Ausgabe 
12.4.1912 Erstes Blatt
 
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Anaetroffen. DerBerliner Lokalanzeiger"' meldet dazu noch aus München: Der Reichskanzler v. Bcthmann-Holl- wea wird -am Samstag um 4 Uhr nachmittags hier ein- trejfen und um 10 Uhr abends nach Nauheim zum Besuche der Kaiserin Weiterreisen.

In einem Bericht eines französischen Gene­ralstabsoffiziers über die deutsche Heeresvor- la g e heißt es u. a.: Angenehm enttäuscht hat uns der Um­stand, daß Deutschland nicht einmal alle seine fehlenden Ba­taillone ersetzt hat, obwohl ihm noch Tausende von jungen kräftigen Leuten zur Verfügung stehen. Der Geldpunkt spielt in Deutschland eine viel zu große Rolle. Dabei besteht Deutschlands Schwäche nicht in mangelnder Finanzkraft, sondern in dem politischen Horizont des Volkes. Diese Rück­ständigkeit ist bisher der beste Bundesgenosse der Geaner Deutschlands gewesen. In dem Bericht wird zum Schluß daraus hingewiesen, daß Frankreich trotz seiner völkischen Minderheit durch seine kommende Wehrvorlage bald den Vorsprung wieder ausgleichen dürfte, den Deutschland augenblicklich errungen zu haben glaubt.

Das fortschrittliche Hamburger Fremdenblatt benennt den Abg. Haußmanndemokratischen Zopfträ- ger" und schreibt u. a.: .

Es liegt in unserem ureigensten Interesse, weder int Auslande noch in der deutschen Bevölkerung, namentlich nicht bei unteren Parteifreunden selbst, eine falsch verallgemeinernde Ansicht über das heutige Streben und Wollen des freiheitlich und fortschrltd- lich gesinnten Bürgertums, wie es sich in der Fortschrittlichen Volkspartei parteipolitisch verkörpert, au,fkommen zu lassen. Cs ist besser, wir treten ruhig und überlegt in eine klärende gegen­seitige Auseinandersetzung ein, wenn unsere Ansichten ausein- 'anderzulaufen scheinen, und bemühen uns, selbst gegenseitig von ^einander zu lernen. Sonst wird der Gegner ein härterer Lehr­meister. Es wäre ein Freundschaftsdienst für Haußmann gewesen, wenn man ihn auf die Irrtümer seiner 21 us la ssungen aufmerksam gemacht hätte, bevor sie der Kritik der Oeffentlichkeit preisgegeben wurden. Er wird es hoffentlich als einen Freund­schaftsdienst würdigen, wenn ihm Gesinnungsgenossen an der Wasserkante mit kräftigem Scherenschnitt das entstellende Anhängsel bon dem Haupte abtrennen. Haußmanns Auslassungen sind nichts als ein Rückfall in Fehler, die die große Masse des fortschritt'- lichen Bürgertums längst überwunden hat. Sem Artikel ist gerade vom liberalen Standpunkt aus so anfechtbar m allen feinen Gedankengängen, daß einzelne Aussetzungen sich erübrigen. Die Vorwürfe gegen den deutschen Staatssekretär, der nie auch nur im entferntesten so herausfordernd aufgetreten ist tote ferne Amtsgenossen jenseits des Kanals, die sind gar nicht wert, wider­legt zu werden.

Mer die Sitzung eines sozialdemokratischen Ketzergerichtes, das den Revisionisten und Kolonial­politiker Gerhard Hildebrand in Solingen aus der sozialdemokratischen Partei ausschloß, bringt jetzt derVorwärts" einen längeren Bericht. Danach kam bas Schiedsgericht nach mehrstündiger Beratung mit vier gegen drei Stimmen zu dem Schluß, daß Hildebrand nicht mehr aus dem Boden des sozialdemokratlschen Partei­programms stehe und daher aus der Parteiorganisation Luszuschließen sei. Gegen das Urteil steht dem Betroffenen noch eine zweite Berufung zu, über die vom Parteitag entschieden wird. In den Ausschlußgründen heißt es:

Tie Verhandlungen, ganz besonders die Darlegungen des Ge­nossen Hildebrand, vor dem Schiedsgericht selbst haben ergeben, daß Hildebrand die sozialen Forderungen des grundsätzlichen Teils des Parteiprogramms als offene Fragen betrachtet wissen will und lediglich den demokratischen Teil des Parteiprogramms als verbindlich für sich anerkennt. Tas tritt auch an verschiedenen Stellen seines Buches ,,Tie Erschütterung der Jndustrieherrschaft unb des Jndustriesozialismus" klar zutage. Ta zur Partei nur gehören kann, wer die Grundsätze des Parteiprogramms voll an­erkennt, mußte auf den Ausschluß Hildebrands erkannt werden."

