Nr. 502
Der •iefieetr Anzeiger erscheint täglich, anher SsnntaqS. - Beilagen: viermal wöchentlich Ol«tze»er.^mckliendtätter yiKitnül iDÖdjeniLKreis: Mettfirben Kreis Gieren (TienStag nndFreilaa), zweimal monatl. Land' wirtschaftlich« Seitfragen Ferniprvch - Anschlüße: für b<e Redaktion 112, 5’erlaa n. Expedition 51 Adresse für Depeschen: «meiner Wirken.
Annahme von Anzeigen hir die <.agesnum»ier bis vormittags 9 Uhr.
Erstes Blatt
162. Jahrgang
Montag, 23. Dezember 1912
GietzenerAnjeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fchen Univ.-Vuch- und 51eindruckerei R. Lange. Redaltion, Lrpedition und Druckerei: Zchulstrahe 7.
Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle vahnhofstrahe 16a.
Vezu advrei >: monatlich?,^ mertel- jährlich Ml. 2.20; durch 'Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 'Bi.; durch diePost 'Bit.2.— viertel- jährl. auSschl. Beilellg. Zeilenpreis: lofnllö'BU auswärts 20 Mennig. Chefredakteur: A Äoeh. Verantwortlich hir den politiicheir Teil: August Goetz; für .Feuille- toir', .Veruuschles' und „®cvid)ly|oaie: R. Neurath; für .Stadt und Land-: E.Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umsatzl 12 Seiten.
«--1 -r- -»■ -
tinelCrifis bei den ( ndonerBeratungen
^ie^Bertreter der Balkanstaaten auf der Londoner ,,riebenskonsererrz werden ungeduldig. Tic Verhandlungen schreiten nicht fort, und die türkischen Diplomaten legen neue, lvichtiae Forderungen vor, mit der Begründung, das; ’ie beim ylbschluß des Waffenstillstandes von Bulgarien ge- '-.tuscht worden seien. Wenn die Darstellung stimmt, die cktzt aus Konstantinopel in den Blättern verbreitet wird, io ist Reschid Pascha (auch heute noch der 1. türkische Dele- -perte in London) in geradezu spaßhafter Weise übertölpelt worden, wobei die Folgen für die Türkei sich aber als recht ernst Herausstellen können. Das erste Waffenstill- standprotokoll enthielt für die Türkei das Recht, die belagerten Festungen mit Proviant zu versorgen. Die Griechen erhoben wegen Janina Widerspruch, und die Bulgaren taten so, als hätten sie aus diesem Anlaß mit Griechenland sich überworfen. Die Griechen schieden aus den Verhandlungen aus. Inzwischen legten die Bulgaren einen neuen Waffenstillstandsvertrag vor, worin die Versorgung der Festungen nicht verzeichnet war. Vielmehr sicherten sie sich noch die Benutzung des Bahnhofs von Adrianopel. Reschid hat seine Augen nicht aufgemacht und das Protokoll unterschrieben. Auffällig ist nun, daß die Türkei von dieser diplomatischen Blamage jetzt erst etwas hören läßt. Sie benutzt nun den Anlaß,, daß die Griechen zu den Verhandlungen in Loniwn Zulaß wünschen, um in London einen Druck anstznüben und verlangen nachträglich das Recht, die Festungen mit Lebensmitteln zu versorgen. Nötigenfalls wollen sie die Entscheidung der Botschafterkonferenz anrufen, und, falls diese ungünstig für die türkischen Forderungen ausfällt, wieder zu den Waffen greifen. Tic Sache wird also reelzt kritisch, und die Botschafterkonferenz, die bisher «den Türken zugeredet hatte, in ihrem eigenen Interesse nachzugeben, wird dem Ernst der Lage mehr Rechnung tragen müssen. Der Zwischenfall ist umso ärgerlicher, als man bezüglich der serbischen Forderungen endlich ins Reine gekommen ist. Albanien bleibt unabhängig, und Serbien erhält einen Freihafen auf neutralem Gebiete. Die österreichische Politik ist also erfolgreich durchgedrungen. Zugleich wird aüs Belgrad mit» geteilt, daß der Zwischenfall Probaska durch eine amtliche Entschuldigung des serbischen Vertreters in Wien aus der Welt aeräumt sei. Der Himmel schien sich aufzuhcllen, und der französiscl>e Ministerpräsident Poincars äußerte bei seiner Rede in der französischen Kammer auch nur gute Aussichten. Ob es in naher Zukunft über dem Bilk.inpro- blem nicht doch noch zu neuen kriegerischen Verwicklungen kommt, kann heute indessen kein Mensch mit Bestimmtheit ivissen.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Das Reutersche Bureau erfährt: Trotz der von den türkischen Delegierten verursachten Verzögerungen war die Konferenz am Samstag vom freundschaftlichsten Geiste beherrscht. Die Delegierten der verbündeten Balkanstaaten wünschen lebhaft zu ernsthaften Unterhandlungen zu gelangen und in der Sitzung ließ man deutlich hören, daß das Äuffchieben auf hören müsse. Der griechische Ministerpräsident Veniselos sagte, daß die Delegierten jetzt schon zehn Tage in London wären, ohne Fortschritte zu machen. Ein anderer betonte die Notwendigkeit des praktischen Handelns. Die Mitglieder der Miss onen der
Balkanslaatcn, die von dem Vertreter des Reutcrschcn Bureaus befragt wurden, drückten ihre große Genugtuung über das Ergebnis der Botschafterkonferenz aus und sprachen die Hoffnung aus, daß die Friedenskonferenz auch so große Fortschritte machen möge. Abends waren die Delegierten bedeutend optimistischer gestimmt.
