Ausgabe 
2.11.1912 Viertes Blatt
 
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Ur. 259 viertes Blatt

162. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieGießener ZamtlienblStter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhelfen

Samstag, 2. November 19(2

Rotationsdruck und Verlag der Brnbl'schen Unioersitäts Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gienen.

Redaktioii, Expedition und Druckerei: Schul- slraße 7. Erveduion und Verlag: 51.

Redaktion:SMKl 12. Lel.-Adr.:'AnzcigerGießen.

Späte Ehen.

Aus bet neuesten bentfc^di Eheschließungs-Statistik cr- sehert wir, baß im Jahre 19 10 nicht weniger als 1010 Damcirlich verheirateten^ welche das c r - surchtsvolle Alter von 60 Jahren bereits überschritten 1)01 tcn. 622 davon waren so verbältuis- mäßig gescheit, sich mit ungefähr gleichaltrigen Männern zu vermählen. 316 aber griffen sclwn nach Männern im Alter von 40 bis 60 Jahren, 22 sogar nach solchen im Alter von 30 bis 40 Jahren: 6 wählten sich junge Männer, die erst 25 bis Lenze gezählt hatten, und . dieser ehr­würdigen Malt, en legten sich sogar bartlose Jünglinge im Alter von 25 bis zu 20 Jahren herab zu. Leider ist die Männerwelt aber auch nicht gescheiter gewesen Von Männern heirateten in dem genannten Jahre sogar .3958, d i e das 60. Jahrübersch ritten hatten. Und nicht ivenigc von ihnen wollten Weibchen haben, die wenigstens noch einmal so jung waren flls sie. Da waren 151, die Frauen oder Jungfrauen ijn Alter von 25 bis 30 Jahren griffen; 68 wagten sich sogar an Weiblicbk'iten 0011*20 bis 25 Jahren heran, aber 11 alte Graubärte nahmen sich Weibchen unter 20 Jahren, und einer davon erkürte sich ein junges Ding von sage und schreibe noch nicht 17 Jahren.

Allerdings muß man zugeben, daß, wenn auch in sehr seltenen Ausnahmefällcn, doch recht späte Ehen a u s wirt­lich tiefgründigen Staats- oder Dynastierücksichtcn verteidigt werden können. Daß der Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg sich mit Eleonore von Preußen, der jüngeren Schwester der Frau seines Sohnes, Anna von Preußen, vermählte, das war sicher eine Tat; denn Anna war die älteste, zunächst einzige, Tochter des Herzogs Albrecht Fried­rich von Preußen und durch ihre Mutter, Marie Eleonore, Nichte und 'Erbin des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich. Durch das spätere Erscheinen der jüngeren Tochter des Herzogs Albrecht von Preußen, Eleonore, und dnrch eine etwaige anderweitige Vermählung derselben hätte die ganze gelvattige jülichsche und preußische Erbschaft in Frage ge­standen, eine Erbschaft, durch dieBrandenburg" erst recht Preußen" wurde. Also, da mußte der alte Joachim Fried­rich noch einmal vor den Traualtar. Und da seine Ehe, wie wohl auch beabsichtigt war, kinderlos blieb, erbte se.n Sohn Johann Siegmund das Ganze, und alles war in Ordnung.

Solche Fälle sind aber geradezu so außerordentliche Ausnahmcfälle, daß man sie füglich unberücksichtigt lassen kann. Im ganzen muß man wohl sagen: cs ist nichts erfreuliches, daß in eine m Jahre in Deutschland ungefähr 5000 Ehen geschlossen werden, bei denen einer der Kontra­henten das 60. Jahr bereits überschritten hat. Wenn es ITug und weise war, für die Eheschließung eine untere Grenze zu setzen, so wäre es doch wohl vom medizinischen, vom psychologischen wie vom physiologischen, ja auch vom rasscnhygienischen Standpunkte av durchaus nur zu ver­teidigen, wenn man auch sür die Eh sch i ßnng eine obere Grenze festsetzen würde.

Mo aftr.