Anrlant.

Zu den französisch-spanischen Verhandlungen wird aus Madrid gemeldet: In amtlichen Kreisen glaubt man, die durch Garcia Prästo dem französischen Botschafter überreichte 'Antwortnote werde die zwischen den beiden Negierungen in der Marokkofrage bestehenden Meinungsverschiedenheiten so milbern, daß eine baldige Verständigung erzielt werden würde, umsomehr als der mit der Regelung der 23erroaltung und der Finanzangelegen­heiten betraute fachmännische Ausschuß sich nunmehr nur nicht mit Einzelfragen zu befassen hat. Die spanische Regierung wünscht, daß die Verhandlungen vor dem für Ende dieses Monats an­beraumten Wiederzusammentrilt der Cortes beendet seien, bamit das Parlament einer vollendeten Tatsache gegenüberstebe. Dem Petit Parisien" wird dagegen gemeldet, daß die spanische Ant­wortnote als unzureichend angesehen werde und keineswegs den großen Optimismus rechtfertige, der in Madrider.Reaie- rungskreisen zu herrschen scheine. Die neue Note werde die Ver­handlungen kaum besonders vorwärts bringen.

Der englische Ausschuß zur Untersuchung der Handelsbeziehungen zwischen England und den Kolonien, dessen Einsetzung auf der vorigen Reichskonferenz beschlossen wurde, wird demnächst in London zusammentreten und die Arbeiten beginnen. Die Einzelarbeiten des Ärbeitsprogramms werden, so meldet man aus London, erst vom Ausschuß selbst bestimmt werden. Die Studienreisen des Ausschusses, die sich auf die autonomen britischen Kolonien beschränken werden, werden vorläufig drei Jahre in Anspruch nehmen. Indien und die jKrondomänen, die keine Vertretung auf der Reichslonserenz haben, sind von dem Arbeitsplan der Konferenz ausgeschlossen. Die Kosten werden von .England und den Dominions genremsam ge­tragen werden.

DieTimes" meldet aus Peking vom 10. April: Das diplomatische Korps hat am Mittwoch Über eine Meldung der Konsuln in Schanghai beraten, die das Verhalten des Militär­gouverneurs der Chinesenstadt in Schanghai, Tschentschimei, der kürzlich zum Kabinettsminister ernannt worden ist, zum Gegen­stand hatten. Danach hat Tschentschimei wohlhabende Chi­nesen aus dem Gebiet der europäischen Nieder­lassung gelockt, um sie draußen zu verhaften. In einzelnen Fällen haben derartige Verhaftungen sogar in dem Bereiche der europäischen Niederlassung stattgefunden. Die Ge­sandten haben die Konsuln in Scl-anghai telegraphisch ermächtigt, geeignete Abwehrmaßregeln zu ergreifen, und der Erwartung Aus­druck gegeben, daß Tschentschimei der Schutz der europäischen Nieder­lassung entzogen werde, wo er aus Furcht vor Verfolgungen durch .Ehrnesen nachts Zuflucht zu suchen pflegt.

Kongreß für ^amilienforfd)iing.

Gießen, 12. April.

Gestern früh um 11 Uhr wurde unter dem Vorsitz des Kammer- verrn Dr. Kekule von Stradonitz der Kongreß für Familien- forschung, Dererbungs- und Regenerationslehre eröffnet Tic Er­öffnungsrede hielt Geheimrat Prof. Tr. Sommer. Er be- gicklßte nochmals die Teilnehmer, insbesondere die Vertreter der .Grotzherzoglichen Ministerien, Geh. Obermedizinalrat Tr. Hauser Und Generalstaatsanwalt Tr. Prätorius, den Provinzial­

direktor Geheimerat Usinger, den Beigeordneten Keller, der für ben dienstlich abwesenden Oberbürgermeister die Stadt vertrat, sowie den Rektor Prof. Dr. König. Ferner dankte der Redner für ine Entsendung von Vertretern dem preußischen, sächsischen, württem- bergischen und dem mecklenburgischen Staatsministerium sowie den hamburgischen Staatsbehörden. Tarnach gab der Redner einen kurzen Ueberblick über die Beziehungen des Kongreßprogrammes zu einer Reihe von wissenschaftlichen und sozialen Gebieten.