Wie die Agence Havas aus London erfährt, st i m m t die serbische Regierung dem Vorschlag der Botschafter betreffend die Autonomie Albaniens und einen Handelszugang zum adriatischen Meere zu.
Der San Prohaska.
Belgrad, 21. Dez. Die Angelegenheit des Konsuls Prohaska wurde heute friedlich beigelegt. Nachmittags erschien der Ministerpräsident Paschi tsch beim österreichisch-ungarischen Gesandten v. Ugron und sprach das aufrichtige Bedauern der serbischen Regierung für die von feiten einzelner Organe der serbischen Militärbehörden in Prizrend begangenen Mißgriffe aus. Paschitsch unternahm den Schritt freiwillig.
Ein Sieg der Türken?
Konstantinopel, 22. Dez. Nach einem amtlichen Telegramm des Kommandanten der Westarmee vom 19. Dezember haben die Türken nach fünftägigem blutigem Kampfe bei Janina die Griechen z u r ü ck g e s ch l a g e n , am andern Morgen das Defilö von M an o l a ki s überschritten und sind erfolgreich in der Richtung auf Saurat 6 vorgerückt. Die feindlichen Streitkräfte seien zerstreut und der Sieg sei errungen.
Griechische Geg'nmeldnngen
Athen, 22. Dez. Nach Mitteilung des Kri"gs- ministers besetzte ein Teil der griechischen Armee unter dem Befehl des Generals Damianos am 19. Dezember nach einem Kampfe Goritza. Drei Divis onen des Generals rückten auf drei Straßen vor und schlugen die türkische Armee nach dem Süden zurück.
Der Marineminister erhielt gestern aus Chios die drahtliche Mitteilung, daß sich die türkischen Truppen auf Mytilene den Griechen ergeben haben, und daß 1700 türkische Gefangene in dem Hafen von Molivo eingeschifst worden sind.
Ein Angriff der türkischen Flotte.
Athen, 22. Dez Die türkische Flotte lief heute aus den Dardanellen aus. Ihre Torpedoboote bombardierten Tenedos
Wie der Gouverneur von Tenedos meldet, veranstalteten türkische Einwohner während des Bombardements brr Insel durch die türkischen Schiffe Kundgebungen zu Gunsten der Türken. Tie griechische Besatzung schoß auf die Manifestanten, von oenen drei getötet und 12 verletzt wurden.
Aus Stutari.
Rjeka, 22. Dez. Ter Kommandant von Skutari unternimmt noch zeitweilig Ausfälle gegen die Montenegriner, die sich darauf beschränken, die Angriffe zurückzuweisen. In den letzten Tagen wurden mehrere montenegrinische Bataillone in die Heimat entlassen, angeblich auf kurze Zeit.
Tic bulgarischen Finanzen.