Auf dem westlichen Schauplatz des Valkankrieges drängt fetzt alles auf einen Punkt zusammen, auf dem das tnr kische Heer sich entweder zu einem Vcrzweiflungskampf aufrafsen oder sich den VcrsolgungAkolonnen der Serben, Vulgaren und Griechen ergeben muß. Dieser Ort der Ent scheidung ist Monastir, der Mittelpunkt und Stapelplatz der großen Pelagonischen Ebene, der westlichen Hochfläche Mazedoniens, die sich von Florina bis nach Prilip aus­dehnt und mit ihren zahlreichen Flußläufen zu den frucht­barsten Gefilden des Kontinents gehört. Der Reichtum dieser Ebene war schon im Altertum berühmt; damals

erhob sich an der Stätte des heutigen Monastir, das die Griechen Bitolia nennen, eine Stadt, die aus einen ur­alten Ursprung zurückführte und nach Herakles den Na men Hera klein trug. Schon dieser Ort erhielt seine ungewöhnliche Bedeutung durch seine Lage, die auch jetzt wieder Monastir zu einem strategisch so wichtigen Punkt macht. Wie eine hohe Wand, fast tälerlos, steigt im Westen der stattliche Höhenzug der S u s ch a -B o r a empor; gleich­mäßig läuft der nialerisch gezackte, von eisigen Firnen schimmernde Kamm oahin, bis er an dem plötzlich sich aus- reckendcn blendweißen Zuckerhut des Peristeri (2400 Me­ter) sein jähes Ende findet. Die Einsattelung, die das Ge­birge hier bildet und der Monastir wie eine seste Wehr vor­gelagert ist, bietet den einzigen bequemen Ucbergang im ganzen Gebiet der Ebene von den albanisch-epirotischen Landschaften nach Mazedonien und ist zu allen Zeiten Mit­telpunkt der Verkehrswege gewesen. Schon die alte Via Eguatia, jene große, zu Beginn römischer Herrschaft ent standene Heeresstraße, die Dyrracheion, das heutige Du- razza am Adriatischcn Meere, quer durch Epirus und Mazedonien mit Thessalonika und weiterhin dnrch das un wirtliche Thralien mit Byzanz verband, nahm ihre Rich- tung über Herakleia, und auch jetzt noch folgen die großen Straßen diesem Ueberlandweg, so vor allem die norowest- mazedonische Eisenbahn.

Angeschmiegt an die Vorberge der mazedonischen Hoch landschaftcn, bot so Monastir von je die Stelle, wo sich das Völkergcwirr der Balkanhalbinscl wie zu einem Schach­brett vereinigt, Stämme und Völker verschiedenster Ab­kunft prallten hier in wilden Leidenschaften und blutigen Kämpfen zusammen. Griechen und Römer, Vandalen und Gothen, Byzantiner und Slawen, Bulgaren und Serben stießen in der Pelagonischen Ebene auseinander und maßen ihre Kräfte. Auch deutsche Recken haben hier ihr Blut vergossen. Im Jahre 1259 zog Michael Paläologos aus, um die von dem Despoten von Epirus Michael II. am nektierten Besitzungen zurückzugewinnen. Bis an den Nord­rand der Ebene drang er vor; erst im Wald von Worilla, unweit Prilip, trat ihm der Epirote entgegen und wurde gänzlich vernichtet. Auf beiden Seiten t.'.mpsten damals Deutsche; Michael unterstützten der fränki.chc Fürst von Achaja und'König Manfred; auf Seiten des Byzantiners kämpfte der Herzog von Kärnten mit einer tapferen Schar. Der Sieg des Paläologcn konnte dem Griechen Monastir und die Ebene nicht lange erhalten. Einem Spielball gleich ging die Stadt von einer Hand in die andere über und von der bunten Reihe der Völker, die um dieses Gebiet kämpften, gibt noch das Geinisch der aus 60 000 Seelen bestehenden heutigen Einwohnerschaft Kunde; neben den eingesessenen Türken haben sich hier Bulgaren und Serben, Albanesen und Kutzowalachen, Juden und Zigeuner nieder­gelassen. Malerisch erhebt sich Monastir zu beiden Ufern des Dragorbaches, eines Zuflusses des Karasu oder Tscherna, aus dem grünen Rahmen hoher Pappeln und Z ipresscn- haine und üppiger Gärten. Die schlank aufstrebenden Mi- narets heben sich ab von dem ernsten Hintergrund der hohen Berge, von den dunkel schimmernden Höhen im Süd­westen. Während der eigentliche Kern von Monastir die Mulde des Dragorflusses ausfüllt, breiten sich Land- und Gartenhäuser weithin aus, hingebreitet über fruchtbare H.i- gel und luftige Hänge. In neuerer Zeit sind, besonders von Riza Pascha, der einer der beliebtesten Watis der Stadt war, groß? Kasernenbauten, Mili.ärdepots, Wirt­schaftsgebäude für industrielle Unternehmungen und Park anlagen geschaffen worden.

