Nr. 270
Drittes Blatt
162. Jahrgang
Erichen,l täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „•iefctaer Zamiliendlätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, daS „Kreliblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefjen
Freitag, l5. November 1912
Rotatisn-druck und Verlag der Brüdl'schen UnioerstlälS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Giessen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: e=^51. Redaktwm^SllL. Tel.-Adr.:AnzetgerGreven.
v. d. Goltz «nd -er türkische Zusammenbruch.
Ein höherer Offizier der bulgarischen Armee, der zurzeit in besonderem Auftrage in Berlin tvcilt, hat es in einem Interview unternommen, den Generalfeldmarschall v d. Golh und die deutsche Wasfenchre gegen die Kritik einer gewissen Auslandspresse in Schutt zu nehmen. Der Bulgare weist auf die literarischen Beröffcntlichungen des Aeneralfeldmarfchalls hin, aus denen deutlich heraus zu lesen sei, das; sich v d. Goltz keinen Täuschungen über die bei seinen türkischen Schülern erzielten Ergebnisse hingab. Der Offizier kann sich des Wortlauts jener Veröffentlichungen nicht entsinnen, er ist aber mit seinen wichtigen hin werf en durchaus auf dem richtigen Wege. v. d. Goltt I) a t tatsächlich den türkischen Zusammenbruch vorausgesehen unb mit ausserordentlichem Scharfblick gerade die heillosen Schwächen der türkischen Militäraus- bildung erkannt, die von den deutschen Instrukteuren die denkbar beste Anleitung erhielt, ohne sie richtig zu verwerten und in sich aufzunehmen, v. d. Golp hat sich bereits bei Beginn des Tripoliskrieges in einer Reihe von Artikeln der „W jener Neuen Freien Presse" eingebend mit der Verfassung des türkischen Heeres beschäftigt und Hal dabei nicht etwa der italienischen, soirdern her gerade ihm so nahestehenden türkischen Regierung die Leviten gelesen.
Tas jungtürkische Kabinett, so schrieb er, habe sich nicht genügend vorbereitet und gesichert, obwohl ihm die grossen Mängel her Militärorganisation bekannt gewesen seien. Es höbe nicht überall gerüstet unb habe versäumt. Neues zu fdxm'cn. Tie alten Mannsclxijten, die schon seit lange unter den Fahnen dienten, mussten entlassen werden, „das nötigte, mit Rekruten das Heer aufzufüllen und von vorne anzufangen, zur stillen Verzweiflung der europäischen Reformer, die gerne eine gründlich Ausbildung Dorgenommcn hätten und nun eine Krümperausbildung treiben mussten. Tie Sorge um die primitivsten Tinge nahm nod? die Armeeverwaltung in Anspruch-. Als ich int Herbst 1909 in Konstantinopel ivar, galt es, bei anbrcd/'itbcm Winter erst einmal der eben neu eing, kleideten Armee eine zweite Wolldecke für jeden Matm zu verschaffen, nid)t Panzerbat'.erien an entfernten Küsten zu bauen"
Wie sich v. d. Golp die Ausbildung seiner türkischen Zchüler dachte, geht aus seinen folgenden Ausführungen hervor, die aus allerletzter Zeit stammen und ebenfalls •ine ernste Mahnung an den türkischen Schlendrian darstellen (Broschüre „Jung-Deutschland").
„Die Ausbildung ist durch die verfeinerte und mannigfaltiger gewordene Waftentecimik sehr viel fdmrieriger geworden als ehedem. Unsere Geschütze und Gewel-re sind Präzisionsmaschinen. Tine Wirkung bat sick- gegen früher verzehntfacht. Aber ihr (Mebraud) und ihre Behandlung erfordern aud) ein im gleichen Masse vervielfältigtes Verständnis. Unsere Infanteriewasfe wirkt -verlierend auf alle lebenden Ziele — aber mir unter der Bedingung, dass die Entfernung, auf die man schießt, richtig erkannt und das Visier dementspredind eingestellt ivird. Der ein» ind>c Dauersohn oder Unecht vom Lande muss heute nid)t nur rin wenig Med»aniker werden, sondern aud) ballistisdie Anschau iingen gewinnen, damit er imstande ist, sich die Flugbahn seines Geschosses vorzustellen und sid) seiner Waffe aud) dann noch mit Nutzen zu bedienen, wenn niemand neben ihm stehl, der ihm ieficljtt. Und dieser Fall wird in europäischen Kriegen fein seltener, sondern, bei der Auflösung des mobcnien Kampfes und den unverlwltnismässig hoben Offi.ziersverlusten, sogar die Regel sein. Wie viel in ehr Sackkunde aber erfordern n o ch Maschinengewehre und Geschütze. Bei der sdmreren Artillerie, bei der die (Geschosse zu Minen werden, die mit äusserster Vorsicht zu behandeln sind, kann eine geringe Vernachlässigung, eine bcgreiflil e Unkenntnis die schwersten Unfälle verursad>en, die meisten Tfcitfdjcnlcben losten."
