Ausgabe 
28.9.1910 Zweites Blatt
 
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eM leye er jeber^ett zur Verfug Tie M 780 ff. handeln BjBauarbeiten. Nach §

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schub» ftrahe 7. Expedition und Verlag: Redaktion:«^ 112. Tel.-AdruAnzeigerGießeu.

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Die Reichsversicherungsordnung.

:: Berlin, 27. Sept.

Der Reichsversicherungsausschluß beschloß in dem .Abschnitt her das Umlage- und Erhebungsverfahren bei den Beruf sgenossen- haften zu § 749 auf Antrag der Nationalliberalen eine Stimmung, wonach die Mitglieder statt des Nachweises über jeden iNzelnen Versicherten und den von ihm verdienten Lohn einen summarischen Lohnnachweis für den ganzen Betrieb in« n das ganze Jahr oder für kleinere Zeitabschnitte einrerchen innen. Sodann wurden die gestern ausgesetzten §§ 741 bis 747 üer die Rücklagen (den Reservefonds) der Berufsgenossen- haften zur Beratung gestellt. Von den Nationalliberalen, us dem Z e u t r u m; und aus den Reihen der konservativen 11 lusschußmitglieder liegen Anträge vor, die sich gegen eine Ver- ärkung des Reservefonds wenden. Die Regierung bekämpft mit I Entschiedenheit den Gedanken des Reservefonds, und die zisfern- ) | läßigen Ausführungen des Geheimrats Beckmamr haben den Er- I olg, dich u. a. ein nationalliberales Mitglied erklär^ es sei , unmehr von der Notwendigkett eines starken Reservefonds, also nJ wer Vorausbelastung für die Zukunst, überzeugt. Die Anträge -erden abgelehnt und die Paragraphen nach der Regierungsvorlage ^genommen. Einstimmig wird beschlossen, daß im Jahre 1921 Ute neue Prüfung der Bestimmungen erfolgen soll.

Staatssekretär Delbrück gab im Laufe dieser Beratung ie Erklärung ab, die Regierung lege den größten Wert darauf, 3l> die Reichsversicherungsordnung noch in dieser Ta- z^uug verabschiedet werde und zwar nicht in einzelnen Tellen, andern als Ga n z es. Wenn er den Verhandlungen infolge ander - veitiger Geschäfte demnächst nicht mehr so regelmäßig tverde bei» oohnen können wie bisher, so möge man daraus nicht auf nach- assendes Interesse schließen. Wenn der Ausschuß seiner bedürfe, | lehe er jederzeit zur Verfügung.

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Nach § 781 kann die Satzung der Be- üfsgenossenschaft auck) versicherte Baugewerbetreibende und andere

*i den Bauarbeiten Beschäftigte der Zweiganstalt zuweisen, tiefer Paragraph wird auf Antrag des Zentrums gestrichen. .

Tie §§ 782 bis 834 werden unverändert angenommen. Vm i- 835, der von den Zweigaustalten für Salten von RcttttereN Md Fahrzeugen handelt, wird der s. Z. zurückaefti'lltc § 643 traten, wonach diese Zineiganstalten den Genosseiilchaften Unternehmer gewerbsmäßiger Fuhrwerks^ und Burnenschifsahrts- Ettiebe angegliedert werden Diese Bestimmung wird angenommen nit folgenvem von den Konservative n beantragten Zusatz. ter Bundesrat kann die Zweiganstalten anderen Berufsgenosien- chaster; angltedtnn, auch an Stelle der Zweiganchrtten Ver-

Aus Stadt und Land.

