Ausgabe 
30.3.1910 Erstes Blatt
 
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mb Waggons müssen sogar bisweilen Bestellungen im Auslände »ergeben werden, da die französischen Fabriken überlastet sind.

Tie französischeKammer nahm einstimmig den fran­zösisch-amerikanischen Zoll vertrag an. Auch der, Senat nahm das französisch-amerikanische Zollabkommen an.

Aus London wird gemeldet: Ernste Unruhen sind, wie .'in von Cap Palmas eingetroffener Tampfer berichtet, zwischen :er Negcrrepublik Liberia und der angrenzenden f r a n - .ösischon Elfenbeinküste neuerdings misgebrvchen. In Lap Palmas wurden die Faktoreien angegriffen und 3 4 fran- .ösische Ansiedler getötet. Tabei soll es zu Kämpfen «wischen Leberiern und Stämmen der Elscnbcintüste gekommen ein, wobei die ersten Masriincngewehre benutzten. Tic dort lebcn- tzen Weißen sind sehr bedroht.

Aus Sofia wird tiHcixr ein Gre n z z w i s che n f a l l ge- inckldct: Am 27. März 3 Uhr nachmittags schossen türkische Sol­daten auf die bulgariscixe Patrouille, die bei dein Grenzposten -on Tatackioei (Bezirk Kazim Aghatsch) eine Runde machte. Es 'ntwickelte sich ein Gewehr feuer, das bis abends dauernd, im 28. März wieder ausgenommen wurde, nachdem die Türken tucch Infanterie und Kavallerie verstärkt norden waren. Bisher sind Verluste auf Seiten der Bulgaren nicht bekannt. Ein tür­kischer Soldat würde auf bulgarischem Gebiet getötet. Wahrscheinlich gab cs auch einige Vertonudete. Ter KricgsMinister befahl, das Feuer sofort einzustellen. Türkische und bulgarische Offiziere traten zur Untersuchung des Zwischenfalles zusammen.

Stadt und

Gießen, 30. März 1910.

Tageskalender für Mittwoch, 30. März: Stadt- theater:Tas Konzert." Anfang 7 Uhr.

Lehrerpersonalien. Ernannt wurde der Schulamtsaspirant Hch. Schanin aus Butzbach zum Neal- lchrer an der Taubstummenanstalt zu Friedberg unter Belassung in dec Kategorie der Volksschullehrer.

* * Manöver in Oberhessen. Tie diesjährigen Herbstmanöver der 21. Division werden in dem Ge­lände östlich der Bahnlinie F r i e d b e r g - G ie ß e n bis M der Linie Alsfeld-Gedern stattfinden. Die (25.) hessische Division übt in den Kreisen Alsfeld und Lauterbach, sowie in den preußischen Kreisen Fulda und G e r s f e l d. Die Korpsmanöver werden jeden­falls in der Nähe von U l r i ch st e i n äbgehalten werden.

** Aus dem M il itärwochcnblatt. Lrautke (Halberstadt), Vizefeldwebel des Leib-Garde-Jnf.-Regts. (1. .Hess.) Nr. 115, zum Lt. der Res., Winter (II Köln», Lt. der Res. des Hess. Train-Bats. Nr. 18, zum Oberlt., Wille .Hildes­heim), Vrzefeldwebel des Lcib-Gardc-Juf.-Negts. (1. Hess.) Nr. 115, zum Lt. der Res., die Oberlt. der Res. Busse (I Darmstadt- des 9. Bad. Jnf.-Regts. Nr. 170 Gilmer (Erbach), des 3. Lothring. Feldart.-Regts. Nr. 69 zu Hauptleuten, die Lts. der Rewrve Bracklow Monns) des Jnf.-Regts. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, Werner (Worms) des 2. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 61 zu Oberlts., die Vizeseldwebel Fader (Gießen) des Jnf.- Regts. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) Nr. 116, Seiler (.1 Darmstadt) des Jnf.-Leib-Regts. Großherzogin (3. Hess.) Nr. 117, Lands- berg (I Darmstadt) des 5. Jnf.-Regts. Nr. 168 zu Lts. der Reserve befördert. E s s e l b o r n (I Darmstadt), Lt. der Res. des Hesst Train-Bats. Nr. 18, der Abschied bewilligt.