Im Herzen der Stadt ist alles eng und holprig, die Häuser sind niedrig und unscheinbar mit winz-geu Lä­den. Bessere Bauwerke, teilweise mit orientalischer Ele­ganz ausgeführt, stehen am Dragor: gemauerte Kais mit Geländern ziehen sich an den Ufern hin. Die großen Bau­

ten, Kirchen der verschiedenen Bekenntnisse, Moscheen, Schulen usw. sind in große Gärten gebettet. Recht klein­städtisch ist der Bazar, Der Mittelpunkt des Ortes, vv«,bau­fälligen Holzbaracken verunstaltet und von einem Laby­rinth schmälster Gäßchen durchzogen. Hier stellen in fried­lichen Zeiten die Handwerker ihre Waren zur Schau; Werke der orientalischen Kleinkunst oder die weithin bekannten Schuhe, türkische Schnabelschuhe und sandalenartige Opan­ken. Hierhin strömen zu Tausenden bei den großen Messen die Bauern der Ebene, um Getreide und Obst zum Verkauf zu bringen und billiges Flitterwerk einzuhandcln, mit dem sie ihre Frauen, Töchter und Bräute schmücken.

Tril.kfltten, Trunksucht un) i re Bekämpfung.

Gießen, int Oktober.

lieber Trinksitten, Trunksucht und ihre Be­kam p f u n g sprach am letzten Sonntag vor -bet Vereinigung der loniirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde Me­dizinalrat Dr. Dietz. Die Trinksittcn, führte er aus, entstanden als Begleit und Folgeerscheinungen von Gastmählern und Fest- Lid-feiten, verbreiteten sich hauptsächlich infolge der narkotisclmt Wirkung berauschender Getränke und ennvickclten sich schließlich bei den Männern selbständig weiter zu reinen Trinkgelagen. Alkohol ist das tagtäglich Getränk von Hand und Geistesarbeitern geworden trotz des offenbaren großen Elends, das er über un» zühlige Mensckven, Familien und unser ganzes Volkstum herauf» beschwört Es ist heute bekannt, daß auch kleine Mengen bei Leuten, ,bic an regelmäßigen Alkoholgenuß nicht gewöhnt sind, die körptrlicl-c nnd geistige Leismngssähiglc.t herabsetzen, Müdig­keit, Arbeitsunlust und Unansmcrlsamkeit zur Folge hohen., daß sie sogar bei besonders Empünblichen abnorme geistige Zustände mit verwirrten Handlungen und Gewalttaten Hervorrufen. Die Er­fahrung hat nns gelehrt, daß das Höchstmaß einer jeglichen sport' lichen Leistung nur bei Vermeidung alkoholischer Getränke erreicht wird. Wir müssen uns frei machen von der Suggestion, daß der Rausch auch in seinen leichten Graden ein harmloses, nnschädliäws, wenn auch albernes Vergnügen ist; er ist eine Vergütung des Körpers gerade so gut wie die Betäubung durch aus ärztlichen Gründen zur Bekämpfung großer Sckzmerzen angewandten Mvr pl iumgabeii. Der Rausch darf nicht mehr als Beleg für rechte Maimhcistigkeit angeführt werden, wie das Sprichwort behauptet. Ein rechter Mann ist der, der in jeder Lage Herr über seinen Mörder nnd Geist ist und bleibt nnd damit Herr wird int Lebens­kamp' Tas ist aber nur der Nüchterne, niemals der Trunkene. Ter Ininf' nc,* her uns nicht eine rühmenswerte Kraft, sondern eine traurige, bedauernswerte Schwäche offenbart, soll jedem jungen Manne eine Warnung sein vor dem trüben Bild der Trunksucht mit ihrer allmählichen, anfangs unmerklichen und doch so sicheren Zerstörung des Körpers und Geistes, mit ihren unansbleiblickxm Folgen der Arbeitsunlust und -Unfähigkeit, der Unterjochung des freien Willens, der Zerstörung edler Regungen und ihrer Be- tätigung zum Wohle anderer, der Vernachlässigung und 93er» clendung von Weib und Kind, den brutalen Zerstörungen und Gewalttaten, mit dem schließlichen Versal! in schweres ^körper­liches und geistiges Siech'um und einem Ende im Kranken-, Siechen- ober Irrenhaus, ober mit vers'ühtem Tod, dem der sinanziellc Ruin der Familie langst voransgcgangen ist. Nicht mehr gut zu machen ist der große Schaden, den die Nachkommenschaft vielfach durch die vernachlässigte Erziehung oder durch Vererbung in fZorm von nervösen Störungen, von angeborener Neigung zur Trunksucht, von Fallsucht, Geistesschwäche oder Blödsinn davon­getragen Ijat. Und wie der einzelne, so leidet unser ganzer Volks- torper unter her alle Schichten durchsetzenden Verbreit ng der alkoholischen Getränke, so zeigt auch er die schweren Spuren der Krankheit des Alkoholismus. Man denke an die nutzlose Ver­schwendung von Unsummen für alkoholische Getränke, die ander­weitig zum Wohle der Nation verwandt werden konnten, an den unendlichen Verlust von Zeit bei den Trinkgelagen ohne irgend einen bleibenden Nutzen, an den sclMierwiegenden Anteil des Alkohols bei Straftaten, an hie durch ihn bewirkte Füllung von Gefängnissen, Kranken, Siechen- und Irrenanstalten; man bliche diese unendlichen Ausgaben im Wirtschaftsbuch unseres Volkes. Tas Set uldtonto des Alkohols ist wahrlich groß genug, daß man nach Abhilfe sich umsehen muß. Ter Weg hierzu ist bekannt. Wie der Trinker seine Heilung einzig und allein in lebensläng­licher vollkommener Enthaltsamkeit von berauschenden Getränken findet und dazu freundlicher Hilfe bedarf in abstinenten Trinker-