Sofia, 22. Dez. Die Regierung legte der Sobranje das provisorische Budget vor,'das vom 15./28. Dezember bis Ende März läuft. Der Finanzminister
gab ein kurzes Expose über die finanzielle Lage des Landes: Zufolge des Krieges verringerten sich die Ein ünfte des Schatzes um etwa 25 Millionen Auf der anderen Seite würde man durch die Suspendierung der lausenden Arbeiten und die Herabsetzung des Verwaltungspcrsonals Ersparnisse von fast ebensolcher Höhe erzielen, so daß das Budget ohne Defizit abschließen werde, was der guten Organisation der bulgarischen Finanzen zuzuschreiben sei. Hinsichtlich der außerordentlichen Kred te gab der M nister an, daß man außer den im September bewilligten 84 Millionen und den jetzt geforderten 50 Millionen zur Bezahlung der Requisitionen annähernd 150 Millionen benötigen werde. Alle diese Kredite würden 'durch eine nach dem Kriege abzuschließende 'Anleihe gedeckt. Der Stand des Schatzes sei nichtsdestoweniger zufri d.nstellend, dank der wirtschaftlichen Bedeutung d s Landes, d s als ackerbautreibendes Land fähig sei, wahrend des Krieges alles, was es für die Armee benötige, selbst zu liefern. Für den Bau der Eisenbahnen und den Ankauf von Wagenmatcrial seien vorher 25 Millionen Schatzscheine ausgegebcn worden. Unter sehr günstigen Bedingungen habe die Regierung im Auslande für 65 Millionen Schatzsch inc untcrg.'bracht. Tank dies m befriedigenden Stand der Dinge sei die Armee jetzt reichlich mit Waffen und Munition versehen. Sie lönne den Krieg noch sechs Monate fortsetzen, falls es nötig sei. (Beifall.»
Tcr französische Ministerpräsident über die künftige Gestaltung des Balkans.
Ministerpräsident Poincar6 gab im französischen Senft u. a. folgende Erklärungen ab:
Ter Balkan den Serben, Bulgaren, Montenegrinern und Griechen! Tas ist die gerechte Lösung, die die meiste Gew hr für Dauer und (Stabilität bietet. Es bestehl Ucbercinstimmung über die Autonomie Albaniens und darüber, das; Serbien einen Freihafen an der Adria erhalten soll. Wenn der Friede unterzeichnet sein wird, sei es durch die Friedensbevollmächtigten, sei es aus den Rat der Großmächte hin, so wird er aus fester Grundlage ruhen, die den Balkanstaaten erlaubt, sich zu entsalteil. Die Türkei wird ein beträchtliches Reich behalten, sic wird sort- fahren können, mit uns in guter Harmonie zu leben. Wft haben ihr gegenüber die gewissenhafteste Neutralität beobachtet. Sic wird gut daran tun, wenn sie aus die Wünsche der Völker hört, die ihr untertan sind. Unsererseits werden wir darauf bestehen, das; unsere Interessen in Libanon und Syrien respektiert werden, selbstverständlich ohne daß sich ein Zwiespalt zwischen uns und der Türkei über diesen Punkt ergibt. Wir sind entschlossen, die Integrität des ottomanischen Reiches in Asien aufrecht zu erhalten, jedoch ohne das; unsere Interessen dabei leiden. Sollte der Friede unglücklicherweise nicht geschlossen werden und der Krieg wieder Anfängen, so würden wir mit unseren Bcr- söhnungsversiichen wieder beginnen. Stark durch das nationale Gefühl und die Unterstützung der beiden Kammern würden wir den Brand auf seinen Herd zu beschränken suchen und bereit sein, unseren Einfluß im Orient und das Prestige des französischen Namens zu verteidigen.
In der französischen K am mer besprach Poincars auch die Richtlinien der auswärtigen Politik und sqgte u. a.:
Es ist selbstverständlich, daß die Autonomie Albaniens, die unter der Souveränität oder vielmehr Suze - ränität des Sultans errichtet wird, von allen Mächten einschließlich Frankreich kontrolliert wird. Es ist auch selbstverständlich, daß der für S e r b i e n auf albancsischem Gebiet offene Hafen frei und neutral fein wird. (Bewegung.) Er wird durch eine internationale Eisenbahn verbunden, die ebenso unter europäischer Kontrolle steht, mit der Freiheit des Transits für alle Waren, einschließlich Kriegsmunition. Serbien wird außerdem den Vorteil b er
Evangelischer Kirchen-Gesangverein.
Gießen, 22. Dez.
