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17/12/1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 296

Zweites Blatt

160. Jahrgang

Erscheint täglich mit Au-nahme des konntagl.

DieSiebener Zamillendlätte^ werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Dietandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener AlMtz«

General-Anzeiger für Gberhefsen

Samstag, 17. Dezember 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Bilch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag:

Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGreßen.

Kunst in Kleinigkeiten.

Eine Atelierplauderei von Paula Messer-Platz.

Wenn ich schreiben könnte, darüber würde ich schrei­ben! Aber Sie, gnädige Frau. . . ."

VUm .Gottes Willen! Ja/ wenn ich schreiben könnte. . .

Hand aus's Herz, haben Sie niemals geschriftstellert?" Gewiß, gewiß; aber das ist längst verjährt. Damals war ich ein Ding von achtzehn Jahren, konnte manchmal sehr ernsthaft sein und grübeln und hatte mir richtig eine Geschichte zusammengedacht; das heißt: ein Teil davon war auch erlebt und gerade darum ließ mich meine Ge­schichte nicht mehr los. So ließ schließlich ich die Geschichte los und zwar gleich aus die Redaktion eines bekannten Blattes."

,/Nun, uni) ?*

Ach, mein zartrosa Briefbogen ließ wohl auf Entsetz­liches schließen. Ich bekam Die Geschichte zurück noch in der gleichen Verpackung, jungfräulich unberührt.Leider überhäuft" oder Äehnliches stand ,im Begleitschreiben."

Der Maler lachte:Haben Sie noch solch' zartrosa Bogen? .... O, es sollte keine Beleidigung sein! Bitte, das Gesicht nach links wenden! So ist's gut. Also, was hindert Sie dann, noch einmal zu schreiben und etnzuschicken, da Sie jetzt nur noch weißes Brief­papier benützen? Denken Sie an die leidende Menschheit, an all' den Aerger, den man nicht hätte, wenn einmal gegen diese Sitte zu Feld gezogen würde, gegen cheje Unsitte, unsere schönster Topfpflanzen bis an's ttinn mit Seidepapier zu umwickeln! Da sah ich gestern ein Myrtenstöckchen in einem Blumenladen. Du lieber Himmel, wie schaute das aus! Am Hals saß ihm eine Gazekrause wie einem Clown; mit Papier war es umwickelt und zugebunden von oben bis unten wie eine ägyptische Mumie. Scheu blickten die zarten Blättchen aus dieser Maskerade, und die kleinen Blüten versuchten gar nicht erst, so weiß zu sein, wie die weiße Clownkrause. So stand

Wie derNeichsaneiger" meldet, ist ben Regierungen dep Bundesstaaten vom Reichskanzler der Entwurf des Gesetzes be­treffend den Patentausführungszwang mit dem Er- sucl>en um Prüfung mitgeteilt worden. DerReichsanzeiger" bringt den Entwurf nebst Erläuterungen heute zum Abdruck, um auch weiteren Kreisen Gelegenheit zur Meinungsäußerung zu geben.

Der Berliner Magi st rat hat aus eine Anfrage beim Oberpräsidenten, ob die Staatsregierung geneigt sei, wegen lieber* tragung weiterer Zweige der ortspolizeilichen Verwal­tung an die Stadt Berlin mit dem Magistrat in Verhandlungen zu treten, die Antwort erhalten, daß nach eingehender Prüfung eine Aenderung des bestehenden Zustandes nicht in Aussicht ge­nommen werden könnte.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: DieKöln. Volkszeitung" hätt in ihrer Nummer vom 15. Dezember die Nach­richt aufrecht, daß die Verhandlungen des Vtoabiter Krawall­prozesses zu einer anderweitigen Verwendung des Polizei­präsidenten v. Jagow führen würden. Wir sind er­mächtigt, festzustellen, daß die Nachricht auf Erfindung beruht.

Zur Zrage der Reichrtagrkandldalur im Wahlkreis Giehen-Grünberg-Nidda.

Im nationalliberalen Laaer scheint man die Absicht zu jassen, unter möglichster Beibehaltung der Kandidatur Gisevius den anderen Parteien einen Schritt entgegen­zukommen.

Man schreibt uns:

Ter Verfasser der Zuschrift aus demnationalliberalen Lager" in Nr. 293 des Gieß. Anz. gestattet sich, nochmals auf die Frage ulrückzukommen. Obwohl er manches gegen die ihn angreifenden Ausführungen vonrechtsstehender Seüe" zu sagen hätte, unter­läßt er es, dies zu tun, einerseits um dem berechtigten Wunsche des Gieß. 21nz. Rechnung zu tragen, andererseits in der Heber» Zeugung, daß bei einem öffentlichen Streit doch anscheinend kein förderliches Ergebnis herauskäme. Zur Sache nun folgendes.