Tie beobachtende Psychologie führt von der Untersuchung einzelner geistiger Funktionen zur Betrachtung der Gesamtpersön­lichkeit, von da über die Untersuchung einzelner Anlagen zum Studium von gleichartigen Gruppen und Persönlichkeiten, wo­durch der soziale Charakter der beobachtenden Psychologie gekenn­zeichnet ist. Diese wird nun durch die Ziele des jetzigen Kongresses wissenschaftlich ergänzt in dem Sinne, daß dort mehr die diffe­renzierende Analyse der Einzelfunktionen, hier mehr die zu- ammenfaffenbe Anwendung der Einzelforschung auf die Perfön. lichkeitspsychologie in den Vordergrund tritt. Außer der sozio­logischen hat die Aufgabe des Kongresses eine entwicklungsgo- chichtlich-biologische Färbung. Hier stellt nun wieder die genea» ogische Forschung eine Ergänzung her naturwissenschaftlichen Forschung bar. In dieser Ergänzung ist die Voraussetzung zu einer exakten Erforschung im Gebiet der menschlichen Familien und ihrer naturwissenschaftlichen und soziologischen Beziehung zu suchen. Tas Problem der menschlichen Familie im biologischen Sinne ist ür die Betrachtung des ganzen Staatslebens von fundamentaler Bedeutung, und der Hauptfortfchritt in dem ganzen Gebiet be- steht darin, daß anstelle einer rein persönlichen oder bis zu einem gewissen Grade auch einseitig feudalen Beschäftigung mit der eignen Familie eine systematische und methodische Erforschung des ganzen Netzwerkes von Familien getreten ist, welche den sozialen Körper bilden. Vor allem ergibt sich auf Grund der analytischen Fami­lienforschung, besonders soweit sie die Tatsachen der Degeneration im körperlichen und geistigen Gebiet klargelegt hat, das wichtige Problem der Regeneration, durch welches die beobachtende Wissen­schaft an eine Stelle gelangt, an der sich die wissenschaftliche Betrachtung durch einen auf die zukünftige Entwicklung gerichteten Willen ergänzen muß. Tie lebhafte Beteiligung einer Anzahl von staatlichen Behörden, ist ein Zeichen dafür, daß bte methobisch- oziale Seite der Familienforschung immer mehr erkannt wird.

Tie Ausstellung bilbet, besonders auch für ben Außenstehen­den, eine planvolle Erläuterung des Vortragsprogrammes. Indem der Redner die Hoffnung ausspricht, daß der Kongreß tn bezug auf feine Aufgaben klärend und zusammenfassend wirkt und daß er die Zusammenarbeit von Genealogen, Historikern, Soziologen, Naturwissenschaftlern und Medizinern auf dem gemeinsamen Boden der menschlichen Familienforschung fördert, erklärt er um 11»/, Uhr den Kongreß für eröffnet. , c .

Geh. Obermedizinalrat Dr. Hauser dankt im Namen seiner Behörde für die Einladung und überbringt deren Grüße, worauf Generalstaatsanwalt Tr. Prätorius im Namen des Justiz­ministeriums dankt. r

Tarnach heißt der Re kt o r den Kongreß herzlich willkommen, indem er betont, daß Gießen daS richtige Feld für kleinere, wirk­liche Arbeitskongresse sei.

Provinzialdirektor Tr. Usinger begrüßt den Kongreß als Vertreter der Provinz Oberhessen, die das natürliche Bindeglied zwischen dem Norden und dem Süden sei, und besonders Gießen sei durch seine geographische Sage zur Abhaltung derartiger Ver­anstaltungen besonders geeignet.

Darauf begrüßte Beigeordneter Keller im Namen der Stadt Gießen den Kongreß mit folgenden Worten:

Meine hochgeehrten Damen und Herren!

Dem Kongreß für Familienforfchung, VererbungS- und Regenerationslehre entbiete ich namens der Stadt Gießen herz- Iid£n Willkommensgruß!