wie KellersZinngedicht" entstand.

Die Entstehung jedes größeren Werkes von Gottfrieds Keller birgt eilte Leidensgeschichte mannigfacher Störungen und Stockun gen, denn diesem großen Dichter fehlte ganz die Gabe, die Poesie zu kommandieren; er war in seinem Schaffen abhängig von dem glücklichen Zufall der großen Stimmung. So ist, denn auch das Werden seiner köstlichen Novellcnsamml.'ng, das Sinngedicht, von vielen Hemmnissen und Enttäuschungen begleitet gewesen und dasWerklein" war nicht nur für ihn, sondern auch für seinen Verleger, der aber das Manuskript niemals bekommen sollte, ein Schmerzenskind, lieber diese Vorgeschichte derGalatea- Novellen", wie sie Keller zunächst noch nannte,' erhalten wir zum erstenmal völligen Ausschluß in dem Briefwechsel zwischen Keller und D u n ck e r, den Emil Ermatinger in der Deutschen Rundschau veröffentlicht.

Schon im ersten Jahr seines Berliner Aufenthaltes hatte der Tichter eine Sammlung von Variationen ausgeheckt zu dem Logau- schen Sinngedicht:Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? Küß eine weise Galatee, sie wird errötend lachen," und ehe die Idee noch recht ausgearbeitet war, bot er fic dem ihm befreundeten Duncker zum Verlag an:Ta Sie wiederholt so freundlich waren, mich zu einem Anerbieten aufzufordern, so erlaube ich mir, Ihnen zuerst und gleich die bctrcffcnbcn Vor­schläge mitzuteilen, die ich zu machen im Falle bin. Die No­vellen unter dem Titel:Die Galatea" werden eine Sammlung heiterer und durchsichtiger Erzählungen sein, welche in eine Haupt- erzählung eingeschacktelt sind, und zwei Bände von je zwanzig Oktavbogcn stark. Für diese zwei Bände beanspruche ich ein Honorar von fünfhundert Talern, wovon die Hälfte sogleich, bei Abschluß des Kontraktes, nnd die andere Hälfte nach Abliese- rung des letzten Manufkriptcs ausbezahlt würde. Tenn leider bin ich nochmals im Falle, ein noch nicht fertiges Manuskript zu verhandeln Ich habe aber schon bei den Viewegschen Erzäh­lungen ,Tie Leute von Seldwyla"' mit Erfolg die Maßregel getroffen, bei einer allfälligen Verspätung über einen festgesetzten Termin hinaus mir einen Abzug ober eine Konventionalstrafe gefallen zu lassen, da ich von dem Romane her im Gerüche eines säumigen Autors stehe. Daher schlage ich auch jetzt wieder zur Sicherstellung des Verlegers vor, daß nach dem festgestellten Ter­min mir für jeden Monat weiterer Säumnis fünfundzwanzig Taler von dem vcrabrcteii Honorar abgezogen werden. Bis Mitte November deS Jahres müßte das Ganze abgeliefert fein und hienach das Abkommen getroffen werden. Tie Novellen haben alle einen einheitlichen Charakter, welcher dem Ganzen zu­grunde liegt und durch die Haupt- oder Einkleiduiigsnovelle moti­viert ist."

