162. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
m. 247
Erscheint tigUch mit Aufnahme be5 Sonntags.
Redaktion, Expedition und Dnxkerei: Sckul- ftroBe 7. Expedition und Verlag:
Redaknon: e=a^ 113. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Die „Gießener $«nilie«Hätt<r" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, daS „Krtisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Seil, fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Samstag, 19. Oktober 1912
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UniversilälS - Buch- nnd Siemdruckerei.
R. Lange, Gießen.
ahl aller Neuheitei nh Winter
Modernismus schon genügend erfolgt.
Ob bief<n neuen Verf a s s u ng s c nm>ürsen ein günstigeres Geschick bcschieden sein wird, als den letzten vom März 15311 ? Die Unterschiede zwischen den beiden Reformver- suchen sind eigentlich nicht so erheblich. Während die ft ülyerc Vorlage den Landtag für Mecklenburg-Schwerin aus 92 'M geordnet en zusammengesetzt sehen wollte, soll nach dem eben publizierten Entwürfe dieser aus nur 84 Abgeordneten bestehen. Damals sollte die Ritterschaft 24 — heute nur 20, die Landscl>ast damals ebenfalls 24 — heute auch nur 20 Vertreter zum Landtage entsenden. Die übrigen Abgeordneten sollte nach der frülwren Vorlabe der ländliche Großgrundbesitz — 7 — der ländliche Kleingrundbesitz irnb die übrige ländliche Bevölkerung — 12 — die städtischen Bürgerschaften — 10 —, die Landesuniversität Rostock und die Geistlichkeit — je einen — stellen. 3 Abgeordnete soll-
belfabrik faasse, Brand* Kanzleiberg.
zivar das aus dem sächsischen Staatsmanufakturen, in dem die alten Formen und Muster der Rokokozeil genau nachgeahmt sind. Ter gedeckte Tisch von heute muß eine sein abgestimmte Farbcn- harmonic in Rosa und Weitz oder in Gelb und Weiß, sein «vnd diese koloristischen Töne baden sich im Hellen Glanz einer ,elektrischen Kerzenbeleuchtung, bei der die Leitungsdrahte geschickt verborgen sind.
kf. Ein Ersatz für den Strumpf! Eine der ver kücktesten Modeiieuheiten wird augenblicklich in Amerika „aus geprobt". „Fort mir den Strümpfen!", so heitzt die Parole, die die Tänzerin Gertrud Hoffmann ausgibt. Fräulein Hoflrnann steht mit dieser Parole nicht allein: sondern Leon Pakst, der Bc kleidunqskünstlcr für das russische Ballett, kämpft an ihrer ^citc für hie Modeneucrung. Aber nicht das nackte Bem soll den Mit- mcnscheii zur Schau gestellt werden, sondern Fräulein Gertrud lätzt sich ibre Beine bemalen. Leon Pakst, der die berückendsten Gemälde für ihre Beinchen entwirft, malt mit einer Farbe, die ganz nach Wunsch „unvergänglich" sein, soll und lelbit energischen Waschungen nicht erliegen wird, sollte aber die Schöne Lust nach Abwechslung bekommen, so gibt es eine Tin.tur, mit der ihre Beingemäldc aus der Stelle entfernt werden können. Tie Tänzerin will aber diese strumpflose Mode nrcht aus das schöne Geschlecht allein beschränkt wissen, sondern auch die H erten der Schöpfung sollen in Kniehosen mit bemalten Beinen Herumlaufei,, was nach ihrer Meinung nur zur Erhöhung ihrer : Reize beisteuern kann. Wir würden Fräulein Honmann raten, . dock einmal die bei unserer Jugend so beliebten Abziehbilder zu . versuchen. Tiefe ermöglichen für wenig Geld einen Iteten Wechicl von Beingemälden und sehen auch verrückt genug aus.
Mainz fuhr der Dampfer rheinabwärls am National ^Denkmal und an der Elisenhöhe vorbei, auf der durch weitze Fähnchen der Tenkmalsplatz abgesteckl war. Tie herrliche Fahrt ging bis Atz- mannsbaufen und dem Schlosse Rbcinstcin: dann wurde strorn- au fron r 1-5 nach Mainz gefahren. Auf der ganzen Fahrt knallten fortgefctzl Völlerfchüfse zur Begrüßung des Festschiffes und ui allen Uferorten uihD auf den beh Strom belebenden Transportschiffen wehten Fahnen und Wimpel den Festgästen ein Willkommen zu. Während der Festsahrt, an der^sich Finanz mim Iler Tr. Braun Minister v. Horn dergk, Staatsminister Frhr. v. R h e i n b a b e n und zahlreiche andere Ehrcngälte beteiligten, herrschte bald Festesstimmung.