Gießen, 28. Sept. 1910.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde der« Lehrer Kaspar Seyfried zu Eppertshausen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ockenheim, dem Schulverwalter Wilh. Cronenberg zu Partenheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rieder-Hilbersheim, dem Schulverwalter Karl Bergmann zu Mainflingen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule daselbst uud dem Lehrer Joh. Rieß zu Heldenbergen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Frei- Weinheim.

be. Göbelnrod, 27. Septbr. Bei der heute vor- qenommenen Gemeinderatswahl wurden Louis Berges mit 43, Heinrich Velten VI. mit 41 und Heinrich Weber IV. mit 32 Stimmen wiedergewählt. Von 62 Stimmgerechtigten machten 44 von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

. x Nidda, 27. Sept. Gestern hielt die Bezirks-^ sparkasse ihre Generalversammlung ab. Vom Kreisamt war Kreisrat Boeckmann erschienen. Die Ver­sammlung wurde geleitet von dem stellv. Direktor, Ober-, amtsrichter Röm Held. Er hob die Verdienste des schei­denden Direktors der Kasse, Landtagsabg. Erk, hervor, ebenso des ausscheidenden Kontrolleurs, Beigeordnete^ Braun. Beiden wurde als Anerkennung ihrer ersprießlichen Tätigkeit eine Photographie des derz-eitigen Vorstandes der Kasse (im Hintergründe das Sparkassengebäude) überreicht. Der Jahresbericht beMert die Einnahmen mit 1581320 Mk. 34 !Pfg., die Ausgaben mit 1533 679 Mk. 09 Pfg., also einen Gesamtumschlag von 3 114 999 Mk. 43 Pfg. und einen Rettr-- gQrnnn von 15 770 Mk. 03 Pfg. Für gemeinnützige und wohltätige Zwecke wurden 6974 Mk. 50 Pfg. bewilligt, z. B. für Ausbildung von Krankenpflegerinnen 600 Mk., für Prä­miierung von Dienstboten 802 Mk. An die Stelle des zurück» getretenen Landtagsabgeordneten Erk wurde sein Sohn in den Vorstand gewählt. Ein gemeinsames Essen in der Traubs" schloß sich an. Heute wurde im Rathaus die Synode des Dekanats Nidda abgehalten. Nach einer kurzen Andacht, gehalten von Pfarrer Wittmann von Bisses wurde zweier verstorbener Synodalen gedacht und ihr Andenken in üblicher Weise geehrt. Währmd des abgelaufenen Jahres fand ein Wechsel der Geistlichen in Dauern heim, Rodheim und Schwickartshausen statt. Der Jahresbericht ergab bezüglich des Kirchenbesuches, des Abendmahlsgerrusses und der christlichen Liebestätigkeit einen kleinen Rückgang. Der Durchschnitt betrug 28,85 Pro­zent, resp. 136,38 Proz., resp. 42,95 Awz. Für ttvchhiche Wohltättgkeitszwecke wurden aufgebracht 3223 Mk.; an Kirchenkollekten, Opfern für die Orts armen und sonstige Leistungen für kirchliche Zwecke 3674 Mk. Auf den Kopf der evang. Bevölkerung ausgeschtagen ergibt sich eine Jahres­leistung von 38,22 Pfg. zu Wohltätigkeitszwecken. Es folgten ausführliche Bevicbte über äußere und innere Mission, Er­ziehungsverein und Evang. Bund, sowie Gustav-Adolfverein.. Letzterer wies wieder eine Steigerung seiner Einnahmen auf. Es wurden noch zwei Entschließungen gefaßt, in denen eine größere Selbständigkeit der Kirche bezüglich ihrer Ver­mögensverwaltung und die Aufhebung des § 50 des Gesetzes, betreffend die Organisten, jedoch mtt einem Uebergangs- stadium, ersttebt werden. Ein Essen in derTraube" ver­einigte die Synodalen am Nachmittag.

-m. Friedberg, 27. Sept. Am 1. Dezember wird der neue Bahnhof in Angriff genommen. Er kommt etwa 500 Meter südlicher zu liegen als der seitherige. Dser Voranschlag beträgt 7 000000 Mk. Aus diesem Anlaß wurde sämtlichen Geschäftsinhabern sowie den Landwirten, die mtt ihrem Gelände in den Bebauungsplan fallen, zu dem oben genannten Termin gekündigt. Die Ankäufe der Bahn von den betteffenden Eigentümern sind zu allseitiger Zufriedenhett erledigt worden.