Ein Teil der Einigungsvorschlage geht von der Forderung daß, daß die bisher nominierten Kandidaten zurücktreten sollten, um einem neuen Platz -u machen. Warum? Anscheinend nur, well bei dem Festhalten an einer Persönlichkeit fein Zusammen­kommen möglich wäre. Tenn gegen Herrn Prof. Gisevius selbst wird nicht das geringste vorgebracht. Da bin ich nun anderer Ansicht. Man müßte ja an dem gesunden Sinne unserer Be­völkerung verzweifeln, wenn es sicher wäre, daß in einer so be­deutsamen Frage Trotz oder Eitelkeit entscheiden sollten, anstatt, wie es sich unter reifen Männern gehört, die Sache selbst. Hier gilt nur eins: Welches ist der Mann, der geeignet ist, die bürgerlichen Wähler gegenüber der Sozialdemokratie zusammen­zuführen, d. h. unter allen Umständen die maßvoll denkenden? Tie Extremen von beiden Seiten werden ja vielleicht nicht zu haben sein. Und da ist niemand so geeignet, die verschiedenen bürgerlich-politischen Parteien, und die Wähler von Stadt unDi Land so zusammenzufassen, wie Herr Professor Gisevius. Er steht auf mittlerer Linie, hat zahlreiche Beruh- rungspunkte mit den anderen Parteien. Ist er schon lange zahlreichen Landwirten als warmer Freund und För­derer der Landwirtschaft durch Wotte und Taten anertannter- maßen bekannt das weiß ich aus zahlreichen Aeußerungen von Landwirten aus den verschiedensten Teilen unseres Kreises und auch anderer Gebiete Oberhessens, ja fernerer Teste unsers Hessen- landes und war er gerade dadurch mancherseits nicht genehm, so haben seine programmatischen Ausführungen in verschiedenen Versammlungen ihm auch das Vertrauen städtischer, namentlich gewerblicher Kreise erwor­ben. Das haben wiederholte Aeußerungen aus solchen Berufen gezeigt. Daß Herr Prof. Gisevius in seinem Programm den Liberalismus auch nicht vernachlässigt, haben gleichfalls hiesige angesehene freisinnige Männer ausgesprochen und Herrn Prost Gisevius als durchaus geeigneten Kandidaten b^eichnet.

Auch ein anderes verdient gerade in diesem Falle noch betont zu werden: Herr Gisevius war bisher nirgends parteipolstisch hervor- getreten, er hat keinem Politiker auf Den Fuß getreten. Gerade diese beiden Eigenschaften, seine politisckicn und wirtschaftlichen Ansichten auf mittlerer Linie und feine bisherige politische Neutralität ließen ihn den Nationalliberalen als den Mann erscheinen, dar für unsere Verhältnisse besonders geeignet erscheint und das Darf auch einmal gesagt werden es war auch Die Hoffnung des Derrn Gisevius selbst, daß gerade deshalb sein« Kandidatur Anklang finden werde.

Sollte nicht ruhige Ueberlegung, rein sachliches Urteilen, trotz allem noch zu diesem höchst wünschenswerten Er­gebnis führen? Wer sich an der Pattei stößt jede Partei hat ihre Licht- und Schattenseiten, der sehe auf die Per­sönlichkeit. Ich habe immer noch so viel Vettrauen in den gesunden Sinn unserer städtischen und ländlichen Bevölkerung, daß es auf dieser Basis zu einer Einigung kommt, mag nun Herr, Professor GiseviuS der Nationalliberalen Reichstagsfraktion als Mitglied oder nur als Hospitant brüteten; denn das wird auch niemand bestreiten: Nur in einer großen Partei kann ein solcher Mann seine Kräfte voll und ganz entfalten und nur da hat fein Wort das nötige Schwergewicht. Der künftige Reichstag braucht Mannet solcher Art wie Professor Gisevius. Unser Wahl­kreis wird sich ein Verdienst erwerben, wenn er ihn in Den Reichstag fenDet

Die Lage in Oesterreich.