Die Auslandspresse hat den deutschen Drill für den Zusammenbruch der türkischen Armee verantwortlich machen wollen, v. d. Goltz schreibt:
„Das abgestandene Märdren muss cnblid: schweigen, dass im Truppendienste mir der Drill, daö Parademässige betrieben, jeden- lalls eine übertrieben lange Zeit baiuit verloren wird. In der Verbatmung des Trills und des Parademässigen, die als Mittel ium Zweck, leicl.te Benvgiing und Belierrschung grosser Mens dien massen, ihre vollgültige Bedeutung haben, sind wir in der deutschen
Armee bis an die Grenze des Zulässigen gegangen. In Damaskus und in Buenos Aires, >a gewiss in manchen anderen grossen Garnisonen b<» Auslandes ivird verhältnismässig mehr gedrillt alS in Berlin und Potsdam, und der viel verschrieene Militarismus, bezüglich dessen die meisten Leute, die ihr Anathema bagegen fdjeubern, sich gar nicht tlar sind, was darunter zu verstehen sei, muss anderswo gesucht werden, als bei uns."
v. d. Goltz unterscheidet also sehr genau zwischen dem, was die deutsche Wasfenlehre bietet und was von vielleicht unberufenen Händen daraus gemacht wird. Er, der der türkischen Armee das beste geben prallte, was er hatte, hob schon Ende vorigeir Jahres »varnend gen Konstantinopel den Finger mit den Worten: „Nur eines kann der jungen Türkei ernsthaft gefährlick) werden — das ist sie clbst! Wenn durch fortgesetzten Minister- w e ch s e l die Kraft der Regierung nad) aussen gelähmt wird, dann sind der Jntrigue und der fremden Intervention ric Tore wieder geöffnet, wie ehedem. Davor zu warnen, ist der Zloeck dieser Zeilen." ______________________
Deutsche» Reich.
Vom Bundesrat.
In der Sitzung des Bundesrats am Donnerstag wurde der Entwurf der Bekanntmachung betreffend die Lohn- bücher für die K leider -tind Wäschekonfektion, tnc am 2. Juni 1911 in Washington unterzeichnete revidierte Uebereinkunft z-um Schutze des gewerblichen Eigentums und der Gesetzentwurf zur Ausführung der^Ueber- einlunft sowie die Gesetzentwürfe betreffend die Feststellung je eines Nachtrages zum Rcichshaushaltsetat und der Haushaltsetats der txbufrgebiete für das Rechnungs-jahr 1912 den zuständigen Ausschüssen überwiesen.
Ter mecklenburgische Verfassungsentwurf wieder abgelehnt!
Aus Malchin lvird vom 14. Nov. berichtet: Mehrere Mitglieder der Ritterschaft beantragten im Landtag die Ablehnung des neuen VersassungsentwurfeS der R.g:erung, da nur die Fortentwicklung der jetzigen Verfassung und nicht deren Zerstörung in ihrer Grundlage als richtig anzuerkennen ist. Sie erbitten die Herausgabe einer abgeänderten Versassungsvorlage, die dem Mangel der bestehenden Verfassung abhilft, ohne einen Bruch mit der Geschichte und dem Rechte des Landes. Die Ritterschaft beriet darauf als Stand für sich und nahiü den Antrag des Diktamens mit 18 gegen 16 Stimmen an. Tie Landschaft dagegen. lehnte den Antrag durch Standes- b!efchluß ab. Hiermit ist vorläufig der 93er» fussungsentwurf abgelehnt, ohne daß es zu einer Komiteeberatung kommt.
Bekämpfung des Mädchenhandels.
