. Rußland fühlt sich als slawische Vormacht. Das wird immer eine ®e* fahr für uns sein. Frankreich arbeitet andauernd an einer Vermehrung und Verbesserung seines Heeres. Unsere Beziehungen zu Frankreich sind gut. Wir greifen auch Frankreich nicht an, obwohl gewisse französische Kreise es so hinzustellen suchen. D i e Kriegslust in der französischen Bevölkerung ist nicht zu leugnen. Auch mit England stehen wir gut. Es muß sich mit unserer großen kontinentalen Machtstellung abfinden. Alle Groß­mächte rüsten aber mit gleicher Energie, England zur See, Ruß­land und Frankreich zu Lande.

Wir wollen nur unsere eigene Stellung in Europa behaupten. Andere Mächte einschüchtern wollen wir nicht. Dadurch, daß Italien genötigt wird, inZ^ripolis dauernd Truppen zu halten, wird der Dreibund zweifellos geschwächt. Durch die Wirren auf dem Balkan aber wird Oester­reichs Stoßkraft vermindert. Sind bie Verän derungen auf dem europäischen Theater tatsächlich so schwer­wiegend, wie der Kanzler sie hingestellt hat, dann müssen wir tatsächlich alles tun, um unsere Stellung zu stärken. Ich ver­kenne nicht, daß viele Arbeitskräfte durch die neuen Formationen der Arbeit entzogen werden, daß die Leistungsfähigkeit der Volks­kräfte vermindert wird, daß der Zinsfuß steigen wird, trotzdem können wir uns der Notwendigkeit nicht her* schließen. Solange andere Staaten stehende Heere haben, können wir zum Milizsystem nicht übergehen. Das sollte endlich auch Herr Haase einsehen. Nach der Verfassung soll ein Prozent der Bevölkerung unter Waffen stehen. Diese Zahl überschreiten wir jetzt. Das deutsche Volk ist friedlich; es ist aber auch kämpfe bereit. Wir werden Aufklärung über Einzelheiten in der Korn-. Mission verlangen. ' l'

Mg. b. Liefert (Rp.)S .

Wir beglückwünschen den Reichskanzler zu Res« Vorlage. (Gelächter der Soz.) Gegenüber den früheren Militär­vorlagen wird hier endlich eine große, ernste Tat geleistet. (Beifall rechts.) Endlich kommt die allgemeine Wehrpflicht zur Durch­führung. Ein einziges Bedauern habe ich, nämlich das, datz diese Vorlage nicht bereits vor 1% Jahren gekommen ist. (Gelächter der Soz.) Gefahren bedrohen uns. Die große Slawen- welle brandet heran. Wir müssen nicht nur gegen unsere Geg­ner rüsten, sondern wir müssen auch für unsere Bundes­genossen mitrüsten. Es ist hoch erfreulich, datz diese Vor­lage getragen ist von der V o l k s st i m mu n g. (Gelachter der Soz.) Sie (zu den Soz.) rechne ich dabei zum deutschen Volk« nicht mit. Hat doch Ihr Herr Wendel in Frankfurt eine Rede ge. halten zur Verherrlichung Napoleons, des größten Blutsaugers und Ausbeuters.

Die Wehrvorlage ist immer noch kein militärischer Druck, der auf anderen Ländern lastet. Unser Heer aber übertrifft dann au Zahl die Heere aller europäischen Staaten, ausgenommen Ruß­land. Das ist notwendig, denn der liebe Gott ist noch immer mit den größeren Bataillonen gewesen. (Heiterkeit b. d. Soz.) Frank­reich wird die Einführung der dreijährigen Dienstzeit zweifellos mit der Herabsetzung seines geistigen Niveaus erlaufen. (Hört! Hört!) Der Wehrverein hat im Volke Boden gefaßt. Im Rhein­land sind viele Arbeiter dem Wehrverein beigetreten. Sie waren bisher falsch belehrt. (Lachen b. d. Soz.) Die Hauptsache ist für mich, daß nach der Vorlage 63 000 junge Leute mehr durch dis Schule der Armee gehen. Sie lernen dort Vaterlandsliebe, mon. archische Gesinnung und Hingebung der eigenen Persönlichkeit. (Lachen b. d. Soz.) Es ist zu hoffen, datz doch nicht alle wieder den Irrlehren der Internationale anheimfallen. (Lachen b. d. Soz.) Abstriche werden an der Vorlage nicht vorgenommen werden können. (Hört! Hört! links.) Sie erfüllt nur die Wünsche dec Armee.

Freilich imBerl. Tageblatt" hat der Nachfolger des Herrn Gaedtke, ein Major Morath, zahlreiche Abstriche angeregt E, ist auch für eine Verkürzung der Dienstzeit eingetreten. Ich weif ja nicht, wo der Herr gedient hat. Als Soldat müßte er doch wissen, daß heute bei der zweijährigen Dienstzeit nicht nur jede Woche, sondern jeder Tag gebraucht wird. (Lachen bei den Soz.) Es wird der Heeresverwaltung nicht leicht werden, den notwcn - digen Offiziernachwuchs zu bekommen. Auch hierzu hat sich imBerl. Tageblatt" schon Herr Morath gemeldet und an­geregt, jüdische Offiziere einzustellen. Der Herr könnte diese Sorge der Heeresverwaltung und dem Offizierkorps selbst überlassen. Was durch die Einführung von Fremdkörpern au5 einem Ofsizierkorps werden kann, zeigt jetzt die türkische Armee, die Juden, Armenier und Christen aufnahm, wodurch sie den os- manisch-mohammedanischen Charakter verlor und ein Gemengse! wurde. Mir nehmen die Vorlage an. (Beifall rechts.)

Abfl. Behrens (Wirtsch. Vgg.): V

Wir stimmen der Vorlage gleichfalls zu. Ein verlorener Krieg würde uns viel mehr kosten als diese Vorlage. Die ganze wehrfähige Jugend muß ausgebildet werden, damit nicht im Kriegsfälle die Familienväter herangezogen werden müssen. Diese Maßnahme ist gerade im Interesse der mittleren und unteren Kreise unseres Volkes dringend erforderlich. Wir der- missen leider unter den Deckungsmitteln die allgemein im Volke verlangte Wehr st euer. Der Ausbau unserer Wehrmacht trägt leinen aggressiven Charas er, sie ist lediglich eine Durch­führung der allgemeinen Wehrpflicht. . -

Das Haus vertagt sich. » '

Dienstag 1 Uhr pünktlich: Weit^herajun-.- '

Schluß 62 Uhr.