Wien, 16. Dez. Das österreichische Abgeord­netenhaus nahm in allen Lesungen die Vorlage be-

ttesfend das dreimonatlicheBudgetprovisorium an und ebenso die übrigen Anträge des Budgetausschusfes, darunter den Antrag, die Regierung zu ermächtigen, durch eine Kreditoperation 109 Millionen Äonen für Eisenbahn- investitionen zu schaffen, ferner den vom Freiherr Morsey gestellten und vom Finanznttnister befürworteten Zusatz­antrag, wonach der bestehende Rechtszustand bezüglich des Privilegiums der österreichifchchnga-ifcben Bank bis 15. Fe­bruar 1911 provisorisch verlängert hnro unter der Voraus­setzung, daß ein ebensolches Provisorium in Ungarn zu­stande kommt. Ritter v. Witteck erklärte, daß die Christ­lich-Sozialen für das Budgetprovisorium stimmen wer­den, um die Jntegrttät der parlamentarischen Budget­bewilligung aufrecht zu erhalten. Es liege kein Anlaß vor, der Abstimmung eine politische Nuance zu geben, am aller­wenigsten gegen die gegenwärtige Regierung, deren Kabi- nettschef sich bei den Christlich-Sozialen warmer Sym­pathien erfreue. Globinski erklärte, daß der Polen­klub für das Budgetprovisorium stimmen werde. Er habe sich gefreut, heute so versöhnliche Worte seitens des Führers der Deutschen zu hören. Dies bestärke ihn in der Hoffnung, daß anstelle der heute unhaltbaren parlamentarischen Ver­hältnisse normale Zustände treten werden. Es fei der heißeste Wunsch desPolenklubs, daß eine Majori­tät auf der Basis einer Verständigung zwischen denDeutschenundTschechen geschaffen werde. Nach­dem eine Reche kleinerer Vorlagen erledigt worden war, trat das Abgeordnetenhaus in die Weihnachtsserien.

Die Moabiter Strahenkrawalle vor Gericht.

4 Berlin, 16. Dez.

Zu Beginn der heutigen Sitzung erbittet Rechtsanwalt Cohn das Wort und erhebt erneut Widerspruch gegen die Einschüchte- rungsversuä>e und Belästigungen, Die fottwayrend gegen beugen ausgeübt werden. So habe bei dem hier als Zeugen vernommenen Dt. Kochmann ein Kriminalbeamter in Der Maskeeines Po st beamten in Dessen Hause Vorgesprächen und Erkundi­gungen eingezogen.

Erster Staatsanwalt Steinbrech t: Es wird hier wieder­um Die Staatsanwaltschaft angegriffen und ihr der Vorwurf gemacht. Daß sie in unzulässiger Weise Ermittelungen über bereits vernommene Zeugen anstelle. Lern muß ich entschieden wider­sprechen. Von mir sind keine Dahingehenden Aufträge erteilt worden und wenn etwa der Herr Polizeipräsident derartiges an- geordnet haben sollte, so muß ich doch Darauf aufmerksam machen, daß es sein gutes Recht ist. Die behaupteten Verfehlungen seiner Beamten nachzuprüfen.

Ter Arbeiter Weidemann befand sich an einem der Krawallabende mit seiner Frau auf dem Rückwege von einem Besuch seiner Schwester. In der GotzkowSft)- und Beusselstraße gerieten beide unvermittelt in die Tumuliantenmenge und be­obachten, wie die Schutzleute die von dem Aufrrchrgebiet weg­strebenden Leute immer wieder dorthin zurücktrieb. Am nächsten Tage ging der Zeuge abermals mit seiner Frau zu seiner Schwester und sah sich plötzlich von mehreren Schutzleuten verfolgt. Ta seine Frau nicht so schnell zu laufen vermochte, hätten Die Schutz­leute sie und ihn mit Säbeln vorwärts getrieben. Dem Zeugen gelang es in einen Hausflur zu flüchten, während seine Frau draußen von den Beamten festgehalten und von diesen mit Faust und Säbel geschlagen wurde. Ihre ärztliche Untersuchung ergab, daß ihr der rechte Arm bis auf Die Knochen durchgeschlagen war, was eine Knochen Hautentzündung zur Folge hatte.

Ein weiterer Zeuge Arbeiter Bäcker bekundet wieder, daß die Schutzleute durchaus besonnen und ruhig vorgegangen seien, während das Publikum sich höchst ungeberdig verhielt,Blut­hunde" schimpfte und mit Steinen warf. Ter Zeuge hat auch den Eindruck gewonnen, daß drei Radfahrer chie immer erst auf- tauchten, wenn Die Polizei verschwunden war, gewisse Direktiven an Die Menge ausgaben.