Die Feier in der Mainzer Stadthalle.
Tie Stadthalle wurde nach Ankunft des Schiffes rasch besetzt. Staatsminister Frhr. v. Rltz'inbabcn, der das Präsidium übernahm, entbot allen Anweseiiden Grütze, dic^ennllt seien, dem un- vergetzliä-cn Fürsten Bismarck ein hehres Tenkmal auf ragender Höhe zu erriet len. Ter Vorsitzende machte dann Mitteilung von den Ansschutzbeschlüsieii uitd gab dem Wunsche Ausdruck, daß Einigkeit und feste Entschlossenheit die Losung des Tages sein werde, Einigkeit in dem gemeinsamen Willen, dem Fürlten Bismarck ein Tenkmal zu setzen, das seiner und der deutschen Ration tvürdig sei. (Stürmifd>er Beifall.)
Abg. Tr. Beumer - Düsseldorf begrüßte darauf als Vorsitzender des gescktästöführendei, und des Kunst-Ausschusses mit dankbarem Herzen bie zahlreich Ersclnenencn
In einem sesselndcn Vortrag legte nun Prof. Will?. Streik» Tüsseldors die künstlerischen Gedanken, die ihn und feinen Mitarbeiter, Prof. Hugo Lederer -Berlin, bei Sckxrffung des Bis- marck-RationaldenkmalS bewegteii, dar.
Ter Vorsitzende sprach den beiden Künstlern herzlichen Tank aus. Nackdem dann Tr. Beumer ein Gutachten des Kunst- und Bau Ausschusses zur Verlesung gebracht, worin die jetzt vorgefllhrteti, abgcänderten Entwürfe zur Ausführung empfohlen werden, wird auf Antrag des Herrn zur Red den einstimmig
jraucit\fcuiUefon.
kf. Ter Geist der neuen Mode. Die Zeit scheint dahin zu sein, >vo man von Modegesetzen sprechen konnte. Wenigstens behaupten dies Kundige vom „Bau", wie beispielsweise Herr Poiret in Paris. Herr Poiret hat geäußert, datz schon die große Konkurrenz der Modehäuser untereinander bald keine cin- deitliche Mode mehr auskommcn lassen dürste. Jeder sucht den anderen zu übertrumpfen und den Bogel im Wettstreite ab- zuschietzen. Daß dabei alle nicht in der gleichen Richtung am ..Modekarren" ziehen, das versteht sich von selbst. „Tie heutige Mode in einem Spiegel gleich, in den eilte jede Frau schaut, um die Spiegelung hcranszufinden, die ihr am besten steht." So charakterisiert Poiret die heutige Mode. Datz diese Aeuße- nm gen des Pariser Großen nicht unbegründet sind, das weiß jeder, der beispielsweise die Entwicklung der diesjährigen Winter mode beobachtet hat. Ta hieß es zuerst: die Humpelröcke werden sich halten. Tann tauchte plötzlich in weiter Ferne die Krinoltne mit ihrem schrecklichen Umfange wieder auf. Wieder andere wollten wissen, datz die Wintermode einen an den Knöcheln engen und an den Hüsten weiten Schnitt mit möglichst vielen Raffungen bringen würde. Kurz, es gab der Stimmen viele im großen Modewald. Und schließlich ist von allem etwas gekommen. So wird mau denn in diesem Winter besonders bei Toiletten das Schauspiel beobachten können, daß der Humpclrock — wenn auch nicht gar so eng wie früher — mit dem weiten Rock einträchtig zusammengeht, datz die überschlanke, gerade Sinic ganz gut neben der durch Raffungen und Besatz unterbrochenen Linie bestehen kann.