Es hat uns mit Freude und mit Genugtuung erfüllt, alä die Kunde kam, daß unsere Stadt zum Orte Ihres Kongresses erwählt worden sei. Haben auch bereits in früheren Jahren Kurse für Ihr spezielles Arbeitsgebiet stattgefunden, so ist es doch heute das erstemal, daß Forscher nicht nur aus deut­schen Gauen, sondern auch aus außerdeutschen Landen sich zu einem Kongresse zusammenfinden, um die Ergebnisse wiisen- schaftlicher Cinzeluntersuchungen aus der stillen Enge des Stu­dierzimmers hinauszustellen in die freie Kritik, den allgemeinen Gedankenaustausch, auf daß sie in praktische Werte umgesetzt und der ganzen Menschheit verständlich und nutzbar gemacht werden. ~ ,

Erst seit wenigen Jahren hat die Famckienforschung auf­gehört, überwiegend Privatsache einzelner Familien zu sein. Je mehr die experimentelle Psychologie sich erweiterte, je mehr die wissenschaftliche Entwicklungslehre sich vertiefte und betätigte, umso besser ward der Boden bereitet für die methodische Unter­suchung der Vererbungserscheinungen der menschlichen Familien, umso deutlicher die Erkenntnis, daß diese Untersuchung mitten hineinführe in die Kulturgeschichte und in die wichttgen und großen Fragen des Staatslebens und der Menschheitsentwicke- lung. Hierbei darf der Vertreter der Stadt Gießen mit freu­digem Stolze feststellen, wie der Wissenschaft der Familien­forschung und Vererbungslehre gerade von Gießen aus reiche Förderung zuteil geworden ist. wie gerade ein Lehrer und Forscher unserer ahna mater Ludoviciana es gewesen ist, der in allen diesen Fragen grundlegend und bahnbrechend gewirkt hat.

Sehr geehrte Damen und Herren! Zu den Arbeitsgebieten der Familienforschung und der Vererbungslehre haben Sie auf diesem Kongreß auch die Lehre der Regeneration erstmals zur Erörterung gestellt. Mit vollem Recht: denn wenn die Fann- lienforschung und die Vererbungsgesetze in zahlreichen Fällen Tegenerationserscheinungen, fei es körperlicher, fei es psychischer Art, erweisen, so ist es nur folgerecht, die forschende Tätigkeit auch auf die Regeneration des Menschengeschlechts zu erstrecken. Und gerade die Regeneration ist das Feld, auf dem die Arbeit des kommunalen Sozialpolitikers sich mit der Ihrigen begegnet. Unmöglich eine Regeneration ohne Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen, unmöglich eine Regeneration, wenn nicht immer allgemeiner sich die Forderung erfüllt, daß in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohne! Hierfür zu wirken, ist eine Arbeit, bei der der Sozialpolitiker in Ihnen einen treuen Bundesgenossen erblicken muß, eine Arbeit, die zwar schwierig, aber auch edel und ernsten Fleißes wert ist, eine Arbeit, die nicht das Vorrecht einer bestimmten BerufSgruppe ist, sondern die viele angeht, wie ich ja auch Mediziner, Naturwissenschaftler, Juristen, Sozialpolitiker und andere in gleicher Weise hier versammelt sehe.

Wilhelm Ostwald bat einmal gesagt, daß jede Kenntnis umsomehr Wissenschaft sei, je hoher ihre soziale Bedeutung sei. Ist dies richtig und ich glaube es so ist die Familiew- forschung, Vererbungs- und Regenerationslehre eine echte und bedeutsame Wissenschaft, da sie der Erforschung des Menschen­geschlechts gewidmet und feiner Aufwärtsentwickelung und Ver­edelung zugewandt ist.

Meine Tarnen und Herren! Ihr Kongreß fällt in die Zeit des schwellenden Frühlings. Traußen in der Natur klopft der Pulsschlag neuen Lebens und lockt Blumen aus den Keimen und Blüten aus den Knospen. Möge auch aus Ihrem Kongreß reiche Frucht entsprießen: Ihnen, Ihrer Arbeit, Ihrer Wissen­schaft und allen denjenigen, denen sie dient!

Nochmals: Willkommen in Gießen!

Im Anschluß daran sprachen noch Rechtsanwalt Dr. Brey- mann-Leipzig namens derZentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte".