„Die Geburt Christi" von Heinrich v. Herzogcnbcrg
Zunr zweitenmal, nach längerer Pause, erfreute uns das schöne Kirchenoratorium Herzogenbergs mit seinem innigen Zu latnmcnftanq religiöser und künstlerischer Erhebung. Herzogen berg (geb. 1843 zu Graz, gcst. 1900 zu Wiesbaden) ist ein gediegener und sympathischer Tondichter, der im wesentlichen den Spuren der alten Meister folgt; bei der Gründung des Bach- Äereins mittätig, wirkte er später als Nachfolger Fr. Kiels in .der Kompositionslehre an der Berliner Hochschule für Munk; außer zahlreichen Kammermusikwerken, zwei Symphonien, Liedern niro. schuf er verschiedene Chorwerke, von denen die „Geburt Z Christi" wohl das bekannteste ist. — Eine gewisse Gebundenheit an die großen Vorbilder und der Mangel an schöpferischer Eigenart kann bei Herzogenberg nicht verschwiegen werden, .seine Starke liegt vielmehr in der sehr glücklichen Verwendung und technisch tadellosen Verarbeitung des Gegebenen, als in der Er iindung von Neuem, Packendem. — Merkwürdig, da,; der echt deutsche, gemüt und stimmungsvolle Stoff der Weihnachtslegende noch feine Vertonung von so endgültiger und typischer Große gefunden bat wie z. B. die Messe durch Bach und Beethoven ober die Passion durch Bach! Selbst des Groymersters Bach Keihnachtsoratorium ist hiervon nickt ganz auszunehmen, geschweige denn PH. Wolfrums grundgelehrtes aber etwas trockenes
Weihnachtsmysterium". — Schon in einer der jüngsten Nummern unseres Blattes ist von sachkundiger Seite darauf hingewiesen worden, daß das Herzogenbergsche Weihnacktsoralorium nach der Intension seines Schöpfers kein gewöhnliches Konzert mit paniven Zuhörern sein soll, sondern die Gemeinde zu lebendiger Mit Wirkung beim Vortrag der Choräle heranziehen will: der Gedanke ist sehr schön und ganz aus der cvangclifchen Gemnnde-Jdee heraus empfunden. In der Ausführung muß er — wie so mancher, idealistische Gedanke — mit irdifchen Unzulänglichkeiten rechnen. Hierzu zählen wir z. B. die rhythnmche Schwerfälligkeit der ungeübten Menge, die es trotz verständnisvoller Nachhilfe des Organisten meist zu feiner wirkungsvollen Verschmelzung -mit dem übrigen Tonkörpcr kommen läßt. Tie Beteiligung der Gemeinde an dem Choralgesang hätte heute auch etwas alCgemcmcr und beherzter sein dürfen. — Die Solisten: Fraulein 5) i l l i tz e r - Frankfurt (Sopran), Frau Prof. stephan-Mar- ' buig (Alt), sowie die Frankfurter Herren Breiding (Tenor) ' und A. Müller (Baß> standen zumciit schon aus früherer Acht Wirkung in gutem Andenken und wetteiferten mit dem wohl- ^ßchullen Kirchenchor in klangschöner und sinngemäßer Wiedergabe
des Werkes. Ter Kinderchor hielt sich gleichfalls recht wacker; in den Einsätzen entwickelte er sogar eine Schneidigkcit, die dem Chor der Erwachsenen stellenweise als Muster hätte dienen können. Eine außerordentliche Leistung vollbrachte Prof. Trautmann nicht nur mit der Einstudierung des Ganzen, sondern auch mit dem gleichzeitigen Dirigieren und Spielen der Klavierbegleitung — eine Aufgabe, die ungewöhnliche Ausdauer und Sicherheit erfordert. Tie Orgelbegleitung lag in den Händen des Organisten O. Gör lach. Tas Orchester, gebildet aus Mitgliedern der Regimentskapelle und anderen hiesigen Kräften, begleitete durchweg rein und klangschön; hervorzuheben ist die Ausführung der Oboe-Partie, die in den pastoral gefärbten Stellen des 3. Teiles in charakteristischer Weise mitzuwirken hat.
Tic ganze Ausführung war eine würdige Vorfeier des Weihnachtsfestes, dessen religiös-künstlerischer Stimmungszauber uns stets aufs neue fesselt und bereichert. Wie mand>em der Hörer, die in dichten Scharen aus der Stadtkirche heimwanderten, mag es im Herzen nachklingen: „Friede auf Erden"! P.
Der verlassene Knabe im Kaiferpalaft von psking.