Unter dem Vorsitz Se. Exzellenz von Dirksen trat in Stettin am Donnerstag die Neunte Deutsche National- lonferenz zur Bekämpfung des Mädck>enhandels zusammen. In der 'Hauptversammlung überbrachte der Kabinettsrat Freiherr v. Spitzenberg die Grüße und Segenswünsche der Kaiserin, der Protektorin des Vereins.
ZCircbe und Schule.
Giessen, 15. Nov. Graf Hoensbrokch über die Jesuiten.
Gestern abend fprad) int akademischen Bismarckbund vor überfülltem Saale Gras Hocnsbroed) über den Jesuitenorden. Zunächst gab der Redner einen Uebcrblick über Geschichte und Einteilung'dcS Ordens. Im Jal/re 1540 wurde die von dem Spanier Ignatius von Loyola gegründete Gescllsd>aft Jesu von dein Papst anerkannt. 1773—1815 war sie vom päpstlichen Stuhle auf gehoben, und seit ungefähr 40 Jahren ist sie in Teutschland ver boten. Zur Zeit ihrer Aushebung zählte sie 22 589 Mitglieder und jetzt wieder 16 293. Politisch teilt sid) die Gesellschaft in eine französische, englische, holländische, belgische italienische, spanische und deutsche Provinz. Bezüglich des Ranges werden 4 Klassen unterschieden: 1. Klasse die der Nov izen. Sie gc hören eigentlich nicht zu dem Orden. Es sind die Leute, die ein
treten wollen nnd erst eine zweijährige Probezeit ablcgcn müssen, worauf sie die 3 ersten Ordensgclübde (der Armut, Stenidn)eil und des Gelwrsams, oblegen
Daran) rücken sie in die 2. Klasse der SwOiaftilcr aus. Sie beschäftigen sick) mit dem Studium Nack) mdu icttgesctzter Zeit legen sie die letzicn ieierlidtat Gelübde ab, woran) ste der 3. Klasse, der Professen, überwiesen werden. Bedingung bter* für ist, dass sie wiisensdwsUid) genügendes geleistet haben. Die, die nicht genügend bewertet werden, werben Coadttoren, Die sid) in geistliche und weltliche teilen.
Tie Vcrsassnngsurlunde umsasst 3 Cuartbänbe, die tnt wesent lieben uori) vom Stifter herrübren, jedoch verschiedentlich Zusätze erhalten haben. Die letzte Ausgabe erschien 1893. Regiert wird der Orden von dem Ordensgeneral. Unter ihm stehen die Provinzial^ und Lokaloberen. lieber dem General steht die General kongregation, die sogar Gewalt hat, ihn abzusetzen. Tie 2ätt<r leit' des Ordens besteht in Missionen, Ererzitien geben, Messe lesen, Beichte hören und Sakramente spenden.
Nach dieser Einleitung sorderle der Redner den enlldttebenen Kamt" gegen bic Jesuiten und für das Jesuitengesetz, indem er ihre Stellung zu Vaterland, Staat und Nichtkatholikcn beleuchtete. Besser als Worte redeten bic Beispiele, bic er ansührte. Er brachte mir sdtriftlidte Aeusserungeit bentscher Jesuiten vor:
Ter Jesuit hat Familie und Vaterland zu verleugnen. Die Stelle des Ordensstatuts lautet: Jeder, der in die Gesellschast Jein eintritt, hat Vater, Mutter, Sck)westem und Brüder zu verlassen. Tie natürliche Bestrebung eines jeden ist, Zuneigung zu Verwandten abzulegen. Er hat keine Verwandten, sondern er bat sie gehabt. Er bat dafür Sorge zu tragen, dass der Na tionalitätsgeist nicht hock) kommt. Stammes- und NationalitätS- lewusstsein ist eine Pest, bic ausgerottet werden muss, hierzu führt ein Deutscher, der über 60 Jahre bem Drben angehört und alle A em ter äusser dem General inncgchabt hat, weiter aus: Erste Bedingung ist Loslösung von Heimat und Vaterland. Don Berus ist der Jesuit International und Kosnwpolit. Mit den Heimatschollen an den Füssen ist eine Eroberung der Welt undenkbar.