m. Ober-Mörlen, 27. Sept. Die diesjährige Ernte übertrifft trotz des nassen Somwers alle Erwar­tungen. Die Frucht ist an Körnern und Stroh so ausgiebig wie noch in keinem Jahre. Durch die schnell arbeitendes Dreschmaschinen ist alles schon unter Dach und Fach. Auch die Kartoffelernte ist ausgezeichnet ausgefallen- von Fäul­nis ist fast gar nicht die Rede, dagegen hat der Mäusefraß großen Schaden angerichtet. Die schon fast beendete Apfel­ernte hat ebenfalls einen sehr guten Ertrag geliefert. Das Fallobst wird hier mtt 6 Mk. an die Händler verkauft, da­gegen steht das Brechobst trotz der großen Menge gut int Preis. Die Gemüseernte ergibt einen reichen Segen, zu­mal sie infolge Fehlens der Schmetterlinge dieses Jahr nicht von Raupen heimgesucht ist. Die Gesamternte ist diesmal 14 Tage früher als in vorhergehenden Jahren.

! Mainz, 27. Sept. In der letzten Sitzung beS Ver­bandes rheinhessischer Weinhändler wurde Kom­merzienrat Harth zum Vorsitzenden gewählt, da Kommerzien­rat Haffner dieses Amt wegen Zunahme seiner ehrenamtlichen Beschäftigung er ist Beigeordneter der Stadt Mainz niederlegte. Generalmajor z. D. v. Zschüschen feierte sein 50jährigeS Militärjubiläum. Die Offiziere des Regiments 87, dem er fast 25 Jahre angehörte, überreichten dem Jubilar die bronzene Wiedergabe des Löwen von Waterloo auf einem Marmorsockel. Herr v. Zschüschen wurde vor Paris mit dem eisernen Kreuz erster Klaffe ausgezeichnet.

= Worms, 26. Sept. Gemeinsam mit dem Verein badischer 8iegeleibesitzer unternahm der V e r e i n hessischer Ziegelei­besitzer einen A u s f l u g nach Mannheim, um einer Ein­ladung der Firma Hch. Lanz- Mannheim Folge zu leisten. Die Besichtigung der Fabrckanlagen rief das regste Interesse der Teil­nehmer wach. Am Denkmal des verstorbenen Gründers der Werke wurde ein Kranz niedergelegt. Ein gemeinsames Wittagessen mit darausfolgender Rundfahrt durch die Hafenanlagen Mannheims hielt die beiden Vereine bis zum Abend zusammen.

)( M a r b ur g, 27. Sept. Die verschiedenen Zusammen­brüche hiesiger und auswärttger Bankinstttttte hatten auch ein solches Mißtrauen gegen die M a r b u r g e r B a n k ge- S, daß manche Anleger ihre Kapitalien kündigten^

) kursierten auch allerhand Gerüchte, daß die Bank schwere Verluste erlitten habe. Um Klarheit zu schaffen und die Gemüter zu beruhigen, fand gestern abend int Hotel Freidhof sine von über 140 Personen besuchte Mitglied

Aus -em Strasprozetzausschuh.

:: Berlin, 27. Sept. N Der Strafprozeßausschuß lehnte in einer Abendsitzuna \a m Mvntag einen zu § 484 gestellten Antrag aus Beseiti- a ung des Abotttionsrechts, d. h. der Befugnis des Landes- errn, ein schwebendes Verfahren niederzuschlagen, ab Die . estbestimmungen des Abschnittes über dteStrasvollstreckung oirben unverändert genehmigt.

ft Die Kostens rage wird in den §§ 485 bis 500 behan- klt Nach § 485 können Auslagen zum Teil der Staats- isst auserlcgt werden, wenn es mit Rücksicht auf die Be- anblung der Sache zur Vermeidung besonderer Härten i . »gemessen erscheint. Diese fakultative Besttmmung änderte er Ausschuß in eine Soll-Bestimmung um und fügte hinzu: uslagen sind der Staatskasse Mtszuerlegen, wenn sie durch W ntersuchungshandLungen entstanden sind, die für die Ver- ' rteilung nicht in Betracht kommen.