Duncker griff mit beiden Händen zu und ging auf alle Be­dingungen ein: aber nun begann die lange Zeit seines Wartens. Keller hatte sich mit der Konventionalstrafe selbst eine Hetz­peitsche schassen wollen, die ihn zur Arbeit treiben sollte, aber Woche um Woche verfloß, ohne daß er imstande war, sein Werk zu fördern. Am 8. November 1855, also eine Woche vor Ablauf der von ihm selbst gestellten Frist, schreibt er dem harrenden Verleger:Damit Sie nicht etwa Vorkehrungen wegen des Druckes treffen, finde ich doch für gut, Ihnen anzuzeigen, daß ich seit mehreren Wochen alle Lust verloren habe, an Ihrem Buche zu schreiben, und dasselbe für einige Zeit zur Seile legte. Erst war ich sogar willens, diese Arbeit so lange hinzuziehen, bis das ganze Honorar in Strafabzügen aufgegangen wäre. Ta ich aber hierfür billig nur ausgelacht würbe, so will ich bas Werklein dock, bis etwa 'im Januar künftigen Jahres fertig machen, ohne Uebereilung." Doch auch bie Vertröstung auf den Januar erwies sich als hinfällig: Monate und Monate gingen dahin, ohne baß ein Blatt Manuskript von bem unterdessen nach der Schweiz zurückgekehrten Keller nach Berlin wanderte. Schonend ließ Duncker den säumigen Poeten durch seine Frau mahnen, aber Keller war jut sehr von der patriotischen Volksstimmung er­griffen, die er mit seinen Landsleuten leidenschaftlich mitcriebtc. Die Konventionalstrafe, die Duncker freilich nicht ernsthaft ein- forbem wollte, wuchs unterbeffen ins llngcmeffene. Am 4. Juli 1857 verheißt der Dichter endlich für den Oktober das Manuskript und meint habet:Ich habe Ihnen nun viele Monate Kon­ventionalstrafe zu zahlen: allein ich sage Ihnen zu voraus, baß ich Ihnen freiwillig kein bares Gelb mehr ,znst»lle, sondern wir wollen jeder behalten, was er hat, damit die A * e einen ge­mütlichen Anstrich behält." Kein Manuskript kommt. Fünf- zehn weitere Jahre gehen dahin. Keller hat als Staats- schreiber viel zu tun, Duncker mahnt nicht, bis endlich dieSieben Legenden" erscheinen und er sich nun wieder mit seiner späten Hoff­nung einstellt. Keller antwortet am 28. April 1872:Nach­dem ich einmal durch mein Amt, zu bem in ben letzten Jahren noch zeitraubenbe und aufregende Staatsänberungen mit unend­lichen Protokollen usw. kamen, in die abenteuerliche Verzögerung hineingcriet, so wollte ich den Zcitversluß den Novellen wenig­stens auch in dem Sinne zugute kommen lassen, daß sie wirklich fertig und reif sind, so weit das an einem alten Holzapfelbanm möglich ist. Sterben werben wir barüber nicht, und wenn Sie mich inzwischen etwa mit bemSchein" bebrohen wollten, so würbe ich schnell noch eine Porzia heiraten, bic mich rettete."