Die ultramontane Presse suche die Jesuiten aber immer norn als Heimat- und vaterlandlicbend lnnznstellen. Wie sie in Wirklichkeit die Stütze von Thron und Staat seien, zeige ihr Verhältnis zum Staat: Ter Staat ist der Jurisdiktion nnd der Gewalt der Kirche unterworsen. Ter Staat muss ans Beseh! der Kirbe zn deren Nutzen und Frommen aud) gegen sich wirken. Ter Kirche steht es zu, eilten ausgebrochenen Streit zwischen Staat unb Kirche authentisch zu erläutern und diesem Urteil bat sich der Staat zn unterwerfen. Ter Papst bat das Recht, Staatsgesetzc zu verheuern. Einigkeit kann nur burd) Unterordnung des Staates unter die katholische Stird)e bestehen. Dio Kirche besitzt das Neckst der Grenzregulierung zwischen Staat und Mirdic und auch zwischen den einzelnen Ländern unter sich. Bei Krieg hat der Staat die Verpflichtung, erst beim Papste anzusrageu, ob er Mticg führen dürw. Treu- unb Fahneneid gilt nichts, wenn der Staat ober Beamte etwas gegen die Kirche unternehmen soll ober etwas wahr - scheinlich Ungerechtes crbulbcn soll. Ter Verfasser dieser Stellen konnte sie nicht leugnen, aber „er hat Deutschlanb nicht genannt". Derselbe Verfasser bringe in einer Moraltheologi? einige künstliche Beispiele, von benen ber Redner eines erwähnt: Ein Mann hat das Gesetz übertreten. Ein katholischer Richter lässt ihm sagen, wenn er dies weiter tue, müsse er ihn strafen. Darauf antwortet jener dem Richter, er dürfe sick) dann an Staatseigentum schadlos halten, da das Gesetz für ihn nicht gelte. Dieser Manu tut gut. So besteht auch das Jesnitengesetz schon übr- 40 Jahre. Die Jesuiten kümmern sick) aber nicht darum. Unter aller möglichen Verkleidung und Titeln treiben sie sich in Deutschland herum. Das Gesetz besteht eben nicht für sie.
Nach ultramontancn Zeitungen predigen bic Jesuiten allenthalben den konfessionellen Frieden. Sehen wir, wie cs in Wirklichkeit aussieht: Luther ist das scheußlichste Ungeheuer, ber Schandflecken Deutschlands usw. Vergebens erwartet die Ketzerei, Frieden mit den Jesuiten zn erlangen. So lange Leden in uns ist, werben wir die ketzerischen Hunde anbellen. Die Todesstrafe wird für jeden Ketzer verlangt. Zu öffentlichen Schaustellungen, Spielen unb Hinrichtungen soll der Sd)üler nicht gehen, ausgenommen zu Hinrichtungen von Ketzern. Der Staat muss, wenn er nicht Rebell sein will, katholisch sein oder werben. Tie Parität ist ein krankhafter Zustand. Er ist eine Beleidigung für einen Katholiken, wenn Sdjuten unter nickst katholischer Leitung stehen, und wenn über allen ein protestantischer jtzultusininister steht. Dirnen- unb Zuhältcrwescn entsprängen nur dem protestantischen Geiste.
Diese Zitate ans wissenschaftlichen Büchern könne man mit einigem guten Willen noch miebergebeu, bic der volkstümlichen spotten jeder Beschreibung.
Zwischen Protestantismus und Katholizismus bestehe eine unüberbrückbare Kluft wie zwischen Deutschland und Frankreich.
Kun ft, ZViffenlcbait und Leben.
— DerNobelvreis für die Literatur. Bor einiger Seit ging durch die deutsche Presse die Meldung, dass der Nobelpreis | iür Literatur diesmal „sicherem" Vernehmen nach an Gustav Frenssen fallen werde. Gleich darauf wurde behauptet, dass nicht Frensscu, sondern Gerhart Hauptmann der Glückliche sein werde. Das verlautete wieder mit voller „Bestimmtheit", und es tli io lange durch die deutschen Blätter gewalzt worden, bis man nch gestern endlich auf schwedisckstr Seite veranlasst gesehen hat, oitt ziel! mttzuteilen, dass das Nobelpreiskomstee lnsher^üverhaupt non- keinen Entschluss gefasst habe, sondern dass die Sitzung erst tu 14 Tagen ftatttiitbeu werde. Bis dahin sind also alle Namen von Preisträgern, die in ber Presse genannt werden, müssige Ratercien. Es steht noch nicht einmal fest, ob der Nobelpreis überhaupt nach . Deutschland fallen wird. Dir möchten dock) nicht Untertanen, darauf hinzuweisen, welckwn üblen Eindruck im gesamten Auslande riese schwedische Erklärung machen muß. Tas Vcnabrcn gemincr deutscher Nachricksteubureaus und seiner Hintermänner sieht ja beinahe so aus, als ob man einen Druck oder doch eine unzulässige Beeinflussung auf das Komitee ausüben wollte. Es wäre vielleicht angebracht, das; man einmal feststellt, auf wen diese unverantroort liehe, an erpresserische Schnorrerei streifende Nachrickstensabrilatiou mrüdgeht. Tie deutschen Zeitungen werden dadurch blamiert, und die deutschen Dichter, zu deren Gunsten bic Stimmungsmache itattiinbet, ganz gewiss nicht geehrt.