Ein trauriges Bild^von dem Leben und dem Schicksal des kleinen Exkaisers von China entwirft der Berichterstatter eines englischen Blattes aus Petting. Die Stellung Puan-schi-kais gilt als erschüttert, von Tag zu Tag mehren sich seine Gegner und die innerpolitisch-en Schwierigkeiten und von Tag zu Tag vermindert sich seine Macht, so daß seine republikanische Regierung heute kaum noch imstande ist, auch mir die persönliche Sicherheit der abgefefcten Kaiserin-Witwe und des kleinen Kaisers zu gewährleisten. Einer düsteren und rätselhaften Zukunft geht das Reich der Mitte entgegen, und nirgends spiegelt sich diese ratlose Ungewißheit Harer und schwerer als in dem Winterpalast der verbotenen Stadt, wo der jugentüiche Kaiser mit der Kaiserin-Witwe dahinlebt.
„Eine fürstliche Persönlichkeit, die soeben aus der verbotenen Stadt kommt," so beridjter der englische Journalist, „schildert mir, wie der gewaltige Bautenkomplcx und die ganze Umgebung des Winterpalastes vollkommen verödet und verlassen ist. Um den Kaiserknaben weilen nur noch die Kaiserinwitwe und einige hundert Eunuchen: alle Prinzen und Prinzessinnen, alle Bewohnerinnen des kaiserlichen Harems, alle Wutsverwandten der kaiserlichen Familie haben sich in der Stille davvngemacht und die Kaiserin mit ihrem Kinde allein gelassen. Noch werden täglich vom Zeremoniell vorgeschriebene Anzahl von Schafen, Schweinen und Hühnern geschlachtet, aber da die Leute, die sich sonst von ihnen ernähren, verschwunden 'sind, verkauft man die geschlachteten Tiere
außerlsalb des Schlosses. Tie Eunuchen aber, jeder Zucht und jeder Aufsicht beraubt, plündern des Schloß und alle Nebengebäude, stehlen alle Kostbarkeiten und wenn nicht sofort etwas geschieht, wird von der Einrichtung und den Kunstgegenständen bald nichts mehr übriggeblieben fein. Tie Kaiserin weint unausgesetzt, aber sic wagt nicht, zum Sommerpalast überzusiedeln, da Gerüchte sie gewarnt haben, sie würde beim Verlassen der verbotenen Stadt erbarmungslos niedergemetzelt werden. Der kleine Kaiser ist ein armes, nickst sehr aufgewecktes Kind, das nichts von dem weiß, was vorgefallen ist. In den leeren Zimmern des Schlosses und zwischen geflaggten Höfen spielt er mit kleinen Holzsoldaten, auf demselben Boden, über den seine Vorfahren einst auf der Heimkehr von der Eroberung Halbasiens als ruhmgekrönte Eroberer einherschritten. Welcher Dickster sckstldert das Schicksal dieses neuen „Aiglo n", der bestimmt scheint, armselig dahinzuleben und dahinzusterben? und wer nimmt sich der noch übriggebliehenen preislosen Kunstschätze an, die herrenlos noch in dem Schlosse lagern und sich täglich vermindern? Niemand ist da, der h er ein Hüter wird, und nach dem Beispiel des Moskauer Kremls das Vorhandene schützt und erhält, damit dereinst wenigstens das Volk Chinas noch eine Erinnerung an seine geschwundene Größe bewundern kann."
*
— Ein Kampf in der Jugendschriftenbewegung. Zwischen dem Hamburger Jugendschrif'ten-Aus- schuß, der schon seit Jahren imter der Führung von Heinrich Wolgast für die künstlerische Hebung der Jugendliteratur kämpft, und dem Herausgeber und Verleger des Mainzer Volks- imb Jugendbücher Wilhelm Kotzde und Joseph Scholz, die ebcnsalls ihre Verdienste um die künstlerische Pflege der Jugendschriften haben, wogt seit einiger Zeit ein Streit hin und her. Kotzdc und Scholz hatten in einer Broschüre „Der vaterländische Gedanke in der Jugendliteratur" dem Hamburger Jugendschriften- ausschuß den SBomniri heimlicher sozialdemokratischer Propaganda gemacht und außerdem behauptet, die Hamburger machten mit ihrer Jugendbück^rei persönliche Geschäfte. Ter Arbeitsausschuß des Türerbundes verönentlicht nun nach Prüfung des Materials eine Erklärung, die ohne Anregung und ohne Vorwissen des Hamburger Prüfungsausschusses beschlossen worden ist. Darin spricht er sein Bedauern über die Kotzde-Scholzschc Flugschrift aus, „weil er von ihr Verwirrungen in einer aufrichtigen und innerlichen deutschnationalen Gesinnungspflege befürchte?', und bittet, den vereinigten deutschen Prüfungsausschüssen unter der Führung des Hamburger Prüfungsausschusses das bisherige Vertrauen zu bewahren.