Schulinspcktor Th. Math. Meyer-Hamburg dantt als Ver­treter desBundes für Schulreform, allgemeinen Vereines für Erziehung und Unterricht".

Tr. S ch o l o m o v i t s ch für dieGesellschaft für Neurologie und Psychiatrie an der kaiserlich-russischen Universität zu Kasan", und zum Schluß Schulrttt Wehrhahn als Vertreter des Ver- biandes der Hilfsschulen.

Im Anschluß daran dankt Prof. Tr. Sommer mit ein paar herzlichen Worten.

Nach Schluß der Rednerliste wird ein Huldigungstelegramm an ben Großherzog abgcsandt und darnach in die Erledi­gung des wissenschastlichen Programmes eingetreten.

Das Wort erhält zunächst Prof. Tr. Rosenfeld -Münster zu dem Thema:Verbrechensbekämpfung und Rasse n Hygiene". Der Redner führt aus: Die Rassenverbesserung ist ein wesentlicher Faktor der sozialpolitischen Aufgaben des Staates. In diesem Sinne hat er sich vor allem auf nichtstrafrechtlick:ni Gebiete zu betätigen (Ehe, Auswanderung, Einwanderung usw.). Aber auch das Strafrecht, das ja im Dienste des Gemeinwesens steht, kann sich mit der Rassenhygiene vereinigen, etwa im Sinne von Sicherungs-, Heilungs-, Erziehungs- und anderen Rettungs­maßnahmen. Die Strafe, als zeitweise oder dauernde Ausschaltung des Rechtbrechers aus der Gesellschaft stellt sich als eine Prophy­laxe dar. Für die Zeit nach dem Strafvollzug ist eine Schutz aufsicht zu fordern.

Als sichernde Maßnahme gegen Unverbesserliche und z. T. gegen vermindert Zurechnungsfähige kommt außer der Asylierung die Fortpflanzungsbemmung in Betracht. Soweit die Kriminal­anthropologie in die Degeneriertenanthropologie übergeht, wäre auch ein gewaltsamer Eingriff in den Generationsvorgang diskutier­bar. Eine der Hauptaufgaben der Rassenhygiene ist die Erziehung verwahrloster Jugend und die Bekämpfung des AlkoholismuS.

Dr. med. Friedrich D a m m e r - Stuttgart spricht:Heber Mendelsche Vererbung beim Menschen". Dominie­rende Merkmale werden daran erkannt, daß sie durch Betroffene Übermittelt werden. Ist der Betroffene doppelwertig (Homozygot), dann vererbt er daS Merkmal auf seine sämtlichen Kinder. Ist er aber nur einfach (heterosygotisch» betroffen, und der andere. Elternteil nicht, fo weist nur die Hälfte der Kinder das Merkmal auf. Rezessive Merkmale wurden nur vererbt, wenn beide Eltern in ihren Keimzellen das Merkmal besiien. Sind b.'ibe Eltern homo- zygotisch rezessiv, also auch äußerlich behastet, dann müssen sämt­liche Kinder betroffen sein, andernfalls Die Hälfte oder ein Viertel. Im letztem Falle ist also kei.ics der Eltern äußerlich betroffen. Rezessive Merkmale treten besonders leicht bei Blutsverwandtschaft auf. Tie Vererbung der Pigmente der Haut scheint entsprechend Derjenigen bei Tieren zu erfolgen: Die dunklere Pigmentierung dominiert über die hellere, außerdem beim Haare das braune Pigment über das rote.

Ter menschliche Albinismus läßt rezessive Merkmale erkennen. Umschriebene Röte der Haut (der Wangen» zeigt dominante Ver­erbung. Dominante Vererbung ist wahrscheinlich bei vielen Ano­malien, so bei Star, Diabetes insipidus, Milzvergrößerung. Der Musiksinn läßt rezessive Vererbung erkennen, ebenso die Anlage von Mehrlingsgeburten.

Die Aussprache wird auf den Nachmittag verschoben und darauf die Sitzung geschlossen.

In der Nachmittagssitzung spricht zunächst Dr. Ke- kule von Stradonitz ÜberFehler in der genea­logischen Methode bei der Untersuchung von Vererbungs­fragen".