— Ein Berliner Theaterbericht der „Bergstadt" Herausgeber Paul rirt!eri soll unseren Lesern nickst verschwiegen werden. Erlautet: „Eigentum ist Diebstahl", bic neue geistreiche £)bereite, die ganz Berlin entzückt unb bis Ende 1915 allabendlich gespielt werden wird, hätte um ein Haar nicht den borgeschricbenen sensationellen Erfolg errungen. Es war nämlich einem Mann ge langen, der weder mit den Verfassern unb Komponisten, nock den Tirektoren und Scktauspielem verwandt ober verschwägert ist, und der auch nicht zu den Lieferanten und Angestellten des Theaters gehört, ein Billett zur Erstausführung fäuilid) zu erwerben. Glüd licherweise siel das deut Kassierer als ungewöhnlich aus, und er liess den Eindringling verhaften. So konnte ber Jubel, ber jeden Akt begrüßte, ungehindert in rasende Begeisterung ausarten. Die Cbereite ist bekanntlich von einer Aktiengesellschaft venasst und komponiert worden. Die beiden Librettisten arbeiteten einander mit ausserordentlicher Fingerfertigkeit in die Hand: sie begegneten sich regelmässig im Gedanken — eines Drillen, .Tic gestohlentzen
Witze waren gefdudt für die Aktschlüsse reserviert worden Auch die vier Komponisten hatten sid) über nichts eigene Gedanken gemacht. Jung war an dem ganzen Werk nur der Leib der Primadonna, aut den man bic Hauptrolle geschrieben hatte. Nach dem letzten Akte dursten die Librettisten und Komponisten sid) ungezählte Male im Namen der abnxfenben Verfasser bedanken.
— Ein hübsches ll hlandgebenkheft erscknen im Verlag ber „Tübinger Ehronik" zum Andenken an den 50. Todestag des Tidsters. Aus dem Jnl-alt hc-.n wir hervor: Zu Uhlands (). Todestag von Eäsar Flaiscklcn: Uh-land unb bie Gegenwart von Aleranber Frhr. v. Gleid'en Russwnrm: Uhlanb als Poli- tiler von Th. Liesd-zng: Uhlands D^iehungen zur Burschetlschast „Germania" und die Uhland-Sammlung von Tr. Arthur Hartmann: Uhlanb als Jurist von Erich Franck: Lubwig Uhlanb unb die Musik Von Aleranber Eisenmann. Aensserungcn über ben Ticlster non Pros. Tr. Beling, Oberbürgerm'ister Hausser, Präsident bes Reichstages Tr. Kaemps, Staatssekretär Exz. Kiderlen- Wächter, Kammerpräsident Exz. v. Payer, Generalintendant Erz. Baron zu Putlitz, Staatsminister Erz. Tr. v. Weizsäcker, Erz. Tr. Ferdinand Grai o. Zeppelin. Uhlanb im.Munde der heutigen schwäbischen Tichtergeneralion. Aphorismen in Prosa und Versen non Alired Auerbach, Theoder Ebner, Hugo Elsas, Ludwig Finckh, Mathilde Franck, Eugen Gradmann, Conrad Haussmann, Hermann Hesse, £. F. Hoppe, Ernst Kaps), Th. Kiaiber, G. I. Klett, Tlerese Köftlin, Isolde Kurz, Martin Lang, Hrinr. Liliensein, Robert Oechsler, Tr. Owlglass, Lubwig Palmer, Ulrich Rauscher, August Reiss, Anna Sdiebcr, Carl Scho en Hardt, Wilh. Schüssen, Gustav 'Schwegelbaur, Auguste Supper, Bruno Frank.