Nun starben zwar wirklich beibe nicht, aber Duncker mußte feinen Verlag auflöfen, und so erhielt er die Dichtung, auf bie er mehr als zwanzig Jahre gewartet hatte, schließlich doch nicht, als sie fertig würbe. Dagegen zahlte ihm Keller ben Vorschuß von 250 Talern samt Zinsen im Betrage von 1614 Mk, in vier

Raten wieher, unb so war benn enblich am 16. April 1879 biefc leibige Vorgeschichte des Sinngebichls beendigt.

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Neue Briefe a is den deulshen Kriegen.

Zu dem reichen Schatze von Kriegsbriefen, bie ein so farbiges Bilb der großen Kämpfe von 1866 unb 1870 barstellen, gesellt sich ein neuer wichtiger B. ürag: die Briefe des Generals der Infanterie v. Holl eben werden soeben von seinem Sohne im Verlage vor Karl Siegletrnunb in Berlin veröffentlicht. Als Premierleutnan: ist "Albrecht v. Holleben an der Spitze der zweiten Kompagnie des 2. Garberegimentes zu Fuß 1866 in den Kampf gezogen. Am Rul,mestage der preußrsch.'N Garbe, am 3. Juli bei K ö n i g g tz, zeichnete er sich beim Sturm auf Chlum besonbers aus. Am selben Tage schreibt ?r an seine Frau:Tie Schlacht ist beendigt, von morgens bis 9 Uhr abends tobte sie. Gott hat michckgnäbigl^ch beschützt, aber ein schrecklicher Tag war es doch. Aber herrlich ist der Sieg, die Oesterreicher müssen große Verluste erlitten haben, jetzt stehen wir auf |bcnt Schlachtfelde im Biwak. Als bas Bataillon gesammelt war, ritt her Prinz Friebrich Karl an uns heran unb rief uns zu:Ohne euch Gardisten hätten wir heute keinen Sieg gehabt". Am folgenden Tag erzählt Holleben weiter:Noch immer liegen wir hier auf bem Schlachtfelbe. Wie soll ich Tir die Gefühle beschreiben, welche mich in diesen Tagen beipegten. Dank­barkeit zum Allerhock-sten, daß er Preußen einen solchen Sieg gegeben, daß er mich Euch erhalten; dann die Trauer um bie herben Verluste des Regiments: das Gefühl bes Schauders nicht vor bem Tobe selbst, aber vor dem entsetzlichen Anblick des SÄacht- seldes in seinem unbeschreiblichen Elend: das Gefühl des Wider­strebens gegen bas Kriegerl-andwerk, wenn es vielleicht mal zu leichtsinnigen Plänen benutzt wird. Aber der liebe Gott kennt die Mensck>en. Abgesehen von all den Erfolgen für bas Vaterlanb, abgesehen von all dem Ruhm, dem Selbstvertrauen, welches unsere Armee mit Heimbringen wirb, haben biefc Tage des Mutigen Kammes uns ein Geschenk gebracht, welches nicht hoch genug an­zuschlagen ist, welches Gott uns durch unsere eigenen Taten in die Herzen eingebrängt hat, einen wahren, tiefen Ernst bei der Beobachtung des eigenenJchs" Religion. Papes Sohn war eben gestorben, der König ritt zu den Bataillonen des Regiments, uns seinen Königlichen Tank auszusprechen, dann der Abendck'oral:Nun danket alle Gott!" Tiefernst stand das ganze Offizierkorps, ich betete zu Gott, ich glaube bestimmt, es betete ein jeder. Tas, meine ich, ist das Beste der schrecklichen Tage für uns, das Offizierkorps, die ganze Armee."

Ten deutsch-französischen fttieg machte v. Holleben als Ge­neralstabsoffizier her ersten Gardedivision mit, unb seine Rnhrnes- tage, wie bic seiner Truppe, waren besonders bie Sästachteu von St. Privat unb Sedan. Auf dem Schlachtfelde von