Die Fehler bestehen in der Unterschätzung des genealogischen und personalgeschichtlichen Materials, namentlich invezug aus das 18. Jahrhundert. Gedruckte Literatur ist auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen, dagegen ist das handschriftliche Material von Wichtigkeit. Statistische Tabellen sind für Folgerungen auf dem Gebiet ber Vererbungslehre unbrauchbar. Weitere Fehler ergeben sich bei der Verarbeitung des beschafften genealogischen und personalge- schichtlichen Tatsachenmaterials. Schließlich hat die Verwertung der genealogischen Tafeln zu Schlußfolgerungen öfters Fehler im Gefolge. - 1

In der Aussprache spricht Dr. Auerbach-Haifa au dem Vortrag von Dr. Hammer, indem er anführt, daß die Menoelschen Gesetze nicht ohne weiteres auf den Menschen zu übertragen feien. Sommer fand, daß die Männer immer wieder den FamüientypuS reproduzieren. Der Redner bringt eine Hypothese hierfür. Dr. Crzellitzer-Berlin warnt im Hinblick auf die modernsten Ergebnisse auf diesem Gebiet vor einer üb er eiligen Hypothese.

Dr. Breym ann-Leipzig: Bei der psychiatrischen Unter­suchung muß genauer vorgegangen werden: Daß sich Abnormi- täten vererben, wissen wir, aber wie sie sich vererben, ist mi er­kunden. Zu derartigen Untersuchungen empfehlen sich CrzeUitzerS Sippschaststafeln.

Dr. Romer- Jllenau behanbelt das Themalieber Here­ditätsforschung. Der Redner gibt einen Ueberblick über die ge­schichtliche Entwickelung der Erblichkeitsßorfchung, deren neueren Fortschritte, insbesondere die Mendelsche Vererbungslehre, der Psy­chiatrie aussichtsvolle Perspektiven eröffnet. Die wesentlichsten Methoden der Erforschung psychisch-nervöser Erblichkeitserschein- ungen sind: Statistik, Familienforschung und psychiatrische Topo­graphie. Zur Verwertung dieser Probleme bedarf es einer Or­ganisation der Forscher und der Materialgewinnung, was durch den Ausbau der Medizinalabteilung bei den staatlichen statistischen Aemtern erreicht werden kann.

In der Aussprache vertritt Dr. Kekule von Stradonitz den Standpunkt, daß sich die Psychiatrie der Genealogie bedienen sott.

M a c e o - Berkin-Steglitz meint, daß die Genealogie »war die Todesursache in ihre Tafeln aufnehme, aber leider sei das Material (Todeszettel) unzuverlässig. Die Fragebogen würden oft aus familiären Gründen nicht objektiv ausgesüllt.

Darnach spricht Prof. Dannern ann - Gießen über die Fürsorgerzieyung vom Standpunkte der Rassen­hygiene.

Aus Statt und Cant»

Gießen, 12. April 1912.

** TageSkalender für Freitag, 12. April: Allgemeine Bürger-Versammlung, einberufen vom Burgeroerem: Verkehrsfragen. Abends 9X Uhr im »Einhorn*.

Winter im Frühling. Heute vormittag 10»/, Uhr etzte abermals ein heftiges Schneetreiben ein. Dec ^Schnee fiel in dichten Flocken hernieder und blieb auch in der inneren Stadt auf den Dächern und an geschützten Stellen auf Straßen und Plätzen liegen.

** Die ausländischen Juden in Hessen. Bei der letzten Volkszähluna am 1. Dezember 1910 wurden nach der Tarmst. Ztg. 2502 ausländische Juden, 715 mehr als 1905, gezählt, die fast ausschließlich in den größeren Städten lebten, io in Offenbach 1131, in Tarmstadt 512 und in Mainz 380. Ter Staatsangehörigkeit nach jinb die ausländischen Juden haupt­sächlich Russen (1606) und Österreicher (689). Bemerkenswert ist, daß seit der letzten Volkszählung im Jahre 1905 besonders viele russische Juden in Offenbach eingewandert sind, so daß deren Zahl von 330 auf 874 gestiegen ist. Davon sind 116 dem Beruf nach Portefeuiller, zu denen 114 männliche und 171 weibliche berufs­lose und erwerbstätige Familienangehörige zählen, so daß sich die ganze Bevölkerung der russischen jüdischen Portefeuiller iv Offenbach aus 401 Köpfen zusammensetzt.

Übereil erMitfich.

Auergesellschaft . Berlin 0.17

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