Bei § 487 werden Anträge abgelehnt, wonach bi$ dem ^gesprochenen Anaeschuldigten entstandenen notwendigen 'osten der Staatskasse auferlegt werden müssen; da- egeu wird die Vorlage, wonach dies, soweit es angemessen ffcheint, geschehen kann, dahin abgeändert, daß dies dann eschehen soll und daß dies auch für die dem gesetzlichen Vertreter des.freigesprochenen Angeschuldigten entstandenen ufteu gilt.

Bei § 488 wird der Bestimmung über die Auferlegung -^er Kosten hinzugesügt: Ist anzunehmen, daß die Anzeige egen besseres Wissen erstattet worden ist, so darf dem Äe- buldigten bie Bezeichnung des Anzeigers nicht versagt arbeit- --

Der Ausschuß beschloß in der weiteren Beratung zu 490 eine Bestimmung, wonach die Kosten eines Privat- R ageverfahrens, das in ba£ öffentliche Klageverfahren bergeleitet wird, auf die Staatskasse übernommen werden rllen. Die Kosten einer Privatklage gegen einen wegen achttäglich festgestellter UnAurechnungsfähigkeit freige- nwchenen Angeklagten sollen ebenfalls in der Regel dem rivatkläger abgenommen werden.

Zu § 492 wurde ein v o lksparteilich er Antrag irgenommen, wonach die Kosten einem vom Staatsanwall ngelegten Rechtsmittels, ob es Erfolg oder keinen Erfolg chabt hat, auf die Staatskasse fallen sollen. Die wetteren aragraphen blieben unverändert. Als dann auch der m:tzte Paragraph des Entwurfs der Straf- Prozeßordnung, § 500, angenommen war, er* Honte ein allseitiges Bravo!

Der Ausschuß ging dann zur Beratung des Gerich t s- Verfassungsgesetzes über. Von sozialdemokra- bettf d? er Seite wird eine Bestimmung gewünscht, wonach ^'olttische, konsessionelle ober finanzielle Momente bei der J usnahme in den juristischen Vorberettungsdienst nicht be- äg- t)tet werden dürfen. Die Regierung lehnt diese Anregung _), da sie im Gerichtsversassurrgsgesetz mcht geboten sei ieraegen wird von volksparterlicher Sette Einspruch hoben und der Antrag der SvAialdemokraten unttrstützt. ! er Antrag wird gegen die Stimmen der Linken aügelehnt, lgegen ein Zentrumsantrag angenommen, der nur e finanziellen Momente erwähnt. t£rn s o zia ld emo-- ratis ch er Antrag Dill die Absetzungsbedingungen für ichter der Landesgesetzgebung entziehen und die für die .eichsgerichtsräte geltenden Normen einführen, ferner m Richtern die Annahme von Titeln und Orden verbieten. Insoweit findet der Antrag die Unterstützung auch der Volks- ir-tei. Von anderen Seiten werden Bedenken gegen die rundsätzliche llnabsetzbarkeit der Richter geäußert. Die >ziald emo kra tisch en Anträge, die u. tt auch Staatsanwälte om Richteramt ausschließen wollen, werden abgelehnt.

Ein Anttag der Volks Partei wendet sich gegen das ilfsrich ter wesen; er wird gegen die Stimmen der Linken """ nb eines Teiles des Zentrums aügelehnt. Wetterbera- B mg Mttttpoch vormittag.

sichernngsgenossnrschaften als selbständige Versicherungsträger er­richten.

Pach § 842 können die Berufsgenossenschaften u. a. eine Versrcherung gegen Haftpflicht für die Unternehmer und die ihnen ,bcr Haftpflicht Gleichst-ehenden einrichten Ter Zusatz, wonach Haftpflichtansprüche aus der reick^sgesetzlichen Unfallversicherung höchstens mit zwei Dritteln gedeckt werden, wird auf Antrag der National liberalen gestrichen.

Ter Ausschuß ftlhtte die Beratung in seiner heuttgen Sitzung ms nnschließlich § 848, der bereits von den Unfallversicherungs- Vorschriften handelt. Tie Paragraphen wurden unverändett an­genommen.

25. Hauptversammlung des Evangelischen Sundes.

-^l Chemnitz, 27. Sept.