* Die Frühjahrs-Aussaat im Volksbrauch. Sehr früh rückt diesmal der Landmann seinen Pflug zurecht, die Frühjahrsbestellung nimmt ihren Anfang. Volkssitte und Volksbrauch haben auch hierbei ihre Eigenart noch nicht ein­gebüßt. Der erste Pflugstcich wird in vielen Gegenden mit einemIn Gottes Namen" eingeleitet. Der Donnerstag, als Tag des Erntegottes Donar, gilt noch heute als der beste Säetag. Mancherlei Volksglaube, der zweifellos aus der altgermanischcn Zeit stammt, findet sich bei der Aussaat selbst vor. Beim Säen bringt der Landmann, wie ec meint, die Vögel dadurch von seinem Getreidefeld, daß er still­schweigend den Samen ausstreut. Daher nimmt er wohl ein Stückchen Holz oder etwas Brot in den Mund. Sollen aber die Aehcen nicht vom Brande heimgesucht werden, so raucht der Sämann seine Tabakspfeife beim Ausslreuen des Samens.

Stadttheater. Die Abonnenten seien nochmals darauf hingewiesen, daß sich heute imKonzert", Freitag im Hochtouristen" und Sonntag abend inVasantasena" die letzten Gelegenheiten bieten, Gutscheine zu verwerten.

** Aus dem Kolosseum toirb uns berichtet: Der gestrige Kampf war bei vollem Hanse einer der heftigsten unh an Zwischenfällen reichsten. Der Franzose Pierre le Boucher, Her sowohl durch seine Lebhaftigkeit wie durch Anwendung unerlaubter Wittel jeden Abend das Publikum in Aufregung versetzt hatte, stand dem Unbekannten in der Maske gegen­über, der sich als ebenbürtiger Ringer zeigte. Der Franzose geriet in die höchste Aufregung, boxte und kniete au, seinem Gegner, zerrte ihn an seiner Maske, wodurch dem Gegner die Lust abgeschnitten wurde, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre der Kampf noch unten, int Saale fortgesetzt worden' Die Zuschauer gerieten über die Kamp sw er, e des Fran-

er hatten soll. Ter Plan dieses Denkmals geht auf Mr. Rodman Manamaker zurück und hat im. ganzen Lande lofjit lebhaften Widerhall gefunden; auch Präsident Taft hat der Idee zuge- stmrmt. An der Hafeneinfahrt soll das Standbild eines In­dianers errichtet werden, als ein Sinnbild bafür, daß das Volk Amerikas trotz aller der roten Rasse zugefügten Ungerechtigkeiten die edlen Elgemchaften der Ureinwohner Amerikas vollauf würdigt (!). Es soll die Sdjulb des Landes gegen die aus­sterbende Rasse derersten Amerikaner" versimunlolick-ien und künstlgen Geschlechtern die schönen Charakterzüge der roten Rasse vor Augen führen:der Indianer wird mit ausgestreckten Händen dargestellt, wie er die ersten weißen Männer witllommen hieß die Amerikas Küste betraten."

Juristendeutsch. Das Reichsgericht bildet folgendes Satzungeheuer (abgedruckt in denEntscheidungen in Zivilsachen", Band 65 Seite 171):Es bedarf keiner Entscheidung darüber' ob der Klaganipruch auch auf § 419 B. G. B. gestützt werden tonnte. Es mag indes nicht unbemerkt bleiben, daß, wenn dies wie die Vorinstanzen angenommen haben, deshalb zu verneinen wäre, weil die zweite der am 13. November 1902 aufgenommenen Urkunden der Formvorschrift in § 311 B. G. B. nicht entspricht, die Bestimmung in § 419 Abs. 3, wonach die Haftung dessen der das Vermögen xines andern durch Vertrag übernimmt, gegen­über den Gläubigem durch eine Vereinbarung zwischen dem Schuldner und dem Uebernehmer nicht ausgeschlossen werden kann, diese Haftung also insoweit zwingenden Rechtes sein soll, in allen Fällen versagen müßte, wo der Schuldner und der Ueber­nehmer es aus irgend einem Grunde für gut befinden, die Ver­mögensübertragung durch mehrere, je auf bestimmte Vermögens- beitandteile beichräntte, in an sich rechtsgültiger Form abge­schlossene Einzelverträge zur Ausführung zu bringen."

Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Ter Romanist, Geheime Justizrat Dr. mr. Karl Ku iep, an der Universität Jena, begeht am 30. Mürz seinen 80. Geburtstag. Im Alter von 72 Jai-ren ist der Professor für Physik und Elektrotechnik an dec Kgl. Bergakademie zu C l a u s t h a l i. H a r z, 2t. Ernst Gerland gestorben. Sein Geburtsort mar Kassel. Tie Eröffnung der Weltausstellung in Brüssel wurde^ bestimmt für den 2 3. April in Aussicht genommen. Tas Institut für Internationales Recht in Paris hat die Pro- lessoren Walther S chü ck in g- M ar b u r g unü Heinr. Tricplc- Kiel zu korrespondier enden Mitgliedern ernannt.

zosen in helle Aufregung, der wiederum dadurch so schwer gereizt wurde, daß er das Publikum mit einem Stuhle bedrohte und den Preisrichter, als er sich ins Zeug legen wollte, über die Bühne schleuderte. Einige im Saale an­wesenden Juristen erhoben dagegen Widerspruch, daß der Preisrichter nicht für die Durchführung der vorgelesenen Kampfregeln sorge. Der Franzose geriet darüber in Wut und forderte die rechtskundigen Herren durch nicht miß­zuverstehende Gebärden und Zurufe auf, heraufzukommen und sich ihm zu stellen! Da; dies unterblieb und das zügel­lose Gefecht weiter geführt wurde, war die allgemeine Auf­regung groß. Bei einem spanischen Stiergefecht kann die Spannung kaum größer sein. Freilich wurde im Publikum auch das grotesk Komische der ganzen Sache gewürdigt und verständnisinnig gelacht. Ein Teil der Zuschauer lieferte ja auch eine besondere Vorstellung, und die Zwischen­ruse waren mitunter überwältigend komisch oder drastisch. Vor der Beteiligung an einer Art ungarischer Obstruktion wurden die Schauluitigen durch die Muskelkraft der Ringer gewarnt und behütet. Recht aber muß Recht bleiben. Schließlich zog Pierre le Boucher dem Gegner die gestrickte Maske vor die Augen, und als dieser sie sich wieder zurecht rücken wollte, wurde er von dem Franzosen auf die Schul­tern gelegt. Der Kampf hatte 33 Minuten gedauert. Der Preisrichter, der ofjenbar den Sieg des Franzosen ver­künden wollte, kam nicht dazu, denn das Publikum schrie und tobte. Das niedergeboxte Rechtsgefühl bäumte sich gewaltig auf. Als dann der Vorhang niedergehen mußte, ballte man die Faulst im Sack, um die nächstenGänge" sich anzusehen. Ter Weltmeister Weber besiegte in schönem Kampfe seinen Gegner, den Rheinländer Eigemann, in 16 Minuten. Heute soll der Franzose mit Weder ringen.

" Ersparnisse im Gefängniswcsen sollen da­durch erzielt werden, daß man das Gefängnis für jugend­liche männliche Gefangene, das mit dem Pcovmzial- Acceslhaus Darmstadt vereinigt ist, in die Zellenttrafanstall Butzbach verlegt. Weiter ist beabsichtigt, die Weiber- strafanstalt Mainz anfzuhcben, wodurch bedeutende Er­sparnisse erzielt würden. An dieser Anstalt wirken nämlich 1 Verwalter, 1 Monom, 3 Aufseher und 6 Aufseherinnen, während der Gesangenenstand zwischen 30 und 40 schwankt. Tie mit Zuchthaus bestrasten weiblichen Gefangenen sollen wieder nach Macienschloß verbracht werden, während die mit Gefängnis bestraften ihre Strafen in den Provmzial-Arrest- häiisern verbüßen sollen. Daß die Regierung über die beab­sichtigten Aenderungcn sich noch nicht ganz schlüssig ist, ergibt sich daraus, daß die Vcrwalterstelle am hiesigen Provinzial- Arresthaus immer noch durch einen Oberaufscher von der Zellenstrafanstalt Butzbach vertretungsweise versehen wird. Die Aufhebung dec Weiberstcafanslalt Mainz würde jedenfalls eine wesentliche Ersparnis für den Staat bedeuten, zumal die geringe Zahl von Gefangenen in anderen Anstalten unter­gebracht werden könnten. Auch die Beamten könnten bei Besetzung von anderen Stellen Verwendung finden. Tie Baulichkeiten dec Weiberstrafanslalt find zum Teil sehr alt, aber dec Platz hat großen Wert.