Tie Auslagen für und wider die Polizei werden von anderen Zeugen fortgesetzt. Als der Kohlenhändler Geißler fortfuhr: Wenn alle Leute, Die dort Senge gekriegt haben, sich melden wollten, unterbrach ihn R.-A. Heine mit der Bemerkung: Es haben sich deren wertüberöOO gemeldet. Tie Weiterverhand­lung wurde auf morgen vormittag 9Vi Uhr vertagt:

es da und schaute hinaus auf steife, geputzte Großstadt- tinder, denen man Natur, Leben und Harmonie genommen hat, wie ihm selber. Arme kleine Myrte! Ueberhaupt, war id) denn bei einem Blumenhändler oder in einem Papierladen? Rings starrte es mich an, grasgrün, lila, rot und blau! Papier, nichts als Papier! Doch nein. Lispelte nicht eben eine Dame neben mir ihrem Begleiter zu:Ach, Artur, sich die prächtige Schleife!" Und trium­phierend zog sie mit einem Gebilde aus violettem Papier und süßlila Baud ab. Ja, ich vergesse, auch eine Putz­macherin schien dort zu arbeiten. £)b jene Bewuuderm der lila Schleife zu .Hause entdeckte, daß daran ein reizendes Fuchsieustockchen gebunden war? Nebensachen schienen sie nicht zu interessieren."

Wütend drückte der Maler eine halbe Tube Zinnober auf die Palette. Nun war die Reihe zu scherzen an seinem Gegenüber.2lber, Meister, kommt das alles auf meine Nase und nur wegen der unglücklichen Blumenhändler' bereit Sie versöhnlich! Könnte das Papier nicht auch seinen Nutzen haben, zum Beispiel die Hände vor Schmutz zu schützen?"

,La, wenn es nur das wäre! Aber das Papier ist die Hauptsache, es bleibt im Laden, es bleibt zu Hause, es bleibt, bis die Pflanzen ersticken und langsam zu Grunde gehen in dieser Verschnürung. Was horc man nicht alles: mit Papier sieht es viel schiter aus! Man wird doch Den häßlichen braunen Topf nicht sehen lassen! D- aber dieser häßliche braune Topf" in seiner warmen Tönung viel un- aufDringlicher und darum vornehmer wirkt; daß es künst­lerischer ijt, die feinen Farben und Formen einer Blume n^.t durch papierne Herrlichkeiten totschreien zu lassen, dafür scheint heute das Verständnis zu fehlen."

Recht haben Sie," sagte die Dame nach einer Weile nachdenklich,man gibt zu viel auf Beiwerk und Aeußer> lichterten. Und doch yabe ich manchmal gewünscht, man gäbe mehr darauf.Aecht weiblich" werden Sie deiiken, aber huren Sie er ft!

Ullnslbesttebungen in vüdingn.

= Büdingen, 15. Dez. Die Kunstausstellung im Hotel Stern bot ihren Besuchern viel Gutes. Kunst­maler Fri e s-Ortenberg und Bildhauer Johannes d- ding- Gelnhaar hatten ihre Werke in demv großen Saale übersichtlich aufgestellt und geschmackvoll gruppiert. Neben einigen interessanten Buntstistzeichnungen und Aquarellen von Frankfurt und Ortenbcrg hatte Fries eine ganze Anzahl Oelgemülde und zwar Landschaften herbeigebracht, in denen die Stimmung überraschte. Licht und Luft, das Feste und Zarte, alles war der Nutur abgelcrufcht uni) lebenswahr wiedergegeben, namentlich das Wusser! Darin offenbarte sich feine geistige und technische Beherrschung der Farbe. Ködding erfreute ebenso sehr durch seine Auf­fassung wie durch sein Können. Seine Porträts (Büste und Plaketten) sanden ungeteilten Beifall und feine größe­ren, charakteristischen Arbeiten (Kruzifix, Grablegung, Pferd u. a.) forderten zur gründlichen Betrachtung auf. In seinen Werken verbindet sich reifes Durchdenken mit geschickter Ausführung unter Vermeidung aller Effekthascherei.