— Reform der Männerkleibung. „Es ist nicht alles Gold was glänzt", könnte man wieder einmal sagen, wenn mau bic Schriften der „Gesellschaft für Reform der Männer tracht" lieft. Bis jetzt haben wir Frauen nur gewusst, dass unsere Tracht rerormbebürftig sei, und wer es einmal vergass und sich in seinem Gewände wohl fühlen wollte, bem würbe es von allen Seiten sofort wieder ins Gedächtnis gebracht. Manche sparsame HauSirau bewunderte ihres Mannes Garderobe um ihrer Haltbar leit willen: manche spring-, spart- und wanderlustige Dame sah neidisch auf die Art der Herrcnbcinbckleibung, manche vielbeschäftigte Mutter sehnte sich nach den immer „modernen" Röcken und gar dem „ewigen" Frack des Gatten. Wer vielleicht wagte, an dem Gold der Männertracht nicht alles so glänzend zu finden, wer gar mit heimlicher Schadenfreude das bewegliche, frei getragene Hälschen nach steifen, blauroten „Stehbefragten" drehte,
wer aus der Schulter seines Tischnachbars staunend einige Rosshaare heraus ragen sah, tver . . kurz, wer gegen bie Männer- tracht etwas zu sagen wagte, bem wurde entgegengehalten: das versteht ihr nicht, und dann ist euer Korsett noch viel schlimmer! — Selbst wenn man gar keines trug! Es blieb also dabei: Nur bic Tracht ber Frau ist reformbedürftig. So war es wahrlich an ber Zeit, bass uns bic ncugcgrünbctc „Gesellschaft für Re orw der Männerkleibung" zu Hilfe kam. (Geschäftsstelle: Berlin- Grosslichterfelde, Geibelftrasse 2.) Sie möchte u. a. bie Kniehose um ihrer praktischen und hygienischen Eigenschaften willen getragen sehen, sie will bie brettartig gestärkte Wäsche beseitigen, sie empsiehlt ben freigetragenen Hals. Wer fürchtet, damit nicht den gewohnten Eindruck zu machen, der sehe sich Bilder früherer Jahrhunderte an, wo man ähnlich gekleidet ging unb gewiss künstlerischer und schöner wirkte als heute. Ja, auch fdjöner! Und sobald die Kleiberreform — sei es für Männer oder für Frauen — sich wieder von dem Streben nach höherer Körverkullur leiten lässt, sobald ihre Richtlinie wieder Zweckmässigkeit unb Natürlichkeit ist, wird auch das Resultat dieser Kleiberreiorm roiebcr grössere Schönheit und überdies nock) bessere Gesundheit fein. P. M.-P.
— Neues zur Hygiene des Herzens. Bedeutsame Beobachtungen über den Zusammenhang zwischen Muskelarbeit und Größe des Herzens teilte Dr. Magnan in ber Pariser Akademie der Wissenschaften mit. Bei der Untersuchung >er verschiedenen Faktoren, die die Herzerweiterung herbeiführen, stellte er fest, bass bie Vögel, bie beim Fliegen grosse Anstrengungen haben, sehr entwickelte Brustmuskeln unb ein rnveuertes Herz auiwiesen. Während die Raubvögel, deren Flug leicht von statten geht, burdtroeg gering ausgebilbete Brustmuskeln und ein kleines Herz zeigten, wurde bei den kleinen Vögeln, Sterlingen, Tauben usw., denen das Fliegen Mühe macht, durchweg eine unnormale Herzerweiterung fcftgeftdlt. Das Herz hat umsomehr Arbeit zu verrichten, je schwieriger der Flug ist, denn der Vogel benutzt den Muskel stärker. Dieselbe Erfcheücung wie in der Welt der Vögel, konnte der Gelehrte auch bei den anderen Tieren beobachten, und dasselbe Gesetz läßt sich unzweifelhaft auch auf den Menschen anwenden. Wie zahlreiche Beobachtungen zeigten, hat eine besondere Anstrengung und Uebung des Herzmuskel'_- auch bei uns eine stärkere Entwicklung zur Folge, aber dieses Wachstum des Muskels ist durchaus kein Vorzug, wie etwa an Armen und Beinen, sondern eine schwere .Gefahr.