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kf. Ehemännerbewahranstalten. Tatz in den Warenhäusern Kinder „aufberoahrt" werden, damit die Mütter in Ruhe ihre Einkäufe erledigen können, das ist nichts neues. Ein findiger Kaufmann in San Francisco, der nebenbei gejagt ein guter Pfhchologe sein muß, hat nun in feinem Warenhaus auch eine Abgabestelle für Ehemänner eingerichtet. Und zwar hat ihn zu dieser eigenartigen Neuerung die Beobachtung bewogen, datz der Ehemann gewöhnlich nur widerwillig an der Seite seiner Frau an den Verkaufsständen vorbeitrottet, immer möglichst rasch lieber weiterzukommen sucht, bei der gcringiten Neigung der Frau, etwas zu kaufen, das Gesicht mürrisch verzieht, kurz, der Frau alle Lust zum Kaufen Der grault. Ter Amerikaner sucht nunmehr den Ehemann mit der erlesensten Gemütlichkeit zu umgeben, während seine Frau einkauft. Er kann währenddessen sich in einem kosigen Klubsessel herumrekeln, sich
Hier im herrlickien Rheingau, wo sich nord- und süddeutsche Kultur vermählen, da ist wahrlich der rechte Ort, um bie Feuer vaterländischer Begeisterung hell aufflammen zu lassen und das Tankopfer darzubringen „dem Manne, in dem Gott der Herr das Werkzeug geschaffen hat, den unsterblichen Gedanken an Deutschlands Einheit und Größe zu verwirklichen". Riesengroß ist das Werk, das uns Bismarck hinterlassen hat, aber größer ist der Geist, mit dem er es vollbracht hat.. In den müssen wir «immer tiefer einzudringen und ihn fortzupflanzen versuchen von Generation zu Generation, damit wir das Gewonnene immer besser auszugestalten und immer fester zu bewahren lernen. Wer sich von Bismarckschem Geist durchglühen läßt, der muß allem vor« einen tadellosen Cocktail — natürlich auf eigene Kosten! — zu Gemi'lte führen, eine Havanna rauchen. Was will man mehr! Besonders wenn noch in- und ausländische Zeitungen aufliegen und die Bedienung durch holde Mägdlein erfolgt. Somit aber nun den Frauen später die lästige Sucherei nach dem richtigen Ehemanne in der Bar erspart bleibt, erhält das Paar beim Eintritt in das Warenhaus zwei Zettel mit gleichlautenden Nummern. Wünscht die Frau den Gatten zurückzuhaben, gibt sie ihren Zettel ab, ein dienstbarer Geist ruft mit Stentorstimme die Nummer in die Bar hinein und — wenn die Reize der Barmägdelein den Ehemann nicht allzu sehr umgaukelt haben, eilt er zu der mit Paketen beladenen Gattin zurück. So haben beide Ehegatten im Warenhause das gefunden, was sie suchten: die Frau konnte nach Herzenslust ein taufen und der Ehemann ein vergnügtes Stündchen in angenehmer Gesellschaft genießen. Ter findige Warenhausbesitzer aber bringt so mit Riesenschritten sein Sch äs, chen ins Trockene.
T ie Schadenersatzklage gegen bie Schwieger» in utter. Aus New York wird berichtet: Von dem Wunsch« netriebe.-i, das schwierige Problem der Schwiegermutter im ehelichen vebeit zum Wohle der Menschheit endgültig zu lösen, hat leist Fran Helena Laybourn aus Bonlder in Colorado gegen ihre Schwiegermutter eine Schadenersatzklage eingereicht- Frau Lay- bonrn trat eist vor drei Monaien in den Ehestand, aber die kurze Zeit genügte vollauf, um den jetzt zur Ausführung kommenden finsteren Plan reifen zu lassen. fie verlangt von ihrer Schwiegermutter rund 40 000 Mark Schadenersatz für die Entwendung der Liebe ihres Gatten Fran Laybourn erklärt, daß sie mit ihrem Manne glücklich und zufrieden zusammen gelebt habe, bis die Schwiegermutter, die etwas zänkischen Temperaments zu sein scheint, ‘ sich in die Ehe einmischte, täglich Szenen beraufbeschwor und dem Frieden im Hause damit ein Ende machte. Als die Schwiegertochter sich dagegen auflebnte, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung, in deren Verlaus die Tlutter den Sohn zwang, seine Frau zu verlassen, da sie ihn sonst enterben würde. Und da der Sohn finanziell von der 'Mutter abhängig war, gab er schließlich nach. Wenn Frau Laybourn nut ihrer Schadenersatzklage durchdringt, wird sie noch eine wettere Klage um neue 40 000 Mark anftrengen, da ihre Gesundheit schwer erschüttert worden sei. Als man ihr den Mann nahm, brach die junge Fran zusammen und wurde ein Cpfer nervöser Anfälle. Nun soll das Gericht entscheiden, ob eine Schwiegermutter das Recht hat, sich in die inneren Verhältnisse bet Ehe ihrer Kinder einzumischen oder nicht.