In der? w e i t e n M i t g l i e d e r v e r s a m m l u ng der dies- sahrigen Tagung des evangelischen Bundes behandelte Geheimer Konsistorialrat Professor D. Mirbt (Marburg) die Deutsch-evangelische Diaspora im Auslande. Er führte aus: Wuchtig und eindrucksvoll hat der evangelische Weltkongreß in Edinburgh im Juni ds. Js. die Tatsache bezeugt, daß der Protestantismus eine Weltreligion ist. Die deutsch-evange­lische Auslandsdiaspora ist auf diesem Felde ein selbständiges Arbeitsgebiet, das von Jahr zu Jahr größere Bedeutung gewinnt und in hohem Maße unser Interesse beansprucht. Aber das Deutschtum im Auslande ist keine einheitliche Größe, sondern eine vielgestalttge, oft zusammenhanglose Menge. In dieser Sachlage wurzelt die Gefahr, daß die im Auslande lebenden Dnitschen unserem Volke verloren gehen. Das Eingewöhnen in fremde Verhältnisse begunsttgt auch die Entnaturalisierung. Mehr als 2/s der Ausländsdeutschen sind evangelische Christen. Für diese steht nicht mehr die deutsche Nationalität auf dem Spiel, sondern auch die Erhaltung des evangelischen Glaubens. Die Kirche ist für uns keine internationale oder übernationale Größe, sondern mit unserem Volksleben untrennbar verknüpft. Auf die innere Struktur der meisten Gemeinden wirkt einschneidend die Tat­sache, daß das Deutschtum im Auslande die verschiedensten Elemente umsaßt: Schweizer, Oesterreicher, Balten. Den Auslandsgemein­den fehlt weiter die staatliche Unterstützung. Sie sind ganz auf sich gestellt. Auch aus anderen Gründen, räumlicher Entfernung, Existenzkampf usw. ist die Grünüung von Gemeinden schwierig. Und doch sind sie des Deutschtums beste Stütze. Gleich wichtig sind die Schulen. Sie müssen im Auslande ausgesprochen evange­lischen Charakter tragen wegen ihres notwendigen Zusammenhanges mit der Gemeinde. Wir brauchen auch tüchtige Pfarrer. Der Pfarrermangel hat in manchen Ländern entsetzliche Zustände herbei­geführt. In Brasllien, dem größten deutschen Ansiedlungsgebiete, hat das Fehlen einer geordneten kirchlichen Versorgung dazu geführt, daß vielfach sogenannte Pseudopfarrer amtieren. Allein in Rio Grande del Sul, dem südlichsten Staate Brasiliens, wo 200 000 Ansiedler deutscher Herkunft leben, von denen die Mehrzahl evangelisch sind, wurden im Jahre 1903 insgesamt 39 Gemeinden nachgewiesen, in denen die geistlichen »ftmktionen ausgeübt wurden von früheren Harrdwerkern, Mechanikern, Fabrikarbettern, Land- wttten, Journalisten, Krankenpflegern, Schauspielern, sogar von dem Leiter eines Kasperletheaters, der von Konfession katholisch ist. Neben den Geistlichen sind den Auslandsgemeinden auch deutsche Lehrer notwendig. Das Mutterland hat die Pfticht, den Äuslandsgemeinden, die Last tragen zu helfen.

An zweiter Stelle sprach Professor Dr. H a u ß l e i t e r (Halle a. S.) über DieevangelischeMissionindendeutschenSchutz- gebieten."