O Lailbach, 29. März. Heilte nacht starb unser ehr beliebter, langjähriger Bürgermeister Wilhelm Jochem. Von einem hartnäckigen Darmlciden suchte er wiederholt in der chirurgischen Klinik zu Gießen Heilung. Bürgermeister Jochem war nahezil 27 Jahre Vorsteher der Stadt, für die er alle ferne Kräfte einsetzle. Seine wichtigsten Taten bc- siehen in der Einrichtung einer Wasserleitung, in der Er­richtung verschiedener Baulichkeiten für das Gymnasium, zu­letzt in der Erbauung einer größeren städtischen Turnhalle. Mit Beginn dieses Winters lief feine Wahl als Bürgermeister wieder ab, welches 9lmt er mit großer Pflichttreue und Ge- wissenhastigkeit dreimal geführt halte.

Homberg a. d. O., 29. März. Heute vormittag warf ein Junge von 7 Jahren einem älteren Jungen von 9 Jahren em Stück Holz derart ins Auge, daß er schwer verletzt war. Der Verletzte mußte gleich in ärztliche Be- )anbütag genommen werden und man fürchtet für die Seh­kraft des Auges.

X. Hainstadt, 29. März. Der 29 Jahre alte Back- teiiuir heiler Josef Klein von hier war am 2, Oster tag nach einem Streit aus der Kleinschen Wirtschaft gewiesen worden und trieb sich noch längere Zeit in der Nähe des Gasthauses herum. Der völlig unbeteiligte 26 Jahre alte Schneider­geselle Ignaz Kcast aus Langenprozelren übernahm das Amt des Friedensstifters und ging zu Klein hinaus, der ihm jedoch sofort einen wuchtigen Messerstich in den Unter­leib versetzte. Der schwerverletzte straft mußte in das Kreiskrankenhaus nach Seligenstadt verbracht werden, wo- elbst er verschied; der Messerheld kam in Haft.

rm. Darmstadt, 29. März. Der dritte Bundes­tag des Zweigbundes handwerkstreuer Bäckergesellen tagte gestern hier unter dem Vorsitz von! Drewitz-Frantsurt a. M. bei Beteiligung zahlreicher Vertreter aus Frankfurt, Gießen, Hanau, Kassel, Mainz, Marburg, Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt. Auch Mitglieder des Zentralverbandes Deuk- cher Bäcker-Innungen und Reichs- und Landtagsabg. Dr. lüjanu nahmen an den Verhandlungen teil. Drewitz-Frank- urt erstattete den Geschäftsbericht, nach dem der Bund besonders in Frankfurt, Mainz und Kastel stark angewachsen ist. Der Kafienberichr wurde genehmigt. Heber den Ar­beitsnachweis, der noch des Ausbaues bedarf, berichtete Reissinger-Ofjenoach. Zum Bundessprechmestter wird Bo- denschaß-Ofsenbach gewähll. Kiefer-Frankfurt sprach über einen Antrag betr. die Vermehrung der Frelnachte bezw. Einführung des Backverbots auf die drei Feiertage. Der nächste Bundestag soll 1911 in Hanau stattfinden.

Mainz, 29. Marz. In Nieder-Saulheim ist gestern die Frau des durch seinen traurigen Prozeß bekannten und rm Irrenhaus Heppenheim im Februar vorigen Jahres verstorbenen Mullers Franz Thomas gestorben. Ein schweres Schicksal hatte die bedauernswerte Frau, deren Lebenslauf eine ununter­brochene Kette von Leiden und Sorgen mar, noch am Abend ihres Lebens durchkämpsen müssen; die Verbringung ihres Mannes und zweier in der Blüte der Lebensjahre stehender Kiirder in Irrenanstalten. Niemals hakte die Greisin mehr ihre ge­liebten Kinder gesehen und den Gatten erst, als man ihn tot in die alte Mühle zurückbrachte. Still hat die alle Frau, die niemals mit dem gesetzwidrigen Tun uns Treiben ihrer nnglück- lickien Familienangehörigen einverstanden gewesen ist, ihren schweren Kummer getragen und rastlos die Hände gerührt und gearbeitet, bis ihr vor Jahresfrist endlich die müden Glieder den Dienst ver- lagtcn. Gelähmt am ganzen Körper, sah sic sich dann auf die Vflcgc ihres bei ihr wohnenden Sohnes angewiesen. Nun Ijaf ie Ruhe und Frieden gesunden auf immer.

U Marburg, 29. März. Bei der heute begonnenen Beratung des Stadthaushalts für 1910 wurde zur Deckung des durch den Wegfall der Fleischsteuer und sonstiger Mehrleistungen entstehenden Mehrausgaben, die zusammen 539 225 Mk. betragen, folgende Steuersätze unter Vorbehalt

genehmigt: 170 Proz. Zuschläge zur Einkommensteuer und 192 Proz. zu den Nealsteuern.