Im Anschluß an die Ausstellung hielt Pfarrer Köd­ding-Gelnhaar einen Vortrag über das Thema: Wie ge­winne ich die rechte KunstbetKachtung? Er formu­lierte die Frage:Wie gewinne ich den rechten Blick für ein Kunstwerk?" Daraus ergab sich aber von selbst eine aus­führliche Besprechung über das Wesen des Kunstwerks. Will man ein Kunstwerk verstehen, so soll man es unter zwei Gesichtspunkten betrachten. Sie heißen: Geistesinhalt und Technik. In dem 1. Teile seines Vortrags sprach der Redner über den G e d a u l e n i n h a l t in der Malerei und Plastik. An einem.Oelgemälde von FriesIm Walde" zeigte er, welche geistige Arbeit notwendig gewesen sei, um die wundervolle Wirkung der Waldstimmung in dem Bilde Hervorzurusen. Hierauf definierte er:Ein Kunstwerk ist die durchgeistigte Wiedergabe der vom Künstler erfchauten und empfundenen Natur durch das Mittel seiner Technik." Diesen Satz suchte er dann weiter an den Kunstwerlen der Plastik der alten und neuen Heit mit Hilfe vieler Abbil­dungen zu bekräftigen und wies dabei auch auf den be- mertenswerken Unterschied zwischen Relief und Rundsigar (Düste, Statue, Gruppe) hin. Das Relief habe eine be­sondere Vorliebe für die Darstellung eines Vorgangs, also für die Erzählung und eine stimmungsvolle Schilderung, während sich die Rundsigur am besten für das Charakter­volle,. Erhabene, für die Idee eigene.Die Randfigur paßt für die Tragik, das Relief aber für die Epik und Lyrik." Diese Auffassung konnte an zwei Werken von I. Ködding deutlich bestätigt werden. Das erste ein Relief, stellt eine Grablegung" dar, die vom Künstler an der Leichenhalle auf dem Herreuhaag bei Büdingen ausgeführt worden ist. Es ist eine schlichte Schilderung von Tod uud Grab ohne jeg­liche Sentimentalität, aber voll ansprechender Wahrheit, eine herbe Realistik des menschlichen Lebens. Die zweite Arbeit ist ein großes Kruzifix mit einer charakteristischen, fast kühnen Darstellung: Obwohl der Tod bereits eingetreten ist, nimmt der Gekreuzigte noch die Haltung der äußersten

Wir Schwaben haben eine besondere Fähigkeit, Ge- legenheiten zu finden, um etwas schenken zu können. Wir lassen uns nicht an Weihnachten, Ostern und Pfingsten ge­nügen, oder etwa noch an Den Geburts- und Hochzeits­festen, nein, das sind nur gleichsam Fixsterne in der Milch­straße jener Tage, die durch Geben und Ueberraschen ge­feiert werden. Natürlich kann es da nick)t immer die Spende eines Krösus sein, sondern man schickt Blumen Backwerk oder sonst ein kleinesGrüßte" in's Haus. Daß wir aber durch solch einGrüßle" mehr von den Eigen­schaften des Gebers erfahren als durch eine gemeinsame Sommerfrische, daran denken die wenigsten. Ob jemand das Gebäck einfach auf einen Teller legt, oder es sorgsam in ein hübsches Körbchen versteckt, Blumen darüber breiter fröhliche Bänder am Henkel flattern läßt und gar in Versen um gute Ausnahme bittet, das zeigt den Unterschied zwischen nüchternen Alltagsmenschen und solchen, die mit Sinn und Schönheit das Dasein vergolden. Solch kleine Dinge ver­raten einen Schatz von Gemüt und Phantasie, verraten die Fähigkeit, sich in andere zu versetzen.

Mit Entzücken erinnere ich mich an das Weihnachts­geschenk einer Freundin. Eigentlich war es nur ein Buch Das fei nichts besonderes, meinen Sie. Bücher gäben die Leute immer, wenn sie nichts anderes wissen und sich nicht besinnen wollen. Aber das war es ja eben: Tie Geberin hat te s ich b e s o n n e n. Einmal behandelte das Buch em Thema, das inich selber viel beschäftigt und mir viel Nachd-enken gekostet hat. Und dann, in welch origi­nellem Gewaiid kam es zu mir! Das war bis aufs letzte ausgedacht und mit Liebe zusammengetragen: ein weicher ilbergrauer Stoff bildete den Einband, darauf war in' satten Farben das Monogramm gemalt. Und nicht genug

bie Innenseite schmückte eine flotte Federzeichnung Die die Widmung umrahmte. Das alles sah so selb fr v cr- ftänblidj aus, künstlerisch einfach und darum so befriedi- gend. Eine ungeteilte Freude tonnte man daran haben ol)ne wie bei Stickereien und ähnlichem einen Mitlewsruf über die gequälten Augen unterdrücken zu müssen. Doch