Der>ner führte ans: Von den zirka dreizehn Millionen Eingebornenen auf deutschem Kolonialgebiet sind 83 000 Mitglieder der evangelischen und 86 000 Mitglieder der katholischen Mission In den evangelischen Missionsschulen werden 60 000, in den katholischen 43 000 Kinder unterrichtet. Alle Missionen bekämpfen Zauberei, Kindesmord, Trunkenheit, Polygamie, ermahnen zur geregelten Arbeit. Konfessionelle Lehr­unterschiede müssen für die Anfangszeit den Heiden gegenüber in den Hintergrund treten. Im Islam findet das Christentum einen hartnäckigen und gefährlichen Gegner. Wo der Mohamedaner auf den von uns gebauten Straßen und Eisenbahnen in das Innere kommt, trägt er durch die öffentliche Hebung seiner Waschungen und Gebete unter die heidnische Bevölkerung den Islam. Das junge Volk hat Gefallen an seiner vornehmen Haltung, die Alten sehen, daß er von den Weißen mehr geachtet wird, als sie selst. Sie sind seinen Reden von dem künftigen Siege des Halbmondes von vornherein zugänglich. Der Missionar von Tanga hat 25 Mo- meter von der Küste entfernt eine kleine Missionsgemeinde. Um ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu heben, kaufte er ihre 25 Hektar dichtbewachsenen Landes zur Urbarmachung. Die Heiden hindetten aber schließlich den Ankauf, well die Araber erllätt hatten, daß der Sultan von Konstantinopel seinem Freunde, dem deutschen Kaiser, die Macht über Ostafrika wieder ab nehmen und einem anderen geben könne. Deshalb wollten die Heiden den Busch auf alle künftigen Fälle erhalten, um in einem etwa wieder kehrenden Kriege ein sicheres Versteck zu haben Man sieht wie wichtig der Kamps gegen den Islam ist. Hier werden die Missionen dem Staate gute Dienste leisten Die Kolonialregierung fürchte, daß die Ausbreitung des Christentums zu langsam geschehe, um die Aufnahmebedingungen in die christlichen Gemeinden zu er­leichtern und gegen die Hochflut des Islam abzuwehren Es wurden Vorschläge gemacht, um Polygamie und andere Störungen der christlichen Eheordnung nachsichttger zu sein In prinzipieller Weise wird die Mission diese Wunsche nicht erfüllen können, wohl aber wird sie alles aiufbieten, um über den Kreis bet Gemeindemitglieder hinaus ihren Einfluß au befestigen. Es wird gefragt, ob nicht gerade die völlig religionslosen Reg ierungs schul en mit ihren 3300 Schülern indirekt die Verbreittmg des Islam unterstützen. Sie bilden in erster Linie Unterbeamte aus.

An die beiden Vorttäge schloß sich eine Besprechung. Der Vorstand hatte hierzu folgende Entschließung vorgelegt:

Die Mitgliederversammlung erklärt es für eine bedeutungs­volle Aufgabe des evangelischen Bundes, das tatkräftige Inter­esse für die deutschen Evangelischen im Auslande und die evangelischen Kolonien zu wecken und zu fördern, und bittet sowohl den Zentralvorstand wie die Vorstände der Zweigvereine, durch geeignete Veranstaltungen und Vorträge die Ausllärung über die Bedeutung unserer deutsch-protestantischen Mfgaben in die Hand zu nehmen." rr _

Der Vorsitzende pes deutsch-evangelrschen Kirchenausschusses Oberkonsistorialrat D. Kaftan (Kiel) bellagte es, daß infolge des Mangels an Theologie Studierenden besonders die Missions­arbeit leiden müßte und wies darauf hin, daß der Kirchenausschuß die Missionstätigkeit als oberste Instanz leite. Dadurch werde- die Arbeit in den einzelnen Landesteilen eine ersprießliche. Hvs- mebiaer Rogge wünscht die Errichtung eines Spezialfonds für Südbrasilien, wo das wichtigste Arbeitsfeld der evangelischeii Mission liege Die Entschließung wurde einsttmmig angenommen.

Heute nachmittag fand e i n e n i ch t ö s f e n t l i ch e S i tz u n g statt Abends wird die zweite große Volksversammlung ebenfalls wieder im kaufmännische Vereinshause st-ttfinden. Als Redner fhrecben Pfarrer Pröbsting (Lüdenscheid) über ,Mehr Ver­ständnis für Organisation" und Hniversitätsprofessor D. Sch ian Meßen) über. 7,Mehr .Tellnahme am Leben der Gemeinde a

.Anzeiger* * viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblatt für btn Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die Landwirtschaftlichen Seit-

b fir. »27 Zweites Blatt 160. Jahrgang Mittwoch 28, September 1910

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