-m Selters, 29. März. Es scheint sich bald zu ver­wirklichen, daß unser Ort Badeort wird, denn an dem Beuedictus-Sprudel sollen zwei Neubauten errichtet werden, soll eine zu Bade-, der andere zu Restaurationszwccken; auch der mit dem Versandt des Wassers begonnen werden.

* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. In F r a u r o m b a ch bei Schlitz wird ein neues Schnlhaus erbaut. In Offenbach ist Kommerzienrat Hermann Wecker gestorben.

Sport.

"Fußball. Am 2. Oster'eiertage spielte auf dem Trieb die 1. Mannschaft des Gießener F u ß b a.l l k l u bAl er cur gegen die 1. Mannschaft Hanau T u r n g e m e i n ö e. Letztere gewann nach schallem Spiel mit 3:0 Goals. Tein Spiel wohntc ein zahlreiches Publikum bei.

Da; vrandunglück in Ungarn.

Die Ursache des entsetzlichen Brandunglückes in der ungarischen Ortschaft Oetkörito, dem hunderte von jungen Menschenleb"n Mm Opfer fielen, ist noch nicht vollständig aufgeklärt, und wird ^ogar immer rätselhafter, da nicht reckst cinzusehen ist, warum man eigentlich das Tor verrammelte. Der Tanz war zum Besten der Kirche veranstaltet worden, die erst vor kurzer Zeit gebaut worden war, und war aus der ganzen Umgegend sehr gut besucht. Tic scheuer war, wie wir gestern, schon mitgctcilt haben, mit Gehängen und Papierlaternen geschmückt, war aber auf dem Dachboden auch noch mit leerem Stroh angefüllt, wodurch das Unheil außerordent ha) vergrößert wurde. Um so unbegreiflicher ist es, daß man in einer derartig mit leicht brennbaren Gegenständen gefüllten Scheuer nicht nur Erdöl, sondern auch Lampions brannte und dabei auch noch die Türe vernagelte. Von amtlicher Seite wird die Explosion einer Lampe als Ursache angenommen; an eine * Brandstiftung, wie ebenfalls verlautete, glaubt die Behörde nicht.

Die Zahl der Toten.

vergrößert sich beständig, da sehr viele der Verwundeten chreu Verletzungen erliegen.

Nach einem amtlichen Bericht des Vizegespans des Szatmorer Komitats an den Minister beträgt die Zahl der Toten 300, die Zahl der Verwundeten 70. Der Zustand sämtlicher Ver­wundeten ist ernst. Aerzte und Medikamente sind genügend vor- handeii. Der Minister des Innern forderte den Vizegespan ouf, einen weiteren eingehenden Bericht zu erstatten, ob eine Hilfs­aktion des Landes notwendig ist.

Nach einer Privatdepesche sind seither 324 Tote festgestellt; 60 Schwerverletzte, von denen der größte Teil kaum am Leben bleiben dürfte, sind in Krankenhäusern untergebracht. Fast alle Mädchen von Oetkörito sind in den Flammen umgekommen. In vielen Häusern sind nur noch kleine Kinder und Greisiwien am Leben. Ta die meisten Leichen vollständig verkohlt sind, ist ein Erkennen ausgeschlossen, nur 120 konnten genau festgestellt werden, die übrigen werden in einem gemeinsamen, 6 Meter breiten und 10 Meter langen Grab in zwei Schichten bestattet.

. Bewachung der teilweise ausgestorbencn Häuser ist gestern mittag Militär eingetrofsen, was um so nötiger ist, als viele der Leichen in der Nacht beraubt und ausgeplündert wurden.

Brileidskündgebungen sind aus Berlin, Wien und Paris bei der Regierung eingetroffen.

Der AiinifterdesJnnern sowie der M i n i st e r p r ä s i - deut von Ungarn haben sich ausführlich Bericht über das Unglück erstatten lassen und Anweisungen für die Hilfe gegeben Der Minister des Innern reifte bereits nach Oetkörito ab.