Das Bimardsöenfmal aus der Elisenhöhe.
hc. Mainz 18. Oft.
Zu einer eindrucksvollen patriotischen Kundgebung gestaltete sich die Zusammenkiinst des großen Ausschusses zur Errichtung eines Bismarck-National-Denkmals, die in Bingen und Mainz ftattfanb und viele Hunderte von Bisinarckverehrcrii aus allen Teilen des Reiches zusammcngeführt hatte, ©eitern abend war in Bingen unter Vorsitz des Bürgermcilters N c N der B i s m a r ck v e r e i n zu einer Hauptversammlung zuiarnmengc- tretcn. Ter Verein nahm in der Sitzung eine neue L-atzung an durch welche er auf eine breitere Grundlage gestellt wird. 3um Ehrenpräsidenten wurde der Reichskanzler v. Bethrnann Hollwcg ernannt, zum Vorsitzcirden Dr. Beumer-Düsseldorf zum stellv. Vorsitzenden Geh. Komm-Rat C lernen- Bon'n zum Schatzmeister Generalkonsul v. Schwabach-Berlin, zu dessen Stellvertreter Komm.-Rat Rau -Köln, zum Schrifrflthrer Rechtsanwalt Falk-Köln, zu dessen Stellvertreter Bürgermeister Neff- Bingen, zum Generalsekretär Karl Poten-Koln Ferner wurde ein Vorstandsbeirat gebildet, der aus über 200 Männern aus allen Provinzen und Landesteilen besteht. Zum Vorsitzenden des Vorstandsbeirats wurde Staatsminister Frhr. v. R h e i n b a b e ii und zu Stellvertretern Regierungspräsident a. x. zur Nedden-Köln, Bürgermeister B 0 r s ch t - München und Geh Kommerzienrat Arnold-Berlin gewählt.
• Heute lag um 12 Uhr ein festlich geichmückter Doppeldcck- dampser der Köln-Tktfseldorser Tampfschisfahrtsgesellschast bereit, der in Singen und Rüdes heim viele Festgäste aufnahm. Unter den Klängen der Regimentskäpellc des 88. Jus. Regiments aus
folgender Antrag angenommen:
Ter Oroße Aussckmß hat im Anschluß an das ihm vorgelegte, ausführlich begründete Gutachten des Kunstausschirsses vovi 17. d. M. mit großer Befriedigung und Freude davon Kenntnis genommen, daß die Herren ÜteiS und Lederer bei sorgsamster Vertiefung in die Größe ihrer Aufgabe nunmehr ihren Entwürfen eine in ihrer Geiamterschcinung ausgereifte Gestaltung gaben. Ter Große Ausschuß trägt deshalb kein Bedenken, auch seinerseits deut Verein zur Errichtung eines Bismarck Nationaldenkmals auf der Elisenhöhe die Ausführung des Tenkmals nach den jevt vorliegenden Entwürfen — vorbehaltlich der Prüfung von Einzelheiten — unter Voraussetzung! der baldigen Beschaffung der nötigen Mittel zu euiviehlen.
Zur Begutachtung etwaiger Abänderungen, sowie der Ausführung überhaupt, wird ein aus Herrn Clemen, Dessorr, .Häuser, Hofmaiin-Tarnistadt, Muthasius, zur Ncdden, Netzer, Nehorst und Schmid bestehender Ausschuß gewählt. Mit einem ^Schlußwort des Vorsitzenden schloß die Versammlung. -ri
. Bei dem Festmahl in der Stadthalle hielt der Monster des Innern, .v. Homberg k, folgende Ansprache:
Gestatten Sie mir. Sie alle, die die gemein,amc Begeisterung für unser geeintes deutsches Vaterland und die nie versiegende Tankbarkeit für ben gewaltigen Schöpfer der deutschen Einheit heute an den Ufern des Rheines zusammengeführt hat, auf hessischem Boden willkommen zu heißen. ,
Hier im alten goldenen Mainz redet mit uns eine mehrtausend- j übrige Geschichte eine gar eindringliche und lehrreiche Sprache. Sie erzählt uns von der Weltreick-e Glanz und Macht und von Teutschlands tiefster Schmacks und Bedrängnis, von den Zeiten der Fremdherrschaft und des Untergangs des römischeii Reiches deutscher Nation, das zu Grunde gehen mußte, weil es nicht auf nationaler Grundlage aufgebaut war. Sie berichtet uns weiter, wie von hier aus der große König Wilhelm seinen Siegeszug nen Westen angetreten hat, von'dem er mit der von allen deutschen Patrioten so heiß ersehnten Kaiserkrone geschmückt wieder heim-
Mccklenburgischer Uloöertrsmus.