Ein Augenzeuge, ein 16 jähriger Jüngling, der zwar ebenfalls schwer verletzt, aber noch bei vollem Bewußtsein ist, teilte einem Mitarbeiter des B T olgendes mit: Ich habe in der Mitte des Saales mit einem Mädchen Antonie Nagy getanzt, als die Lampe explodicrtc. Ich faßte meine Tänzerin am Arm, lies mit ihr zur Türe, konnte, aber nicht durch. Endlich gelangte ich, meine 53eg[eitcvin mit Ge­walt mit mir schleppend, zur Oefsnimg. Unsere Kleider fingen chon Feuer, und das Mädchen begann schon zu wanken. Ich ließ sie nicht los. Wir stiegen über Tote und Verletzte. Ich ge­langte, wenn auch schwer, ins Freie, ließ keinen Augenblick die Hand meiner Begleiterin los, uni) mit der größten Mühe uitb der Aufwendung aller meiner Kräfte konnte ich sic ebenfalls durch die Deffnung zerren. 'Dort verlor sie das Bewußtsein, und ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist.

Derselbe Bericht weiß auch, daß sich im Laufe des Abends die Lampions zweimal entzündeten, doch gelang es beide Male, ie wieder in Ordnung zu bringen.

Das ozeanographische Museum in Monte Larlo.

lieber die Einweihung des v ze anog raph i- chen Museums in Monte Carlo berichtet das Wolsffchc Lelcgraphen-Bureau: In Gegenwart des Fürsten Albert, der Vertreter TeutschlLnds, Frankreichs, Spaniens, Portugals und Italiens, sowie zahlreicher Abgeordneter ausländischer Akademien und Mlderer hervorragender Persönlichkeiten fand gestern nach­mittag die Einweihung! des ozeanographischen Mum­ien m s statt. In seiner Festrede gedachte Fürst Albert zunächst Oes beut) ch c n ^Kaisers, des hohen Protektors des neuen Aäu.eums, ter ein Förderer dec Wissenschaft unfd aller Einrichttingen zum Witzle der Atenschheit, besonders oer Wissenschaft des Meeres ein so großes Interesse entgegenbringe und sodann des verstorbenen Königs von Portugal, der ebenfalls seine besten Mußestunden der Ozeaniographie gewidmet habe. Weiterhin dankte Fürst Albert den zu der Feier erschienenen Vertretern der fremden Regierungen und der gelehrten Körperschaften für ihr Ersä-einen und übergab schließlich den Dienern der Wissenschaft das Museum mit bem Wunsche, es für die ganze Menschheit nnHbar zu machen. Nacl; der mit sttirmi'chem Beiisall auf genommenen Ansprache deS Fürsten Albert hielt der französische Minister des Aeußern, Pichon, eine Rede, in der er pjuif die Verdienste Les Fürsten um dsck ozeanographischen Wissen,chaft hinwies und die Gründung des Mu­seums als eine Lat begrüßte, für die die ganze Welt dem Fürsten Tank schulde, da sic der Sache der Menschheit diene. Nach dieser ergriff der deutsche Vertreter, Großadmiral v. Köster, eas Wort, um die herzlichsten Wünsche Kaiser Wilhelms zu über- bringen, unter dessen^Ehrenschutz der Fürst das Ättiseum gestellt inü> fick, damit ein _ Tenttnal gesetzt habe, das gleicherweise zur Fördermrg der Wissenschaft, tote um Fortschritt der Menschheit beitragen werde. Nachdem die anderen Vertreter der fremden Regierungen gespwck^n hatten, folgte ein Konzert, dem sich ein Jtunbgang durch das Museum anschloß. Abends fand im itafino eine Feitrorstellung statt.

Vermischtes.

* Bei Professor Willy 25 u r in e ft e r in Darm­stadt sand vorgestern ein musikalischer Vortragsabend statt, z.u dem als Gäste erschienen waren: der Großherzog, die Großherzogin, Prinz Heinrich von Preußen, Mr. Harsord, der englische Gesandte, Geheimerat Römheld, v. Bohlen- Halbach, Baron v. Oetinger, Gras 25eißel v. Gymnich, 25arou v. Ungern-Sternberg, Dr. Merck, v. d. Knesebeck, Freifrau v. Rotsmann, v. Bonin, o. Meiß, v. Bieberstein, Frank Wödekind, Generalstaatsanwalt Preetorius u. a. m. Dr. Otto Neitzel aus Köln hielt einen Vortrag über den Humor in der Musik und Herr Paul Schmedes ans Wien trug einige Lieder für Tenor vor. Die Königlichen Hoheiten äußerten ihr Entzücken über die prachtvolle Stimme des Tenoristen und über den sehr interessanten Vortrag des 5>errn Dr. Neitzel.

* Znm Ausbruch des Aetna teilte der Direktor des Aerua-Observatorinms aus Nikolosi Mit, daß die Masse und die Schnelligkeit der Lava im Wachsen sei