In diesen kampfdurchtobten Tagen, wo sich die Blicke cTTer auf das Ringen der Völker des Balkans um Neu- oestaltuna des Orients richten, wo alles nach Reformen Iränat, fomwt aus Mecklenburg die Kunde, daß man auch dort nach Neuerungen strebt: Abermals haben bie mecklenburgischen Regierungen Verfassungsentwürfe für beide Groscherzogtümer einaebracht unb dem engeren Ausschüsse des Landtages zur Beratung überwiesen. Nur ein sehr gewissenhafter Chronist wird sagen können, der roiemelte Gesetzentwurf das fei; denn noch immer hat jeder Modernismus im Verfassungsleben dieser beiden deutschen Bun- de-'staaten entschiedenen Widerstand gefunden, und so ist denn jede Verfassungsreform bisher gescheitert. Mecklen- lurg^Schwerin und Mecklenburg-Strelitz sind die einzigen deutschen Bundesstaaten, die noch immer einer modernen Verfassung und zumal einer aus allgemeinen Wahlen her torgegangenen Volksvertretung entbehren. Es besteht dort noch immer die altständifche Rittersck>aftsherrschaft. Jeder Rittergutsbesitzer ist zugleich Mitglied des Landtags, in dem sonst nur noch einige wenige Vertreter der Städte sitzen. Tic „Ritter" verweigern aber hartnäckig die sogar von den Regierungen fort und fort für unumgänglich not wendig erklärte Einführung einer konstitutionellen Verfassung.
Jetzt will die Regierung einen neuen Versuch wagen Sie entspricht damit einer Forderung, die vor nunmehr bald hundert Jahren zum ersten Male anfgestellt worden ifl: Als nämlich nach dem Sturze Napoleons im Jahre 1815 i? e Großmächte zum Wiener Kongreß zufammentraten und d r Deutsche Bund begründet wurde, da befaßte man sich richt nur mit Fragen der auswärtigen Politik, sondern auch mit der inneren Gestaltung der einzelnen — 38 — CMieber dieses zu bereu äußeren wie inneren Sicherheit begrün . kten Bundes. Man schloß die Deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815 und stellte in ihr Grundsätze zu einer Neu bildung der deutschen Staaten auf. Im 13. Artikel dieser Enmdesakte mürbe verordnet! „Für alle Bundesstaaten wird-eine landständische Verfassung stattfinden". Der erste staat, der diese Bestimmung erfüllte, und seinem Volke eine Verfassung gab, war bekanntlich Sachsen-Weimar 1819). Seither sind fast 100 Jahre ins Lund gegangen, haben sich welthistorische Ereignisse begeben, hat man in fast allen Bundesstaaten die Verfassungen insbesondere auch das Wahlrecht des Volkes redigiert und zumeist verbessert, aber Mecklenburg ist — Mecklenburg geblieben.
Aber etwas Unerwartetes hat sich begeben: das preußische Dreiklasscnwahlrecht fängt an, moralische Eroberungen zu machen, Nacheiferung zu wecken: just dieses Wahlrecht, das ein Bismarck zwar für das elendeste aller Wahlsysteme erklärt hat, unb um bessen Abänderung seit Zahr und Tag die schwersten innerpolitischen Kämpfe in । Preußen geführt werden, Kämpfe, bie ja die Regierung au einem — freilich gescheiterten Gesetzentwürfe zur Abänderung des Wahlrechts veranlaßt haben. Dieses Wahlrecht gerade hat bei Schaffung der neuen Verfassungs- mtnritrfc für Mecklenburg zum Vorbilde gedient. Damit ist eigentlich die zkritik dieses mecklenburgischen Verfassungs-
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ändert neue cviots, schwarzen und ciderstofsen,BucksklN'
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— Die neueste Mode im gedeckten Tisch. England trat bis vor kurzem das klassisckx'Land des eleaanten ^afelschmuck>s: in neuester Zeit aber fängt man an, sich Don oer strengen «Regel der Briten loszumacben, und der Französin entfaltet ihren feinen Geschmack, um auch in diesem althergebrachten Formen Neues bieten So hat sie in der neuesten Mode mit dem iLudHud) gebrochen, das dock' bisher die unerläßliche Grundlage jeder reinen Tafeldekoratioit war. Bei den kleineren Mahlzeiten des Lagos werden Bestecke nnd Teller auf kleine mit Spitzen besetzte L:r- tietten gestellt: die Ntttte des Tisches nimmt ein gesticktes Milieu rin, auf dem der Fruchtkorb oder Blumen arrangiert nnd. -t e silbernen Sckmiuckstücke der Tafel werden in Blumen unb Laub eingebettet und eine besondere Finesse ist es, den natürlich.n Blumenschmuck mit dem Blumendekor des Services m Heberein= ssimmung zu bringen. Das eleganteste Geichirr i|t Porzellan und
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len damals die übrigen wissenschaftlichen Berufsstände mit Hochschulbildung, 2 die Handels- unb Landwirtsä-aftskanu mern entsenden, während 4 Abgeordnete der Großherzog ernennen soll. Heute will man das System etwas vereinfachen, unb baßer 20 Vertreter aus stänbischen Wahlen her- vorgehen lassen, von denen 10 bie Landwirtschaft und 10 die täbtische Bevölkerung repräsentieren sollen. Für biefe'20 Vertreter will bie Regierung bas allgemeine W a hl- recht bewilligen. Freilich nur in der Dosis des prcußi ck)en Treiklasjenwahlrechts. Voraussetzung für bie Wahl- lerechtiguiig soll aber ein Mindesteinkommen von 1200 Mark und mehrjähriger Zlusenthalt im Lanbe sein. Danach würden also bie ländlichen Arbeiter überhaupt kein Vahlrecht erhalten, da sie wohl kaum. 1200 Mart jährlich u verzehren haben dürften. — Der Landtag für Meckleu'- mrg-Ärelitz soll, wie schon damals vorgesehen, aus 23 Llb geordneten bestehen Hoffentlich wird diese gewiß sehr be- cheidene Reform diesmal durchgeseltt.
Dem engeren Ausschuß der Ritterschaft unb der Landschaft zu Rostock ist ein Schreiben des Großherzogs jugegangen, das in seiner Anlage einen neuen B c r f a s s u n g s c n t ro u r f der mecklenburgischen Staatsregierung enthält. Darnach soll in Zu kirnst der allgemeine Landtag für Mecklenburg-Schwerin aus 84 Abgeordneten bestehen. Von diesen c n t s enden 2 0 A b - geordnete die Ritterschaft 20 bie Lanbscha11, 2 0 bie einzelnen Berufsstände unb die Amtsveriamm- lung im Tomanium, 10 Abgeordnete bie länblidje Bevölkerung, 10 Abgeordnete bie Stäbte unb v 1 e r werben vom Großherzog aus Lebenszeit ernannt. Für Mecklenburg-Strelitz ist eine ähnliche Zusammen setzung bes Lanbtages.vorgesehen. Das Wahlverfahren für bie Wahlen der Abgeordneten ist aus allgemeinen Wahlen nach dem preußischen Trei-Klassen-Wahlsystem festgesetzt. Die Wahlen sollen ö f f c n 11 i ch und indirekt stattsinden.
Ans Qcfictt.
Der Gefehsikbungs-Ausschun der Zweiten Kammer erledigte, wie uns aus Darmstadt berichtet wird, am Freitag in einer Sitzung den Rest seiner Tagesordnung vom 8. Oktober. Die Regierungsvorlage betreffend die Wanderung des Gesetzes vom 6. August 1902 über die Landes- lr'cditkasse soll vom Ausschuß der Kammer zur Annahme empfohlen werden. Dem Anträge des Berichterstatters Tr. Stephan über den Antrag Grünewald über die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten wurde zugestimmt. Die beiden Anträge Ulrich: Revision der Bestimmungen über Aufrechterhaltung der Ordnung in den Gerichtssitzungen und Entschädigung für unschuldig erlittene Straf- und Untersuchungshaft wurden der Regierung als Material überwiesen. •


